{"id":29653,"date":"2014-12-25T15:47:53","date_gmt":"2014-12-25T14:47:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=29653"},"modified":"2015-02-13T12:07:17","modified_gmt":"2015-02-13T11:07:17","slug":"25-jahre-nach-dem-mauerfall-ein-ossi-darf-nicht-gewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/12\/25-jahre-nach-dem-mauerfall-ein-ossi-darf-nicht-gewinnen\/","title":{"rendered":"25 Jahre nach dem Mauerfall: \u201eEin Ossi darf nicht gewinnen!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-29236\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423-280x173.jpg\" alt=\"Demonstration 4. November DDR\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423-600x369.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437_Berlin_Demonstration_am_4._November-e1415012484423.jpg 798w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>\u201eAufschwung Ost\u201c ist f\u00fcr die Mehrheit der Menschen eine Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Der Weg vom Hotel Bellevue Dresden zur Ruine der Frauenkirche war f\u00fcr Helmut Kohl nicht weit. Nach einem Gespr\u00e4ch mit Interims-Ministerpr\u00e4sident Hans Modrow (SED\/PDS), begab er sich zur dort wartenden jubelnden Menge. Dem deutschen Bundeskanzler einer CDU\/CSU-FDP-Regierung riefen 20.000 Menschen ihr \u201eHelmut, Helmut!\u201c und \u201eDeutschland, einig Vaterland!\u201c zu . Sie hatten bald schon die Gegenrufe \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Helmut Kohl stellte seine Vision der Einheit Deutschlands dar. In einer wenig schwungvollen Rede verk\u00fcndete er, da die Ostdeutschen \u201egenauso flei\u00dfig\u201c wie die Westdeutschen seien, w\u00e4re es m\u00f6glich, \u201eausgestattet mit einer harten Mark\u201c, auf dem Gebiet der DDR \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201c entstehen zu lassen. Nat\u00fcrlich w\u00e4ren diese \u201ebl\u00fchenden Landschaften\u201c dann Teil der kapitalistischen BRD.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><em>Von Steve K\u00fchne und Dorit Wallenburger<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Lunzenau bei Chemnitz ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter: Bl\u00fchende Landschaften gibt es in dem 2.500 Seelendorf! An der Stelle wo einst das Dienstleistungskombinat fast eintausend Angestellten Arbeit gab, ist heute ein Park. Die Fabrik wurde kurz nach der Wende geschlossen, die Geb\u00e4ude sp\u00e4ter abgerissen und Gr\u00fcnanlagen angelegt &#8211; dort bl\u00fcht es nun im Fr\u00fchjahr. Der R\u00fcckbau wurde 2012 mit F\u00f6rdermitteln des Landes Sachsen in Angriff genommen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nur einen Kilometer weiter starb zeitgleich die Papierfabrik. Mehrere tausend Angestellte verloren dort ihre Arbeit. Vor der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus gab es in Lunzenau ein Kino, eine Post, eine polytechnische Oberschule. Nichts davon ist mehr da! Einzig eine evangelische Mittelschule gibt es noch.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eEs m\u00fcssen an die zehntausend Menschen gewesen sein, die hier gearbeitet haben.\u201c Der ehemalige Mitarbeiter der Elektrowerke S\u00f6rnewitz, der ungenannt bleiben m\u00f6chte, ist an diesem Abend in Erz\u00e4hlstimmung. Er erlebte mit, wie in dem Werk in Neus\u00f6rnewitz bei Dresden hochmoderne Haushaltsger\u00e4te gefertigt wurden. \u201eDas ging alles in den Export &#8211; f\u00fcr Devisen. Als DDR-B\u00fcrger haste das nicht bekommen. Aber die Versandhauskataloge im Westen waren voll.\u201c Eine eigene Feuerwehr, ein Schwimmbad f\u00fcr die MitarbeiterInnen und selbstverst\u00e4ndlich eine Poliklinik geh\u00f6rten zu dem riesigen Betrieb. \u201eNach der Wende war Schluss.\u201c Auf die Frage wie viele denn noch hier arbeiten, meinte der Mann lakonisch: \u201eNull!\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nach der Wende versuchte es in einer der \u00fcbrig gebliebenen Hallen erst ein K\u00fcchenstudio und nun gibt es dort eine Kartbahn. \u201eKapitalismus scheint eben nicht so ganz das Wahre zu sein. Die Sicherheit von fr\u00fcher war unbezahlbar.\u201c Millionen g\u00e4be es f\u00fcr die Banken, aber wer helfe denen, die nichts haben. Im Angesicht dieser Bilanz eine mehr als verst\u00e4ndliche Frage.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch dann kippt das Gespr\u00e4ch. Eine Gruppe russisch sprechender junger Frauen l\u00e4uft die Hauptstra\u00dfe vom S-Bahnhof kommend entlang. Sie unterhalten sich \u00fcber ihren Einkaufsbummel in Dresden, mal in der Sprache ihres Geburtslandes, mal in Deutsch. \u201eDie einzigen denen es noch gut geht sind die Ausl\u00e4nder\u201c, hei\u00dft es pl\u00f6tzlich. Der Mann zieht die Augenbrauen hoch: \u201eViertausend Euro kriegen die im Monat vom Staat.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Unsere Einw\u00e4nde und unsere Berichte von Asylbewerberleistungsgesetz, von brutalen Abschiebungen, Not von Fl\u00fcchtlingen und Armut von MigrantInnen, quittiert unser Gespr\u00e4chspartner mit einem ungl\u00e4ubigen Blick: \u201eWo habt Ihr denn das her?\u201c<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Deindustrialisierung<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">In der DDR war Jena nicht nur ein Standort der optischen Industrie. \u201eWir haben hier auch den gr\u00f6\u00dften Ein-Megabit-Chip der Welt hergestellt\u201c, wiederholt der Rechtsanwalt Thomas F. einen in der DDR g\u00e4ngigen Witz. Als die Wende kam, studierte er gerade Jura in Jena. Heute vertritt er h\u00e4ufiger AntifaschistInnen, die \u00c4rger mit staatlichen Verfolgungsbeh\u00f6rden haben. \u201eAls nach der Wende die Anlagen von Robotron in der Innenstadt der Abrissbirne zum Opfer fielen, war ich dort. Erwachsene Menschen, gerade noch dort angestellt, sind in Tr\u00e4nen ausgebrochen.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Liste um die Trag\u00f6dien der ostdeutschen Industrie ist lang und sie k\u00f6nnte beinahe beliebig verl\u00e4ngert werden: Die Zerschlagung der Hochseefischerei; die Abwicklung des Landwirtschaftsmaschinenkombinats \u201eFortschritt\u201c, das mit Traktoren wie dem ZT 320 und ZT 323 Ende der 1980er Jahre hochmoderne Produkte auf den Markt brachte. Von all dem bleibt nur die bittere Erinnerung derjenigen, die einst in diesen staatlichen Industrieunternehmen gearbeitet haben. In den neuen Bundesl\u00e4ndern machte schnell das gefl\u00fcgelte Wort von der Zerschlagung der ostdeutschen Konkurrenz durch die Treuhand im Namen westdeutscher Konzerne die Runde.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Von Hundert auf Null<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Deindustrialisierung Ostdeutschlands war die schlimmste ihrer Art in Friedenszeiten. Vor 1989 z\u00e4hlte die DDR zu den zehn st\u00e4rksten Industrienationen der Welt. Der Lebensstandard war h\u00f6her als in irgendeinem anderen Land des Ostblocks. Wer wollte glauben, dass das alles verschwinden sollte?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Auswirkungen der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus waren schon in den ersten Monaten des Jahres 1990 sp\u00fcrbar. Die Schlangen an den Banken, wo Menschen Kredite f\u00fcr \u201eWest-Wagen\u201c, Reisen und eine neue M\u00f6belgarnitur aufnehmen wollten, verschwanden schnell und machten den Schlangen am Arbeitsamt Platz. Die Lage wurde in ganzen Landstrichen katastrophal. Und selbst 25 Jahre nach dem Debakel der kapitalistischen Restauration gibt es in ganz Ostdeutschland noch 6,4 Millionen Arbeitspl\u00e4tze statt der 9,7 Millionen, die es noch vor der Wende waren, wie erst k\u00fcrzlich der Ifo-Pr\u00e4sident Hans-Werner Sinn in den \u201eDresdner Neuesten Nachrichten\u201c feststellte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr Millionen Menschen verd\u00fcsterten sich die Zukunftsaussichten derart, dass sie ihr Heil in der Abwanderung suchten. Allein 1990 hatten die neuen Bundesl\u00e4nder mit einem Aderlass von 395.000 Menschen zu k\u00e4mpfen. In keinem Jahr zwischen 1949 und 1961, also vor dem Mauerbau, hatten so viele BewohnerInnen der DDR ihrem Land den R\u00fccken gekehrt. Das s\u00e4chsische Mei\u00dfen verlor in den Jahren nach der Wende fast die H\u00e4lfte seiner Bev\u00f6lkerung. Die Stadt an der Elbe steht beispielhaft f\u00fcr viele ostdeutsche Kleinst\u00e4dte. Der Netto-Bev\u00f6lkerungsverlust im Osten betr\u00e4gt etwa eineinhalb Millionen Menschen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Familien zu gr\u00fcnden war mit einem Mal f\u00fcr viele Menschen unvorstellbar geworden. Statistisch gesehen kamen 1985 auf jede Frau in der DDR 1,73 Geburten. Damit lag die Geburtenrate dort h\u00f6her als in der BRD, wo zeitgleich nur 1,28 Geburten auf eine Frau kamen. In den neunziger Jahren st\u00fcrzte die Geburtenrate in die Tiefe. W\u00e4hrend sie in Westen stabil blieb (1994: 1,35 Geburten pro Frau), kamen statistisch in den neuen L\u00e4ndern 1994 nur noch 0,77 Geburten auf eine Frau.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Schon 1990 stellten sich die Stadtverordneten in der Gro\u00dfstadt Leipzig die Frage, ob man nicht aus R\u00fccksicht auf die desolate Finanzsituation der Stadt vielleicht die Stadtbeleuchtung in der Nacht nicht mehr einschalten sollte. Allein diese \u00dcberlegung zeigt, wie dramatische damals schon die Situation in der ehemaligen DDR war.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr die Menschen, die diese Prozesse hautnah miterleben mussten, war es wie als w\u00fcrde man sie von Hundert auf Null abbremsen. Gerade noch w\u00e4hnten sie sich, angesichts der revolution\u00e4ren Massenbewegung vom Herbst 1989, als die Schmiede ihres eigenen Gl\u00fccks. Sie diskutierten \u00fcber \u201eechten Sozialismus\u201c, \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c oder einen \u201enicht-stalinistischen Sozialismus\u201c. Sie stritten dar\u00fcber, ob die Einf\u00fchrung der Marktwirtschaft sinnvoll sei. Sie hatten Illusionen in den Kapitalismus und wurden daf\u00fcr furchtbar bestraft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Arbeitslosigkeit, mitsamt ihrer schrecklichen Folgen waren im Osten komplett unbekannt. Doch schon im Fr\u00fchjahr 1990 wurde sie zum Massenph\u00e4nomen. Kurzarbeit, \u201eTeilzeit Null Stunden\u201c &#8211; eine besch\u00f6nigende Bezeichnung f\u00fcr eine Entlassung &#8211; , Umschulungen, &#8230; Die psychologischen Folgen f\u00fcr hunderttausende Familien, f\u00fcr junge und alte Menschen k\u00f6nnen im Rahmen dieses Artikels nicht ad\u00e4quat beschrieben werden. Dieses Schockerlebnis raubte den Menschen, die gerade ein Regime gest\u00fcrzt hatten, die Kraft f\u00fcr eine zweite Runde im Kampf f\u00fcr ihre Rechte \u2013 diesmal gegen den Kapitalismus, der nun seine Chance witterte.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Ungeheure Wut<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eEs wird niemandem schlechter gehen als zuvor. Daf\u00fcr vielen besser\u201c, die im Oktober 1990 von Helmut Kohl bed\u00e4chtig in die Kamera gesprochenen S\u00e4tze wurden bald zum bitteren Witz all derer, die in den Strudel des Absturzes Ost gerissen wurden. Unzufriedenheit und Wut waren die Folge der schrecklichen Entwicklung, die den haltlosen Versprechungen folgte. Die Herrschenden suchten nach Ventilen, um die Wut in eine f\u00fcr sie ungef\u00e4hrliche Richtung zu lenken. Rassistische Kampagnen halfen ihnen dabei. Es wurde gegen MigrantInnen und Fl\u00fcchtlinge getrommelt. \u00dcbergriffe bis hin zu pogromartigen Ausschreitungen waren die Folge. Die berechtigte Wut auf die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse wurde von den Herrschenden gegen noch Schw\u00e4chere umgelenkt und gleich zur Rechtfertigung f\u00fcr die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl genutzt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Bis heute greifen die Herrschenden zu diesen Mitteln der Spaltung und sie sind noch immer damit erfolgreich. Als in Dresden j\u00fcngst Unterk\u00fcnfte f\u00fcr 200 Fl\u00fcchtlinge gesucht wurden, quartierte man sie in dem in den 1980er Jahren errichteten Plattenbauviertel Gorbitz ein. Dort leben etwa 25.000 Menschen. An der Stelle, wo die MigrantInnen einzogen, ist die soziale Situation besonders schlecht. Die MieterInnen haben kaum Geld, also l\u00e4sst der neue Vermieter die Wohnungen herunterkommen. Die H\u00e4user, per st\u00e4dtischem Zugriffsrecht den MigrantInnen zur Verf\u00fcgung gestellt, hat man notd\u00fcrftig renoviert. Es war keine allzu gro\u00dfartige Renovierung, aber immerhin etwas geschah. Prompt sammelten die in Deutschland geborenen Nachbarn Unterschriften gegen die neuen MieterInnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Moment vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht in Zeitungen von der angeblichen \u00dcberforderung der Kommunen durch MigrantInnen lesen kann. Und wieder werden die Menschen gegeneinander aufgebracht. Kein Wort davon, dass Deutschland kr\u00e4ftig Fluchtursachen mit organisiert. Kein Wort davon, dass die Privatisierung aller Dresdner Wohnungen und die Weigerung der privaten Vermieter g\u00fcnstigen Wohnraum in ausreichender Menge zu schaffen die Probleme verursacht hat und eben nicht die MigrantInnen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">\u00a0Wenig Klassenk\u00e4mpfe<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Dezember 1992 hisste Herbert Kindler, ein Kali-Kumpel, auf einem Turm des Bergwerks Thomas M\u00fcntzer in Bischofferode die \u201eSchwarze Flagge\u201c. Der DDR-Vorzeigebetrieb, der Devisen einfuhr und 1.800 Menschen besch\u00e4ftigte sollte mit der westdeutschen Kali-Industrie verschmelzen, was sein Ende bedeutete. Die Kumpel setzten sich \u00fcber Monate zur Wehr. Zw\u00f6lf von ihnen gingen sogar in den Hungerstreik. \u00a0Es half nichts. Die Gewerkschaftsf\u00fchrung legte die H\u00e4nde in den Scho\u00df und lie\u00df die Belegschaft im Stich. Trotz riesiger Versprechungen wurde das Werk St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck erw\u00fcrgt. Man machte es nicht auf einmal, sondern scheibchenweise. So k\u00e4mpften die Kumpel nicht mehr gemeinsam, sondern jeder einzeln daf\u00fcr wenigstens noch ein paar Monate besch\u00e4ftigt zu bleiben. \u201eHier hat man gezeigt, ein Ossi darf nicht gewinnen!\u201c So lautete das Res\u00fcmee eines Bergmannes.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es sind solche Erfahrungen, die sich in das kollektive Ged\u00e4chtnis vieler eingebrannt haben. Sie haben gek\u00e4mpft und sie haben verloren. Doch noch weitaus schlimmer wirkten sich die zahlreichen kampflosen Niederlagen aus. Das Hinnehmen und Ertragen. Die Angst vor eigener Arbeitslosigkeit oder, bei Kindern, der Arbeitslosigkeit der Eltern zeichnete ganze Schichten, hat ihr Bewusstsein gepr\u00e4gt und pr\u00e4gt es bis heute. Der letzte gro\u00dfe Massenkampf war der gegen Hartz IV. In den Jahren 2004 und 2005 gingen im Osten Zehntausende gegen Sozialabbau auf die Stra\u00dfe. Doch im Grunde endete der Kampf mit einer Niederlage. Hartz IV kam und mit Hartz IV die weitere Verarmung gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung, besonders im Osten. Die Angst vor Arbeitslosigkeit wuchs noch einmal, was als Druckmittel dient, Besch\u00e4ftigte vom Kampf f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne und bessere Arbeitsbedingungen abzuhalten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">So bleibt es oftmals schwer Besch\u00e4ftigte gewerkschaftlich zu organisieren, sie zu K\u00e4mpfen und Streiks zu bewegen. Die Politik gro\u00dfer Teile der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, die Standort- und Verzichtslogik mitmachen oder, wie im Falle des Ostmetaller-Streiks f\u00fcr die 35-Stunden-Woche den KollegInnen in den R\u00fccken gefallen sind, und die angepasste Politik der Partei DIE LINKE tun ihr \u00dcbriges.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und doch gibt es vermehrt Hoffnungsschimmer: Dass in einer gro\u00dfen Kampagne, mit massiver Unterst\u00fctzung durch die SAV-Dresden, die Besch\u00e4ftigten und die DresdnerInnen 2011\/12 die Privatisierung ihrer st\u00e4dtischen Kliniken verhinderten kann man als eines dieser Signale sehen. Weitere sind sicher die Streiks im Sparkassen-Callcenter Halle f\u00fcr einen Tarifvertrag und bei Amazon in Leipzig. Formal geht es um Tarifbindung: Amazon will als Logistiker durchgehen und die Gewerkschaft ver.di will einen Tarifvertrag nach dem Muster des Einzelhandels, was f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten besser w\u00e4re. Doch es geht um mehr als das: Amazon scheffelt Gewinne und treibt die Besch\u00e4ftigten dennoch an &#8211; gerade im Weihnachtsgesch\u00e4ft. Die Gewerkschaft ver.di hat gar Hinweise darauf, dass Pausenzeiten nicht eingehalten werden. Das ist auch ein Angriff auf die W\u00fcrde der dort arbeitenden Menschen. Das weckt Wut, die in Widerstand verwandelt werden kann. Der Kampf bei Amazon ist aber auch ein Hinweis darauf, dass nach 25 Jahren deutscher Einheit viele Menschen nicht mehr bereit sind, als ArbeitnehmerInnen zweiter Klasse behandelt zu werden. W\u00e4hrend die Gesamtlage in Ostdeutschland weiter von den in diesem Artikel beschriebenen Folgen der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus gepr\u00e4gt ist, gibt es in einigen Gro\u00dfst\u00e4dten auch andere Entwicklungen. Hier bieten, wenn auch begrenzte, Firmenansiedlungen ein Potenzial, dass sich Selbstbewusstsein und Kampfbereitschaft unter Lohnabh\u00e4ngigen steigern. Bev\u00f6lkerungswachstum in manchen Gro\u00dfst\u00e4dten schafft neue soziale Spannungen, zum Beispiel in der Wohnungsfrage, die zu Bewegungen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">\u00a0AfD im Osten<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diese K\u00e4mpfe sind eine wichtige Hilfe gegen den Einflussgewinn der Alternative f\u00fcr Deutschland. Arbeitsk\u00e4mpfe bilden ein kollektives Bewusstsein und sie zeigen der Arbeiterklasse, dass sie als Klasse handeln, k\u00e4mpfen und gewinnen kann. Wie auch im Westen, aber doch ausgepr\u00e4gter,bildet diese Art des Bewusstseins in Ostdeutschland die Ausnahme, vielerorts herrscht Stellvertreterbewusstsein vor. Die Hoffnung darauf, die unhaltbaren Zust\u00e4nde m\u00f6ge irgendeine Autorit\u00e4t kl\u00e4ren, Wut und Stellvertreterbewusstsein bilden das Fundament f\u00fcr die Erfolge von Gruppierungen wie der \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c (AfD).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sie ist im Moment eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr viele entt\u00e4uschte Hoffnungen. Widerspr\u00fcche sind da vorprogrammiert. Gew\u00e4hlt wurde sie oftmals von denen, die objektiv gesehen wohl das geringste Interesse an einer starken AfD haben d\u00fcrften: Arbeitslosen, Hartz-IV-Empf\u00e4ngerInnen, Niedriglohnbesch\u00e4ftigten. In ihrer Wahlwerbung dominierten denn auch Menschen, die sich \u00fcber ihr geringes Einkommen beschwerten, w\u00e4hrend AfD-Chef Lucke Lohnverzicht und Senkung von Sozialleistungen forderte. Das marktradikale Programm der AfD; das Wettern des Parteisprechers Konrad Adam, der mal Unterst\u00fctzungsempf\u00e4ngern und mal psychisch Erkrankten das Wahlrecht entziehen will; ihre Ablehnung des Mindestlohns; ihr ewiges Geschw\u00e4tz von klein- und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen und ihr Nationalismus helfen eben nicht den sogenannten \u201eVerlierern der Einheit\u201c.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dennoch ist der AfD bei den Landtagswahlen im Osten der Durchbruch gelungen. Denn durch ihre Au\u00dfendarstellung gelang es ihr, sich als so etwas wie eine \u201eAnti-Establishment-Partei\u201c darzustellen. Und so mobilisierte sie gro\u00dfe Zahlen von Nichtw\u00e4hlerInnen, die sich vom politischen System entfremdet haben. Und sie brach auch in das W\u00e4hlerklientel der LINKEN ein. \u201eDenn wer es \u201adenen da oben\u2018 mal zeigen will, f\u00fcr den ist die Ost-Linke l\u00e4ngst viel zu zahm\u201c, schreiben am 2.September, kurz nach der s\u00e4chsischen Landtagswahl, die \u201eDresdner Neuesten Nachrichten\u201c und sprechen damit wahre Worte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcnfundzwanzig Jahre Betrug sind genug! Der Kapitalismus hat den Menschen im Osten nicht viel zu bieten. Deshalb ist es falsch ihn nur mitzuverwalten, statt den Kampf dagegen zu organisieren, wie es die F\u00fchrung der LINKEN im Osten praktiziert. So wird auch sie mehr und mehr als Teil des Establishments wahrgenommen. Wenn sie nicht bald eine radikale Wende vollzieht und die Organisierung und Unterst\u00fctzung von Gegenwehr und Selbstorganisation der ostdeutschen Lohnabh\u00e4ngigen und Jugendlichen zu ihrer Hauptaufgabe macht, wird sie als Ansatz f\u00fcr eine Partei der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, die sich gegen die Folgen der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus vor 25 Jahren wehrt und eine Alternative dazu aufzeigen k\u00f6nnte, scheitern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Dieser Artikel erschien im Oktober in der Nummer 23 des Magazins sozialismus.info.<\/em><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><em>Steve K\u00fchne ist Autor mehrerer B\u00fccher und Brosch\u00fcren zur Geschichte der Arbeiterbewegung und aktiv in der LINKEN. Dorit Wallenburger ist ver.di-Vertrauensfrau in einem Krankenhaus. Beide sind Mitglieder des SAV-Bundesvorstands und leben in Dresden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAufschwung Ost\u201c ist f\u00fcr die Mehrheit der Menschen eine Katastrophe<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29236,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[87,78],"tags":[660,651],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29653"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29653"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29653\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29236"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}