{"id":29564,"date":"2014-12-20T15:12:08","date_gmt":"2014-12-20T14:12:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=29564"},"modified":"2014-12-01T15:16:48","modified_gmt":"2014-12-01T14:16:48","slug":"radikaler-kurswechsel-in-der-umweltpolitik-noetig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/12\/radikaler-kurswechsel-in-der-umweltpolitik-noetig\/","title":{"rendered":"Radikaler Kurswechsel in der Umweltpolitik n\u00f6tig"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/book4.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-29565\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/book4-173x173.png\" alt=\"book4\" width=\"173\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/book4-173x173.png 173w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/book4-32x32.png 32w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/book4-200x200.png 200w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/book4.png 300w\" sizes=\"(max-width: 173px) 100vw, 173px\" \/><\/a>Buchbesprechung zu Naomi Kleins \u201eThis Changes Everything: capitalism vs the climate&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>von Bill Hopwood, aus der Novemberausgabe der Socialism Today, Monatsmagazin der \u201eSocialist Party\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales)<\/em><\/p>\n<p>In ihrem neuesten Buch geht Naomi Klein der Frage nach, mit welchen radikalen Antworten man der existentiellen Bedrohung des Klimawandels \u00fcberhaupt noch begegnen kann. Dabei identifiziert sie den Kapitalismus als Ursache f\u00fcr die Krise. Sie setzt sich zwar nicht ausdr\u00fccklich f\u00fcr einen sozialistischen Wandel ein. Ihr j\u00fcngstes Werk ist aber ein wichtiger Beitrag, der Einfluss auf die Debatte haben wird.<\/p>\n<p>Naomi Kleins Buch ist ein dringend n\u00f6tiger Beitrag zur Debatte dar\u00fcber, wie man die Erderw\u00e4rmung noch in den Griff bekommen kann. Dabei zeichnet sie nicht nur ein deutliches Bild von der Bedrohung, die auf die ganze Menschheit zukommt. Sie weist dar\u00fcber hinaus auch auf die Notwendigkeit f\u00fcr einen grundlegenden Strategiewandel hin. Nur so k\u00f6nne das Desaster noch abgewendet und stattdessen die M\u00f6glichkeit geschaffen werden, \u201eMenschenleben zu retten, die Kluft zwischen Arm und Reich zu \u00fcberwinden, eine riesige Zahl an gut bezahlten Arbeitspl\u00e4tzen bereitzustellen\u201c und einen gesunden Planeten zu erhalten, auf dem man auch leben kann.<\/p>\n<p>F\u00fcr manche traditionellen UmweltaktivistInnen mag es verr\u00fcckt klingen, den Klimawandel als Chance zu betrachten. Schlie\u00dflich haben viele von ihnen nach 30 Jahren, in denen eine Konferenz nach der anderen ergebnislos geblieben und der Aussto\u00df von Treibhausgasen nur noch st\u00e4rker geworden ist, jede Hoffnung bereits aufgegeben. Einige von ihnen \u00fcbernehmen von Verzweiflung gekennzeichnete und gef\u00e4hrliche Ansichten. Sie bezeichnen mittlerweile die Atomkraft und Fracking (\u201egeo-engineering\u201c) als alternative Energietr\u00e4ger. Demgegen\u00fcber spielen andere mit dem Gedanken, eine Art von Diktatur gutzuhei\u00dfen, so lange diese nur auf \u00f6kologische Ziele ausgerichtet ist. Was Klein in diesem Punkt so hervorragend versteht, ist es, darauf hinzuweisen, dass das Versagen, der Erderw\u00e4rmung zu begegnen, auf die Anwendung falscher Strategien zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Dazu z\u00e4hlt ihrer Ansicht nach vor allem, die Ursache des Problems nicht anzugehen, die auch f\u00fcr viele andere Krankheiten dieser Erde verantwortlich ist: den Kapitalismus. Klein f\u00fchrt dazu aus: \u201eUnsere Wirtschaft befindet sich mit vielen Lebensformen der Erde im Kriegszustand. Eine davon ist die Menschheit. Es gibt nur eine einzige Position, die in dieser Konstellation ver\u00e4nderbar ist \u2013 und das sind nicht die Gesetze der Natur\u201c.<\/p>\n<p>Klein vertritt die Auffassung, dass der Erderw\u00e4rmung nur durch eine weltweite Massenbewegung beizukommen ist, die es versteht, die Bereitstellung angemessener Arbeitspl\u00e4tze und \u00f6ffentlicher Daseinsvorsorge mit der Umwelt in Einklang zu bringen. Um dies zu schaffen, muss die Bewegung mit den Regeln brechen, die vom Kapitalismus aufgestellt worden sind. Von SozialistInnen mag dies sofort verstanden werden. Ihr Buch wird die Debatte allerdings f\u00fcr ein weit gr\u00f6\u00dferes Publikum zug\u00e4nglich machen und somit das Interesse an sozialistischen Alternativen zur Frage der globalen Umweltkatastrophe und des Leids der Menschheit wecken. Klein greift auf starke, sehr gut recherchierte Belege zur\u00fcck. Daneben stehen Geschichten von Menschen und Konferenzen, die alarmierend oder bewegend sind, inspirierend oder auch be\u00e4ngstigend. Mit all diesen Beschreibungen untermauert Klein ihre Thesen.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus beutet die \u00d6kosysteme auf dem Planeten aus, damit wenige Menschen ihren Profit daraus ziehen k\u00f6nnen. Berge und W\u00e4lder werden \u201e\u00fcber die Ma\u00dfe\u201c belastet oder sogar dem Erdboden gleichgemacht, um an Teer-Sande oder Kohle heranzukommen. Die Menschheit wird auf ihre Arbeitskraft reduziert, \u201eum auf brutale Weise ausgenommen\u201c oder aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Regierungen stellen Billionen von Dollar zur Verf\u00fcgung, um die Banken zu retten. F\u00fcr \u201egr\u00fcne Jobs\u201c oder \u00f6ffentliche Dienste \u2013 damit diese f\u00fcr Schutzma\u00dfnahmen gegen die Auswirkungen der Erderw\u00e4rmung sorgen k\u00f6nnen \u2013 steht hingegen kein Geld zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus hat den Schaden noch vergr\u00f6\u00dfert, den die Umwelt und das soziale Miteinander genommen haben. Durch diese besondere Spielart des Kapitalismus ist die Macht der Zivilgesellschaft und der Regierungen, die von den Konzernen betriebenen Abl\u00e4ufe kontrollieren zu k\u00f6nnen, (zumindest in Teilen) beschnitten worden. Energieversorger sind privatisiert worden und haben keinen Bezug mehr zu sozialer Verantwortung oder der Verantwortung gegen\u00fcber der Umwelt. Fast alle Politiker sind von der neoliberalen Ideologie in Beschlag genommen, weshalb Regulierungsmechanismen oder Kontrollen \u00fcber Konzerne aufgehoben worden sind. Abkommen wie das \u201eNorth American Free Trade Agreement\u201c (NAFTA) werden genutzt, um die Regelungen au\u00dfer Kraft zu setzen, mit denen vormals Umwelt und Besch\u00e4ftigung abgesichert werden sollten.<\/p>\n<h4>Die \u201eBig Green\u201c und die Gro\u00dfkonzerne<\/h4>\n<p>Klein spricht die unbequeme Wahrheit aus, dass die Unterst\u00fctzung von Al Gore (der sich als \u201eVork\u00e4mpfer gegen den Klimawandel\u201c profiliert hat; Anm. d. \u00dcbers.) und den gro\u00dfen Umwelt-Gruppen entscheidend war, um NAFTA \u00fcberhaupt auf den Weg bringen zu k\u00f6nnen. Sie kritisiert die gescheiterten Strategien vieler der wichtigsten Umwelt-Gruppen in den USA, die sie als \u201eBig Green\u201c bezeichnet. Diese arbeiten mit den Politikern in Washington zusammen und mit den Gro\u00dfkonzernen, darunter einige der gr\u00f6\u00dften Umweltverschmutzer weltweit. Die Gruppen \u201eNature Conservancy\u201c, \u201eConservation International\u201c, der \u201eConservation Fund\u201c, \u201eWWF\u201c und der \u201eEnvironmental Defense Fund\u201c haben allesamt Verbindungen zu \u201eWalmart\u201c und anderen Unternehmen, die f\u00fcr den Klimawandel verantwortlich sind. Sie nehmen Spendenzahlungen an und z\u00e4hlen Vertreter der gro\u00dfen Energiekonzerne zu ihren Vorstandsmitgliedern<\/p>\n<p>Dass diese Umwelt-Gruppen mit der Gegenseite gemeinsame Sache machen, bedeutet nur, dass sie im Endeffekt einer Politik das Wort reden, die Profite produziert. Dadurch wird ein Markt f\u00fcr das Treibhausgas Kohlendioxid geschaffen, Regulierungen werden bis auf\u00b4s Wesentlichste heruntergefahren, es geht um die \u201eSchuld der Konsumenten\u201c und Fracking-Gas wird pl\u00f6tzlich als \u201eBr\u00fcckentechnologie\u201c beschrieben. All diese Dinge haben die Lage weiter versch\u00e4rft sowie die notwendigen und bereits zur Verf\u00fcgung stehenden L\u00f6sungsans\u00e4tze in die ferne Zukunft verschoben. Der Emissionsrechte-Handel und Abschreibem\u00f6glichkeiten sind ein riesiger Betrug, um den Reichtum der Konzerne zu vergr\u00f6\u00dfern. Die Umwelt wird damit nicht ent- sondern noch st\u00e4rker belastet.<\/p>\n<p>Dass die internationalen Konferenzen nichts als zahnlose Tiger sind, wird greifbar, wenn man wei\u00df, dass Konzerne, die ihr Gesch\u00e4ft mit fossilen Brennstoffen machen, Kohlevorkommen ermittelt haben, die noch nicht ausgebeutet werden, 2.795 Gigatonnen umfassen und mit 27 Billionen US-Dollar zu Buche schlagen. Das ist f\u00fcnfmal so viel wie das Maximum an Kohle, das laut WissenschaftlerInnen bis 2050 verbrannt werden kann, ohne die Erderw\u00e4rmung \u00fcber den Wert von zwei Grad Celsius anzuheben. Bei diesem Wert w\u00e4re der Punkt \u00fcberschritten, ab dem das vollkommene Umwelt-Desaster droht. Die Konzerne (wie z.B. \u201eExxonMobil\u201c selbst sagt) sind sich sicher, dass eine restriktive Klima-Politik \u201eh\u00f6chst unwahrscheinlich\u201c ist. Sie \u201egehen ferner davon aus, dass keine unserer Kohlenwasserstoff-Vorkommen jetzt oder in Zukunft &gt;stranden&lt; [sprich: unrealisierbar] werden\u201c. Die Strombranche steigert die F\u00f6rderung fossiler Brennstoffe aus immer gef\u00e4hrlicheren und umweltsch\u00e4dlicheren Quellen: Tiefenwasser, aus der Arktis, Teer-Sande, Fracking. Klein nennt sie daher \u201eextreme Energietr\u00e4ger\u201c. Bei der F\u00f6rderung dieser Energien greifen nur wenige bis gar keine Regulationsmechanismen.<\/p>\n<p>Das Kapitel \u00fcber die geotechnischen Wissenschaften (\u201egeo-engineering\u201c) ist Angst einfl\u00f6\u00dfend. Demnach gibt es Ideen, wonach Eisen in die Ozeane gebracht werden soll, um die Absorption von Kohlenstoff durch Meeresorganismen zu steigern. Es wird \u00fcberlegt, Spiegel im Himmel oder auf dem Erdboden zu platzieren, um das Sonnenlicht zur\u00fcck zu reflektieren oder nachhaltig Partikel in die Atmosph\u00e4re zu verbringen, um die Wolkendecke zu verst\u00e4rken, die das Sonnenlicht nat\u00fcrlicherweise reflektiert. All dies wird tats\u00e4chlich in Erw\u00e4hnung gezogen. Die Risiken, die damit zusammenh\u00e4ngen, sind immens und k\u00f6nnen \u2013 einmal umgesetzt \u2013 kaum r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n<p>Der Klimawandel ist auf erh\u00f6hte Kohlenstoff-Konzentrationen in der Atmosph\u00e4re zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Antwort darauf lautet, den Kohlenstoff-Aussto\u00df zu beenden. Mit den sog. \u201egeotechnischen Wissenschaften\u201c (\u201egeo-engineering\u201c) ist diesem Problem nicht beizukommen. Dadurch w\u00fcrde der Klimawandel nur weiter verst\u00e4rkt in der Hoffnung, die globale Erw\u00e4rmung zu verschleiern. Grunds\u00e4tzlich gilt, dass diese Ma\u00dfnahmen dem Planeten und dem Leben darauf weiteren Schaden zuf\u00fcgen und dass es sich dabei um Verz\u00f6gerungstechniken handelt, die manipulativ eingesetzt werden. Die L\u00f6sung besteht nicht darin, die Welt zu \u201ereparieren\u201c. Sie liegt vielmehr darin, das gesellschaftliche und wirtschaftliche System zu \u00e4ndern, das die einzige Heimat, die wir haben, f\u00fcr uns zu einem lebensfeindlichen Ort macht.<\/p>\n<h4>Saubere, \u201egr\u00fcne\u201c Arbeitspl\u00e4tze<\/h4>\n<p>UmweltaktivistInnen sagen h\u00e4ufig, dass wir \u201eden Planeten retten\u201c m\u00fcssen, und deshalb kein Zeit f\u00fcr die sozialen Probleme bleibt. Klein argumentiert hingegen, dass die Notwendigkeit besteht und auch die M\u00f6glichkeit dazu vorhanden ist, beides anzugehen. Schlie\u00dflich zerst\u00f6rt der Kapitalismus das Klima und versagt darin, der Mehrheit auf diesem Planeten ein lebenswertes Leben zu bieten. Die These, wonach sich Arbeitspl\u00e4tze und Umweltbelange entgegenst\u00fcnden, ist nicht haltbar. Sie wird von den Konzernen immer wieder ins Spiel gebracht, um den Widerstand, der ihrer Herrschaft entgegengebracht wird, in sich zu spalten. Ein Programm zur Genesung des Planeten w\u00e4re hingegen in der Lage, f\u00fcr Millionen von vern\u00fcnftigen Arbeitspl\u00e4tzen zu sorgen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den verlorenen 30 Jahren, in denen die Strategien der \u201eBig Green\u201c gescheitert sind, gibt es heute eine erstarkende Bewegung der Massen, die Widerstand gegen Energieausbeutung und den Klimawandel leistet. Diese weltweiten Bewegungen geben Grund zur Hoffnung, was die Zukunft angeht. Werden UmweltaktivistInnen, ArbeiterInnen, indigene Bev\u00f6lkerungen und AktivistInnen, die sich f\u00fcr soziale und \u00f6konomische Gerechtigkeit einsetzen, zusammengebracht, so sind sie in der Lage, diese K\u00e4mpfe auf eine feste Basis zu stellen und sie auszuweiten. Wirklich fortschrittliche Ver\u00e4nderungen (wie etwa die Abschaffung der Sklaverei, die Einf\u00fchrung von Arbeitnehmerrechten, der Kampf gegen Diskriminierung) sind stets von Massenbewegungen ausgegangen und nicht von Lobby-Gruppen oder Politikern.<\/p>\n<p>Viele derer, die sich in solchen Auseinandersetzungen aktiv einbringen, sind arm, abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigt und\/oder Teil indigener Gruppen. Sie brauchen Arbeitspl\u00e4tze genauso wie sauberes Wasser, saubere Luft und saubere B\u00f6den. Es w\u00e4re nicht angemessen oder moralisch korrekt, wenn man sie bitten w\u00fcrde, sich f\u00fcr den Planeten einzusetzen. Gro\u00dfe Energiekonzerne sind in der Lage, enorme Summen zur Verf\u00fcgung zu stellen, um damit die Akzeptanz f\u00fcr ein Bergwerk, eine \u00d6lf\u00f6rderanlage oder das Fracking zu kaufen. Es ist sonnenklar, dass ArbeiterInnen es bevorzugen w\u00fcrden, saubere und sichere Arbeit zu haben anstatt im gef\u00e4hrlichen und gesundheitssch\u00e4digenden Energiesektor zu arbeiten. Und die indigenen Bev\u00f6lkerungen w\u00fcrden lieber auf sauberem Boden leben als in einem Reservat, das mit \u00d6l kontaminiert ist oder zu dem Berge geh\u00f6ren, deren Kuppen abgetragen wurden.<\/p>\n<p>Wenn die Wahl jedoch darin besteht, entweder keine Arbeit zu haben, Hunger zu leiden und nicht in der Lage zu sein, die eigenen Kinder zu ern\u00e4hren, oder eben einer Arbeit nachzugehen, die die Umwelt sch\u00e4digt, dann w\u00fcrden viele Menschen widerwillig das letztere annehmen. Der Kampf f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze und wirtschaftliche Gerechtigkeit ist fester Bestandteil des Kampfes f\u00fcr unser Klima. Der Klimawandel wird nur aufzuhalten sein, wenn dies mit vern\u00fcnftigen Arbeitsplatz-Programmen einhergeht. Im Kern geht es um den Kampf gegen den Kapitalismus und darum, positive Alternativen voranzutreiben. \u201eDie einzigen Menschen, die auf lange Sicht wirklich gest\u00e4rkt daraus hervorgehen, wenn sie &gt;nein&lt; sagen zu dieser schmutzigen Entwicklung, das sind die Menschen, die echte und hoffnungsvolle Alternativen sehen\u201c.<\/p>\n<p>Klein ist sich dar\u00fcber im Klaren, dass das politische und wirtschaftliche System dieser Welt umfassender Ver\u00e4nderungen bedarf. Sie bezieht andere gro\u00dfe fortschrittliche Ver\u00e4nderungen in ihre Gedanken mit ein, wie etwa die B\u00fcrgerrechtsbewegung. Dabei stellt sie allerdings fest, dass viele dieser Bewegungen nur f\u00fcr Ver\u00e4nderungen auf juristischer Ebene gesorgt haben. Die Ungleichheit auf \u00f6konomischer Ebene sei demnach nie grundlegend angetastet worden. So habe die B\u00fcrgerrechtsbewegung nie f\u00fcr angemessene Arbeitspl\u00e4tze, Wohnraum und Bildung gesorgt, f\u00fcr die die Menschen gek\u00e4mpft hatten. Bewegungen, die auch die Machtverteilung auf wirtschaftlicher Ebene ver\u00e4ndert haben, so wie Klein sie versteht, haben mittels einer massiven Welle gewerkschaftlicher Organisation am Ende der \u201eGro\u00dfen Depression\u201c in den 1930er Jahren hingegen die Sklaverei abgeschafft und Enormes geleistet. \u00c4hnliches h\u00e4lt sie der Volksfront-Regierung unter Salvador Allende in Chile zugute, die auf tragische Weise im Jahr 1973 durch einen Milit\u00e4rputsch beendet wurde. Dabei hat allerdings keine dieser Bewegungen den Kapitalismus abgeschafft.<\/p>\n<h4>Die Wurzel des Problems<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Klein, immer, wenn sie den Kapitalismus und vor allem die Spielart des Neoliberalismus kritisiert, Gro\u00dfes leistet, so bleibt doch unklar, was sie unter \u201eKapitalismus\u201c versteht. Geht es nur um den Neoliberalismus, den gesamten Kapitalismus oder um etwas weiter gefasstes, das sie \u201eExtraktivismus\u201c nennt? Dabei sollte klar sein: Wir haben es mit Kapitalismus in all seinen Spielarten zu tun. Und die Wurzel der Probleme geht zur\u00fcck auf alle Gesellschaften, die auf unterschiedlichen Klassen basieren. Klein weicht zudem davor zur\u00fcck, \u00fcber eine sozialistische Alternative zu sprechen. Dabei ist das in Wirklichkeit die einzige M\u00f6glichkeit, um die von ihr vorgeschlagenen Schritte gehen zu k\u00f6nnen. Dazu n\u00e4mlich muss der Kapitalismus ersetzt werden durch kooperative, kollektive Verwaltung des Bodens und der Ressourcen. Die Ertr\u00e4ge m\u00fcssen gerecht unter den Menschen aufgeteilt werden \u2013 das nennt man Sozialismus.<\/p>\n<p>Vielleicht besteht der Grund, weshalb Klein nicht bereit ist, \u00fcber Sozialismus zu sprechen, darin, dass sie nicht vertraut ist mit der marxistischen Kritik am Stalinismus. Mit Bezug auf die Sowjetunion spricht sie von \u201eautorit\u00e4rem Sozialismus\u201c. Das ist ein Widerspruch in sich. Sozialismus kann nicht existieren ohne eine lebendige und gesunde Demokratie. Die Sowjetunion unter Stalin und danach war nicht demokratisch. Die stalinistische, b\u00fcrokratische Planwirtschaft basierte nicht auf dem Verst\u00e4ndnis, dass es auch eine Umwelt gibt, die man sch\u00fctzen muss. Sie umfasste auch nicht das marxistische Bewusstsein von der tiefgreifenden Verbindung zwischen menschlichem Wohlergehen und der Natur.<\/p>\n<p>An einer Stelle bezieht Klein sich auf Karl Marx, als sie ihn mit der \u201e&gt;irreparablen Kluft&lt;\u201c zitiert, \u201edie zwischen Kapitalismus und den &gt;Naturgesetzen an sich&lt;\u201c besteht. Dabei haben Marx und Friedrich Engels wesentlich mehr zum Thema Umwelt beigetragen. Eine ihrer Grundannahmen war, dass die Menschen Teil und abh\u00e4ngig von der Natur sind. \u201eUnd so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand der au\u00dfer der Natur steht \u2013 sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angeh\u00f6ren und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft \u00fcber sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Gesch\u00f6pfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu k\u00f6nnen.\u201c (Engels: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, 1876).<\/p>\n<p>Klein kommt zu einer ganz \u00e4hnlichen Feststellung, wenn sie schreibt: \u201eWenn man nicht-ausbeuterisch lebt, dann bedeutet dies nicht, dass es nicht mehr zur Ausbeutung kommt. S\u00e4mtliche lebensnotwendigen Dinge m\u00fcssen der Natur entzogen werden, um das \u00dcberleben zu sichern. Es bedeutet aber das Ende der extravistischen (sinngem\u00e4\u00df: \u201eausbeuterischen\u201c) Geisteshaltung \u2013 der Entnahme von Dingen ohne Achtsamkeit beim Umgang mit dem Boden und den Menschen, als seien diese lediglich Ressourcen, die man verbrauchen kann statt sie als komplexe Wesen und Zusammenh\u00e4nge zu betrachten, die das Recht auf eine w\u00fcrdige Existenz haben, welche auf Erneuerung und Regeneration beruht\u201c. Sie schreibt \u00fcber die Notwendigkeit, die Fruchtbarkeit der B\u00f6den bewahren zu m\u00fcssen. Im ersten Kapitel seines Werkes \u201eDas Kapital\u201c aus dem Jahr 1867 schreibt Marx, dass die landwirtschaftlichen Techniken im Kapitalismus \u201ezugleich die Springquellen alles Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter. \u201c (\u201eDas Kapital\u201c, Band I, 13. Kapitel). Es liegt in der ganzen Natur des Kapitalismus, sich mit einer weiteren technologischen Idee eines Problems anzunehmen, anstatt sich mit der Ursache dieses Problems zu besch\u00e4ftigen. Dann greift man entweder auf industrielle D\u00fcngemittel zur\u00fcck, um mit der Ersch\u00f6pfung der B\u00f6den klarzukommen, oder auf die oben beschriebenen geotechnischen Wissenschaften (\u201egeo-engineering\u201c) im Falle der Klimaproblematik.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Schw\u00e4che des neuen Buches von Naomi Klein besteht darin, dass sie nicht Willens ist, die Alternative zu einem menschen- und umweltverachtenden Kapitalismus zu nennen. Das schw\u00e4cht auch die Bewegung, die potentiell eine Alternative aufbauen k\u00f6nnte. Um den Kapitalismus zu \u00fcberwinden, braucht es eine weltumspannende Massenbewegung und ein klares Verst\u00e4ndnis davon, wer der Gegner ist und was an dessen Stelle treten muss: eine sozialistische Gesellschaft, die der Erde, ihrer biologischen Vielfalt und der Menschheit gerecht wird. Wenn die Erde aus der Todeszelle befreit ist, den der Kapitalismus darstellt, dann erm\u00f6glichen es die Fertigkeiten, das Wissen und die Menschlichkeit, die vorhandenen angeh\u00e4uften Werkzeuge und Ressourcen aus jahrhundertelanger Arbeit sowie die grenzenlose Energie der Sonne und die Fruchtbarkeit und Vielf\u00e4ltigkeit des Lebens, eine Welt menschlicher Entwicklung zu schaffen, in Harmonie mit einem florierenden Planeten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechung zu Naomi Kleins \u201eThis Changes Everything: capitalism vs the climate&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29565,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[117,70],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29564"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29564"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29564\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29565"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}