{"id":29126,"date":"2014-10-16T12:08:10","date_gmt":"2014-10-16T10:08:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=29126"},"modified":"2014-10-15T12:15:47","modified_gmt":"2014-10-15T10:15:47","slug":"die-debatte-um-pikettys-kapital-im-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/10\/die-debatte-um-pikettys-kapital-im-21-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Die Debatte um Pikettys \u201eKapital im 21. Jahrhundert\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/piketty_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-29129\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/piketty_cover-110x173.jpg\" alt=\"piketty\" width=\"110\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/piketty_cover-110x173.jpg 110w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/piketty_cover-221x347.jpg 221w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/piketty_cover-600x938.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/piketty_cover.jpg 604w\" sizes=\"(max-width: 110px) 100vw, 110px\" \/><\/a>Soziale Ungleichheit und Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p><em>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/em><\/p>\n<p>2013 erschien Thomas Pikettys Buch auf Franz\u00f6sisch (\u201eLe Capital au XXIe si\u00e8cle\u201c). Vor einigen Monaten l\u00f6ste die englische \u00dcbersetzung (\u201eCapital in the Twenty-First Century\u201c) einen internationalen Medienhype aus. Das Buch war in den USA wochenlang ein Bestseller. Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman nannte es ein \u201ebahnbrechendes Meisterwerk\u201c. Die Zeitschrift \u201eEsquire\u201c erkl\u00e4rte es gar zum \u201ewichtigsten Buch des 21. Jahrhunderts\u201c. Piketty wurde zum \u201eRockstar\u201c stilisiert. Auch in Deutschland wurde das Buch ausf\u00fchrlich diskutiert, obwohl eine deutsche \u00dcbersetzung erst im Herbst erscheinen soll.<\/p>\n<p>Thomas Piketty hat sich seit Beginn seiner Karriere als \u00d6konom mit sozialer Ungleichheit befasst. Das Neue an diesem Buch ist, dass er statt der Ungleichheit der Einkommen die Ungleichheit der Verm\u00f6gen in den Mittelpunkt r\u00fcckt. Seine These lautet, dass in der Geschichte normalerweise die Eink\u00fcnfte aus Verm\u00f6gen (Zinsen et cetera) h\u00f6her sind als das Wirtschaftswachstum. Er dr\u00fcckt das in der Formel r &gt; g aus. Anders gesagt: Der Teil, den die Verm\u00f6genden vom Kuchen kriegen, w\u00e4chst schneller (und zwar erheblich schneller, durchschnittlich vier, f\u00fcnf, sechs Prozent oder mehr im Jahr) als der Kuchen selber (1 bis 1\u00bd Prozent im Jahr). Die Folge: Der Teil des Kuchens, der f\u00fcr den Rest zur Verf\u00fcgung steht, schrumpft.<\/p>\n<p>Die ungleiche Verteilung der Verm\u00f6gen mag einmal durch verschieden gro\u00dfe Leistung entstanden sein (MarxistInnen w\u00fcrden hier ein Fragezeichen machen, aber das ist ein Detail), aber dann pflanzt sie sich tendenziell von Generation zu Generation fort (durch Vererbung) und verst\u00e4rkt sich, ohne dass das noch mit irgendeiner Leistung zu tun h\u00e4tte. In einem Aufsatz wies Piketty darauf hin, dass 1987\u20132013 die Gruppe der reichsten Personen laut \u201eForbes\u201c dreimal schneller gewachsen sei als die Weltwirtschaft.<\/p>\n<h4>Verm\u00f6genssteuern<\/h4>\n<p>Piketty betont, dass der Prozess nicht naturnotwendig sei. Gerade im 20. Jahrhundert habe die Ungleichheit abgenommen, nicht nur durch die Zerst\u00f6rung von Verm\u00f6gen in Kriegen, sondern vor allem durch hohe Steuern. Zum Beispiel betrug der Einkommenssteuer-Spitzensatz in den USA 1930\u20131980 82 Prozent!!! In den letzten Jahrzehnten h\u00e4tten die Steuersenkungen f\u00fcr die Reichen diesen Prozess aber wieder umgekehrt. Wenn Regierungen nicht gegensteuern w\u00fcrden, w\u00fcrde die Kluft sich immer weiter \u00f6ffnen. Piketty fordert, Verm\u00f6genssteuern wieder einzuf\u00fchren beziehungsweise zu erh\u00f6hen. Je nach H\u00f6he des Verm\u00f6gens solle sie bis zu zehn Prozent betragen (zum Vergleich: DIE LINKE fordert ab einer Million Euro Privatverm\u00f6gen eine Verm\u00f6genssteuer von f\u00fcnf Prozent).<\/p>\n<p>Die begeisterte Zustimmung, die Pikettys Buch in Teilen der b\u00fcrgerlichen Medien gefunden hat, zeigt, dass sich Teile der Herrschenden Sorgen machen, sie k\u00f6nnten in den letzten Jahrzehnten zu weit gegangen sein, die soziale Ungleichheit habe Ausma\u00dfe angenommen, die die Stabilit\u00e4t des Systems bedroht (weil sie das Wirtschaftswachstum behindert, zu Revolten f\u00fchrt et cetera). Aus diesem Grund ist es nicht ausgeschlossen, dass verw\u00e4sserte Versionen seiner Steuervorschl\u00e4ge da und dort vor\u00fcbergehend beschlossen werden. MarxistInnen w\u00fcrden solche Schritte in die richtige Richtung nat\u00fcrlich unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Andere Teile der b\u00fcrgerlichen Medien haben auf Piketty eingedroschen. Zum Beispiel hat die \u201eFinancial Times\u201c einen gro\u00dfen Bohei darum gemacht, dass in einem Kapitel des dicken Buches einige Zahlen nicht genau seien. Nat\u00fcrlich ist es f\u00fcr die Herrschenden unangenehm, wenn jemand darauf hinweist, dass die soziale Ungleichheit erstens zunimmt und zweitens wenig mit Leistung zu tun hat und viel mit dem Reichtum der Eltern.<\/p>\n<h4>Reiche Erben oder Kapitalisten?<\/h4>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns freuen, dass Piketty die soziale Ungleichheit verst\u00e4rkt in die Diskussion gebracht hat. Aber Piketty ist weit davon entfernt, ein Marxist zu sein. Karl Marx hat gezeigt, dass der Profit im Kapitalismus durch die Ausbeutung von menschlicher Arbeit entsteht. Der Gegensatz zwischen Kapitalisten und ArbeiterInnen ist der Hauptgegensatz der Gesellschaft. Die Aufsplitterung des Profits in Zins und Unternehmergewinn (und Grundrente et cetera) kommt erst danach. Die arbeitende Bev\u00f6lkerung und die Unternehmer in einen Topf zu werfen und ihnen reiche Erben gegen\u00fcberzustellen, w\u00fcrde die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse vernebeln. Die Aufbl\u00e4hung der Finanzm\u00e4rkte und die verheerenden Folgen des Platzens von Spekulationsblasen haben in den letzten Jahren zu berechtigter Emp\u00f6rung \u00fcber die arbeitslosen Einkommen von reichen Schmarotzern gef\u00fchrt. Die Resonanz auf Piketty d\u00fcrfte damit zusammenh\u00e4ngen. Aber diese Emp\u00f6rung bringt uns nur vorw\u00e4rts, wenn sie diese Erscheinungen als Folge der Entwicklung des Kapitalismus begreift. Sonst landet man schlimmstenfalls bei der Gegen\u00fcberstellung von \u201eschaffendem\u201c und \u201eraffendem\u201c Kapital.<\/p>\n<h4>Kapitalistische Widerspr\u00fcche<\/h4>\n<p>Denn dass Profit durch Ausbeutung menschlicher Arbeit entsteht, bedeutet auch, dass es keine \u201eNatureigenschaft\u201c des Kapitals ist, Zinsen abzuwerfen. Das bedeutet, dass die Tendenz des Kapitalismus, menschliche Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, zu wachsenden Widerspr\u00fcchen im Kapitalismus f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Kapitalisten versuchen, aus den verbliebenen Arbeitskr\u00e4ften umso mehr Profit herauszupressen. Versch\u00e4rfte Ausbeutung (steigende Arbeitshetze, schlechtere Arbeitsbedingungen, Ausdehnung von prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung et cetera) ist die Folge, ebenso die Privatisierung von \u00f6ffentlichem Eigentum und die Aufbl\u00e4hung der Finanzm\u00e4rkte, um sich neue Profitquellen zu erschlie\u00dfen. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die mit Globalisierung und Neoliberalismus bezeichnet wurden, und zu denen auch die von Thomas Piketty dokumentierte Zunahme von sozialer Ungleichheit geh\u00f6rt, sind die Antwort der Herrschenden auf die sich zuspitzenden Widerspr\u00fcche im Kapitalismus.<\/p>\n<p>Die Kapitalisten, die auf der einen Seite solche Anstrengungen unternehmen, um ihren Reichtum zu vermehren, werden kaum auf der anderen Seite diesen Reichtum freudig in Form von Verm\u00f6genssteuern \u00e0 la Piketty wieder abgeben.<\/p>\n<p>Das spricht nicht gegen Verm\u00f6genssteuern. Aber es hei\u00dft, dass sie nur durch heftige gesellschaftliche K\u00e4mpfe zu erreichen sind, dass die Kapitalisten versuchen werden, mit der anderen Hand wieder zu nehmen, was sie mit der einen geben m\u00fcssen (um die Zugest\u00e4ndnisse, die sie heute machen m\u00fcssen, morgen wieder einzukassieren). Der Kampf f\u00fcr Verm\u00f6genssteuern ist ebenso wie der Kampf f\u00fcr andere Reformen dann am wirksamsten, wenn er Teil des Kampfes f\u00fcr die \u00dcberwindung des Kapitalismus ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soziale Ungleichheit und Kapitalismus<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29129,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70,113],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29126"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29126"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29126\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}