{"id":28495,"date":"2014-07-20T10:00:36","date_gmt":"2014-07-20T08:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.mobi\/?p=28495"},"modified":"2014-09-17T14:26:53","modified_gmt":"2014-09-17T12:26:53","slug":"125-jahre-zweite-internationale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/07\/125-jahre-zweite-internationale\/","title":{"rendered":"125 Jahre Zweite Internationale"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-28496 size-medium\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-280x173.jpg\" alt=\"Rosa Luxemburg w\u00e4hrend einer Rede auf dem Internationalen Sozialisten-Kongress in Stuttgart, August 1907\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430.jpg 622w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Von der Hoffnung zum Verrat<\/strong><\/p>\n<p>Vor 125 Jahren, am 20. Juli 1889, wurde beim Internationalen Sozialistenkongress, die internationale Vereinigung aus der Taufe gehoben, die sp\u00e4ter als Zweite Internationale bezeichnet werden sollte. Bis 1914 debattierten Marxistinnen und Marxisten in ihr lebhaft, wie international der Sozialismus zu erreichen und wie mit Krieg und Regierungsbeteiligung umzugehen sei.<\/p>\n<p><em>von Michael Koschitzki<\/em><\/p>\n<p>Camille Huysmans, Generalsekret\u00e4r der Zweiten Internationale, st\u00fcrmte durch die Zimmer des Internationalen Sozialistischen B\u00fcros in Br\u00fcssel. Es war August 1914. Stimmte es wirklich? Die Reichstagsfraktion der SPD hatte soeben den Kriegskrediten zugestimmt und so den Weg zum Krieg frei gemacht. Lenin hielt zeitgleich im Schweizer Exil die Ausgabe des SPD-Organs \u201eVorw\u00e4rts\u201c, die diese Nachricht \u00fcberbrachte, f\u00fcr eine F\u00e4lschung. Wie steht es mit den anderen Sektionen? Die britische Labour-Fraktion stimmt mit einigen Ausnahmen dem Krieg zu. Das franz\u00f6sische Parlament stimmt am Tag der Kriegserkl\u00e4rung einstimmig f\u00fcr die Ma\u00dfnahmen. In Belgien treten die Sozialisten sogar der Regierung bei. Was war aus den Beschl\u00fcssen geworden? Verweigerung des Milit\u00e4rdienst, Generalstreik, Kundgebungen in allen St\u00e4dten: das hatten die Kongresse doch beschlossen. Keine Beteiligung an b\u00fcrgerlichen Regierungen! 1889 als Hoffnungstr\u00e4gerin f\u00fcr die Durchsetzung des internationalen Sozialismus gegr\u00fcndet, verrieten die Mitgliedsparteien der Zweiten Internationale nun ihre Prinzipien. Was war geschehen?<\/p>\n<h4>Pariser Gr\u00fcndungskongress<\/h4>\n<p>Die Internationale Arbeiterassoziation, sp\u00e4ter erste Internationale genannt, spaltete sich im Kampf von Anarchisten und wissenschaftlichen Sozialisten. Der Zusammenschluss von noch kleinen Arbeiterorganisationen wurde 1876 aufgel\u00f6st. Die Arbeiterparteien wuchsen jedoch weiter. Mit dem Wachstum und der Expansion des Kapitalismus entwickelte sich auch die Arbeiterbewegung. Der Marxismus setzte sich als anerkannte Lehre in gro\u00dfen Teilen der Arbeiterbewegung durch. Die Frage der Beziehung zwischen den einzelnen nationalen Teilen stellte sich erneut. \u201eHeimweh nach der alten Internationalen\u201c nannte es Friedrich Engels.<\/p>\n<p>Doch nicht in allen L\u00e4ndern gab es Einigkeit. Vor allem der Streit in Frankreich mit den \u201ePossibilisten\u201c bereitete Kopfzerbrechen. Diese Str\u00f6mung beschr\u00e4nkte den Kampf der Arbeiter auf betriebliche und wirtschaftliche Forderungen. Politisch stellten sie eine stark gem\u00e4\u00dfigte Str\u00f6mung da. 1888 gab es noch zwei Kongresse in Paris. Zum Jahrestag der franz\u00f6sischen Revolution im n\u00e4chsten Jahr sollte das vermieden werden. Doch die Vorbereitung war nicht einfach. \u201eEs ist eine Schererei vor dem Teufel, nichts als Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse, Krakeel und Verdrie\u00dflichkeit von allen Seiten, und dabei kommt bei der Sache schlie\u00dflich nichts heraus\u201c schimpfte Friedrich Engels \u00fcber die Vorbereitungen. Erst im Nachhinein wurde der Pariser Kongress als Gr\u00fcndungskongress der Zweiten Internationalen bezeichnet.<\/p>\n<p>Er selbst konnte sich aber sehen lassen. 400 Delegierte von 300 Arbeiterorganisationen aus zahlreichen L\u00e4ndern kamen in Paris zusammen. Neben europ\u00e4ischen L\u00e4ndern waren Vertreter aus den USA, Argentinien und einer kleinen Gruppe aus \u00c4gypten anwesend. \u201eProletarier aller L\u00e4ndern vereinigen wir uns\u201c stand in gro\u00dfen Buchstaben im Saal P\u00e9trelle geschrieben. Clara Zetkin hielt ihre erste Rede vor gro\u00dfem Publikum und sprach \u00fcber die Lage der Arbeiterinnen im Kapitalismus. Die Versammlung sprach sich f\u00fcr Frieden und gegen stehende Heere aus.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Durchsetzung des Achtstundentages. Beschlossen wurde an einem einheitlichen Tag in allen L\u00e4ndern auf die Stra\u00dfe zu gehen, um \u201eden Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen und die \u00fcbrigen Beschl\u00fcsse des internationalen Kongresses von Paris zur Ausf\u00fchrung zu bringen.\u201c Letzter Halbsatz wird gerne von Gewerkschaftsf\u00fchrern vergessen, wenn sie den ersten Mai zelebrieren. Denn dieses Datum wurde f\u00fcr die Aktion angesetzt und gilt bis heute als Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Am 1. Mai 1890 demonstrierten sie zum ersten Mal. In Wien gingen 50.000 auf die Stra\u00dfe. In Prag, Stockholm und Kopenhagen kamen jeweils 30.000. In Italien wurde gestreikt. Die gr\u00f6\u00dfte Maikundgebung fand am Sonntag den 4. Mai im Londoner Hydepark mit 300.000 TeilnehmerInnen statt. In Deutschland musste wegen der zu erwartenden Repression auf Demonstrationen verzichtet werden.<\/p>\n<h4>\u201eZeit des Aufbaus der Internationale\u201c<\/h4>\n<p>\u2026 nannte Charles Longuet, Mitglied der Pariser Kommune und des Generalrats der ersten Internationale, die Jahre bis zur Jahrhundertwende. In vielen L\u00e4ndern gab es noch keine starke Arbeiterbewegung und kleine oder gespaltene Organisationen. In Gro\u00dfbritannien bekam die Sozial-Demokratische F\u00f6deration keinen Masseneinfluss. Die Fabier-Gesellschaft wollte keine Partei gr\u00fcnden. Als Konsequenz gr\u00fcndete sich 1893 auf Initiative des schottischen Bergarbeiters James Keir Hardie die Independent Labour Party, die 1900 der neu gegr\u00fcndeten Labour Party beitrat. Bis dahin war diese bereits auf 376.000 Mitglieder gewachsen und nun ging es rapide weiter.<\/p>\n<p>In Italien \u00fcberwand die Arbeiterbewegung den Anarchismus und gr\u00fcndete 1892 die Partei, die ein Jahr sp\u00e4ter den Namen Italienische Sozialistische Partei annahm. Bereits 1892 erhielt sie 26.000 Stimmen bei den Kammerwahlen. Herzst\u00fcck der ersten Internationalen war die SPD, die 1890 die Sozialistengesetze absch\u00fctteln konnte und weiter an Einfluss gewann.<\/p>\n<p>Die Strukturen der Internationale waren in dieser Zeit noch schwach. Es gab keine st\u00e4ndigen Strukturen und ein Kongress berief den n\u00e4chsten ein. Erst 1900 wurde das Internationale Sozialistische B\u00fcro in Br\u00fcssel gegr\u00fcndet, das Informationen und Beschl\u00fcsse zusammenfasste. Die gro\u00dfe Mehrheit der Mitglieder konzentrierten sich in Europa. Diese brachten durch Emigranten getragen die Organisation in die USA. Erst die dritte, die kommunistische Internationale erfasste die koloniale Welt. Im Gegensatz zur Zweiten verstand sie sich als Weltorganisation, deren Diskussionen und Beschl\u00fcsse bindend waren. Nichtsdestotrotz waren die Kongresse der Zweiten Schauplatz zentraler Debatten der Arbeiterbewegung international.<\/p>\n<h4>Anarchismus und Regierungsbeteiligung<\/h4>\n<p>Die ersten Kongresse hatten nochmals die Debatten der Ersten Internationale nachzuarbeiten. Dort stritten Marx und Bakunin, ob politisches Handeln auch auf der Parlamentsebene m\u00f6glich ist. Dieser Streit wurde auf dem Kongress in Z\u00fcrich 1893 beigelegt und es wurde beschlossen: \u201eDie politische Aktion ist im Hinblick auf die Agitation und Verteidigung sozialistischer Prinzipien weiterhin f\u00fcr die Verwirklichung von Reformen, die ein unmittelbares Interesse beanspruchen, notwendig. Von den Arbeitern aller L\u00e4nder verlangt sie deshalb, da\u00df sie ihre politischen Rechte erk\u00e4mpfen und sich ihrer in allen legislativen und administrativen K\u00f6rperschaften bedienen, um die Forderung des Proletariats durchzusetzen und um sie in Mittel der Emanzipation des Proletariats zu verwandeln, weiterhin sich aber von jeder politischen Macht fernzuhalten, die heute nur das Instrument kapitalistischer Herrschaft ist.\u201c<\/p>\n<p>Mit dem Wachstum der sozialistischen Parteien stand aber auf einmal der letzte Halbsatz dieser Resolution in Frage. Der franz\u00f6sische Sozialist Alexandre Millerand trat als Minister der Regierung von Waldeck-Rousseau bei. Vor allem Rosa Luxemburg, Delegierte der SPD auf den Kongressen der zweiten Internationalen, polemisierte dagegen: \u201eW\u00e4hrend daher das Vordringen der Sozialdemokraten in die Volksvertretungen zur St\u00e4rkung des Klassenkampfes, also zur F\u00f6rderung der Sache des Proletariats f\u00fchrt, kann ihr Vordringen in die Regierungen nur die Korruption und Verwirrungen in den Reihen der Sozialdemokratie zum Ergebnis haben.\u201c Die Internationale sprach sich gegen die Regierungsbeteiligung aus. Ausgenommen waren jedoch \u201eau\u00dferordentliche Umst\u00e4nde\u201c\u00a0 &#8211; ein Schlupfloch das sp\u00e4ter genutzt werden sollte. Millerand wurde ausgeschlossen. Die Verlockungen der Macht hatten jedoch ihren Einfluss auf die Internationale nicht g\u00e4nzlich verloren.<\/p>\n<h4>Revisionismus und Stuttgarter Kongress<\/h4>\n<p>Die sozialistischen Parteien wuchsen zu Massenorganisationen heran. 1903 holte die SPD 31,7 Prozent der Stimmen bei den Wahlen. Aufgrund des ungerechten Wahlsystems erhielt sie jedoch nur 81 Abgeordnete von 397. Die Organisation dehnte sich in Deutschland jedoch enorm aus. Das sozialistische Konsumvereinswesen hatte 1911 1,3 Millionen Mitglieder. Arbeitervereine machten ein Leben im sozialdemokratischen Milieu von der \u201eWiege bis zur Bahre\u201c m\u00f6glich. In den Vereinen, Zeitungen und Parteistrukturen waren tausende Hauptamtliche t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Verbunden mit wirtschaftlichem Wachstum und sozialen Reformen schuf das die Grundlage f\u00fcr die Idee, dass es nicht mehr n\u00f6tig sei den Kapitalismus auf revolution\u00e4rem Wege abzuschaffen. Bernstein schrieb 1899 sein Werk \u201eDie Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie\u201c, in denen er die Ideen formulierte, die als Revisionismus bekannt wurden, weil sie Grundlehren des Marxismus in Frage stellten. \u201eTrotz des gro\u00dfen Fortschritts, welchen die Arbeiterklasse gemacht hat, halte ich sie doch selbst heute noch nicht f\u00fcr entwickelt genug, die politische Herrschaft zu \u00fcbernehmen\u201c schrieb er beispielsweise. \u00dcber den Anklang war er selbst \u00fcberrascht und die Debatte \u00fcbertrug sich auch auf andere Sektionen.<\/p>\n<p>Doch der Klassenkampf sprach zun\u00e4chst eine andere Sprache. Die Russische Revolution von 1905 setzte ihn nachdr\u00fccklich auf die Tagesordnung. In mehreren L\u00e4ndern kam es die n\u00e4chsten Jahre zu Gro\u00dfprotesten und aufstands\u00e4hnlichen Erhebungen. In Schweden traten 1909 \u00fcber 300.000 Arbeiter in den Generalstreik, der von August bis September einen Monat dauerte! Der Revisionismus war bereits 1904 verurteilt worden. Auf dem Pariser Kongress 1909 wurde er verdammt und zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n<p>Dazwischen trat 1907 der Kongress der Internationalen in Stuttgart zusammen. Zu diesem Anlass versammelten sich Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Cannstatter Wasen. Die Sch\u00e4tzungen schwankten zwischen 40.000 und 100.000 TeilnehmerInnen. So eine Kundgebung hatte es seit der 1848-Revolution nicht mehr gegeben. Vor dem Kongress tagte ein Frauenplenum. Im Anschluss fand ein Jugendkongress statt. Aus ihnen gr\u00fcndete sich die sozialistische Fraueninternationale und die sozialistische Jugendinternationale. Mit Clara Zetkin und Karl Liebknecht spielten VertreterInnen des revolution\u00e4ren Parteifl\u00fcgels die zentrale Rolle. Sie setzten sich f\u00fcr neue Kampfmethoden, wie des Massenstreiks ein und diskutierten das Verh\u00e4ltnis von Gewerkschaften zur Partei.<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Fl\u00fcgel in der Internationalen wurden langsam sichtbar. Die so genannten Revisionisten wollten sich auf einzelne Reformforderungen beschr\u00e4nken, die sie an den Staat richteten. Sie hatten Unterst\u00fctzung unter manchen delegierten Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren. Das so genannte Zentrum redete radikal, wollte aber an der \u201ealten, bew\u00e4hrten Taktik\u201c festhalten. Diskussionen \u00fcber neue Kampfformen lehnten sie ab und neigten zur reformistischen Beh\u00e4bigkeit. Doch wirklich deutlich wurden die Fl\u00fcgel noch nicht.<\/p>\n<p>Der Kongress diskutierte \u00fcber die Haltung zu den Kolonien, \u00fcber Migration und andere Fragen. August Bebel legte angesichts der zunehmenden Aufr\u00fcstung und Kriegsgefahr einen Antrag gegen den Militarismus vor. Die Diskussion um die Auslegung und Pr\u00e4zisierung dieses Beschluss sollte die Debatte \u00fcber Krieg in den n\u00e4chsten Jahren bestimmen.<\/p>\n<h4>Kapitalismus bedeutet Krieg<\/h4>\n<p>\u201eWie die Wolke in sich das Gewitter tr\u00e4gt, tr\u00e4gt der Kapitalismus in sich den Krieg\u201c sagte der franz\u00f6sische Sozialist und f\u00fchrender Kopf der Internationale Jean Jaur\u00e8s. Die Internationale wurde als Garant des Friedens gesehen. Seit ihrer Gr\u00fcndung bestand die Auffassung, dass Kriege von Staaten Produkt ihrer Konkurrenz auf dem Weltmarkt seien. Deshalb k\u00f6nnten sie nur beendet werden, wenn die Konkurrenz aufgehoben ist, durch die internationale Durchsetzung des Sozialismus. 1893 verk\u00fcndete der Z\u00fcricher Kongress, dass der Sturz des Kapitalismus universellen Frieden bedeute.<br \/>\nAuch in Stuttgart war man sich schon einig, wie man sich zu verhalten habe, wenn der Krieg ausbricht. In Bebels Antrag hie\u00df es: \u201eFalls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, f\u00fcr dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kr\u00e4ften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigef\u00fchrte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufr\u00fcttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.\u201c<\/p>\n<p>Bereits in den 90er Jahren tauchte die Frage auf, ob man nicht durch diese Haltung zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr den Sieg vom \u201eweniger zivilisierten Russland\u201c eintreten w\u00fcrde. Dieses von Nieuwenhuis vorgebrachte Argument wurde zu der Zeit noch vom russischen Sozialisten Plechanow beantwortet, dessen Partei aber sp\u00e4ter den Krieg fortsetzte. Tats\u00e4chlich mussten die sozialistischen Parteien mit der Haltung der Arbeiterklasse auseinandersetzen, dass man sich nicht schutzlos einem Angriffskrieg aussetzen lassen wollte.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr argumentierten Linke f\u00fcr die &#8211; angesichts der heutigen Situation weniger verst\u00e4ndliche &#8211; Forderung nach Volksbewaffnung. Denn sie ist, erkl\u00e4rte Rosa Luxemburg, \u201enat\u00fcrlich ungeeignet f\u00fcr die F\u00fchrung blutiger Eroberungskriege und Raub fremder V\u00f6lker und L\u00e4nder, weil ein ganzes Volk niemals bereit sein wird, sein Land zu verlassen, um der Eroberung fremder Gebiete in ferne L\u00e4nder oder \u00fcber den Ozean zu ziehen. Vor allem jedoch ist die Waffe in der Hand des Volkes das beste Mittel gegen die Unterdr\u00fcckung von Seiten der Kapitalisten.\u201c<br \/>\nDie Diskussion in der Internationale drehte sich aber vor allem darum, was gegen einen drohenden Krieg zu tun sei. In Stuttgart wurde beschlossen, angesichts eines drohenden Krieges \u201ealles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Versch\u00e4rfung des Klassenkampfes und der Versch\u00e4rfung, der allgemeinen politischen Situation naturgem\u00e4\u00df \u00e4ndern.\u201c Was aber \u201ealles\u201c genau sein soll, wurde auf den folgenden Kongressen besprochen.<\/p>\n<h4>Kopenhagen 1910 und Basel 1912<\/h4>\n<p>August bis September 1910 wurde das zum Gegenstand der Debatte in Kopenhagen. 896 Delegierte repr\u00e4sentierten acht Millionen Arbeiter aus 23 L\u00e4ndern. Der Internationale Frauentag wurde hier f\u00fcr den 8. M\u00e4rz beschlossen. Ein Antrag von Vaillant aus Frankreich und Hardie aus Gro\u00dfbritannien sah im Generalstreik das entscheidende Mittel im Kampf gegen den Krieg. W\u00e4hrend sich die Bolschewiki aus marxistischer Sicht gegen eine Festlegung des Mittels aussprachen, das der Situation und dem Stand der Kr\u00e4fte m\u00f6glicherweise nicht entsprechen k\u00f6nnte, argumentierten die Opportunisten aus Angst vor zu radikalen Mitteln gegen dieses \u201eAbenteurertum\u201c. Die Frage des Generalstreiks wurde vertagt. Eine Kommission sollte dem Kongress in Wien eine Resolution vorlegen. Er wurde einberufen \u2026. f\u00fcr den August 1914! Statt dessen wurde eine Resolution beschlossen, die nur \u201eAbr\u00fcstung\u201c und die \u201eEinsetzung eines internationalen Schiedsgerichts\u201c vorsah. Die Parlamentsfraktionen sollten von ihren Regierungen Abr\u00fcstung und Beilegung der Konflikte durch das Schiedsgericht verlangen. Lenin kritisierte deren \u201eNichterf\u00fcllbarkeit im Rahmen des Kapitalismus\u201c und die fehlende Forderung nach Volksbewaffnung.<\/p>\n<p>Man sah die Gefahr kommen, aber handelte nicht entschlossen genug. Es gab eine \u201evertrauliche Versammlung der Linken der Internationale\u201c,\u00a0 aber man untersch\u00e4tzte den Gegner. Lenin meinte, \u201eMeinungsverschiedenheiten mit den Revisionisten sind zwar sichtbar geworden, doch ist es noch weit bis zu einem Auftreten der Revisionisten mit einem selbstst\u00e4ndigen Programm\u201c. Die Linken waren nicht organisiert genug.<br \/>\nDerweil steigerte sich das Kriegsgeheul und die Bereitschaft zum Protest gegen den Krieg nahm zu. Eine ernste Bedrohung verursachte der Krieg auf dem Balkan, der sich ausdehnen k\u00f6nnte. In Berlin demonstrierten im Oktober 250.000 Menschen gegen den Krieg. Die Internationale rief den 17. November 1912 zum internationalen Antikriegstag aus. In elf L\u00e4ndern demonstrierten die ArbeiterInnen. In Paris kamen 100.000 zusammen. Die franz\u00f6sischen Sozialisten beschlossen auf ihrem Sonderkongress, dass \u201eGeneralstreik und Aufstand\u201c im Falle der Kriegsdrohung auszurufen seien. Um das weitere Vorgehen zu besprechen, setzte die Internationale ein Sondertreffen in Basel f\u00fcr Ende November an.<\/p>\n<p>Trotz der kurzen Einladung kamen 555 Delegierte aus 23 L\u00e4ndern dort zusammen. 10.000 Menschen demonstrierten durch die Baseler Stra\u00dfen f\u00fcr den Frieden. Eine Entscheidung \u00fcber den Generalstreik wurde wieder vertagt und auf die Kommission verwiesen. August Bebel f\u00fcrchtete, dass scharfe Kampfmittel zu st\u00e4rkerer Repression des Staates f\u00fchren w\u00fcrden. Das Baseler Friedensmanifest wiederholte so nur die Beschl\u00fcsse aus Kopenhagen: \u201eDer Kongress stellt fest, dass die ganze sozialistische Internationale \u00fcber diese Grunds\u00e4tze der ausw\u00e4rtigen Politik einig ist. Er fordert die Arbeiter aller L\u00e4nder auf, dem kapitalistischen Imperialismus die Kraft der internationalen Solidarit\u00e4t des Proletariats entgegenzustellen. Er warnt die herrschenden Klassen aller Staaten, das Massenelend, das die kapitalistische Produktionsweise herbeif\u00fchrt, durch kriegerische Aktionen noch zu versch\u00e4rfen. Er fordert nachdr\u00fccklich den Frieden.\u201c<\/p>\n<p>Die tiefere theoretische Verarbeitung des drohenden Krieges begann in der Internationale erst richtig nach dem Kongress mit Rosa Luxemburgs \u201eDie Akkumulation des Kapitals\u201c 1913 und nach Ausbruch des Krieges durch Lenins \u201eDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u201c 1916.<\/p>\n<h4>Der Zerfall der Zweiten Internationalen<\/h4>\n<p>Wenige sahen die Katastrophe kommen, die auf die Internationale zuraste. In Deutschland verkam bei der SPD, der Sozialismus mehr zur Phrase in Sonntagsreden und in der Praxis l\u00f6ste die Vereinsmeierei den Klassenkampf mehr und mehr ab. Aber w\u00fcrde die SPD dem Krieg zustimmen? Basel hatte doch die Friedenshaltung nochmals bekr\u00e4ftigt!<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich war der fortgeschrittene Teil der Arbeiterklasse nicht vom Kriegsgeheul erfasst sondern ging gegen die Kriegstreiberei auf die Stra\u00dfe. Zu den halbherzig einberufenen Kundgebungen gingen zwischen dem 25. und 30. Juli sch\u00e4tzungsweise 750.000 ArbeiterInnen. Der Parteivorstand verk\u00fcndete noch: \u201e\u201eGefahr ist im Verzuge. Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch in Frieden knechten, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter mi\u00dfbrauchen. \u00dcberall mu\u00df den Machthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Es lebe die internationale V\u00f6lkerverbr\u00fcderung!\u201c Trotz Demonstrationsverbot nahmen 90.000 Menschen an einer Kundgebung au\u00dferhalb von Paris teil. In Gro\u00dfbritannien hielten Demonstrationen bis in den August an.<\/p>\n<p>Doch der Nationalismus nahm zu. Jean Jaur\u00e8s wurde am 31. Juli in Paris ermordet. Es mag die Tat eines Einzelnen gewesen sein \u2013 erkl\u00e4rbar wird sie, wenn man sich anschaut, welchen Hass die b\u00fcrgerliche Presse dem Kriegsgegner entgegen brachte.<\/p>\n<p>Die herrschenden Klassen in allen L\u00e4ndern \u00fcbten jedoch enormen Druck auf die sozialdemokratischen Parteien aus. In der Parteib\u00fcrokratie stie\u00dfen sie auf Resonanz. Sie hatte sich \u00fcber Jahre im System eingenistet und in den Apparaten begonnen einen Selbstzweck zu sehen. Theoretisch hatte sich das in der Str\u00f6mung des Revisionismus bereits ausgedr\u00fcckt. Aber auch wenn nicht alle allen Aussagen von Bernstein folgten, wuchs der Abstand zwischen dem Minimal- und Maximalprogramm der Sozialdemokratie. Eine Br\u00fccke zwischen den kleinen Reformforderungen und dem Sozialismus wurde nicht gebaut. Auch das Zentrum war erfasst. So begann der Parteib\u00fcrokrat den revolution\u00e4ren Umsturz zu f\u00fcrchten. Der drohende Krieg lie\u00df ihnen nur die Wahl zwischen Pakt mit der herrschenden Klasse oder der Vorbereitung des revolution\u00e4ren Umsturzes. Parteif\u00fchrungen und Fraktionen vieler Sektionen der Internationale war jetzt die gemeinsame Sache mit der b\u00fcrgerlichen Klasse n\u00e4her als der revolution\u00e4re Umsturz.<\/p>\n<p>Am 1. August erkl\u00e4rte Deutschland Russland den Krieg. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen erkl\u00e4rten am 2. August w\u00e4hrend des Krieges auf Lohnbewegungen und Streiks zu verzichten. Der junge Parteisekret\u00e4r Scheidemann trat f\u00fcr den \u201eBurgfrieden\u201c ein. Demnach sollte w\u00e4hrend des Krieges der Kampf mit den Kapitalisten zur\u00fcckgestellt werden. Der Parteivorsitzende Hugo Haase erkl\u00e4rte, im Kampf mit dem \u201eblutr\u00fcnstigen russischen Despotismus\u201c sei es die Aufgabe der Sozialdemokratie \u201edas eigene Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich zu lassen\u201c. Am 4. August erkl\u00e4rte Wilhelm II: \u201eIch kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!\u201c<br \/>\nDie Rechten der Partei sprachen sich ab. Der Fraktion wurde die Zustimmung zu den Kriegskrediten vorgelegt. 78 Abgeordnete stimmten daf\u00fcr, 14 dagegen. Die Kriegsgegner waren zahlenm\u00e4\u00dfig klein und nicht gut organisiert. \u00c4hnliche Entwicklungen fanden in den anderen Sektionen statt. Was in Deutschland Burgfrieden hie\u00df, nannte sich in Frankreich union sacr\u00e9e. Die Internationale zerfiel in dem Augenblick, als sie am meisten gebraucht wurde.<\/p>\n<h4>Eine neue Internationale<\/h4>\n<p>Die Arbeiterbewegung brauchte Jahre, um sich mitten im blutigen Weltkrieg wieder zu organisieren. Die russischen Bolschewiki lie\u00dfen sich vom Kriegsgeheul nicht erfassen und leisteten Opposition. In mehreren L\u00e4ndern musste sich die Opposition erst organisieren. In Deutschland gr\u00fcndete sich die Gruppe Internationale um Luxemburg und Liebknecht, die sp\u00e4ter zu Spartakusbund wurde. Es dauerte ein Jahr bis sich in Zimmerwald zum ersten Mal Kriegsgegner international trafen. Die Teilnehmer h\u00e4tten in zwei Postkutschen gepasst, sagte der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki, der an der Konferenz teilnahm. Der Widerstand gegen den Krieg nahm zu, doch in vielen L\u00e4ndern gab es keine Parteien mehr, die ihn h\u00e4tten systematisch organisieren k\u00f6nnen. Doch 1917 gab die Februarrevolution und letztlich die Oktoberrevolution den entscheidenden Weckruf. Ausrechnet im r\u00fcckst\u00e4ndigen Russland hatte es eine sozialistische Revolution gegeben. Sie begann in einem Land \u2013 doch war ihr Ziel die Ausdehnung auf weitere L\u00e4nder. Auf dem Tr\u00fcmmerhaufen der Zweiten Internationale wurde 1919 in Moskau die Kommunistische Internationale gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Heute stehen ArbeiterInnen international wieder vor \u00e4hnlichen Herausforderungen, wie die Internationale vor 125 Jahren. In vielen L\u00e4ndern gibt es keine starken Arbeiterparteien \u2013 noch gibt es keine revolution\u00e4re Masseninternationale. Die SAV leistet mit dem Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale (engl. CWI) einen Beitrag, sie wieder aufzubauen. Internet und Flugzeuge machen diese Aufgabe leichter als damals. Politisch haben wir den Vorteil, von den Debatten und Erfahrungen der Zweiten Internationale zu lernen und heute in Bezug auf Regierungsbeteiligung, B\u00fcrokratisierung und Kriegsgeheul nicht die gleichen Fehler zu begehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Hoffnung zum Verrat<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":28496,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[86,90],"tags":[624],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28495"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28495\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}