{"id":28409,"date":"2014-07-29T17:00:05","date_gmt":"2014-07-29T15:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.mobi\/?p=28409"},"modified":"2014-08-13T15:47:59","modified_gmt":"2014-08-13T13:47:59","slug":"deutschland-und-der-erste-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/07\/deutschland-und-der-erste-weltkrieg\/","title":{"rendered":"Deutschland und der Erste Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-28410\" src=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks-278x173.jpg\" alt=\"Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks\" width=\"278\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks-278x173.jpg 278w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks-557x347.jpg 557w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Vickers_machine_gun_crew_with_gas_masks.jpg 1243w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/a>Kapitalismus bedeutet Krieg<\/strong><\/p>\n<p>\u201eUnd endlich ist kein andrer Krieg f\u00fcr Preu\u00dfen-Deutschland mehr m\u00f6glich als ein Weltkrieg [\u2026]. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abw\u00fcrgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verw\u00fcstungen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs zusammengedr\u00e4ngt in drei bis vier Jahre und \u00fcber den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, {\u2026] rettungslose Verwirrung [\u2026] in Handel, Industrie und Kredit [\u2026]; Zusammenbruch der alten Staaten [\u2026], derart, dass die Kronen zu Dutzenden \u00fcber das Stra\u00dfenpflaster rollen [\u2026] absolute Unm\u00f6glichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden [\u2026] wird [\u2026].\u201c Diese d\u00fcstere Prophezeiung aus dem Jahr 1888 entstammt der Feder des revolution\u00e4ren Sozialisten Friedrich Engels.<\/p>\n<p><em>von Steve K\u00fchne<\/em><\/p>\n<p>Als er diese S\u00e4tze schrieb, bestieg in Deutschland Wilhelm II den Kaiserthron. Die f\u00fchrenden kapitalistischen Weltm\u00e4chte konkurrierten um Rohstoffvorkommen und Absatzm\u00e4rkte. S\u00fcdamerika, Asien und Afrika waren unter den Gro\u00dfm\u00e4chten aufgeteilt.<\/p>\n<p>Die deutschen Kapitalisten konnten sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen erst seit 1871 auf einen einheitlichen Staat st\u00fctzen und so waren sie sp\u00e4t dran und f\u00fchlten sich \u00fcbervorteilt. Bis auf einige \u00fcber den ganzen Globus verstreute Gebietsfetzen hatte das Kaiserreich keine Kolonien. Die Herrschenden in Deutschland schauten voller Eifersucht auf England, das Reich, in dem \u2013 so ein viel zitierte Ausspruch \u2013 aufgrund seiner weltweiten Ausdehnung die Sonne niemals untergehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die deutsche Wirtschaft entwickelte sich beinahe explosionsartig. England, das Mutterland der Industrialisierung, war in der Montanindustrie schon bald abgeh\u00e4ngt. Deutsche Unternehmer schrien hei\u00dfhungrig nach Kohle und Erz. Die chemische und die Elektro-Industrie waren entwickelt wie nirgends in der Welt und suchten Absatzm\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Der krankhafte Geltungsdrang Wilhelms II. kam den Herren in den Chefetagen der Konzerne da nur recht. \u201eIch f\u00fchre Euch herrlichen Zeiten entgegen\u201c, versprach der Monarch mit einem peinlichen Hang zur Wiederholung bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Doch wollte Deutschland im Namen der Interessen der Gro\u00dfunternehmer wachsen, konnte dies nur in der direkten Konfrontation mit anderen Hegemonialm\u00e4chten geschehen. Das war es, was Friedrich Engels voll und ganz bewusst war, als er die eingangs zitierten S\u00e4tze notierte.<\/p>\n<h4>Entente und Mittelm\u00e4chte<\/h4>\n<p>England und Frankreich versuchten ihrerseits ihre Pfr\u00fcnde zu sichern. Sie konkurrierten mit Deutschland und anderen M\u00e4chten, um Einfluss und Absatzm\u00e4rkte. In den L\u00e4ndern selbst war keine Steigerung der Profite mehr zu erzielen. In verschiedenen Branchen war die Konkurrenz schon ausgeschaltet und Monopole hatten sich gebildet. H\u00f6here Profite lie\u00dfen sich nur im Ausland erzielen. Der Kapitalismus trat in die Periode des Imperialismus. Nach der Aufteilung der Welt gerieten die imperialistischen M\u00e4chte zunehmend in Konflikt.<\/p>\n<p>B\u00fcndnisse sollten die Erfolgschancen dabei erh\u00f6hen. Mit dem Jahr 1894 stand die franz\u00f6sisch-russische Allianz. Der deutsche Generalstab tobte: Das hie\u00df im milit\u00e4rischen Ernstfall Zweifrontenkrieg gegen gut ger\u00fcstete Gegner.<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug. Zehn Jahre sp\u00e4ter, 1904, legten in einem herzlichen Einvernehmen, einer \u201eEntente Cordiale\u201c England und Frankreich ihre kolonialen Streitigkeiten bei. Drei Jahre sp\u00e4ter wiederholte England diesen Schritt mit Russland. Die \u201eEntente Cordiale\u201c wurde die \u201eTriple Entente\u201c.<\/p>\n<h4>Einkreisungsangst und Expansionsdrang<\/h4>\n<p>Deutschlands Reichskanzler von B\u00fclow prangerte diese \u201eEinkreisung\u201c in einer w\u00fctenden Rede im Reichstag an. Dabei unterschlug er, dass sie das Ergebnis der wilhelminischen Au\u00dfenpolitik war: Der Chef der deutschen Kriegsmarine, Admiral von Tirpitz, taufte ein Gro\u00dfkampfschiff nach dem n\u00e4chsten. Der englische Imperialismus sah dieses millionenschwere Aufr\u00fcstungsprogramm als Bedrohung seiner Vormacht und suchte so eine Stellung durch starke B\u00fcndnisse aufzuwerten.<\/p>\n<p>Als 1905 Russland durch die Niederlage im Krieg gegen Japan dramatisch geschw\u00e4cht war und mit einer Revolution im Innern fertig werden musste, gingen die Lichter im deutschen Generalstab nicht mehr aus. Jetzt oder nie! Krieg gegen Frankreich! Russland w\u00fcrde in dieser Situation seinem Verb\u00fcndeten wohl kaum zu Hilfe kommen. Den Krieg verhinderte damals nur ein Umstand: Im Ruhrgebiet lief ein gewaltiger Streik mit bis zu 250.000 Beteiligten. Die Sozialdemokraten, so f\u00fcrchtete man, w\u00fcrden diesen Arbeitskampf im Kriegsfall zum Generalstreik ausweiten und damit die deutsche Milit\u00e4rmaschinerie zu Fall bringen noch ehe sie richtig in Gang gesetzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Von da an war der Zweifrontenkrieg sozusagen unab\u00e4nderliches Schicksal. Der deutsche Generalstab unter Schlieffen erarbeitete daf\u00fcr einen in jeder Hinsicht wahnwitzigen Plan. Mit einem schnellen Aufmarsch erst im Westen und einer weit ausholenden Umgehung der Maginot-Linie an der deutsch-franz\u00f6sischen Grenze durch Belgien und die Niederlande sollte Frankreich binnen vier bis sechs Wochen geschlagen werden. Dann sollte das deutsche Heer gegen Russland aufmarschieren.<\/p>\n<p>Das milit\u00e4rische Problem glaubte man damit gel\u00f6st; das politische \u2013 die Sozialdemokratie \u2013 bestand weiter.<\/p>\n<h4>Kriegskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg<\/h4>\n<p>Seit 1909 war Bethmann-Hollweg, ein detailverliebter, intelligenter und strategisch-denkender B\u00fcrokrat, Reichskanzler. Er war sich im Klaren dar\u00fcber, dass die sozialdemokratische Arbeiterbewegung nicht aufzuhalten war. Er kannte aber auch ihre inneren Streitigkeiten und wusste sie nutzbar zu machen. Der Kanzler wollte den rechten Fl\u00fcgel der SPD f\u00fcr sich gewinnen und lockte ihn mit Sch\u00f6nheitsreformen im Vereinsrecht. Die Linken in der Partei, ganz besonders Revolution\u00e4re wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, waren gegen solcherlei Avancen immun. Leute wie Eduard Bernstein, Friedrich Ebert oder Philipp Scheidemann hingegen nicht.<\/p>\n<p>Den Spitzenvertretern der deutschen Eliten war diese Taktik jedoch einigerma\u00dfen suspekt: Wilhelm II. forderte in internen Briefen: \u201eErst die Sozialisten abschie\u00dfen, k\u00f6pfen und unsch\u00e4dlich machen, wenn n\u00f6tig Blutbad \u2013 und dann Krieg nach au\u00dfen.\u201c Es kostete den Kanzler einiges an M\u00fche den Kaiser von seinem Vorgehen zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Bethmann-Hollweg gedachte England zu neutralisieren. Nur, wenn es gel\u00e4nge das Inselreich aus dem gro\u00dfen Krieg herauszuhalten, so sein Gedankengang, w\u00e4re ein milit\u00e4rischer Erfolg m\u00f6glich. Und so machte der Reichskanzler in der zweiten Marokko-Krise 1911 nach anf\u00e4nglicher Kriegsrhetorik einen R\u00fcckzieher: Deutschland hatte Ambitionen in Marokko, worauf bereits Frankreich seine Finger legte, England st\u00fctzte den Verb\u00fcndeten, Bethmann-Hollweg deeskalierte.<\/p>\n<p>Als Ende 1913 Frankreich dem Osmanischen Reich, das mit Deutschland verb\u00fcndet war, Kredite in H\u00f6he von 500 Millionen Goldfrancs unter der Bedingung gew\u00e4hrte, franz\u00f6sisches Kapital in gro\u00dfen Mengen ins Land zu lassen, fuhr der Kanzler den franz\u00f6sischen Botschafter an: \u201eDeutschland [\u2026] braucht Expansion, es hat einen Anspruch auf einen Platz an der Sonne [\u2026] Wenn ihr Franzosen ihm das verweigert [\u2026] so k\u00f6nnt ihr sein Wachstum doch nicht aufhalten! Aber ihr werdet es dann [\u2026] \u00fcberall zum Gegner haben.\u201c Dem kriegsl\u00fcsternen Industriellen Krupp versprach Bethmann-Hollweg in die Hand einen europ\u00e4ischen Krieg vom Zaume zu brechen, sobald sich ein Vorwand b\u00f6te.<\/p>\n<h4>Julikrise 1914<\/h4>\n<p>Der Vorwand war bald gefunden. Als am 28. Juni 1914 \u00d6sterreichs Kaiser, Franz Joseph, von der Ermordung seines Neffen erfuhr, soll er gesagt haben: \u201eDa hat eine h\u00f6here Kraft die Ordnung wieder hergestellt, die ich selbst nicht aufrecht erhalten konnte.\u201c Franz Ferdinand war bei Hofe nicht beliebt. Seine Frau war nicht von seinem Stand. Au\u00dferdem erstrebte der Erzherzog Reformen, die den nationalen Minderheiten mehr Rechte einr\u00e4umen sollten. Ausgerechnet seine Ermordung musste nun als Kriegsgrund herhalten. Der Attent\u00e4ter Gavrilo Princip war bosnischer Serbe. Was die Doppelmonarchie behaupten lie\u00df, die serbische Regierung stecke hinter dem Anschlag.<\/p>\n<p>Aus Berlin kam umgehend gr\u00fcnes Licht: Sollte \u00d6sterreich-Ungarn Serbien den Krieg erkl\u00e4ren, w\u00e4re die Folge, dass Russland, welches sich als Schutzmacht der Balkanstaaten aufspielte, \u00d6sterreich-Ungarn den Krieg erkl\u00e4ren w\u00fcrde. Deutschland wollte dem Verb\u00fcndeten dann beistehen. Als Russland am 30.Juli die Generalmobilmachung verk\u00fcndete, erkl\u00e4rte Deutschland sowohl seinem \u00f6stlichen, als auch seinem westlichen Nachbarn den Krieg. Der Schlieffen-Plan griff.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Hoffnung der Arbeiterklasse war die SPD, die \u2013 ohne es zu wissen \u2013 1905 den gro\u00dfen Krieg verhindert hatte. Sie stimmte am 4.August 1914 f\u00fcr die Kriegskredite, die das Kaiserreich f\u00fcr den Krieg ben\u00f6tigte. Mit einer Mischung aus Versprechungen und Drohungen hatte Bethmann-Hollweg es geschafft die b\u00fcrokratisierte Spitze der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung auf seine Seite zu ziehen. Menschen wie Ebert und Scheidemann lebten nicht wie die ArbeiterInnen, die sie nun zur Beteiligung an einem imperialistischen Krieg verurteilten. Ihnen ging es vergleichsweise gut. Die Gesellschaft, die sie geschworen hatten zu st\u00fcrzen, hatte f\u00fcr sie viel zu bieten und so stimmten sie in der Hoffnung auf ein paar sozialpolitische Zugest\u00e4ndnisse f\u00fcr die Kriegskredite. Der Kaiser feierte dieses Votum mit den Worten, er kenne nun keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche.<\/p>\n<p>Wie auf einer belagerten Burg im Mittelalter interne K\u00e4mpfe untersagt waren, so sollten nun auch die Deutschen fester zusammenr\u00fccken. Der Burgfrieden bedeutete f\u00fcr die Arbeiterklasse den Verlust demokratischer Rechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit. Und w\u00e4hrend R\u00fcstungsfirmen Profite ungeahnten Ausma\u00dfes einstrichen, durften ArbeiterInnen nicht einmal um mehr Lohn geschweige denn aus politischen Gr\u00fcnden streiken. Dieser Verrat erledigte die II.Internationale und sollte furchtbare Folgen haben.<\/p>\n<h4>Widerstand statt Kriegsbegeisterung<\/h4>\n<p>Wenn, wie der b\u00fcrgerliche Historiker George F. Kennan behauptet, der erste Weltkrieg die \u201eUrkatastrophe des 20.Jahrhunderts\u201c war, so war das \u201eAugusterlebnis\u201c, der kollektive Jubeltaumel der Massen in den Krieg die \u201eUrl\u00fcge des 20.Jahrhunderts\u201c. In der Landbev\u00f6lkerung herrschte Verzweiflung: Wer sollte die Ernte einholen? Pastoren berichteten von weinenden Kirchgemeinden.<\/p>\n<p>Kriegsbegeisterung gab es vorrangig in den Gro\u00dfst\u00e4dten. Bis zu 30.000 Menschen feierten auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen mit patriotischen Ges\u00e4ngen das Herannahen des allgemeinen Waffengangs. Schaut man jedoch genauer hin, so sieht man vorrangig B\u00fcrgerliche und Kleinb\u00fcrger auf diesen Festen. Die SPD hingegen organisierte allein in der letzten Juliwoche in 160 St\u00e4dten fast 300 Antikriegsveranstaltungen, -demos und \u2013aktionen mit 750.000 TeilnehmerInnen. Als am 28. Juli \u00d6sterreich-Ungarn Serbien den Krieg erkl\u00e4rte, verbot Gro\u00dfberlin jede Antikriegsdemonstration. Dennoch kamen zur SPD-Kundgebung mehr als 100.000 Menschen! Selbst f\u00fchrende Milit\u00e4rs stellten sich die bange Frage, ob man unter diesen Umst\u00e4nden \u00fcberhaupt in den Krieg ziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch der Verrat der SPD \u00e4nderte alles. Auf einmal argumentierte die SPD-Spitze f\u00fcr den Krieg und verteidigte die kaiserliche Regierung. Ein Hamburger Sozialdemokrat fasste die Verwirrung mit den treffenden Worten zusammen, man wisse nicht wer irrsinnig sei, man selbst oder der Parteivorstand.<\/p>\n<p>In Berlin gab es bis in die letzten Julitage hinein Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen ArbeiterInnen, die gegen den Krieg demonstrierten und kleinb\u00fcrgerlichen Jugendlichen, die f\u00fcr den Krieg auf die Stra\u00dfe gingen. Nicht selten f\u00fcrchteten die ArbeiterInnen die Verarmung der eigenen Familie, wenn der Mann und die gr\u00f6\u00dften S\u00f6hne ins Feld zu ziehen hatten. Das Potential f\u00fcr einen entschlossenen Kampf gegen den Krieg war riesig, dass die SPD es nicht nutzte war pflichtvergessen, dass sie den Krieg per Handzeichen im Reichstag mit absegnete war Verrat. Ein Verrat, den sich selbst Lenin kaum vorstellen konnte. Der russische Revolution\u00e4r glaubte, die Meldung \u00fcber die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten sei eine F\u00e4lschung der zaristischen Geheimpolizei.<\/p>\n<p>Doch auch in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie formierte sich Widerstand: Rosa Luxemburg rief die Gruppe Internationale, die sp\u00e4tere Spartakusgruppe als oppositionellen Zusammenschluss gegen den Kriegskurs der SPD-F\u00fchrung, ins Leben. Karl Liebknecht lehnte als erster Abgeordneter am 2.Dezember 1914 die Kriegskredite ab. Seine kompromisslose Haltung brachte ihm den Gestellungsbefehl an die Front ein, wo er seine Einheit dazu brachte, den Krieg zu bestreiken.<\/p>\n<h4>Milit\u00e4risches Desaster<\/h4>\n<p>Von Anfang an war der Krieg f\u00fcr alle Seiten ein milit\u00e4risches Desaster. Die Generalst\u00e4be scheiterten mit ihren Pl\u00e4nen. Bethmann-Hollweg schaffte es nicht, England aus dem Krieg herauszuhalten. Der Marsch durch das neutrale Belgien- so wollte es der Schlieffen-Plan &#8211; musste als Legitimierung der englischen Kriegserkl\u00e4rung an Deutschland herhalten. Doch schon im September drohte w\u00e4hrend einer franz\u00f6sischen Gegenoffensive der Zusammenbruch der \u00fcberdehnten Front. Die Deutschen zogen sich zur\u00fcck und igelten sich ein. F\u00fcr den Stellungskrieg gab es keinen Plan B. Engels\u2018 Vision wurde in den Schlachten um Verdun und an der Somme schreckliche Wirklichkeit. Zusammen wurden dort zwei Millionen Soldaten get\u00f6tet oder verwundet. F\u00fcr sie war der einfache Fingerzeig der Gener\u00e4le auf ihren Karten ein Todesurteil. Der entscheidende Durchbruch und die R\u00fcckkehr zum Bewegungskrieg wurden nirgends erreicht.<\/p>\n<p>Der Krieg wurde in ungeahnter Art technisiert. Das Maschinengewehr m\u00e4hte Hunderte nieder, die Artillerie pfl\u00fcgte vor Offensiven tagelang den Boden um die Stellungen des Gegners um. Gas war der Schrecken ganzer Regimenter. Panzer walzten sich \u00fcber die Sch\u00fctzengr\u00e4ben hinweg, U-Boote machten selbst vor Passagierschiffen keinen Halt und Flugzeuge veranstalteten, um dem bekannten deutschen Piloten Manfred von Richthoven zu folgen, \u201eeine besondere Art der Menschenjagd.\u201c<\/p>\n<h4>Wer ist \u201eLehnin\u201c?<\/h4>\n<p>Das Jahr 1917 gilt gemeinhin als das \u201eEpochenjahr\u201c. Die deutsche Oberste Heeresleitung \u00fcberzeugte sowohl Kaiser als auch Kanzler von der Wiederaufnahme des uneingeschr\u00e4nkten U-Bootkrieges. Dass die US-Imperialisten auf diesen Vorwand nur gewartet hatten, war den Planern in der OHL mehr als klar. Pr\u00e4sident Woodrow Wilson hatte schon 1915 nach der Versenkung des Dampfers \u201eLusitania\u201c, bei der auch US-B\u00fcrger den Tod fanden, erkl\u00e4rt, dass einer Fortsetzung des uneingeschr\u00e4nkten U-Bootkrieges unweigerlich die Kriegserkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten an Deutschland folge.<\/p>\n<p>Doch die tr\u00fcgerische Hoffnung die britischen Inseln binnen einiger Wochen niederzuringen war eben gr\u00f6\u00dfer als die Furcht vor einem US-Engagement in Europa. W\u00fcrden die USA \u00fcberhaupt so schnell ausreichend Truppen und Material anlanden k\u00f6nnen, um strategische Bedeutung in den Kampfhandlungen zu erlangen? Die OHL meinte nein.<\/p>\n<p>Die SPD spaltete sich in einen kriegsbef\u00fcrwortenden Fl\u00fcgel, die Mehrheits-SPD (MSPD) und einen den Krieg ablehnenden (Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, USPD).<\/p>\n<p>Der deutsche Generalstab wusste, dass ihm die Zeit in Riesenschritten davonlief. Seit der russischen Revolution im M\u00e4rz 1917 rumorte es bei Freund und Feind. Franz\u00f6sische Truppen hatten die Ausf\u00fchrung von Befehlen verweigert, Z\u00fcge requiriert und waren unter der roten Fahne nach Paris aufgebrochen, um die Regierung zu st\u00fcrzen und den Krieg zu beenden. Nur eilig herbeigeholte Eliteeinheiten konnten den Aufstand niederschlagen. In der Marine \u00d6sterreich-Ungarns rebellierten Matrosen. Bereits 1916 hatte es in Deutschland \u201eHungerstreiks\u201c der Metall- und R\u00fcstungsarbeiter gegeben. Wie lange war unter solchen Umst\u00e4nden die Disziplin noch aufrechtzuerhalten?<\/p>\n<p>Das Jahr 1917 demonstrierte die Qualit\u00e4t des Verrats der F\u00fchrungsriege der II. Internationale. Ein Flugblatt, ein Aufruf, eine Zeitung mit Forderungen, Ideen f\u00fcr die unmittelbar notwendigen Schritte in millionenfacher Auflage an allen Fronten und in den europ\u00e4ischen Gro\u00dfst\u00e4dten verteilt, h\u00e4tte 1917 die Lunte an das Pulverfass der kontinentalen Revolution gelegt. Doch nichts davon war da! Statt den Ruf der Massen nach einem Ende des Gemetzels und nach der Abschaffung des kapitalistischen Systems endlich zu erh\u00f6ren, pr\u00e4gte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die auch im Zweiten Weltkrieg so verh\u00e4ngnisvolle Vokabel vom zu erk\u00e4mpfenden \u201eEndsieg\u201c.<\/p>\n<p>Die deutsche F\u00fchrung hatte unterdessen eine verzweifelte Idee. Sie unterbreitete russischen Revolution\u00e4ren, die im Schweizer Exil leben mussten, das Angebot mit einem Eisenbahnwaggon durch Deutschland und das neutrale Skandinavien nach Russland auszureisen. Ihr Kalk\u00fcl: Die Revolution\u00e4re w\u00fcrden die Revolution vollenden und Russland so aus der Entente herausl\u00f6sen. Dann k\u00f6nnte man frei werdende Truppen im Westen einsetzen, um die Front endlich zu durchbrechen und in gro\u00dfangelegten Operationen auch Frankreich niederzuringen. Das w\u00e4re er dann, der \u201eEndsieg\u201c.<\/p>\n<p>Als Kurt Riezler, Berater des deutschen Reichskanzlers, dem Generalstab die Liste mit den f\u00fcr die Fahrt vorgesehenen Namen vortrug, machte General Ludendorff am Rande seines Blattes eine kurze Notiz: \u201eWer ist Lehnin?\u201c Man kannte die unbestrittene F\u00fchrungsperson der Bolschewiki in diesen Kreisen ganz einfach nicht. Das steht der b\u00fcrgerlichen M\u00e4r entgegen, wonach Lenin bei seiner Ankunft im revolution\u00e4ren Russland im Sold des deutschen Kapitalismus gestanden habe.<\/p>\n<p>Wohl aber setzte er vom ersten Tage seiner Ankunft an, alles daran die Beschl\u00fcsse der II. Internationale doch noch umzusetzen. Im Falle eines gro\u00dfen europ\u00e4ischen Krieges, sollte die Krisensituation dazu genutzt werden, den Kapitalismus als solchen abzuschaffen.<\/p>\n<p>Mit dem milit\u00e4risch von Trotzki geleiteten Petrograder Aufstand im Oktober 1917, erreichte Lenin genau das. Gleich als erstes Dekret der Sowjetmacht telegrafierten die Bolschewiki in alle Welt: \u201eDiesen Krieg fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen V\u00f6lkerschaften unter sich aufteilen sollen, h\u00e4lt die [Sowjet-]Regierung f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen an der Menschheit [\u2026].\u201c Das Fanal war gesetzt.<\/p>\n<h4>\u201eWir hauen ein Loch hinein!\u201c<\/h4>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen es nur machen wie in Russland, dann wird bald alles anders werden\u201c, war der Schl\u00fcsselsatz einer Unterhaltung zwischen Frauen, die vor einem Hamburger Lebensmittelgesch\u00e4ft Schlange standen. Ein Polizeispitzel schrieb ihn auf und meldete ihn an seine Vorgesetzten. Trotz des imperialistischen Raubfriedens, den Deutschland der jungen Sowjetmacht im M\u00e4rz 1918 in Brest-Litowsk abgerungen hatte, machten die Ereignisse in Russland den Arbeiterinnen, die ihre Kinder kaum ern\u00e4hren konnten und voller Angst um ihre M\u00e4nner an der Front waren, Hoffnung auf ein Ende des ganzen Wahnsinns. Die Spitzelberichte der Jahre 1917 und 1918 waren voll von solchen Beispielen.<\/p>\n<p>Im Januar 1918 legten die Munitionsarbeiter in massiven Streiks ihre Arbeit nieder: Sie verlangten eine Verbesserung der Versorgung und ein Ende des Krieges. Die Industriellen erschraken vor der Aussicht einer wom\u00f6glich siegreichen sozialistischen Revolution. Und so forderten die Eliten von den M\u00e4nnern in der OHL endlich den entscheidenden Durchbruch an der Westfront.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr massierten Ludendorff und von Hindenburg noch einmal Hunderttausende Soldaten entlang der Westfront und er\u00f6ffneten ihre letzte Offensive. Durchbruch durch die gegnerische Front, koste es was es wolle! Als Kronprinz Ruprecht von Bayern, seinen Zweifel an dem ganzen Unternehmen kaum verbergend, Ludendorff fragte, was denn die operativen Ziele des Angriffs seien, gab dieser barsch zur\u00fcck: \u201eDas Wort Operation verbiete ich mir. Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich.\u201c Besser konnte Ludendorff kaum ausdr\u00fccken, dass selbst er, der heimliche Diktator des Deutschen Reiches, ein Getriebener war, der vor dem Gespenst der Revolution in die milit\u00e4rische Offensive hinein floh. Ein Erfolg sollte alles richten, er musste alles richten!<\/p>\n<p>Im Juni und Juli wurde klar, dass es diesen ersehnten Erfolg nicht geben w\u00fcrde. Noch einmal waren 1.000.000 Soldaten gefallen oder verwundet worden. Der Durchbruch blieb wieder aus, US-Truppen unterst\u00fctzten Frankreich und England und begannen die deutsche Front aufzurollen.<\/p>\n<p>Die deutschen Truppen beschwerten sich erst bei, dann \u00fcber ihre Vorgesetzten. Sie verweigerten Befehle, streckten die Waffen, liefen \u00fcber und begannen irgendwann sich selbst die Erlaubnis zum R\u00fcckzug zu erteilen. Truppen, die ihren Platz einnehmen wollten begr\u00fc\u00dften die zur\u00fcckflutenden deutschen Infanteristen mit Worten wie \u201eStreikbrecher\u201c.<\/p>\n<p>Na, war sie das nicht, die immer so gef\u00fcrchtete Revolution? Ludendorff glaubte genau das. Und so heckte er einen letzten, teuflischen Plan aus: Die Sozialdemokraten, die er hasste wie die Pest, sollten in die Regierung, in der Hoffnung, man k\u00f6nne mittels \u201eroter\u201c Minister einen Frieden ohne Annexionen aushandeln &#8211; Schadensbegrenzung. Au\u00dferdem hoffte er so seine Verantwortung f\u00fcr die Niederlage auf die MSPD abschieben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Der verratene Aufstand<\/h4>\n<p>Die schluckte in der Hoffnung auf Ministerposten den K\u00f6der und machten sich so zum Nachlassverwalter des Kaiserreichs. Als im Oktober Matrosen in Kiel den Befehl zum Auslaufen gegen England verweigerten, sp\u00fclten die revolution\u00e4ren Ereignisse ausgerechnet Leute wie Ebert und Scheidemann an die Spitze der Erhebung. Dort vollendeten sie ihren Verrat vom August 1914 und vom Januar 1918, als sie halfen die Munitionsarbeiterstreiks abzubrechen. Im Bunde mit konservativen Milit\u00e4rs lie\u00dfen sie die Revolution niederschie\u00dfen. Engels hatte recht behalten, die Kronen rollten \u00fcber das Stra\u00dfenpflaster, doch die MSPD-F\u00fchrung nutzte die Stunde nicht.<\/p>\n<p>Am 11.November beendete ein Waffenstillstand alle Kampfhandlungen und 1919 unterzeichneten die kriegf\u00fchrenden Nationen die Pariser Vorortvertr\u00e4ge. Eine Sammlung imperialistischer Dokumente. Das revolution\u00e4re Russland war zu den Verhandlungen nicht einmal zugelassen. Im Versailler Vertrag verlor Deutschland riesige Gebiete, wurde gedem\u00fctigt und als Alleinschuldiger des imperialistischen Kriegs bezeichnet. Im Angesicht dieses Papiers gab der franz\u00f6sische Marschall Ferdinand Foch zu Protokoll: \u201eHier liegt die Wurzel f\u00fcr den n\u00e4chsten Krieg!\u201c<\/p>\n<p>Und zum Ungl\u00fcck f\u00fcr Millionen sch\u00e4tzte er die Situation korrekt ein. Die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte des Krieges, die Profitgier der imperialistischen Kr\u00e4fte war n\u00e4mlich nicht zerst\u00f6rt und entfesselten zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter einen noch weit schlimmeren Krieg. Und so bildeten die mehr als 10 Millionen Todesopfer des Ersten Weltkriegs nur ein Kapitel in der blutigen Geschichte des globalen Imperialismus.<\/p>\n<p>Immerhin, eines war bewiesen, das Morden war nur durch den Aufstand zu beenden. W\u00e4re er siegreich gewesen, h\u00e4tte er auch die Geschichte der Kriege f\u00fcr immer beendet. Das es nicht so kam war vor allem das Ergebnis des Verrats der sozialdemokratischen F\u00fchrung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\"><em>Steve K\u00fchne ist Mitglied des SAV-Bundesvorstandes, Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer sowie Verfasser zahlreicher politisch-historischer Texte, zum Beispiel dem Buch \u201eDie Pariser Kommune\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitalismus bedeutet Krieg<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":28410,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[86,64],"tags":[372],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28409"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28409"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28409\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28410"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28409"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28409"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28409"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}