{"id":28392,"date":"2014-07-12T13:03:25","date_gmt":"2014-07-12T11:03:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.mobi\/?p=28392"},"modified":"2014-09-17T15:09:14","modified_gmt":"2014-09-17T13:09:14","slug":"als-occupy-entstand-wurde-mir-bewusst-dass-viele-menschen-den-jetzigen-zustand-satt-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/07\/als-occupy-entstand-wurde-mir-bewusst-dass-viele-menschen-den-jetzigen-zustand-satt-haben\/","title":{"rendered":"&#8222;Als Occupy entstand, wurde mir bewusst, dass viele Menschen den jetzigen Zustand satt haben&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/480195_448608591895693_1230999015_n-e1405085503224.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-28393 size-medium\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/480195_448608591895693_1230999015_n-e1405085503224-280x173.jpg\" alt=\"480195_448608591895693_1230999015_n\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/480195_448608591895693_1230999015_n-e1405085503224-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/480195_448608591895693_1230999015_n-e1405085503224-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/480195_448608591895693_1230999015_n-e1405085503224.jpg 501w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Interview mit Larissa von Socialist Alternative in den USA. Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Georg K\u00fcmmel<\/strong><\/p>\n<p>Eine (zwar immer noch kleine, aber zuletzt stark) wachsende Zahl von Jugendlichen in den USA hat gro\u00dfes Interesse an sozialistischen Ideen. Larrissa aus Minneapolis erz\u00e4hlt anhand ihrer pers\u00f6nlichen Geschichte, mit welchen Problemen Jugendliche heute in den USA zu k\u00e4mpfen haben und berichtet \u00fcber ihre eigene politische Entwicklung.<\/p>\n<h4>Kannst du dich unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz vorstellen?<\/h4>\n<p>Ich bin Larissa, 22 Jahre alt, aktuell schreibe ich Web-Seiteninhalte f\u00fcr kleine Firmen. Das ist ziemlich langweilig, da geht es um Werbung f\u00fcr Schuhe und so. Es bringt nicht viel Geld, aber ich bin ziemlich flexibel. So kann ich politisch aktiver sein. Ich bin seit ungef\u00e4hr eineinhalb Jahren Mitglied von Socialist Alternative hier in den USA.<\/p>\n<p>Bevor ich ich eingetreten bin, habe ich in Gainesville in Florida gelebt. Dort hatte ich zusammen mit f\u00fcnf Mitbewohnerinnen eine Drei-Zimmer-Wohnung und so konnten wir uns die Miete teilen. Ich habe eine Zeit lang bei Walmart gearbeitet. Das habe ich aufgegeben, weil die bei den Arbeitszeiten nie R\u00fccksicht auf meine Termine an der Uni genommen haben. Deshalb habe ich einen Job in einem Fastfood-Laden an der Universit\u00e4t Florida angefangen, aber ich musste zu einer Art Fachhochschule und die war sieben Meilen davon entfernt. Dort habe ich angefangen, Computer-Netzwerke und Computer-Sicherheit zu studieren. Das war aber eher eine sehr elementare Einf\u00fchrung in diese Themen.<\/p>\n<p>Bei meiner Arbeit gab es keine garantierten Wochenstunden. Als ich eine Zeit lang nur noch 20 Stunden arbeiten konnte, hatte ich nicht genug Geld, um die Miete zu bezahlen. Meine Mitbewohner waren auch immer knapp bei Kasse und wir wurden schlie\u00dflich aus der Wohnung geworfen. Ich habe dann so hier und da gewohnt und bin dann erst mal wieder zu meinen Eltern gezogen. In dieser Zeit habe ich Leute von Socialist Alternative kennengelernt.<\/p>\n<h4>Was wurde aus deinem Studium?<\/h4>\n<p>Als ich Gainesville verlassen musste, habe ich auch das College abgebrochen. Ich habe also keine abgeschlossene Ausbildung. Das Problem ist, weil das Studium eine Menge Geld kostet, m\u00fcssen wir einen Kredit aufnehmen. Ich bin ein Jahr zur Fachhochschule gegangen und habe bereits 8.000 Dollar Schulden.<\/p>\n<p>Der Grund, warum ich mein Studium aufgegeben habe, war nicht, weil ich es nicht gemocht h\u00e4tte, sondern weil ich es mir nicht leisten konnte. Ich habe Teilzeit gearbeitet, aber es war eine unhaltbare Situation, als ich meine Wohnung verlassen musste, musste ich auch die Stadt verlassen, also auch das Studium aufgeben. Die meisten Studierenden nehmen f\u00fcr ihr Studium einen Kredit auf, der kommt entweder vom Staat oder von einem privaten Kreditgeber. Und in meinem Fall musste ich aufh\u00f6ren, bevor die Kurse zu Ende waren. Ich bekomme erst wieder Kredit, wenn ich eine bestimmte Anzahl Kurse absolviert habe, m\u00fcsste also selber erstmal eine Zeit lang mein Studium anders finanzieren.<\/p>\n<p>Die Studien-Kredite sind ein gro\u00dfes Problem. Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, dann ist der Berg an Krediten, die von Studierenden aufgenommen worden sind, h\u00f6her, als die Kreditkartenschulden in diesem Land. Und das bedeutet auch, dass die meisten ihren Kredit f\u00fcr&#8217;s Studium erst abbezahlt haben werden, wenn sie \u00fcber 50 sind.<\/p>\n<p>Man kann auch (anders als bei anderen Krediten) f\u00fcr diese Schulden keine Privatinsolvenz anmelden. Die Aufnahme eines Studien-Kredits beeinflusst automatisch die pers\u00f6nliche Kreditw\u00fcrdigkeit, nat\u00fcrlich erst recht, wenn man in Verzug ger\u00e4t und ein Inkassounternehmen mit der Eintreibung beauftragt wird. Letzteres ist ein riesiges Problem. Also, ich habe Telefonanrufe vom Inkassounternehmen bekommen, das geht dann schon morgens um 7:30 Uhr los. Dann kann man vielleicht eine Gnadenfrist vereinbaren, damit sie einen nicht weiter anrufen. Das ist die Art, wie das System mit Bildungskrediten funktioniert, ich sch\u00e4tze mal, dass man am Ende eines Bachelor-Studiums so zwischen 35.000 und 50.000 Dollar Schulden hat, eher nahe 50.000 Dollar<\/p>\n<p>Ich plane immer noch, das Studium mal zu beenden. Aber das hei\u00dft nicht, dass ich dann Geld haben werde. F\u00fcr Leute, die ihr Studium beendet haben, ist es nichts Ungew\u00f6hnliches, erstmal in einer Firma unbezahlt zu arbeiten. Manche machen das f\u00fcr mehrere Monate, um irgendwie einen Fu\u00df in die T\u00fcr zu bekommen, was aber selten der Fall ist.<\/p>\n<h4>Warum bist du politisch aktiv geworden?<\/h4>\n<p>I\u00adch war schon immer irgendwie politisch interessiert, auch wenn das mehr in dem Sinne war, dass ich Nachrichten verfolgt und mich f\u00fcr Wahlen interessiert habe. Ich begann, mich mehr und mehr nach links zu bewegen, als ich noch ein Teenager war, schon allein, weil ich in der Gegend, in der ich gewohnt habe, in Florida, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich gesehen habe. Ich war zwar politisch interessiert, aber auch passiv. Ich hatte den Eindruck, dass sich niemand wirklich daf\u00fcr einsetzt, etwas zu \u00e4ndern. Meine Freunde und meine Familie waren nicht sonderlich politisch. Ich selber habe mich f\u00fcr die Wahlen in den USA interessiert, aber nicht so richtig daf\u00fcr, was sonst in der Welt geschieht. Als dann der arabische Fr\u00fchling losging und Occupy entstand, da wurde mir bewusst, dass sehr, sehr viele Menschen den jetzigen Zustand satt haben, dass ich nicht alleine so denke. Gleichzeitig hatte ich nicht viel Ahnung, zum Beispiel von der Geschichte der Arbeiterbewegung, dar\u00fcber wurde in der Schule nie gesprochen. Also habe ich selber angefangen was zu lesen. Und mir wurde bewusst, dass es viel mehr K\u00e4mpfe gibt und dann, ich sag&#8217;s nochmal, mit Occupy habe ich verstanden, dass es noch viel mehr Leute gibt, die \u00fcber dieselben Sachen w\u00fctend sind, \u00fcber die ich w\u00fctend war. Das verwandelte mich von jemandem, der eher passiv war, in jemanden, der den Wunsch hatte, eine aktivere Rolle zu spielen. Das war der Grund, warum ich begann, mich nach politischen Gruppen umzusehen, mit denen ich was machen k\u00f6nnte. Und so kam ich in Kontakt mit Socialist Alternative.<\/p>\n<h4>Was hat dich denn am meisten an den bestehenden Zust\u00e4nden gest\u00f6rt?<\/h4>\n<p>Da gibt es nicht nur ein oder zwei Sachen, sondern eine ganze Reihe von Gr\u00fcnden. Aber ein Beispiel: Als M\u00e4dchen aufzuwachsen, bedeutete, dass mich Sachen frustrierten, die Erwartungen in dieser Gesellschaft an Frauen etwa.<\/p>\n<p>Es \u00e4rgerte mich schon als kleines M\u00e4dchen, dass ich nicht zu den Pfadfindern durfte und nicht wie sie dort mit Luftgewehren schie\u00dfen lernen durfte. Allgemein empfand ich es als frustrierend, was von mir erwartet wurde, wie ich als M\u00e4dchen oder Frau zu sein h\u00e4tte. Das f\u00fchrte dazu, dass ich schon fr\u00fch einige feministische Ansichten hatte. Zun\u00e4chst wollte ich zum Beispiel, dass mehr Frauen gew\u00e4hlt werden, aber dann merkte ich, dass es keinen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann von den Demokraten oder Republikanern gew\u00e4hlt wird. Damals dachte ich auch noch, es g\u00e4be einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Republikanern und Demokraten, und es gibt ja auch noch einen Unterschied, aber keinen gro\u00dfen und das hat mich zum Nachdenken gebracht, \u00fcber das ganze System, das wir haben, ob die meisten Menschen \u00fcberhaupt darin repr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n<p>Es gab viele Dinge, Reichtum und Ungleichheit, Rechte von Frauen. Die Ungleichheit ist ziemlich offensichtlich. Die Multi-Millionen-Dollar-Villen am Strand von Florida, die die ganze Sicht auf das Meer einnehmen, und nur 10 oder 15 Minuten Fahrzeit entfernt leben die \u00e4rmsten Menschen.<\/p>\n<p>Es ist so offensichtlich, dass es diesen riesigen Reichtum gibt, und in unmittelbarer Nachbarschaft gibt es ganz viele Menschen, die jeden Tag k\u00e4mpfen m\u00fcssen, um \u00fcber die Runden zu kommen. Das hat nat\u00fcrlich eine Menge Fragezeichen in meinem Kopf erzeugt. Nicht aus einem einzelnen Grund, sondern weil mich viele Sachen gleichzeitig aufgeregt haben, deshalb bin ich heute aktiv.<\/p>\n<h4>Wof\u00fcr muss man w\u00e4hrend des Studiums zahlen? Auch f\u00fcr Studiengeb\u00fchren?<\/h4>\n<p>Wenn man in einem Studentenwohnheim wohnt, ist das billiger als ein normales Appartement und das Essen an der Uni ist billiger. Man muss f\u00fcr alle B\u00fccher zahlen, das geht ins Geld und dann zum Beispiel auch noch f\u00fcr Parkgeb\u00fchren, die freien Parkpl\u00e4tze sind schnell weg. Ich kann nur \u00fcber die Fachhochschule sprechen, an der ich studiert habe und die Uni, an der ich gearbeitet habe, aber es ist \u00fcberall ziemlich \u00e4hnlich.<\/p>\n<h4>Kannst Du unseren Leserinnen und Lesern einen Eindruck geben, was man so in einem Nebenjob verdient, wie viel Geld hast du bekommen?<\/h4>\n<p>Als ich bei Walmart gearbeitet habe, habe ich 7,65 Dollar pro Stunde bekommen. Alle dort arbeiteten nur Teilzeit, au\u00dfer den Filialleitern und so. Aber es war immer unsicher, wie viele Stunden ich w\u00fcrde arbeite k\u00f6nnen. Am Ende des Monats hatte ich so zwischen 600 und 800 Dollar netto. In dem Lebensmittelladen an der Uni Florida habe ich f\u00fcr acht Dollar gearbeitet, aber ich konnte weniger Stunden arbeiten, normalerweise nur 15-20 Stunden pro Woche. Ich wei\u00df jetzt nicht mehr, wie hoch meine Miete war, aber ein gro\u00dfes Problem war eher der Strom. In Florida wird es sehr, sehr hei\u00df und der Strom allein f\u00fcr die Klimaanlage konnte f\u00fcr uns zusammen schnell 400 Dollar kosten.<\/p>\n<p>Ich hatte den Vorteil, dass ich mir diese Kosten mit meinen Mitbewohnern teilen konnte, aber ich hatte Kolleginnen, die waren alleinerziehende M\u00fctter. 7,65 oder 8,00 Dollar reichen dann nicht, um Strom und Miete zu bezahlen. Eine Wohnung, selbst eine Einzimmerwohnung, kostet mit Nebenkosten so irgendwo zwischen 700 und 900 Dollar pro Monat. Deshalb fehlte mir am Ende auch das Geld, um weiter zur Uni zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Larissa von Socialist Alternative in den USA<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":28393,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[42],"tags":[300],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28392"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28392"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28392\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28393"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}