{"id":27366,"date":"2014-06-06T14:19:51","date_gmt":"2014-06-06T12:19:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=27366"},"modified":"2014-07-11T09:44:13","modified_gmt":"2014-07-11T07:44:13","slug":"prostitution-in-welcher-welt-wollen-wir-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/06\/prostitution-in-welcher-welt-wollen-wir-leben\/","title":{"rendered":"Prostitution: In welcher Welt wollen wir leben?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_23246\" aria-describedby=\"caption-attachment-23246\" style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/3521838145_6e235d5eaf_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-23246\" alt=\"Foto: flickr.com\/photos\/Kecko CC BY 2.0\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/3521838145_6e235d5eaf_b-259x173.jpg\" width=\"259\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/3521838145_6e235d5eaf_b-259x173.jpg 259w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/3521838145_6e235d5eaf_b-520x347.jpg 520w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/3521838145_6e235d5eaf_b.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 259px) 100vw, 259px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23246\" class=\"wp-caption-text\">Foto: flickr.com\/photos\/Kecko CC BY 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Eine Auseinandersetzung mit Helen Wards \u201eMarxismus versus Moralismus\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0In der aktuellen Debatte zu Prostitution werden viele absurde Positionen vertreten. Helen Wards Artikel \u201eMarxismus versus Moralismus\u201c macht den Versuch, die Debatte zu Prostitution von marxistischer Position her zu beleuchten. Deshalb ist er ein wichtiger Beitrag. Denn der Ansatz, das Ph\u00e4nomen \u201eProstitution\u201c materialistisch und \u00f6konomisch zu betrachten, statt es mit wie auch immer gearteten moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben zu messen, ist grunds\u00e4tzlich richtig.<\/p>\n<p>\u00a0<em>von Ianka Pigors<\/em><\/p>\n<p>\u00a0Sie hat zweifellos recht, wenn sie erkl\u00e4rt, dass ein Ansatz, der die Notwendigkeit, Prostitution zu bek\u00e4mpfen, damit begr\u00fcndet, dass eine extrem intime menschliche Regung, wie die Sexualit\u00e4t, nicht zur Ware gemacht werden darf, auf einer sehr romantisierten Vorstellung menschlichen Verhaltens im Kapitalismus beruht. Sie beschreibt zutreffend, dass es nicht die Prostitution ist, die die Sexualit\u00e4t aus der Sph\u00e4re der \u201eeinvernehmlichen Freuden\u201c gerissen hat, sondern die patriarchale Klassengesellschaft als solche. Eine Klassengesellschaft, die sexuelle Beziehungen und wirtschaftliche Interessen kaum trennbar miteinander verschmolzen hat, bedarf nicht der Prostitution, um die \u201efreie Liebe\u201c ins Reich romatischer Tr\u00e4ume zu verbannen. Millionen von Frauen und M\u00e4dchen, die auch heute noch mit oder ohne ihre Zustimmung in \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeiten von M\u00e4nnern gezwungen worden sind, k\u00f6nnen hiervon beredetes Zeugnis ablegen.<\/p>\n<p>Auch die Frage, ob sexuelle Handlungen tats\u00e4chlich um so viel intimer sind, als die unz\u00e4hligen anderen menschlichen Regungen, die ebenfalls der kapitalistischen Verwertung unterworfen sind, oder ob dies lediglich eine gesellschaftliche Zuschreibung ist, sollte sich alle Menschen stellen, die sich mit dem Problem Prostitution auseinandersetzen.<\/p>\n<h4>Charakter der Prostitution<\/h4>\n<p>\u00a0Leider scheitert Ward bei dem Versuch, die Prostitution an Hand des marxistischen Arbeitsbegriffs zu definieren und revolution\u00e4re Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Sie erkl\u00e4rt zun\u00e4chst, dass Prostituierte sexuelle Dienstleistungen erbringen und nicht ihren K\u00f6rper verkaufen oder vermieten. Dies ist, wenn man von Sklavereiverh\u00e4ltnissen, die in diesem Bereich nicht selten sind, absieht, sicherlich richtig.<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4rt dann, dass Prostituierte, die \u2013 zum Beispiel in einem Bordell \u2013 durch einen Unternehmer nach Stunden bezahlt werden, in einem kapitalistischen Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis stehen. Auch dies ist richtig, da in diesen F\u00e4llen ein Kapitalist Kapital einsetzt, um durch Verwertung der von der Prostituierten erworbenen Arbeitskraft mehr Kapital zu generieren. Das Austauschverh\u00e4ltnis beginnt mit dem vom Unternehmer einzusetzenden Kapital und endet mit einer \u2013 durch die Verwertung der Arbeitskraft vergr\u00f6\u00dferten \u2013 Kapitalsumme.<\/p>\n<p>Menschen, die in solchen Verh\u00e4ltnissen arbeiten, haben wie alle anderen ArbeiterInnen einen Interessenkonflikt mit dem Unternehmer. Sie wollen m\u00f6glichst viel Geld f\u00fcr ihre Arbeitskraft erhalten, w\u00e4hrend der Unternehmer einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Anteil der Arbeitskraft unentgeltlich f\u00fcr das Erwirtschaften seines Profits verwerten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Prostituierte haben potentiell die M\u00f6glichkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren und durch das Mittel des Streiks Lohnerh\u00f6hungen zu erzwingen. Eine gewerkschaftliche Organisierung innerhalb der Organisationen der Arbeiterklasse ist daher grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich. Selbst Ward r\u00e4umt allerdings ein, dass diese Art von Arbeitsverh\u00e4ltnissen im Bereich der Prostitution mit 1 Prozent Anteil (Gutachten im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, 2007) die absolute Ausnahme sind.<\/p>\n<p>Die meisten Prostituierten leben zwar in wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit von Zuh\u00e4ltern oder Vermietern von Stundenhotels, sie sind jedoch nicht lohnabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Sie tauschen sexuelle Dienstleistungen gegen das Geld, das sie f\u00fcr ihren Lebensunterhalt verwenden. Am Anfang und am Ende dieses Austauschprozesses stehen Gebrauchswerte. Er beginnt mit der angebotenen Dienstleistung und endet mit Lebensmitteln,Kleidung etc zum pers\u00f6nlichen Verbrauch durch die Prostituierte (auch wenn diese zun\u00e4chst noch in Form des Geldes \u00fcbergeben werden). Kapital entsteht in diesem Prozess nicht.<\/p>\n<p>Prostituierte in solchen Verh\u00e4ltnissen sind wirtschaftlich eher mit selbstst\u00e4ndigen Dienstleistern wie Schuhputzern oder mit Landp\u00e4chtern zu vergleichen, als mit normalen ArbeiterInnen. Marxistisch betrachtet sind sie nicht Teil der Arbeiterklasse im eigentlichen Sinne.<\/p>\n<p>Sie haben auf der einen Seite einen Interessenkonflikt mit den Anbietern der von ihren in Anspruch genommenen Dienstleistungen (Zuh\u00e4lter, Vermieter), denen sie m\u00f6glichst wenig zahlen m\u00f6chten, auf der anderen Seite besteht der Interessenkonflikt mit den Freiern, die m\u00f6glichst hohe Preise f\u00fcr die Dienste der Prostituierten zahlen sollen. F\u00fcr die Durchsetzung der Interessen dieser Prostituierten ist die Organisation in Gewerkschaften nicht geeignet.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen lediglich Kooperativen gr\u00fcnden, in denen sie Absprachen \u00fcber Mindestpreise treffen oder versuchen, die Zahlungen an Vermieter, Zuh\u00e4lter und andere durch kollektive Boykottma\u00dfnahmen zu begrenzen. Auch wenn diese Prostituierten keine ArbeiterInnen im klassischen Sinnen sind, geh\u00f6ren sie jedoch ganz \u00fcberwiegend zu den VerliererInnen in der kapitalistischen Gesellschaft. Sie sind dadurch wie Kleinbauern, Handwerker, Stra\u00dfenh\u00e4ndler und andere potentielle Partner f\u00fcr taktische B\u00fcndnisse mit der Arbeiterklasse im Kampf f\u00fcr die Verbesserung der Lebensbedingungen der Mehrheit der Menschen.<\/p>\n<p>Ginge es nur um Fragen der Verbesserung der Einkommensverh\u00e4ltnisse, w\u00e4re es zweifellos die Aufgabe der Arbeiterbewegung, die gewerkschaftliche oder kooperative Organisierung von Prostituierten vorbehaltslos zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h4>\u00a0Eine gesellschaftliche Frage<\/h4>\n<p>\u00a0Als SozialistInnen fordern wir jedoch nicht nur ein paar Br\u00f6tchen, wir wollen die ganze B\u00e4ckerei.<\/p>\n<p>Wir wollen nicht nur die finanzielle Versorgung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung verbessern, sondern auch eine lebenswertere Gesellschaft schaffen. Unser Ziel ist die demokratische Planung der gesamten Wirtschaft nach den Bed\u00fcrfnissen der Menschen.<\/p>\n<p>In einer Gesellschaft, in der das Kapital v\u00f6llig frei von jeden moralischen Bedenken nach Anlagem\u00f6glichkeiten sucht, wird menschliche Arbeitskraft zu allen erdenklichen Zwecken eingesetzt. Viele dieser Zwecke sind gesellschaftlich hochgradig sch\u00e4dlich, auch wenn die Arbeitsbedingungen der Besch\u00e4ftigten im Einzelfall sogar recht angenehm sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Bei aller Solidarit\u00e4t mit den Armen und Ausgebeuteten kann es uns daher auch heute nicht egal sein, was produziert und verkauft wird. Es gibt Wirtschaftsbereiche, in denen ArbeiterInnen t\u00e4tig sind, die wir aber im Interesse der gesamten Arbeiterklasse abschaffen wollen und m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Daher haben SozialistInnen zum Beispiel immer die gewerkschaftliche Organisierung und den Kampf der Besch\u00e4ftigten um h\u00f6here L\u00f6hne in der Waffenindustrie unterst\u00fctzt, sie haben diesen Kampf jedoch auch immer mit der Forderung nach alternativer Produktion verbunden.<\/p>\n<p>Auch in anderen Bereichen unterst\u00fctzen wir nicht alle ausgebeuteten Gruppen vorbehaltslos, sondern stellen uns die Frage, wie die gesellschaftliche Wirkung eines Wirtschaftsbereichs sind.<\/p>\n<p>Kleine Stra\u00dfendealer befinden sich beispielsweise in einer \u00e4hnlichen wirtschaftlichen Lage, wie selbstst\u00e4ndige Prostituierte.<\/p>\n<p>Sie gehen ihrer T\u00e4tigkeit zumeist aus Mangel an wirtschaftlichen Alternativen nach. Sie befinden sich meist in starker Abh\u00e4ngigkeit von den hinter ihnen stehenden Gro\u00dfh\u00e4ndlern, sind oft Gewalt, staatlichen Repressionen und Kriminalisierungen ausgesetzt und sie handeln mit einem Produkt, das ihre Abnehmer erwerben m\u00f6chten, obgleich vieles daf\u00fcr spricht, dass sie sich selbst und anderen damit schaden.<\/p>\n<p>W\u00fcrde sich eine Organisation von Stra\u00dfendealern gr\u00fcnden, w\u00fcrden SozialistInnen die Kooperation mit ihnen suchen, um sie bei der Durchsetzung von Forderungen nach Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tzen, Zugang zu Sozialleistungen, Entkriminalisierung von Drogenkonsum etc. zu unterst\u00fctzen, sie w\u00fcrden sich jedoch nicht am Kampf um bessere Lieferbedingungen bei den Gro\u00dfdealern und h\u00f6here Preise f\u00fcr die Drogenkonsumenten beteiligen.<\/p>\n<p>Auch Lohnerh\u00f6hungen f\u00fcr hauptberufliche Einbrecher oder Mitglieder von Schl\u00e4gerbanden sind, auch wenn diese Leute sicher oft ausgebeutet werden, ihre T\u00e4tigkeit aus einer finanziellen Zwangslage heraus gew\u00e4hlt haben und sicher ganz \u00fcberwiegend aus sozial schwachen Familien stammen, keine Forderungen der ArbeiterInnenklasse.<\/p>\n<p>Vorbehaltslose Solidarit\u00e4t setzt n\u00e4mlich voraus, dass dadurch anderen Teilen der Gruppe kein Schaden entsteht.<\/p>\n<h4>\u00a0Prostitution festigt frauenfeindliche Sterotype<\/h4>\n<p>\u00a0Prostitution ist nicht, wie viele b\u00fcrgerliche FeministInnen behaupten, eine normale, sogar teilweise hochqualifizierten Arbeit, die von \u2013 oft besonders spezialisierten \u2013 Frauen und M\u00e4nner mit Freuden ausge\u00fcbt wird, legitime Bed\u00fcrfnisse befriedigt und daher vor der abwertenden Behandlung moralistischer Puritaner gesch\u00fctzt werden muss.<\/p>\n<p>Diese Auffassung ignoriert einerseits, dass Sexarbeit f\u00fcr die ganz \u00fcberwiegende Mehrheit der \u201eBesch\u00e4ftigten\u201c mit erheblichen psychischen und k\u00f6rperlichen Gesundheitsgefahren verbunden ist, schlecht bezahlt wird und h\u00e4ufig unter direktem Zwang ausge\u00fcbt wird.<\/p>\n<p>Sie blendet aber auch aus, dass selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Arbeitsbedingungen erheblich verbessert werden k\u00f6nnten, die Verf\u00fcgbarkeit von Prostitution das Rollenverst\u00e4ndnis von M\u00e4nnern und Frauen in einer Gesellschaft beeinflusst und dazu beitr\u00e4gt, frauenfeindliche Stereotype zu verfestigen.<\/p>\n<p>Helen Ward nimmt diesen Umstand nicht wahr und fordert die bedingungslose Unterst\u00fctzung aller Bewegungen und Organisationen von wirtschaftlich abh\u00e4ngigen SexarbeiterInnen. Sie besch\u00f6nigt das in der Prostitution dargestellte Geschlechterverh\u00e4ltnis, indem sie zum Beispiel unkritisch das Manifest der indischen Prostituiertenorganisation Durbar zitiert, indem es hei\u00dft: \u201eDer junge Mann, der seine erste sexuelle Erfahrung sucht, der verheiratete Mann, der die Gesellschaft &#8218;anderer&#8216; Frauen sucht, der Arbeitsmigrant, der, von seiner Ehefrau getrennt, versucht, im Rotlichtdistrikt W\u00e4rme und Gesellschaft zu finden, kann nicht als b\u00f6se oder pervers abgetan werden.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es keinen Grund, die dargestellten M\u00e4nner als \u201eb\u00f6se\u201c oder \u201e pervers\u201c zu bezeichnen. Die Verh\u00e4ltnisse, in denen ein junger Mann seine erste sexuelle Erfahrung machen muss, indem er daf\u00fcr bezahlt, indem verheiratet M\u00e4nner \u201eandere\u201c Frauen nur treffen k\u00f6nnen, wenn<\/p>\n<p>sie daf\u00fcr Geld ausgeben und in denen Migranten, von ihren Familien getrennt, so verzweifelt vereinsamen, dass sie \u201eW\u00e4rme\u201c im Rotlichtdistrikt suchen, sind allerdings sowohl \u201eb\u00f6se\u201c als auch \u201epervers\u201c.<\/p>\n<p>Helen Ward zitiert diesen Text, ohne es f\u00fcr n\u00f6tig zu halten, zu erw\u00e4hnen, unter welchen Umst\u00e4nden die Altersgenossinnen des zitierten jungen Mannes ihre ersten, sexuellen Erfahrungen machen, an wen sich die Ehefrauen wenden sollen, die die Gesellschaft \u201eanderer\u201c M\u00e4nner w\u00fcnschen und wo die Frau des Arbeitsmigranten W\u00e4rme und Gesellschaft findet. In einer Gesellschaft, die die Prostitution zur Aufrechterhaltung sexistischer Verh\u00e4ltnisse benutzt, spielen die Bed\u00fcrfnisse der Frauen und M\u00e4dchen ja auch keine Rolle.<\/p>\n<h4>\u00a0M\u00e4nnliche Machtverh\u00e4ltnisse<\/h4>\n<p>\u00a0Die Behauptung, Prostitution w\u00fcrde \u00fcberwiegend von bemitleidenswerten Menschen in Anspruch genommen, die andernfalls \u00fcberhaupt kein befriedigendes Sexualleben h\u00e4tten, ist im \u00dcbrigen unzutreffend. Prostitution dient in nicht unerheblichem Ma\u00dfe der Best\u00e4tigung angeblicher m\u00e4nnlicher \u00dcberlegenheit.<\/p>\n<p>Der Verkauf von sexuellen Dienstleistungen verfestigt damit die Ideologie des unbeschr\u00e4nkten Verf\u00fcgungsanspruchs zahlungsf\u00e4higer M\u00e4nner \u00fcber die Sexualit\u00e4t von Frauen, aber auch Kindern und unter bestimmten Umst\u00e4nden, sozial schw\u00e4cheren M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>Nicht umsonst ist der Ankauf von sexuellen Dienstleistungen in vielen Bereichen, in denen es um Macht und Geld geht, ein beliebtes M\u00e4nnerritual, mit dem Erfolg und \u00dcberlegenheit gefeiert werden soll.<\/p>\n<p>Ein Beispiel hierf\u00fcr sind Vorf\u00e4lle bei der Versicherung \u201eHamburg-Mannheimer\u201c, bei der erfolgreiche Vertreter mit Einladungen zu \u201eSexparties\u201c belohnt wurden. Die Zeitung \u201eDie Welt\u201c schrieb, nachem die Vorg\u00e4nge bekannt geworden waren: \u201e&#8217;Die Damen trugen rote und gelbe B\u00e4ndchen&#8216;, berichtete ein Gast in seiner eidesstattlichen Versicherung. &#8218;Die einen waren als Hostessen anwesend, die anderen w\u00fcrden s\u00e4mtliche W\u00fcnsche erf\u00fcllen. Es gab auch Damen mit wei\u00dfen B\u00e4ndchen. Die waren aber reserviert f\u00fcr die Vorst\u00e4nde und die allerbesten Vertriebler.&#8217;\u201c (Die Welt, 18. Mai 2011\u201eVersicherung l\u00e4dt Vertreter zu Sex-Party in Ungarn\u201c)<\/p>\n<p>Viele Prostituierte berichten, dass es ein wichtiger Teil ihrer Arbeit sei, ihre Kunden als \u201eMann\u201c oder \u201etollen Kerl\u201c zu best\u00e4tigen. Sie verkaufen damit selbst dann, wenn sie gewaltt\u00e4tige oder erniedrigende Handlungen ihrer Kunden nicht zulassen (m\u00fcssen), ein reaktion\u00e4res m\u00e4nnliches Wunschbild von weiblicher Sexualit\u00e4t und weiblichem Verhalten und verfestigen damit Rollenbilder, die den Ideen von Gleichberechtigung entgegen stehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesellschaftliche Wirkung spielt es dabei keine Rolle, ob es der Sexarbeiterin gelingt, sich innerlich von ihrer Darstellung zu distanzieren oder nicht.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re beispielsweise arrogant, anzunehmen, dass sich die zahlreichen Menschen aus Afrika und Asien, die zwischen dem 18ten und der Mitte des 20sten Jahrhunderts auf sogenannten \u201eV\u00f6lkerschauen\u201c ausgestellt wurden, um dem europ\u00e4ischen Publikum die \u201erassische Unterlegenheit\u201c der Bev\u00f6lkerung der Kolonien vorzuf\u00fchren, tats\u00e4chlich mit der Botschaft des erniedrigenden Schauspiels identifizierten.<\/p>\n<p>Der rassistischen Wirkung auf das Weltbild des Publikums d\u00fcrfte das keinen Abbruch getan haben.<\/p>\n<p>Eine Neuauflage dieser Veranstaltungen w\u00e4re auch dann nicht gerechtfertigt, wenn sich Freiwillige f\u00e4nden, die gegen gute Bezahlung bereit w\u00e4ren, als \u201eWilde\u201coder \u201eUntermenschen\u201c zu posieren.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Grund, im Falle von Prostitution andere Ma\u00dfst\u00e4be anzulegen, und die Darstellung von Rollenbildern zu f\u00f6rdern, die mit gutem Grund abzulehnen sind, nur weil in diesem Wirtschaftszweig Erwerbsm\u00f6glichkeiten bestehen, auf die Menschen angewiesen sind.<\/p>\n<p>Die Diskussion \u00fcber die Frage, ob ein allgemeines Recht existiert, sich zu prostituieren, ist in der jetzigen gesellschaftlichen Situation l\u00e4cherlich. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es zahllose Menschen, f\u00fcr die die Prostitution das kleinere \u00dcbel gegen\u00fcber bitterer Armut, anderen sch\u00e4dlichen Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen oder pers\u00f6nlichen Abh\u00e4ngigkeiten ist und die daher \u201efreiwillig\u201c sexuelle Dienste anbieten.<\/p>\n<h4>\u00a0Sozialistische Alternative<\/h4>\n<p>\u00a0Solange wir in einer Gesellschaft leben, die diesen Menschen keine akzeptable Alternative bieten kann, gibt es f\u00fcr linke und gewerkschaftliche Organisationen keine andere M\u00f6glichkeit, als zu akzeptieren, dass Menschen sich prostituieren. Sie sollten versuchen, sie bei der Verbesserung ihrer Lebensverh\u00e4ltnisse oder bei einer \u201eberuflichen Neuorientierung\u201c zu unterst\u00fctzen und gleichzeitig mit Aufkl\u00e4rungsarbeit f\u00fcr ein gesellschaftliches Klima zu sorgen, indem Prostitution nicht nachgefragt wird.<\/p>\n<p>In einer sozialistischen Gesellschaft, in der es keinen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Zwang zur Aus\u00fcbung der Prostitution gibt, g\u00e4be es hingegen keinen Grund, sie zu dulden. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass dieser \u201eBerufswunsch\u201c in einer solchen Gesellschaft h\u00e4ufig auftreten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u00a0<strong>Der Artikel von Helen Ward ist unter <a href=\"www.trend.infopartisan.net\/trd7807\/t407807.html\">www.trend.infopartisan.net\/trd7807\/t407807.html<\/a> zu finden.<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<span style=\"font-size: x-small;\"><em>Ianka Pigors ist Rechtsanw\u00e4ltin, lebt in Hamburg und unterst\u00fctzt dort die Bewegung der Lampedusa-Fl\u00fcchtlinge.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Auseinandersetzung mit Helen Wards \u201eMarxismus versus Moralismus\u201c \u00a0In der aktuellen Debatte zu Prostitution werden viele absurde Positionen vertreten. 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