{"id":27278,"date":"2014-07-20T09:00:06","date_gmt":"2014-07-20T07:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=27278"},"modified":"2014-07-23T11:11:02","modified_gmt":"2014-07-23T09:11:02","slug":"20-juli-1944-stauffenberg-attentat-auf-hitler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/07\/20-juli-1944-stauffenberg-attentat-auf-hitler\/","title":{"rendered":"20. Juli 1944: Stauffenberg-Attentat auf Hitler"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_27279\" aria-describedby=\"caption-attachment-27279\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2935351652_6222dc5afa_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-27279\" alt=\"Verschw\u00f6rer des 20. Juli Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/lizandcormac\/ CC BY-NC-ND 2.0\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2935351652_6222dc5afa_b-e1400574988933-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2935351652_6222dc5afa_b-e1400574988933-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2935351652_6222dc5afa_b-e1400574988933-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2935351652_6222dc5afa_b-e1400574988933-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/2935351652_6222dc5afa_b-e1400574988933.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-27279\" class=\"wp-caption-text\">Verschw\u00f6rer des 20. Juli Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/lizandcormac\/ CC BY-NC-ND 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u201c&#8230; um das Reich zu retten.\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des 70. Jahrestages des Attentats ver\u00f6ffentlichen wir erneut einen Artikel, der vor zehn Jahren geschrieben wurde und an seiner Relevanz f\u00fcr heute nichts eingeb\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n<p><strong>Wenn die Regierung und die b\u00fcrgerlichen Medien dem Widerstand gegen das NS-Regime gedenken, dann heben sie in der Regel den milit\u00e4rischen Widerstand hervor. Nach dem Hitler-Attent\u00e4ter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurden eine Kaserne und 300 Stra\u00dfen benannt. Besonders in diesem Jahr, zum 60. Jahrestag, ist viel von Zivilcourage und Demokratie die Rede. Was hat es auf sich mit dem milit\u00e4rischen Widerstand? Warum gedenken die B\u00fcrgerlichen gerade Stauffenberg? Und wer brachte den Faschismus an die Macht und wer st\u00fcrzte ihn?<\/strong><\/p>\n<p><em>von Christoph W\u00e4lz, Leipzig\u00a0<\/em><\/p>\n<h4>Tat und T\u00e4ter<\/h4>\n<p>Stauffenberg stand 1944 als Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres im Mittelpunkt eines Netzwerkes von etwa 200 Oppositionellen. \u00dcber Jahre hinweg hatten Offiziere, die dem NS-Regime zun\u00e4chst loyal gegen\u00fcber standen, diese Opposition im Staatsapparat aufgebaut und auch Verbindungen zur zivilen Opposition hergestellt. Nach mehreren misslungenen Attentaten schlug am 20. Juli 1944 auch der letzte Versuch fehl. Hitler \u00fcberlebte Stauffenbergs Sprengstoffanschlag bei einer milit\u00e4rischen Lagebesprechung im Hauptquartier \u201cWolfsschanze\u201d.<\/p>\n<p>Stauffenberg stammte aus einer standesbewussten katholischen Adelsfamilie. Die Novemberrevolution von 1918 und die Abdankung des Kaisers kr\u00e4nkte das adlige Selbstwertgef\u00fchl. Stauffenberg wollte sich dem \u201cerhabenen Kampf f\u00fcr das Volk opfern\u201d und wurde Berufsoffizier. Da er die Ideen der Nazis vom F\u00fchrerprinzip und der Volksgemeinschaft teilte, begr\u00fc\u00dfte er Hitlers Regime. Trotzdem bewahrte er eine kritische Distanz, die von einer standesbedingten Verachtung des Nazi-P\u00f6bels herr\u00fchrte. Als Adliger und Soldat f\u00fchlte er sich \u00fcberlegen. Stauffenberg f\u00fcgte sich in die Wehrmacht ein und trug den Krieg, f\u00fcr ihn ein \u201cv\u00f6lkischer Entscheidungskampf um Sein oder Nichtsein der Nation\u201d, bis 1942 mit. Als er jedoch zur \u00dcberzeugung kam, dass sein \u201cVaterland\u201d unter Hitlers F\u00fchrung geradewegs auf den Abgrund zusteuert, schloss er sich dem b\u00fcrgerlich-milit\u00e4rischen Widerstand an.<\/p>\n<h4>Gedenken und R\u00fcsten<\/h4>\n<p>Im westlichen Teil Deutschlands wurde Stauffenberg und seinen Mitverschw\u00f6rern nach 1945 zun\u00e4chst nicht offiziell gedacht. Soldaten, die w\u00e4hrend eines Krieges den F\u00fchrer ermorden wollten, galten noch lange als Verr\u00e4ter. Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff hatte aber schon 1946 darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, diese \u201cMenschen, aus deren Sein und Handeln, aus deren Wesen und Erkennen die geistige Erneuerung und der Wiederaufbau des Landes Gestalt gewinnen sollte\u201d zu ehren. Ebenso befassten sich die Historiker Hans Rothfels und Gerhard Ritter gezielt mit dem konservativen Widerstand, um eine positive Kontinuit\u00e4t der deutschen Geschichte zu konstruieren. Als erster Bundespr\u00e4sident gedachte Theodor Heuss 1954 dem Widerstand. Die M\u00e4nner des 20. Juli 1944 seien f\u00fcr das andere, das bessere Deutschland gestorben, zu dem auch \u201cdas recht verstandene preu\u00dfische Erbe\u201d geh\u00f6re. \u201cDie Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt.\u201d Diese Worte lassen klar erkennen, worum es ging und worum es auch heute geht.<\/p>\n<p>Denn auch heute sehen die B\u00fcrgerlichen in Stauffenberg und seinen Mitstreitern das \u201cbessere Deutschland\u201d. Sie sollen einen Nationalstaat repr\u00e4sentieren, dessen Herrschende sich nicht mit dem Blut von Auschwitz besudelt haben.<\/p>\n<p>Die Niederlage des Zweiten Weltkriegs hatte die M\u00f6glichkeiten der deutschen Kapitalisten eingeschr\u00e4nkt. Lange mussten sie sich der F\u00fchrung der USA unterordnen. Mit der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus in Osteuropa und der Wiedervereinigung Deutschlands sind die Chancen des deutschen Kapitals, wieder eine eigenst\u00e4ndige Weltmachtposition einzunehmen, deutlich gestiegen. Osteuropa steht ihnen wieder als Markt zur Verf\u00fcgung. Deutsche Soldaten sind wieder weltweit im Einsatz, um den \u201cfreien Zugang zu Rohstoffen und M\u00e4rkten\u201d zu gew\u00e4hrleisten. (Verteidigungspolitische Richtlinien, 1992) Die deutschen Herrschenden wollen uns also wieder an Kriegseins\u00e4tze gew\u00f6hnen, um nicht nur eine wirt-schaftlich dominante Stellung zu haben, sondern auch wieder politisch zu den Gro\u00dfen zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber viele Menschen haben noch nicht vergessen, dass die Expansion des deutschen Imperialismus der Welt schon einmal Tod und Zerst\u00f6rung brachte. Deshalb soll Stauffenberg als Beweis daf\u00fcr herhalten, dass Teile der Elite der Nation den Faschismus nicht wollten. Schon 1954 lie\u00df Heuss einige Tatsachen unter den Tisch fallen: Stauffenberg und seine Mitstreiter waren keine Demokraten, die meisten von ihnen hatten Hitlers Politik unterst\u00fctzt und seinen Krieg mitgef\u00fchrt. Bei den heutigen Ehrungen sollen die M\u00e4nner des 20. Juli immer noch \u201edie positive Kontinuit\u00e4t\u201c des deutschen Staates verdeutlichen.<\/p>\n<p>Widerstand wird uns dargestellt als Widerstand der Eliten. So sagte Willy Brandt 1990 im Bundestag: \u201cWir sind dem Erbe des deutschen Widerstandes verpflichtet. In dieser Stunde denke ich an Julius Leber und an den Grafen Stauffenberg.\u201d Nur kurz vorher hatte die \u201cArbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten\u201d Material \u00fcber den \u201cWiderstand von unten\u201d zusammengetragen, um der Fixierung auf die Eliten entgegenzuwirken. Kein Wort davon. Dabei waren es gerade die Eliten, die Hitlers Bewegung aufgebaut und an die Macht gebracht haben. <\/p>\n<h4>Steigb\u00fcgel und Kettenhunde<\/h4>\n<p>Die herrschende Klasse l\u00e4sst Faschisten dann an die Macht, wenn die Herrschaftsmethoden des b\u00fcrgerlichen Staates nicht mehr ausreichen, um einer starken Arbeiterbewegung Herr zu werden. Die deutsche Arbeiterklasse stand 1918 mit der Novemberrevolution kurz davor, die Staatsmacht zu ergreifen und die Kapitalisten zu enteignen. Damals kam die SPD dem Kapital zu Hilfe. Die Kapitalisten konnten weiter herrschen, aber das parlamentarische System beinhaltete immer auch Elemente des Kompromisses mit der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Eigentlich ist b\u00fcrgerlicher Parlamentarismus die ideale Form b\u00fcrgerlicher Herrschaft, weil er die Arbeiterklasse zu einem gewissen Grade integriert, ohne das Privateigentum in Frage zu stellen. Dadurch erh\u00e4lt das System seine Stabilit\u00e4t. Anfang der 30er Jahre aber hatte der Parlamentarismus f\u00fcr die Herrschenden ausgedient.<\/p>\n<p>Von Anfang an war die faschistische Bewegung auch vom Gro\u00dfkapital finanziert worden. Einige der ersten Gro\u00dfspender waren zum Beispiel die Industriellen Ernst von Borsig, Hugo Stinnes, Emil Kirdorf und Fritz Thyssen. Die Partei bestand zun\u00e4chst vor allem aus Soldaten der unteren und mittleren Offiziersr\u00e4nge, die von Hass erf\u00fcllt waren \u00fcber den Ausgang des Ersten Weltkriegs, die Novemberrevolution und ihr verlorenes Ansehen.<\/p>\n<p>Ende der 20er Jahren zog die NSDAP dann Massen von Kleinb\u00fcrgern an, die von der wirtschaftlichen Entwicklung ruiniert wurden. Bis 1923 gingen gro\u00dfe Teile des Kleinb\u00fcrgertums noch mit der Arbeiterklasse. Aber die Unf\u00e4higkeit der Arbeiterparteien, einen wirklichen Ausweg aus der Krise aufzuzeigen, trieb immer mehr in die Arme Hitlers. 1933 war \u201cder breite Mittelstand v\u00f6llig dem Sog der nationalsozialistischen Propaganda erlegen\u201d, wie der Historiker Hans Mommsen feststellte.<\/p>\n<p>Die Nazis waren (und sind) die Kettenhunde des Kapitals. So charakterisierte der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki ihre Diktatur treffend: \u201cDer Faschismus ist nicht einfach ein System von Repressionen, Gewalttaten, Polizeiterror. Der Faschismus ist ein besonderes Staatssystem, begr\u00fcndet auf der Ausrottung aller Elemente proletarischer Demokratie in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Die Aufgabe des Faschismus besteht nicht allein in der Zerschlagung der proletarischen Avantgarde, sondern auch darin, die ganze Klasse im Zustande erzwungener Zersplitterung zu halten. Hierzu ist die physische Vertilgung der revolution\u00e4rsten Arbeiterschicht ungen\u00fcgend. Es hei\u00dft alle selbst\u00e4ndigen und freiwilligen Organisationen zu zertr\u00fcmmern, alle St\u00fctzpunkte des Proletariats zu vernichten und die Ergebnisse von dreiviertel Jahrhundert Arbeit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften auszurotten. Denn auf diese Arbeit st\u00fctzt sich in letzter Instanz auch die kommunistische Partei.\u201d<\/p>\n<p>Ohne all das w\u00e4re es nicht m\u00f6glich gewesen, in den Betrieben das F\u00fchrerprinzip einzuf\u00fchren, den Lebensstandard der Werkt\u00e4tigen nachhaltig zu senken und die Bedingungen f\u00fcr eine erneute kriegerische Expansion zu schaffen.<\/p>\n<p>Somit ist der Faschismus die zugespitzteste, radikalste Form b\u00fcrgerlicher Herrschaft, die f\u00fcr die Kapitalisten ein gro\u00dfes Risiko beinhaltet. Sie geben ihre Kontrolle \u00fcber den Staatsapparat nicht ohne Not an eine faschistische Bewegung ab. 1932 sprachen NS-Funktion\u00e4re vor gro\u00dfen Versammlungen von Industriellen. Die Herrschenden sollten ihre Zweifel ablegen, ob Hitler wirklich bef\u00e4higt ist, die Staatsgesch\u00e4fte zu lenken und die Profitbedingungen zu verbessern. Hitler versprach \u00fcber 400 Vertretern der Industrie aus dem Rhein\/Ruhr-Gebiet, den \u201cMarxismus bis zur letzten Wurzel\u201d auszurotten und das Volk in eine \u201cSchule eiserner Disziplin\u201d zu nehmen. Er bekannte sich klar zur \u201cprivaten Wirtschaft\u201d.<\/p>\n<p>1933 schienen die Methoden parlamentarischer Herrschaft ausgesch\u00f6pft. Das kapitalistische Krisenmanagement erforderte eine qualitative Verschiebung im Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen Kapital und Arbeit. Die Historiker P\u00e4tzold und Wei\u00dfbecker schreiben \u00fcber die Stimmungslage der Unternehmer: \u201cSo gelangten auch jene, denen diese Hitlersche \u201aArbeiterpartei\u2018 ungenehm war, ungeheuer, weil unberechenbar vorkam, zu dem Schlu\u00df, da\u00df man es mit diesem \u201aF\u00fchrer\u2018 w\u00fcrde versuchen m\u00fcssen. Das beg\u00fcnstigte das Projekt der Kanzlerschaft Hitlers, f\u00fcr das sich eine Minderheit unter den m\u00e4chtigsten Kapitaleignern und Gro\u00dfagrariern vehement verwandte. Ihre St\u00e4rke resultierte aus dem Einflu\u00df, \u00fcber den sie geboten, aber sie wurde durch den Umstand erheblich vergr\u00f6\u00dfert, da\u00df es ein \u00fcberzeugendes Konkurrenzprojekt nicht mehr gab.\u201d<\/p>\n<h4>Klasse und Widerstand<\/h4>\n<p>Die Entstehung der NS-Diktatur f\u00fchrte sofort zum Widerstand der Arbeiterbewegung. So erz\u00e4hlte der im Jahre 2000 als SAV-Mitglied verstorbene Horst Steinert, der 1933 Jung-kommunist war: \u201cWir wollten k\u00e4mpfen. Hunderttausende wollten k\u00e4mpfen. In der Nacht vom 30. Januar sa\u00df ich gemeinsam mit anderen KPD-Mitgliedern in einem Berliner Keller; wir waren bewaffnet, und warteten auf das Signal zum Aufstand. Ich erinnere mich noch genau. Zwei Tage warteten wir damals auf einen Befehl der KPD-F\u00fchrung. Aber nichts kam. Kein Befehl. Nichts. Versagt haben damals nicht die Tausende von Mitgliedern der KPD, sondern die Parteif\u00fchrung.\u201d<\/p>\n<p>Dass die Kapitalistenklasse ihre Kontrolle \u00fcber den Staatsapparat weitgehend abgegeben hatte, schuf aber auch die Bedingungen f\u00fcr die Entstehung einer b\u00fcrgerlichen Opposition. Deren Ziel war es, den Nazi-P\u00f6bel zu entmachten und selbst wieder die politische Verwaltung des Kapitalismus zu \u00fcbernehmen. Zun\u00e4chst jedoch lebten Kapital und alte Eliten gut mit dem Faschismus.<\/p>\n<p>So wie Anfang der 30er Jahre die Situation des b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus erst eine neue Qualit\u00e4t der Ausweglosigkeit erreichen musste, damit die Kapitalisten Hitler zur Macht hoben, so musste das faschistische Regime erst die b\u00fcrgerliche Herrschaft an sich gef\u00e4hrden, um dem b\u00fcrgerlichen Widerstand immer mehr Auftrieb zu geben.<\/p>\n<p>Wenn auch einzelne Industrielle wie Dahrendorf, ein f\u00fchrender Manager des Energiekonzerns Preussag, oder Lobbyisten des Kapitals wie Carl Goerdeler oder Ulrich von Hassel, an den Staatsstreichpl\u00e4nen um Stauffenberg beteiligt waren, so war es doch vor allem das Milit\u00e4r, das den b\u00fcrgerlichen Widerstand ausmachte.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der Offiziere zur NS-Bewegung war unterschiedlich. W\u00e4hrend untere und mittlere Offiziere ab 1918\/19 zu den konterrevolution\u00e4ren Freikorps und zum Grundstein der Nazi-Bewegung geh\u00f6rten, standen die f\u00fchrenden R\u00e4nge des Milit\u00e4rs den Nazis eher kritisch gegen\u00fcber. Mit ihrer adligen Herkunft blickten sie ver\u00e4chtlich auf den \u201cKleinb\u00fcrger\u201d Hitler und die \u201cbraune Pest\u201d herab, wie es Stauffenberg formulierte.<\/p>\n<p>Vom Wertekodex und den politischen Zielen her kamen sich Offizierskorps und Nazi-Bewegung aber sehr nahe. Auch die Offiziere wollten eine autorit\u00e4re Staatsform und eine nationale und antiliberale Gesellschaft, auch sie wollten ein Wiedererstarken des Milit\u00e4rs und eine deutsche Hegemonie \u00fcber Europa. Der \u201cSchandfrieden\u201d von 1918 sollte r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n<p>Hitler war zun\u00e4chst auf die Unterst\u00fctzung des Milit\u00e4rs angewiesen. Durch den Ausbau seines Herrschaftsapparates, den Aufbau eigener bewaffneter Organe, die Ausschaltung unliebsamer Offiziere und durch seinen Oberbefehl \u00fcber die Wehrmacht entzog sich Hitler aber immer mehr einer vermeintlichen Kontrolle durch die Offiziere, die sich einige von diesen erhofft hatten.<\/p>\n<p>Das war der eine Grund f\u00fcr eine wachsende Bereitschaft einiger Offiziere zum \u201cWiderstand\u201d. Der weitaus wichtigere Grund aber bestand darin, dass die etwas weitsichtigeren Teile des Staatsapparates im verbissenen Kriegskurs der Staatsf\u00fchrung eine zunehmend existenzielle Bedrohung der Herrschaft des deutschen B\u00fcrgertums sahen. Im Laufe der Jahre 1942\/43 wurde daf\u00fcr dann immer weniger Weitsicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Schon im November 1937 warnten Feldmarschall von Blomberg, Armeegeneral von Fritsch und Reichsau\u00dfenminister von Neurath vor einem zu aggressiven Kriegskurs. Sie meinten, dass das Reich f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dferen Konflikt milit\u00e4risch und wirtschaftlich noch nicht gen\u00fcgend vorbereitet war.<\/p>\n<p>1938 spitzte sich die Situation weiter zu. Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff, bem\u00fcht die imperialistischen Absichten der Offiziere zu verbergen, schrieb 1946: \u201cDer erste Versuch, eine planm\u00e4\u00dfige Opposition zu organisieren, f\u00e4llt in das Jahr 1938, nachdem im Fr\u00fchjahr jenes Jahres durch die Besetzung \u00d6sterreichs klar geworden war, dass die Au\u00dfenpolitik des Nationalsozialismus zwangsl\u00e4ufig zu einer europ\u00e4ischen Katastrophe f\u00fchren musste.\u201d<\/p>\n<p>Im August 1938 \u00fcbte Generaloberst Ludwig Beck scharfe Kritik an Hitler, weil er bef\u00fcrchtete, dass dessen Vorgehen gegen die Tschechoslowakei verfr\u00fcht sei und Deutschland in eine Niederlage treiben w\u00fcrde. Beck bef\u00fcrchtete einen Sieg der politischen Linken. Sein Gegenmittel: \u201cF\u00fcr den F\u00fchrer, gegen den Krieg\u201d. Beck trat zur\u00fcck. Die Heeresf\u00fchrung verb\u00fcndete sich kurz darauf zum ersten Mal gegen Hitler. (Es sollte das einzige Mal bleiben.) F\u00fcr den Fall eines Angriffs auf die Tschechoslowakei sollte Hitler festgenommen werden. Als Hitler auf der M\u00fcnchner Konferenz eine diplomatische \u201cL\u00f6sung\u201d der \u201cSudetenfrage\u201d erreichte, nahm die Heeresf\u00fchrung von ihren Pl\u00e4nen Abstand, weil ihre Bef\u00fcrchtungen von einem zu \u00fcberhasteten Vorgehen verflogen waren.<\/p>\n<p>Nach der Eroberung Polens 1939 und den damit verbundenen Massenmorden wurde weiteren Offizieren mulmig. Stauffenbergs Mitverschw\u00f6rer Hans-Bernd von Haeften nannte Hitler einen \u201cVollstrecker des B\u00f6sen\u201d. Die anf\u00e4nglichen Erfolge im Krieg hielten den Staatsapparat aber noch zusammen. Einige Milit\u00e4rs hatten Bedenken gegen\u00fcber dem Frankreich-Feldzug. Aber als Frankreich eingenommen war, war es wieder vorbei mit ihren \u00dcberlegungen zum \u201cWiderstand\u201d. Mit zunehmender Bedrohung nahmen die Spaltungen zu und immer mehr Offiziere waren bereit sich Hitler in den Weg zu stellen, \u201cum das Reich zu retten\u201d (Stauffenberg, Sommer 1943).<\/p>\n<p>Der \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Juni 1940 st\u00e4rkte zun\u00e4chst das B\u00fcndnis zwischen dem Regime und der Wehrmachtsf\u00fchrung, da die Milit\u00e4rs die Sowjetunion auch als ideologischen Feind sahen. Aber der Feldzug brachte die Wende. Im Winter 1941\/42 zeichnete sich eine Niederlage der Wehrmacht bereits ab. Fieberhaft bastelte Oberstleutnant Henning von Tresckow an der Ostfront und bis in zivile Berliner Kreise hinein an einem oppositionellen Netzwerk.<\/p>\n<p>Im Januar 1943 stellten die Alliierten die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation auf. Das dr\u00e4ngte den milit\u00e4rischen Widerstand zu Taten, weil das Attentat einer Niederlage zuvorkommen musste, um eventuell noch bessere Friedensbedingungen auszuhandeln. Andererseits bestanden Skrupel angesichts der St\u00e4rke der Roten Armee und der Drohung mit der bedingungslosen Kapitulation. Man wollte durch eine weitere Destabilisierung der milit\u00e4rischen Lage nicht als Verr\u00e4ter dastehen.<\/p>\n<p>Die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad im Februar 1943 machte letzte Illusionen zunichte. Stauffenberg kannte als Nachschubplaner den Zustand der Wehrmacht genau. Seine Hoffnungen, die Sowjetunion erobern zu k\u00f6nnen, um dann als Armee das \u201cGesetz des Handels\u201d an sich zu rei\u00dfen und die Staatsf\u00fchrung auszuschalten, waren dahin. Er stie\u00df zu Tresckows Gruppe.<\/p>\n<p>Im Laufe des Jahres scheiterten zwei Attentatsversuche von Offizieren in der Heeresgruppe Mitte um Tresckow nur knapp. Attentatsversuche von Offizieren, die mit Stauffenberg in Kontakt standen, scheiterten im November 1943 und im Januar 1944. Im M\u00e4rz versuchte ein durch Tresckow \u00fcberzeugter Offizier Hitler zu erschie\u00dfen. Auch er scheiterte.<\/p>\n<p>Das Vorr\u00fccken der Roten Armee war aus der Sicht adliger Offiziere eine Katastrophe. Es gef\u00e4hrdete unmittelbar ihren Besitz, ihre Stellung und ihr Leben und bedrohte ihre Klasse mit der Enteignung. Goerdeler, der im Falle eines erfolgreichen Staatsstreiches Reichskanzler werden sollte, schrieb 1943 in einer Denkschrift: \u201cDie beiden angels\u00e4chsischen Gro\u00dfreiche haben wie Deutschland ein Lebensinteresse, dass der Bolschewismus nicht weiter nach Westen vordringt. Nur Deutschland kann den Bolschewismus aufhalten.\u201d Das Attentat am 20. Juli 1944 war also ein letzter Versuch, durch die Beseitigung Hitlers aus Deutschlands Innerem heraus eine Niederlage abzuwenden, m\u00f6glicherweise einen schnellen Frieden im Westen zu erreichen, um den Krieg gegen die Sowjetunion weiter f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um die Unabh\u00e4ngigkeit des deutschen Staates einigerma\u00dfen zu bewahren, musste aus der Sicht der Offiziere die Staatsf\u00fchrung ausgetauscht werden. Die \u201cEhre\u201d der traditionellen herrschenden Klasse sollte bewahrt werden, um sich bessere Bedingungen f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Herrschaft zu sichern. Goerdeler schreibt zu den Pl\u00e4nen des b\u00fcrgerlich-milit\u00e4rischen Widerstands: \u201cDeutschland bedarf einer monarchischen Spitze, die eine stetige Innen- und Au\u00dfenpolitik gew\u00e4hrleistet. Eine w\u00e4hlbare Spitze vermag dies nicht.\u201d<\/p>\n<p>Nur die Arbeiterbewegung h\u00e4tte den Faschismus verhindern k\u00f6nnen. Aber die F\u00fchrung der Arbeiterparteien KPD und SPD versagten. Ihre Politik war nicht dazu in der Lage, eine Einheitsfront der Arbeiterklasse gegen die Nazi-Bedrohung aufzubauen.<\/p>\n<p>Die KPD hatte nach dem Sieg der stalinistischen B\u00fcrokratie in der Sowjetunion und der Stalinisierung der Kommunistischen Internationale den Zickzack-Kurs von Stalins Au\u00dfenpolitik mitgemacht. Als Stalin die Parole ausgab: \u201cDie Sozialdemokratie ist objektiv der gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel des Faschismus\u201d, bezeichnete auch die KPD SozialdemokratInnen als \u201cSozialfaschisten\u201d. Im Kampf gegen die Nazis forderte die KPD die Mitglieder der SPD auf, sich f\u00fcr die Herstellung einer Einheitsfront der F\u00fchrung der KPD unterzuordnen.<\/p>\n<p>Trotzki und seine Anh\u00e4ngerInnen \u00fcbersch\u00fctteten die KPD mit Warnungen, dass dieser katastrophale Kurs die Arbeiterklasse in die Niederlage treibt: \u201cOhne Verzug muss endlich ein praktisches System von Ma\u00dfnahmen ausgearbeitet werden &#8230; mit dem Ziel des tats\u00e4chlichen Kampfes gegen den Faschismus. Die Frage des Betriebsschutzes, der freien T\u00e4tigkeit der Betriebsr\u00e4te, der Unantastbarkeit der Arbeiterorganisationen und -einrichtungen, der Waffenlager, die von den Faschisten gepl\u00fcndert werden k\u00f6nnen, Ma\u00dfnahmen f\u00fcr den Fall der Gefahr, die Koordinierung der Kampfhandlungen der kommunistischen und sozialdemokratischen Abteilungen &#8230; Auf diesem Boden ist ein \u00dcbereinkommen mit den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisationen nicht nur zul\u00e4ssig, sondern Pflicht. Darauf aus \u201aprinzipiellen\u2018 Erw\u00e4gungen verzichten (in Wirklichkeit aus b\u00fcrokratischer Dummheit oder noch \u00e4rger: aus Feigheit), hei\u00dft, direkt und unmitelbar dem Faschismus zu helfen.\u201d<\/p>\n<p>Die SPD hingegen beschimpfte Kommunisten als \u201crotlackierte Faschisten\u201d. In der Theorie kritisierte die SPD-F\u00fchrung das kapitalistische Krisenmanagement der Br\u00fcning-Regierung zwar scharf, tolerierte Br\u00fcning aber als das \u201ckleinere \u00dcbel\u201d. Als Antwort auf das Wachstum der Nazi-Bewegung fielen der SPD-F\u00fchrung nur Wahlaufrufe ein.<\/p>\n<p>Der Preis war die Zerschlagung der Arbeiterbewegung als eine der ersten Ma\u00dfnahmen des neuen Regimes. Erst mit einer gebrochenen Arbeiterbewegung stand den Kapitalisten der Weg zur erneuten Aufr\u00fcstung offen. Aber die Arbeiterbewegung war nicht tot. Trotz Lebensgefahr k\u00e4mpften ihre AktivistInnen weiter gegen das Regime.<\/p>\n<p>Bis in die 40er Jahre haben sie den Widerstand durchgehalten und die Hauptlast der Unterdr\u00fcckung getragen. So meldete eine Polizeistatistik, dass der April 1939 ein durch-schnittlicher Monat gewesen sei: Festgenommen wurden 357 Oppositionelle, davon 223 aus der KPD, 37 andere aus der Arbeiterbewegung und 97 sonstige. Im April 1943 wurden 1387 Festnahmen aus der Arbeiterbewegung und 529 Festnahmen aus dem b\u00fcrgerlichen Lager vermerkt.<\/p>\n<p>Leider konnte unter den Bedingungen faschistischer Herrschaft keine Bewegung aufgebaut werden, die die Nazi-Diktatur wirklich h\u00e4tte st\u00fcrzen k\u00f6nnen. Aber wie viele Traditionen erhalten blieben zeigte sich 1945, nach der Befreiung, als im ganzen Land \u201cAntifa-Komitees\u201d aus dem Boden sprossen. ArbeiterInnen organisierten sich sofort und begannen damit, Nazis von ihren Posten zu vertreiben und die herrschende Klasse f\u00fcr ihre Zusammenarbeit mit den Nazis anzugreifen.<\/p>\n<h4>Klasse und Krieg<\/h4>\n<p>Und trotz der katastrophalen Niederlage der Arbeiterbewegung 1933 war es doch keine b\u00fcrgerliche Kraft, die das Regime zerschlug. Es waren die ArbeiterInnen, SoldatInnen und PartisanInnen der Sowjetunion, die der Wehrmacht mit einer unglaublichen Kraftanstrengung das Genick brachen.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerlichen ehren den Kampf der westlichen Alliierten. Mit gro\u00dfen Feierlichkeiten wurde der 60. Jahrestag des \u201cD-Day\u201d gefeiert, die Landung der britischen und US-Truppen in der Normandie. Es wird der Eindruck erweckt, als h\u00e4tten die Westalliierten den Faschismus besiegt und Deutschland die Demokratie gebracht.<\/p>\n<p>Doch was war der D-Day im Vergleich zu dem gewaltigen Blutzoll der Sowjetunion? Was war der milit\u00e4rische Beitrag der Westalliierten im Vergleich mit der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad? Wo waren die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Befreiung durch die Rote Armee am 8. Mai?<\/p>\n<p>Wenn wir die Leistungen der Roten Armee und den proletarischen Klassencharakter der Sowjetunion betonen, dann muss besonders hervorgehoben werden, dass die stalinistische b\u00fcrokratische Diktatur den antifaschistischen Widerstand, die sowjetische Wirtschaft und die Kampfkraft der Roten Armee erheblich schw\u00e4chte.<\/p>\n<p>Stalins Politik hat nicht nur den Widerstand vor 1933 sabotiert. Auch nach 1933 schw\u00e4chte er den Widerstand, zum Beispiel durch die Auslieferung von 800 deutschen AntifaschistInnen an das Hitler-Regime und durch den Hitler-Stalin-Pakt, der die kommunistische Bewegung auf der ganzen Welt demoralisierte und auch in Deutschland zu einem R\u00fcckgang des Widerstands f\u00fchrte.<\/p>\n<p>In der Sowjetunion wurde jegliche Arbeiterdemokratie erstickt. Planwirtschaft kann sich aber nur durch die direkte demokratische Kontrolle und Verwaltung der ArbeiterInnen entfalten. Deshalb wurde die Industrie nur mit erheblichen Ungleichgewichten aus dem Boden gestampft. Die Leistungen der sowjetischen Arbeiterklasse im Zweiten Weltkrieg zeigen aber auch, wozu eine Planwirtschaft mit motivierten ArbeiterInnen in der Lage ist: 1523 Industriebetriebe wurden in der Sowjetunion abmontiert, au\u00dfer Reichweite der Wehrmacht aufgebaut und wieder in Betrieb genommen.<\/p>\n<p>Auch die Rote Armee litt unter der b\u00fcrokratischen Engstirnigkeit der F\u00fchrung. So wurde die Parole \u201cKein Schritt zur\u00fcck!\u201d ausgegeben. Allein in Stalingrad wurden 13.500 Rotarmisten als \u201cDeserteure\u201d hingerichtet, weil sie nicht geradewegs in den Tod gelaufen waren.<\/p>\n<p>Trotz alledem zeigte der Sieg der Roten Armee die \u00dcberlegenheit der Planwirtschaft \u00fcber den Kapitalismus. Der britische Trotzkist Ted Grant schrieb 1943: \u201cDie beispiellosen Siege der Roten Armee stellen einen Faktor von weltersch\u00fctternder Bedeutung dar. Es kann mit den Siegen von Napoleon in den Kriegen gegen das feudale Europa verglichen werden. &#8230; Trotz schrecklicher Niederlagen und Leiden hat sich die Rote Armee wieder gesammelt, wie es keine andere Armee in der Welt angesichts solcher Niederlagen gekonnt h\u00e4tte. &#8230; Letztlich k\u00f6nnen diese Siege nur auf die ungeheuren materiellen und psychologischen Vorteile durch die Oktoberrevolution zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.\u201d<\/p>\n<p>Nur der Kampf der Sowjetunion hat letztlich einen antifaschistischen Charakter getragen. Denn im Gegensatz zu den imperialistischen Staaten pr\u00e4gt eine Planwirtschaft nicht Kapital-akkumulation, sondern die Produktion von Gebrauchswerten. Deshalb wurde die sowjetische Politik auch nicht durch die Notwendigkeit angetrieben, Kapital zu exportieren.<\/p>\n<p>Alle anderen Staaten, die auf der Basis des Kapitalismus agierten, vertraten notwendigerweise auch die Profit- und Machtinteressen der eigenen Kapitalistenklasse. In den 30er Jahren hatte zum Beispiel Gro\u00dfbrittanien die Sowjetunion als den eigentlichen Feind angesehen und Nazi-Deutschland unterst\u00fctzt. Churchill \u00e4u\u00dferte sich damals begeistert \u00fcber Hitlers Besch\u00e4ftigungspolitik und \u00fcber die Ordnung, die Mussolini in Italien errichtet hatte. Britische und SU-Truppen machten erst dann eine zweite Front in Europa auf, als klar wurde, dass die Rote Armee m\u00f6glicherweise ganz Europa \u00fcberrennen w\u00fcrde. 1945 meinte Churchill dann, entsetzt \u00fcber die Siege der Sowjetunion, man h\u00e4tte wohl \u201edas falsche Schwein geschlachtet\u201c.<\/p>\n<h4>Gedenken hei\u00dft Lehren ziehen<\/h4>\n<p>B\u00fcrgerliches Gedenken entspricht b\u00fcrgerlichen Klasseninteressen. Die Wahrheit dar\u00fcber, wer den Faschismus an die Macht brachte und wer ihn besiegte, wird von den Herrschenden heute verdreht, verschwiegen oder h\u00f6chstens noch relativiert.<\/p>\n<p>Wir gedenken der Opfer von Krieg und Faschismus, den Abermillionen, die f\u00fcr die Profitlogik sterben mussten.<\/p>\n<p>Wir gedenken insbesondere der Abertausenden von Widerstandsk\u00e4mpferInnen der Arbeiter-bewegung, die von Anfang an den Faschismus bek\u00e4mpften. Nicht um die Ehre der Nation zu retten, nicht um die Alliierten von der Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation abzubringen, und schon gar nicht um dem Kapital eine neue und bessere Chance zur Herrschaft zu geben. Sie k\u00e4mpften f\u00fcr das Leben, f\u00fcr die Freiheit, f\u00fcr eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Und wir gedenken der ArbeiterInnen, SoldatInnen und PartisanInnen der Sowjetunion, ohne deren Sieg die Welt heute wahrscheinlich noch sehr viel barbarischer auss\u00e4he.<\/p>\n<p>Gedenken hei\u00dft f\u00fcr uns, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen und f\u00fcr unseren heutigen Kampf f\u00fcr eine andere, bessere, sozialistische Welt zu beherzigen:<\/p>\n<p>1\u00b7 Nazis m\u00fcssen mit allen notwendigen Mitteln bek\u00e4mpft werden. Ihre Organisationen m\u00fcssen zerschlagen werden, solange sie noch klein sind. Wir k\u00f6nnen uns dabei weder auf den Staat, noch auf b\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte verlassen. N\u00f6tig sind Massenmobilisierungen der Besch\u00e4ftigten und ihrer Gewerkschaften, von linken, antifaschistischen und Migranten-Organisationen, um alle Nazi-Aktivit\u00e4ten zu verhindern.<\/p>\n<p>2\u00b7 Dabei muss auch gegen den Sozialkahlschlag mobilisiert werden, um zu verhindern, dass die Nazis mit ihrer sozialen Demagogie bei sozial Benachteiligten punkten. Auch der staatliche Rassismus ist mitschuldig am Anwachsen der Nazi-Banden und an der Spaltung der Besch\u00e4ftigten in \u201cDeutsche\u201d und \u201cAusl\u00e4nder\u201d. Deshalb sollte die Arbeiterbewegung jegliche Benachteiligung von Menschen ohne deutschen Pass zur\u00fcckweisen.<\/p>\n<p>3\u00b7 Die herrschende Klasse hat eindrucksvoll bewiesen, dass ihr System zu Faschismus und Krieg f\u00fchrt. Nur wenn wir den Kapitalismus abschaffen, k\u00f6nnen wir weitere Katastrophen verhindern. Das ist keine Frage einer fernen Utopie, sondern konkrete Notwendigkeit, wenn wir die sozialen Grausamkeiten der Herrschenden stoppen wollen. Wie Bernd Riexinger von verdi-Stuttgart auf dem Kongress der Wahlalternative am 20.6.2004 sagte: \u201cDie Wirtschaft argumentiert ganz grunds\u00e4tzlich, dass sie sich das Soziale nicht mehr leisten kann. Dann m\u00fcssen wir uns auch fragen, ob wir uns diese Wirtschaft noch leisten k\u00f6nnen!\u201d<\/p>\n<p>4\u00b7 Der Stalinismus in der Arbeiterbewegung hat zu furchtbaren Niederlagen gef\u00fchrt. 1933 ist nur das schlimmste Beispiel von vielen. Nach 1945 halfen Kommunistische Parteien in ganz Europa mit, den Kapitalismus durch \u201cVolksfront\u201d-Regierungen mit b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften zu bewahren. Die Unterdr\u00fcckung der Arbeiterklasse in den stalinistischen Staaten hat den Boden daf\u00fcr bereitet, dass Illusionen in den Kapitalismus entstanden und 1989-91 die Planwirtschaften zerst\u00f6rt werden konnten.<\/p>\n<p>5\u00b7 Wir sind \u00fcberzeugt, dass nur eine sozialistische Welt eine lebenswerte Zukunft garantieren kann. F\u00fcr eine Zukunft ohne Armut, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung lohnt es sich zu k\u00e4mpfen. Der mutige Einsatz der antifaschistischen K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer, von denen so viele Namen im Dunkel der Geschichte geblieben sind, ist uns Beispiel und Vorbild.<\/p>\n<h4>Literaturtipps zum Thema:<\/h4>\n<p>Mehrere sehr gute Texte von Leo Trotzki zum deutschen Faschismus finden sich auf www.sozialistische-klassiker.org<\/p>\n<p>Kurt P\u00e4tzold, Manfred Wei\u00dfbecker: Geschichte der NSDAP. 1920 bis 1945. K\u00f6ln 1998\/2002.<\/p>\n<p>Allan Merson: Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland. Bonn 1999.<\/p>\n<p>Robert Bechert: Die gescheiterte Revolution. K\u00f6ln 1999. (Becherts Buch \u00fcber die Revolution\/Konterrevolution in der DDR 1989-90 geht auch auf die Entstehungsphase des stalinistischen Staates ein. Erh\u00e4ltlich auf dem SAV-B\u00fcchertisch.)<\/p>\n<p>SAV-Brosch\u00fcre \u201cZur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung\u201d (SAV-B\u00fcchertisch)<\/p>\n<p>Ted Grant: Die Kluft im alliierten Lager verbreitert sich. 1943. ( Geschichte)<\/p>\n<p>Die Zeitschrift G\/Geschichte hat in ihrer Juli-Ausgabe 2004 einen sehr lesenswerten Schwerpunkt zum Thema Widerstand. Es werden verschiedene Felder, vor allem des b\u00fcrger-lichen Widerstands, beleuchtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201c&#8230; um das Reich zu retten.\u201d<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":27279,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[99],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27278"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27278"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27278\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/27279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}