{"id":27080,"date":"2014-04-24T17:00:20","date_gmt":"2014-04-24T15:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=27080"},"modified":"2014-04-22T16:26:52","modified_gmt":"2014-04-22T14:26:52","slug":"inflation-oder-deflation-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/04\/inflation-oder-deflation-2\/","title":{"rendered":"Inflation oder Deflation?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_27081\" aria-describedby=\"caption-attachment-27081\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/11697736305_d512ec7ce6_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-27081\" alt=\"Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/lendingmemo\/ CC BY 2.0\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/11697736305_d512ec7ce6_b-e1398176715324-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/11697736305_d512ec7ce6_b-e1398176715324-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/11697736305_d512ec7ce6_b-e1398176715324-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/11697736305_d512ec7ce6_b-e1398176715324-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/11697736305_d512ec7ce6_b-e1398176715324.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-27081\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/lendingmemo\/ CC BY 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Herbst 2012 erschien in der \u201eSolidarit\u00e4t. Sozialistische Zeitung\u201c ein <a title=\"Leserbrief\" href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/?p=26427\">Leserbrief von Heino Berg<\/a>, der sich kritisch mit einem Artikel vom Autor dieses Beitrags in der September-Ausgabe dieser Zeitung besch\u00e4ftigte. Damals wurde eine Antwort auf den Leserbrief angek\u00fcndigt, die auch im November\/Dezember 2012 entworfen, aber nicht fertiggestellt wurde. Das soll jetzt nachgeholt werden. Ein Problem bei diesem Thema ist, dass es in Deutschland sehr einseitig diskutiert wird: Vor der Gefahr von Inflation wird st\u00e4ndig gewarnt, die Gefahr einer Deflation wird meist ignoriert. Auch Heino in seinem Leserbrief bef\u00fcrchtete, ich w\u00fcrde die Gefahr der Inflation untersch\u00e4tzen, sprach aber die Gefahr einer Deflation nicht an.<\/p>\n<p><em>von Wolfram Klein<\/em><\/p>\n<p>2011 versuchte Thomas Fricke, damals Chef\u00f6konom der inzwischen eingestellten \u201eFinancial Times Deutschland\u201c, das zu erkl\u00e4ren. In einer Kolumne mit dem Titel \u201eWelches Trauma h\u00e4tten\u2018s denn gern?\u201c argumentierte er: In Deutschland sei die Hyperinflation von 1923 ein Nationalschock gewesen sei, in den USA dagegen die Depression und Deflation der drei\u00dfiger Jahre.<\/p>\n<p>Was uns in der kommenden Periode drohen k\u00f6nnte, ist aber quasi die schlechteste aller m\u00f6glichen Welten, die Kombination von Inflation und Deflation: f\u00fcr die VerbraucherInnen steigende Preise f\u00fcr Waren des t\u00e4glichen Bedarfs und zugleich die negativen gesamtwirtschaftlichen Folgen von Deflation in den Branchen, die langlebige Konsumg\u00fcter und Produktionsmittel herstellen.<\/p>\n<p>Aber bevor wir die Gefahr von Inflation und Deflation diskutieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir kl\u00e4ren, wie Preise \u00fcberhaupt zustande kommen.<\/p>\n<h4>Wie kommen Preise zustande?<\/h4>\n<p>In der grundlegenden Frage besteht zwischen Heino und mir Einigkeit: Der Wert der Waren wird durch ihre gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. \u201eWenn ein Auto ein Vielfaches eines Fahrrads kostet, ist das auf die viel gr\u00f6\u00dfere notwendige Arbeitszeit (angefangen mit der Zeit f\u00fcr die F\u00f6rderung der in ihm enthaltenen Rohstoffe, zur Erzeugung der bei der Herstellung verwendeten Energie et cetera) zur\u00fcckzuf\u00fchren\u201c \u2013 habe ich in meinem Artikel geschrieben. Und weiter: \u201eKurzfristige Schwankungen werden dann durch Angebot und Nachfrage bestimmt.\u201c<\/p>\n<p>Das kann man in zwei Richtungen modifizieren. Erstens gilt es nur bei freier Konkurrenz. Bei Waren, die nicht beliebig vermehrbar sind, gilt nur der Mechanismus von Angebot und Nachfrage: zum Beispiel bei Kunstwerken. Dazu kommt, dass zahlreiche Waren, die rein technisch beliebig vermehrbar w\u00e4ren, dennoch nicht vermehrt werden d\u00fcrfen, weil dem das \u201egeheiligte\u201c Privateigentum entgegensteht (Patente, Markennamen et cetera). Und schlie\u00dflich ist die kapitalistische Wirtschaft immer mehr durch Gro\u00dfkonzerne gepr\u00e4gt, zwischen denen keine wirkliche Konkurrenz stattfindet. Die Namen der Supermarkt-Ketten kennen wir alle. Dass die \u201ekonkurrierenden\u201c Ketten f\u00fcr etwa gleiche Waren denselben Preis verlangen, oft auf den Cent genau, sehen wir t\u00e4glich. Dass sie ihn zeitgleich um den gleichen Betrag erh\u00f6hen (oder manchmal auch senken), erleben wir immer wieder. Aber da MarxistInnen bei Diskussionen gelegentlich gefragt werden, ob wir den \u201ekleinen B\u00e4cker an der Ecke\u201c verstaatlichen wollen, will ich doch darauf hinweisen, dass der \u201ekleine B\u00e4cker an der Ecke\u201c in Stuttgart-West, wo ich als Kind manchmal zuschauen durfte, wie in einem riesigen Gef\u00e4\u00df der Teig maschinell geknetet wurde, inzwischen l\u00e4ngst zu einer B\u00e4ckerei-Kette geh\u00f6rt. (Wenige Ausnahmen gibt es nat\u00fcrlich weiterhin \u2013 und hier sollen aus unserer Sicht die Besitzer der jeweiligen Einrichtung selbstverst\u00e4ndlich selber entscheiden).<\/p>\n<p>Die zweite Modifikation ist, dass Preise staatlich beeinflusst werden. Manche Preise sind einfach staatlich festgelegte Geb\u00fchren. Dazu kommen staatlich beeinflusste (\u201eadministrierte\u201c) Preise. Und schlie\u00dflich beeinflussen die indirekten Steuern die Preise aller Waren. Und kapitalistische Staaten vertreten nicht unsere Interessen, sondern die der Kapitalisten, auch wenn sie Preise beeinflussen. Ein drastisches Beispiel daf\u00fcr ist, wie die \u201eEnergiewende\u201c vor allem dazu dient, die Macht der gro\u00dfen Energiekonzerne zu sichern (indem eine \u00f6kologisch sinnvolle Dezentralisierung der Energieversorgung verhindert wird) und die Kosten daf\u00fcr den VerbraucherInnen aufzuladen.<\/p>\n<p>Laut \u201eInstitut der deutschen Wirtschaft\u201c (IW) stiegen die administrierten Preise 1991-2009 um 75 Prozent, die \u201emarktbestimmten\u201c dagegen nur um 34 Prozent. Dazu kamen Mehrwertsteuererh\u00f6hungen um f\u00fcnf Prozent in diesem Zeitraum. Laut IW w\u00e4re die Kaufkraft der ArbeitnehmerInnen von 1991 bis 2009 ohne die staatlichen Eingriffe um fast zw\u00f6lf Prozent gestiegen (statt um nur vier Prozent).<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) sch\u00e4tzt die administrierten Preise in der Euro-Zone auf 12,3 Prozent der Preise insgesamt, in Tabelle 1 ist ein \u00dcberblick \u00fcber die Preisentwicklung (jeweils Preissteigerung gegen\u00fcber dem gleichen Zeitraum des Vorjahrs) zu finden.<\/p>\n<h4>Tabelle 1<\/h4>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>\u00a0<\/th>\n<th>2009<\/th>\n<th>2010<\/th>\n<th>2011<\/th>\n<th>2012<\/th>\n<th>I. Qu. &#8217;13<\/th>\n<th>II. Qu. &#8217;13<\/th>\n<th>III. Qu. &#8217;13<\/th>\n<th>Oktober 2013<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Administriert<\/td>\n<td>1,7<\/td>\n<td>1,7<\/td>\n<td>3,6<\/td>\n<td>3,8<\/td>\n<td>3,1<\/td>\n<td>2,2<\/td>\n<td>1,7<\/td>\n<td>1,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Rest<\/td>\n<td>0,1<\/td>\n<td>1,6<\/td>\n<td>2,6<\/td>\n<td>2,3<\/td>\n<td>1,7<\/td>\n<td>1,3<\/td>\n<td>1,3<\/td>\n<td>0,6<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Offensichtlich tragen die administrierten Preise seit Jahren f\u00fcr die Euro-Zone insgesamt zur Verst\u00e4rkung der Preissteigerung (und damit zur Entwertung von L\u00f6hnen, Sozialleistungen et cetera) bei.<\/p>\n<h4>Welche Rolle spielt die Geldmenge?<\/h4>\n<p>Heino Berg behauptet dar\u00fcber hinaus aber noch einen Zusammenhang zwischen Preisen und Geldmenge: \u201eDer Tauschwert von Waren wird zwar durch die gesellschaftlich daf\u00fcr notwendige Arbeitszeit bestimmt, ihr Ausdruck in Marktpreisen beziehungsweise die \u201aStabilit\u00e4t\u2018 der jeweiligen Geldeinheit h\u00e4ngt aber nat\u00fcrlich auch vom Verh\u00e4ltnis zwischen G\u00fcter- und Geldvolumen ab. Andernfalls k\u00f6nnten Staat und Zentralbanken unbegrenzt \u201aGeld drucken\u2018, ohne damit Inflationsgefahren hervorzurufen.\u201c<\/p>\n<p>Dem w\u00fcrde ich entgegenhalten, dass es nicht darauf ankommt, wie viel Geld \u201eda\u201c ist, sondern wer es hat und was die Betreffenden damit anfangen. Geld im Tresor f\u00fchrt nicht zu Inflation, ebenso wenig wie Geld, mit dem absonderliche \u201eFinanzmarktprodukte\u201c ge- und verkauft werden. Etwas anderes ist es, wenn Zentralbanken das Geld dem Staat oder Besch\u00e4ftigten oder RentnerInnen oder Hartz-IV-Empf\u00e4ngerInnen geben und diese das Geld ausgeben. In diesem Fall w\u00fcrde die Nachfrage steigen, also genau der von mir beschriebene Fall eintreten: steigende Preise wegen steigender Nachfrage.<\/p>\n<p>Die \u201eQuantit\u00e4tstheorie\u201c, die Vorstellung, dass die Preise der Waren vom Verh\u00e4ltnis von G\u00fcter- und Geldvolumen abh\u00e4ngen w\u00fcrden, ist alt. In der klassischen \u00d6konomie vertraten zum Beispiel David Hume (1711-1776) und David Ricardo (1772-1823) diese Ansicht, bei der heutigen b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie herrscht sie vor.<\/p>\n<p>Karl Marx hat in vielen Fragen an Ricardo angekn\u00fcpft, aber in der Geldtheorie radikal mit ihm gebrochen. In einem Fall lie\u00df er die \u201eQuantit\u00e4tstheorie\u201c aber doch gelten, n\u00e4mlich f\u00fcr \u201eStaatspapiergeld mit Zwangskurs\u201c \u2013 modernes Papiergeld.<\/p>\n<p>Er machte dabei aber zwei Einschr\u00e4nkungen: Erstens setzte er voraus, dass das Geld nur als Zirkulationsmittel dient, also nur als Hilfsmittel zum Kaufen und Verkaufen von Waren (samt Dienstleistungen). Tats\u00e4chlich dient Papiergeld heute auch zur Spekulation oder als Wertanlage.<\/p>\n<p>Zweitens abstrahiert Marx bei diesen \u00dcberlegungen ausdr\u00fccklich vom Kreditgeld.<\/p>\n<p>Beide Einschr\u00e4nkungen bedeuten, dass die \u201eQuantit\u00e4tstheorie\u201c f\u00fcr Papiergeld nur unter v\u00f6llig unrealistischen Bedingungen gelten w\u00fcrde. Wir k\u00f6nnen also getrost sagen, dass sie in der Realit\u00e4t auch f\u00fcr Papiergeld nicht gilt.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt sich, wenn wir einen genaueren Blick auf diese Realit\u00e4t werfen. Tabelle 2 gibt eine Vorstellung von den Mengenverh\u00e4ltnissen verschiedener \u201eGeldarten\u201c und ihrer Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<h4>Tabelle 2<\/h4>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>\u00a0<\/th>\n<th>Juli 2012<\/th>\n<th>Juli 2013<\/th>\n<th>Steigerung (2013 in % von 2002)<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Banknoten und M\u00fcnzen<\/td>\n<td>328<\/td>\n<td>909,3<\/td>\n<td>277,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>M1<\/td>\n<td>2257,5<\/td>\n<td>5304,3<\/td>\n<td>235,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>M2<\/td>\n<td>4744,8<\/td>\n<td>9170,9<\/td>\n<td>193,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>M3<\/td>\n<td>5554<\/td>\n<td>9861,6<\/td>\n<td>178,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kredite der MFI an \u00f6ffentliche Haushalte<\/td>\n<td>801,8<\/td>\n<td>1101,8<\/td>\n<td>137,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kredite der MFI an andere MFI<\/td>\n<td>3852<\/td>\n<td>5415,5<\/td>\n<td>141,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kredite an andere Unternehmen, Privathaushalte etc.<\/td>\n<td>6691,6<\/td>\n<td>10897,6<\/td>\n<td>163,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Zum Vergleich: Aktiva der MFI insgesamt (incl. Wertpapiere etc.)<\/td>\n<td>18450,2<\/td>\n<td>31695,6<\/td>\n<td>172,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>BIP (I. Quartal)<\/td>\n<td>1735,3<\/td>\n<td>2317<\/td>\n<td>134,00%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Zahlen zeigen erstens, dass die von den Zentralbanken \u201egesch\u00f6pfte\u201c Geldmenge nur einen Bruchteil der Geldmenge insgesamt ausmacht \u2013 erst Recht, wenn man das Kreditgeld mit einbezieht.<\/p>\n<p>Zweitens zeigen sie, dass die verschiedenen Geldmengen sehr verschieden schnell wachsen. Auff\u00e4llig ist, dass die Menge der Banknoten und die eng gefasste Geldmenge M1 besonders schnell gewachsen sind. Man muss das zum einen als Krisensymptom betrachten, als Ausdruck des wachsenden Misstrauens der Kapitalisten untereinander, die zunehmend nur noch \u201esichere\u201c Geldformen akzeptieren. Zum anderen ist es Folge der extrem niedrigen Zinsen. Sie machen die Bankeinlagen, die bei M2 und M3 zu M1 dazu kommen, quasi zur schlechtesten aller m\u00f6glichen Welten. Man kann \u00fcber sie nicht frei verf\u00fcgen, aber Zinsen bringen sie trotzdem kaum.<\/p>\n<p>Drittens zeigen sie, dass das Bruttoinlandsprodukt (die Zahlen geben das nominelle, nicht das inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt an; die Steigerung um 34 Prozent 2002-2013 beinhaltet also sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Preissteigerung in diesem Zeitraum) viel langsamer gewachsen ist als irgendeine der Geldmengen. Wenn die Quantit\u00e4tstheorie stimmen w\u00fcrde, m\u00fcsste es genauso schnell steigen wie \u2026 welche Geldmenge auch immer.<\/p>\n<p>Die Geldmenge als Erkl\u00e4rung f\u00fcr steigende Preise ist also falsch. Das gilt allgemein, es gilt aber in Zeiten von Neoliberalismus und Globalisierung besonders. Wenn eine kleine Minderheit einen immer gr\u00f6\u00dferen Anteil an den Einkommen und Verm\u00f6gen hat und ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil des Geldes f\u00fcr Gesch\u00e4fte auf den Finanzm\u00e4rkten und nicht f\u00fcr den Kauf von Waren und Dienstleistungen verwendet wird (was beides miteinander zusammen h\u00e4ngt), dann passen ein geringes Wachstum der Preise und ein starkes Wachstum der Geldmenge gut zusammen.<\/p>\n<h4>Warum stellt Deflation \u00fcberhaupt eine Gefahr dar?<\/h4>\n<p>Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, dass fallende Preise etwas Gutes sind. Wenn unser Geld mehr wert ist, ist das doch gut? Tats\u00e4chlich bedeutet Deflation nicht einfach fallende Preise f\u00fcr VerbraucherInnen, sondern ist im Kapitalismus ein krisenhafter Prozess, der mehrere Probleme bringt.<\/p>\n<p>Das erste Problem bei der Deflation ist, dass der Preis von Waren von ihrem Wiederbeschaffungspreis bestimmt wird, nicht von ihrem urspr\u00fcnglichen Kaufpreis. Das konnte man in den letzten Jahrzehnten eindr\u00fccklich sehen, wenn die Erd\u00f6lpreise stark fielen oder stiegen. Der Verkaufspreis hing von der aktuellen Notierung an der Warenb\u00f6rse ab, nicht vom Einkaufspreis. Entsprechend gab es bei steigenden \u00d6lpreisen hohe Gewinne f\u00fcr die H\u00e4ndler (der englische Fachausdruck ist \u201ewindfall profits\u201c), bei fallenden entsprechende Verluste.<\/p>\n<p>Entsprechend bedeutet f\u00fcr die Kapitalisten Deflation, dass w\u00e4hrend dem Produktionsprozess und bis zum Verkauf der Waren die Preise und somit auch die Profite fallen. Die Folge ist, dass bestimmte Unternehmen durch die Deflation nicht mehr profitabel sind. Da im Kapitalismus nicht produziert wird, um menschliche Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, sondern um Profit zu machen, f\u00fchrt das dazu, dass die Produktion eingeschr\u00e4nkt wird. Die Wirtschaft w\u00e4chst langsamer und ger\u00e4t leichter in die Krise.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass KundInnen den Kauf von langlebigen Konsumg\u00fctern oder von Produktionsmitteln hinausschieben, weil sie hoffen, sie sp\u00e4ter billiger kaufen zu k\u00f6nnen \u2013 wodurch nicht nur die Profite weiter sinken, sondern auch die Produktion weiter sinkt.<\/p>\n<p>Ein besonderes Problem ist, dass Deflation und Wirtschaftskrise einen Teufelskreis bilden, es zu einer Deflationsspirale kommen kann: Durch die Wirtschaftskrise f\u00e4llt die Nachfrage (sowohl der Unternehmen, die ihre Produktion einschr\u00e4nken, als auch der VerbraucherInnen, die weniger Geld in der Tasche haben). Dadurch fallen die Preise. Wegen der fallenden Preise werden K\u00e4ufe aufgeschoben. Damit sinkt die Nachfrage weiter und die Preise fallen noch mehr. Die versch\u00e4rfte Deflation versch\u00e4rft die Krise weiter.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeiterklasse sind die fallenden Preise kein Grund zur Freude. Wenn L\u00f6hne und Renten um 30 Prozent gek\u00fcrzt werden, dann sind um drei Prozent fallende Preise kein gro\u00dfer Trost. Dazu kommt, dass vor allem die Preise f\u00fcr langlebige Konsumg\u00fcter fallen \u2013 vor allem weil diese Waren kaum noch gekauft werden \u2026 und deshalb kaum jemand von diesen fallenden Preisen profitiert. (\u00dcberspitzt gesagt: Zuerst kaufen die Leute keine langlebigen Konsumg\u00fcter, weil sie auf noch niedrigere Preise warten. Dann kaufen sie sie nicht, weil sie inzwischen durch die Krise ihre Arbeit verloren haben oder ihre L\u00f6hne massiv gesenkt worden sind und sie sich inzwischen nicht mal mehr drastisch billigere langlebige Konsumg\u00fcter leisten k\u00f6nnen.) Stark fallende Preise f\u00fcr langlebige Konsumg\u00fcter und steigende Preise f\u00fcr G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs, steigende Geb\u00fchren et cetera k\u00f6nnen im Durchschnitt fallende Preise bedeuten. Bei der Deflation in Japan war es tats\u00e4chlich so. Tabelle 3 bietet daf\u00fcr eindr\u00fcckliche Beispiele.<\/p>\n<h4>Tabelle 3<\/h4>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>\u00a0<\/th>\n<th>Preise 2010 in % von Preisen 1990<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Mieten<\/td>\n<td>116,50%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Heizung, Beleuchtung, Wasser<\/td>\n<td>112,10%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>M\u00f6bel<\/td>\n<td>37,10%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Bekleidung<\/td>\n<td>103,30%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Langlebige Freizeitartikel<\/td>\n<td>9,10%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Alles au\u00dfer frischer Nahrung<\/td>\n<td>106,20%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Tabelle besagt, dass langlebige Freizeitartikel, die 1990 zum Beispiel 100.000 Yen gekostet haben, 2010 nur noch 9.100 Yen kosteten, M\u00f6bel noch 37.100 Yen, aber Mieten inzwischen 116.500 Yen.<\/p>\n<p>Ein paar Zahlen aus der Euro-Zone (siehe Tabelle 4) m\u00f6gen zeigen, dass auch hier die Preise f\u00fcr verschiedene Waren und Dienstleistungen sich verschieden entwickelt haben (die Zeile \u201eGewicht\u201c gibt an, welchen Anteil sie im Jahre 2012 ausmachten):<\/p>\n<h4>Tabelle 4<\/h4>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>\u00a0<\/th>\n<th>Nahrung<\/th>\n<th>Energie<\/th>\n<th>Industrieerzeugnisse ohne Energie<\/th>\n<th>Dienstleistungen<\/th>\n<th>Insgesamt<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Gewicht<\/td>\n<td>19,40%<\/td>\n<td>11,00%<\/td>\n<td>27,40%<\/td>\n<td>42,30%<\/td>\n<td>100,00%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2009<\/td>\n<td>0,70%<\/td>\n<td>-8,10%<\/td>\n<td>0,60%<\/td>\n<td>2,00%<\/td>\n<td>0,30%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2010<\/td>\n<td>1,10%<\/td>\n<td>7,40%<\/td>\n<td>0,50%<\/td>\n<td>1,40%<\/td>\n<td>1,60%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2011<\/td>\n<td>2,70%<\/td>\n<td>11,90%<\/td>\n<td>0,80%<\/td>\n<td>1,80%<\/td>\n<td>2,50%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2012<\/td>\n<td>3,10%<\/td>\n<td>7,60%<\/td>\n<td>1,20%<\/td>\n<td>1,80%<\/td>\n<td>2,50%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>I. Q. 2013<\/td>\n<td>2,90%<\/td>\n<td>3,20%<\/td>\n<td>0,80%<\/td>\n<td>1,70%<\/td>\n<td>1,90%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>II. Q. 2013<\/td>\n<td>3,10%<\/td>\n<td>0,30%<\/td>\n<td>0,80%<\/td>\n<td>1,30%<\/td>\n<td>1,40%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>III. Q. 2013<\/td>\n<td>3,10%<\/td>\n<td>0,10%<\/td>\n<td>0,40%<\/td>\n<td>1,40%<\/td>\n<td>1,30%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Oktober 2013<\/td>\n<td>1,90%<\/td>\n<td>-1,70%<\/td>\n<td>0,30%<\/td>\n<td>1,20%<\/td>\n<td>0,70%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>November 2013<\/td>\n<td>1,60%<\/td>\n<td>-1,10%<\/td>\n<td>0,30%<\/td>\n<td>1,50%<\/td>\n<td>0,90%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Wenn das Geld durch Deflation im Wert steigt, bedeutet das auch, dass Geldverm\u00f6gen und Schulden im Wert steigen. Da Verm\u00f6gen und Schulden in Deutschland sehr ungleich verteilt sind, w\u00fcrden davon vor allem die Reichen profitieren.<\/p>\n<h4>Und die Inflation?<\/h4>\n<p>Warum die gro\u00dfe Masse der Bev\u00f6lkerung keinerlei Interesse an Inflation hat, ist offensichtlich. Wenn die Preise steigen, sind L\u00f6hne und Geh\u00e4lter, Renten, Sozialleistungen et cetera weniger wert. Wir m\u00fcssen um ihre Anpassung an die gestiegenen Preise k\u00e4mpfen, bevor \u00fcberhaupt von einer realen Erh\u00f6hung die Rede sein kann.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass je nach der H\u00f6he des Einkommens sich die Ausgaben verschieden auf die verschiedenen Waren und Dienstleistungen verteilen. Haushalte, die wenig Einkommen haben, m\u00fcssen einen hohen Anteil f\u00fcr G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs ausgeben und haben kaum Geld f\u00fcr langlebige Konsumg\u00fcter \u00fcbrig. Deshalb steigen f\u00fcr sie die Preise schneller als die offizielle Preissteigerung. Das Statistische Bundesamt ermittelt laufend die Kaufkraftentwicklung f\u00fcr verschiedene Haushalte und berechnet auf dieser Grundlage die durchschnittliche Entwicklung der Lebenshaltungskosten. Es war mir leider nicht m\u00f6glich, aufgeschl\u00fcsselte Zahlen zu finden. Die Herrschenden werden wissen, warum sie solche Zahlen zu verstecken versuchen.<\/p>\n<p>Aber ein Einzelbeispiel zeigt, was f\u00fcr Unterschiede bestehen k\u00f6nnen. Das IW ver\u00f6ffentlichte am 17. Dezember 2012 Zahlen zu den Folgen des EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) auf die Haushalte. W\u00e4hrend das reichste Zehntel der Haushalte nur 0,2 Prozent des Einkommens f\u00fcr die EEG-Finanzierung aufbringen muss, sind es beim \u00e4rmsten Zehntel 1,3 Prozent des Einkommens.<\/p>\n<p>Aber wenn Deflation die Profite der Kapitalisten dr\u00fcckt, dann erh\u00f6ht doch Inflation sie? Haben dann nicht die Kapitalisten ein Interesse an Inflation? In bestimmten Phasen haben Kapitalisten tats\u00e4chlich bewusst auf Inflation gesetzt. Das war einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die \u201eStagflation\u201c der siebziger Jahre (neben steigenden \u00d6lpreisen et cetera), als es in der BRD Preissteigerungen von um die sieben Prozent gab. Wenn Gewerkschaften kampfstark sind, k\u00f6nnen Kapitalisten Preissteigerungen leichter durchsetzen als Lohnsenkungen.<\/p>\n<p>Aber hohe Inflation bedeutet in der Realit\u00e4t nicht nur steigende Preise, sondern auch schwankende Preissteigerungen. Wir hatten in den letzten Jahren in der Euro-Zone nicht nur eine niedrige Inflation, sondern auch geringe Schwankungen der Inflationsrate. Wenn die Inflationsrate um zwei Prozent schwankt, erscheint es uns schon als viel. Es ist nicht so, dass bei einer Inflation von 50 Prozent die Inflation zwischen 49 und 51 Prozent schwanken w\u00fcrde. Die Schwankungen sind dann wesentlich gr\u00f6\u00dfer. Entsprechend werden die Zinsen f\u00fcr Kredite, wenn sie \u00fcberhaupt vergeben werden, eine betr\u00e4chtliche \u201eRisikopr\u00e4mie\u201c enthalten, die realen Zinsen (die Differenz zwischen Zinsen und Preissteigerung) sind entsprechend hoch. Niedrigere Inflation bedeutet also niedrigere reale Zinsen und damit einen niedrigeren Anteil des Profits, den Kapitalisten der sogenannten \u201eRealwirtschaft\u201c an Kreditgeber abtreten m\u00fcssen, wenn sie mit geliehenem Geld operieren.<\/p>\n<p>Zugleich sind niedrigere Zinsen aber auch im Interesse des Finanzsektors: Karl Marx hat im dritten Band des \u201eKapitals\u201c erkl\u00e4rt, wie die Aufteilung des Profits in Zins und Unternehmergewinn und der Fetischcharakter des zinstragenden Kapitals (also die kollektive Wahnvorstellung, dass es eine \u201eNatureigenschaft\u201c des Kapitals sei, einen Zins abzuwerfen) dazu f\u00fchren, dass jede regelm\u00e4\u00dfige Einkunft (also Dividenden, Renditen et cetera) als Zins auf ein Kapital erscheint. Die entsprechenden Einkunftsquellen (Aktien, Staatsanleihen et cetera) erscheinen als das dazugeh\u00f6rige Kapital, eben fiktives Kapital. Bei durchschnittlichen Zinsen von f\u00fcnf Prozent erscheint eine regelm\u00e4\u00dfige Einkunft von 5.000 Euro als Zinsen von einem Kapital von 100.000 Euro, weil 5.000 f\u00fcnf Prozent von 100.000 sind. Zum Beispiel bei Dividenden von 5.000 Euro w\u00e4re der Wert der entsprechenden Aktien 100.000 Euro (wobei der Kurs gem\u00e4\u00df Angebot und Nachfrage um diesen Wert schwanken w\u00fcrde).<\/p>\n<p>Die Zinseink\u00fcnfte sind umso niedriger, je niedriger die Zinsen sind. Umgekehrt: Wenn die Eink\u00fcnfte bei sinkenden Zinsen gleich bleiben, erscheint das zugeh\u00f6rige fiktive Kapital entsprechend gr\u00f6\u00dfer. Wenn die Zinsen auf 2,5 Prozent fallen, aber die Dividende bei 5.000 Euro bleibt, steigt das fiktive Kapital, der fiktive Wert der Aktien auf 200.000 Euro, weil 5.000 2,5 Prozent von 200.000 sind. (Marx\/Engels-Werke, Band 25, vor allem die Seiten 482 und 485).<\/p>\n<p>Sinkende Zinsen bedeuten also nicht nur, dass die \u201eRealwirtschaft\u201c einen geringeren Anteil ihrer Profite an den Finanzsektor abdr\u00fccken muss, sondern auch, dass der Finanzsektor von einer Wertsteigerung des fiktiven Kapitals profitiert (die nat\u00fcrlich selbst ebenfalls fiktiv ist). Sinkende Zinsen sind also sowohl im Interesse der Realwirtschaft als auch des Finanzsektors.<\/p>\n<p>Dabei muss man auch beachten, dass es erstens zwischen beiden Bereichen keine chinesische Mauer gibt. Industrieunternehmen besitzen auch Wertpapiere. Zweitens sind die Wertsteigerungen zwar nur fiktiv, aber wenn Kapitalisten Wertpapiere teurer verkaufen als sie sie gekauft haben, dann machen sie dadurch ebenso Profit wie mit der Ausbeutung von Arbeitskr\u00e4ften. Und wenn am n\u00e4chsten Tag eine Spekulationsblase platzt und der Kurs der verkauften Wertpapiere abst\u00fcrzt, dann d\u00fcrfen sie ihr Geld trotzdem behalten.<\/p>\n<h4>Asymmetrie von Deflation und Inflation<\/h4>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist, dass Deflation und Inflation gewisserma\u00dfen asymmetrisch sind. Zentralbanken k\u00f6nnen Inflation \u201ein den Griff kriegen\u201c, indem sie die Zinsen drastisch erh\u00f6hen. Die Folge ist, dass weniger Kredite vergeben werden und wegen der gesunkenen Nachfrage die Inflation sinkt. Der Preis daf\u00fcr kann eine schwere Wirtschaftskrise sein, vor der die Herrschenden m\u00f6glicherweise aus politischen Gr\u00fcnden (Angst vor der Gegenwehr der Arbeiterklasse et cetera) zur\u00fcckschrecken, aber technisch ist es m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dagegen sind Zinssenkungen nicht beliebig m\u00f6glich. Wenn die Zinsen unter 0 sinken, dann zahlen die Banken weniger Zinsen als mir meine Matratze \u201ezahlt\u201c, wenn ich mein Geld dort aufbewahre. Wir haben bereits in der Euro-Zone, den USA, Japan et cetera historische Tiefst\u00e4nde der Zentralbankzinsen. Sie versuchen, mit begrenztem Erfolg, durch Kauf von Wertpapieren quasi Zinssenkungen zu simulieren. Man braucht sich nur die Bem\u00fchungen Japans in den letzten zwanzig Jahren anschauen, wieder aus der Deflationsspirale herauszukommen, um zu sehen, wie schwierig das ist.<\/p>\n<p>Aus diesen \u00dcberlegungen sollte klar sein, dass Kapitalisten ein Interesse an einer niedrigen Inflationsrate haben (aber nicht ganz Null, weil sonst das Risiko des Abgleitens in eine Deflationsspirale best\u00fcnde) und dass in Zeiten des Neoliberalismus und der gestiegenen Bedeutung der Finanzm\u00e4rkte die Kapitalisten ein noch viel gr\u00f6\u00dferes Interesse an einer niedrigeren Inflation als vorher haben.<\/p>\n<p>Die niedrigen Inflationsraten der letzten Jahre entsprachen also den Interessen der Kapitalisten. Wie wurden sie erreicht? Indem die Notenbanken durch ihre Zins- und Geldmengenpolitik die Geldmenge in einem Ma\u00df ausdehnen, dass die Preise in dem gew\u00fcnschten Tempo steigen, wie es die Quantit\u00e4tstheorie behauptet? Wie wir gesehen haben, besteht zwischen der Entwicklung der verschiedenen Geldmengen und der Preise kein enger Zusammenhang.<\/p>\n<p>Traditionell beeinflussen die Zentralbanken mit ihren Zinss\u00e4tzen (sowie Mindestreservevorschriften et cetera) die Kreditmengen. Das wirkt sich nicht nur auf die Geldmenge aus (weil es den Umfang des Kreditgelds vergr\u00f6\u00dfert oder verringert), sondern auch auf die Nachfrage: Unternehmen oder Privatpersonen nehmen Kredite auf, um das Geld auszugeben. (Aber Kredite k\u00f6nnen ebenso verwendet werden, um mit dem Geld auf den Finanzm\u00e4rkte zu spekulieren et cetera).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem formulieren Zentralbanken Inflations- oder Geldmengenziele. Zum Beispiel betont die EZB immer wieder, dass ihr Ziel eine Preissteigerung von knapp unter zwei Prozent sei \u2013 also genau das, was den Interessen der Kapitalisten entspricht: niedrig, aber ein gewisser \u201eSicherheitsabstand\u201c zu den 0 Prozent, bei denen Deflation droht. Zweitens formulieren Zentralbanken Erwartungen, wie sich die Preise tats\u00e4chlich entwickeln werden. Im Monatsbericht vom Dezember 2013 wird zum Beispiel f\u00fcr 2014 eine Preissteigerung von 1,1 Prozent erwartet, f\u00fcr 2015 von 1,3 Prozent.<\/p>\n<p>Solche Aussagen der Notenbanken \u00fcber erwartete Preisentwicklungen f\u00fchren zu bestimmten Inflationserwartungen, die ihrerseits Einfluss darauf haben, welche Preiserh\u00f6hungen Verk\u00e4ufer durchzusetzen versuchen und wie K\u00e4ufer auf sie reagieren (neben anderen Faktoren). Dazu kommt der Einfluss von Angebot und Nachfrage durch die Entwicklung der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist die allgemeine Preissteigerung ein Durchschnittwert von sehr verschiedenen Preisentwicklungen f\u00fcr verschiedene Waren, je nach der Ver\u00e4nderung der Arbeitsproduktivit\u00e4t in den verschiedenen Produktionszweigen.<\/p>\n<h4>Was droht uns aktuell?<\/h4>\n<p>Damit sind wir bei der Frage angekommen, ob uns in absehbarer Zeit eher Inflation oder Deflation droht. In der zu Beginn erw\u00e4hnten Kolumne in der \u201eFinancial Times Deutschland\u201c verwies Thomas Fricke darauf, dass die Hyperinflation in Deutschland bereits 1916 begann, weil sich zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs die Zentralbankgeldmenge versechsfachte, w\u00e4hrend die Industriekapazit\u00e4ten um 60 Prozent einbrachen. Er folgerte: \u201eWenn man aus der Hyperinflation Lehren ziehen will, dann vielleicht die, dass es wichtig ist, nicht in Weltkriege zu ziehen, die man erstens nicht gewinnt und zweitens nicht mehr stabilit\u00e4tspolitisch unbedenklich finanziert kriegt. (\u2026) \u00d6konomisch zieht heute eher der Vergleich mit den drei\u00dfiger Jahren des 20. Jahrhunderts.\u201c Er sah also vor zwei Jahren die Gefahr der Deflation als gr\u00f6\u00dfer an.<\/p>\n<p>Heino Berg behauptete nicht, dass unmittelbar Inflation drohe, er sieht aber Hinweise, dass es k\u00fcnftig zu Inflation kommen k\u00f6nne. Sein erstes Argument war die Abwertung des Euro gegen\u00fcber dem US-Dollar 2011\/12. Es stimmt, dass diese Abwertung zu steigenden Preisen f\u00fcr Waren f\u00fchrte, die in Dollar gehandelt werden, zum Beispiel Erd\u00f6l, und damit zur Steigerung der Preise allgemein beitrug. Aber war die Abwertung des Euro eine Folge der EZB-Politik? Die Ausweitung der Geldmenge ist doch keine Spezialit\u00e4t der EZB. Schauen wir uns die Daten in Tabelle 5 an (Ich verwende hier die Daten zur Geldmenge M2, weil sie den Vergleich mit den USA erleichtert).<\/p>\n<h4>Tabelle 5<\/h4>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>\u00a0<\/th>\n<th>Infl. \u20ac in %<\/th>\n<th>M2 \u20ac in %<\/th>\n<th>1 \u20ac = x$<\/th>\n<th>Infl. $ in %<\/th>\n<th>M2 $ in %<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2011<\/td>\n<td>2,7<\/td>\n<td>2,3<\/td>\n<td>1,392<\/td>\n<td>3,2<\/td>\n<td>7,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2012<\/td>\n<td>2,5<\/td>\n<td>3,1<\/td>\n<td>1,2848<\/td>\n<td>2,1<\/td>\n<td>8,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>I&#8217;12<\/td>\n<td>2,7<\/td>\n<td>3<\/td>\n<td>1,3108<\/td>\n<td>2,8<\/td>\n<td>10,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>II&#8217;12<\/td>\n<td>2,5<\/td>\n<td>3<\/td>\n<td>1,2814<\/td>\n<td>1,9<\/td>\n<td>9,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>III&#8217;12<\/td>\n<td>2,5<\/td>\n<td>3,2<\/td>\n<td>1,2502<\/td>\n<td>1,7<\/td>\n<td>7,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>IV&#8217;12<\/td>\n<td>2,3<\/td>\n<td>4,2<\/td>\n<td>1,2967<\/td>\n<td>1,9<\/td>\n<td>7,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>I&#8217;13<\/td>\n<td>1,9<\/td>\n<td>4,3<\/td>\n<td>1,3206<\/td>\n<td>1,7<\/td>\n<td>7,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>II&#8217;13<\/td>\n<td>1,4<\/td>\n<td>4,6<\/td>\n<td>1,3062<\/td>\n<td>1,4<\/td>\n<td>7<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>III&#8217;13<\/td>\n<td>1,3<\/td>\n<td>4,1<\/td>\n<td>1,3248<\/td>\n<td>1,6<\/td>\n<td>6,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Okt&#8217;13<\/td>\n<td>0,7<\/td>\n<td>3,2<\/td>\n<td>1,3635<\/td>\n<td>1<\/td>\n<td>6,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nov&#8217;13<\/td>\n<td>0,9<\/td>\n<td>\u00a0<\/td>\n<td>1,3493<\/td>\n<td>\u00a0<\/td>\n<td>\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Wir sehen erstens, dass gerade seit gut einem Jahr der Euro wieder gegen\u00fcber dem Dollar an Wert zugelegt hat. Ein Faktor bei Kursr\u00fcckg\u00e4ngen des Euro ist Spekulation. Wenn die Euro-Krise sich zuspitzt, f\u00e4llt der Euro-Kurs. Ein Prinzip der Spekulation ist, das gleiche zu machen wie alle anderen, aber als erster. Wenn der Euro-Kurs f\u00e4llt, verkauft man Euro, solange sie noch teuer sind (und tr\u00e4gt mit dem Verkauf zum Fall des Kurses bei). Da Spekulanten bei Zuspitzungen der Euro-Krise mit einem fallenden Euro-Kurs rechnen, reagieren sie auf entsprechende Meldungen mit dem Verkauf von Euro und tragen damit dazu bei, dass der Euro-Kurs tats\u00e4chlich f\u00e4llt. Das erkl\u00e4rt kurzfristige Schwankungen. L\u00e4ngerfristige Ver\u00e4nderungen entstehen zum Beispiel, wenn Spekulanten (oder allgemein Investoren) in Euro gehandelte Wertpapiere (zum Beispiel Staatsanleihen s\u00fcdeurop\u00e4ischer L\u00e4nder) verkaufen und in Dollar gehandelte Wertpapiere (zum Beispiel US-Staatsanleihen) kaufen. Auch hier gilt, dass der Kursr\u00fcckgang des Euro in den ersten Monaten 2012 auf die Euro-Krise zur\u00fcckzuf\u00fchren war, nicht auf die Ausweitung der Geldmenge durch die EZB. Im Gegenteil: Indem die EZB im Rahmen ihrer M\u00f6glichkeiten die Euro-Krise gemildert hat, hat sie den Kursr\u00fcckgang des Euro begrenzt und zum Wiederanstieg des Euro-Kurses seitdem beigetragen.<\/p>\n<p>Zweitens war der Kursverlust des Euro gegen\u00fcber dem Dollar bis zum Herbst 2012 offenbar nicht auf ein gr\u00f6\u00dferes Wachstum der Geldmenge zur\u00fcckzuf\u00fchren. In Deutschland gibt es eine massive Propaganda gegen staatliche Anleihek\u00e4ufe, obwohl die EZB beteuert, sie \u201einflationsneutral\u201c durchzuf\u00fchren (und das geringe Geldmengenwachstum zeigt, dass das nicht einfach Propaganda ist), dagegen wurde in den USA eine dritte Runde von \u201equantitativer Lockerung\u201c von b\u00fcrgerlichen \u00d6konomen geradezu herbeigesehnt. Dieser Unterschied der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung sollte uns aber nicht ignorieren lassen, dass a) die Ausweitung der Geldmenge in den USA gr\u00f6\u00dfer war und b) dass gerade in den Zeiten, in denen die Ausweitung der Geldmenge in den USA besonders gro\u00df war (auch im Vergleich zur Euro-Zone: um f\u00fcnf Prozent gr\u00f6\u00dfer und mehr), der Euro gegen\u00fcber dem Dollar trotzdem an Wert verlor und die Inflationsrate in der Euro-Zone oft h\u00f6her war als in den USA. Das best\u00e4tigt auch f\u00fcr die USA, dass die Inflation herzlich wenig mit der Geldmenge zu tun hat.<\/p>\n<h4>Immobilien und Inflation<\/h4>\n<p>Heinos zweites Argument ist, dass \u201edie st\u00e4ndige Erh\u00f6hung der Geldmenge im spekulativen Sektor\u201c auch zu steigenden Preisen in der Realwirtschaft f\u00fchre. Er nennt \u201eRohstoffe, Nahrungsmittel und Immobilien auf den Weltm\u00e4rkten\u201c als Beispiele.<\/p>\n<p>Bei dieser Aufz\u00e4hlung sollten wir die Immobilien streichen. Es gibt keinen Weltmarktpreis f\u00fcr Immobilien, eben weil sie nicht mobil sind. Es gibt sicher so etwas wie \u201eAnsteckung durch Hoffnungen\u201c, aber die Daten zeigen, dass nationale, regionale und andere Faktoren die Preisentwicklung weitaus st\u00e4rker bestimmen. In der Euro-Zone sanken die Immobilienpreise 2011 in Irland um 13,2 Prozent, in Estland stiegen sie um 9,9 Prozent (Deutschland +2,6, Frankreich + 5,9, Italien +0,7, Spanien -7,4 Prozent). Im Durchschnitt der Euro-Zone gab das einen Anstieg von ein Prozent, also unterhalb der Inflationsrate. 2012-13 hat sich der Preisanstieg zwar in Deutschland beschleunigt, in der Euro-Zone insgesamt schrumpfen die Immobilienpreise inzwischen (-2,4 Prozent im II. Quartal 2013). Dabei reichte die Spannbreite 2012 von einem Anstieg um 12,4 in \u00d6sterreich bis zu einem Schrumpfen um 13,7 Prozent in Spanien. F\u00fcr die Euro-Zone insgesamt sind die Immobilienpreise offenbar aktuell keine Quelle der Inflation. Im Unterschied zu den Immobilienpreisen steigen die Mieten in der Euro-Zone ziemlich konstant um etwa 1,5 Prozent. In Deutschland sieht es bekanntlich gerade anders aus als im EU-Durchschnitt, vor allem in Gro\u00dfst\u00e4dten.<\/p>\n<p>Was die Rohstoffe und Nahrungsmittel betrifft, w\u00fcrde ich behaupten, dass Spekulation zwar Preisentwicklungen, die durch das Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage entstehen, verst\u00e4rken kann und sie in gewissem Umfang verl\u00e4ngern kann, dass die Preise sich aber nicht auf Dauer entgegen dem Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage entwickeln k\u00f6nnen. Wenn also die Weltwirtschaft sich abschw\u00e4cht und dadurch die Endnachfrage sinkt, dann werden Spekulanten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter dazu \u00fcbergehen, auf fallende Preise zu wetten beziehungsweise sich g\u00fcnstigere Spekulationsobjekte suchen. Tats\u00e4chlich gab es 2011-12 einen deutlichen Anstieg von Rohstoffpreisen. Aber seitdem hat sich der Trend wieder umgekehrt. Der \u00d6lpreis betrug 2011 79,7 Euro pro Barrel, 2012 86,6 Euro, im November 2013 aber wieder 80,0 Euro. Die Rohstoffpreise ohne Energie stiegen 2011 stark um 12,2, 2012 nur noch um 0,5 Prozent und fielen 2013. Die Preise auf dem Terminmarkt lassen einen weiteren \u00d6lpreisr\u00fcckgang erwarten. F\u00fcr die Rohstoffpreise ohne Energie rechnet die EZB f\u00fcr 2014 mit einem R\u00fcckgang um 2,6 Prozent und f\u00fcr 2015 dann wieder mit einem Anstieg um 3,7 Prozent. Nat\u00fcrlich kann es auch anders kommen. Die EZB hat in ihrem Monatsbericht vom Dezember 2013 dreimal \u201eh\u00f6here Rohstoffpreise\u201c als \u201eAufw\u00e4rtsrisiko\u201c bei der Preisentwicklung genannt.<\/p>\n<p>Heino schreibt, dass die \u201e\u00dcberproduktionskrise, die den Mangel an kaufkr\u00e4ftiger Nachfrage wegen der niedrigen L\u00f6hne ausdr\u00fcckt\u201c \u201edie Tendenz zu allgemeiner Geldentwertung\u201c \u00fcberlagert. Aber rechnen wir damit, dass sich die Krise in der kommenden Periode abschw\u00e4cht? Ich habe diese Hoffnung nicht und halte sogar eine Versch\u00e4rfung der Krise f\u00fcr m\u00f6glich bis dahin, dass es zu einer Deflationsspirale wie in Japan in den letzten 20 Jahren kommen k\u00f6nnte. Und da die allgemeine Preisentwicklung nur ein Durchschnitt der Preisentwicklung verschiedener Waren ist, kann es auch bei uns wie in Japan die Kombination von Preissteigerungen f\u00fcr Waren des t\u00e4glichen Bedarfs und Preisr\u00fcckg\u00e4ngen f\u00fcr langlebige Konsumg\u00fcter, Produktionsmittel (Maschinen et cetera) geben. Die Folge ist dann, dass die Masse der Bev\u00f6lkerung unter den Preissteigerungen f\u00fcr die G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs, unter Geb\u00fchrenerh\u00f6hungen et cetera leidet (besonders einkommensschwache Familien, die daf\u00fcr einen hohen Teil ihres Einkommens ausgeben m\u00fcssen), w\u00e4hrend gleichzeitig Branchen wie die Autoindustrie massive Absatz- und Produktionseinbr\u00fcche haben, weil der Kauf langlebiger Konsumg\u00fcter wie Autos drastisch zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<h4>Geldkrise<\/h4>\n<p>Eine weitere Gefahr bei einer krisenhaften Entwicklung ist das, was Marx einmal als Geldkrise beschrieben hat (\u201eKapital\u201c, Band 1, Marx\/Engels-Werke Band 23, Seite 152): In der Krise vertrauen die Kapitalisten einander pl\u00f6tzlich nicht mehr, gew\u00e4hren einander keinen Kredit mehr, verlangen Barzahlung. Ein klassischer Fall einer solchen Kreditkrise trat 2008 nach der Lehman-Pleite ein. Kredite wurden pl\u00f6tzlich nicht mehr verl\u00e4ngert, Unternehmen mussten Bargeld auftreiben, dazu Wertpapiere verkaufen, deren Kurs einbrach (weil sie pl\u00f6tzlich massenhaft angeboten wurden). Dass vergleichbare Ersch\u00fctterungen in der n\u00e4chsten Zukunft (zum Beispiel bei einer Zuspitzung der Euro-Krise) wieder auftreten, ist zumindest m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Heino argumentiert au\u00dferdem: \u201eUm den inflation\u00e4ren Effekt zu begrenzen, muss das Kapital den Druck auf die L\u00f6hne in den Zentren der Weltwirtschaft verst\u00e4rken beziehungsweise die Produktion noch st\u00e4rker in Billiglohnl\u00e4nder verlagern.\u201c Aber da das kapitalistische System auf Profitmaximierung beruht, wird das Kapital ohnehin versuchen, Druck auf L\u00f6hne auszu\u00fcben beziehungsweise Produktion zu verlagern. Wenn den Kapitalisten das nicht gelingt, schr\u00e4nken sie die Produktion ein, damit sinkt die Nachfrage, was den \u201einflation\u00e4ren Effekt\u201c ebenfalls begrenzt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bezeichnet Heino die \u201eAusterit\u00e4tspolitik, mit der vor allem in Europa die Kosten der Bankenrettung auf die Arbeiterklasse abgew\u00e4lzt werden\u201c als unvermeidlichen Preis, der \u201ef\u00fcr die keynesianische Anfangsphase kapitalistischer Krisenverz\u00f6gerung f\u00e4llig wurde\u201c. Aber worin besteht der Zusammenhang zwischen der keynesianischen Politik 2008\/09 und der Austerit\u00e4tspolitik? In der Zunahme der Geldmenge oder in der Zunahme der Staatsverschuldung? Offensichtlich wird die \u201eAusterit\u00e4tspolitik\u201c des Sozialkahlschlags vor allem in den L\u00e4ndern betrieben, die in den letzten Jahren Probleme mit der Finanzierung ihrer Staatsschulden bekamen (Griechenland, Portugal, Spanien und andere), nicht in denen, in denen das Wachstum der Geldmenge oder die Inflation besonders hoch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Es ist wahr, dass ein von der EZB mit Krediten finanziertes gigantisches staatliches Konjunkturprogramm inflation\u00e4re Folgen h\u00e4tte, schlie\u00dflich w\u00fcrde es massiv staatliche Nachfrage schaffen. Es m\u00fcsste aber so gigantisch sein, dass es den R\u00fcckgang privater Kreditaufnahme und Investitionen mehr als ausgleichen w\u00fcrde, das hei\u00dft es m\u00fcsste umfangreicher sein als zum Beispiel die zahlreichen japanischen Konjunkturprogramme der letzten zwanzig Jahre, die weder f\u00fcr dauerhaftes Wirtschaftswachstum noch f\u00fcr eine \u00dcberwindung der Deflationsspirale gereicht haben (aber zu einer Staatsverschuldung in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 200 Prozent der Bruttoinlandsprodukts gef\u00fchrt haben, deutlich h\u00f6her als in Griechenland).<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir nicht davon ausgehen, dass ein so gigantisches Konjunkturprogramm lange bevor es zu Inflation f\u00fchrt, zu einer Staatsschuldenkrise f\u00fchren w\u00fcrde (beziehungsweise die Krise in S\u00fcdeuropa verallgemeinern w\u00fcrde)? In den siebziger Jahren waren die staatlichen Konjunkturprogramme (neben dem Anstieg der \u00d6lpreise 1973 und der inflation\u00e4ren Wirkung der Finanzierung des Vietnamkriegs durch die USA) ein Faktor beim Anstieg der Inflationsraten, bei der damaligen \u201eStagflation\u201c. Aber heute m\u00fcssen wir vor brutalen staatlichen K\u00fcrzungsprogrammen \u00e0 la Griechenland Angst haben, nicht vor m\u00f6glichen inflation\u00e4ren Wirkungen staatlicher Konjunkturprogramme, zumindest nicht in der Euro-Zone. (In China hat das dortige umfangreiche Konjunkturprogramm sicher zum Anstieg der Preise 2010\/11 auf 5,4 Prozent 2011 beigetragen, aber seitdem sind sie auch dort wieder gesunken).<\/p>\n<p>Heinos letzter Satz macht eine Sorge deutlich, die hinter seinem Leserbrief stecken k\u00f6nnte, n\u00e4mlich die Sorge vor einer zu unkritischen Haltung gegen\u00fcber der Politik der EZB. Er schreibt: \u201eAls Sozialisten sollten wir die EZB-Anleihek\u00e4ufe nicht nur wegen der damit verbunden Austerit\u00e4tsauflagen ablehnen, sondern auch als weiteren Schritt in Richtung auf den Zusammenbruch der Euro-Zone verstehen.\u201c<\/p>\n<p>Ich bin mit Heino v\u00f6llig einverstanden, dass wir EZB-Anleihek\u00e4ufe auch ablehnen sollten, wenn sie nicht mit Austerit\u00e4tsauflagen verbunden w\u00e4ren. Wenn sich Investoren mit Staatsanleihen verspekuliert haben, sollten SozialistInnen nicht daf\u00fcr eintreten, dass die EZB sie ihnen abkauft, zu Preisen, die sie auf dem Markt daf\u00fcr nicht mehr bekommen. Wir treten stattdessen f\u00fcr die Verstaatlichung des gesamten Finanzsektors ein.<\/p>\n<p>Ich bin ebenfalls v\u00f6llig einverstanden, dass die EZB-Ma\u00dfnahmen einen \u201eZusammenbruch der Euro-Zone\u201c nicht verhindern werden. Ich denke aber nicht, dass sie ihn beschleunigen. Ich denke auch, dass eine Zinserh\u00f6hung der EZB, um eingebildete Inflationsgefahren zu bek\u00e4mpfen, die wirtschaftlichen Probleme zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft h\u00e4tte. Stattdessen hat die EZB bekanntlich die Zinsen noch mal gesenkt. Aber selbst wenn die EZB alles \u201erichtig machen\u201c w\u00fcrde \u2013 die Krise des Kapitalismus ist so tief, dass keine Zentralbank sie \u00fcberwinden kann. Die Aufgabe von Linken und SozialistInnen ist es sicher nicht, den Berater f\u00fcr Zentralbanken oder den Arzt am Krankenbett des Kapitalismus zu spielen, sondern auf seine \u00dcberwindung hinzuarbeiten.<\/p>\n<p>Der <a title=\"Leserbrief\" href=\"www.archiv.sozialismus.info\/?p=26427\">Leserbrief von Heino Berg<\/a> ist <a title=\"Leserbrief\" href=\"www.archiv.sozialismus.info\/?p=26427\">hier<\/a> zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antwort auf einen Leserbrief<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":27081,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[124,125],"tags":[363],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27080"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27080"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27080\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/27081"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27080"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27080"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27080"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}