{"id":26588,"date":"2014-02-15T14:35:29","date_gmt":"2014-02-15T13:35:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26588"},"modified":"2014-02-19T10:24:36","modified_gmt":"2014-02-19T09:24:36","slug":"ya-basta-es-reicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/02\/ya-basta-es-reicht\/","title":{"rendered":"\u201eYa basta!\u201c \u201eEs reicht!\u201c"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_26594\" aria-describedby=\"caption-attachment-26594\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-26594\" alt=\"Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/seven_resist\/ CC BY-NC-SA \" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b-600x370.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b-900x555.jpg 900w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4827783476_f7d5962623_b.jpg 1658w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26594\" class=\"wp-caption-text\">Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/seven_resist\/ CC BY-NC-SA<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vor 20 Jahren: Zapatistas-Aufstand in Chiapas, Mexiko<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSie kamen aus dem Nichts\u201c, schrieb Paco Ignacio Taiboo II in den ersten Tagen des Jahres 1994. Und wirklich schienen jene eigenartig aussehenden Krieger wie der Blitz aus heiterem Himmel in die heile Welt des im Siegeszug befindlichen Kapitalismus einzuschlagen \u2013 da hatte der Autor einer der besten Ch\u00e9 Guevara-Biografien ohne Zweifel recht.<\/p>\n<p><em>von Steve K\u00fchne, Dresden<\/em><\/p>\n<p>Noch zwei Jahre zuvor hatte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama im Angesicht des Untergangs der stalinistischen Staaten vom \u201eEnde der Geschichte\u201c get\u00f6nt und damit gemeint, dass der Kapitalismus f\u00fcr immer als Sieger aus dem Konkurrenzkampf der Systeme hervorgegangen sei. Die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus in der ehemaligen DDR und Osteuropa, samt aller verheerenden sozialen Folgen, schien ihm recht zu geben. Vielleicht hatte sich die Menschheit ja mit Elend, Hunger und Krieg abzufinden? Vielleicht lagen diese Geiseln ja tats\u00e4chlich im menschlichen Naturell \u2013 wie die b\u00fcrgerliche Propaganda nicht m\u00fcde wird zu behaupten? Und vielleicht waren Revolution\u00e4re wie Karl Marx, Rosa Luxemburg, Leo Trotzki oder Ch\u00e9 Guevara keine Vorbilder, sondern lediglich noch Bilder in Geschichtsb\u00fcchern.<\/p>\n<h4>Aufstand<\/h4>\n<p>In dieser Situation musste die Besetzung von gleich f\u00fcnf Kreisst\u00e4dten in der Provinz Chiapas im S\u00fcden Mexikos wie der geisterhafte Ruf aus einer anderen Welt erscheinen. Pl\u00f6tzlich \u2013 ohne jede Vorank\u00fcndigung \u2013 brach ein Aufstand von mit Skimasken vermummten M\u00e4nnern und Frauen herein, der wenn nicht die Welt, so doch wenigstens gro\u00dfe Teile der Linken, die unabh\u00e4ngig von ihrer politischen Ausrichtung unter der Niederlage des Stalinismus litt, vom ersten Tage an in Atem hielt.<\/p>\n<p>Mit rudiment\u00e4ren Fantasieuniformen bekleidet, die Kalaschnikow umgeh\u00e4ngt gaben sie Zeitungen, Radiosendern und dem Fernsehen Interviews. Der Schock im Herzen des Establishments sa\u00df tief. Doch die Sympathien von Linken und Jugendlichen weltweit; von Menschen, die Hunger litten, deren Kinder an heilbaren Krankheiten starben, die ihre Arbeit verloren, die unter imperialistischen Kriegen leiden mussten, waren diesen K\u00e4mpfern gewiss.<\/p>\n<p>Noch am ersten Tag des Aufstands, am 1.Jamuar 1994, verk\u00fcndete die milit\u00e4rische Kraft, die hinter der Erhebung stand, die EZLN (Ej\u00e9rcito Zapatista de Liberaci\u00f3n National \u2013 Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung), ihre \u201eDeklaration des lakandonischen Urwald\u201c. Subcommandante Marcos sprach voller Stolz in die herbeigeeilten Fernsehkameras: \u201eWir m\u00fcssen die Welt nicht erobern. Es reicht sie neu zu erschaffen. Heute. Durch uns!\u201c Aus diesen Worten schien der in Lateinamerika noch immer legend\u00e4re Revolution\u00e4r Ch\u00e9 Guevara zu sprechen. \u201eSeien wir realistisch, versuchen wir das unm\u00f6gliche!\u201c<\/p>\n<p>Und wie \u00fcberall rings um den Globus Ch\u00e9 Guevaras Konterfei schnell auf unz\u00e4hligen T-Shirts zu sehen war und jeder wusste, was mit diesem Bild gemeint war. So tauchten bald auch Bilder von mit Sturmhauben verh\u00fcllten Gesichtern als Spr\u00fchschablonen oder auf Pullovern auf. Die Buchstaben EZLN er\u00fcbrigten sich \u2013 jeder wusste was mit diesen Bildern gemeint war. Doch was wollten diese Guerilleros und Guerilleras mit ihrer Aktion erreichen?<\/p>\n<h4>Unterdr\u00fcckung<\/h4>\n<p>Der Termin der Erhebung war klug gew\u00e4hlt, am ersten Januar 1994 trat das Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko (NAFTA) in Kraft. Die Presseerkl\u00e4rungen waren geschrieben, die Kameras standen bereit, doch was der mexikanische Pr\u00e4sident Salinas zur \u201eFeier des Tages\u201c zu sagen hatte interessierte niemanden mehr. Seine Lieblingsredewendung, mit der er NAFTA zu legitimieren suchte, handelte vom \u201eTakeoff\u201c seines Landes in die erste Welt. Derlei Botschaften gedachte er auch am 1.Jamuar in die \u00d6ffentlichkeit zu posaunen. Doch die \u201eZapatistas\u201c machten ihm einen gekonnten Strich durch die Rechnung. Ihr zwei Jahre lang im Geheimen geplanter Handstreich zog die Medien\u00f6ffentlichkeit der Welt auf sich.<\/p>\n<p>Die Presse war voll von der tragischen Geschichte der Mayas, die von den europ\u00e4ischen Kolonisatoren abgeschlachtet, im mexikanischen Kaiserreich unterdr\u00fcckt und in Salinas Mexiko bitterster Armut ausgesetzt waren. Nun erhoben sich ihre Nachkommen gegen den Rassismus der Herrschenden, gegen Hunger und Armut. Endlich war ihre Geschichte zu sehen, zu h\u00f6ren und zu lesen.<\/p>\n<p>Doch es ging um mehr, als um einen vererbten Konflikt. Die bereits erw\u00e4hnte Deklaration rief unverhohlen zum Sturz des Diktators auf. Und in den Augen der unterdr\u00fcckten nationalen Minderheit musste Salinas genau das sein. W\u00e4hrend die B\u00e4uerinnen und Bauern in Chiapas unter den noch immer existenten feudalen Strukturen S\u00fcdmexikos zu leiden hatten, schuf Salinas mit der NAFTA (North American Free Trade Agreement) ein Einfallstor f\u00fcr den Neoliberalismus. Freier Handel, Kauf und Verkauf von Land, Abschaffung von Z\u00f6llen \u2013 den Zapatistas war klar, wer vor allem darunter zu leiden h\u00e4tte. Die billigen industriell hergestellten Produkte aus den USA w\u00fcrden den mexikanischen Markt in k\u00fcrzester Zeit \u00fcberschw\u00e4mmen und das ohnehin schon unbeschreibliche Elend auf die unfassbare Spitze treiben.<\/p>\n<p>Den B\u00e4uerinnen und Bauern in Chiapas mussten nur auf das Jahr 1989 schauen. Damals st\u00fcrzte der Kaffeepreis auf dem internationalen Markt, was dramatische soziale Folgen nach sich zog. Der Generalangriff von NAFTA w\u00fcrde weitaus schlimmer ausfallen \u2013 bei Weitem nicht nur f\u00fcr die Mayas, die nun den Aufstand probten.<\/p>\n<p>Im Januar 1994 trafen in Mexiko Mittelalter und neoliberaler Kapitalismus aufeinander. Doch letztgenannter brachte keinen Fortschritt mehr, so wie das im 19.Jahrhundert noch der Fall gewesen war, sondern drohte nur die feudale Unterdr\u00fcckung in Chiapas durch die kapitalistische Ausbeutung zu erg\u00e4nzen. Die \u201eZapatistas\u201c waren nicht bereit das l\u00e4nger hinzunehmen. Und so endete die bereits erw\u00e4hnte Erkl\u00e4rung der EZLN auch mit den Worten \u201eya basta\u201c, \u201ees reicht.\u201c<\/p>\n<h4>Gegenangriff<\/h4>\n<p>Salinas reagierte auf die einzige f\u00fcr ihn denkbare Weise. Er entsandte 10.000 Mann Milit\u00e4r und lie\u00df das Aufst\u00e4ndischengebiet bombardieren. Seine Rechtfertigung war die in der Deklaration der EZLN gegen sein Regime ausgesprochene Kriegserkl\u00e4rung. Dass der mexikanische Kapitalismus und vor diesem der mexikanische Feudalismus gegen nationale Minderheiten, gegen Arme, gegen ArbeiterInnen und B\u00e4uerinnen und Bauern best\u00e4ndig selbst Krieg f\u00fchrte, interessierte ihn nicht. Gewiss, dieser Krieg kannte keine Sch\u00fctzengr\u00e4ben und Panzer, keine Kampfflugzeuge und Granatwerfer, es war ein sozialer Krieg, den Salinas\u2018 Regime im Namen der Gro\u00dfunternehmen f\u00fcr niedrige L\u00f6hne, gegen gewerkschaftliche Rechte, gegen die Rechte der Bev\u00f6lkerung und gegen Minderheitenrechte f\u00fchrte. Und deshalb war dieser Krieg \u2013 wenigstens in Mexikos \u00e4rmster Region, in Chiapas, wo vielerorts der Hunger regierte \u2013 nicht weniger t\u00f6dlich. Der Akt des Aufstandes war nichts weiter als der verzweifelte Versuch die eigene Haut zu verteidigen.<\/p>\n<h4>Solidarit\u00e4t<\/h4>\n<p>Der mexikanische Kapitalismus war beileibe nicht nur f\u00fcr die aufst\u00e4ndischen Mayas eine Existenzbedrohung. Auch in den St\u00e4dten sorgte er f\u00fcr Existenz\u00e4ngste und Not. Der Kampf der maskierten Rebellen im fernen Chiapas fand schnell Anh\u00e4ngerInnen in den industriellen Zentren. ArbeiterInnen gingen auf die Stra\u00dfe und verlangten einen sofortigen Stopp der Milit\u00e4raktionen. Der Druck war gewaltig, alle Rechtfertigungsversuche der Salinas-Regierung halfen nichts. Der heroische Kampf der EZLN rief ungeheure Sympathien wach.<\/p>\n<p>In der Situation in Chiapas, in Armut und der Not und der Spaltung der Bev\u00f6lkerung in wenige Reiche und viele Arme erkannte sich die mexikanische Gesellschaft selbst wieder. In den K\u00e4mpfern der EZLN erblickten nicht Wenige die Hoffnung auf Widerstand gegen die sozialen Auswirkungen des neoliberalen Kapitalismus. Nicht die Guerilla als solche war es, die die st\u00e4dtischen ArbeiterInnen anzog, sondern die Botschaft, dass es m\u00f6glich war zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Salinas sah sich Angriffen von allen Seiten ausgesetzt: Die EZLN in Chiapas und die anrollende Bewegung in den St\u00e4dten. Ihm blieb nichts als zur\u00fcckzurudern und die Milit\u00e4raktion zu stoppen. Die unvermeidlichen Gespr\u00e4chsangebote folgten.<\/p>\n<p>Subcommandante Marcos\u2018 sympathische Art, sein Witz, seine Spitzfindigkeit und sein tiefes Empfinden f\u00fcr Ungerechtigkeit nahmen die mexikanischen Massen vielfach f\u00fcr ihn ein. \u201eW\u00e4hrend die comandancia noch \u00fcberlegt, ob man mich zu den Gespr\u00e4chen schickt oder nicht, zerbreche ich mir den Kopf dar\u00fcber, welche Kleidung ich mitnehmen soll\u201c, gab Marcos bei einem Interview zum Besten. Ein Satz, der bei seiner Vorliebe f\u00fcr das immer gleiche Outfit nur als Persiflage auf die mediale Inszenierung des auf einmal freundlich-gespr\u00e4chswilligen Salinas verstanden werden konnte.<\/p>\n<h4>Fehler<\/h4>\n<p>Vielleicht waren die Gespr\u00e4che zwischen Regierung und Guerilla, die Anfang Februar in San Cristobal de las Casa begannen wirklich alternativlos. Mitunter war der Druck auch auf die EZLN so gro\u00df, dass man zu dieser Zeit mit dem verhassten Salinas in Verhandlungen eintreten musste. Und sicher war das Treffen auf dem Salinas Frauen und M\u00e4nnern mit Sturmhauben gegen\u00fcber sa\u00dfen, f\u00fcr die Herrschenden in Mexiko eine schwere Dem\u00fctigung. Nur setzten die EZLN-VertreterInnen von Beginn an die falschen Zeichen. Gemeinsam mit Salinas hielten sie die mexikanische Nationalflagge und lie\u00dfen sich in dieser Pose in den Zeitungen ablichten. Sie forderten von der Regierung nicht \u201evergessen\u201c zu werden und \u2013 viel bedeutender \u2013 sie unternahmen keine realen Schritte, um mit der Protestbewegung in den St\u00e4dten in Austausch zu treten. Gespr\u00e4che mit der Arbeiterbewegung in den urbanen Zentren w\u00e4ren jedoch weitaus bedeutender gewesen als mit den Herrschenden Mexikos, die beide \u2013 ArbeiterInnen und indigene B\u00e4uerinnen und Bauern \u2013 gleichsam unterdr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Die Folgen waren katastrophal: Die Bewegung in den St\u00e4dten verebbte, das war f\u00fcr Salinas das Startsignal. Zun\u00e4chst lie\u00df er die Gespr\u00e4che platzen. Doch noch immer schaltete die EZLN nicht um. Als 1994 Pr\u00e4sidentschaftswahlen stattfanden, rief sie auf, eine Stimme f\u00fcr die Demokratie abzugeben \u2013 was immer das auch hei\u00dfen sollte. Nun r\u00e4chte es sich, dass die EZLN auf Gespr\u00e4che mit der Regierung gesetzt hatte, statt mit den ArbeiterInnen der St\u00e4dte gemeinsam eine politische Alternative aufzubauen. Man hatte bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen den ArbeiterInnen, B\u00e4uerinnen und Bauern und den verarmten Massen schlicht nichts anzubieten. Salinas, der laut mexikanischer Verfassung nicht noch einmal kandidieren durfte, wurde durch einen Mann mit Namen Zedillo ersetzt. Das eine Gesicht an der Spitze des korrupten Staatsapparats wurde durch ein anderes ersetzt. Bald schon drangen einige der kriminellen Machenschaften Salinas an die \u00d6ffentlichkeit: Von Verstrickungen in den Drogenhandel und \u00dcbereinkommen mit der Mafia war die Rede. Auch sein Amtsnachfolger war von Verd\u00e4chtigungen nicht frei.<\/p>\n<p>Zedillo nahm ab 1995 die Offensive gegen die EZLN wieder auf und bildete rechtsradikale, rassistische Paramilit\u00e4rs aus, die gegen die indigene Basis der EZLN mobilisiert wurden. In den Folgejahren waren sie f\u00fcr schreckliche Massaker unter den B\u00e4uerinnen und Bauern in Chiapas verantwortlich.<\/p>\n<p>Die EZLN versuchte nun vor allem politisch wieder in Vorhand zu kommen und es gelangen ihr dabei nicht zu untersch\u00e4tzende Erfolge. Schon 1996 lud sie in den Urwald der Provinz Chiapas zu einem \u201eIntergalaktischen Treffen gegen den Neoliberalismus\u201c. So ironisch wie der Titel zun\u00e4chst wirkt, war die Zusammenkunft an sich nicht. Immerhin 4.000 TeilnehmerInnen aus \u00fcber 40 Staaten eilten in die Aufstandsregion um gemeinsam \u00fcber Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus zu diskutieren. Zumindest den Teilnehmerzahlen nach war das Attribut \u201eintergalaktisch\u201c also gar nicht so falsch\u2026 Zedillo geriet ob des Erfolgs der \u201eZapatistas\u201c von Neuem unter Druck und bot wieder Verhandlungen an. Und wieder verhandelte die EZLN mit Abgesandten des Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Die Besprechungen waren z\u00e4h und langwierig, das Ergebnis erf\u00fcllte die EZLN dennoch mit einer gewissen Portion Zufriedenheit. Immerhin, die Herrschenden Mexikos bekannten sich zu den demokratischen Rechten der Indios und wollten diese sogar in die Verfassung aufnehmen. Nur leider braucht man einen sehr langen L\u00f6ffel, wenn man mit dem Teufel von einem Teller Suppe isst. Die \u201eZapatistas\u201c verbrannten sich den Mund. Frech erhob Zedillo Einspruch gegen die Verfassungs\u00e4nderung und verhinderte so mittels des Vetos des Pr\u00e4sidenten die Aufnahme von Rechten der indigenen Minderheiten in die mexikanische Verfassung.<\/p>\n<p>Und nun holten die von Milit\u00e4r und Establishment aufgestellten Paramilit\u00e4rs zum Schlag gegen die EZLN und die Indio-Bauern in Chiapas aus. Massaker an wehrlosen B\u00e4uerinnen und Bauern h\u00e4uften sich: 1997 und 2006 waren zwei Beispiele, in denen rechte Paramilit\u00e4rs ihre Skrupellosigkeit im Vorgehen gegen einfache DorfbewohnerInnen unter Beweis stellten.<\/p>\n<h4>Lehren<\/h4>\n<p>Hegel schrieb einmal, dass sich alle historischen Ereignisse mehrmals abspielen. Im Mexiko des Jahres 1994 wiederholte sich nicht einfach die Situation des Jahres 1917 in Russland. Elemente desselben traten jedoch in Mexiko auf.<\/p>\n<p>Doch man muss nicht erst lange suchen, um zu erkennen, was der Hauptunterschied zwischen beiden ist. Das eine Land sch\u00fcttelte, wenigstens bis zu Stalins Konterrevolution, die Last der Unterdr\u00fcckung von seinen Schultern, das andere bezwang seine Herrschenden nicht.<\/p>\n<p>Russland war ein Bauernland, die Arbeiterklasse klein, aber gut organisiert, die nationale Kapitalistenklasse fast ohne Bedeutung. Russlands Industrie war vielfach in der Hand ausl\u00e4ndischer Gro\u00dfunternehmer. Die Verh\u00e4ltnisse auf dem Land erinnerten an die Zeit vor der franz\u00f6sischen Revolution. Wenn auch das Zeitalter des Computers l\u00e4ngst angebrochen und die Menschheit auf dem Mond gelandet war, die sozialen Verh\u00e4ltnisse in Mexiko im ausgehenden 20.Jahrhundert waren in den l\u00e4ndlichen Regionen erschreckend feudal. Die mexikanischen Kapitalisten hingen am Tropf ausl\u00e4ndischer \u2013 vorrangig US-amerikanischer \u2013 Unternehmer.<\/p>\n<p>Nicht umsonst benannten sich die Aufst\u00e4ndischen in der Provinz Chiapas nach dem legend\u00e4ren Bauernf\u00fchrer Emiliano Zapata, der die Macht der Gro\u00dfgrundbesitzer brechen wollte. Noch heute kennt jedes mexikanische Kind die Geschichte dieses Revolution\u00e4rs, der schlie\u00dflich, nach sieben Jahren Kampf, ermordet wurde. Sein Tod fiel ausgerechnet in jenes Jahr, in dem die Bolschewiki in Russland die Revolution machten.<\/p>\n<p>Propagandistisch h\u00e4tte die Namenswahl der mexikanischen Guerilleras und Guerilleros nicht besser ausfallen k\u00f6nnen. Doch politisch offenbarte sie eben auch ihre Schw\u00e4chen. W\u00e4hrend den Bolschewiki 1917 klar war, dass eine so schwache Unternehmerklasse nicht die b\u00fcrgerliche Revolution machen konnte, also nicht die Neuaufteilung des Grund und Bodens und nicht die L\u00f6sung der nationalen Frage \u2013 also der gesetzlichen Anerkennung der politische Rechte nationaler Minderheiten \u2013 bewerkstelligen konnte. W\u00e4hrend sie wussten, dass das in einem Land wie Russland nur die Arbeiterklasse tun konnte. Und w\u00e4hrend sie daraus den Schluss zogen, dass die ArbeiterInnen kaum beim Kapitalismus stehen bleiben w\u00fcrden, sondern die Revolution vorantreiben mussten hin zu einem sozialistischen Umbruch, blieben die \u201eZapatistas\u201c an dieser unsichtbaren Schranke stehen.<\/p>\n<p>Deshalb die Verhandlungen mit den Herrschenden, deshalb nicht der ernstgemeinte Versuch mit den ArbeiterInnen in den St\u00e4dten gemeinsam gegen Salinas und sp\u00e4ter Zedillo und deren ganzen System der Korruption und L\u00fcge anzugehen, deshalb keine politische Alternative bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 1994. Den \u201eZapatistas\u201c fehlte jene Einsicht, zu der sich die Bolschewiki in ihrer Zeit durchgerungen hatten: zur Theorie der Revolution in Permanenz (die von Leo Trotzki entwickelt worden war).<\/p>\n<p>Gerade in den L\u00e4ndern Lateinamerikas k\u00f6nnen Revolutionen nur siegen, wenn die Revolution\u00e4rInnen sich dar\u00fcber im Klaren sind, dass sich Erhebungen entlang dieser Linie entwickeln m\u00fcssen, oder aber zum Scheitern verurteilt sind.<\/p>\n<h4>Diskursguerilla<\/h4>\n<p>Wer glaubt, die \u201eZapatistas\u201c seien bezwungen worden, der irrt! Die EZLN wurde geschlagen, ziog sich zur\u00fcck, formierte sich neu, griff wieder an und dort wo sie das nicht konnte, versuchte sie politisch dien Offensive zu kommen. Sie veranstaltete internationale Treffen, versuchte politische Prozesse in Gang zu setzen und proklamierte Solidarit\u00e4t mit Streikbewegungen weltweit. Die Idee der globalen Solidarit\u00e4t der Unterdr\u00fcckten fasste Subcommandante Marcos in einem Interview zusammen, als er zu seiner Identit\u00e4t gefragt wurde: \u201eMarcos ist Schwuler in San Francisco, Schwarzer in S\u00fcdafrika, Asiat in Europa, Anarchist in Spanien, Pal\u00e4stinenser in Israel, Indio in San Crist\u00f3bal (Chiapas), Jude in Deutschland.\u201c<\/p>\n<p>Mit einem Radiosender versuchen die \u201eZapatistas\u201c ihre politischen Vorstellungen zu verbreiten und noch immer stehen 3.000 Angeh\u00f6rige der EZLN unter Waffen, um die Indo-B\u00e4uerinnen und \u2013Bauern vor den \u00dcbergriffen rechtsradikaler Paramilit\u00e4rs zu sch\u00fctzen. Die EZLN hat nie aufgegeben!<\/p>\n<h4>\u201eEs gibt keine Alternative als die sozialistische Revolution!\u201c (Ch\u00e9 Guevara)<\/h4>\n<p>Der Mut der Aufst\u00e4ndischen wird f\u00fcr immer eine Inspiration f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten weltweit bleiben, ihre politischen Fehler bilden unsere Lehren f\u00fcr die Zukunft. Doch das klingt beinahe fatalistisch. Zu Fatalismus hingegen gibt es keinerlei Anlass! Die Wahlerfolge erkl\u00e4rter SozialistInnen in den USA (Kshama Sawant, Socialist Alternative) und der \u201eFront der Linken und ArbeiterInnen\u201c (FIT) in Argentinien zeigen, dass etwas in der Luft liegt. Die Tage des Kapitalismus sind gez\u00e4hlt, dass zeigt die Krise dieses Systems, aus der die Herrschenden weltweit keinen Ausweg zu finden scheinen. Wie lange wir ihn noch ertragen m\u00fcssen ist eher eine Rechenaufgabe, denn Kaffeesatzleserei. Die Dauer seiner weiteren Existenz wird bestimmt durch die Zeit, die die Unterdr\u00fcckten weltweit ben\u00f6tigen, um Organisationen zu schaffen, die \u2013 wie die Bolschewiki 1917 \u2013 dieses \u00fcberlebte System, beiseite zu schieben in der Lage sind.<\/p>\n<p>Der Aufbau solcher Massenorganisationen ist jedoch \u2013 und hierin liegt die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr die SozialistInnen unserer Tage \u2013 kein rein technischer Akt. Die Einsicht, dass mit dem Kapitalismus etwas Grundlegendes nicht stimmen kann, wird weltweit von Millionen Menschen geteilt. Nur folgt daraus nicht mehr automatisch \u2013 wie es noch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Fall gewesen war \u2013 die Schlussfolgerung, f\u00fcr eine sozialistische Zukunft zu k\u00e4mpfen. Dieses offensichtliche Manko ist in zweierlei Hinsicht das Ergebnis der Niederlage des Stalinismus Ende der 80er\/Anfang der 90er Jahre. Zum Einen scheint der Kapitalismus durch dieses Ereignis seine \u00dcbermacht bewiesen zu haben, zum Anderen f\u00e4llt es ihm im Hinblick auf die offenkundigen Verbrechen des Stalinismus sehr leicht sozialistische Ideen zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Und so bleibt es die Aufgabe von SozialistInnen die zu zeigen, dass eine grundlegende gesellschaftliche Alternative nur dem Namen nach mit dem verwandt ist, was vor 1989\/90\/91 im Ostblock existierte. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen sie jedoch auch aufzeigen wie bedeutend es f\u00fcr die aktuellen K\u00e4mpfe ist, sie mit sozialistischen Ideen zu verbinden. Nur wer bereit ist, die kapitalistische Logik zu durchbrechen; nur wer bereit ist, die Profite den Menschen und nicht die Menschen den Profiten zu opfern, hat eine grundlegende L\u00f6sung f\u00fcr die weltweite \u00f6konomische Krise zu bieten.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auch sagen, in Anbetracht von einer Milliarde (!) Menschen, die weltweit hungern, in Anbetracht von Kriegen und Umweltzerst\u00f6rung ist die sozialistische Revolution alternativlos!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren: Zapatistas-Aufstand in Chiapas, Mexiko<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":26594,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26588"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26588"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26588\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26594"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}