{"id":26462,"date":"2014-01-25T17:00:09","date_gmt":"2014-01-25T16:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26462"},"modified":"2014-02-19T09:42:36","modified_gmt":"2014-02-19T08:42:36","slug":"debatte-zum-syrienkonflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/01\/debatte-zum-syrienkonflikt\/","title":{"rendered":"Debatte zum Syrienkonflikt"},"content":{"rendered":"<h4><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Syrien.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25933\" alt=\"Syrien\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Syrien-280x173.png\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Syrien-280x173.png 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Syrien-162x100.png 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Syrien.png 365w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Leserbrief von A. Holberg zu <a href=\"http:\/\/https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2013\/12\/der-syrien-krieg-und-die-linke\/\">&#8222;Der Syrien-Krieg und die Linke&#8220;<\/a> vom 17. Dezember 2013<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Werte Genossinnen,<\/p>\n<p>\u00a0in Eurem Artikel &#8222;Der Syrienkrieg und die Linke&#8220; werde ich zwar nicht erw\u00e4hnt, was auch verst\u00e4ndlich ist, denn ungeachtet meiner vielen Artikel und Diskussionsbeitr\u00e4ge (u.a. auf der Website von &#8222;Adopt A Revolution&#8220;, aber auch &#8222;Linkezeitung&#8220; und&#8220;Labournetaustria&#8220;, SoZ)<\/p>\n<p>vertrete ich ja keine Organisation, sondern nur mich (was gegebenfalls zahlenm\u00e4\u00dfig vielleicht gar nicht mal so viel weniger ist als z.B. Organisationen wie &#8222;Arbeitermacht&#8220;). Generell unterst\u00fctze ich Eure Linie, m\u00f6chte aber zum Einen darauf hinweisen, dass es zwischen Unterst\u00fctzung der inzwischen mehr als omin\u00f6sen &#8222;syrischen Revolution&#8220; und Unterst\u00fctzung des Regimes aber auch Eurer m.E. etwas abstrakten Haltung noch mindestens eine weitere M\u00f6glichkeit gibt. Diese Position<\/p>\n<p>m\u00f6chte ich zun\u00e4chst ganz kurz zusammenfassen:<\/p>\n<p>1. Das syrische Regime ist ein b\u00fcrgerliches und bereits deshalb von (revolution\u00e4ren) Sozialisten abzulehnen. Das gilt umso mehr als es ein ebenso korruptes wie blutiges Regime ist, dessen &#8222;Antiimperialismus&#8220; seinem b\u00fcrgerlichen Charakter zufolge bestenfalls konjunkturell sein kann<\/p>\n<p>2. Der Aufstand der syrischen Massen gegen dieses Regime ist legitim<\/p>\n<p>3. Da der Aufstand von Beginn an keine proletarische-revolution\u00e4re F\u00fchrung hatte, hatte er auch keine wirkliche Perspektive jenseits der bestehenden Ordnung. Dadurch, dass er relativ bald militarisiert wurde, wurden die zivilen Kr\u00e4fte (die sich wie gesagt bis auf unbekannte und auf jeden Fall unbedeutende Gruppen und Indivuen v\u00f6llig im b\u00fcrgerlichen Rahmen bewegten, auch wenn die Massenbasis der Rebellion naturgem\u00e4\u00df soziologisch nicht b\u00fcrgerlich war und ist) marginalisiert. Logischerweise haben die Kr\u00e4fte, die milit\u00e4risch am erfahrensten waren, die das klarste politische Konzept und die gr\u00f6\u00dfte materielle Unterst\u00fctzung aus dem nahen Ausland genossen, bald die Oberhand gewonnen. Das waren takfiristische Jihadisten (Nusra-Front, ISIS udgl.).<\/p>\n<p>4. Unter den Bedingungen des B\u00fcrgerkrieges war es abzusehen, dass in einem Land, in dem ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung in Stadt und Land nach Religionsgemeinschaften getrennt lebt, religi\u00f6s argumentierendes Sektierertum von interessierten Kr\u00e4ften umgehend instrumentalisiert werden konnte.<\/p>\n<p>5. Aus diesen Gr\u00fcnden stellt sich die Lage heute m.E. so dar, dass wir es auf der einen Seite mit einem widerlichen Regime zu tun haben und auf der anderen Seite mit netten aber konfusen, auf jeden Fall jedoch v\u00f6llig marginalen, fortschrittlichen und &#8222;demokratischen&#8220; zivilen Oppositionellen und real z\u00e4hlenden Ultrareaktion\u00e4ren. Zur Zeit haben wir deshalb de facto nur die Wahl zwischen diesen Kr\u00e4ften, und da scheint mir in der Tat das Regime das geringere \u00dcbel zu sein. Warum? Die Frage einer Entwicklung zum Sozialismus und mithin zu einer Demokratie, die ihren Namen verdient, stellt sich heute in der Region nicht. Auf Grund dessen, dass sich der Kern des Assad-Regimes auf die religi\u00f6se Minderheit der Alawiten (und in ihrem Gefolge anderer religi\u00f6sen Minderheiten) st\u00fctzt, ist es (auch wenn es durchaus hier und da religi\u00f6ses Sektierertum selbst instrumentalisiert) grunds\u00e4tzlich gen\u00f6tigt, f\u00fcr einen s\u00e4kularen Staat einzutreten. Nur so kann es gr\u00f6\u00dfere Teile der sunnitischn Bev\u00f6lkerungsmehrheit kooptieren oder zumindest neutralisieren. Ein solches Ziel scheint mir aktuell das einzig m\u00f6gliche zu sein. Die Niederlage der takfiristischen Kr\u00e4fte ist die Voraussetzung daf\u00fcr, und diese Niederlage kann ihnen nur von der syrischen Armee<\/p>\n<p>beigebracht werden. Das Elend, das all das \u00fcber die Zivilbev\u00f6lkerung bringt, ist nicht in erster Linie einer besonderen Brutalit\u00e4t der Armee geschuldet, sondern dem Chasrakter der milit\u00e4rischen Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>Es ist zu hoffen, dass die syrischen Werkt\u00e4tigen einst aus dieser Katastrophe die notwendigen Schl\u00fcsse ziehen und sich aus ihren Reihen eine revolution\u00e4re F\u00fchrung entwickelt. Die von den von Euch zurecht kritisierten linken Organisationen gefeaturten Figuren \u00e0 la Gilbert Achkar oder gar Michel Kilo werden sicher nicht dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine Anmerkung: Es ist klar, dass die libanesische Hizbullah eine islamistische Organisation ist und folglich politisch bourgeois. Aber m.E. ist ihre Intervention im syrischen B\u00fcrgerkrieg durchaus berechtigt. Sie hat diese mit der Notwendigkeit der Verteidigung der Schiiten (nicht nur in Syrien sondern auch im Libanon) gegen die im syrischen B\u00fcrgerkrieg immer prominenteren Takfiristen begr\u00fcndet. Die britische &#8222;Socialist Workers Party&#8220;(SWP) und ihr<\/p>\n<p>\u00f6sterreichicher Ableger haben in diesem Zusammenhang ihre Position der Unterst\u00fctzung der &#8222;syrischen Revolution&#8220; bzw. des Primats des Sturzes Assads mit der L\u00fcge begr\u00fcndet, Nassrallah habe die aufst\u00e4ndischen Sunniten in Syrien als &#8222;Takfiris&#8220; bezeichnet, als &#8222;Apostaten&#8220;. Auf meinen Hinweis, dass &#8222;Takfiris&#8220; eben nicht zu t\u00f6tende &#8222;Apostaten&#8220; sind, sondern die Muslime, die andere Muslime (z.B, eben Schiiten oder Drusen et.) als &#8222;Apostaten&#8220; bezeichnen, haben sie nicht nur mir nicht geantwortet (was auch relativ uninteressant ist), sondern sie haben es nicht einmal f\u00fcr n\u00f6tig befunden, diesen &#8222;Fehler&#8220; zu korrigieren bzw. den entsprechenden Artikel von ihrer Website zu nehmen. Ich bin nicht der Meinung, dass Gruppen, die als Marxisten auftreten, und es so mit der Wahrheit halten, irgendeine Schonung verdienten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>A. Holberg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Antwort des Autors<\/h4>\n<style type=\"text\/css\"><!--\nPRE { direction: ltr; color: rgb(0, 0, 0); }PRE.western { font-family: \"Courier New\",monospace; }PRE.cjk { font-family: \"NSimSun\",monospace; }PRE.ctl { font-family: \"Courier New\",monospace; }P { margin-bottom: 0.21cm; direction: ltr; color: rgb(0, 0, 0); }P.western { font-family: \"Times New Roman\",serif; font-size: 12pt; }P.cjk { font-family: \"SimSun\"; font-size: 12pt; }P.ctl { font-family: \"Mangal\"; font-size: 12pt; }\n--><\/style>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Lieber Genosse A. Holberg,<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">vielen Dank f\u00fcr deinen Leserbrief, der interessante Aspekte zur Diskussion beitr\u00e4gt. Im Folgenden werde ich auf einige der darin aufgeworfenen Fragen eingehen bzw. deine Schlussfolgerungen kommentieren.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00dcber die Punkte 1 und 2 brauchen wir nicht zu diskutieren, diese haben wir in unserem Artikel \u00e4hnlich formuliert.<\/span><\/span> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Unter 3. und 4. stellst du die These auf, dass das Scheitern des urspr\u00fcnglich legitimen Aufstandes gegen das Assad-Regime wegen des Fehlens einer proletarisch-revolution\u00e4ren F\u00fchrung und der religi\u00f6sen Zersplitterung Syriens unvermeidbar war.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Diese Darstellung ist nicht falsch, aus meiner Sicht allerdings verk\u00fcrzt. Auch in Tunesien und \u00c4gypten gab es keine revolution\u00e4re F\u00fchrung. Daher gelang es dort nicht, die Revolution in ihr sozialistisches Stadium zu \u00fcberf\u00fchren. Aber es reichte zum Sturz der Regime, verbunden mit einer l\u00e4nger anhaltenden Massenmobilisierung. Allerdings ind s\u00e4mtliche Erfolge des \u201earabischen Fr\u00fchlings\u201c permanent durch die Konterrevolution bedroht, die in \u00c4gypten schon eine weitgehende Restauration erreicht hat.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Wir d\u00fcrften uns einig sein, dass die Bedingungen in Syrien extrem ung\u00fcnstig waren. In meinem Artikel formulierte ich: <\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>\u201eAnders als in Tunesien und \u00c4gypten fehlten in Syrien starke klassenbasierte Strukturen der Arbeiterbewegung, welche die Unterschiede zwischen den Regionen,<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"> Nationalit\u00e4ten <\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>und Religionen h\u00e4tten \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen.\u201c<\/i><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Dazu kamen die schnelle milit\u00e4rische Konfrontation, die gezielte schnelle Einmischung reaktion\u00e4rer M\u00e4chte von au\u00dfen \u2013 T\u00fcrkei, Golfstaaten, Saudi-Arabien, westliche Imperialisten \u2013, die w\u00e4hrend der beginnenden Revolte in Tunesien und \u00c4gypten zeitweise handlungsunf\u00e4hig waren.<\/span><\/span> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Doch mir scheint es zu weitgehend, aus dieser ung\u00fcnstigen Gemengelage ein quasi automatisches Scheitern der Revolte abzuleiten bzw. deren Erfolg schon theoretisch auszuschlie\u00dfen. Um dies abschlie\u00dfend beurteilen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste man die genauen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse vor Ort im Fr\u00fchjahr 2011 betrachten, m\u00fcsste wissen, ob es nicht doch M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die syrische Linke gab, die Bewegung st\u00e4rker zu beeinflussen. Einen solch detaillierten Einblick in die Verh\u00e4ltnisse in Syrien haben wir nicht und daher w\u00fcrden wir es dabei belassen, auf die ung\u00fcnstigen Bedingungen zu verweisen und eher allgemein zu formulieren, was in Syrien n\u00f6tig w\u00e4re, um sowohl das Regime als auch die rechtsgerichteten Islamisten zu besiegen.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">W\u00fcrde man deine Darstellung \u2013 von Beginn an unvermeidbares Scheitern der Revolte und ebenso unvermeidbare Verwandlung in einen religi\u00f6s-nationalen B\u00fcrgerkrieg \u2013 konsequent anwenden, m\u00fcsste man den syrischen Oppositionellen sagen, dass es ein Fehler war, den Aufstand zu beginnen oder auch nur Proteste anzusto\u00dfen.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Diese m.E. zu stark objektivierende Position w\u00fcrde dazu f\u00fchren, dass wir oppositionellen Kr\u00e4ften in vielen L\u00e4ndern mit komplizierter religi\u00f6s-nationaler Frage und exponierter geopolitischer Situation empfehlen w\u00fcrden, die F\u00fc\u00dfe still zu halten und auf Ver\u00e4nderungen des weltweiten bzw. regionalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses zu warten.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Wohl wissend, dass es nicht deine Auffassung ist, das \u201eLagerdenken\u201c zu bef\u00f6rdern und die Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterklasse gering zu sch\u00e4tzen, w\u00fcrde diese Positionierung jedoch in die N\u00e4he einer solchen Strategie f\u00fchren.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Die zentralen kontroversen Fragen hast du in Punkt 5 deines Briefes angesprochen.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Dort vertrittst du die Idee, dass sich heute die Frage des Sozialismus im Nahen Osten nicht stellt. Daraus entwickelst du, dass sich SozialistInnen notwendigerweise zwischen zwei \u00dcbeln entscheiden m\u00fcssen, dem Sieg der rechten Islamisten und dem Assad-Regime. Der Sieg des Assad-Regimes w\u00fcrde aus deiner Sicht bessere Bedingungen f\u00fcr einen Neustart einer syrischen Opposition schaffen als das W\u00fcten der islamistischen Reaktion.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch wir haben in unserem Artikel angedeutet, dass Teile der syrischen Bev\u00f6lkerung das Regime \u2013 ohne sich Illusionen dar\u00fcber zu machen \u2013 als das geringere \u00dcbel ansehen, teils wegen \u201ebetter the devil you know\u201c, teils, <\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>\u201eweil es trotz seines repressiven Charakters ein Mindestma\u00df an zivilisatorischen Standards zu versprechen scheint.\u201c <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Zudem haben wir klar gemacht, dass ein Sieg von Al-Nusra und ISIS eine Katastrophe f\u00fcr die Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten in der Region w\u00e4re.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Insofern k\u00f6nnen wir nachvollziehen, dass diese von Verzweiflung und Alternativlosigkeit diktierte Akzeptanz des Assad-Regimes und der syrischen Armee existiert. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Es spricht einiges daf\u00fcr, dass der Sieg des Regimes f\u00fcr die Massen in Syrien weniger Leiden, weniger Massaker, weniger religi\u00f6sen Terror zur Folge h\u00e4tte als der Sieg der rechten Islamisten. M\u00f6glicherweise w\u00e4ren auch die Bedingungen f\u00fcr kommende Revolten g\u00fcnstiger.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Doch ohne Zweifel g\u00e4be es nach einem Sieg des Regimes weiterhin Leiden, Massaker und Repression im gro\u00dfen Ma\u00dfstab, von der sozialen Katastrophe ganz zu schweigen. MarxistInnen m\u00f6gen eine realistische Einsch\u00e4tzung entwickeln, welche Bedingungen den Kampf erschweren oder erleichtern, aber das hei\u00dft nicht, dass wir die Kategorie des \u201ekleineren \u00dcbels\u201c zum eigenen Programm erheben sollten.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine sozialistische Str\u00f6mung, die im Nahen Osten aufbauen will, kommt nicht umhin, sich von allen reaktion\u00e4ren Regimes zu distanzieren und jedem dieser Regime die Unterst\u00fctzung zu verweigern. Die Revolte ist in einen reaktion\u00e4ren B\u00fcrgerkrieg umgeschlagen wegen der Einmischung rechter Kr\u00e4fte von au\u00dfen, aber auch wegen des Charakters des Assad-Regimes.<\/span><\/span> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Deine Analyse scheint zudem an den Grenzen Syriens Halt zu machen. Du schreibst \u00fcber die deiner Meinung nach positive Rolle der Hisbollah in Syrien. Tats\u00e4chlich wird die Hisbollah seitens der Imperialisten d\u00e4monisiert. Anders als die El-Kaida-Ableger steht die Hisbollah nicht f\u00fcr die ungebremste barbarische Reaktion, sondern ist durchaus differenziert zu betrachten. Aber das \u00e4ndert nichts an ihrem schiitisch-sektiererischen Kern und der Tatsache, dass sie ein Hindernis zur Einheit der arbeitenden Klasse im Libanon ist. Ihr Eingreifen in Syrien versch\u00e4rft die religi\u00f6se Spaltung im Libanon und vergr\u00f6\u00dfert die Gefahr eines B\u00fcrgerkrieges dort.<\/span><\/span> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">In deinem Leserbrief gehst du weiterhin nicht auf die Lage in Rojava, dem kurdischen Teil Syriens, ein. Verschiedene Augenzeugen berichten, dass dort eine weitgehende Selbstverwaltung praktiziert wird und umfassende demokratische Rechte gelten. Das Agieren der bewaffneten Einheiten der KurdInnen bietet viele Ansatzpunkte f\u00fcr multiethnische Selbstverteidigung in ganz Syrien. Es scheint mir praktisch und propagandistisch wichtig darauf hinzuweisen, dass die in Rojava gemachten Erfahrungen ein Beispiel f\u00fcr ganz Syrien sein k\u00f6nnten, einen Ausweg aus dem ethnisch-religi\u00f6sen B\u00fcrgerkrieg aufzuzeigen.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Zur Zeit sind die kurdischen Gebiete v.a. von islamistischen K\u00e4mpfern bedroht. Das syrische Regime l\u00e4sst die Kurden meistens in Ruhe, weil andere Fronten wichtiger sind. Insofern ist das Gleichgewicht der K\u00e4mpfenden ein Faktor, der den Kurdinnen und Kurden einen gewissen Spielraum verschafft. Nach einer Stabilisierung des Regimes w\u00e4re ein Generalangriff der syrischen Armee auf Rojava wahrscheinlicher, die dortigen Errungenschaften w\u00e4ren bedroht. Wenn sich seitens der westlichen Imperialisten die Erkenntnis durchgesetzt, dass ihnen Assad lieber als El-Kaida ist, dann w\u00fcrden auch sie die \u201eEinheit Syriens\u201c durch Zerschlagung der kurdischen Revolte bevorzugen. Auch die T\u00fcrkei k\u00f6nnte nach einer Niederlage ihrer FSA- und Al-Nusra-Freunde die Kurden als prim\u00e4res Ziel ausmachen.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Du argumentierst weitgehend \u201epragmatisch\u201c, als Abgrenzung zu der von uns formulierten angeblich \u201eabstrakten\u201c Herangehensweise. Dazu geh\u00f6rt dann aber auch die ganz pragmatische Erkenntnis, dass ein Sieg von Assad mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit zum Ende der Selbstverwaltung von Rojava f\u00fchren w\u00fcrde.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch aus diesem Grund w\u00e4re ein Sieg Assads reaktion\u00e4r. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine kritische Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Regime oder auch nur ein \u201eHoffen\u201c auf dessen Sieg ist meiner Meinung nach keine sinnvolle Positionierung f\u00fcr SozialistInnen.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ein Sieg von FSA und rechten Islamisten ist in den letzten Monaten unwahrscheinlicher geworden, ein Sieg des Regimes oder ein lang anhaltendes Patt wahrscheinlicher. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die westlichen imperialistischen M\u00e4chte einen Kompromiss mit dem Regime und der \u201eschiitischen Achse\u201c finden, bef\u00f6rdert auch durch die erneute Destabilisierung des Irak in Folge der Ausdehnung des Operationsgebietes der El-Kaida-nahen Milizen. Die Einladung des Irans zur Syrien-Konferenz durch UN-Generalsekret\u00e4r Ban Ki Mun und die prompte Wieder-Ausladung auf Druck der USA verdeutlichen die kontroverse Diskussion im imperialistischen Lager.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine durch die UN und die Imperialisten vermittelte Einigung in Syrien w\u00fcrde nicht den Interessen der Massen entsprechen und keine der Fragen l\u00f6sen, die zur Revolte gef\u00fchrt haben. Es mag eine gewisse Erleichterung \u00fcber eine Reduzierung des Mordens geben, aber erneute Aufschw\u00fcnge der religi\u00f6sen Spaltung und des Terrors sind eher wahrscheinlich.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Die von dir vorgenommene Gegen\u00fcberstellung \u201eSieg von FSA\/Islamisten als nackter Horror f\u00fcr die Massen in Syrien\u201c und \u201eSieg von Assad, der zu Bedingungen f\u00fchrt, die sp\u00e4ter einmal eine wirkliche Revolution erleichtern\u201c funktioniert so nicht. Es gibt eine ganze Reihe von m\u00f6glichen Szenarien. Ob dieses oder jenes Szenario mehr oder weniger Leiden und\/oder bessere Kampfbedingungen f\u00fcr die Arbeiterklasse bietet, l\u00e4sst sich nicht eindeutig sagen. Die Lage in Syrien ist zudem eng mit der Situation in Kurdistan insgesamt, dem Irak und dem Libanon verbunden.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine Positionierung auf der Grundlage einer Momentaufnahme der innersyrischen Verh\u00e4ltnisse birgt die Gefahr, die eigene Perspektive zu verengen und sich in der Falle einer nur scheinbar pragmatischen Herangehensweise zu verheddern.<\/span><\/span> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Wir sehen es daher als die zentrale Aufgabe von MarxistInnen, ein allgemeines Programm, basierend auf der Einheit der Arbeiterklasse und einer internationalen Perspektive in der Region zu vertreten. Und das kann in der jetzigen Situation nur hei\u00dfen, beide Lager \u2013 Opposition und Regime \u2013 abzulehnen und nicht f\u00fcr den Sieg der einen oder anderen Seite einzutreten. Eine andere Situation gilt in Rojava, wo wir f\u00fcr die Verteidigung der Unabh\u00e4ngigkeit und damit den milit\u00e4rischen Sieg der kurdischen Einheiten eintreten. Das ist ein allgemeines Herangehen, aber es bietet genug Ans\u00e4tze, in der Praxis zu operieren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>Claus Ludwig<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leserbrief und eine Antwort darauf <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25933,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37,35],"tags":[298],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26462"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26462"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26462\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25933"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}