{"id":26435,"date":"2014-01-17T14:00:46","date_gmt":"2014-01-17T13:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26435"},"modified":"2014-02-19T09:43:17","modified_gmt":"2014-02-19T08:43:17","slug":"einzelhandel-die-blanke-gier-regiert-unter-den-arbeitgebern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/01\/einzelhandel-die-blanke-gier-regiert-unter-den-arbeitgebern\/","title":{"rendered":"Einzelhandel: \u201eDie blanke Gier regiert unter den Arbeitgebern\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3776.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-26436\" alt=\"Jan Richter\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3776-e1389962483397-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3776-e1389962483397-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3776-e1389962483397-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3776-e1389962483397.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Interview mit Jan Richter, Vorsitzender ver.di Betriebsgruppe H&amp;M Berlin\/Brandenburg*<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">*Funktionsangabe dient nur der Kenntlichmachung der Person<\/span><\/p>\n<h4>Am Dienstag 14. Januar stimmte die ver.di Tarifkommission in Berlin und Brandenburg dem Tarifvertrag im Einzelhandel zu. Nach dem ein erstes Verhandlungsangebot abgelehnt wurde, k\u00e4mpften die Besch\u00e4ftigten einen Monat l\u00e4nger als im Pilotbezirk Baden-W\u00fcrttemberg. Worum ging es dabei?<\/h4>\n<p>Im Dezember entschieden wir, dass trotz des Angebots, den Abschluss aus Baden-W\u00fcrttemberg 1:1 zu \u00fcbernehmen, wir im Tarifgebiet Berlin-Brandenburg f\u00fcr den Ost-West-Angleich bei Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld weiterhin auf die Stra\u00dfe gehen m\u00fcssen. Im 24. Jahr der Einheit bekommen die Kolleginnen und Kollegen in Berlin-Ost und Brandenburg weniger, als Besch\u00e4ftigte in Berlin-West. Die Arbeitgeber verlangten eine Kompensationsleistung von uns in den Verhandlungen. Die Kolleginnen und Kollegen in Berlin-Ost und Brandenburg erbringen seit 24 Jahren eine Kompensationsleistung. Bei einer Aufholjagd nun auch noch den Kolleginnen und Kollegen aus Berlin-West zus\u00e4tzlich etwas abzuverlangen ist unmoralisch und ein deutliches Zeichen daf\u00fcr, dass mittlerweile die blanke Gier regiert und die Arbeitgeber den Hals nicht voll genug bekommen k\u00f6nnen. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber muss ich auch noch erw\u00e4hnen, dass wir zwar einen Monat l\u00e4nger als BaW\u00fc gek\u00e4mpft haben, Baden-W\u00fcrttemberg daf\u00fcr aber mehrere Monate vor uns angefangen hat zu streiken und die H\u00e4lfte der Streiktage aus dem ganzen Bundesgebiet allein auf sie entfallen. Deswegen gilt unseren Kolleginnen und Kollegen in BaW\u00fc nicht nur unser Dank sondern vor allem auch unser Respekt!<\/p>\n<h4>Wie bewertest du das erreichte Ergebnis?<\/h4>\n<p>Der Abschluss sieht f\u00fcr einen Zeitraum von zwei Jahren eine Lohnerh\u00f6hung von insgesamt 5,1 Prozent vor. Das Ergebnis wird von vielen Besch\u00e4ftigten positiv gesehen, da es endlich auch mal eine Reallohnsteigerungen gew\u00e4hrleistet, was in den letzten Jahren nicht immer der Fall war. Entscheidender als die reine Entgeltrunde war jedoch der Konflikt um den Manteltarifvertrag. Hintergrund f\u00fcr diesen Angriff bildet die seit Jahren stagnierende Binnennachfrage und der enorme Verdr\u00e4ngungswettbewerb in unserer Branche. Hinter der Forderung der Arbeitgeber nach einer \u201eModernisierung\u201c der Tarifvertr\u00e4ge verbarg sich ein Programm zur Senkung des Lohnniveaus. Konkret wollten sie die Kassiererinnen und Kassierer st\u00e4rker abgruppieren. Zum Beispiel sollte die Kassiererzulage in H\u00f6he von 4 Prozent zum Monatsentgelt ersatzlos gestrichen werden. Sie wollten eine Niedriglohngruppe f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten einf\u00fchren, die \u00fcberwiegend mit Warenverr\u00e4umung und Warenbearbeitung besch\u00e4ftigt sind und unsere Arbeitszeit st\u00e4rker flexibilisieren.<\/p>\n<p>Mit der Einigung wird nun der Manteltarifvertrag wieder r\u00fcckwirkend in Kraft gesetzt. Die Abgruppierung der Kassiererinnen wurde verhindert und es gibt keine noch weitergehende Flexibilisierung der Arbeitszeit. Allerdings enth\u00e4lt die Einigung auch Zugest\u00e4ndnisse an die Arbeitgeber: Es gibt die neue Entgeltgruppe f\u00fcr die \u201eWarenverr\u00e4umung\u201c. Hier ist aus \u00fcberwiegender T\u00e4tigkeit, ausschlie\u00dflich geworden. Es gibt die Verpflichtung, bis 2015 zu neuen Entgeltstrukturen und zu einer flexibilisierten Arbeitszeit zu kommen. Obwohl sich ver.di urspr\u00fcnglich gegen eine Lohngruppe zur Warenverr\u00e4umung gestellt hat, wurde die neue Regelung nicht als Problem gesehen. Im Gegenteil, jetzt gibt es eine Tarifregelung, mit der der Ausgliederung von Regal-Auff\u00fcllt\u00e4tigkeiten entgegengewirkt werden soll: In Betrieben, die vollst\u00e4ndig auf Werkvertr\u00e4ge verzichten, k\u00f6nnen Neueingestellte, die ausschlie\u00dflich diese T\u00e4tigkeit aus\u00fcben, zu einem Tariflohn von 9,54 Euro im ersten Schritt und 9,74 Euro im zweiten Schritt besch\u00e4ftigt werden. Anders als von den Arbeitgebern urspr\u00fcnglich gefordert, gilt die neue Entgeltgruppe also nicht f\u00fcr gemischte Arbeitst\u00e4tigkeiten und gibt diesen so wenig Spielraum. Und tats\u00e4chlich liegt der Stundenlohn deutlich \u00fcber dem ausgelagerter Werkvertragsnehmer von 7,50 und oft noch deutlich weniger. Ob es denn tats\u00e4chlich so sein wird, muss sich erst noch in der Praxis zeigen, denn es erschlie\u00dft sich nicht, aus welchem Beweggrund heraus ein Arbeitgeber, der \u00fcber Werkvertragsstrukturen nachts Studenten f\u00fcr einen Armutslohn besch\u00e4ftigt, diesen nun nicht nur 50 Prozent mehr Entgelt sondern pl\u00f6tzlich auch tarifliche Zuschl\u00e4ge und Urlaubs- und Weihnachtsgeld zahlen soll. Das macht keinen Sinn. Diese Leute \u00fcber Werkvertragsstrukturen am Tarifvertrag vorbei einzustellen war doch genau das Ziel. Warum sollten also Arbeitgeber ihre Leute \u00fcber diesen Passus zur\u00fcck in die Tarifbindung holen? Auch wenn die Regelung &#8211; vor allem dank der Streikenden aus BaW\u00fc &#8211; deutlich von dem entfernt ist, was die Arbeitgeber urspr\u00fcnglich wollten, sollte dieses Ergebnis nicht sch\u00f6n geredet werden. Von so einem Stundenlohn kann man nicht gut leben und deshalb ist und bleibt es meiner Meinung nach eine Niedriglohngruppe. Es gibt \u00fcberhaupt keinen Automatismus, dass die Arbeitgeber die ausgelagerten T\u00e4tigkeiten nun zur\u00fcckholen. Und es stellt sich die Frage, was dies f\u00fcr tarifgebundene Unternehmen bedeutet, die bisher die Warenverr\u00e4umung noch in Eigenriege erbringen. In einigen Kaufland-Filialen in Berlin gibt es zumindest noch Besch\u00e4ftigte, die in ihrer Arbeitst\u00e4tigkeiten ausschlie\u00dflich Waren verr\u00e4umen und deutlich h\u00f6here Stundenl\u00f6hne erhalten. Sie haben Bestandsschutz, aber Neueinstellungen k\u00f6nnten zu den deutlich schlechteren Konditionen erfolgen. Hier wird es davon abh\u00e4ngen, ob es vor Ort \u00fcberhaupt einen Betriebsrat gibt (was im Einzelhandel nicht selbstverst\u00e4ndlich ist) und ob dieser zudem sich nicht als Co-Management begreift sondern klar und k\u00e4mpferisch die Interessen der Besch\u00e4ftigten vertritt.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Einigung insgesamt, so ist es uns zun\u00e4chst erfolgreich gelungen einen Durchmarsch der Arbeitgeber zu verhindern. Das war so im Vorfeld so nicht absehbar und geht auf die \u00fcberraschend k\u00e4mpferische Streikbeteiligung neuer Unternehmen im Einzelhandel zur\u00fcck. Trotzdem ist eine ehrliche Bilanz n\u00f6tig. Die Arbeitgeber haben die T\u00fcr zur \u201eModernisierung\u201c der Tarifvertr\u00e4ge ge\u00f6ffnet bekommen. Insbesondere, dass nun im Vorfeld der n\u00e4chsten Tarifrunde, also w\u00e4hrend der Friedenspflicht, Gespr\u00e4che zur Vorbereitung einer Einigung auf eine neue Entgeltstruktur gef\u00fchrt werden sollen, k\u00f6nnte sich als \u00e4u\u00dferst problematisch herausstellen, da diese Vorverhandlungen meist ohne Mobilisierung und Aktivierung der Besch\u00e4ftigten vonstatten gehen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend bewerte ich es positiv, dass es uns gelungen ist, eine Lohnerh\u00f6hung von 5,1 Prozent zu vereinbaren. Ansonsten haben wir die Ost-West-Angleichung nicht hinbekommen, haben jetzt eine Niedriglohngruppe im Handel und m\u00fcssen mittels Prozessvereinbarung \u00fcber neue Entgeltstrukturen und die Flexibilisierung unserer Arbeitszeit unter Friedensbedingungen mit den Arbeitgeber verhandeln.\u00a0<\/p>\n<h4>Im \u00d6ffentlichen Dienst und Metallbereich beinhalteten Modernisierungen des Tarifvertrages zahlreiche Verschlechterungen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten. Was bedeutet die Prozessvereinbarung f\u00fcr euch?<\/h4>\n<p>In diesem sogenannten Tarifvertrag zur Weiterentwicklung der Tarifvertr\u00e4ge also Prozessvereinbarung sind wie in Baden-W\u00fcrttemberg neben dem ersten Punkt \u201eEntgeltstruktur\/Entgeltfindung\u201c noch die Punkte 2. Arbeitszeit und 3. Demografie vereinbart. In Berlin-Brandenburg zus\u00e4tzlich und an zweiter Stelle das Thema der Ost-West-Angleichung bei den tariflichen Sonderzahlungen Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Ich bewerte diese Prozessvereinbarung kritisch; gerade die Verpflichtung zu Neuverhandlung der Entgeltstruktur. Diese ist auch innerhalb von ver.di in den letzten Jahren \u00e4u\u00dfert umstritten. W\u00e4hrend die ver.di-Bundesf\u00fchrung dies mit den Arbeitgebern bereits verhandelte, in dem Glauben so die Tarifvertr\u00e4ge f\u00fcr die Arbeitgeber wieder attraktiver zu machen, beschlossen 2012 relevante ver.di-Landesfachbereiche wie z.B. Baden-W\u00fcrttemberg den Ausstieg aus diesem Projekt. Das wichtigste Argument war, dass dieses Vorhaben unter den derzeitigen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen nur zu Verschlechterungen f\u00fchren kann. Dem folgte dann die K\u00fcndigung der Manteltarifvertr\u00e4ge bundesweit durch die Arbeitgeber Anfang 2013. Nun wurde mit dem Abschluss die Einigkeit der Tarifvertragsparteien formuliert, zu einem neuen \u00fcberarbeiteten Tarifvertrag mit einer neuen Entgeltstruktur zu kommen. Dazu geh\u00f6ren die Grunds\u00e4tze der Entgeltfindung und die Neugestaltung der Eingruppierung der aktuellen T\u00e4tigkeiten im Handel nach Warenverr\u00e4umung, Kassierert\u00e4tigkeiten, Verkaufst\u00e4tigkeiten usw. Es wird eine Verhandlungsphase definiert, die am 31. M\u00e4rz 2015 endet, einvernehmlich verl\u00e4ngert werden kann und f\u00fcr die ein Mediations- und Schlichtungsverfahren vorgesehen ist. Und ver.di musste unterschreiben, die Verhandlungen in der Verhandlungsphase unter Friedensbedingungen, das hei\u00dft ohne Arbeitskampf zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Damit ist es den Arbeitgebern gelungen, den Zustand vom Jahr 2012 wieder herzustellen, wo auch ein Teil von ver.di seit Jahren ganz in sozialpartnerschaftlicher Manier zu Verhandlungen zu Bedingungen einer Friedenspflicht bereit gewesen ist. Es wird jetzt auf die Auseinandersetzungen innerhalb von ver.di ankommen, dass sich nicht in geschlossenen Verhandlungsrunden auf m\u00f6glichen \u00c4nderungen der Entgeltstruktur festgelegt wird, die den Besch\u00e4ftigten nichts n\u00fctzt und ohne den Streik als Mittel der Auseinandersetzung zu nutzen. Zun\u00e4chst ist es uns gelungen einen Durchmarsch der Arbeitgeber zu verhindern. Das war so im Vorfeld nicht absehbar und geht auf die \u00fcberraschend k\u00e4mpferische Streikbeteiligung zur\u00fcck. Trotzdem ist eine ehrliche Bilanz n\u00f6tig. Die Arbeitgeber haben die T\u00fcr zur \u201eModernisierung\u201c der Tarifvertr\u00e4ge durch die Prozessvereinbarung ge\u00f6ffnet bekommen.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3857.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-26437\" alt=\"SAM_3857\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3857-e1389962552618-560x241.jpg\" width=\"560\" height=\"241\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3857-e1389962552618-560x241.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3857-e1389962552618-280x120.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/SAM_3857-e1389962552618.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a>Der Einzelhandel z\u00e4hlte ja bisher nicht zu den Bataillonen der Gewerkschaftsbewegung. Wie ist der Arbeitskampf gelaufen?<\/h4>\n<p>In der Tarifrunde 2007\/2008 haben wir angefangen mit vier Kolleginnen und Kollegen zu streiken, was einem Organisationsgrad von weit unter 10 Prozent in unserem Haus geschuldet war. Nach und nach beteiligten sich weitere Kolleginnen und Kollegen und wir waren irgendwann 13 bis 15 Streikende, was noch immer die Minderheit im Haus widerspiegelte. 2013 waren mittlerweile 50 von 60 Kolleginnen und Kollegen gewerkschaftlich organisiert und der Gro\u00dfteil von ihnen hatte auch &#8222;richtig Bock auf Aktionen&#8220;. Diese Tarifrunde hat aber auch gezeigt, dass die aktiven Belegschaften nicht mehr so streiken wollten, wie es einige Hauptamtliche aus den letzten Jahrzehnten gewohnt waren. Eine der wichtigsten Lehren der Streikbewegung 2013 ist das enorme Potential und die Kreativit\u00e4t der Besch\u00e4ftigten im Arbeitskampf. Durch gemeinsame kollektive Aktionen stieg das Selbstbewusstsein der Besch\u00e4ftigten und es fanden gewerkschaftliche Entwicklungen statt, die zu normalen Zeiten unter Friedensbedingungen kaum denkbar gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wenn ich da allein an unsere Filiale denke: Wie oft standen wir vor der Entscheidung, entweder \u00fcber uns hinauszuwachsen, in dem wir etwas Neues ausprobieren oder unsere innere Existenzangst Herr \u00fcber unser Handeln werden zu lassen? So forderten wir Streiks vor unserem Standort ein, die wir ohne hauptamtliche Unterst\u00fctzung abhielten und mit Unterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzern aus dem linken antikapitalistischen Milieu probierten wir neue Aktionsformen wie ein politisches Stra\u00dfentheater aus. Auch das Flyern musste erst gelernt werde,n aber es dauerte nicht lange und eine Traube von gerade mal 25 streikenden Besch\u00e4ftigten einer H&amp;M-Filiale verteilte ohne mit der Wimper zu zucken mehr als 1.000 Flyer an Passantinnen und Passanten &#8222;nebenbei&#8220;.<\/p>\n<p>Wir probierten den Rein-Raus-Streik aus, indem wir immer wieder den Laden verlie\u00dfen und nach einer Stunde erneut die Arbeit niederlegten. Am Designertag, an dem am 14.11. in ausgew\u00e4hlten H&amp;M-Filialen eine besondere Kollektion verkauft wird, legten wir mitten im gr\u00f6\u00dften Trubel mutig die Arbeit nieder und bauten uns drau\u00dfen vor unserer Filiale auf und informierten die Kundinnen und Kunden \u00fcber unseren Arbeitskampf. Das war alles nicht selbstverst\u00e4ndlich, wir mussten uns sehr oft \u00fcberwinden und haben uns gegenseitig Mut zugesprochen. Jeder Streik erfordert gemeinsame Diskussionen aber auch mutige Entscheidungen. Jede erfolgreiche Aktion best\u00e4rkte das Selbstbewusstsein meiner Kolleginnen und Kollegen enorm. In meiner 13-j\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit kann ich r\u00fcckblickend sagen, dass es nie eine bessere teambildende Ma\u00dfnahme in unserem Haus gegeben hat, als den Streik und das dadurch erfahrende und gelebte Gemeinschaftsgef\u00fchl, dass wir a) ein Team sind, b) bereit sind f\u00fcr unsere Rechte zu streiken und c) uns auch nicht scheuen, neue Streikaktivit\u00e4ten auszuprobieren und notfalls auch voranzugehen.<\/p>\n<h4>Im Streik haben sich viele Kolleginnen und Kollegen neu aktiviert. Betriebe und Filialen haben sich vernetzt. Ihr habt euch aktiv in die Streikorganisation eingebracht. Wie kann darauf aufgebaut werden?<\/h4>\n<p>Ich denke, dass jetzt zun\u00e4chst erst einmal der Abschluss ausgewertet werden muss, inhaltlich und politisch. Danach sollte unbedingt aber auch die Tarifrunde intern ausgewertet werden, was lief gut, was besser als erwartet und was ging v\u00f6llig daneben oder funktionierte gar nicht? Und zwar schonungslos ehrlich. Und hier m\u00fcssen auch ehrliche Worte \u00fcber die auffallende Diskrepanz zwischen aktiven Ehrenamtlichen und einigen hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren angesprochen werden.<\/p>\n<p>Der Tarifkonflikt hat klar gezeigt: die Besch\u00e4ftigten im Einzelhandel k\u00f6nnen trotz der widrigen Bedingungen erfolgreich k\u00e4mpfen und sich n\u00f6tigenfalls auch selbst organisieren. F\u00fcr neue Streikformen wurde oft sehr viel Mut und Kreativit\u00e4t von einzelnen Belegschaften an den Tag gelegt. Der Konflikt zeigte aber auch, dass es an einer bundeseinheitlichen Streikstrategie bei ver.di fehlte. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, dann komme ich zu zwei Schlussfolgerungen: Entweder war der Gewerkschaftsapparat \u00fcberfordert ob des k\u00e4mpferischen Engagements einzelner Belegschaften oder eine bundeseinheitliche Strategie war politisch nicht gewollt. Beide Schlussfolgerungen bereiten mir arg Bauchschmerzen mit Blick auf zuk\u00fcnftig zu erwartende Angriffe der Arbeitgeber auf unsere Arbeitsbedingungen. S\u00e4mtliche M\u00f6glichkeiten, positive Erfahrungen zu verallgemeinern, die Streikbewegung auszuweiten, zuzuspitzen und zu politisieren blieben leider ungenutzt.<\/p>\n<p>Der Streik bef\u00f6rderte bei uns das Bewusstsein, sich gemeinsam zu organisieren. In Berlin\/Brandenburg wurde aus dem Streik eine filial\u00fcbergreifende ver.di-Betriebsgruppe bei H&amp;M gegr\u00fcndet. Die Besch\u00e4ftigten von Thalia, Kaufland, IKEA, REWE und H&amp;M tauschten sich bei den Streiks immer wieder \u00fcber m\u00f6gliche Strategien aus und planten gemeinsame Aktionen. Den Hintergrund bildeten oft k\u00e4mpferische Kerne, die sich in einzelnen Belegschaften \u00fcber die letzten Jahre gebildet haben. Ihre Aktionen strahlten positiv auf auf Kolleginnen und Kollegen anderer Unternehmen aus und halfen so, innerhalb ver.di Druck f\u00fcr eine mutigere Streikstrategie zu machen. Es ist sind diese unsch\u00e4tzbaren Erfahrungen, die die Streikbewegung hervorgebracht hat und die f\u00fcr eine k\u00e4mpferische Gewerkschaftslinke wichtig sind. Denn diese Erfahrungen stehen v\u00f6llig kontr\u00e4r zu den normalen herk\u00f6mmlichen Alltagserfahrungen in einer neoliberalen Arbeitswelt: Das Bewusstsein der meisten Besch\u00e4ftigten besteht aus Vereinzelung, Konkurrenz und Machtlosigkeit. Im Streik wird dagegen von den Besch\u00e4ftigten selbst eine ganz andere Perspektive aufgezeigt und erfahren, n\u00e4mlich sich selbst zu organisieren und die eigenen Interessen vertreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus fand auch eine Vernetzung au\u00dferhalb der Branche im antikapitalistischen linken Milieu statt. Eine Aktivenbasis w\u00e4hrend einer Streikauseinandersetzung aufzubauen, war harte Arbeit. Das wird im Vorfeld zuk\u00fcnftiger Auseinandersetzungen nun aber auch strukturierter stattfinden. Hier war der Erfahrungsaustausch mit Aktiven aus der Charit\u00e9 zu ihrem Soli-B\u00fcndnis nahezu eine Erleuchtung. So positiv die einzelnen Streikerfahrungen sind, so wenig selbstverst\u00e4ndlich waren sie zugleich. Generell bleibt festzuhalten: der Erfolg und die Dynamik einer Streikbewegung h\u00e4ngt davon ab, ob sich im Vorhinein die Streikwilligen organisieren und wie dann, die Streikenden in die Gestaltung des Streiks aktiv einbezogen werden. Beides ist keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich. Die Erfahrungen aus Baden-W\u00fcrttemberg, insbesondere aus Stuttgart und erste Ans\u00e4tze auch in anderen Bundesl\u00e4ndern zeigen aber: auf diese Weise kann seitens der Besch\u00e4ftigten mehr Beteiligung organisiert werden, was wiederum eine wesentlich gr\u00f6\u00dferen Aktionsradius w\u00e4hrend des Streiks m\u00f6glich macht. Und das haben wir gelernt und werden uns dementsprechend vorbereiten. Unmittelbar verbunden damit ist die Frage der innergewerkschaftlichen Demokratie. Denn es braucht auch Foren wie Streikdelegiertentreffen, lokal und bundesweit, auf denen die Erfahrungen ausgewertet und n\u00e4chsten Schritte geplant werden. Dar\u00fcber hinaus finde ich es problematisch, wenn sich in den Tarifkommissionen viele Vertreter von nicht bestreikten Betrieben wiederfinden und die Streikenden nur beschr\u00e4nkt \u00fcber ihren Arbeitskampf entscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Muss sich in ver.di etwas \u00e4ndern?<\/h4>\n<p>Da der Grundkonflikt mit den Arbeitgebern um den Manteltarifvertrag nur vertagt worden ist, gilt es diese vorhandene Atempause sowohl intern als auch extern zu nutzen. Notwendig ist eine st\u00e4rkere Vernetzung k\u00e4mpferischer Betriebsaktivisten, um die Erfahrungen der Streikbewegung aufzuarbeiten, Druck auf den ver.di-Apparat aufzubauen und sich auf die kommenden Auseinandersetzungen vorzubereiten. In der Streikbewegung wurden zudem neue Erfahrungen der Solidarit\u00e4tsarbeit gemacht, die es weiter zu entwickeln gilt. Ver.di w\u00e4re gut darin beraten, wenn sie die Ans\u00e4tze innergewerkschaftlicher Demokratieversuche nicht sofort im Keim ersticken, sondern diese Energie f\u00fcr zuk\u00fcnftige Auseinandersetzungen zu nutzen wissen. Ver.di sind wir und nicht die hauptamtlichen Funktion\u00e4re. Wir haben Bed\u00fcrfnisse und wir sind bereit, f\u00fcr diese auch zu k\u00e4mpfen. \u00dcber die Art und Weise, wie oft und wie wir streiken, k\u00f6nnen, wollen und werden wir Streikenden zuk\u00fcnftig mitentscheiden. Ab welchem Zeitpunkt aufgrund von ver\u00e4nderter Verhandlungslage zwischen ver.di und Arbeitgebern Streikma\u00dfnahmen eingestellt werden sollen, werden wir Streikenden zuk\u00fcnftig mitentscheiden. Und wenn ver.di uns dieses Forum in der n\u00e4chsten Tarifrunde nicht zur Verf\u00fcgung stellt, dann haben wir uns im Zuge dieser Tarifrunde soweit emanzipiert, dass wir uns dieses Forum dann selber schaffen werden. Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert und davor k\u00f6nnen hauptamtliche ver.di-Funktion\u00e4re die Augen nicht mehr verschlie\u00dfen. Und wenn sie nicht in der Lage sind, diese neu entstanden k\u00e4mpferischen Bewegungen positiv auf die n\u00e4chste Tarifrunde zu \u00fcbertragen, dann haben sie ganz offensichtlich den falschen Job gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich t\u00e4te es ver.di ganz gut, den Leuten im Handel nicht das Gef\u00fchl zu vermitteln, sie w\u00e4ren minderbemittelt und deswegen m\u00fcssten die Hauptamtlichen die Entscheidungen f\u00fcr uns \u00fcbernehmen, weil sie es besser w\u00fcssten. Hier haben sich in der Tat gerade im letzten Monat der Tarifrunde Abgr\u00fcnde aufgetan, \u00fcber die definitiv noch zu reden sein wird. Aber zumindest wissen wir jetzt, woran wir sind und k\u00f6nnen uns dementsprechend auch darauf vorbereiten, dass die n\u00e4chste Tarifrunde auch wieder eine Auseinandersetzung innerhalb der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie werden wird. Aber wir Ehrenamtlichen werden dann anders aufgestellt sein von Beginn an.<\/p>\n<p>Zu einer ehrlichen Bilanz geh\u00f6rt auch die Feststellung, dass die M\u00f6glichkeiten des Arbeitskampfes nicht ausgereizt wurden. Eine gro\u00dfes Problem f\u00fcr eine bundesweite Streikbewegung bestand in der sehr ungleichen regionalen Kampfkraft aber auch nach Unternehmensgruppen. Auf Baden-W\u00fcrttemberg entfiel die H\u00e4lfte aller bundesweiten Streiktage, Kolleginnen und Kollegen von H&amp;M streikten im S\u00fcden \u00fcber 80 Tage. In anderen Bundesl\u00e4ndern gab es nicht nur deutlich weniger Streiktage, sondern wie hier in Berlin\/Brandenburg ein starkes Gef\u00e4lle zwischen Gesch\u00e4ften mit mehr als 40 Streiktagen und Warenh\u00e4usern mit nur einigen wenigen bis gar keinen Streiktagen. Man muss auch ehrlich sagen, dass seitens der bundesweiten ver.di-F\u00fchrung und anderen Landesbezirken kaum Versuche unternommen wurden, um diese Kluft zu \u00fcberwinden. Auch gab es keine bundesweite Streikstrategie. Es wurde f\u00fcr die Streikaktivisten kein Forum geschaffen, die unterschiedlichen Kampferfahrungen auszutauschen und n\u00e4chsten Schritte f\u00fcr gemeinsame Mobilisierungen und \u00fcber eine Zuspitzung der Streikbewegung zu beraten. Aber statt solche Prozesse f\u00fcr das Entstehen einer tats\u00e4chlichen bundesweiten Streikbewegung zu bef\u00f6rdern und den Konflikt zu politisieren, setzte die ver.di-F\u00fchrung hinter den Kulissen auf eine m\u00f6gliche Einigung mit den Arbeitgebern. Offensichtlich zog die ver.di-Spitze diesen Weg einer Zuspitzung der Auseinandersetzung vor. Entweder in dem fehlenden Glauben, die Streiks ausweiten zu k\u00f6nnen oder der Angst hier einen Prozess in Gang zusetzen, der sich nicht mehr kontrollieren lassen kann.<\/p>\n<p>Die nun verordnete Atempause stellt Ehren- wie Hauptamtliche vor eine Herausforderung: Gelingt es in der n\u00e4chsten Zeit die k\u00e4mpferischen Kolleginnen und Kollegen st\u00e4rker zu vernetzen, um beim n\u00e4chsten Konflikt von Anfang an organisierter die Probleme und Herausforderungen anzugehen? Das ist eine der entscheidenden Fragen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten im Einzelhandel und obendrein ist es eine Zukunftsfrage f\u00fcr die gesamte Gewerkschaftsbewegung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Jan Richter, Vorsitzender ver.di Betriebsgruppe H&#038;M Berlin\/Brandenburg*<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":26436,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26435"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26435"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26435\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}