{"id":26399,"date":"2014-01-10T11:34:33","date_gmt":"2014-01-10T10:34:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26399"},"modified":"2018-11-08T11:14:26","modified_gmt":"2018-11-08T10:14:26","slug":"karl-radek-nachruf-auf-karl-liebknecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/01\/karl-radek-nachruf-auf-karl-liebknecht\/","title":{"rendered":"Karl Radek: Nachruf auf Karl Liebknecht"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/LIebknecht.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-26400\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/LIebknecht-e1389349924925-280x173.jpg\" alt=\"Karl LIebknecht\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/LIebknecht-e1389349924925-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/LIebknecht-e1389349924925-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/LIebknecht-e1389349924925-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/LIebknecht-e1389349924925.jpg 580w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Diesen Nachruf schrieb der Revolution\u00e4r und Marxist Karl Radek am 18. Januar 1919<\/em><\/p>\n<p>Ihr habt seinen toten K\u00f6rper, dessen Wunden gegen die Sozialistenverr\u00e4ter zum Himmel schreien, mit euren Tr\u00e4nen benetzt, mit der roten Fahne der proletarischen Weltrevolution habt ihr ihn zugedeckt und ihn in euren Herzen aufgebahrt, damit er dort f\u00fcr immer bleibe, Millionen von euch wissen von ihm nicht mehr, als dass er in der schwarzen Nacht, die nur vom Aufblitzen der Kanonen erhellt wurde, mit einer kleinen Schar aus dem Sch\u00fctzengraben aufbrach, um f\u00fcr den Frieden zu streiten, dass er, von den M\u00e4chtigen ins Gef\u00e4ngnis geworfen, standhaft jede Pein aushielt, und, kaum von den Ketten befreit, das Banner des Kampfes von neuem erhob und mit ihm in der Hand gefallen ist, gefallen an der Schwelle eines neuen Lebens.<\/p>\n<p>Ich will aber, dass jeder Proletarier \u00fcber Liebknecht mehr wisse, dass er ihn liebe, nicht nur als blut\u00fcberstr\u00f6mtes Sinnbild eines M\u00e4rtyrers, sondern so, wie er im Leben war, mit seinen Fehlern und Vorz\u00fcgen, nicht als \u201eausgekl\u00fcgeltes Buch\u201c, sondern als \u201eMensch mit seinem Widerspruch\u201c. Der Mensch Liebknecht soll unser gro\u00dfes Vorbild sein, ein Vorbild f\u00fcr unsere Jugend, die k\u00e4mpfen lernen soll ein Vorbild f\u00fcr unsere Frauen, die sich vom Leben nicht erdr\u00fccken lassen sollen, ein Vorbild f\u00fcr unsere wetterharten M\u00e4nner, wenn sie von Zweifeln heimgesucht werden. Es ist die Zeit noch nicht gekommen, an eine ausf\u00fchrliche Lebensbeschreibung Karl Liebknechts zu gehen. In seinem Trauerhause herrschen noch die Soldaten der deutschen Konterrevolution, und da ich diese Worte schreibe, ist eine Einsicht in die hinterlassenen Papiere nicht m\u00f6glich, ja, illegal mich selbst verbergend, kann ich nicht einmal die gedruckten Dokumente sammeln. Aber ich glaube, dass ich sein reiches Leben in seiner Eigenart \u00fcbersehe, und ich will es euch hier schildern, euch \u00fcber ihn sagen, was ich sagen w\u00fcrde, wenn ich am Tage der Totenfeier in Moskaus wei\u00dfen Mauern w\u00e4re.<\/p>\n<p>&#8230;An Liebknechts Wiege wurden Heldenlieder gesungen&#8230; Die ersten Eindr\u00fccke die der Knabe empfing, waren die Verfolgungen des Sozialistengesetzes. Die deutsche Bourgeoisie und die Hohenzollern suchten die ersten sozialistischen Regungen des deutschen Proletariats im Keime zu ersticken. Wer die verbrecherische Lehre verbreitete: \u201everprassen soll nicht der faule Bauch, was flei\u00dfige H\u00e4nde erwarben\u201c, wer die Armen und entrechteten weckte, f\u00fcr den gab es keine ruhige Arbeitsst\u00e4tte, der musste von Ort zu Ort wandern, nirgends vor H\u00e4schern sicher.<\/p>\n<p>Wilhelm Liebknecht blieb auf dem Posten und stellte den Kampf f\u00fcr den Sozialismus auch dann nicht ein, als es wieder galt, durch Leiden zu bezeugen, dass man f\u00fcr die Befreiung der Menschheit lebt. Karl mag als Kind sich oft gefragt haben, wonach die fremden Herren in der Wohnung des Vaters schn\u00fcffeln, weshalb Leute heimlich nachts ins Haus kommen, still fl\u00fcsternd wie Diebe: gute Menschen mussten es sein, da sie, von den Eltern freundlich empfangen, ihm, dem Kleinen, \u00fcber das schwarze K\u00f6pfchen streicheln. So wuchs er auf in den Jahren der Verfolgung als Sohn des Soldaten der Revolution. Soldat, K\u00e4mpfer der Revolution zu sein, das war die Gabe, die ihm in seine Wiege gelegt wurde.<\/p>\n<p>Das Sozialistengesetz fiel. Der wachsende erstarkende Kapitalismus hatte gleichzeitig auch die Arbeiterklasse zahlenm\u00e4\u00dfig verst\u00e4rkt, und mit dem Wachstum der Arbeiterklasse wuchs die deutsche Sozialdemokratie trotz aller Verfolgung. Es begann der \u201eneue Kurs\u201c, der Versuch die Arbeiterklasse durch soziale Zugest\u00e4ndnisse zu gewinnen, und obwohl er \u00e4u\u00dferlich bald einem neuen scharfen Kurs wich, so war doch der Sinn der Epoche der, dass, w\u00e4hrend der erstarkende Kapitalismus den Massen der qualifizierten Arbeiter ertr\u00e4glichere Lebensbedingungen gew\u00e4hrte, er sie dadurch vom scharfen revolution\u00e4ren Kampf zur\u00fcck hielt. Nach au\u00dfen hin bekam der Sozialismus \u201erote Backen\u201c. Die Parteiorganisationen bl\u00fchten auf. In den Zahlabenden und auf den Parteitagen wurden revolution\u00e4re Resolutionen angenommen. In der Praxis aber wurde der Kampf nur f\u00fcr kleine Verbesserungen der materiellen Lage der Arbeiter, nicht f\u00fcr die revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen gef\u00fchrt. Und da Taten f\u00fcr den Charakter einer Partei eben so ma\u00dfgebend sind, wie sie den Charakter eines Menschen bestimmen, so wurde die Sozialdemokratie eine Partei der Reformen und nicht der Revolution, mochte sie noch so revolution\u00e4re Worte gebrauchen.<\/p>\n<p>Karl Liebknecht, der in der Zeit dieser M\u00e4\u00dfigung und Versteinerung der Partei zum J\u00fcngling heranwuchs, der mit gro\u00dfer Anteilnahme die politischen und sozialen Ereignisse verfolgte, wenn er auch damals noch nicht aktiv in die Politik eingriff, war gleichsam schon erblich gegen diese Verb\u00fcrgerlichung und Mechanisierung des revolution\u00e4ren Geistes gesichert. Im Hause Wilhelm Liebknechts lebten die Traditionen des Jahres 1848, die \u00dcberlieferung der Revolution und des Kampfes um die Republik.<\/p>\n<p>Es fiel mir schon vor zehn Jahren auf, als ich zum ersten Male Gelegenheit hatte sie deutsche Parteif\u00fchrerschaft kennenzulernen, dass Karl Liebknecht der einzige der bodenst\u00e4ndigen F\u00fchrer war, f\u00fcr den der Republikanismus kein rein theoretisches Bekenntnis, sondern eine praktische aktuelle Frage war. Und das Zweite, was in die Augen sprang, war die Tatsache, wie wenig versteinert er in der Auffassung war, dass die Entwicklung langsam sein werde, dass weder die staatlichen noch die sozialen Verh\u00e4ltnisse in absehbarer Zeit in Fluss geraten werden. Dabei handelte es sich bei ihm keineswegs um das theoretische Abw\u00e4gen der Kr\u00e4fte, die das ruhige \u201efriedliche\u201c Europa bald in Aufruhr w\u00fcrden bringen k\u00f6nnen. Die Situation war noch nicht revolution\u00e4r, es galt zu den Massen zu gehen, um sie zu wecken. Und da tritt wieder ein Charakteristischer Zug Liebknechts zu Tage. Vor dem Kriege wurde oft gegen ihn eingewendet, er sei sehr breit in seinen Auffassungen, jede Form der Bet\u00e4tigung ihm lieb, wenn sie auch \u201eprinzipiell\u201c nicht von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung sei. Die Grundlage der Anklage bildete die in Deutschland ungew\u00f6hnliche Lebendigkeit Liebknechts, die ihm nicht erlaubte auf Grund irgend welcher doktrin\u00e4ren Erw\u00e4gungen auf irgendein Mittel zur Beeinflussung der Arbeit zu verzichten. So erkl\u00e4rt sich auch sein Eingreifen in die Bewegung f\u00fcr den Austritt aus der Kirche. Er hatte ein gutes Auge f\u00fcr Bed\u00fcrfnisse, f\u00fcr neue sich anbahnende Bewegungen. Als er in die Politik eingriff zeigten sich die ersten Zeichen des auch in Deutschland erstarkenden Imperialismus, des Hinausgreifens des Kapitals \u00fcber die \u201evaterl\u00e4ndischen Grenzen\u201c nach neuen Profitjagtgr\u00fcnden. Die Partei ahnte die daraus entstehenden Kriegsgefahren, aber nur Liebknecht sah sie bildlich lebendig , als den Moloch, der seine Arme nach Millionen proletarischer J\u00fcnglinge ausstreckt. So war er einer der wenigen, die zu der bedrohten Jugend eilten, um sie gegen diese Gefahren aufzurufen. Die Partei verp\u00f6nte die besondere antimilitaristische Agitation. Sie erkl\u00e4rte, die Erziehung der proletarischen Jugend m\u00fcsse sie von selbst gegen den militaristischen Geist bewaffnen, und der gesamte Kampf des Proletariats gegen den Kapitalismus sei gleichzeitig ein Kampf gegen den Militarismus. Aber Liebknecht f\u00fchlte das Falsche in diesen \u201egrunds\u00e4tzlichen\u201c Erw\u00e4gungen. Er sah, dass die \u201eErziehung\u201c der proletarischen Jugend allein nicht gen\u00fcge, sondern dass die Jugend auch besonders gegen den Militarismus aufger\u00fcttelt werden m\u00fcsse. Er wusste sehr wohl, dass der Militarismus nur zusammen mit dem Kapitalismus durch die proletarische Revolution zertr\u00fcmmert werden kann, aber er verstand, wie wichtig es f\u00fcr diese Revolution ist, den in Soldatenkleider eingezw\u00e4ngten jungen Proletariern klar zu machen, dass ihre Befreiung vom Militarismus nur ein Teil des allgemeinen proletarischen Befreiungskampfes seien k\u00f6nne. Die Parteif\u00fchrer sch\u00fcttelten die K\u00f6pfe \u00fcber die Sonderaktionen dieses \u201eBrausekopfes\u201c, aber der junge Liebknecht hielt z\u00e4he an seiner Sache fest. Sein revolution\u00e4res Gef\u00fchl trieb ihn unabwendbar dazu.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein der drohenden internationalen Gefahr st\u00e4rkte in Liebknecht die ererbten Gef\u00fchle des Internationalismus. Er war einer der wenigen in Deutschland, die das lebhafteste Bed\u00fcrfniss hatten, zu wissen, wie es in den Bruderparteien steht, nicht nur in Frankreich oder Russland, sondern selbst in einer beliebigen kleinen Balkanpartei.<\/p>\n<p>Seine Reisen nach Amerika und Frankreich, sein nahes Verh\u00e4ltnis zu den russischen Genossen entsprang dem Bewusstsein, wie unermesslich wichtig es ist die internationalen Beziehungen zu pflegen. Und wie eingehend, wie unerm\u00fcdlich lie\u00df er auf der Reise zum internationalen Kongress in Kopenhagen, die wir von Berlin aus gemeinsam mit Leo Trotzki machten, sich \u00fcber die verwickelten russischen Fragen belehren. Man wusste, f\u00fcr Liebknecht ist die Internationale kein formelles B\u00fcndnis verschiedener Parteien, sondern sie ist sein wirkliches Vaterland, wie es sp\u00e4ter die Leits\u00e4tze der Spartakusgruppe sagten. Die wertvollsten politischen Eigenschaften Liebknechts mussten ihn schon vor dem Kriege bei einem Teil der F\u00fchrer unbeliebt machen, w\u00e4hrend sie ihm Popularit\u00e4t in den Arbeitermassen und in der Internationale schufen. Er sprang sprang zu sehr aus dem Rahmen der deutschen Parteien heraus, als dass er von den kleinen Geistern nicht des Ehrgeizes beschuldigt werden sollte. Dazu kamen noch seine menschlichen Eigenschaften, durch die er ebenfalls von dem vorgeschriebenen Typus eines w\u00fcrdigen Parteif\u00fchrers abwich. Er liebte das Leben; ungehemmt und unbek\u00fcmmert griff er nach ihm, wo es ihn lockte. Es steckte so wenig Philistertum in diesem Knaben Absalom, so wenig von Heuchelei, so viel von kindlicher Freude am Leben, dass viele dar\u00fcber den tiefen Ernst, die Milde und Feinheit seines Wesens \u00fcbersahen. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal bei einem Gespr\u00e4ch auf Peer Gynt gerieten. Er kannte das Drama in der \u00dcbersetzung von Passarge, und ich erz\u00e4hlte ihm von den Feinheiten der Morgenstenschen \u00dcbertragung. Er kam zu mir und las drei Stunden lang \u2013 es war schon weit nach Mitternacht \u2013 die \u00dcbersetzung Morgensterns. Als er zu jener Szene kam in der Peer Gynt im S\u00e4useln der Bl\u00e4tter die Lieder, die er nicht gesungen, die Tr\u00e4nen, die er nicht geweint, die K\u00e4mpfe, die er nicht gefochten klagen h\u00f6rt, klagen \u00fcber ein Leben, das nicht ganz war, da strafften sich in Liebknechts Gesicht die Z\u00fcge, und er sagte: \u201eDie verfluchte halbe Zeit, und trotzdem kann man, muss man ein ganzes Leben f\u00fchren\u201c. So war er vor dem Kriege, ein z\u00fcndender Agitator, ein tatkr\u00e4ftiger Politiker, ein Feuerkopf, ein Liebling der Frauen, ein Mensch, gut &#8211; wie die Polen sagen \u2013 zum K\u00e4mpfen und zum Kneipen. In jeder Geste war er der Sohn seines Vaters, des gro\u00dfen Volksf\u00fchrers, des gro\u00dfen lebendigen Menschen, der lachen konnte wie ein Kind.<\/p>\n<p>Es kam der Krieg, und sein Feuer schmiedete aus allen diesen Elementen des Liebknechtchen Temperaments und Charakters den Helden der deutschen Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Der Krieg kam. Mit den ersten Nachrichten gelangte das Ger\u00fccht ins Ausland, Liebknecht sei zusammen mit Rosa Luxemburg f\u00fcsiliert worden. Diese Nachricht eilte der Wirklichkeit voraus, sie zeigte aber, dass im Auslande Freund und Feind wussten, von wem der Kampf gegen die M\u00e4chte des Kriegs zu erwarten sei, Liebknecht war durch diese sich \u00fcberst\u00fcrzenden Ereignisse aufgew\u00fchlt. An der Schwelle des heroischen Abschnitts seines Lebens zahlte er den Letzten Pflichtzoll seiner Partei, deren revolution\u00e4re Macht sein zerronnener Traum war. Der Glaube, der 4. August werde nur eine traurige Episode bleiben, veranlasste ihn, die Disziplin zu wahren und auf den offenen Protest gegen den Krieg zu verzichten. Nach einigen Tagen sah er ein, dass einen gro\u00dfen Fehler begangen hatte. Er n\u00e4herte sich Rosa Luxemburg, deren streng theoretische Linie seiner breiten suchenden Natur fremd war, und es entstand zwischen beiden, trotz aller Unterschiede der Wesensart, ein Bund auf Leben und Tod. In den ersten Wochen des Krieges versuchen sie, sich an die Arbeitermassen zu wenden; die Regierung verbietet die \u00f6ffentlichen Versammlungen. Liebknecht ist entschlossen, bei der zweiten Kreditabstimmung das Banner der Rebellion zu erheben. Er versucht ein gemeinsames Vorgehen der vierzehn Abgeordneten, die in der Reichstagsfraktion gegen die Annahme der Kriegskredite auftraten, zu erreichen. Sie versagen. Liebknecht, dem die Feiglinge sp\u00e4ter vorwarfen, er handle nur aus Eitelkeit, um als einziger zu gl\u00e4nzen, rang mit bis zum letzten Augenblick, um aus der Schar der der wankenden Kollegen wenigstens zwei, wenigstens einen, auf den Weg des gemeinsamen Kampfes mit sich zu ziehen. Es war ein Jammer, zu sehen, wie er, obgleich er alle Mittel der intellektuellen und moralischen Beeinflussung anwandte, doch in einer Fraktion von \u00fcber hundert Mann keinen Menschen zu ersch\u00fcttern, keinem beizubringen vermochte, dass es galt, mit alten faulen Kompromissen zu brechen. Es zeigte sich, wie sehr letzten Endes der Zusammenbruch der F\u00fchrerschaft ein moralisches Problem war. Liebknecht blieb allein. Seine Z\u00fcge verh\u00e4rteten sich, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. Er entschloss sich allein vorzugehen, trotz des Abratens der Freunde. In jener Stunde sah ich, wie in Liebknecht die letzten Zweifel zerrannen, die letzte Weichheit zerrann, wie sich in ihm die gro\u00dfe moralische Kraft ausl\u00f6ste, die ihn bis zum Tode nicht verlie\u00df, die eiserne Entschlossenheit, den Weg dem Wiedererwachen des Sozialismus zu bahnen, selbst wenn es gelten sollte, alle Speere mit der eigenen Brust aufzufangen.<\/p>\n<p>Der Kampf um die in den Schmutz getretene Fahne des Sozialismus wurde in der vollen \u00d6ffentlichkeit aufgenommen. Die gesamte Presse suchte Liebknecht nieder zu werfen, teils durch Verleumdungen, teils durch Bagatellisierung seiner Tat. Er sollte terrorisiert werden, durch Drohungen und durch Suggestion, dass er sich nutzlos opfere. Doch Tausende nahmen Stellung f\u00fcr ihn. Die Erkl\u00e4rung \u00fcber die Motive seiner Sonderabstimmung wurde von tausend abgeschrieben und vervielf\u00e4ltigt; sie ging von Hand zu Hand, sie weckte das Verantwortungsgef\u00fchl und verband M\u00e4nner und Frauen zum Kampfe. Liebknecht wurde zum Mittelpunkt der entschiedenen Opposition. Ende Dezember 1914, als ich in die Schweiz kam, wurde mir klar, wie fruchtbar seine Tat international wirkte. Sie war das erste weithin sichtbare Zeichen, dass es in Deutschland revolution\u00e4re Kr\u00e4fte gab. Lenin, dieser Mann ohne Phrase, der vielleicht am sch\u00e4rfsten die Tiefe des Zusammenbruchs der Internationale ausma\u00df, verstand sofort, dass der Entschluss, das Banner der Rebellion gegen die gesamte Fraktion zu erheben, eine Entscheidung ist, die das Signal zu unverg\u00e4nglichen Taten gibt. Liebknechts Name wurde in der wachsenden Avantgarde des russischen Proletariats einer der beliebtesten, und nicht anders war es in Frankreich, in Italien. Barbusse hat ihm in seinem \u201eFeuer\u201c ein Denkmal gebaut, das des einzigen Deutschen, der wie ein Stern in dunkler Nacht dem letzten Posten des franz\u00f6sischen Sozialismus leuchtete&#8230;. Als im Oktober 1915 die versprengten Teile der k\u00e4mpfenden \u00dcberreste der alten Internationale sich in Zimmerwald versammelten und Ledebour im Namen seiner Anh\u00e4nger (der sp\u00e4teren Unabh\u00e4ngigen) auf Angriffe von links erkl\u00e4rte, es g\u00e4be keine Fraktion Liebknecht, da rief ihm Trotzki unter dem lebhaften Beifall der Franzosen und Italiener zu: \u201eF\u00fcr uns gibt es nur die Fraktion Liebknecht.\u201c<\/p>\n<p>Durch die Denunziation der sozialpatriotischen Presse gen\u00f6tigt, in der Schweiz zu bleiben, sah ich Liebknecht in diesen Jahren nicht wieder. Aber aus jedem seiner Spartakusbriefe, aus jeder seiner \u201ekleinen Anfragen\u201c schaute mir das im Kampfe verh\u00e4rtete Gesicht entgegen. Er war bereit, die letzten Konsequenzen zu ziehen&#8230;. Auf einen konspirativen Brief, den wir ihn baten, sich nicht zu sehr zu exponieren, antwortete er mir auf einer Postkarte aus Litauen mit einem Wort seines geliebten Euripides:<\/p>\n<p>\u201eUnd liebe die Sonne nicht zu sehr<\/p>\n<p>und nicht die Sterne\u201c<\/p>\n<p>Er verschwieg die folgenden Worte des Dichters:<\/p>\n<p>\u201eund folge mir ins dunkle Grab\u201c;<\/p>\n<p>denn jede Posse war ihm, dessen Leben eine heroische Tat wurde, fremd. Wer Liebknecht vor dem Krieg und w\u00e4hrend des Krieges kannte, der sah und konnte direkt mit H\u00e4nden fassen, wie die unerh\u00f6rte Verantwortung, die auf ihm lastete, aus einem frohen Menschen, der das Leben liebte und deshalb Vielen Vieles zu verzeihen verstand, einen eisernen unerbittlichen K\u00e4mpfer machte, wie ihn die Zeit verlangte. Wer ihn vor dem Kriege und im Kriege kannte merkte f\u00f6rmlich, wie sein Charakter sich metallisch verh\u00e4rtete.<\/p>\n<p>Als die Nachricht von seiner Verhaftung auf dem Potsdamer Platz kam, fragten viele Freunde im Ausland, weshalb er in seiner exponierten Stellung an Demonstrationen teil nahm. Viele sahen darin ein Zeichen gro\u00dfer innerer Erregung, die ein F\u00fchrer beherrschen k\u00f6nnen m\u00fcsse. Was ihn auf die Stra\u00dfe getrieben hatte, war aber eben Pflichtbewusstsein. Das Vertrauen zu den sozialdemokratischen Worten war, dank dem Verrat der Sozialdemokratie, so tief gesunken, dass, wer eine neue revolution\u00e4re Macht bilden wollte, sich auf den geistigen Generalstaabsdienst hinter der Feuerfront nicht begrenzen durfte. Der Leichtsinn Liebknechts war tiefe Klugheit und sein Zuchthaus Martyrium hat f\u00fcr die Revolution mehr getan, als das \u201evorsichtige\u201c Wirken einer ganzen Partei tun konnte. Die Zelle des Armierungssoldaten Karl Liebknecht wurde zum Zentrum einer ausstr\u00f6menden moralischen Kraft, die keine Isolierungskunst der Regierung eind\u00e4mmen konnte. Das \u201eIch hab\u00b4s gewagt\u201c, schallte hinaus in die Welt, feuerte zur Nachahmung an.<\/p>\n<p>Es brach die russische Revolution aus, die erste Armee des Imperialismus meuterte, die erste des Sozialismus begann sich zu bilden. Als wir in Brest-Litowsk mit dem Grafen Mirbach und General Hoffmann am Verhandlungstisch sa\u00dfen, da sprachen wir \u00fcber ihre K\u00f6pfe hinweg mit dem Zuchthausstr\u00e4fling und den Seinen. Das deutsche Proletariat antwortete auf unseren Ruf. Der Januarstreik brach aus. Keiner von uns nahm an, dass dies der Sieg sei, dass der deutsche Imperialismus nachgeben w\u00fcrde, und trotzdem lehnte Trotzki jeden Kompromiss ab. Es galt, trotz der gr\u00f6\u00dften Gefahr, dem deutschen Proletariat zu zeigen, dass wir ihm vertrauen. Es galt dem Weltproletariat zu zeigen, dass uns der deutsche Imperialismus zerschmettern kann, aber wir freiwillig mit ihm keine Kompromisse schlie\u00dfen. Sp\u00e4ter, als wir doch gen\u00f6tigt wurden, den Frieden zu schlie\u00dfen, das Brester Kreuz auf uns zu nehmen und zur\u00fcck zu weichen, da fragten wir uns oft in Unruhe: verstehen Liebknecht und die Seinen unsere Lage und Taktik? Und Liebknecht erz\u00e4hlte mir sp\u00e4ter, welche Qualen er im Zuchthaus litt, als er dachte, dass alle unsere Opfer nutzlos seien k\u00f6nnten, dass die deutsche Arbeiterklasse vielleicht nicht zeitig genug aufstehen w\u00fcrde, um sich mit uns zu verbinden. Er f\u00fcrchtete, dass wir mit unseren Zugest\u00e4ndnissen zu weit gehen w\u00fcrden und rief aus dem Zuchthaus seine Freunde an, zu handeln, damit uns der letzte bittere Kelch erspart bleibe. Aus Angst vor der nahenden Revolution lie\u00df ihn die am Rande des Banktrotts stehende Regierung des deutschen Imperialismus frei. Sein erster Gang war in die russische Botschaft. In der Nacht seiner Befreiung teilte uns Bucharin durch Fernschreiber mit, Karl sei mit uns vollkommen einig. Die Freude der russischen Arbeiter \u00fcber Liebknechts Befreiung l\u00e4sst sich nicht aussprechen. H\u00e4tte er damals zu uns kommen k\u00f6nnen, kein K\u00f6nig ist jemals so empfangen worden, wie Liebknecht von den russischen Arbeitern empfangen worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als ich ende Ende Dezember nach Deutschland kam und nach vier Jahren Liebknecht wieder die H\u00e4nde dr\u00fccken konnte, sagte er ruhig, ohne die geringste Entt\u00e4uschung: \u201eWir sind erst am Anfang, der Weg wird noch lang sein.\u201c Und wir waren mit Rosa Luxemburg und mit ihm einig, dass man die Entfernung nur abk\u00fcrzen kann, durch unerm\u00fcdliche Agitation, Propaganda und Aktion. Wer miterlebt hat, wie die beiden vom fr\u00fchen Morgen bis zum sp\u00e4ten Abend arbeiteten, wie sie entschlossen die letzten Bande zerschnitten, die sie mit der Welt der Halbheit noch verbanden, indem sie die kommunistische Partei Deutschlands gr\u00fcndeten, wer es erlebte, wie sie inmitten des revolution\u00e4ren Taumels die eigenen Anh\u00e4nger vor \u00dcberspanntheit warnten, der konnte tiefes Vertrauen zur kommunistischen Arbeiterbewegung Deutschlands fassen.<\/p>\n<p>Liebknecht sollte die neue Zeit nicht erleben. Die erste Welle der proletarischen Revolution trug ihn weiter als er wollte, riss ihn mit sich. Im Sturm sah er die Entfernung nicht gen\u00fcgend scharf. Als der Januaraufstand niedergeworfen war und die sozialpatriotische Regierung nach ihm fahndete, wagte niemand ihm den Gedanken an die Flucht nur nahezulegen, obwohl es klar war, dass seine Verhaftung Todesgefahr barg. Er wollte sich der Progromhetze entgegenwerfen. An diesem Tage, als ihn die M\u00f6rderkugel erreichte, regte er in den n\u00e4chsten Tagen an in den n\u00e4chsten Tagen \u00f6ffentliche Versammlungen einzuberufen. Da fiel er in die H\u00e4nde der Schergen, die in ihm und Rosa Luxemburg die deutsche, die internationale Revolution treffen wollten.<\/p>\n<p>Er fiel in der ersten Phase des Kampfes, voll Zuversicht und Siegesbewusstsein. Er fiel wie er lebte: auf der Kampfposition gefangen genommen. Und wir, die wir ihn nahe kannten in seinen Vorz\u00fcgen und Schw\u00e4chen, die wir den unermesslichen Verlust verstehen, den die Revolution erlitt, da aus ihren Reihen dieser eiserne K\u00e4mpfer gerissen wurde, wir sagen an seinem Grabe: \u201eF\u00fcr uns wird er ein Muster sein f\u00fcr die Treue dem Sozialismus gegen\u00fcber, f\u00fcr den Opferwillen und f\u00fcr den Mut, ohne den die Revolution nicht siegen kann!\u201c Liebknecht beseelte die tiefe Einsicht nicht nur in die Notwendigkeit des Kommunismus, sondern die noch tiefere pers\u00f6nliche Sehnsucht nach dem vollen harmonischen Leben, das nur auf dem Boden des Kommunismus m\u00f6glich ist und diese Sehnsucht entsprang einer unermesslichen Liebe und G\u00fcte, einem Mitgef\u00fchl mit jeder leidenden Kreatur, einer Hilfsbereitschaft, ohne die der Sozialismus ein Schemen ist. Die \u00d6ffentlichkeit kennt nur Liebknecht, den K\u00e4mpfer. Breite Kreise der Proletarier, die sich an ihn als Rechtsanwalt wandten, die bei ihm menschliche Hilfe fanden, liebten ihn als Menschen.<\/p>\n<p>Der K\u00e4mpfermut Liebknechts war die Vereinigung seiner Liebe zu jedem Menschen und der Einsicht, dass in der Zeit, in der wie leben, dem individuellen Leid, ohne den Kampf auf Leben und Tod f\u00fcr den Sozialismus zu beginnen. In diesem jetzt tobenden Kampfe fiel er. Und ihm werden tausende in den M\u00e4rtyrertod folgen, bis die nackte, hungernde, mit Wunden bedeckte Menschheit ihrer M\u00e4rtyrer in Liebe zu gedenken, Mu\u00dfe haben wird. Soldat der Revolution nannte sich sein Vater. Karl Liebknecht ist die Ehre zugefallen, diesen Titel mit seinem Tode im Kampf zu erwerben. Die Sowjetrepublik hat f\u00fcr ihn ihren tapfersten S\u00f6hnen das Zeichen des \u201eRoten Sternes\u201c gestiftet. Legt es am Grabe Liebknecht nieder, und m\u00f6ge jeder unserer Freunde keine gr\u00f6\u00dfere Ehre kennen, als die durch Erringung dieses Zeichens sich Karl Liebknechts Geiste anzun\u00e4hern, der den Weg ging, den wir bis zu Ende schreiten wollen, auch wenn jeder von uns sich den Roten Stern erst auf der Bahre erwerben sollte.<\/p>\n<p>Berlin, den 18.Januar 1919<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Liebknecht war die Internationale sein wirkliches Vaterland.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":26400,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[86,92],"tags":[355,1469],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26399"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26399"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37156,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26399\/revisions\/37156"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}