{"id":26371,"date":"2014-01-12T15:07:20","date_gmt":"2014-01-12T14:07:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26371"},"modified":"2014-01-07T12:18:06","modified_gmt":"2014-01-07T11:18:06","slug":"entfremdung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/01\/entfremdung\/","title":{"rendered":"Entfremdung"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/fische3-e1373665975395.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25306\" alt=\"fische organize\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/fische3-e1373665975395-280x171.jpg\" width=\"280\" height=\"171\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/fische3-e1373665975395-280x171.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/fische3-e1373665975395-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/fische3-e1373665975395-560x342.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/fische3-e1373665975395.jpg 581w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>\u201eWorkers\u201c, das Spielfilmdeb\u00fct von Jos\u00e9 Luis Valle<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0\u201eUnd der Arbeiter, der zw\u00f6lf Stunden webt, spinnt, bohrt, dreht, baut, schaufelt, Steine klopft, tr\u00e4gt usw. gilt ihm dies zw\u00f6lfst\u00fcndige Weben, Spinnen, Bohren, Drehen, Bauen, Schaufeln, Steinklopfen als \u00c4u\u00dferung seines Lebens, als Leben?\u201c Karl Marx schrieb das \u00fcber die entfremdete Arbeit seiner Zeitgenossen, die er im 19. Jahrhundert beobachtete. Das Spielfilmdeb\u00fct des Dokumentarfilmers Jos\u00e9 Luis Valle zeigt, dass sich hieran nur wenig ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p><em>von Bernjamin Trilling, Dortmund<\/em><\/p>\n<p>Trotz all der Sequels, Comicverfilmungen und TV-Recycle-Produkten, mit denen das Mainstreamkino den Markt \u00fcberschwemmt, hat sich ein sozialkritischer Arthouse-Film eine Nische im Gegenwartskino erobert. Galionsfiguren des britischen Sozialdramas wie Ken Loach (Ladybird Ladybird) oder Mike Leigh (Naked) zeigten in ihren Filmen die Misere der britischen Unterschichten, auch die Br\u00fcder Jean-Pierre und Luc Dardenne (L&#8217;enfant) oder RegiseurInnen des jeune cin\u00e9ma fran\u00e7ais (z.B. Mathieu Kassovitz&#8216; La Haine) griffen diese gesellschaftskritischen Aspekte auf und initiierten eine Renaissance des sozialrealistischen Autorenfilms. Mit Wucht, nah am Lebensalltag, zuweilen kapitalismuskritisch, kommt nun das j\u00fcngste mexikanische Kino daher, so nun das Spielfilmdeb\u00fct des Dokumentarfilmers Jos\u00e9 Luis Valle \u2013 ein kleiner Kinojuwel.<\/p>\n<h4>Arbeit statt Rente<\/h4>\n<p>Endlich ist es soweit, der Fabrikarbeiter Rafael steht vor seiner Pension, wof\u00fcr er s\u00e4mtliche Vorkehrungen trifft: Er kauft sich extra neue Schuhe und l\u00e4sst sich zur Erinnerung ein Tattoo stechen. 30 Jahre hat er gewissenhaft f\u00fcr seinen Arbeitgeber geschuftet, ohne einen Tag krank zu sein, ohne einen Tag Urlaub genommen zu haben. Als er nun mit der Forderung, seine Rente zu erhalten, vor seinem Chef sitzt, muss dieser ihn entt\u00e4uschen. Rafael hat als illegaler Einwanderer kein Recht auf Rente. Aber sein Chef gibt zu wissen, dass er sich nicht an die Beh\u00f6rden wenden wird und ist sogar so gn\u00e4dig, ihn weiterarbeiten zu lassen.<\/p>\n<h4>Alles f\u00fcr Princesa<\/h4>\n<p>Die ungef\u00e4hr gleichaltrige Lidia arbeitet seit ebenso 30 Jahren f\u00fcr eine steinalte und todkranke Dame, die ausschlie\u00dflich f\u00fcr Princesa, ihre H\u00fcndin lebt. Dem Wohlergehen von Princesa ist alles untergeordnet: ihr exakt abgewogenes Filetfleisch frisst sie aus vergoldeten N\u00e4pfchen, jeden Tag wird sie im Mercedes spazieren gefahren, damit sie den abendlichen Sonnenuntergang bestaunen kann, vor allem soll die H\u00fcndin davor bewahrt werden, die h\u00e4sslichen Seiten Tijuanas sehen zu m\u00fcssen. Als die Herrin stirbt, wird Lidia und den anderen Hausangestellten das Testament vorgelesen: Das gesamte Erbe geht an die H\u00fcndin Princesa, die zehn Arbeiter erben den gesamten Besitz der Herrin erst nach dem Ableben der Princesa \u2013 \u201enat\u00fcrlich eines nat\u00fcrlichen Todes\u201c. Bis dahin wird die Arbeit der Hausangestellten wie zuvor fortgef\u00fchrt \u2013 f\u00fcr die H\u00fcndin Princesa.<\/p>\n<h4>Absurde Arbeitswelt<\/h4>\n<p>Meereswellen, dann, nach einiger Zeit, ein langsamer Schwenk auf eine graue Wand&#8230; Schon mit der Anfangsszene macht Jose Luis Valle seinen Stil klar, er arbeitet mit beobachtenden Totalen, verharrt oft in ihnen, verlangt dem Zuschauer dabei Geduld ab. Zuweilen erinnert das an den Stil Ulrich Seidls (Paradies-Trilogie), nicht zuletzt an dessen sozialkritischen \u201eImport\/Export\u201c.<\/p>\n<p>Trotzdem entwickeln Valles durchkomponierte Bilder eine Sogkraft. Das liegt vor allem an die Absurdit\u00e4t der Arbeitswelt, die durch seine Bilder vermittelt wird, etwa die triste Monotonie der Arbeit durch gezielte Farbkomposition. Er artikuliert damit politische Kritik, aber nicht, wie viele andere sozialkritische Autorenfilmer, in einer schreienden Sozialkritik, sondern in einer entlarvenden Absurdit\u00e4t dieser sch\u00f6nen neuen Arbeitswelt.<\/p>\n<h4>Leises Aufbegehren<\/h4>\n<p>Aber auch als Erz\u00e4hler ist Jos\u00e9 Luis Valle gro\u00dfartig. Die beiden Erz\u00e4hlstr\u00e4nge werden nie zusammengef\u00fchrt, nur gelegentlich wird eine gemeinsame Vergangenheit Lidias und Rafaels angedeutet, beide waren vor Jahren ein Paar, beide trauern um eine totes Kind, wohl ihr gemeinsames Kind. Neben dem leisen, absurden Humor sind es die Momente, in denen die Protagonisten anfangen, sich zu wehren, gegen ihren entfremdeten Arbeitsalltag aufbegehren, die auch Valles \u201eWorkers\u201c auszeichnen. Die Hausangestellten um Lidia erz\u00e4hlen sich von ihren Tr\u00e4umen, davon, irgendwann mal wieder ins alte Heimatdorf zur\u00fcckzukehren, wieder jung zu sein, genug Geld zum leben zu haben. Das m\u00fcndet aber in der n\u00fcchternen Einsicht, \u00e4rmer als die H\u00fcndin Princesa, die noch nicht mal wei\u00df, reicher als ihre Hausangestellten zu sein \u2013 als polemischer Stachel gegen eine Klasse, der es, ob ihres bornierten, gesellschaftlichen Bewusstseinsstands, nicht gelingt, auch eine parasit\u00e4re Clique f\u00fcr- statt nur an-sich zu werden? Die Einsicht in diese Absurdit\u00e4t, f\u00fcr einen Hund zu arbeiten, l\u00e4sst die Hausangestellten dann auch verst\u00e4ndlicherweise ein Interesse daran haben, den Lebensabend der Princesa zu verk\u00fcrzen. Wehren wird sich auch Rafael. Herrlich, wie er die entfremdete Arbeit stoisch nimmt, seine proletarische W\u00fcrde mit leisen Gesten verteidigt. F\u00fcr die Ablehnung seiner Pension wird er sich mit kleinen Sabotageakten revanchieren&#8230;<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste mexikanische Film rockt das Gegenwartskino. Nach Alejandro Gonz\u00e1les I\u00f1\u00e1rritu (\u201eBiutiful\u201c, \u201eBabel\u201c, \u201eAmores perros\u201c), Carlos Reygadas (\u201eJapon\u201c), u.a. reiht sich nun auch Jos\u00e9 Luis Valle mit seinem beeindruckenden Spielfilmdeb\u00fct in diese Reihe ein.<\/p>\n<p>Der Film l\u00e4uft im \u201eSweet Sixteen\u201c, Dortmund<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWorkers\u201c, das Spielfilmdeb\u00fct von Jos\u00e9 Luis Valle<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25306,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[68,67],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26371"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26371"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26371\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}