{"id":26096,"date":"2013-11-12T17:00:36","date_gmt":"2013-11-12T16:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26096"},"modified":"2013-11-04T14:00:11","modified_gmt":"2013-11-04T13:00:11","slug":"die-geburt-des-bolschewismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/11\/die-geburt-des-bolschewismus\/","title":{"rendered":"Die Geburt des Bolschewismus"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/870752.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-26097\" alt=\"Lenin SDAPR Parteitag\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/870752-e1383569874799-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/870752-e1383569874799-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/870752-e1383569874799-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/870752-e1383569874799.jpg 408w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Vor 110 Jahren fand der \u201eSpaltungsparteitag&#8220; der Russischen Sozialdemokratie statt<\/strong><\/p>\n<p>Das Grundproblem gegenw\u00e4rtiger Revolutionen, aber auch zahlreicher Revolutionen des 20. Jahrhunderts, war und ist das Fehlen einer erfahrenen, in den Massen verankerten revolution\u00e4r-marxistischen Partei. Die Existenz einer solchen half der russischen Arbeiterklasse entscheidend, im Jahre 1917, die politische Macht zu erobern und den ersten Arbeiterstaat der Welt zu errichten. Die Partei der Bolschewiki, hervorgegangen aus der russischen Sozialdemokratie, konnte 1917 auf viele Jahre der Auseinandersetzung mit dem Reformismus innerhalb der Arbeiterbewegung verweisen. Es war vor allem der Verdienst Lenins, den Kampf um die Organisierung der Arbeiterklasse in einer revolution\u00e4r-sozialistischen Partei erfolgreich gef\u00fchrt zu haben und ebenso die Auseinandersetzung mit solchen Str\u00f6mungen wie den Menschewiki gesucht zu haben, die f\u00fcr eine lose Organisation eintraten und die Arbeiterklasse den vermeintlich \u201efortschrittlichen&#8220; Teilen der Bourgeoisie unterordnen wollten. Diese begann vor 110 Jahren beim II. Parteitag der Russischen Sozialdemokratie.<\/p>\n<p><em>von Marcus Hesse, Aachen<\/em><\/p>\n<p>Der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), der im Juli 1903 stattfand, f\u00fchrte zum Bruch zwischen den Anh\u00e4ngerInnen Lenins, den \u201eMehrheitlern&#8220; (Bolschewiki) und den Teilen der Sozialdemokratie, die fortan als \u201eMinderheitler&#8220; (Menschewiki) bekannt werden sollten.<\/p>\n<p>B\u00fcrgerliche Geschichtsschreiber verbreiten dabei ein verzerrtes, einseitiges und letztlich falsches Bild von den Ansichten Lenins und der Bolschewiki, wonach diese f\u00fcr eine autorit\u00e4re, undemokratische, b\u00fcrokratische und hyperzentralistische Partei eintraten, w\u00e4hrend der Menschewismus f\u00fcr innerparteiliche Demokratie st\u00fcnde. Manche HistorikerInnen mit linkem Anspruch sto\u00dfen in dasselbe Horn. Die stalinistische Geschichtsschreibung, die Lenins Vorstellungen ebenso verzerrt darstellte und in ihren eigenen Dienst stellte, tat das ihrige dazu. Tats\u00e4chlich beruhen diese Ansichten im Wesentlichen auf einer einseitigen Auslegung einiger Zeilen aus Lenins Schrift \u201eWas tun?&#8220; von 1902, in denen er als einer der f\u00fchrenden K\u00f6pfe um die sozialdemokratische Zeitschrift \u201eIskra&#8220; f\u00fcr eine zentralisierte, gesamtrussische Partei argumentierte. Lenins Beharren auf eine starke Zentrale und auf strengere Kriterien f\u00fcr die Mitgliedschaft scheinen das Bild zu best\u00e4tigen. Doch worum ging es wirklich?<\/p>\n<h4>Die organisationspolitischen Ideen der \u201eIskra&#8220;<\/h4>\n<p>Seit die Ideen des Marxismus nach Russland gekommen waren, gab es Bem\u00fchungen der Organisierung in Parteiform. Unter den Bedingungen der Repression durch den Zarismus waren diese Organisationen illegal und mussten im Untergrund agieren. Erste Ans\u00e4tze der Organisierung wurden immer wieder durch Repressalien und Verhaftungen zunichte gemacht. So die 1883 gegr\u00fcndete \u201eGruppe zur Befreiung der Arbeit&#8220; von Plechanov, Sassulitsch und Axelrodt, oder die Petersburger Organisation \u201eF\u00fcr eine Partei russischer Sozialdemokraten&#8220;. Erst der 1895 gegr\u00fcndete \u201eKampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse&#8220;, dem auch Lenin sowie der sp\u00e4tere Menschewik Martov angeh\u00f6rten, konnte der Verfolgung widerstehen.<\/p>\n<p>1898 kam es zur Gr\u00fcndung der SDAPR. In ihr vereinigten sich sechs Organisationen, darunter auch Lenins \u201eKampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse&#8220; und der \u201eAllgemeine J\u00fcdische Arbeiterbund&#8220;, der sich als spezielle Partei der einst Jiddisch sprechenden j\u00fcdischen Minderheit verstand.<\/p>\n<p>Auf dem Gr\u00fcndungsparteitag in Minsk waren nur neun Delegierte anwesend. Die Gr\u00fcndung der Partei war mehr ein k\u00fchnes, in die Zukunft hinausweisendes Projekt. Aber sie hatte eine gewaltige Sogwirkung. Im ganzen Land bildeten sich lokale Zirkel und Gruppen, Zeitungen und Vereine, die sich der Partei zuordneten. Vielfach wurden diese von der politischen Polizei zerschlagen. Doch der Schritt zur Bildung einer zentralisierten, russlandweiten Partei erwies sich als richtig. Immer neue lokale Gruppen der Sozialdemokratie bildeten sich. Jedoch war die SDAPR faktisch nicht mehr als ein loser Dachverband lokaler Zellen.<\/p>\n<p>Mit der Zielsetzung, die Partei politisch und organisatorisch zu festigen und zu vereinheitlichen, gr\u00fcndete sich 1900 im zun\u00e4chst deutschen, dann britischen Exil die Zeitschrift \u201eIskra&#8220;, zu Deutsch \u201eDer Funke&#8220;. Lenin und Plechanov waren dabei federf\u00fchrend. Auch Leo Trotzki beteiligte sich im Londoner Exil an ihrer Arbeit.<\/p>\n<h4>\u201eWas tun?\u201d als Quelle f\u00fcr Missdeutungen<\/h4>\n<p>Um die Zeitung begann die Auseinandersetzung in der SDAPR. Der Leitartikel \u201eDie dringendsten Aufgaben unserer Bewegung\u201c stammte von Lenin selbst. Dort hie\u00df es \u00fcber die \u201eIskra\u201c, sie sei \u201enicht irgendeine Arbeiterzeitung, sondern setzt sich zum Ziel, die bewusstesten Teile der russischen Arbeiterbewegung rund um ein marxistisches Programm zu sammeln\u201c. Lenins Beschreibung der Zeitung als \u201ekollektiver Propagandist&#8220; und \u201ekollektiver Organisator&#8220;, in seiner bedeutenden Schrift \u201eWas tun?&#8220; von 1902 ist so zu verstehen. Die Zeitung sollte theoretisch und organisatorisch das Bindeglied f\u00fcr die verstreuten lokalen Zellen der SDAPR werden.<\/p>\n<p>\u201eWas tun?&#8220; betont mit Nachdruck die Notwendigkeit einer einheitlichen, von einer (gew\u00e4hlten, abw\u00e4hlbaren und rechenschaftspflichtigen) Zentrale gef\u00fchrten Partei und betont die Notwendigkeit von Kadern, also geschulten selbst\u00e4ndig denkenden Revolution\u00e4rInnen, die sich \u201eberufsm\u00e4\u00dfig&#8220; der revolution\u00e4ren Arbeit widmen. Dieser Anspruch gilt auch heute noch f\u00fcr revolution\u00e4re MarxistInnen. Bezogen auf \u201eWas tun?&#8220; ist aber zu beachten, dass diese Forderung in einer Situation aufgestellt wurde, in der die russische Sozialdemokratie real keine einheitliche zentralisierte Partei war.<\/p>\n<p>In \u201eWas tun?\u201d gibt es eine ber\u00fchmte Stelle, die von B\u00fcrgerlichen, aber auch von vielen \u201e&#8220;LeninistInnen&#8220; als Dogma verstanden wird: Die Stelle wo Lenin, Kautsky zitierend, davon spricht, dass die Arbeiterklasse \u201evon sich aus\u201d nur \u201etrade-unionistisches\u201d, also gewerkschaftliches, Bewusstsein entwickeln w\u00fcrde und dass sozialistisches Bewusstsein nur von au\u00dfen, durch revolution\u00e4re Intellektuelle, \u201ein sie hineingetragen werden\u201d m\u00fcsse. Ignoriert wird dabei, dass Lenin (und mit ihm Trotzki, sowie die sp\u00e4teren Menschewiki Martov und Plechanov) hier gegen die \u201c\u00d6konomisten\u201d argumentierten, die die Idee vertraten, dass sich das revolution\u00e4r-sozialistische Bewusstsein der Massen \u201cautomatisch\u201d \u00fcber \u00f6konomische K\u00e4mpfe entwickeln w\u00fcrde und damit die Bedeutung der revolution\u00e4ren Partei minderten. Diese Leute standen f\u00fcr eine Entpolitisierung der Arbeit der SDAPR.<\/p>\n<p>Zweitens kann man Lenin weder in \u201eWas tun?\u201d, noch in seinem Gesamtwirken unterstellen, dass er an jener These festhielt. Schon in \u201eWas tun?\u201d schrieb Lenin, bezogen auf die Geschichte der russischen Sozialdemokratie: \u201eEs gab also sowohl ein spontanes Erwachen der Arbeitermassen, ein Erwachen zu bewusstem Leben und bewusstem Kampf, als auch eine mit der sozialdemokratischen Theorie gewappnete revolution\u00e4re Jugend, die es st\u00fcrmisch zu den Arbeitermassen hinzog.\u201d Wir sehen also, dass f\u00fcr Lenin die revolution\u00e4re Partei als f\u00fchrendes Zentrum und Tr\u00e4gerin von Programm und Theorie einerseits und die Selbstaktivit\u00e4t der Arbeiterklasse andererseits, zusammengeh\u00f6rten. Sie stehen in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis zueinander. Das bewusste Eingreifen einer revolution\u00e4ren Partei in Klassenk\u00e4mpfe ist keine zwingende Voraussetzung, damit sich in der Arbeiterklasse \u00fcberhaupt sozialistisches, also politisches Bewusstsein, entwickeln kann. Es kann diesem Prozess aber eine klare Richtung und ein Verst\u00e4ndnis der revolution\u00e4ren Aufgaben der Arbeiterklasse geben und diesen enorm beschleunigen. Leider haben die Stalinisten sp\u00e4ter diese Zeilen Lenins zum Dogma erkl\u00e4rt und damit einseitig zu begr\u00fcnden versucht, dass eine Partei-Elite die Klasse paternalistisch f\u00fchren m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Den \u201eIskristen\u201d um Lenin herum ging es aber darum, den Ideen der \u00d6konomisten entgegen zu treten. Entsprechend scharf und zugespitzt fielen deshalb die Worte \u00fcber die \u201eSpontanit\u00e4t\u201d der Arbeitermassen aus. Sp\u00e4ter sollte er, mehr als andere in seiner Partei, auf die Selbstorganisation der ArbeiterInnen pochen, gerade im Revolutionsjahr 1917, als die in R\u00e4ten organisierten ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen sich vielfach radikaler, bewusster und k\u00fchner zeigten als manche F\u00fchrer der Bolschewiki (so trat Stalin nach der Februarrevolution zun\u00e4chst f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der b\u00fcrgerlichen Regierung ein). Es war das Verdienst Lenins (und Trotzkis) die bolschewistische Partei zur Orientierung auf die sich radikalisierenden fortschrittlichsten Teile der Arbeiterklasse zu bringen und sie damit zu deren anerkannten F\u00fchrung zu machen. Die Geschichte hat Lenin aber insofern Recht gegeben, als dass die Spontanit\u00e4t der Massen zwar zu revolution\u00e4ren Aufst\u00e4nden f\u00fchren kann, diese also die Machtfrage aufwerfen k\u00f6nnen bzw. eine Situation herbeif\u00fchren k\u00f6nnen, in denen sich neben der alten Herrschaft die Grundz\u00fcge einer neuen Macht zeigen \u2013 was in der marxistischen Terminologie \u201eDoppelherrschaft\u201c genannt wird -, aber der Erfolg einer sozialistischen Revolution von der Existenz einer starken und gut organisierten revolution\u00e4ren Partei abh\u00e4ngt, die die neuen revolution\u00e4ren Machtorgane (Arbeiterr\u00e4te) zusammenfassen und ihnen einen Handlungsplan geben kann.<\/p>\n<h4>Der II. Parteitag \u2013 \u201eIskristen\u201d gegen \u201eBundisten\u201d und \u201e\u00d6konomisten\u201d<\/h4>\n<p>\u00a0Der Zweite Parteitag der SDAPR fand im Sommer 1903 in Br\u00fcssel und London statt. Trotzki beschrieb in seiner Autobiografie \u201eMein Leben&#8220; die Atmosph\u00e4re, in der die siebzig Delegierten tagten: In den R\u00e4umen einer Genossenschaft, inmitten eines Lagerhauses, von Ratten geplagt. Das Ausweichen auf Gro\u00dfbritannien war n\u00f6tig, weil die belgische Polizei und Spitzel der russischen Geheimpolizei Ochrana den Delegierten gef\u00e4hrlich \u201eauf die Pelle&#8220; r\u00fcckten, so Trotzki, der mit einer falschen Identit\u00e4t und bulgarischen Papieren nach Belgien gekommen war. Durch das Ausweichen auf England verschob sich die Konferenz um gut einen Monat. Inzwischen hatte die SDAPR gro\u00dfe Fortschritte gemacht. Die Partei war sichtlich gewachsen und stellte eine reale Kraft in der russischen Arbeiterschaft dar. Politisch war sie aber immer noch widerspr\u00fcchlich: Die \u201eIskristen\u201d um Lenin, Trotzki und Martov standen den \u201e\u00d6konomisten\u201d gegen\u00fcber und der j\u00fcdische \u201eBund\u201d forderte, als autonome Partei der j\u00fcdischen Minderheit anerkannt zu werden. Die Iskra-Leute f\u00fchrten einen hartn\u00e4ckigen Kampf gegen diese Str\u00f6mungen. Es war abzusehen, dass es zu heftigen K\u00e4mpfen zwischen den \u201eIskristen&#8220; und den \u201e\u00d6konomisten&#8220; und dem \u201eBund&#8220; kommen w\u00fcrde. So war es dann auch auf dem Parteitag. Die Iskra-Vertreter lehnten die Idee der \u201eBundisten\u201d ab, eine eigene Partei f\u00fcr die j\u00fcdische Arbeiterklasse im Rahmen der russischen Sozialdemokratie zu dulden. Sie argumentierten f\u00fcr die Einheit aller Nationalit\u00e4ten innerhalb der Arbeiterbewegung des russischen Reiches, als Mittel der \u00dcberwindung nationaler Gr\u00e4ben. Dabei ging es um die Kl\u00e4rung einer wichtigen Frage: W\u00e4hrend MarxistInnen f\u00fcr das Recht auf nationale Selbstbestimmung bis hin zum Recht auf Lostrennung eintreten (wenn die Mehrheit der unterdr\u00fcckten Nation das w\u00fcnscht), so stehen sie in der Regel f\u00fcr die Einheit aller Nationalit\u00e4ten innerhalb der Arbeiterorganisationen und sozialistischen Parteien eines Landes. Das Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale (englische Abk\u00fcrzung CWI, die internationale sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen ist) lebt dieses Beispiel bis heute vor: So gibt es jeweils eine, sektiererische Gr\u00e4ben \u00fcberwindende, Sektion in Sri Lanka, Nordirland und \u00e4hnlichen L\u00e4ndern, in denen die Arbeiterklasse entlang nationaler oder religi\u00f6ser Linien gespalten wird.<\/p>\n<p>Trotzki und Martov, beide selbst j\u00fcdischer Herkunft, standen dabei voll auf Lenins Seite. Die Vertreter des \u201eBund\u201d unterlagen in dieser Abstimmung. Mit gleicher Sch\u00e4rfe wandten sich die \u201eIskristInnen\u201d gegen die \u201e\u00d6konomistInnen\u201d, die der SDAPR kein politisches Profil geben wollten. Die VertreterInnen der Iskra setzten sich auch hier durch. Nach dem Auszug der Geschlagenen blieben sie alleine \u00fcbrig. F\u00fcr die darauf folgenden Debatten und Spaltungen innerhalb der Iskra-Leute sollte das von Bedeutung werden. Lenin gibt in seiner Schrift \u201eEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u201d eine lebendige Darstellung der dortigen politischen Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Bruch zwischen Bolschewiki und Menschewiki<\/h4>\n<p>Darauffolgend kam es inmitten des Parteitags zur Spaltung der bis dahin einheitlichen Front der \u201eIskristen\u201d. Ausgangspunkt daf\u00fcr war eine, wie es zun\u00e4chst scheint, nebens\u00e4chliche Frage: Die des Parteistatuts. Alle TeilnehmerInnen der Konferenz waren \u00fcberrascht \u00fcber dieses Ergebnis. Auch Lenin hatte einen Bruch zwischen ihm und Martov bzw. den Menschewiki zun\u00e4chst weder gewollt noch erwartet.<\/p>\n<p>In b\u00fcrokratischen Organisationen wird die Organisation zum Selbstzweck. F\u00fcr revolution\u00e4re Arbeiterparteien ist sie Mittel zur Verwirklichung des politischen Ziels: Des Kampfes der Arbeiterklasse um die Macht. Die Fragestellung des Parteistatuts scheint auf dem ersten Blick zweitranging und die Unterschiede erscheinen (oberfl\u00e4chlich betrachtet) nur als Nuancen. Doch es steckten durchaus tiefere politische Differenzen dahinter. Diese sollten sich im Gefolge der Spaltung zeigen.<\/p>\n<p>Vordergr\u00fcndig ging es darum, wer als Parteimitlied zu betrachten sei. Lenin dr\u00e4ngte auf strengere Kriterien f\u00fcr eine Mitgliedschaft. Martov wollte die Mitgliedschaft weiter fassen.<\/p>\n<p>Lenin hatte vorgeschlagen den Statutsparagraphen folgenderma\u00dfen zu formulieren:<\/p>\n<p><em>\u201eAls Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands gilt jeder, der ihr Programm anerkennt, die Partei in materieller Hinsicht unterst\u00fctzt und ihr unter Leitung einer ihrer Organisationen regelm\u00e4\u00dfig pers\u00f6nlichen Beistand leistet.&#8220; Die aktive revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit wurde hier gefordert. Martov lehnte das ab und trat f\u00fcr folgende Formulierung ein: \u201eAls Mitglied der Partei gilt jeder, der ihr Programm anerkennt und die Partei sowohl in materieller Hinsicht als auch durch die pers\u00f6nliche Bet\u00e4tigung in einer der Parteiorganisationen unterst\u00fctzt.&#8220;<\/em> Tats\u00e4chlich sollte die darauf folge Debatte zeigen, worum es bei dem Streit tats\u00e4chlich ging.<\/p>\n<p>So sagte Martov:<em> \u201eJe weiter verbreitet die Mitgliedschaft der Partei, desto besser. Wir k\u00f6nnen nur froh sein, wenn sich jeder Streikende, jeder Demonstrant, sollte er gefragt werden, als Parteimitglied proklamieren w\u00fcrde. F\u00fcr mich hat eine konspirative Organisation nur dann eine Bedeutung, wenn sie von einer breiten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei umgeben ist.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das stellte einen Bruch mit den bisherigen Prinzipien dar, f\u00fcr die die Iskra stand: Eine disziplinierte Partei von aktiven, zuverl\u00e4ssigen und bewussten Berufsrevolution\u00e4rInnen und bewussten und aktiven ArbeiterInnen. Aber Martov verwischte damit auch die Grenzen zwischen der revolution\u00e4ren Partei und der ganzen Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Im Laufe der Debatte sollte sich auch zeigen, dass die von Martov und seinen Leuten vorgeschlagenen Vorstellungen \u201eannehmbarer\u201c sein sollten f\u00fcr Intellektuelle und Studierende, die sich der Partei anschlie\u00dfen. Dahingegen forderten Lenin und seine Unterst\u00fctzerInnen auch von solchen Mitgliedern strenge Disziplin, Aktivit\u00e4t und Opferbereitschaft. Sp\u00e4ter sollte sich zeigen, dass die Menschewiki sich die Revolution in Russland nur als eine vom liberalen B\u00fcrgertum gef\u00fchrte vorstellen konnten und dementsprechend sich diesem unterordneten.<\/p>\n<p>Die reformistischen Kr\u00e4fte (\u00d6konomisten und Bundisten) stimmten f\u00fcr Martov, dessen verw\u00e4sserte Position so zun\u00e4chst die Mehrheit erlangte. Als dann aber diese Kr\u00e4fte den Parteitag verlie\u00dfen, sahen die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse anders aus. Nun gewannen die Anh\u00e4ngerInnen Lenins die Mehrheit. Ausgehend von diesem Mehrheitsverh\u00e4ltnis nannten sich die \u201eharten\u201c Anh\u00e4ngerInnen Lenins fortan \u201eBolschewiki\u201c (dt. \u201eMehrheitler\u201c), w\u00e4hrend die \u201eweichen\u201c um Martov als \u201eMenschewiki\u201c (dt. Minderheitler\u201c) bekannt wurden.<\/p>\n<p>Lenin setzte die Bildung eines gesamtrussischen Zentralkomitees als nationaler F\u00fchrung durch und eine Verkleinerung der Redaktion der Iskra (von sechs auf drei Leute), wobei Martov einer der drei h\u00e4tte sein sollen. Ein Parteirat sollte aus den Fraktionen parit\u00e4tisch zusammengesetzt sein. Soweit kamen die \u201eMehrheitler\u201c der Minderheit entgegen. Doch die wollte nichts davon wissen. Die Menschewiki verlie\u00dfen den Parteitag und lie\u00dfen Lenins Leute alleine zur\u00fcck.<\/p>\n<h4>Nach dem Parteitag<\/h4>\n<p>Die Menschewiki starteten nach dem Parteitag eine massive Hetzkampagne gegen Lenin und die Bolschewiki, die als \u201ediktatorisch\u201c, \u201eb\u00fcrokratisch\u201c und \u201ehyperzentralistisch\u201c bezeichnet wurden. Dabei machten sie gemeinsame Sache mit den \u00d6konomisten und den Anh\u00e4ngerInnen des \u201eBund\u201c. Die Kritik an Lenin und den Bolschewiki teilten damals auch Revolution\u00e4re wie Trotzki und Rosa Luxemburg. Sie st\u00f6rten sich an Lenins Betonung auf Disziplin und Zentralismus. Trotzki kritisierte die von Lenin vorgenommene Reduzierung der Iskra-Redaktion und beschwor den \u201eJakobinismus\u201c Lenins. So stimmte Trotzki zun\u00e4chst mit Martov.<\/p>\n<p>Recht bald aber sollte er die Beziehungen mit diesem abbrechen und sich jenseits der beiden Fl\u00fcgel der Sozialdemokratie engagieren. Denn recht bald zeigte sich, dass es bei den Menschewiki um mehr ging als die Frage des Parteiaufbaus und des Statuts, sondern um die Unterordnung der Arbeiterbewegung unter das liberale B\u00fcrgertum. Dass Trotzki beim Parteitag 1903 gegen Lenin stimmte, hat der Stalinismus sp\u00e4ter massiv ausgeschlachtet, um Trotzki zu diffamieren. Tats\u00e4chlich aber hatte Trotzki dies fr\u00fchzeitig als Fehler bilanziert, wobei er erst im Jahre 1917 Mitglied der Bolschewistischen Partei wurde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte Lenins Konzeption einer zentralisierten Kaderpartei nichts mit B\u00fcrokratismus zu tun. Denn immer ging sie mit demokratischen Strukturen, jederzeitiger W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit, Rechenschaftspflicht von Funktionstr\u00e4gerInnen und offener und freier Diskussion aller politischen Fragen einher. Die Geschichte der Bolschewiki ist eine Geschichte offener Debatten bis hin zu Fraktionsbildungen. Dies wurde erst nach der Revolution w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs und angesichts der drohenden Konterrevolution eingeschr\u00e4nkt, was aber von Lenin und der F\u00fchrung der Partei als vor\u00fcbergehende Notma\u00dfnahmen betrachtet wurde und nicht, wie es die Stalinisten darstellen, als Prinzip einer revolution\u00e4ren Partei.<\/p>\n<p>1905 kam es zur ersten Revolution in Russland, an deren wichtigste Errungenschaft der Petersburger Sowjet als unabh\u00e4ngiges Machtorgan der Arbeiterklasse stand. Trotzki wurde dessen Vorsitzender. Diese Revolution sollte, obwohl sie nicht erfolgreich war, den Weg weisen und gab den marxistischen Kr\u00e4ften eine Vorstellung von den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen, der Dynamik und dem Charakter kommender Revolutionen. Es zeigten sich nach der Revolution auch besonders deutlich die politischen Unterschiede zwischen Bolschewiki und Menschewiki: Beide gingen davon aus, dass die Revolution eine b\u00fcrgerlich-demokratische war. Aber w\u00e4hrend die Menschewiki daraus ableiteten, dass die F\u00fchrung dabei dem B\u00fcrgertum zufallen w\u00fcrde und die unabh\u00e4ngigen Interessen der Arbeiterklasse dahinter zur\u00fcckstellten, traten die Bolschewiki f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterklasse ein und wollten die ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen an die Spitze der Revolution stellen. Es war damals Trotzki der als erster und viel klarer als Lenin erkannte, dass die russische Revolution nicht in der b\u00fcrgerlich-demokratischen Etappe stehen bleiben k\u00f6nne und die politische F\u00fchrung bei der st\u00e4dtischen Arbeiterklasse liegen m\u00fcsse. Diese Gedanken schrieb er in seinem Buch \u201eErgebnisse und Perspektiven\u201c nieder, indem er die Erfahrungen der Revolution 1905 bilanzierte. 1917 sollte sich diese Perspektive bewahrheiten und wurde durch Lenin und Trotzki zur programmatischen Richtschnur f\u00fcr die Partei der Bolschewiki.<\/p>\n<p>Nach dem Spaltungsparteitag sollte es noch mehrere Versuche geben, die russische Sozialdemokratie wieder miteinander zu vers\u00f6hnen. Trotzki versuchte dies noch sehr lange. Die Revolution von 1905 hatte die Menschewiki vor\u00fcbergehend nach links gedr\u00fcckt, sodass sie sich vor\u00fcbergehend wieder vereinten. Interessanterweise nahm die wiedervereinigte Partei im Gefolge der revolution\u00e4ren Ereignisse das \u201eharte\u201c Statut Lenins an. Doch es sollte sich immer wieder zeigen, dass die politischen Gegens\u00e4tze zu grundlegend waren. Im Zuge der Repression des Zarismus nach dem Scheitern der Revolution von 1905 r\u00fcckten die Menschewiki wieder schnell nach rechts. Sie forderten, die illegalen Untergrundorganisationen der Partei aufzul\u00f6sen und propagierten immer offener die Unterordnung unter die liberalen Demokraten. 1912 kam es dann zum endg\u00fcltigen organisatorischen Bruch, indem Lenin die Sozialdemokratie auf der Grundlage revolution\u00e4rer Konzeptionen wieder aufrichtete: Die Partei Lenins hie\u00df fortan SDAPR (B) \u2013 mit dem Namenszusatz \u201eBolschewiki\u201c. Bolschewiki und Menschewiki waren fortan zwei verschiedene Parteien.<\/p>\n<h4>Lehren<\/h4>\n<p>Wohin die unterschiedlichen Methoden und Konzeptionen f\u00fchrten, zeigte sich in aller Sch\u00e4rfe ein paar Jahre nach der endg\u00fcltigen Spaltung. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. W\u00e4hrend die Bolschewiki sich konsequent gegen den imperialistischen Krieg stellten und ihn in einen revolution\u00e4ren Umsturz umwandeln wollten, stellten sich die Menschewiki mehrheitlich auf die Seite \u201eihrer\u201c herrschenden Klasse. In der Revolution von 1917 setzten die Menschewiki auf die Fortf\u00fchrung des Krieges und unterst\u00fctzen die b\u00fcrgerliche Provisorische Regierung. Als die ArbeiterInnen, armen B\u00e4uerInnen, Soldaten und Matrosen sich radikalisierten, wurden sie aus den R\u00e4ten weggefegt, w\u00e4hrend die Bolschewiki um Lenin und Trotzki die anerkannten F\u00fchrerInnen der sozialistischen Revolution wurden.<\/p>\n<p>Die Spaltung, die sich 1903 auf Grund von Organisationsfragen auftat und die sich sp\u00e4ter vertiefen sollte, war f\u00fcr die Beteiligten zun\u00e4chst schmerzlich und wurde als R\u00fcckschritt angesehen. Doch sie erwies sich r\u00fcckblickend als \u00fcberaus n\u00fctzlich f\u00fcr den Aufbau einer wirklich revolution\u00e4ren Partei. Denn diese Spaltung, oder besser Ausdifferenzierung der russischen Sozialdemokratie,<\/p>\n<p>half bei der programmatischen Kl\u00e4rung tieferlegender Gegens\u00e4tze. In der Auseinandersetzung der revolution\u00e4ren AktivistInnen mit den Str\u00f6mungen der Anpassung an das B\u00fcrgertum, schulte sich eine ganze Generation von ArbeiterInnen und Revolution\u00e4rInnen.<\/p>\n<p>Die Idee, dass eine m\u00f6glichst \u201elockere\u201c, \u201ebreite\u201c und unverbindliche Organisation einer programmatisch klaren und bewussten Partei als Instrument zur Revolution vorzuziehen sei, ist weiterhin verbreitet und findet heute durch die vielfach negativen Erfahrungen mit Stalinismus, Reformismus (Sozialdemokratie), aber auch durch den R\u00fcckgang sozialistischen Bewusstseins in der Arbeiterklasse seit den 1990er Jahren neue Nahrung. Oftmals wird sich dabei auf die Kritik des jungen Leo Trotzki oder von Rosa Luxemburg an Lenins Parteikonzeption berufen. Doch dabei wird in der Regel verschwiegen, dass Trotzki seine Kritik aus der Zeit der Spaltung der russischen Sozialdemokratie im Lichte der historischen Erfahrungen revidierte und Rosa Luxemburg sehr wohl eine Vertreterin der Idee einer revolution\u00e4ren Partei war, deren Kritik im Jahre 1918 erstens mit einer grunds\u00e4tzlichen Unterst\u00fctzung der revolution\u00e4ren Rolle der bolschewistischen Partei einher ging und zweitens auch durch eine Unkenntnis der genauen Situation im jungen russischen Arbeiterstaat gepr\u00e4gt war. Ohne die Existenz der Bolschewiki als einer um ein klares marxistisches Programm gruppierten, handlungsf\u00e4higen und geschlossenen Partei, w\u00e4re die Oktoberrevolution nicht zum Erfolg gef\u00fchrt worden.<\/p>\n<p>Eine solche Partei fehlt heute. Dies wird zunehmend zum Problem \u2013 besonders da, wo Millionen von ArbeiterInnen und Jugendlichen in revolution\u00e4ren K\u00e4mpfen stehen, wie in \u00c4gypten, Tunesien und an vielen anderen Orten der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 110 Jahren fand der \u201eSpaltungsparteitag&#8220; der Russischen Sozialdemokratie statt<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":26097,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,95],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26096"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26096"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26096\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26097"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}