{"id":26090,"date":"2013-11-25T17:00:57","date_gmt":"2013-11-25T16:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=26090"},"modified":"2013-11-06T10:52:33","modified_gmt":"2013-11-06T09:52:33","slug":"1923-deutschland-vor-der-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/11\/1923-deutschland-vor-der-revolution\/","title":{"rendered":"1923: Deutschland vor der Revolution"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/kpd_plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-26091\" alt=\"kpd_plakat\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/kpd_plakat-117x173.jpg\" width=\"117\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/kpd_plakat-117x173.jpg 117w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/kpd_plakat-236x347.jpg 236w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/kpd_plakat.jpg 375w\" sizes=\"(max-width: 117px) 100vw, 117px\" \/><\/a>\u201eFehlgeburt im achten Monat\u201c<\/strong><\/p>\n<p>1923 f\u00fchrte die Besetzung des Ruhrgebiets durch franz\u00f6sische und belgische Truppen zu einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise in Deutschland, die den revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus in greifbare N\u00e4he r\u00fcckte.<\/p>\n<p><em>von Wolfram Klein<\/em><\/p>\n<p>Auch viele Linke meinen, Deutschland und Revolution w\u00fcrden nicht zusammenpassen. Die Revolution von 1848 ist schon lange her und war wenig erfolgreich. Die Revolution im Jahr 1918 gilt oft als durch den Ersten Weltkrieg verursachter Betriebsunfall. Tats\u00e4chlich hatten schon vor Kriegsbeginn MarxistInnen wie Rosa Luxemburg analysiert, dass sich in Deutschland die politischen und wirtschaftlichen Widerspr\u00fcche versch\u00e4rften und eine vorrevolution\u00e4re Situation heranreifte. Der Krieg war auch eine Flucht der Herrschenden vor den innenpolitischen Widerspr\u00fcchen. Die Revolution endete auch keineswegs mit der Wahl der Nationalversammlung im Januar 1919. Bis 1920 gab es immer wieder revolution\u00e4re K\u00e4mpfe, zum Beispiel im M\u00e4rz 1920 den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch (in dessen Rahmen auch. eine Rote Ruhr-Armee mit \u00fcber 50.000 bewaffneten ArbeiterInnen entstand). Auf diese revolution\u00e4re Welle folgte noch nicht das Ende der Revolution, sondern nur ein Wellental. 1923 l\u00f6ste die Ruhrbesetzung eine zweite revolution\u00e4re Welle aus.<\/p>\n<h4>Die Ruhrbesetzung<\/h4>\n<p>Am 11. Januar 1923 marschierten franz\u00f6sische (und belgische) Truppen im Ruhrgebiet ein. Die Begr\u00fcndung war, dass Deutschland die Reparationen (Kriegsentsch\u00e4digungen), zu denen es nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg verpflichtet war, nur teilweise geliefert hatte. Der eigentliche Grund war, dass der franz\u00f6sische Imperialismus unter Ministerpr\u00e4sident Poincar\u00e9 seine Vorherrschaft in Europa, die er durch den Versailler Friedensvertrag 1919 erlangt hatte, festigen wollte.<\/p>\n<p>Die deutsche Regierung unter Wilhelm Cuno, als ehemaliger Direktor der Schifffahrtsgesellschaft HAPAG ein knallharter Vertreter von Kapitalinteressen, verk\u00fcndete den \u201epassiven Widerstand\u201c: Jede Zusammenarbeit mit den franz\u00f6sischen Besatzern wurde untersagt, die Reparationszahlungen eingestellt, Produktion und Transport standen zun\u00e4chst weitgehend still. Es gab Terrorakte von Rechtsextremisten, teils mit beh\u00f6rdlicher Unterst\u00fctzung. Die Franzosen reagierten mit Ausweisungen, Verhaftungen, Hinrichtungen.<\/p>\n<p>Alle Parteien im deutschen Reichstag unterst\u00fctzten die Regierung \u2013 mit Ausnahme der Kommunistischen Partei (KPD). Diese lehnte ebenfalls die Ruhrbesetzung ab, ebenso wie die gesamte Politik des franz\u00f6sischen Imperialismus, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Art Kontinentalpolizist in Europa war. Trotzdem blieb f\u00fcr sie der deutsche Kapitalismus der Hauptgegner, und die franz\u00f6sischen KommunistInnen die Hauptverb\u00fcndeten. \u201eSchlagt Poincar\u00e9 an der Ruhr und Cuno an der Spree!\u201c war eine Parole. Unmittelbar vor dem Einmarsch organisierten sie am 6.\/7. Januar in Essen eine Konferenz mit GastrednerInnen aus anderen Parteien der 1919 gegr\u00fcndeten Kommunistischen Internationale (Komintern). Franz\u00f6sische Kommunisten klebten im Ruhrgebiet Plakate, die sich an die Besatzungstruppen richteten, und bildeten unter den Besatzungssoldaten Zellen. Es gab eigene Publikationen f\u00fcr die Soldaten und Flugbl\u00e4tter auf franz\u00f6sisch und \u201emarokkanisch\u201c (d.h. wohl arabisch \u2013 ein betr\u00e4chtlicher Teil der Besatzungssoldaten stammte aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs). Die franz\u00f6sische und deutsche kommunistische Presse berichtete \u00fcber die miserable Verpflegung und Unterbringung der Soldaten, die Schikanen durch Offiziere. Die franz\u00f6sische Justiz klagte die franz\u00f6sischen Teilnehmer der Essener Konferenz wegen Hochverrats an.<\/p>\n<p>Schon bald entpuppte sich der passive Widerstand als Farce. Kapitalisten sind gerne bereit, aus Patriotismus ArbeiterInnen Opfer abzuverlangen, aber nicht dazu, ihre Profite zu opfern. In der Praxis sah es bald so aus, dass die Bergwerke des Ruhrgebiets Kohle auf Halde f\u00f6rderten, dann die Franzosen die Kohle beschlagnahmten und abtransportierten und dann die Bergwerksbesitzer sich vom Staat eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die beschlagnahmte Kohle zahlen lie\u00dfen. Der kommunistische Vorschlag, die Kohle statt dessen verbilligt an die Bev\u00f6lkerung zu verkaufen, wurde abgelehnt.<\/p>\n<p>Angesichts der ungeheuren Last f\u00fcr die Arbeiterklasse und der fortgesetzten Profitmacherei der Bosse, nimmt der Widerstand der Massen gegen die Besetzung schnell wieder ab und die Wut richtet sich gegen die Kapitalisten und die Cuno-Regierung, die den Zehn-Stunden-Tag wieder einf\u00fchren will.<\/p>\n<h4>Streikwelle im Ruhrgebiet<\/h4>\n<p>Die Inflation, die im Ersten Weltkrieg begonnen hatte und nach dem Krieg weiter gegangen war, war im Januar 1923 explodiert (f\u00fcr ein britisches Pfund musste man bald statt 50.000 Mark 250.000 Mark zahlen), um dann durch St\u00fctzungsaktionen der Mark (Verkauf von Gold und Devisen, um den Wechselkurs zum US-Dollar bei etwa 21.000:1 zu halten) vor\u00fcbergehend gestoppt worden. Aber die staatliche Finanzierung des \u201eRuhrkampfs\u201c durch Hilfszahlungen an Unternehmen und Lohnzahlungen an streikende oder unbesch\u00e4ftigte ArbeiterInnen und Beamte lie\u00df die Staatsausgaben explodieren und die Inflation ab dem 18.April 1923 zur\u00fcckkehren. Im Juni fiel die Mark auf 500.000 zu einem Pfund, im August musst man schon f\u00fcnf Millionen Mark f\u00fcr das Pfund zahlen. Der franz\u00f6sische marxistische Historiker Pierre Brou\u00e9 schreibt dazu: \u201eDer privilegierte Arbeiter, das hei\u00dft derjenige, der Arbeit hat, braucht zwei Tage vom durchschnittlichen Lohn eines qualifizierten Arbeiters f\u00fcr ein Pfund Butter und den Lohn von ganzen f\u00fcnf Monaten f\u00fcr einen Anzug. Die Inflation bedeutete jedoch nicht Elend f\u00fcr jeden. Die Besitzer von Gold oder von Devisen erzielen fantastische Gewinne. Industrielle und Unternehmer, deren Ausgaben an L\u00f6hnen und Sozialleistungen praktisch auf ein Nichts gesunken sind, k\u00f6nnen ihre Preise senken und gegen Devisen im Ausland ihre Waren absetzen.\u201c (in: Pierre Brou\u00e9, Die Deutsche Revolution 1918-1923, Berlin, 1973)<\/p>\n<p>Im Ruhrgebiet war der Anstieg der Lebensmittelpreise besonders schlimm. Am 16.Mai begann auf einer Zeche in Dortmund eine spontane Streikwelle f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen, die nach wenigen Tagen mindestens 300.000 Berg- und MetallarbeiterInnen umfasste. Da die franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden die deutsche (preu\u00dfische) Polizei aus dem Ruhrgebiet ausgewiesen hatten, stellten jetzt in vielen Orten \u201eproletarische Hundertschaften\u201c (in denen oft kommunistische, sozialdemokratische und parteilose ArbeiterInnen zusammenarbeiteten) die Ordnung sicher. Franz\u00f6sische Soldaten begr\u00fc\u00dften die Streikenden zum Beispiel in Bochum mit Rufen \u201eA bas Poincar\u00e9! A bas Stinnes!\u201c (\u201eNieder mit Poincar\u00e9! Nieder mit Stinnes!\u201c &#8211; Hugo Stinnes war Chef eines riesigen Firmenimperiums und galt als heimlicher Herrscher Deutschlands) und h\u00e4ndigten ihnen Maschinengewehre aus (ihren Vorgesetzten wollten sie erz\u00e4hlen, sie seien ihnen abgenommen worden). Die patriotische deutsche Regierung bat den franz\u00f6sischen \u201eErbfeind\u201c um die Erlaubnis, die Streikbewegung im Ruhrgebiet milit\u00e4risch zu unterdr\u00fccken. Schlie\u00dflich habe Deutschland auch 1871 Frankreich bei der Niederschlagung der Pariser Kommune geholfen. Die KPD, die die F\u00fchrung der Bewegung \u00fcbernommen hatte, f\u00fcrchtete eine gemeinsame Unterdr\u00fcckung durch Deutschland und Frankreich, und trat f\u00fcr eine Beendigung der Streiks ein, nachdem Lohnerh\u00f6hungen erreicht waren.<\/p>\n<h4>Kleinb\u00fcrgertum und Nationalismus<\/h4>\n<p>Die russische Revolution 1917 hatte gesiegt durch das B\u00fcndnis zwischen Arbeiterklasse und Kleinb\u00fcrgertum (v.a. die Bauernschaft). In Deutschland spielte der Gegensatz zwischen Bauernschaft und Gro\u00dfgrundbesitz keine so zentrale Rolle wie in Russland. Die SPD hatte sich zwar vor dem Ersten Weltkrieg bem\u00fcht, die Interessen der Arbeiterklasse im Rahmen des Kapitalismus zu vertreten, aber das Kleinb\u00fcrgertum weitgehend den Nationalisten und Militaristen \u00fcberlassen, die es in Kriegervereinen, Flottenvereinen etc. organisierten.<\/p>\n<p>Die nationalistische Verhetzung des Kleinb\u00fcrgertums erlitt durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg eine kalte Dusche und viele Kleinb\u00fcrgerInnen unterst\u00fctzten 1918\/19 die Revolution. Aber auf die Hoffnungen folgte bittere Entt\u00e4uschung. Die Inflation fra\u00df die Ersparnisse der Mittelschichten weg, die Geh\u00e4lter der \u201eneuen Mittelschichten\u201c, der Angestellten, die sich damals noch kaum als Teil der Arbeiterklasse sahen, sanken auf Hungerniveau. Teile des Kleinb\u00fcrgertums steigerten sich in einen wahnwitzigen Hass gegen Franzosen (die Sieger im Weltkrieg, denen die Schuld an den Friedensbedingungen von Versailles gegeben wurde), die Arbeiterbewegung und \u201edie Juden\u201c (beide wurden in der nationalistischen \u201eDolchsto\u00dflegende\u201c beschuldigt, durch die Novemberrevolution 1918 der \u201eim Felde ungeschlagenen\u201c Armee in den R\u00fccken gefallen zu sein und sie wurden mit der immer verhassteren Weimarer Republik identifiziert).<\/p>\n<p>Wenn die 1918 begonnene Revolution in Deutschland zum erfolgreichen Ende, also zum Sturz des Kapitalismus, gef\u00fchrt werden wollte, musste die KPD nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse, sondern auch Teile des Kleinb\u00fcrgertums gewinnen oder zumindest neutralisieren. Die KPD erkannte richtig, dass der Franzosenhass die soziale Verelendung des Kleinb\u00fcrgertums durch Krieg und Nachkriegszeit in einer nationalen Sprache formulierte. Sie versuchte, diesen Hass umzulenken, indem sie alle Belege f\u00fcr den Klassengegensatz zwischen den franz\u00f6sischen ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen einerseits und den franz\u00f6sischen Kapitalisten andererseits ebenso publizierten wie die Belege f\u00fcr die Zusammenarbeit zwischen deutschen und franz\u00f6sischen Kapitalisten.<\/p>\n<h4>Fehler der KPD<\/h4>\n<p>Falsch war es aber, wenn die KPD manchmal nicht zwischen vom Imperialismus unterdr\u00fcckten L\u00e4ndern (z.B. Kolonien) und dem vor\u00fcbergehend besiegten deutschen Imperialismus unterschied. Ebenso falsch war, wenn sie den deutschen Herrschenden eine Kapitulation vor Frankreich vorwarf. Im R\u00fcckblick ist offenkundig, dass diese (aus ihrer Sicht) geschickt man\u00f6vriert haben: Sie nutzten die Weimarer Verfassung und lie\u00dfen die SPD bis 1930 ab und zu mitregieren, bis 1930 die im Versailler Vertrag festgelegte Besetzung des Rheinlands beendet wurde. 1933 hievten sie Hitler ins Amt, der f\u00fcr sie die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, die Aufr\u00fcstung und die Vorbereitung eines neuen Weltkriegs organisierte. Sie gingen erst auf Distanz zu Hitler, als sie merkten, dass dieser den Krieg verlieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die KPD konnte nationalistischen Kleinb\u00fcrgerInnen keinen Revanchekrieg gegen Frankreich versprechen. Tats\u00e4chlich erkl\u00e4rte sie v\u00f6llig richtig, dass eine revolution\u00e4re deutsche Arbeiterregierung die Verpflichtungen des Versailler Vertrags erf\u00fcllen werde (aber das Geld f\u00fcr die Reparationen von den Reichen statt den ArbeiterInnen holen w\u00fcrde). Tats\u00e4chlich gab es in Deutschland nicht nur kriegsgeile Nationalisten, sondern viele Millionen ArbeiterInnen und Kleinb\u00fcrgerInnen, die sich an die Schrecken des Ersten Weltkriegs erinnerten und Angst vor einem neuen Krieg hatten. 1917 war die Forderung nach Frieden einer der gr\u00f6\u00dften Tr\u00fcmpfe der russischen Revolution gewesen. 1923 wusste die deutsche Bev\u00f6lkerung, dass nach der russischen Revolution eine imperialistische Milit\u00e4rintervention und drei Jahre blutiger B\u00fcrgerkrieg folgten. Die Angst vor Intervention und neuem Krieg schreckte vor der Revolution ab. (Tats\u00e4chlich w\u00e4re eine siegreiche deutsche Revolution der einzige Weg gewesen, den Zweiten Weltkrieg mit seinen 60 Millionen Toten zu verhindern.)<\/p>\n<p>Wahrscheinlich h\u00e4tte der franz\u00f6sische Imperialismus eine deutsche Arbeiterrevolution tats\u00e4chlich milit\u00e4risch bek\u00e4mpft. Der Sturz des Kapitalismus in Deutschland h\u00e4tte das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen Kapitalismus und Sozialismus in Europa so verschoben, dass die Kapitalisten der Nachbarl\u00e4nder alle Register im Kampf dagegen gezogen h\u00e4tten. Aber die Streikwelle im Ruhrgebiet im Mai hatte schon die Sympathien vieler franz\u00f6sischer Soldaten f\u00fcr die deutschen ArbeiterInnen gezeigt. F\u00fcr die Kampfmoral der franz\u00f6sischen Truppen und die Stimmung in der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte zwischen einer Milit\u00e4rintervention gegen eine deutsche Arbeiterrevolution und einem \u201eVerteidigungskrieg\u201c gegen deutsche Revanchisten ein himmelweiter Unterschied bestanden. 1918 hatten die aus der Ukraine heimkehrenden deutschen Besatzungssoldaten zu den gl\u00fchendsten K\u00e4mpfern der deutschen Novemberrevolution geh\u00f6rt. Eine franz\u00f6sische Milit\u00e4rintervention gegen eine deutsche Arbeiterrevolution h\u00e4tte nicht die Revolution in Deutschland verhindert, sondern die franz\u00f6sische Revolution ein gro\u00dfes St\u00fcck n\u00e4her gebracht \u2013 und damit auch ein Ende von allem was am Versailler Vertrag berechtigte Emp\u00f6rung erzeugte.<\/p>\n<p>Eine positive Antwort zeigte der russische Revolution\u00e4r Trotzki in einem Artikel vom 30. Juni 1923, in dem er vorschlug, die kommunistische Forderung nach einer Arbeiterregierung (oder Arbeiter- und Bauernregierung, s. u.) mit der nach den Vereinigten Staaten von Europa zu verbinden. Der deutsche Imperialismus hatte im Ersten Weltkrieg versucht, die Kohle des Ruhrgebiets mit dem lothringischen Eisenerz zu verbinden, der franz\u00f6sische Imperialismus versuchte es jetzt mit der Ruhrbesetzung \u2013 beide Male mit katastrophalen Folgen. Die Parole der Vereinigten Staaten von Europa zeigte die revolution\u00e4re L\u00f6sung f\u00fcr das Problem, das der Imperialismus nicht l\u00f6sen konnte (ebenso wie f\u00fcr das Problem der Reparationen). Leider hat die F\u00fchrung der Kommunistischen Internationale diese Parole erst im Oktober \u00fcbernommen. In der Agitation der KPD spielte sie nie eine Rolle.<\/p>\n<p>Die Versuche, nationalistische Kleinb\u00fcrgerInnen zu gewinnen, waren wenig erfolgreich. Bei deren Hass gegen die Arbeiterbewegung und \u201edie Juden\u201c wurde die Arbeiterpartei KPD mit einer Reihe j\u00fcdischer Spitzenfunktion\u00e4re auch dann kein B\u00fcndnispartner, wenn sie der Regierung Kapitulation vor dem franz\u00f6sischen Imperialismus vorwarf. Wahrscheinlich hat sie f\u00fcr jeden so gewonnenen \u201enational empfindenden\u201c Kleinb\u00fcrger zehn sozialdemokratische Arbeiter abgesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Trotz solcher Fehler waren aber sozialdemokratische Vorw\u00fcrfe, die KPD w\u00fcrde mit den Faschisten eine Einheitsfront bilden, billige Demagogie. Bei allen Versuchen, an die nationale Emp\u00f6rung \u00fcber die Ruhrbesetzung anzukn\u00fcpfen, war die unabdingbare Voraussetzung, dass m\u00f6gliche Verb\u00fcndete sich gegen die Faschisten stellten. Dabei auch ehemaligen Faschisten die Hand auszustrecken, wenn sie mit dem Faschismus brachen, war richtig. Es ging nicht um ein B\u00fcndnis mit den Faschisten, sondern darum, den physischen Kampf durch den ideologischen Kampf gegen sie zu erg\u00e4nzen. Wie es KPD und SPD tats\u00e4chlich mit dem Faschismus hielten, wurde im Juli 1923 deutlich: die KPD mobilisierte f\u00fcr einen antifaschistischen Aktionstag am 29. Juli. Der preu\u00dfische Innenminister Severing (SPD!) verbot f\u00fcr diesen Termin alle Stra\u00dfendemonstrationen, so dass sich die KPD weitgehend auf Saalveranstaltungen beschr\u00e4nkte. Wie stark die KPD mobilisierte und wie aufgeheizt die Stimmung war, zeigte aber die Beteiligung an diesem Antifaschismustag: laut KPD eine Viertelmillion (nach b\u00fcrgerlichen Sch\u00e4tzungen 160.000 bis 180.000) allein in Berlin, \u00fcber 100.000 in Sachsen, \u00fcber 100.000 in W\u00fcrttemberg usw.<\/p>\n<h4>Die Cuno-Streiks<\/h4>\n<p>Ab Juni 1923 kam es auch au\u00dferhalb des Ruhrgebiets zu immer mehr Streiks, um die L\u00f6hne an die astronomisch steigenden Preise anzupassen. Dabei streikten auch Arbeitergruppen, die bisher eher nicht in der vordersten Reihe gestanden hatten, zum Beispiel \u00fcber 100.000 LandarbeiterInnen in Schlesien. Insgesamt wurden f\u00fcr 1923 \u00fcber 1,8 Millionen Streikende und \u00fcber 14 Millionen durch Streiks verlorene Arbeitstage verzeichnet. Das ist zwar ein R\u00fcckgang gegen\u00fcber 1922 (dem Jahr mit den meisten Streiks in der deutschen Geschichte: fast zwei Millionen Streikende und fast 29 Millionen verlorene Arbeitstage). Aber erstens gab es in den ersten Monaten 1923 kaum Lohnstreiks (wegen der vor\u00fcbergehenden Stabilisierung der Mark und dem nach der Ruhrbesetzung von sozialdemokratischen GewerkschafterInnen praktizierten \u201eBurgfrieden\u201c) \u2013 und die statistische Erfassung der Streiks war verbessert worden, so dass es weniger Doppelz\u00e4hlungen gab. Au\u00dferdem ist offenbar der Generalstreik gegen die Cuno-Regierung nicht mitgez\u00e4hlt, an dem allein 3,5 Millionen ArbeiterInnen teilnahmen.<\/p>\n<p>Denn als Anfang August der Reichstag aus der Sommerpause zur\u00fcckkehrte, str\u00f6mte eine Flut von Berliner Betriebsdelegationen ins Reichstagsgeb\u00e4ude und forderte den R\u00fccktritt der Regierung. Am Sonnabend (11. August) tagten morgens die Berliner Betriebsr\u00e4te. Da 15.000 Betriebsr\u00e4te kamen, mussten sie sich auf vier Versammlungss\u00e4le verteilen. Sie forderten u.a. den sofortigen R\u00fccktritt der Cuno-Regierung und einen Mindestlohn. Daf\u00fcr sollte ab Mittag der Generalstreik beginnen (bis Dienstag Abend). Eine Streikleitung wurde gebildet. Am folgenden Morgen beschloss der Reichsausschuss der Betriebsr\u00e4te den Generalstreik f\u00fcr ganz Deutschland. Noch am selben Abend trat Cuno zur\u00fcck und es wurde am folgenden Tag eine neue Regierung unter Stresemann gebildet, an der sich auch die SPD beteiligte.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb Berlins erfuhren die ArbeiterInnen erst Montag vom Streikaufruf, so dass sie erst Montag Abend oder Dienstag in den Streik traten, als seine Hauptforderung bereits erf\u00fcllt war (unter anderem wurde den ArbeiterInnen eine gleitende Lohnskala zugestanden, die die L\u00f6hne an die Inflation koppelte). In Berlin wurden Stra\u00dfenbahnerInnen und DruckerInnen mit hohen Lohnerh\u00f6hungen zum Ausscheren aus dem Streik gebracht, so dass Stra\u00dfenbahnen wieder fuhren, Zeitungen erschienen und \u2013 nicht zuletzt \u2013 Banknoten gedruckt wurden. Um ein langsames Abbr\u00f6ckeln der Bewegung zu verhindern beschlossen die Berliner Betriebsr\u00e4te ab Dienstag, den Streik nicht zu verl\u00e4ngern. Die KPD stand zwar an der Spitze der Bewegung, aber sie verstand es nicht, die spontane Bewegung von unten vom Sturz der Regierung zum Sturz des Kapitalismus weiter zu steigern.<\/p>\n<h4>Die Einheitsfrontpolitik<\/h4>\n<p>Der Cuno-Streik hatte gezeigt, wie gro\u00df der Einfluss der KPD in der Arbeiterbewegung geworden war. Sie hat im Sommer 1923 wohl die SPD \u00fcberholt und hatte mehrheitliche Unterst\u00fctzung in der Arbeiterklasse. Selbst im l\u00e4ndlichen Mecklenburg-Strelitz (das einzige Land, in dem damals Wahlen abgehalten wurden) zog sie fast mit der SPD gleich. Der gestiegene Einfluss war im Wesentlichen der seit 1921 betriebenen Einheitsfrontpolitik zu verdanken. Gleichzeitig hatte sich in der SPD erstmals seit der Novemberrevolution ein linker Fl\u00fcgel heraus gebildet, der in Widerspruch zur Parteif\u00fchrung geriet.<\/p>\n<p>Im Dezember 1920 war die KPD durch die Vereinigung mit dem linken Fl\u00fcgel der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) zu einer Massenpartei mit Hunderttausenden Mitgliedern geworden. Die Mitglieder spr\u00fchten vor Tatendrang, aber leider war die revolution\u00e4re Welle nach dem Ersten Weltkrieg bereits vorbei. Die KPD erkannte das nicht und lie\u00df sich auf revolution\u00e4re Abenteuer ein (\u201eM\u00e4rzaktion\u201c 1921). Daf\u00fcr wurde ihr von Lenin, Trotzki und der F\u00fchrung der Kommunistischen Internationale gr\u00fcndlich der Kopf gewaschen, die der KPD (und den anderen Parteien der Komintern) erkl\u00e4rten, dass sie erst die Mehrheit der Arbeiterklasse erobern m\u00fcssen, bevor sie die Macht erobern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dazu diente die Einheitsfrontpolitik. Ihr Grundgedanke war, dass revolution\u00e4re und reformistische ArbeiterInnen zwar bez\u00fcglich der Notwendigkeit einer Revolution verschiedener Meinung sind, dies aber kein Hinderungsgrund f\u00fcr gemeinsame Abwehrk\u00e4mpfe gegen Lohnsenkungen, schlechtere Arbeitsbedingungen und faschistischen Terror ist. Richtig gehandhabt stellte die Einheitsfrontmethode f\u00fcr Revolution\u00e4rInnen eine Win-Win-Situation dar: Wenn die reformistischen Partei- und Gewerkschaftsf\u00fchrer Angebote f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf f\u00fcr Ziele ablehnten, deren Berechtigung ihrer Basis einleuchtete, diskreditierten sie sich und die ArbeiterInnen wurden ihnen gegen\u00fcber kritischer und offener f\u00fcr die Ideen der KommunistInnen. Wenn sie dagegen entsprechende Angebote annahmen, bot das g\u00fcnstige Voraussetzungen, die ArbeiterInnen vor Verschlechterungen zu bewahren und Verbesserungen zu erreichen und gleichzeitig im Kampf das Selbstbewusstsein und die Kampferfahrung der ArbeiterInnen zu heben. Nicht zuletzt konnten die ArbeiterInnen bei jedem Schritt des Kampfes die kommunistische und die reformistische Organisation in der Praxis erproben und erkennen, dass Revolution\u00e4rInnen auch die besten K\u00e4mpferInnen f\u00fcr Reformen sind \u2013 auch in diesem Fall k\u00f6nnen reformistische ArbeiterInnen n\u00e4her an die kommunistische Partei herangef\u00fchrt werden. Die Einheitsfrontpolitik war entscheidend daf\u00fcr, dass die KPD sich von der Niederlage der M\u00e4rzaktion 1921 erholte und in der Arbeiterklasse verankerte.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Problem war aber, dass die KPD tief gespalten war. Es gab eine \u201elinke\u201c Opposition (deren f\u00fchrende K\u00f6pfe Ruth Fischer, Ernst Th\u00e4lmann und Arkadi Maslow waren) , die vor allem in Berlin, Hamburg und dem Ruhrgebiet stark war. Sie bekannte sich zwar auch in Worten zur Einheitsfront, verd\u00e4chtigte die Parteif\u00fchrung (der wichtigste KPD-F\u00fchrer war Heinrich Brandler) aber st\u00e4ndig, dass es ihr in Wirklichkeit darum gehe, die KPD mit der SPD wieder zu vereinigen. Ein paar Zahlen k\u00f6nnen erkl\u00e4ren, woher dieses tiefe Misstrauen kam: Bei den Reichstagswahlen 1920 bekam die KPD zwei und die USPD 81 Sitze. Beim USPD-Parteitag in Halle im Oktober 1920 beschlossen die Delegierten mit deutlicher Mehrheit die Vereinigung mit der KPD \u2013 aber nur 22 Abgeordnete folgten dem Parteibeschluss, so dass die Vereinigte Kommunistische Partei nur 24 statt 83 Abgeordnete hatte. Die restlichen 59 blieben zun\u00e4chst als USPD-Fraktion. In den Monaten nach der M\u00e4rzaktion trat die Mehrheit der KPD-Fraktion zu einer rechten Abspaltung (Kommunistische Arbeitsgemeinschaft) \u00fcber, bis nur noch elf Abgeordnete in der KPD-Fraktion waren (danach wuchs sie durch \u00dcbertritte wieder auf 15). Die meisten KAG- und USPD-Abgeordneten traten bis Ende 1922 der SPD-Fraktion bei, die so von 113 auf 178 anwuchs (so gro\u00df war die SPD-Fraktion sonst nie in der Weimarer Republik). Beim Parteivorstand, USPD-Landtagsfraktionen, den Redaktionen der USPD-Parteizeitungen gab es \u00e4hnliche Entwicklungen. Es ist verst\u00e4ndlich, dass nach solchen Erfahrungen mit ihren gew\u00e4hlten VertreterInnen Teile der Parteibasis empf\u00e4nglich f\u00fcr Anschuldigungen waren, die jetzige F\u00fchrung sei ebenfalls auf dem Weg zur SPD.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem machte die Parteif\u00fchrung in der Tat politische Fehler, die Wasser auf die M\u00fchlen der Opposition waren. So gab es nach der Ermordung von Au\u00dfenminister Rathenau im Juni 1922 Massenproteste. Die KPD beteiligte sich zu Recht, vers\u00e4umte es aber teilweise, ihre eigenen Forderungen offensiv zu vertreten. Auf dem Leipziger Parteitag im Januar 1923 war die Parteif\u00fchrung ganz verliebt in die Formulierung, dass man an die Illusionen und Vorurteile der ArbeiterInnen ankn\u00fcpfen m\u00fcsse. Die Komintern erkl\u00e4rte, dass diese Formulierung \u201ezweifelsohne falsch\u201c sei. Die KPD m\u00fcsse vielmehr an die Bed\u00fcrfnisse und Interessen der ArbeiterInnen ankn\u00fcpfen, um die Illusionen im gemeinsamen Kampf zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite bestand die Opposition darauf, dass die SPD nicht f\u00fcr Arbeiterinteressen k\u00e4mpfen k\u00f6nne und die Einheitsfrontangebote deshalb nur ihrer Entlarvung dienten. Mit solchen Aussagen lieferte sie der SPD-F\u00fchrung die beste Entschuldigung, Einheitsfrontangebote der KPD als billigen Trick abzutun. Sachlich richtiger und damit \u00fcberzeugender w\u00e4re es gewesen, zu erkl\u00e4ren, dass die SPD-F\u00fchrung selbst dann, wenn sie k\u00e4mpft, die Ziele und Methoden des Kampfs in einer Weise beschr\u00e4nkt, die den Kampf schw\u00e4chen.<\/p>\n<h4>Einheitsfront-Organisationen<\/h4>\n<p>Einheitsfront bedeutete nicht nur Absprachen zwischen den Parteigremien auf verschiedenen Ebenen, zum Beispiel f\u00fcr gemeinsame Demonstrationen. Vor allem bedeutete es die Mitarbeit der KommunistInnen in sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften, Betriebsratsgremien oder Genossenschaften und den Kampf um Mehrheiten dort. Hier zeigten sich die Erfolge der Einheitsfrontpolitik besonders. Bei den Delegiertenwahlen im Deutschen Metallarbeiterverband (dem Vorl\u00e4ufer der IG Metall) im Juli 1923 hatte die KPD in den meisten Gro\u00dfst\u00e4dten die Mehrheit (und teils deutliche Mehrheiten, z.B. in Berlin 54.000 zu 22.000 f\u00fcr die SPD). Den dominierenden Einfluss der KPD in der Berliner Betriebsr\u00e4te-Bewegung hatte der Cuno-Streik im August gezeigt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig waren die Gewerkschaften jedoch durch die Inflation geschw\u00e4cht, denn angesichts der Preissteigerungen verloren Tarifvertr\u00e4ge an Bedeutung. Streikkassen waren wertlos, Hauptamtlichenl\u00f6hne ebenfalls. Zwischen den Sommern 1922 und 1923 verloren die Gewerkschaften zwei Millionen Mitglieder. Die Kontrolle der zentralen Gewerkschaftsapparate \u00fcber die \u00f6rtlichen und betrieblichen Gremien ging zur\u00fcck. Diese Entwicklung vertiefte auch die Krise der SPD. Die KPD hingegen konnte ihren Einfluss in den Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4ten ausbauen, \u00fcberbetriebliche Betriebsratsaussch\u00fcsse bilden und neue Massenorganisationen ausbauen, in denen KommunistInnen, SozialdemokratInnen und Parteilose zusammenarbeiteten, vor allem die Kontrollaussch\u00fcsse und Proletarischen Abwehrorganisationen (PAO, oft Proletarische Hundertschaften genannt). Die Kontrollaussch\u00fcsse sollten H\u00e4ndler unter Druck setzen, die Preise in nicht nachvollziehbarer Weise erh\u00f6hten oder Waren horteten, um die Preise hoch zu treiben.<\/p>\n<p>Nachdem die Komintern erkannt hatte, dass ein revolution\u00e4rer Aufstand in Deutschland auf der Tagesordnung stand, bekamen die Proletarischen Hundertschaften besonderes Gewicht, weshalb zu ihnen auch mehr Zahlen vorliegen. Danach wurden alleine zwischen Mitte Mai und Mitte Juli 900 Hundertschaften gebildet, 192 rein kommunistische und 712 gemischte. Dabei waren in diesen Hundertschaften die H\u00e4lfte KommunistInnen, 30 bis 35 Prozent parteilos, 15 bis 20 Prozent SozialdemokratInnen. Die SozialdemokratInnen waren in einer Organisation aktiv, die ihr eigener Parteigenosse, der preu\u00dfische Innenminister Severing, am 12. Mai 1923 verboten hatte! Die Mitglieder waren meist ehemalige Weltkriegsteilnehmer im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Das zentrale Problem der Hundertschaften war ihre mangelnde Bewaffnung. Es gibt zahlreiche historische Beispiele von Revolutionen, die fast mit blo\u00dfen H\u00e4nden begonnen und in denen die Waffen erst im Kampf erobert wurden. Aber in Deutschland 1923 hatten die revolution\u00e4ren ArbeiterInnen mehrere Jahre von opferreichen bewaffneten K\u00e4mpfen mit Polizei, Armee, Freikorps und anderen konterrevolution\u00e4ren Banden hinter sich. Von ihnen waren die wenigsten noch bereit, sich ohne Waffen in den Kampf zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<h4>Arbeiterregierung<\/h4>\n<p>1922 hatte die Komintern die Parole der \u201eArbeiterregierung\u201c als Kr\u00f6nung der Einheitsfrontpolitik aufgestellt, als Angebot an die sozialdemokratischen ArbeiterInnen, nicht nur gemeinsam im Betrieb und auf der Stra\u00dfe zu k\u00e4mpfen, sondern auch gemeinsam die Regierung zu \u00fcbernehmen \u2013 vorausgesetzt, die Sozialdemokraten (oder Teile von ihnen) w\u00e4ren bereit, mit dem Kapitalismus zu brechen (die Kapitalisten zu enteignen, den kapitalistischen Staatsapparat zu entwaffnen, die ArbeiterInnen zu bewaffnen etc.)<\/p>\n<p>Auch in Bezug auf diese Parole gab es Kontroversen in der KPD. Die Opposition warf der Parteif\u00fchrung vor, dass sie damit eine Koalitionsregierung im Rahmen des b\u00fcrgerlichen Staats bilden und auf dem Boden der Weimarer Verfassung handeln w\u00fcrde. Dass der Leipziger Parteitag im Januar beschlossen hatte, eine Arbeiterregierung w\u00fcrde \u201egest\u00fctzt auf die vorhandenen Machtmittel des b\u00fcrgerlichen Staates den Kampf f\u00fchren\u201c, best\u00e4rkte diese Bef\u00fcrchtungen. Die Komintern wies zu Recht auch diese Formulierung zur\u00fcck und erkl\u00e4rte, dass eine Arbeiterregierung zwar von den bestehenden b\u00fcrgerlichen Institutionen ausgehen k\u00f6nne, aber sobald sie mit der Umsetzung ihres Programms beginnt, die Machtmittel des b\u00fcrgerlichen Staats zerbrechen und sich eigene Machtmittel schaffen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wollte die Opposition die Arbeiterregierung nur als Pseudonym f\u00fcr die Diktatur des Proletariats gelten lassen. (Heute werden die meisten LeserInnen bei dem Begriff \u201eDiktatur des Proletariats\u201c an die stalinistischen Diktaturen denken. Aber damals verstand man darunter eine R\u00e4tedemokratie oder Arbeiterdemokratie, die zwar mit Mitteln staatlicher Gewalt eine Restauration des Kapitalismus verhindert, in der aber die Arbeiterklasse durch demokratische Strukturen die Staatsmacht aus\u00fcben kann.) Die Pseudonym-Interpretation hatte auch der Komintern-Vorsitzende Sinowjew vertreten, der 4. Weltkongress der Komintern 1922, der die Parole der Arbeiterregierung beschloss, war ihm darin aber nicht gefolgt, sondern hatte die Arbeiterregierung als m\u00f6gliche Zwischenstufe zur Revolution aufgefasst.<\/p>\n<h4>Die KPD r\u00fcstet zum Entscheidungskampf<\/h4>\n<p>Die F\u00fchrung der Komintern verstand erst nach dem Generalstreik gegen Cuno, dass in Deutschland eine objektiv revolution\u00e4re Situation bereits herangereift war. F\u00fchrende Mitglieder der KPD und der Komintern diskutierten in Moskau die Lage und das weitere Vorgehen. Der z\u00f6gernde Heinrich Brandler wurde \u00fcberzeugt, dass eine revolution\u00e4re Lage herangereift war. Trotzki forderte eine sorgf\u00e4ltige Vorbereitung und warnte vor einer \u201eFehlgeburt im achten Monat\u201c. Andere steigerten sich in eine Euphorie hinein und glaubten, den Sieg schon in der Tasche zu haben. Dabei ging die F\u00fchrung der KPD von einer falschen Grundannahme aus, n\u00e4mlich dass sich die Krise in den n\u00e4chsten Monaten immer weiter versch\u00e4rfen und die objektiven Bedingungen f\u00fcr eine Revolution immer besser werden w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich waren sie im August am besten gewesen. Am 26. September beendete die Stresemann-Regierung den passiven Widerstand im Ruhrgebiet und nahm die Stabilisierung der W\u00e4hrung in Angriff. Das bedeutete nicht, dass die Leiden der ArbeiterInnen enden w\u00fcrden, sie nahmen aber andere Formen an. W\u00e4hrend der Inflation boomte die deutsche Wirtschaft, die ihre mit Hungerl\u00f6hnen produzierten Waren auf dem Weltmarkt absetzen konnte. Jetzt f\u00fchrte die W\u00e4hrungsstabilisierung zu einer schweren Wirtschaftskrise. Es gab Massenentlassungen, in den wenigen Monaten von Juli bis Dezember 1923 stieg die Arbeitslosigkeit von 3,5 Prozent auf 28,2 Prozent an. In den Betrieben mischte sich die Angst vor Entlassung (von der nat\u00fcrlich politisch Missliebige besonders betroffen waren) mit der Hoffnung, dass das nur Umstellungsprobleme seien und es doch einen Ausweg auf kapitalistischer Grundlage geben w\u00fcrde. So gab es tats\u00e4chlich nur ein kurzes Zeitfenster, in dem eine Revolution in Deutschland m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. In dieser kurzen Zeit h\u00e4tte die KPD eine grundlegende Umstellung ihrer Arbeitsweise durchf\u00fchren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In Sachsen, wo innerhalb der SPD der linke Parteifl\u00fcgel die Mehrheit hatte, gab es schon einige Monate eine von der KPD gest\u00fctzte SPD-Minderheitsregierung. Dort war allerdings diskutiert worden, die Tolerierung zu beenden, weil auch in Sachsen die Polizei auf demonstrierende ArbeiterInnen schoss. Jetzt einigten sich KPD- und Kominternvertreter, dass stattdessen die KPD der SPD die Bildung einer gemeinsamen Arbeiterregierung anbieten sollte.<\/p>\n<p>Bayern war damals ein Aufmarschgebiet des Faschismus. Darunter verstand man damals allerdings nicht nur die Nazis, sondern alle m\u00f6glichen Monarchisten, Militaristen, rechten Paramilit\u00e4rs (Freikorps), die die Weimarer Republik durch eine reaktion\u00e4re Diktatur ersetzen wollten. Die Nazis im engeren Sinne wurden damals meist \u201eV\u00f6lkische\u201c genannt. Die KPD erwartete, dass die Faschisten nach dem Vorbild von Mussolinis \u201eMarsch auf Rom\u201c im Vorjahr demn\u00e4chst nach Berlin marschieren w\u00fcrden, um eine rechte Diktatur zu errichten.<\/p>\n<h4>Arbeiterregierungen in Sachsen und Th\u00fcringen<\/h4>\n<p>Deshalb sollte die KPD in Sachsen und Th\u00fcringen in die Regierung eintreten, um diese L\u00e4nder zu roten Bollwerken gegen den faschistischen Vormarsch zu machen. Von der Verteidigung gegen den Faschismus wollte man dann zum Angriff gegen den Kapitalismus \u00fcbergehen. Auf Dr\u00e4ngen Trotzkis wurde ein Aufstandstermin als Orientierungspunkt festgelegt: Am 9. November sollte ein Betriebsr\u00e4tekongress zusammentreten und die entsprechenden Beschl\u00fcsse fassen.<\/p>\n<p>Dieser Plan ging v\u00f6llig schief. Zwar wurde in Sachsen eine Koalitionsregierung gebildet, deren Koalitionsvertrag die Bewaffnung von 50.000 bis 60.000 Arbeitern vorsah. Tats\u00e4chlich aber folgte der Regierungsbildung keine Mobilisierung und Bewaffnung der Massen. Teile der Arbeiterklasse waren wahrscheinlich sogar erstaunt dar\u00fcber, dass die KPD nun eine Regierung mit der Sozialdemokratie bildete und sahen dies nicht, als Auftakt f\u00fcr eine revolution\u00e4re Offensive. Statt dessen ging die Konterrevolution in die Offensive.<\/p>\n<p>Schon davor, am 26.9., hatte die Regierung offiziell den passiven Widerstand im Ruhrgebiet abgebrochen und den Ausnahmezustand verh\u00e4ngt. Damit ging die vollziehende Gewalt an den Reichswehrminister Ge\u00dfler und die Wehrkreiskommandeure der Reichswehr \u00fcber. General M\u00fcller \u00fcbernahm als zust\u00e4ndiger Wehrkreiskommandeur in Sachsen den Oberbefehl und verk\u00fcndete am 29. September den \u201eversch\u00e4rften Belagerungszustand\u201c. Am 5.10. verbot er alle kommunistischen Publikationen in Sachsen. Als am 10.10. die KPD in die s\u00e4chsische Regierung eintrat, hatte die kaum noch Befugnisse. Am 13.10. verbot M\u00fcller die Proletarischen Hundertschaften und unterstellte die s\u00e4chsische Polizei seinem Befehl. Am 16. Oktober wurde auch in Th\u00fcringen eine Arbeiterregierung gebildet. Wenige Tage sp\u00e4ter beschloss die Reichsregierung die \u201eReichsexekution\u201c gegen Sachsen. Die SPD machte ihrer Mitgliedschaft weis, dass der Einmarsch der Reichswehr in Sachsen dem Schutz vor der bayrischen Konterrevolution diene. Tats\u00e4chlich st\u00fcrzten der SPD-Reichspr\u00e4sident Ebert und die Reichsregierung unter SPD-Beteiligung die demokratisch gew\u00e4hlte SPD-gef\u00fchrte s\u00e4chsische Regierung.<\/p>\n<h4>Chemnitz und Hamburg<\/h4>\n<p>Angesichts dieser Eskalation wollte die KPD den Aufstandstermin vorverlegen. Ein zuf\u00e4llig am 21.10. geplanter wirtschafts- und sozialpolitischer Kongress von Arbeiterorganisationen in Chemnitz sollte einen Generalstreik beschlie\u00dfen, der das Startsignal zum Aufstand werden sollte. Als die SPD-Delegierten mit Auszug aus dem Kongress drohten, verzichtete die KPD. Sie erwartete zu diesem Zeitpunkt noch, dass sich die objektiven Bedingungen f\u00fcr eine Revolution in den kommenden Wochen weiter verbessern w\u00fcrden und in ein paar Wochen oder Monaten eine Revolution mit geringeren Opfern m\u00f6glich sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nur in Hamburg begann am 22.Oktober ein Aufstand, der nach zwei Tagen abgebrochen werde. Es gibt verschiedene Theorien, wie es dazu kam \u2013 meist wird davon ausgegangen, dass die Hamburger KPD einfach nicht rechtzeitig informiert wurde. Interessanter sind seine Erfahrungen: Von etwa 14.000 KPD-Mitgliedern in Hamburg beteiligten sich nur wenige Hundert an den bewaffneten K\u00e4mpfen. Dazu kamen noch rund 1.000 M\u00e4nner und Frauen, die Barrikaden errichteten, die K\u00e4mpfer mit Verpflegung versorgten und \u00fcber das Vorgehen der Polizei informierten \u2013 was oft noch gef\u00e4hrlicher war. Es gibt aber viele Belege f\u00fcr die gro\u00dfen Sympathien f\u00fcr die Aufst\u00e4ndischen bis in die Mittelschichten hinein. Das zeigt, dass der Grund f\u00fcr die geringe Beteiligung am Aufstand der Mangel an Waffen war und die fehlende Bereitschaft, sich ohne Waffen und lokal isoliert in einen Kampf auf Leben und Tod zu st\u00fcrzen \u2013 und nicht Ablehnung einer Revolution.<\/p>\n<p>Trotzdem war es ein Fehler, im Herbst 1923 neben der technischen Vorbereitung des Kampfes die politischen zu vernachl\u00e4ssigen. Die KPD wollte die ganze Kraft f\u00fcr den Entscheidungskampf aufsparen und lie\u00df dabei zu, dass die Reaktion in die Offensive ging, ohne dass die ArbeiterInnen auch nur nennenswerten Protest gegen die Einschr\u00e4nkung ihrer demokratischen Rechte organisiert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die \u2013 au\u00dferhalb Hamburgs kampflose \u2013 Niederlage demoralisierte. Dazu kam die anschwellende Arbeitslosigkeit, die die Kampfkraft l\u00e4hmte. Statt f\u00fcr die Revolution zu k\u00e4mpfen, schluckten die Massen die Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit von acht auf zehn Stunden fast kampflos.<\/p>\n<h4>Historischer Wendepunkt<\/h4>\n<p>Die deutsche Niederlage hatte gravierende Auswirkungen auf die Sowjetunion. Dort hatte die revolution\u00e4re Entwicklung in Deutschland die Hoffnung auf \u00dcberwindung der eigenen Isolation erzeugt. Die sowjetischen Rohstoffe und Agrarprodukte und die deutsche Industrie h\u00e4tten sich ausgezeichnet erg\u00e4nzt. Die Entwicklung zum Sozialismus w\u00e4re international kaum noch zu stoppen gewesen. Die Entt\u00e4uschung der ArbeiterInnen \u00fcber das Ausbleiben der deutschen Revolution bedeutete einen gro\u00dfen Schritt zur Herrschaft der B\u00fcrokratie unter Stalin. Wenn im Oktober 1923 der Kapitalismus in Deutschland gest\u00fcrzt worden w\u00e4re, w\u00e4re nicht nur die Entwicklung des deutschen Faschismus im Keime erstickt worden, sondern auch die des Stalinismus. Mit anderen Worten: Der Menschheit w\u00e4re der Zweite Weltkrieg erspart geblieben, wir w\u00fcrden schon lange im Sozialismus leben, sowohl der Name Hitler als auch der Name Stalin w\u00e4re nur wenigen FachhistorikerInnen bekannt. Man kann sagen, dass es wenige Ereignisse in der Geschichte gab, die so tiefgreifende Folgen hatten wie das Ausbleiben dieses Ereignisses.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFehlgeburt im achten Monat\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":26091,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,99],"tags":[348],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26090"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26090"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26090\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26091"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}