{"id":25957,"date":"2013-10-06T14:31:04","date_gmt":"2013-10-06T12:31:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25957"},"modified":"2013-10-02T14:35:51","modified_gmt":"2013-10-02T12:35:51","slug":"michael-kohlhaas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/10\/michael-kohlhaas\/","title":{"rendered":"&#8222;Michael Kohlhaas&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/471px-Heinrich_von_Kleist2.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25955\" alt=\"471px-Heinrich_von_Kleist2\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/471px-Heinrich_von_Kleist2-136x173.jpg\" width=\"136\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/471px-Heinrich_von_Kleist2-136x173.jpg 136w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/471px-Heinrich_von_Kleist2-272x347.jpg 272w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/471px-Heinrich_von_Kleist2.jpg 471w\" sizes=\"(max-width: 136px) 100vw, 136px\" \/><\/a>Eine Filmkritik<\/strong><\/p>\n<p>Der Film \u201eMichael Kohlhaas\u201c von Heinrich von Kleist ist bereits die dritte Verfilmung des franz\u00f6sischen Regisseurs Arnaud des Palli\u00e8res.<\/p>\n<p><em>von Dima Yansky, Aachen<\/em><\/p>\n<p>Es w\u00fcrde den Rahmen dieses Artikels wahrscheinlich sprengen, die urspr\u00fcngliche Novelle von Heinrich von Kleist zu analysieren. Wir k\u00f6nnen nur hinzuf\u00fcgen, dass die Novelle in einer der dynamischsten Zeitabschnitte der menschlichen Geschichte entstanden ist. Die Zeit, in der die napoleonischen Armeen mit Bajonetten und Kanonenkugeln das Genick des alten, feudal-klerikalen Europas brachen. Die Zeit, als der Geist der franz\u00f6sischen Revolution und Jakobinischen Diktatur zum Albtraum aller Schlossherren geworden ist, die Zeit, in der die Monarchen um ihr Leben und ihren Thron zitterten und die europ\u00e4ische Aristokratie endg\u00fcltig durch die Bourgeoisie von der Weltb\u00fchne verdr\u00e4ngt wurde.<\/p>\n<p>Der Regisseur versetzt die Geschichte der blutigen Rache eines brandenburgischen Kaufmannes an einen Junker in die raue Gebirgslandschaft der Cevennen. Trotz einiger grober historische Fehler ist es ihm gelungen, im Gro\u00dfem und Ganzen die Novelle im Kontext der franz\u00f6sischen Geschichte des 16. Jahrhunderts zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Im Weiteren werden wir nicht \u00fcber den historischen \u201eHans Kohlhaase\u201c und nicht \u00fcber \u201eMichael Kohlhaas\u201c von Heinrich von Kleist, sondern \u00fcber einen franz\u00f6sischen Pferdeh\u00e4ndler aus dem 16. Jahrhundert aus dem gleichnamigen Film sprechen.<\/p>\n<p>Die Er\u00f6ffnungsszene des Films zeigt die Auseinandersetzung zwischen einem erfolgreichen franz\u00f6sischem Kaufmann, Michael Kohlhaas, und einem jungen Baron, welcher versucht, Wegzoll zu erpressen. Dieser fr\u00fchmittelalterliche Anachronismus ist eigentlich l\u00e4ngst abgeschafft. Michael Kohlhaas besteht auf seinem Recht und der wirtschaftliche Streit eskaliert allm\u00e4hlich in einem lokalen B\u00fcrgerkrieg. Seine kleine Bauernarmee st\u00fcrmt die Burgen, setzt Kloster in Brand und attackiert sogar die k\u00f6nigliche Armee.<\/p>\n<p>Worum geht es Michael Kohlhaas? Um eine abstrakte Gerechtigkeitsfrage? Um Rache? Um Ehre? Um entgangenen Profit? Lassen wir uns ein wenig in den geschichtlichen Kontext vertiefen. Das Frankreich des Anfang des 16. Jahrhunderts erholte sich rasch von den Folgen des 100-j\u00e4hrigen Krieges. Handel und Handwerk erleben eine Renaissance, die St\u00e4dte wachsen und eine gesellschaftliche Schicht gewinnt rasch an Bedeutung: das B\u00fcrgertum. Die Bewohner von gesch\u00fctzten aufstrebenden St\u00e4dten, welche sich immer wieder der franz\u00f6sischen Aristokratie widersetzen. Welche immer mehr \u00f6konomische Macht in ihren H\u00e4nden konzentrieren. Denn nichtsdestotrotz bleibt Frankreich das Land des Hochadels. Die Aristokraten besitzen die L\u00e4ndereien, kontrollieren die hohen \u00c4mter im Staatsapparat, in der Armee und in der katholischen Kirche. F\u00fcr die wachsenden, aufstrebenden zielstrebigen Bourgeois wird die Luft immer d\u00fcnner in den engen, flittergold manieristischen Strukturen der feudalen Gesellschaft. Handelsm\u00e4nner, Handwerker, Juristen wollen klare Gesetze, offene M\u00e4rkte, Gerechtigkeit und politische Macht f\u00fcr ihre Klasse.<\/p>\n<p>Michael Kohlhaas von Arnaud des Palli\u00e8res ist ein Familienpatriarch und ein gebildeter Kaufmann. Er besch\u00e4ftigt sich nicht nur mit seinen Pferden, er liest auch eine gedruckte Bibel. Die neue Zeit bringt eine neue deutsche Mode in Frankreich. Protestantismus verbreitet sich und wird schnell zu einer Religion f\u00fcr die aufstrebende gebildete Klasse, die Bourgeoisie. Theologen-Humanisten \u00fcbersetzen die Bibel in franz\u00f6sische Sprache. Das B\u00fcrgertum er\u00f6ffnet Druckereien und verbreitet die Bibel auf Franz\u00f6sisch f\u00fcr die Massen.<\/p>\n<p>Der katholische Klerus wurde daraufhin so beunruhigt, dass es sogar zu Pogromen und Verboten von Druckereien gekommen ist. Also ist Michael Kohlhaas nicht nur eine abstrakte Gerechtigkeitsfigur, sondern ein fortgeschrittener Repr\u00e4sentant des B\u00fcrgertums. Er ist ein gebildeter und bewaffneter Kaufmann, der bereit ist, f\u00fcr seine Gerechtigkeit gegen den Adel und die katholische Kirche zu k\u00e4mpfen. Allerdings ist die Gerechtigkeit von Michael Kohlhaas keine abstrakte Gerechtigkeit. Es ist die kristallisierte, konzentrierte Gerechtigkeitsforderung des \u201edritten Standes\u201c. Er k\u00e4mpft gegen die Freiz\u00fcgigkeit des Adels, f\u00fcr die Abschaffung des Zolls und f\u00fcr die Schaffung eines freien vereinigten Marktes. F\u00fcr Gleichstellung vor Gericht &#8211; also f\u00fcr die politischen Forderungen der Bourgeoisie. Diese Forderungen scheinen unromantisch zu sein im Vergleich zu dem blutigem Rachefeldzug eines Einzelg\u00e4ngers. Aber genau dieses Programm brachte diverse K\u00f6nige und K\u00f6niginnen auf das Schafott und setzte der galanten Epoche des Hochadels ein blutiges Ende.<\/p>\n<p>Michael Kohlhaas ist ein religi\u00f6ser Mensch, ein Hugenotte. Um Mut zu schaffen, um die Interessen seiner Klasse durchzusetzen, muss er auf Bibelzitate zur\u00fcckgreifen. \u201eIch hoffe, dass mir mein Gott nie so vergibt, wie ich dem Herrn Baron vergeben werde\u201c, sagte Michael Kohlhaas und packte sein Schwert aus. Er ist sozusagen der universelle Prototyp der B\u00fcrger, die Mut f\u00fcr ihren Kampf gegen das alte feudal-klerikale Europa im Neuen und Alten Testament suchten. Im Film trifft er sogar auf Jacques Lef\u00e8vre d \u00c9taples, den \u00dcbersetzer des Neuen Testaments, einen Theologen und Humanisten, der von der katholischen Kirche zum Hetzer ernannt wurde. Auch die Prinzessin Margarete von Angouleme, die Michael Kohlhaas einerseits in Schutz nimmt und andererseits verr\u00e4t, war eine Sympathisantin des Protestantismus. Die opportunistische Prinzessin steht symbolisch f\u00fcr den beginnenden franz\u00f6sischen Absolutismus, der \u00fcber allen Gesellschaftsschichten steht. Im 16. Jahrhundert hatte der Absolutismus noch einen progressiven Charakter. Die absolute Macht des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs zerst\u00f6rte endg\u00fcltig den feudalen Separatismus und die Zerrissenheit, vereinigte den nationalen Markt und unterwarf die Kirche dem Staat. In der Phase des Absolutismus verwandelte sich das mittelalterliche B\u00fcrgertum in eine moderne handels- und industrielle Bourgeoisie. Allerdings blieb das System widerspr\u00fcchlich. Die soziale Basis der absoluten Monarchie &#8211; also die wichtigsten Offiziere, Beamten und Kleriker &#8211; waren nach wie vor die Aristokraten.<\/p>\n<p>Leider war das Budget des Filmes wohl zu klein, um den Film in ein gro\u00dfes geschichtliches Epos zu verwandeln. Der \u201eMichael Kohlhaas\u201c beeindruckt durch sch\u00f6n-d\u00fcstere Bilder und gute Kameraarbeit. Der Regisseur versucht extrem realistische Bilder zu schaffen. Die Kamera verweilt lange auf dreckigen H\u00e4nden, F\u00fc\u00dfen und verschwitzter Kleidung der Protagonisten.<\/p>\n<p>Der Regisseur f\u00e4ngt die Wirklichkeit in ungesch\u00f6nten Gesichtern sowie in ruppigen Naturaufnahmen ein. Es ist ihm gelungen, die Auseinandersetzung nicht in einen pseudogeschichtlichen Kost\u00fcmball zu verwandeln. Die Handlung und die Figuren der sp\u00e4tfeudalen Gesellschaft (Kaufmann, Baron, Jurist, Bauer) bleiben weitgehend authentisch, wirken gleichzeitig sehr modern. Das Publikum wird nicht durch Glanz und Glitzer des Rittertums und der \u201esch\u00f6nen Damen\u201c abgelenkt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wimmelt der Film von geschichtlichen Fehlern. So tr\u00e4gt die Hauptfigur hollywoodlike das Schwert auf dem R\u00fccken anstatt seitlich in der Scheide. Die Nebenfiguren stehen meistens schweigend im Hintergrund und wirken generell sehr \u201eblass\u201c. Das Bauerntum, die gr\u00f6\u00dfte Gesellschaftsgruppe dieser Zeit tritt nur einige Augenblicke ins Geschehen ein. Dennoch wird der Film durch die herausragende Leistung des Hauptdarstellers, Mads Mikkelsen, dominiert.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir aus Michael Kohlhaas lernen? Es gibt keine absolute, universelle und ewige Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist konkret und historisch-geschichtlich. Um seine Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit seiner Klasse durchzusetzen, musste Michael Kohlhaas die maroden, veralteten Gesetze der alten feudalen Gesellschaft brechen. Manchmal muss der lebendige Gesellschaftsk\u00f6rper aus dem rigiden Korsett der veralteten sozialen Verh\u00e4ltnisse ausbrechen.<\/p>\n<p>Vor der Gro\u00dfen Franz\u00f6sischen Revolution 1789, die Ludwig den XVI. aufs Schafott geschickt hat, standen 25 Millionen Franzosen des \u201edritten Standes\u201c 250 000 Aristokraten und Klerikern gegen\u00fcber. Heute stehen 99% der Erdbev\u00f6lkerung 1% der Privilegierten gegen\u00fcber. Und die wichtigste Frage der Epoche bleibt dieselbe: Sind wir in der Lage, radikal die sozialen Verh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern und die Gesellschaft auf einer neuen sozialistischen und solidarischen Basis aufzubauen? Sind wir bereit, unsere Gerechtigkeit gegen verdorbene Moral von B\u00f6rsenzocker, Bankenbaronen und ihren politischen Lakaien durchzusetzen? Wo bist du, Michael Kohlhaas?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Filmkritik<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25955,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[68,67],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25957"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25957"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25957\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25955"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}