{"id":25941,"date":"2013-10-05T13:54:47","date_gmt":"2013-10-05T11:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25941"},"modified":"2013-10-02T14:09:56","modified_gmt":"2013-10-02T12:09:56","slug":"wer-war-pavlos-fyssas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/10\/wer-war-pavlos-fyssas\/","title":{"rendered":"Wer war Pavlos Fyssas?"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/17923617743345684421541-e1379603244586.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25871\" alt=\"Paylos Fyssas\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/17923617743345684421541-e1379603244586-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/17923617743345684421541-e1379603244586-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/17923617743345684421541-e1379603244586-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/17923617743345684421541-e1379603244586-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/17923617743345684421541-e1379603244586.jpg 698w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Aufrecht bis zum Schluss!<\/strong><\/p>\n<p><em>Von der Webseite von \u201eXekinima\u201c, der Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Griechenland<\/em><\/p>\n<p>Am Mittwoch, den 18. September wurde in Keratsini, einem Arbeiterstadtteil, der zur zweitgr\u00f6\u00dften griechischen Stadt Pir\u00e4us geh\u00f6rt, der antifaschistische Hip-Hop-Musiker Pavlos Fyssas von einem Anh\u00e4nger der Nazi-Partei \u201eChrysi Avgi\u201c (\u201eGoldene Morgenr\u00f6te\u201c) durch einen Messerangriff get\u00f6tet.<\/p>\n<p><em>von Alexandros Prantounas<\/em><\/p>\n<p>\u201eEin solcher Tag ist sch\u00f6n, um zu sterben, sch\u00f6n und aufrecht und sichtbar f\u00fcr alle\u201c (Killah P, \u201eZoria\u201c). Kann denn jemand \u201esch\u00f6n\u201c sterben? Niemand kann auf diese Frage eine Antwort geben. Sicher aber starb Pavlos Fyssas \u201esichtbar f\u00fcr alle\u201c. Ihn t\u00f6teten \u00e4ngstlich dreiste Elemente aus dem Abschaum \u2013 und sie t\u00f6teten ihn, weil er aufrecht lebte. Und er lebte nicht nur, er starb auch aufrecht. Im Gegensatz zu ihm lebten und leben seine M\u00f6rder gebeugt. Geb\u00fcckt vor ihren Herren. Auf den Knien vor Pavlos.<\/p>\n<h4>Ein Kind der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>Aufgewachsen im Arbeiterviertel von Keratsini, trat Pavlos schon von klein auf in den Existenzkampf ein. Als Sohn eines Arbeiters im Schiffbau von Perama (Sohn von Meister Takis, als den ihn seine Kollegen kennen und der mit seinen 62 Jahren noch k\u00e4mpfen muss, um f\u00fcr seine Rente einzuzahlen) ging auch er dorthin, um zu arbeiten.<\/p>\n<p>Als Rohrleger-Helfer von 1998 bis 2003 \u2013 das hei\u00dft, solange es feste Arbeit gab. In den darauf folgenden Jahren widmete er sich mehr der Musik, doch er arbeitete weiterhin bis zum Schluss gelegentlich in diesem Bereich. Als Mitglied der Metallgewerkschaft von Pir\u00e4us (wie auch sein Vater) &#8211; bis zum Schluss nahm er kontinuierlich an den Mobilisierungen der Branche teil.<\/p>\n<h4>Ein kompromissloser K\u00fcnstler &#8230; <\/h4>\n<p>Seit seiner Schulzeit liebte er den Hip-Hop und schnell verwandelte er sich vom Zuh\u00f6rer zum K\u00fcnstler. So wollte er alles, was ihm den Hals zuschn\u00fcrte, in seinen Versen ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Seine ersten k\u00fcnstlerischen Anstrengungen sind verbunden mit der Bewegung des Low Bap. Er wirkte von 1997-2001 in der Formation \u201eKaka Mandata\u201c (\u201eSchlechte Nachrichten\u201c) mit. Sp\u00e4ter machte er alleine weiter unter dem Pseudonym Killah P oder Killah Past (\u201eM\u00f6rder der Vergangenheit\u201c). Er selbst erkl\u00e4rte, dass sein Pseudonym mit seiner Ansicht zu tun habe, dass wir nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen d\u00fcrfen und uns weiterentwickeln m\u00fcssen. Er wirkte bei verschiedenen Formationen und Projekten mit, w\u00e4hrend er eine Reihe von Kooperationen mit bedeutenden K\u00fcnstlern der Hip-Hop-Szene hatte.<\/p>\n<p>Pavlos war der Ansicht, dass die Kunst keine Ware sein darf. Er verbreitete seine Musik kostenlos \u00fcber das Internet und er interessierte sich nie f\u00fcr public relations und Plattenfirmen. Er dr\u00fcckte sich lieber frei und unabh\u00e4ngig aus als sich anzupassen. Er zog R\u00e4ume vor, wohin die Kinder der Arbeiterklasse ziehen. Wie sein Freund und Kollege bei den \u201eKaka Mandata\u201c Totem charakteristischerweise erw\u00e4hnte, konnte er f\u00fcr ihre zweite Demo nicht rappen, da er so erschlagen war von der Arbeit kam, dass er im Studio einschlief und durch nichts wach zu kriegen war.<\/p>\n<p>Doch er hatte sich entschlossen, seinen Weg zu gehen. Er wusste auch, was die Manager und die gro\u00dfen Musikmedien unter Hip-Hop verstehen. Er sprach von den wirklichen Problemen der Gesellschaft &#8211; w\u00e4hrend jene ihn so wollten, dass er Verse \u00fcber teure Autos schrieb und \u00fcber tolle Macker, geschm\u00fcckt nat\u00fcrlich mit den bekannten sexistischen Klischees. Wie er selbst in einem Interview sagte:<\/p>\n<p>\u201e(&#8230;) der Rap ist eine sehr gef\u00e4hrliche Waffe, die ebenso von gef\u00e4hrlichen und perversen K\u00f6pfen benutzt wird, und darauf st\u00fctzen sie nat\u00fcrlich die ganze Kultur (&#8230;)\u201c.<\/p>\n<p>In seinen Versen findet man nicht immer Antworten. Doch die richtigen Fragen werden andauernd gestellt: Soziales Unrecht, staatliche Repression, Faschismus. Die Morde an Alexandros Grigoropoulos (ein 16-j\u00e4hriger Sch\u00fcler, der bei einer Polizeikontrolle von Polizisten im Athener Szeneviertel Exarchia 2008 erschossen wurde, was eine wochenlange Jugendrebellion zur Folge hatte, Anm. d. \u00dcbers.) und an Carlo Giuliani, die korrumpierten b\u00fcrgerlichen Politiker, die L\u00fcgen der Medien, die Verdummung durch den Fernsehm\u00fcll, die Konsumgesellschaft und den Zynismus, die sie als Vorbild propagieren, tauchen in seinen Versen auf und wecken Bewusstsein.<\/p>\n<p>Seine Gegnerschaft zum Faschismus war nicht nur seinen Freunden bekannt, sondern auch seinen Feinden. \u201eSie standen mit ihm auf Kriegsfu\u00df, weil er antifaschistische Lieder schrieb\u201c, wie in einem Interview der Zeitung \u201eEthnos\u201c ein ehemaliges Mitglied der Lokalorganisation der Nazi-Partei \u201eChrysi Avgi\u201c (\u201eGoldene Morgenr\u00f6te\u201c) in Nikaia sagte.<\/p>\n<h4>\u2026 er meinte das auch, was er schrieb<\/h4>\n<p>Nat\u00fcrlich sprechen viele K\u00fcnstler in ihren Versen \u00fcber gesellschaftliches Unrecht. Doch wie wir alle wissen, setzen das nur wenige in die Praxis um. Pavlos geh\u00f6rte zu Letzteren.<\/p>\n<p>Wie dies in einem Brief an die Medien der Rapper und Freund von Pavlos, Christos Panoilias beschreibt, ergriff Pavlos Anfang Februar 2012, als Polark\u00e4lte in Athen herrschte und das Leben der Wohnsitzlosen bedrohte, alleine die Initiative, um Hip-Hop-K\u00fcnstler zusammenzurufen und die Gegenden im Zentrum von Athen mit ihrem schlechten Ruf zu durchk\u00e4mmen, um die Wohnsitzlosen zu informieren, wo sie \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten finden k\u00f6nnen und ihnen zu helfen, sichere Unterk\u00fcnfte aufzusuchen. W\u00e4hrend dieser Aktion stoppten Polizisten der Abteilung DIAS, die auf Streife waren, in drohender Haltung die Teilnehmer und fragten sie, wer sie seien und warum sie das t\u00e4ten \u2013 war vielleicht einer von diesen auch bei der Gruppe von Polizisten, die \u201ediskret\u201c seine Ermordung eineinhalb Jahre sp\u00e4ter beobachtete? Das werden wir nie erfahren &#8230;<\/p>\n<p>Pavlos hatte keine bestimmte parteipolitische Position. Er war aber klar und eindeutig gegen die Faschisten und das kapitalistische System, eindeutig f\u00fcr die Schwachen. Und das, was er glaubte, setzte er auch in die Praxis um. Er nahm kontinuierlich an sozialen Bewegungen teil.<\/p>\n<p>\u201eEr war der Typ Mensch, der, wenn er auf der Stra\u00dfe sehen w\u00fcrde, dass ein M\u00e4dchen bel\u00e4stigt wird, hinlaufen w\u00fcrde, um zu helfen\u201c, wie Totem sagt. Seine Freunde und Kollegen wussten immer, dass er, wenn sie ein Problem hatten, alles tun w\u00fcrde, um sie zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Denn Pavlos hatte seine Ehre. Seine M\u00f6rder dagegen wissen nur etwas von Blutvergie\u00dfen.<\/p>\n<h4>Zwei Welten<\/h4>\n<p>Pavlos Fyssas lebte und starb aufrecht. Sogar im Moment des \u00dcberfalls war seine erste Sorge, die Schw\u00e4chsten aus seinem Freundeskreis \u2013 die M\u00e4dchen und die k\u00f6rperlich weniger Starken \u2013 zu sch\u00fctzen. Er stellte sich der Horde vor ihm entgegen. Er schaute den Schl\u00e4gern in die Augen und forderte sie auf, wenn sie den Mumm dazu h\u00e4tten, einzeln zu kommen. Wir wissen alle, dass sie den nicht hatten &#8230;<\/p>\n<p>Wie sehr auch die traurigen armseligen Papageien in den Fernsehsendern versuchen werden, uns zu \u00fcberzeugen, dass an jenem Abend die beiden \u201eExtreme\u201c zusammengesto\u00dfen seien, so wissen wir, dass an jenem Abend in Wirklichkeit zwei verschiedene Welten aufeinander gesto\u00dfen sind. Auf der einen Seite die Uneigenn\u00fctzigkeit, der Mut und der Kampfgeist der Arbeiterklasse, wie ihn Pavlos Fyssas ausdr\u00fcckte, und auf der anderen Seite die F\u00e4ulnis, die Feigheit und der Kannibalismus, wie ihn die Nazis und schlie\u00dflich das diese n\u00e4hrende System ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Doch der Zusammensto\u00df zwischen diesen beiden Welten ist an jenem Abend nicht zu Ende gekommen \u2013 und er wird nicht enden, bis nicht unsere eigene Welt daraus als Sieger hervorgeht. Das ist nicht leicht und wird sicherlich nicht \u201ean einem Tag\u201c geschehen.<\/p>\n<p>Doch das Beispiel von Pavlos wird uns mit Sicherheit Mut machen in all jenen Momenten, in denen wir uns \u201eklein\u201c und \u201eschwach\u201c f\u00fchlen gegen\u00fcber dem System und seinen Kettenhunden.<\/p>\n<p>Sein Name und seine Person werden eingraviert sein in unseren Parolen, auf unseren Fahnen, in unseren Liedern und auf unseren Transparenten. Sie werden uns Kraft geben, um dieses verfaulte System eine Stunde fr\u00fcher loszuwerden.<\/p>\n<p>So werden auch wir zu \u201eM\u00f6rdern der Vergangenheit\u201c geworden sein. Auf diese Weise wird Pavlos am Besten zu seinem Recht kommen.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Neugriechischen von Hubert Sch\u00f6nthaler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufrecht bis zum Schluss!<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25871,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[44],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25941"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25941"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25941\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}