{"id":25665,"date":"2013-08-28T17:00:42","date_gmt":"2013-08-28T15:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25665"},"modified":"2013-08-26T17:07:58","modified_gmt":"2013-08-26T15:07:58","slug":"neue-aufstaende-in-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/08\/neue-aufstaende-in-lateinamerika\/","title":{"rendered":"Neue Aufst\u00e4nde in Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_25667\" aria-describedby=\"caption-attachment-25667\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/brasilien-protest.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-25667\" alt=\"Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/semilla_luz\/ CC BY 2.0\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/brasilien-protest-e1377529639559-280x173.jpg\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/brasilien-protest-e1377529639559-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/brasilien-protest-e1377529639559-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/brasilien-protest-e1377529639559-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/brasilien-protest-e1377529639559.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-25667\" class=\"wp-caption-text\">Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/semilla_luz\/ CC BY 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Brasilien, Venezuela, Kuba und Lateinamerika: Bericht von der \u201eCWI-Summer School\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Laura Fitzgerald, \u201e<a href=\"www.socialistparty.net\">Socialist Party<\/a>&#8220; (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Irland)<\/em><\/p>\n<p>Johan Rivas, CWI-Aktivist in Venezuela, machte die Einleitung zum Arbeitskreis \u00fcber Lateinamerika bei der diesj\u00e4hrigen \u201eCWI-Summer School\u201c (Schulungswoche des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale, bei der AktivistInnen aus der ganzen Welt Erfahrungen austauschen; Erg\u00e4nzung der \u00dcbersetzung). Besondere Erw\u00e4hnung fand dabei die Feststellung, dass auf dem Kontinent eine neue Phase anbricht, weil Lateinamerika sich in einer Situation befindet, in der sich auch hier die \u201eGro\u00dfe Rezession\u201c anf\u00e4ngt bemerkbar zu machen. Das gilt vor allem angesichts des Beginns der Krise in China, einem Land, das in eine neue Phase der Klassenk\u00e4mpfe eintritt und das sich in einer Region der Welt befindet, in der die kapitalistische Krise einsetzt. Ein Ergebnis davon ist, so die Schlussfolgerung von Johan, die Zunahme imperialistischen Gez\u00e4nks und der wirtschaftlich bedingten Konflikte zwischen China und den USA im Wettlauf um Einflussgebiete in der Region. Das ist der Hintergrund vor dem es zu einer Zunahme an Klassenk\u00e4mpfen kommt, wie j\u00fcngst zu sehen, in einer massiven Streikwelle in Mexiko gegen die Privatisierung der staatlichen \u00d6lunternehmen oder dem Generalstreik in Bolivien.<\/p>\n<h4>Venezuela nach Chavez<\/h4>\n<p>Johan erkl\u00e4rte, wie der Tod von Hugo Chavez vor kurzem die Lage in Venezuela verkompliziert hat. Auf der einen Seite war es in der Periode unter Chavez zu sozialen Reformen sowie einer Aktivierung und Politisierung der Massen gekommen. Andererseits stellt nicht nur die rechtsgerichtete Opposition eine Bedrohung f\u00fcr die Errungenschaften der Massen dar (trotz der geschickten Versuche der politischen Rechten, ihren wahren reaktion\u00e4ren Charakter zu verschleiern). Ein weiteres Problem besteht in der B\u00fcrokratisierung innerhalb des chavistischen Lagers, in den pro-kapitalistischen Schichten, die in den letzten Jahren immer reicher geworden sind, der Korruption und der Vetternwirtschaft. Es ist ein Prozess, der die \u201eBolivarianische Revolution\u201c in Verruf bringt.<\/p>\n<p>Nach dem Wahlsieg von Chavez im Jahre 2006, zu dem es gekommen war, nachdem die Massen f\u00fcr das Scheitern eines rechtsgerichteten Putschversuchs gesorgt hatten, so sagte Johan, h\u00e4tten zwischen 60 Prozent und 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung eine Verstaatlichung der wichtigsten Wirtschaftszweige unterst\u00fctzt. Demnach h\u00e4tten bis zu 70 Prozent der Idee, einen Weg in Richtung Sozialismus einzuschlagen, positiv gegen\u00fcbergestanden \u2013 auch, wenn es an einer Vorstellung dar\u00fcber, was genau das h\u00e4tte bedeuten sollen, noch gemangelt hat. Heute, im Jahr 2013, meinte Johan, ist aufgrund der massiven B\u00fcrokratisierungstendenz, zu der das Regime unter Chavez letztlich gef\u00fchrt hat, ein R\u00fcckschritt im Bewusstsein festzustellen. Dazu kam es nach der Umsetzung einiger gegenl\u00e4ufiger Reformen und vor allem im Lichte des wahrlich beschr\u00e4nkten Charakters der Reformen insgesamt, zu denen es nur auf Grundlage des Reichtums des Landes an \u00d6lreserven gekommen ist und die lediglich auf die Art und Weise umgesetzt worden sind, dass die kapitalistischen Wirtschaftsbeziehungen davon im Wesentlichen unber\u00fchrt blieben.<\/p>\n<p>Johan sprach von der M\u00f6glichkeit, dass die Verwicklungen, die sich daraus ergeben haben, zu einem politischen Comeback der Rechten f\u00fchren k\u00f6nnten. Am wahrscheinlichsten sei, dass dies \u00fcber Wahlen vonstatten gehen wird, da man von einem erneuten Putschversuch wohl Abstand genommen habe. Dennoch k\u00f6nne auch so etwas nicht vollkommen ausgeschlossen werden. Solche Entwicklungen h\u00e4tten vor allem f\u00fcr die Massen in der neokolonialen Welt Folgen, weil diese \u2013 zumindest zu einem bestimmten Ausma\u00df \u2013 Hoffnungen in Chavez und Venezuela gesetzt und Motivation daraus gezogen haben.<\/p>\n<p>Ist allerdings auch richtig, dass die Rechte momentan zu einem gewissen Ma\u00df gespalten ist, was ihren Erfolg bei den diesj\u00e4hrigen Kommunalwahlen durchaus schm\u00e4lern k\u00f6nnte. Auf der anderen Seite sind auch innerhalb der chavistischen PSUV Br\u00fcche zu verzeichnen, und zwischen dem milit\u00e4rischen und dem zivilen Fl\u00fcgel der Partei kommt es vermehrt zu Spannungen. Dies macht sich an einem gewissen Linksschwenk einiger PSUV-Gliederungen bemerkbar und an der Stimmung im Land. Johan erkl\u00e4rte, wie das <a href=\"http:\/\/socialismorevolucionario.org.ve\/\">CWI in Venezuela<\/a> eine Reihe von Taktiken anwendet, um fortschrittlichere Teile der Arbeiterschaft, der verarmten Massen und der jungen Leute f\u00fcr ein revolution\u00e4res und sozialistisches Programm zu gewinnen. Dazu z\u00e4hlt die Arbeit an der Basis der PSUV-Mitgliedschaft ebenso wie der Aufbau einer Einheitsfront der Linken au\u00dferhalb der PSUV. So treten die CWI-GenossInnen dort f\u00fcr die \u00dcbernahme eines revolution\u00e4ren Programms einer solchen Einheitsfront au\u00dferhalb der PSUV ein.<\/p>\n<h4>Neue Offenheit f\u00fcr trotzkistische Ans\u00e4tze hinsichtlich Kubas<\/h4>\n<p>Danach ging Johan dazu \u00fcber, seine Einblicke auf die sehr interessanten Prozessen darzustellen, die sich derzeit in Kuba abzeichnen. Raul Castro hat eine Reihe von Gegen-Reformen verf\u00fcgt, die die Wirtschaft des Landes weiter in Richtung Kapitalismus getrieben haben. Dieser Prozess ist jedoch alles andere als abgeschlossen.<\/p>\n<p>Besonders erw\u00e4hnte Johan, wie die jungen Leute offen f\u00fcr politische Reformen sind, und die \u00e4ltere Generation jeder Art von Reform extrem skeptisch und misstrauisch gegen\u00fcbersteht. Letztere ist besorgt, was das f\u00fcr die ihnen so wichtige Gesundheitsversorgung und das Bildungssystem bedeuten wird; zwei Bereiche, bei denen es sich um die bedeutendsten Errungenschaften der Revolution handelt. Auch nahm Johan Bezug auf die Reformen, die in der \u201eKommunistischen Partei Kubas\u201c selbst vonstatten gehen. Endlich ist es auch Menschen aus der LGBT-Community (Homo-, Bi- und Transsexuelle; E. d. \u00dc.) erlaubt, Mitglied zu werden und aktiv an den Geschehnissen in der Partei teilzunehmen. Das hat unter anderem dazu gef\u00fchrt, dass in einer der Provinzen des Landes ein bekennender Schwuler zum B\u00fcrgermeister gew\u00e4hlt worden ist \u2013 zum ersten Mal seit der Revolution.<\/p>\n<p>Johan beschrieb die Offenheit f\u00fcr eine trotzkistische Analyse des Stalinismus und f\u00fcr ein Programm, das von der Notwendigkeit einer politischen Revolution ausgeht, um den Staat und die Planwirtschaft zu demokratisieren, das daf\u00fcr steht, dass die ArbeiterInnen die Kontrolle und die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung \u00fcber die Betriebe \u00fcbernehmen m\u00fcssen, und dass ein solcher Wandel mit einer globalen Perspektive f\u00fcr die weltweite Arbeiterklasse versehen sein muss, um den Kapitalismus international herauszufordern. Damit w\u00e4re die Aussicht auf einen demokratisch-sozialistischen Wandel und den Sozialismus gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<h4>Brasilien unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Erhebung<\/h4>\n<p>Den zweiten Teil des Einleitungsreferats besorgte Ricardo Baross Filho, ein Gewerkschafter und Aktivist des LSR (<a href=\"http:\/\/www.lsr-cit.org\/\">Liberdade Socialismo e Revolu\u00e7\u00e3o<\/a>, CWI-Sektion und Schwesterorganisation der SAV in Brasilien; E. d. \u00dc.) aus Rio de Janeiro. Er besch\u00e4ftigte sich haupts\u00e4chlich mit den gesellschaftlichen Erhebungen und den gegen die Regierung gerichteten K\u00e4mpfe der Massen, zu denen es in den letzten Wochen in ganz Brasilien gekommen ist. Ricardo begann seine Ausf\u00fchrungen damit, den \u201eLulaismus\u201c einer Pr\u00fcfung zu unterziehen. Vor zehn Jahren noch bot die Regierung der Partido dos Trabalhadores (\u201ePartei der Arbeiter\u201c; E. d. \u00dc.) von Lula da Silva (dem ehemaligen Gewerkschaftsf\u00fchrer; E. d. \u00dc.) den Kapitalisten einen sicheren Hafen. Trotz des Charakters, den die PT einmal als Partei der ArbeiterInnen hatte, und der gro\u00dfen Hoffnungen, die weite Teile der Arbeiterschaft und der verarmten Massen in sie gesetzt hatten, setzte die PT in der Regierung eine neoliberale Politik durch, verfolgte strenge finanzpolitische Ziele, setze Privatisierungen durch (wenn auch in geringerem Ausma\u00df als ihre Vorg\u00e4ngerregierungen) und stand pl\u00f6tzlich f\u00fcr Korruption.<\/p>\n<p>Alle Erfolge, die dieses Modell hervorbrachte, basierten auf der Ausfuhr von Rohstoffen, in erster Linie ins an Rohstoffen arme China mit seiner immensen Nachfrage.<\/p>\n<p>Ricardo erkl\u00e4rte, wie die Verbesserungen, die Teile der Arbeiterklasse erleben durften, ganz im Geiste des Neoliberalismus zustande kamen. Dies geschah durch Subventionen an die Privatwirtschaft in Form des sogenannten \u201epublic private partnership\u201c, mit denen der Wohnungsbau angefacht und jungen Leuten ein Platz in einer privaten Hochschule finanziert wurde.<\/p>\n<p>Der ganze Populismus Lulas spiegelte sich darin wider, dass der Vorsitzende des CUT, dem gr\u00f6\u00dften Gewerkschaftsbund des Landes, als Arbeitsminister Teil der Regierung wurde. Die brasilianische herrschende Klasse h\u00e4tte es gerne gesehen, wenn der Kurs von Lula beibehalten worden w\u00e4re, doch die Wahl seiner Nachfolgerin und Parteifreundin, Dilma Rousseff, im Jahr 2010 markierte ein neues Kapitel, wie Ricardo erkl\u00e4rte. Allm\u00e4hlich kam es zu wirtschaftlichen Problemen, und Rousseff fehlte die gesellschaftliche Basis, auf die Lula sich st\u00fctzen konnte. Vor dem Hintergrund einer weiterhin neoliberalen Politik, mit der die Arbeitnehmerrechte ausgeh\u00f6hlt wurden, schwand die Popularit\u00e4t der neuen Pr\u00e4sidentin. Dies zeigte sich auch in einer Gesetzesvorlage, durch die die Rechte der Besch\u00e4ftigten (so z.B. das Recht auf Mutterschaftsurlaub, Krankengeld etc.) h\u00e4tten belangt werden k\u00f6nnen und mit der die Arbeitgeber in der Lage gewesen w\u00e4ren, individuell die Aufhebung dieser Rechte einzufordern.<\/p>\n<p>Dass Rousseff immer unbeliebter wird, zeigt sich auch in der Unterminierung des \u201eLulaismus\u201c, der f\u00fcr das, wof\u00fcr das Regime stand, von Bedeutung ist. Angereichert wurde dies mit wirtschaftlichen Problemen. So verzeichnete man im letzten Jahr beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur ein Wachstum von 0,9 Prozent, und die Aussichten f\u00fcr dieses Jahr liegen bei lediglich zwei Prozent. Unter Rousseffs Pr\u00e4sidentschaft hat eine Inflation eingesetzt, die zu steigenden Preisen f\u00fcr Grundnahrungsmittel f\u00fchrt, was ein wesentlicher Grund f\u00fcr die massenhafte Armut ist, die im Land herrscht. Rousseff hat von ihrer \u201eVerantwortung\u201c zur Erreichung finanzpolitischer Ziele gesprochen. Demnach sollen alle Schulden bedient werden etc. Die Wahrheit ist, so sagte Ricardo, dass der Glanz der Regierung und des brasilianische Kapitalismus vergangen ist, noch bevor es zum Ausbruch der massenhaften K\u00e4mpfe der letzten Zeit kam.<\/p>\n<h4>Ausbruch der sozialen K\u00e4mpfe<\/h4>\n<p>Ricardo stellte fest, dass es in letzten Jahr zur h\u00f6chsten Zahl an Streiks seit Jahren gekommen ist. Sowohl im \u00f6ffentlichen Dienst als auch im privatwirtschaftlichen Bereich fanden ausgiebige Arbeitsk\u00e4mpfe statt, darunter ein zweimonatiger Ausstand an den Bundes-Universit\u00e4ten. Vor dem Ausbruch der umfassenden und massenhaften K\u00e4mpfe sind eine Reihe von lokalen Bewegungen erfolgreich gegen die Erh\u00f6hung der Fahrpreise f\u00fcr den \u00d6PNV vorgegangen. Das hat den ArbeiterInnen und den jungen Leuten Zuversicht gegeben. Die Wut \u00fcber das brutale Vorgehen der Polizei f\u00fchrte in Sao Paulo zu einer ersten Protestwelle, die zum Anlass f\u00fcr eine umfassende Bewegung wurde. Bei den Protesten gegen die Fahrpreiserh\u00f6hungen wurde dann die Frage aufgeworfen, weshalb f\u00fcr den Bau von Sportst\u00e4tten f\u00fcr die Olympischen Spiele und die Fu\u00dfballweltmeisterschaft Millionen ausgegeben werden, w\u00e4hrend f\u00fcr Gesundheit und Bildung so wenig zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Ricardo beschrieb die unglaubliche und massenhafte Unterst\u00fctzung, die die Proteste bekamen. Eine k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrte Umfrage kam zu dem Ergebnis, dass 89 Prozent der Bev\u00f6lkerung hinter den Protesten stehen. Aufgrund der Unerfahrenheit und des reinen Charakters einer Massenbewegung, den die Proteste hatten (die meisten TeilnehmerInnen beteiligten sich zum ersten Mal in ihrem Leben an Demonstrationen), versuchten rechtsextreme Elemente geschickt einzugreifen, und einige Proteste konnten von ihnen \u00fcbernommen werden. Die Mitglieder von LSR, so sagte Ricardo, halfen dabei mit, die Verteidigung linker AktivistInnen gegen diese rechten Splittergruppen zu organisieren. Allerdings sprach Ricardo auch von der Offenheit der Protestierenden, was dazu gef\u00fchrt hat, dass LSR aufgrund der Intervention in der Bewegung betr\u00e4chtlich an Mitgliedern gewachsen ist. LSR weist auch darauf hin, dass die Rolle, die die Linke in dieser Bewegung spielt, von entscheidender Bedeutung ist: Sie muss daf\u00fcr sorgen, dass die Energie der Bewegung nicht abnimmt, da sie die M\u00f6glichkeit mit sich bringt, neue Organisationen aufzubauen, die f\u00fcr die Arbeiterklasse und die jungen Leute eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung haben k\u00f6nnen, als es f\u00fcr die PT oder den CUT jemals der Fall gewesen ist.<\/p>\n<h4>Die P-SOL<\/h4>\n<p>Ricardo beleuchtete auch unsere kontinuierliche Mitarbeit in der breit aufgestellten linken Partei bzw. Linkskoalition, der P-SOL. Er bemerkte, dass in der P-SOL einige beeindruckende Klassenk\u00e4mpferInnen und f\u00fchrende AktivistInnen von sozialen Bewegungen aus ganz Brasilien zusammengekommen sind. Der Umstand, dass sie auf der Wahlebene in den vergangenen Jahren zugelegt hat, deutet auf ihr Potential als wichtigem linken Pol in Brasilien hin. Die gr\u00f6te Gefahr geht laut Ricardo dabei von einem starken Fl\u00fcgel innerhalb der Organisation aus, der die Partei zu einer Koalition mit politischen Kr\u00e4ften bringen will, die sich an K\u00fcrzungen beteiligen.<\/p>\n<p>Ricardo sagte auch, dass in Brasilien ein neuer Gewerkschaftsbund n\u00f6tig sei. Er beschrieb die Unf\u00e4higkeit des CUT, wirklich die Bed\u00fcrfnisse der ArbeiterInnen zu vertreten. Positiv nahm er Bezug auf die Rolle, die die CSP-Conlutas spielt und in der viele LSR-Mitglieder mitarbeiten. Das Programm und die Vorgehensweisen dieser Gewerkschaft unterscheiden sich stark von denen der CUT. CSP-Conlutas spielt au\u00dferdem eine wichtige Rolle bei der Organisierung der VertragsarbeiterInnen, der erwerbslosen Jugendlichen, der sozialen K\u00e4mpfe und Bewegungen der Armen und verbindet diese K\u00e4mpfe dabei mit denen der Gewerkschaftsbewegung.<\/p>\n<h4>Diskussion \u00fcber den Charakter der Bewegung in Brasilien<\/h4>\n<p>In der Diskussionsrunde gab es Redebeitr\u00e4ge von CWI-AktivistInnen aus Frankreich, Brasilien, Schweden, \u00d6sterreich und Deutschland. Dabei wurden Themen behandelt wie die politische Lage in Honduras, eine weitere Analyse der Massenbewegungen, die \u00fcber Brasilien hereingebrochen sind und Aspekte, die die Gewerkschaftsbewegung aber auch die Partei P-SOL in Brasilien betrafen. Christina, eine Aktivistin von LSR, wies in der Debatte auf die besondere Rolle der jungen Leute in der Protestbewegung Brasiliens hin. Sie bemerkte, dass eine Umfrage, die zu Beginn der Demonstrationen in Sao Paulo durchgef\u00fchrt wurde, zu dem Ergebnis kam, dass 71 Prozent der TeilnehmerInnen zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer Protestveranstaltung gekommen waren. Christina stellte die Beteiligung junger Leute an der Protestbewegung in einen Zusammenhang mit den Problemen, die sich f\u00fcr junge Menschen aus der Jugendarbeitslosigkeit und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen in der Privatwirtschaft ergeben. Hinzu k\u00e4men noch die st\u00e4ndige Unterdr\u00fcckung, Rassismus, Polizeigewalt und eine erniedrigende Armut, unter der die dunkelh\u00e4utigen jungen Leute in den Favelas leiden.<\/p>\n<p>Mariana aus Frankreich besch\u00e4ftigte sich mit der Frage des Nationalismus in Brasilien. Sie sprach von der Unf\u00e4higkeit eines gro\u00dfen Teils der politischen Linken, diesen Aspekt auch nur aufzugreifen. Dass bei den Demonstrationen so viele brasilianische Nationalfahnen zu sehen waren, ist zu einem gewissen Grad auch Beleg f\u00fcr das noch niedrige Bewusstsein der Leute. Einige Linke sind an dieser Frage ins Schleudern gekommen, sie haben die Proteste entweder als reaktion\u00e4r gebrandmarkt oder das Problem mit den Nationalfahnen einfach als \u201eanti-imperialistische\u201c \u00c4u\u00dferung bezeichnet. Die Wahrheit ist, dass der \u201eLulaismus\u201c als durch und durch b\u00fcrgerliches Ph\u00e4nomen verst\u00e4rkt auf das nationalistische Pferd und eine Form von Gemeinschaftsgef\u00fchl gesetzt hat. Damit sollten die Grenzlinien zwischen den gesellschaftlichen Klassen \u00fcbert\u00fcncht und die Gegens\u00e4tze zwischen den Klassen geleugnet werden, um weiterhin die Interessen des Kapitalismus durchzusetzen und die Arbeiterklasse zu entwaffnen. Es mag sein, dass in der Bewegung immer noch ein Rest davon zu sp\u00fcren ist. Daneben ist es aber auch zu einem eindeutigen Linksruck im Bewusstsein gekommen. Eine gewissenhafte Intervention von Seiten der Linken, mit der die Motivationslage der Arbeiterklasse und der jungen Leute zum Ausdruck gebracht wird, die der Bewegung eine eindeutige Richtung gibt und die klar macht, dass Solidarit\u00e4t und der gemeinsame Kampf \u00fcber Brasilien und Lateinamerika hinaus n\u00f6tig sind, kann gro\u00dfen Einfluss aus\u00fcben.<\/p>\n<p>In der Schlussphase der Diskussionsrunde kamen die TeilnehmerInnen darin \u00fcberein, die neuen M\u00f6glichkeiten in den Vordergrund zu stellen, die sich derzeit in Lateinamerika ergeben. Dabei kann von einer neuen Phase in der Krise des Kapitalismus auf dem Kontinent gesprochen werden und davon, dass m\u00f6glicher Weise ein neues Kapitel f\u00fcr die Arbeiterbewegung in der Region aufgeschlagen worden ist. Viele GenossInnen waren der Ansicht, dass es n\u00f6tig sei, die Debatte \u00fcber die Perspektiven fortzusetzen. Dabei wurde vor allem auf die widerspr\u00fcchlichen Prozesse Bezug genommen, die sich momentan in Kuba und Venezuela abspielen, und letztlich auch auf die atemberaubenden Entwicklungen in Brasilien. Dieses Land, dem eine Schl\u00fcsselposition zukommt, hat wirtschaftlich wie politisch gro\u00dfen Einfluss auf den ganzen Kontinent, und wird als Indikator f\u00fcr das Potential gesehen, das sozialistische Ideen und K\u00e4mpfe haben. Es ist m\u00f6glich, dass sich diese Ans\u00e4tze und Auseinandersetzungen in ganz Lateinamerika von neuem zu entwickeln beginnen, einem Kontinent, der eine so inspirierende Geschichte an K\u00e4mpfen und Revolutionen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brasilien, Venezuela, Kuba und Lateinamerika: Bericht von der \u201eCWI-Summer School\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25667,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25665"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25665"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25665\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}