{"id":25660,"date":"2013-08-30T13:20:23","date_gmt":"2013-08-30T11:20:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25660"},"modified":"2013-08-26T13:32:52","modified_gmt":"2013-08-26T11:32:52","slug":"das-verfahren-gegen-chelsea-manning","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/08\/das-verfahren-gegen-chelsea-manning\/","title":{"rendered":"Das Verfahren gegen Chelsea Manning"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/manning.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-25661\" alt=\"manning\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/manning.jpg\" width=\"179\" height=\"135\" \/><\/a>Am Ende der Gerichtsverhandlung zeigte sich noch einmal, wie erschreckend tief das US-Milit\u00e4r gesunken ist, um Manning, die bisher unter dem Vornamen Bradley bekannt war, in die Mangel zu nehmen<\/strong><\/p>\n<p>von Manus Lenihan, \u201eSocialist Party\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Irland)<\/p>\n<p>2010 hatte die mutige junge Analystin des Milit\u00e4rgeheimdienstes hunderttausende geheime Dokumente ver\u00f6ffentlicht, um der Welt zu zeigen, wie die von den USA im Irak und in Afghanistan gef\u00fchrten Kriege in Wirklichkeit aussehen. Zum Verfahren kam es erst nach \u00fcber drei Jahren hinter Gittern, in denen die Schikane der Einzelhaft zur Anwendung kam, Fu\u00dffesseln angelegt wurden und mit Schlafentzug gearbeitet wurde. Den ganzen letzten Monat \u00fcber wurden Manning Vergehen vorgeworfen, die zusammengenommen zu einem Strafma\u00df von bis zu 136 Jahren gef\u00fchrt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ranghohe Pers\u00f6nlichkeiten aus Milit\u00e4r und Politik geben \u00f6ffentlich zu, dass mit dem letztlich gesprochenen Urteil von 35 Jahren Haft, US-SoldatInnen abgeschreckt werden sollen, damit sie ihren Mund halten. Unterdessen greift das US-Milit\u00e4r auf groteske Praktiken zur\u00fcck, um Manning in Verruf zu bringen und jene zu diskreditieren, die sie als Heldin und Ikone ansehen.<\/p>\n<p>Vergangene Woche hat das US-Milit\u00e4r Fotos ver\u00f6ffentlicht, auf denen Chelsea Manning Per\u00fccke und Make-Up tr\u00e4gt. Dies geschah so kurz vor der Urteilsverk\u00fcndung, dass es den Anschein haben musste, als handele es sich dabei um den geschmacklosen Versuch, sie zu diskreditieren, indem man an Verurteile gegen Transsexuelle appellierte. Weitaus schwerer wiegt aber das sowohl Vorurteile gegen Transsexuelle als auch die Stigmatisierung von Personen mit psychischen Problemen aufgegriffen wurden: Anklage und Verteidigung kamen darin \u00fcberein, dass Manning die Dokumente offenbar deshalb an die \u00d6ffentlichkeit weitergeleitet hatte, weil sie damals unzurechnungsf\u00e4hig war, was auf ihre Probleme mit der eigenen sexuellen Identit\u00e4t zur\u00fcckgehe.<\/p>\n<p>Der Versuch des US-Milit\u00e4rs und der Regierung, Mannings gro\u00dfartigen Akt der Zivilcourage als Unzurechnungsf\u00e4higkeit umzudeuten, ist vollkommen zwecklos: Die Verbrechen des US-Milit\u00e4rs sind unwiderrufbar aufgedeckt.<\/p>\n<p>Chelsea Manning hat ihre ganze Interessenlage und Motivation komplett aufgedeckt. Geschehen ist dies durch die Ver\u00f6ffentlichung von Erkl\u00e4rungen wie auch von Online-Gespr\u00e4chen, die \u201edie eigentlichen Kosten, die der Krieg verursacht, zeigen\u201c, um \u201ezu weltweiten Diskussionen, einer Debatte und zu Reformen\u201c zu kommen. Manning war die Einsicht gekommen, dass sie Teil eines Apparats war, der auf breiter Ebene Massaker ver\u00fcbt, Unterdr\u00fcckung betreibt und Folter anwendet. Schlie\u00dflich wollte sie damit Schluss machen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon, treten in allen Gliederungen des US-Milit\u00e4rs immer \u00f6fter F\u00e4lle auf, in denen psychische Probleme eine Rolle spielen. Mittlerweile werden mehr SoldatInnen Opfer von Selbstmorden als durch Kugeln oder Bomben des milit\u00e4rischen Gegners. In Anbetracht der Horrorszenarien, die die SoldatInnen als die praktischen HandlangerInnen des US-Imperialismus und der Interessen der Konzerne im Sinne ihrer \u201ePflichterf\u00fcllung\u201c schaffen, ist dies kein Wunder. Im Milit\u00e4r gibt es tausende von Menschen, die sich der LGBT-Community zurechnen und deshalb zum Opfer von Diskriminierung werden. Es ist offensichtlich, dass Manning \u2013 wie viele tausend andere SoldatInnen auch \u2013 unter schwerer pers\u00f6nlicher Anspannung litt. Dass sie aber 700.000 Geheimdokumente an die Enth\u00fcllungsplattform \u201eWikileaks\u201c weitergegeben hat, war geplant, ein \u00fcberaus mutiger und politisch bewusster Akt und kein spontaner der Ausdruck von Frustration.<\/p>\n<p>Doch das erschreckendste Ereignis der letzten Tage war die Entschuldigung Mannings. Sie bat daf\u00fcr um Entschuldigung, den Vereinigten Staaten \u201eSchaden zugef\u00fchrt\u201c und geglaubt zu haben, dass \u201eich rangniederer Analyst glaubte, m\u00f6glicherweise die Welt verbessern zu k\u00f6nnen\u201c, statt denjenigen Vertrauen zu schenken, die in den \u201ema\u00dfgebenden Beh\u00f6rden\u201c ans\u00e4ssig sind. Es gibt viele Gr\u00fcnde, weshalb Manning diese Entschuldigung formuliert haben k\u00f6nnte. Ein grundlegender innerer Wertewandel oder ein \u201epl\u00f6tzlicher Sinneswandel\u201c sind da nicht die wahrscheinlichsten Optionen.<\/p>\n<p>Die wahrscheinlichste Theorie ist die, wonach es sich bei Mannings Reue-Erkl\u00e4rung um einen Teil eines politisch motivierten Hinterzimmer-Abkommens gehandelt hat, um das Strafma\u00df zu reduzieren. Die Tatsache, dass das Urteil am unteren Ende des M\u00f6glichen ansetzte (die Anklage hatte 90 Jahre gefordert), st\u00fctzt diese These.<\/p>\n<p>In einem Brief an Pr\u00e4sident Obama, der gestern ver\u00f6ffentlicht wurde (siehe unten), verteidigt Manning in \u00fcberzeugter Manier und sehr kategorisch das eigene Handeln. W\u00f6rtlich hei\u00dft es darin: \u201eDie Entscheidungen, die ich 2010 getroffen habe, traf ich aus Sorge um mein Land und die Welt, in der wir leben.\u201c<\/p>\n<p>Um Gnade ersuchend, die ein Pr\u00e4sidenten wie Obama, der die Demokratie und menschliches Leben derart geringsch\u00e4tzt, niemals erteilen wird, f\u00fchrte Manning weiter aus:<\/p>\n<p>\u201eWenn Sie meinem Begnadigungsersuchen nicht entsprechen, dann werde ich meine Zeit damit verbringen m\u00fcssen, zu erkennen, dass man manchmal einen hohen Preis daf\u00fcr zahlen muss, wenn man in einer freien Gesellschaft leben will. Diesen Preis werde ich gerne zahlen, wenn dies bedeutet, dass wir ein Land haben, das wirklich nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Freiheit ausgerichtet und der These verschrieben ist, nach der alle Frauen und M\u00e4nner als einander ebenb\u00fcrtig geschaffen sind\u201c.<\/p>\n<p>Die Menge an Geheimnissen, die ein Regime unter Verschluss h\u00e4lt, und das Ausma\u00df an L\u00fcgen, das dabei anf\u00e4llt, sind ein Beleg f\u00fcr die tiefen Widerspr\u00fcche und die Verdorbenheit ihrer Politik. Die US-Regierung klassifiziert derzeit mehr als 90 Millionen Dokumente pro Jahr als geheim. Diese Zahl, die von Jahr zu Jahr noch um mehrere Millionen ansteigt, wirkt wie eine Art Index des Verfalls demokratischer Rechte inmitten einer Krise des Kapitalismus und der barbarischen Kriege.<\/p>\n<p>Im Drama um das Verfahren gegen Chelsea Manning haben wir f\u00fcr diese These nur noch mehr Anhaltspunkte bekommen. Das Establishment hat den Versuch unternommen, Manning durch Bigotterie in ein anderes Licht zu r\u00fccken und sie mit an den Stalinismus erinnernden Methoden und erzwungene \u201eSchuldbekenntnisse\u201c politisch au\u00dfer Gefecht zu setzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Wortlaut der Erkl\u00e4rung von Chelsea Manning an Pr\u00e4sident Obama<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie Entscheidungen, die ich 2010 getroffen habe, traf ich aus Sorge um mein Land und die Welt, in der wir leben.. Seit den tragischen Ereignissen vom 11. September befindet sich unser Land im Krieg. Wir f\u00fchren Krieg gegen einen Feind, der sich uns nicht wie sonst \u00fcblich auf einem Schlachtfeld entgegenstellt. Aufgrund dieser Tatsache und der Risiken, denen wir ausgesetzt waren, mussten wir unsere Kampfmethoden und unseren \u00fcblichen Lebenswandel anpassen.<\/p>\n<p>Am Anfang stimmte ich mit die Methoden \u00fcberein und entschied mich daf\u00fcr, als Freiwilliger dabei mitzuhelfen, mein Land zu verteidigen. Erst als ich in den Irak versetzt wurde und dort t\u00e4glich geheime Milit\u00e4rberichte zu lesen bekam, begann ich die Moral dessen, was wir da taten, in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war es, dass ich erkannte, dass wir in unseren Versuche, uns dem Risiko zu stellen, dem wir ausgesetzt waren, die Menschlichkeit vermissen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Permanent entschieden wir uns daf\u00fcr, sowohl im Irak als auch in Afghanistan menschliches Leben als wertlos zu betrachten. Als wir uns mit denen besch\u00e4ftigten, die wir f\u00fcr unsere Feinde hielten, t\u00f6teten wir manchmal auch unschuldige ZivilistInnen. Wann immer wir unschuldige ZivilIstInnen t\u00f6teten, entschieden wir uns daf\u00fcr, uns hinter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit und als geheim eingestuften Information zu verstecken, statt die Verantwortung f\u00fcr unser Handeln zu \u00fcbernehmen. Damit wollten wir jede \u00f6ffentliche Verantwortung ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>In unserem Eifer, den Feind t\u00f6ten zu wollen, diskutierten wir intern, wie &gt;Folter&lt; definiert ist. In Guantanamo hielten wir Einzelpersonen \u00fcber Jahre hinweg fest, ohne dass es einen Prozess gegeben h\u00e4tte. Unerkl\u00e4rlicher Weise verschlossen wir die Augen, als es von Seiten der irakischen Regierung zu Folterungen und Exekutionen kam. Und wir nahmen zahllose andere Handlungen, die im Namen unseres Krieges gegen den Terror geschahen, einfach hin.<\/p>\n<p>Bei Patriotismus handelt es sich h\u00e4ufig um den Schrei, der ausgesto\u00dfen wird, wenn die, die die Macht inne haben, moralisch fragw\u00fcrdige Handlungen verteidigen. Wenn diese Aufschreie des Patriotismus dann Uneinigkeiten \u00fcbert\u00fcnchen, die vor Ort bestehen m\u00f6gen, dann ist es f\u00fcr gew\u00f6hnlich der amerikanische Soldat, der den Befehl bekommt, irgendwelche schlecht durchdachten Missionen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Im Namen der Demokratie hat unsere Nation \u00e4hnlich d\u00fcstere Momente erlebt: den &gt;Trail of Tears&lt; (Vertreibung der IndianerInnen; Anm. d. \u00dcbers.), die &gt;Dred Scott decision&lt; (Urteil zur St\u00e4rkung der Rechte der Sklavenhalter), die McCarthy-Zeit und die japanisch-amerikanischen Internierungslager, um nur einige zu nennen. Ich bin zuversichtlich, dass viele Handlungen, zu denen es nach dem 11. September gekommen ist, eines Tages in einem \u00e4hnlichen Licht gesehen werden.<\/p>\n<p>Wie der sp\u00e4te Howard Zinn einmal sagte: &gt;Keine Flagge ist gro\u00df genug, um die Schande zu \u00fcberdecken, die es mit sich bringt, wenn unschuldige Menschen get\u00f6tet werden&lt;.<\/p>\n<p>Ich verstehe, dass mein Handeln Gesetze gebrochen hat. Ich bedaure es, wenn mein Handeln jemandem Schaden zugef\u00fcgt oder die Vereinigten Staaten besch\u00e4digt haben. Es war nie meine Absicht, irgendjemandem zu schaden. Ich wollte nur Menschen helfen. Als ich mich daf\u00fcr entschied, geheime Informationen bekanntzumachen, so tat ich dies aus Liebe f\u00fcr mein Land und aus einem Pflichtgef\u00fchl gegen\u00fcber anderen heraus.<\/p>\n<p>Wenn Sie meinem Begnadigungsersuchen nicht entsprechen, dann werde ich meine Zeit damit verbringen m\u00fcssen, zu erkennen, dass man manchmal einen hohen Preis daf\u00fcr zahlen muss, wenn man in einer freien Gesellschaft leben will. Diesen Preis werde ich gerne zahlen, wenn dies bedeutet, dass wir ein Land haben, das wirklich nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Freiheit ausgerichtet und der These verschrieben ist, nach der alle Frauen und M\u00e4nner als einander ebenb\u00fcrtig geschaffen sind\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende der Gerichtsverhandlung zeigte sich noch einmal, wie erschreckend tief das US-Milit\u00e4r gesunken ist, um Manning in die Mangel zu nehmen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25661,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[51,42],"tags":[300],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25660"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25660"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25660\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}