{"id":25587,"date":"2013-08-25T16:00:03","date_gmt":"2013-08-25T14:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25587"},"modified":"2013-08-14T11:43:25","modified_gmt":"2013-08-14T09:43:25","slug":"der-kongo-eine-geschichte-kapitalistischer-ausbeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/08\/der-kongo-eine-geschichte-kapitalistischer-ausbeutung\/","title":{"rendered":"Der Kongo: Eine Geschichte kapitalistischer Ausbeutung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/kongo_suhrkamp.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25588\" alt=\"kongo_suhrkamp\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/kongo_suhrkamp-111x173.jpg\" width=\"111\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/kongo_suhrkamp-111x173.jpg 111w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/kongo_suhrkamp-223x347.jpg 223w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/kongo_suhrkamp.jpg 412w\" sizes=\"(max-width: 111px) 100vw, 111px\" \/><\/a><strong>Seit 1997 sind in den Kriegen im Kongo Sch\u00e4tzungen zufolge sechs Millionen Menschen ums Leben gekommen. Die Lebenserwartung im Land liegt bei 46 Jahren. Die Medien der westlichen Welt schenken dem Land bislang nur wenig Aufmerksamkeit.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Per-\u00c5ke Westerlund, \u201eR\u00e4ttvisepartiet Socialisterna\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Schweden). Dieser Artikel wurde zuerst ver\u00f6ffentlicht in der \u201eSocialism Today\u201c, dem Monatsmagazin der \u201eSocialist Party\u201c (SAV-Schwesterorganisation und CWI-Sektion in England und Wales)<\/em><\/p>\n<p>Der Artikel von Per-\u00c5ke Westerlund basiert auf einem k\u00fcrzlich erschienenen Buch, das eine gute Grundlage bietet, um den Kongo-Konflikt besser zu verstehen: Van Reybrouck, David: \u201eKongo: Eine Geschichte\u201c, Suhrkamp 2012.<\/p>\n<p>\u00a0Seit der Zeit des Feudalismus und des damaligen K\u00f6nigreichs Kongo hatte das Land schon viele verschiedene Bezeichnungen. Zwischen 1885 und 1908 geh\u00f6rte das Gebiet dem belgischen K\u00f6nig Leopold II. und trug den Namen \u201e\u00c9tat Ind\u00e9pendant du Congo\u201c (auf deutsch meist als \u201eKongo-Freistaat\u201c bezeichnet). Von 1908 bis 1960 existierte ein Land namens \u201eBelgisch-Kongo\u201c, das auch unter der Bezeichnung \u201eKongo-L\u00e9opoldville\u201c firmierte, um es von der franz\u00f6sischen Kolonie \u201eKongo-Brazzaville\u201c zu unterscheiden. Elf Jahre nach der Unabh\u00e4ngigkeit, im Jahr 1960, erfolgte die Umbenennung durch Diktator Mobutu Sese Seko, und das Land hie\u00df fortan \u201eZaire\u201c. Seit dem Sturz Mobutus lautet die offizielle Bezeichnung \u201eDemokratische Republik Kongo\u201c, DRC oder einfach nur \u201eKongo\u201c.<\/p>\n<p>Von 1500 bis 1850 war das Delta des Kongo-Flusses das Zentrum des Sklavenhandels mit dem amerikanischen Kontinent. Vier Millionen Sklavinnen und Sklaven wurden aus dem Gebiet des heutigen Kongo verschleppt und s\u00e4mtliche, bis dahin bestehenden gesellschaftlichen Strukturen zerschlagen. Als dann die Kolonisierung des afrikanischen Kontinents begann, wurde K\u00f6nig Leopold von den wichtigsten Kolonialm\u00e4chten darin best\u00e4rkt, dieses riesige Land als Privatbesitz zu \u00fcbernehmen. Offiziell war Leopold gegen den Handel mit SklavInnen. In Wirklichkeit jedoch f\u00fchrte er eine Schreckensherrschaft ein. Zuerst wurde das Land wegen des Elfenbeins und dann aufgrund der Kautschukbest\u00e4nde ausgepl\u00fcndert. In seinem Buch \u201eKongo: Eine Geschichte\u201c schreibt David Van Reybrouck, dass Leopold \u201eeinen Staat, den Kongo, benutzte, um seinem anderen Staat, Belgien, neuen Auftrieb zu verleihen\u201c.<\/p>\n<p>Die Gier nach Kautschuk und Gummi f\u00fchrte zum Zusammenbruch der Agrar-Strukturen, und Hunger wurde zu einem verbreiteten Ph\u00e4nomen. Als Leopold dem belgischen Staat die Kontrolle \u00fcbergab, war der Kongo systematisch in St\u00fccke zerteilt. Zum ersten Mal waren die BewohnerInnen des Landes nach bestimmten Rassen und St\u00e4mmen kategorisiert. Dieses System f\u00fchrte Belgien ebenfalls ein, als es nach dem Ersten Weltkrieg Ruanda und Burundi \u00fcbernahm. Die Begriffe \u201eHutu\u201c bzw. \u201eTutsi\u201c wurden in P\u00e4sse und Dokumente gestempelt, was zu der Spaltung f\u00fchrte, die in Ruanda 1995 wiederum im Massaker an den Tutsis kulminierte \u2013 und zu den sich anschlie\u00dfenden Kriegen.<\/p>\n<p>Unter Leopold kam es dazu, dass tausende christlicher MissionarInnen ins Land str\u00f6mten. Diese (und vor allen die Katholiken) wurden zum Werkzeug der Kolonialmacht: \u201eMissionsschulen wurden Produktionsst\u00e4tten f\u00fcr die sich ausbreitenden Vorurteile gegen die verschiedenen St\u00e4mme\u201c. Kirchliche Schulen zensierten alles, was den Anschein des Rebellischen hatte. So verhinderte man zum Beispiel, dass \u00fcber die Franz\u00f6sische Revolution gesprochen wurde. W\u00e4hrend die christliche Moral des Gehorsams gepredigt wurde, litten kritische religi\u00f6se Bewegungen unter heftigen Repressalien. 1921 wurde der Prediger Simon Kimbangu verhaftet, der 30 Jahre sp\u00e4ter im Gef\u00e4ngnis verstarb. Seine Anh\u00e4ngerInnen, die KimbanguistInnen, wurden abgesetzt und verfolgt. Trotzdem handelt es sich bei dieser Religionsgemeinschaft heute immer noch um eine gro\u00dfe Bewegung im Kongo.<\/p>\n<p>Mit der Entdeckung der riesigen Vorkommen an Bodensch\u00e4tzen im Kongo begann die Industrialisierung des Landes. Die dominierende Bergbaugesellschaft, die \u201eUnion Mini\u00e8re\u201c, unterhielt ihren eigenen totalit\u00e4ren Staatsapparat in Katanga, im S\u00fcdosten des Landes, wo Kupfer, Mangan, Uran, Gold und andere wertvolle Rohstoffe gef\u00f6rdert wurden. Palm\u00f6l wurde zum Rohstoff f\u00fcr die Seifenherstellung und legte so die Grundlage f\u00fcr den heutigen multinationalen Riesen-Konzern \u201eUnilever\u201c.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse wuchs von wenigen hundert Personen um 1900 auf 450.000 im Jahr 1929. In der Folge stieg diese Zahl in der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf beinahe eine Million Menschen an. Damals war es in der Bergbaubranche zu einem Wirtschaftsboom gekommen. In den ersten Atombomben steckte Uran aus Katanga. Nach S\u00fcdafrika rangierte der Kongo pl\u00f6tzlich auf Platz zwei der industrialisiertesten L\u00e4nder s\u00fcdlich der Sahara.<\/p>\n<p>Die Bedingungen, die sich den ArbeiterInnen und verarmten Schichten boten, spielten bei dieser \u00f6konomischen Entwicklung allerdings keine Rolle. Zu Beginn und am Ende des Krieges f\u00fchrte die Unzufriedenheit zu Streiks und Aufst\u00e4nden. Dabei wurden 60 Bergleute bei einem Massenprotest in Elizabethville (dem heutigen Lumbumbashi) in Katanga get\u00f6tet, die Streikf\u00fchrerInnen wurden verfolgt. Bestimmte Gruppen oder St\u00e4mme wurden aussortiert und als sogenannte \u201eUnruhestifter\u201c gebrandmarkt. Das war Teil der Teile-und-Herrsche-Strategie.<\/p>\n<p>Diejenigen, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs in den Bergwerken oder in Jobs im Dienstleistungssektor arbeiteten, der rund um die Industriezentren entstand, erwarteten, dass es nach dem Krieg besser werden w\u00fcrde. Das galt auch f\u00fcr die Soldaten, die an der Seite der \u201eAlliierten\u201c in Abessinien (Gebiet der heutigen Staaten \u00c4thiopien und Eritrea; Erg. d. \u00dcbers.), \u00c4gypten und Burma gedient hatten. Allerdings blieb der Rassismus weiter bestehen. AfrikanerInnen durften weiterhin in der \u00d6ffentlichkeit ausgepeitscht werden, mussten sich immer wieder am Ende einer Menschen-Schlange anstellen, und es war ihnen nach wie vor verboten, Badeanstalten zu benutzen. Gewerkschaften waren illegal. In einigen St\u00e4dten kam es zwar zu Kommunalwahlen, doch jeder B\u00fcrgermeister unterstand immer dem belgischen \u201eersten B\u00fcrgermeister\u201c.<\/p>\n<p>\u00dcberall auf der Welt kam es zu kolonialen Revolutionen und Befreiungskriegen. Gro\u00dfbritannien , die Niederlande und die Vereinigten Staaten von Amerika mussten sich aus Indien, Indonesien und den Philippinen zur\u00fcckziehen. In Algerien und Indochina (heute: Laos, Kambodscha und Vietnam; Erg. d. \u00dcbers.) begann ein bewaffneter Kampf gegen die franz\u00f6sische Kolonialmacht. 1958 war Ghana dann das erste Land in der Region s\u00fcdlich der Saharan, das unabh\u00e4ngig wurde.<\/p>\n<p>\u201eBis 1955 existierte keine nationalstaatliche Vereinigung, die \u00fcberhaupt von der Unabh\u00e4ngigkeit tr\u00e4umte\u201c, schreibt Van Reybrouck. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter war das Land dann formell unabh\u00e4ngig. Die tr\u00fcgerische Ruhe fand 1956 ihr Ende, als es zunehmend zu sozialen Unruhen kam. Von der \u201eAssociation des Bakongo\u201c (ABAKO), bei der es sich urspr\u00fcnglich um eine Stammes-Vereinigung unter der F\u00fchrung von Joseph Kasa-Vubu gehandelt hatte, wurde ein \u201eManifest der Freiheit\u201c vorgelegt.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde das \u201eMouvement National Congolais\u201c (MNC) gegr\u00fcndet, mit Patrice Lumumba als Anf\u00fchrer. Das Ziel der Bewegung war die Befreiung des Kongo vom Imperialismus und der Kolonialherrschaft. Das Echo war enorm. Lumumba besuchte den neuen Staat namens Ghana, wo er den F\u00fchrer des neuen Landes, Kwame Nkrumah, traf. Als er in den Kongo zur\u00fcckkehrte, wurde er von 7.000 Menschen erwartet, die h\u00f6ren wollten, was er zu berichten hatte.<\/p>\n<p>Im Januar 1959 dann explodierte der Kongo f\u00f6rmlich. Der belgische \u201eoberste B\u00fcrgermeister\u201c verbot alle Protestversammlungen in Kinshasa, was zu Ausschreitungen f\u00fchrte. Alle Waffengattungen der Armee kamen zum Einsatz, bis zu 300 Menschen wurden erschossen und wesentlich mehr wurden verletzt. Die Unruhen griffen auch auf Kivu, Kasai und Katanga \u00fcber.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wurde beschlossen, dass der Kongo am 30. Juni 1960 unabh\u00e4ngig werden sollte, in einem Jahr, in dem 17 afrikanische Staaten ihre Unabh\u00e4ngigkeit erlangten. Doch dabei ging es nur um die formelle, politische Unabh\u00e4ngigkeit. Die multinationalen Konzerne waren weiter in der Lage, in \u00dcbereinstimmung mit dem belgischen Gesetz wie bisher zu schalten und zu walten. Drei Tage vor der Unabh\u00e4ngigkeit sorgte das belgische Parlament noch daf\u00fcr, dass die kongolesische Herrschaft \u00fcber den alles dominierenden Konzern \u201eUnion Mini\u00e8re\u201c beendet wurde. S\u00e4mtliche Armeeoffiziere wie auch die h\u00f6chsten BeamtInnen blieben belgische Staatsb\u00fcrgerInnen.<\/p>\n<p>Doch die Hoffnungen auf echten Wandel waren immens und das MNC unter Lumumba gewann die ersten Wahlen. Aber auch regionale Parteien erhielten starke Unterst\u00fctzung: das abgespaltene MNC-K unter der F\u00fchrung von Albert Kalonji in Kasai, die \u201eConf\u00e9d\u00e9ration des Associations Tribales du Katanga\u201c (CONAKAT) unter Mo\u00efse Tshombe im s\u00fcdlichen Katanga sowie ABAKO in Niederkongo. Kasa-Vubu wurde Pr\u00e4sident, mit Lumumba als Premierminister.<\/p>\n<h4>Absetzung Lumumbas<\/h4>\n<p>Wie andere ehemalige Kolonien wurde auch der Kongo von den alten Kolonialm\u00e4chten und multinationalen Konzernen beherrscht. Die einzige M\u00f6glichkeit dem wirklich eine Ende zu setzen, h\u00e4tte darin bestanden, eine demokratisch-sozialistische Politik aufzulegen, zu der auch die Verstaatlichung der Bodensch\u00e4tze geh\u00f6rt h\u00e4tte. Und \u2013 w\u00e4re dies unter einer wirklich sozialistischen politischen F\u00fchrung geschehen \u2013 die internationale Arbeiterklasse h\u00e4tte mit massiver Unterst\u00fctzung an ihrer Seite gestanden. Allerdings fehlte es unter der Arbeiterschaft und den verarmten Schichten auf dem Land im Kongo an einer landesweiten, demokratischen und sozialistischen Bewegung.<\/p>\n<p>Die stalinistischen Staaten \u2013 wie etwa die Sowjetunion und China \u2013 hatten gezeigt, dass eine Planwirtschaft \u2013 trotz der unterdr\u00fcckerischen und diktatorischen Herrschaft in diesen L\u00e4ndern \u2013 zu gro\u00dfen Fortschritten in der Lage ist. Doch weder Moskau noch Peking wollten eine revolution\u00e4re Bewegung unterst\u00fctzen, die sich ihrer Kontrolle entzogen h\u00e4tte. Beide Systeme zogen es vor, mit b\u00fcrgerlichen Regimen zusammenzuarbeiten, mit denen sie besser zurechtkamen.<\/p>\n<p>Die Krise resultierte mit Nichten daraus, dass die belgischen Kr\u00e4fte nach der Unabh\u00e4ngigkeit des Kongo das Land zu schnell verlassen hatten, wie Van Reybrouck es darzustellen meint. Der Grund daf\u00fcr war das Fehlen einer Arbeiterbewegung mit einem klaren Programm. Es wurde eine neue Regierung gebildet, doch ihre Anh\u00e4ngerschaft war wechselhaft, und ihr Programm blieb vage. Von Belgien wurde dieser Umstand erkannt und innerhalb weniger Tage kam es zur Invasion in Katanga mit 10.000 belgischen Soldaten. Offiziell ging es nat\u00fcrlich um den Schutz belgischer Staatsangeh\u00f6riger. In Wirklichkeit aber sollte die Kontrolle \u00fcber die Bergbauindustrie abgesichert werden. So wurde Tshombe ermutigt, seinerseits die Unabh\u00e4ngigkeit zu erkl\u00e4ren, und \u201eUnion Mini\u00e8re\u201c finanzierte seine Herrschaft.<\/p>\n<p>Lumumba bleib nur zwei Monate lang im Amt, in einem Land, das sich im raschen Zerfall befand. In den K\u00e4mpfen, die mit den Versuchen einhergingen, Katanga, das an Diamanten reiche Kasai und Kivu aus dem Staat herauszubrechen, lie\u00dfen Tausende ihr Leben. Lumumba rief die UNO auf, unterst\u00fctzend einzugreifen, und Nikita Chruschtschow, den Regierungschef der UdSSR, der Lebensmittel, Waffen und Fahrzeuge lieferte. Die Kongo-Krise fand inmitten des \u201eKalten Krieges\u201c zwischen den USA und der stalinistischen Sowjetunion statt. Das US-Milit\u00e4r ben\u00f6tigte die Bodensch\u00e4tze aus dem Kongo (wie z.B. Kobalt f\u00fcr seine Raketen), und Anfang September wurde Lumumba durch Kasa-Vubu ersetzt.<\/p>\n<p>Zehn Tage, nachdem Lumumba aus dem Amt gejagt worden war, f\u00fchrte der Stabschef der Armee, Mobutu, mit Unterst\u00fctzung des CIA seinen ersten Putsch durch. Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt. Die belgische Regierung und der US-Pr\u00e4sident Dwight D. Eisenhower gaben gr\u00fcnes Licht f\u00fcr seine Ermordung. Nach Folter und dem Abtransport nach Katanga wurde Lumumba im Beisein lokaler Machthaber \u2013 darunter auch Tshombe &#8211; erschossen.<\/p>\n<p>Lumumba war kein wirklicher Sozialist und es fehlte ihm an einer starken Bewegung sowie an Waffen. Er wurde jedoch \u2013 nicht nur in Afrika \u2013 als radikaler Freiheitsk\u00e4mpfer angesehen und seine Anh\u00e4ngerInnen sprachen von der Revolution. Seine Unberechenbarkeit und die Erwartungen, die er geweckt hatte, bereiteten den imperialistischen M\u00e4chten Kopfzerbrechen. In Kuba hatten sie bereits erleben m\u00fcssen, wie die Entwicklungen zu einer Revolution f\u00fchren k\u00f6nnen, selbst wenn die Befreiungsbewegung dort am Anfang noch vollkommen ohne sozialistisches Programm ausgestattet war. Der US-Imperialismus schritt schlie\u00dflich ein, um Lumumba zu st\u00fcrzen, indem man auf den CIA und letztlich auch auf die Institution UNO zur\u00fcckgriff.<\/p>\n<p>Die Sowjetunion und China hatten dar\u00fcber hinaus kein Interesse daran, Revolutionen zu unterst\u00fctzen; vor allem dann nicht, wenn damit das Ziel einer echten Arbeiter-Demokratie verfolgt wurde. In Wirklichkeit hatten sie noch nicht einmal einen Plan f\u00fcr den Aufbau weiterer Staaten nach stalinistischem Muster. Erst wenn Regime oder Guerrilla-Bewegungen den Kapitalismus bereits abgeschafft hatten, kam Unterst\u00fctzung aus Moskau und Peking, um die entsprechenden Regionen bzw. L\u00e4nder ihrem Einflussbereich unterzuordnen und sie so weit wie m\u00f6glich unter ihre Kontrolle zu bringen.<\/p>\n<h4>Die Diktatur unter Mobutu<\/h4>\n<p>Der Krieg zur Wiedererlangung Katangas dauerte bis Ende 1962 und wurde mit Hilfe von UN-Truppen gef\u00fchrt. In der Zeit, in der diese Gefechte stattfanden, kam auch der UNO-Generalsekret\u00e4r Dag Hammarskj\u00f6ld ums Leben. Die Todesumst\u00e4nde des Schweden, der im September \u00b461 bei einem Flugzeugabsturz starb, sind bis heute ungekl\u00e4rt. Bis Mitte der 1960er Jahre hielten die Unruhen und Aufst\u00e4nde an. Ein vom Maoismus inspirierter Aufstand auf dem Land in Zentralkongo wurde niedergeschlagen. In Burundi rief Laurent Kabila die sogenannten \u201eSimba Truppen\u201c ins Leben, die von einer starken anti-amerikanischen und anti-katholischen Rhetorik gekennzeichnet waren. Selbst Che Guevara beteiligte sich kurze Zeit lang an dem Guerrillakrieg, auch wenn er bald schon wieder nach Lateinamerika zur\u00fcckkehren sollte.<\/p>\n<p>Die USA und Tshombe unterst\u00fctzten von Katanga aus nun die Regierung in Leopoldville (das heutige Kinshasa) gegen die Aufst\u00e4ndischen. 1965 gewann Tshombe die Wahlen, wurde von den USA und westlichen M\u00e4chten jedoch als unzuverl\u00e4ssig erachtet. Am 25. November kam es zum zweiten Putsch von Mobutu, und diesmal sollte er seine Diktatur bis 1997 aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Van Reybrouck beschreibt, wie das Regime Mobutu sich zu einer sonderbaren, brutalen und korrupten Diktatur entwickelte. Obwohl er enge Verbindungen zu den USA und zu Israel unterhielt, hatte der Charakter seines Regimes viel \u00c4hnlichkeit mit der Diktatur von Mao Tse-tung in China. Es waren nur autochthone Namen und die alte Musik der Einheimischen erlaubt. Der Personenkult nahm massive Ausma\u00dfe an, bis zu sieben Stunden am Tag waren im Fernsehen musikalische Lobeshymnen auf Mobutu zu sehen und zu h\u00f6ren. 1971 benannte er das Land um in \u201eZaire\u201c.<\/p>\n<p>Als in den Jahren 1968\/-69 (parallel zu den Studierendenprotesten in Europa und den USA) die Studierendenbewegung auch im Kongo aufkam, war Lumumba ihr Held. Sie wurde 1969 jedoch in einem Massaker aufgerieben. Dreihundert Todesopfer waren zu beklagen (offiziell wurde die Opfer auf \u201esechs\u201c beziffert!) und 800 Personen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.<\/p>\n<p>Das enorme landwirtschaftliche Potential des Kongo wurde vergeudet, und Mobutu war gezwungen, Lebensmittel zu importieren. Die Inflation stieg rasant an, und in den 1970er Jahren machte der Staat Schulden in der H\u00f6he eines Drittels des staatlichen Gesamtbudgets. Wie viele andere afrikanische L\u00e4nder endete der Kongo in den F\u00e4ngen des Internationalen W\u00e4hrngsfonds (IWF) und der Weltbank. Deren \u201eStrukturanpassungsprogramme\u201c f\u00fchrten zu Privatisierungen und K\u00fcrzungen. In kurzer Zeit wurde im Kongo die Anzahl der LehrerInnen von ehedem 285.000 auf 126.000 reduziert. Der hohe Alphabetisierungsgrad wurde auf das heutige Ausma\u00df heruntergefahren. Seither gibt es rund 30 Prozent AnalphabetInnen im Land.<\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten 1980er Jahren kam es \u00fcberall in Afrika zu Protestbewegungen gegen die Politik des IWF und gegen Diktaturen. Es wurden neue politische Parteien, Vereinigungen und Gewerkschaften gegr\u00fcndet. Am 16. Februar 1992 organisierten Priester und Kirchen in verschiedenen St\u00e4dten den \u201eMarsch der Hoffnung\u201c, um gegen die Unterbrechung einer Konferenz \u00fcber Demokratisierung zu protestieren. Mehr als eine Million Menschen nahmen daran teil, und 35 DemonstrantInnen wurden erschossen. 1993 griff Mobutu hart gegen jeden Versuch durch, \u00fcber Demokratisierung zu sprechen und \u00fcbte erneut die vollkommene Kontrollgewalt aus. Die Inflation stieg immer weiter an und erreichte 1994 den Wert von 9,77 Prozent. In dieser Zeit sah sich Mobutu gezwungen, eine F\u00fcnf-Millionen New Zaire-Banknote einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Nach Jahren der Diktatur und einer sich immer weiter zuspitzenden \u00f6konomischen Krise war jede Hoffnung auf einen Wandel verflogen und es kam zu ethnisch motivierter Gewalt. In Katanga forderten einige Gruppierungen, dass EinwanderInnen aus Kasai \u201enach Hause\u201c gehen sollten. Derselbe Ton wurde auch in der Region Kivu (im Osten des Landes; Erg. d. \u00dcbers.) gegen die dort lebenden Tutsi angeschlagen, die nur \u201ebanyarwanda\u201c (\u201edie, die aus Ruanda kommen\u201c) genannt wurden. \u201eIn den 1980ern wusste niemand, welchen ethnischen Hintergrund seine Mitsch\u00fcler hatten. Das alles begann erst in den 1990er Jahren. Meine Freundin war Tutsi, und ich hatte davon noch nicht einmal eine Vorstellung\u201c, \u00e4u\u00dferte Pierre Bushala aus Goma gegen\u00fcber Van Reybrouck. Er schreibt, dass die ethnisch motivierte Gewalt \u201eeine logische Folge des Mangels an fruchtbarem Boden war, zu dem es in der Phase der Kriegswirtschaft gekommen war, die sich der Globalisierung unterordnete\u201c. In Kivu kam es zur Gr\u00fcndung der nationalistischen \u201eMa\u00ef-Ma\u00ef\u201c-Milizen, die um Ackerland und um die Kontrolle \u00fcber D\u00f6rfer sowie die Bergwerke k\u00e4mpften.<\/p>\n<h4>Sechs Millionen Tote<\/h4>\n<p>1994 fand in Ruanda das Massaker an 800.000 Tutsi statt. Beinahe unmittelbar darauf kam es zur Invasion Ruandas durch eine Tutsi-Armee unter der F\u00fchrung des heutigen Pr\u00e4sidenten Paul Kagame, die die Kontrolle \u00fcber das Land \u00fcbernahm. \u00dcber zwei Millionen Hutu mussten fliehen; 1,5 Millionen von ihnen in Richtung Zaire\/Kongo. Der fr\u00fchere Guerrilla-F\u00fchrer Laurent Kabila und seine Bewegung, die \u201eAlliance des Forces D\u00e9mocratiques pour la Liberation du Congo\u201c (AFDL), hatten die formelle Befehlsgewalt \u00fcber die Ruander, die Jagd auf Hutu machten. All das wurde zum Krieg gegen den Zaire unter Mobutu. Bis zu 300.000 Hutu-Fl\u00fcchtlinge wurden get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Krieg st\u00fcrzte Kabila dann Mobutu und machte sich selbst zum neuen Staatschef \u2013 in einem Land, das fortan wieder Kongo hie\u00df. Doch bald schon machte Kabila Gebrauch von den Methoden, die vor ihm bereits Mobutu angewendet hatte.<\/p>\n<p>Kabila begriff, dass die Regime in Ruanda und Uganda nur aus Eigennutz eingegriffen hatten und brach mit ihnen. Ruanda lie\u00df erneut Truppen einmarschieren, was 1998 zum zweiten Kongo-Krieg f\u00fchrte. Seither sind sechs Millionen Menschen in Folge der Kriege gestorben; die meisten von ihnen erlagen Krankheiten und Hunger. Viele andere L\u00e4nder wurden mit in diese Auseinandersetzungen hineingezogen wie z.B. Angola, Simbabwe und Libyien auf kongolesischer Seite gegen Uganda und Ruanda. Van Reybrouck zeigt auf, wie die beiden letztgenannten L\u00e4nder w\u00e4hrend des Krieges gro\u00dfe Mengen an Gold aus dem Kongo herausschafften.<\/p>\n<p>Im Januar 2001 wurde Laurent Kabila von einem seiner Bodyguards erschossen. Sein Sohn Joseph, der von der EU, den USA und China unterst\u00fctzt wird, folgte ihm im Amt. 2003 wurde zwar ein Friedensabkommen unterzeichnet, es kommt jedoch weiterhin zu kriegerischen Auseinandersetzungen, massenhaften Vergewaltigungen und Massakern, vor allem in der Provinz Kivu. Die verschiedenen Kr\u00e4fte unterliegen fortw\u00e4hrenden Abspaltungen oder geben sich st\u00e4ndig neue Namen. Der Grund daf\u00fcr ist weiterhin der Kampf um die alten Bodensch\u00e4tze: Gold, andere Bodensch\u00e4tze und Elfenbein. Zur Zeit ist Koltan das wertvollste Mineral, das in modernen Elektroger\u00e4ten (wie Handys; Erg. d. \u00dcbers.) eingesetzt wird. Van Reybrouck w\u00e4hlt hierf\u00fcr korrekter Weise den Begriff der \u201eMilitarisierung der Wirtschaft\u201c, weil \u201eder Krieg vergleichsweise kosteng\u00fcnstig ist \u2013 vor allem in Anbetracht der unglaublichen Gewinne, die die Ausbeutung von Rohstoffen mit sich bringt\u201c.<\/p>\n<p>Gibt es einen Hoffnungsschimmer? Van Reybrouck beschreibt den Kongo als ein Land, das kurz davor steht zu explodieren. Der Staatshaushalt des Kongo, ein Land, in dem 60 Millionen Menschen eben, ist kleiner als der Haushalt einer Stadt wie Stockholm mit weniger als einer Million EinwohnerInnen. Das j\u00e4hrliche Bruttoinlandsprodukt ist seit 1960 pro Kopf von 450 US-Dollar auf 200 Dollar gesunken. Der \u201eIndex f\u00fcr menschliche Entwicklung\u201c des \u201eEntwicklungsprogramms der Vereinten Nationen\u201c (UNDP), der Dinge wie Bildung und Gesundheitsschutz umfasst, sieht den Kongo auf dem f\u00fcnftletzten Platz der L\u00e4nder, in denen es sich am besten leben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Heute ist der Kongo durch denselben roh pl\u00fcndernden Kapitalismus verw\u00fcstet, der auch um 19. Jahrhundert schon f\u00fcr die dortige Misere verantwortlich zeichnete. Durch Bestechung oder milit\u00e4rische Gewalt gelangt man an Sch\u00fcrfrechte. Die Entdeckung neuer \u00d6l- und Gasvorkommen hat zu erneuten Spannungen an der Grenze zu Uganda und Ruanda gef\u00fchrt. Chinesische Konzerne sorgen f\u00fcr die Infrastruktur, die f\u00fcr die Bergwerke n\u00f6tig sind, welche ganz nach dem Muster der Sklaven-Fabriken funktionieren wie in China selbst.<\/p>\n<p>Es wird im Kongo zwangsl\u00e4ufig zu revolution\u00e4ren Entwicklungen kommen. Wohin diese gesellschaftlichen Explosionen aber f\u00fchren werden, h\u00e4ngt davon ab, welche Lehren man aus der Geschichte zieht \u2013 und aus den Entwicklungen in \u00c4gypten und Tunesien der letzten zwei Jahre. In Rekordzeit m\u00fcssen sozialistische und demokratische Organisationen aufgebaut werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1997 sind in den Kriegen im Kongo Sch\u00e4tzungen zufolge sechs Millionen Menschen ums Leben gekommen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25588,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36,70],"tags":[342],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25587"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25587"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25587\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}