{"id":25574,"date":"2010-11-14T09:09:55","date_gmt":"2010-11-14T08:09:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25574"},"modified":"2013-08-14T09:16:27","modified_gmt":"2013-08-14T07:16:27","slug":"kapp-putsch-1920-12-millionen-generalstreik-stoppt-rechten-militaerputsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/11\/kapp-putsch-1920-12-millionen-generalstreik-stoppt-rechten-militaerputsch\/","title":{"rendered":"Kapp-Putsch 1920: 12 Millionen-Generalstreik stoppt rechten Milit\u00e4rputsch"},"content":{"rendered":"<p><strong>ArbeiterInnen k\u00e4mpfen um Verstaatlichung der Schl\u00fcsselindustrien<\/strong><\/p>\n<p>Am 13. M\u00e4rz 1920 schwingt sich der Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp gest\u00fctzt auf einflussreiche Milit\u00e4rs wie L\u00fcttwitz und Ludendorf zum Diktator auf. Das ist ein erster Versuch der reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte im Deutschland nach der Novemberrevolution, den revolution\u00e4ren Prozess nicht nur zu stoppen, sondern offensiv gegen die Arbeiterbewegung und die Errungenschaften der Revolution vorzugehen. Auf diesen ersten, noch nicht voll entschlossenen Versuch der Konterrevolution erfolgt die geballte Antwort der Arbeiterklasse, die gro\u00dfe Teile der Mittelschichten bis hinein in den Staatsapparat mit rei\u00dft. Eine weitere Radikalisierung der ArbeiterInnen findet statt. Diese \u00e4u\u00dfert sich in der Zusammenarbeit der ArbeiterInnen von Mehrheitssozialdemokraten, Unabh\u00e4ngigen bis zu spartakistisch orientierten in einem gewaltigen, deutschlandweiten, tagelangen Generalstreik und vielerorts neuen Anl\u00e4ufen, R\u00e4te zu bilden.<\/p>\n<p><em>Von Stephan Kimmerle<\/em><\/p>\n<p>Auch heute stellt sich die Frage: Wie k\u00f6nnen Faschismus und Reaktion geschlagen werden? Wie war ein Sieg des Hitler-Faschismus m\u00f6glich? Die Ereignisse um den Kapp-Putsch zeigen, wie Massen-Widerstand gegen die Konterrevolution erfolgreich sein kann \u2013 und welche Schw\u00e4chen schon 1920 vorhanden waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die KPD \u2013 und die um vieles gr\u00f6\u00dfere USPD, die aber von der KPD entscheidend beeinflusst wurde \u2013 setzt der Kapp-Putsch Fragen von Strategie und Taktik auf die Tagesordnung: Was tun angesichts des reaktion\u00e4ren Putsches \u2013 etwas die verhasste Ebert-Noske-Regierung, die M\u00f6rder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, verteidigen? Wie kann eine Mehrheit der Arbeiterklasse f\u00fcr eine sozialistische Umw\u00e4lzung gewonnen werden?<\/p>\n<p>Heute stehen erneut Generalstreiks in Europa auf der Tagesordnung \u2013 bisher zum Beispiel in Griechenland, Spanien und Portugal. Einerseits steigert die Tiefe der Krise des Kapitalismus die aufgestaute Wut von ArbeiterInnen und Jugendlichen, die wenig Ausdruck findet. Andererseits fehlen sozialistische Massenorganisationen und -parteien und das Bewusstsein der Arbeiterklasse ist noch in keiner Weise mit dem der 1920er Jahre zu vergleichen. Daraus ergibt sich eine explosive Situation, die gewaltige Bewegungen \u2013 inklusive Generalstreiks \u2013 auf die Tagesordnung setzen, die aber auch drohen, zu verpuffen.<\/p>\n<p>Anhand des gr\u00f6\u00dften Generalstreik in der deutschen Geschichte kann die innere Dynamik eines unbefristeten Generalstreiks sichtbar werden: Er beginnt als politischer Streik gegen den Putsch. Er tritt eine Welle lokaler Streiks und Generalstreiks los. Neben der allgemeinen politischen Seite des Kampfes r\u00fcckt die Forderung der \u201eSozialisierung\u201c (Verstaatlichung) der Schl\u00fcsselindustrien in den Mittelpunkt. Der allgemeine Ausstand setzt die Frage auf die Tagesordnung: Wer hat die Macht in der Gesellschaft und ist in der Lage sie auch zu \u00fcbernehmen?<\/p>\n<h4>B\u00fcrgerkrieg in Deutschland<\/h4>\n<p>Die Ereignisse um den Kapp-Putsch sind Teil der Phase von Revolution und Konterrevolution, die im November 1918 begann. Immer wieder bis 1923 versucht die Arbeiterklasse unmittelbar die Macht des Kapitals zu brechen und eine sozialistische Demokratie zu erreichen.<\/p>\n<p>Schon am 9. November 1918 beherrschen nach vier Jahren Weltkrieg, Hunger und Elend bewaffnete Arbeiter, rebellierende Matrosen und Soldaten die Stra\u00dfen. Karl Liebknecht ruft die sozialistische Republik Deutschland aus. Ein grandioser Auftakt, der von dem Willen einer Mehrheit zeugt, endlich Schluss zu machen mit Krieg, Ausbeutung und Kapitalismus. Doch vieles bleibt v\u00f6llig unangetastet: Die \u201erevolution\u00e4re\u201c Regierung Eberts ist eher ein neues Aush\u00e4ngeschild des komplett intakt gebliebenen kapitalistischen Staatsapparats. Die Ministerien mit ihrem kaiserlichen Beamtenapparat werden von neuen Minister geleitet \u2013 oder umgekehrt. Die Reichswehr rettet mit Ach und Krach ihre alten Offiziere \u00fcber die Proteste der meuternden Soldaten.<\/p>\n<p>Dazu kommt eine zweite, in diesen Stunden noch wichtigere Bastion gegen die Revolution: Die F\u00fchrung der Arbeiterbewegung liegt in den H\u00e4nden der Mehrheits-Sozialdemokratie und der mit ihr verbundenen Gewerkschaftsapparate. An der Spitze: Der neue Reichskanzler Ebert, der nach eigenem Bekunden die Revolution hasst, wie die S\u00fcnde. Noch unterst\u00fctzen ArbeiterInnen massenhaft die (M)SPD, auch wenn die Zweifel wachsen. Die f\u00fcr Besch\u00e4ftigte und Arbeitslose katastrophale Politik der (M)SPD-F\u00fchrung dr\u00fcckt die ArbeiterInnen nach links, ohne dass diese schon offen mit ihrer alten Partei und F\u00fchrung gebrochen h\u00e4tten. Einerseits versuchen diese ArbeiterInnen noch, die SPD als Instrument zur Durchsetzung ihrer Forderungen zu benutzen. Andererseits agiert die F\u00fchrung mehr und mehr offen auf Seiten der Konterrevolution. Das charakterisiert zu diesem Zeitpunkt die Sozialdemokratie im Gegensatz zur heutigen SPD, einer rein die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse unterst\u00fctzenden Partei, die von ArbeiterInnen nicht mehr als Werkzeug zur Durchsetzung ihrer Klasseninteressen aktiv genutzt wird.<\/p>\n<p>Leo Trotzki, neben Lenin der F\u00fchrer der russischen Revolution, beschrieb die Aufgaben der Arbeiterklasse in Deutschland in der Prawda am 23. April 1919 so: \u201eDie russische Arbeiterklasse, die die Ok\u00adtoberrevolution vollbrachte, bekam von der vorherigen Epoche ein unbezahlbares Erbe in Gestalt einer zentralisierten revo\u00adlution\u00e4ren Partei. [\u2026] Die Geschichte gab der deutschen Arbei\u00adterklasse nichts derart. Sie ist gezwun\u00adgen, nicht nur um die Macht zu k\u00e4mpfen, sondern mitten im Verlauf des Kampfes ihre Organisation zu schaffen und k\u00fcnf\u00adtige F\u00fchrerInnen zu schulen. Es stimmt, dass unter den Bedingungen der revoluti\u00adon\u00e4ren Epoche diese Schulungsarbeit in fieberhaftem Tempo abl\u00e4uft, aber trotz\u00addem braucht ihre Vollendung Zeit. Beim Fehlen einer zentralisierten revolution\u00e4ren Partei mit einer Kampff\u00fchrung, deren Autorit\u00e4t von den Arbeitermassen allge\u00admein anerkannt wird; beim Fehlen eines f\u00fchrenden Kampfkerns und von F\u00fchrern, die in den verschiedenen Zentren und Regionen der proletarischen Bewegung in der Aktion erprobt und durch die Erfah\u00adrung getestet sind, bekam diese Bewe\u00adgung, nachdem sie auf den Stra\u00dfen aus\u00adbrach, notwendig einen schubweisen, chaotischen, kriechenden Charakter.\u201c<\/p>\n<p>Es gelingt den Herrschenden zun\u00e4chst, den Ansturm Ende 1918 auszuhalten, um dann Schritt f\u00fcr Schritt die Revolution zur\u00fcck zu dr\u00e4ngen. Im ganzen Jahr 1919 kommt es zu verschiedenen Wellen von Protesten, Streiks bis hin zu regionalen Aufst\u00e4nden \u2013 die immer wieder brutal von Reichswehr und Freikorps unterdr\u00fcckt werden. Tausende ArbeiterInnen und die bekanntesten und kl\u00fcgsten K\u00f6pfe der KPD werden ermordet, unter ihnen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Arbeiterklasse radikalisiert sich und wehrt sich \u2013 trotz zahlreicher Verluste. Immer wieder werden R\u00e4te gebildet, die die wachsende Radikalisierung widerspiegeln. Doch es mangelt an zentraler F\u00fchrung und einheitlichem Vorgehen: Viele Schlachten werden geschlagen \u2013 und verloren, weil eine Region nach der anderen von der geballten Macht der Reichswehr und der Freikorps angegriffen werden kann.<\/p>\n<p>Das ist die Ausgangslage des Kapp-Putsches. Die Reaktion f\u00fchlt sich ermutigt. Sie will einerseits dem Versailler Vertrag nicht Folge leisten, der Anfang 1920 in Kraft tritt und die Reduzierung der Reichswehr auf 100.000 Mann vorsieht \u2013 und andererseits die anhaltende Drohung einer weiteren Entfaltung der Revolution mit brutaler Gewalt beenden.<\/p>\n<h4>Kapp putscht<\/h4>\n<p>Unter der milit\u00e4rischen F\u00fchrung von Reichswehrgeneral Walther Freiherr von L\u00fcttwitz, der kurz zuvor abgesetzt worden war, marschieren in der Nacht zum 13. M\u00e4rz bewaffnete Einheiten auf Berlin. Viele tragen wei\u00dfe Hakenkreuze am Helm, Symbol einer v\u00f6lkisch-nationalen Gesinnung. Am morgen des 13. M\u00e4rz besetzt die Marinebrigade Erhardt Berlin. Ihr Kampflied: \u201eHakenkreuz am Stahlhelm \/ Schwarzwei\u00dfrot das Band \/ die Brigade Ehrhardt \/ werden wir genannt \/ Arbeiter, Arbeiter \/ wie mag es dir ergehn \/ wenn die Brigade Ehrhardt \/ wird einst in Waffen stehn \/ Die Brigade Ehrhardt \/ schl\u00e4gt alles kurz und klein \/ wehe dir, wehe dir \/ du Arbeiterschwein!\u201c<\/p>\n<p>Der ostpreu\u00dfischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp und L\u00fcttwitz erkl\u00e4ren die Regierung unter Reichspr\u00e4sident Ebert (SPD) f\u00fcr abgesetzt.<\/p>\n<p>Das Abenteuer wird durch einflussreiche Kapitalisten finanziert. Doch in den Reihen der deutschen Herrschenden gibt es die Sorge, dass ein Putsch von rechts die abgebogene Novemberrevolution erneut beleben k\u00f6nnte. Reichsinnenminister Erich Koch-Weser, b\u00fcrgerlicher Politiker der DDP (Deutsche Demokratische Partei), schreibt schon am morgen der Flucht nach Dresden, 13. M\u00e4rz: \u201eIch f\u00fcrchte nichts als den Gegensto\u00df von links. Verbindung aller Sozialisten, dann allerdings den Zusammensto\u00df einer wei\u00dfen und roten Armee. Wie sagte ich vor 5 Monaten in der Nationalversammlung nach rechts: \u201aIhr k\u00f6nnt den jungen Baum der Republik sch\u00fctteln, aber die Fr\u00fcchte fallen nicht Euch in den Scho\u00df.\u2018 [\u2026] Und wenn alles gut geht, wo bekommen wir ein neues Heer? Wer ersetzt Noske, der nach dieser Arglosigkeit nicht zu halten ist?\u201c<\/p>\n<p>Aus Sicht wachsender Teile des Kapitals hatte die (M)SPD ihre Schuldigkeit getan und den Sturz des Kapitalismus verhindert. Nun wird sie f\u00fcr die Ziele der Kapitalisten, das Rad der Geschichte weiter zur\u00fcck zu drehen zum Hindernis. O-Ton Hauptmann Waldemar Pabst, einer der Hauptverantwortlichen f\u00fcr den Mord an Luxemburg und Liebknecht: \u201eWir wollten und mussten zun\u00e4chst einmal &#8230; ein St\u00fcck mit der Sozialdemokratie zusammen marschieren, um unseren gemeinsamen Feind, den \u201aSpartakismus\u2018, abzuw\u00fcrgen. War dies gegl\u00fcckt, dann wollten wir unseren bisherigen Verb\u00fcndeten die Rechnung vom November 1918 vorlegen und von ihnen begleichen lassen.\u201c<\/p>\n<p>General Hans von Seeckt, der Oberbefehlshaber der Reichswehr (Chef des Truppenamtes) weigert sich, die Regierung gegen Kapp-L\u00fcttwitz zu verteidigen: \u201eTruppe schie\u00dft nicht auf Truppe\u201c. Die entscheidenden Milit\u00e4rs bef\u00fcrworten den Putsch. Einige Gener\u00e4le verhalten sich unter dem Druck der Proteste dem Putsch gegen\u00fcber passiv und \u201ebeschr\u00e4nken\u201c sich darauf, aktiv gegen Putsch-Gegner und den Generalstreik vorzugehen. Einige wenige unterst\u00fctzen die Regierung. In zahlreichen Garnisonen und Flottenstationen kommt es zur Weigerung von Mannschaften und Unteroffizieren, beim Sturz der Regierung mitzuwirken.<\/p>\n<p>Die Regierung kommt in der Nacht vom 12. auf den 13. zusammen, nachdem die Nachricht eingetroffen war, dass die Brigade Erhardt im Anmarsch sei. Ein Ministerialbeamter berichtet: \u201eReichskanzler Bauer und Unterstaatssekret\u00e4r Albert er\u00f6ffneten mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass der Herr Reichskanzler nach Dresden f\u00fchre.\u201c Pflichtschuldig erg\u00e4nzt er: \u201eDie Abfahrt erfolgte um 6 \u00bc Uhr.\u201c Doch es werden dann auch noch Ma\u00dfnahmen ergriffen; derselbe Ministerialbeamte: \u201eZun\u00e4chst wurden die amtlichen Stempel in Sicherheit gebracht, bis auf einen, der von der Geheimen Kanzlei unter Verschluss war, und der dann auch sp\u00e4ter von den Eindringlingen benutzt wurde.\u201c<\/p>\n<p>Ebert und die Reichsregierung unter Kanzler Gustav Bauer (ebenfalls SPD) fliehen zun\u00e4chst nach Dresden, dann nach Stuttgart. Berlin f\u00e4llt kampflos an die Putschisten.<\/p>\n<h4>Die Antwort der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>Sobald die Nachricht vom Putsch ArbeiterInnen und AktivistInnen erreicht, werden Zusammenk\u00fcnfte organisiert und die Lage er\u00f6rtert. ArbeiterInnen gehen unmittelbar dazu \u00fcber, Truppen die sich auf die Seite Kapp-L\u00fcttwitz gestellt haben, zu bek\u00e4mpfen. Noch am selben Tag verbreitet sich die Aufruf der Generalkommission der Gewerkschaften zum Generalstreik. Aktionsaussch\u00fcsse und Arbeiterr\u00e4te \u00fcbernehmen die Regelung des Lebens, Arbeitermilizen werden gebildet.<\/p>\n<p>Die Brandenburger Zeitung gibt einen der Redner auf einer zentralen Demonstration am 15. M\u00e4rz wieder: \u201eHeute wird die Arbeiterklasse wieder zu einer gemeinsamen, klassenbewussten Organisation zusammengeschwei\u00dft. Wir wissen, welche Macht in uns wohnt. Alle R\u00e4der stehen still, wenn unser starker Arm es will. Darum werden wir den Kampf durchhalten. Wir wollen Disziplin halten und keinerlei Unvorsichtigkeiten begehen. Die Anordnungen des Aktionsausschusses sind auf jeden Fall zu beachten.\u201c Dieser Aktionsausschuss wurde \u201eaus den Vorst\u00e4nden s\u00e4mtlicher Gewerkschaften und den sozialistischen Parteien\u201c gebildet.<\/p>\n<p>Der M\u00e4rkische Stadt- und Landbote berichtet, dass 28 bewaffnete Arbeiter die Polizei abgel\u00f6st haben und den Dienst versehen.<\/p>\n<p>In Chemnitz erkl\u00e4ren SPD, KPD und USPD gemeinsam am 13. M\u00e4rz: \u201eEin Aktionsausschuss, gebildet aus den drei Parteien: Sozialdemokraten, Kommunisten und Unabh\u00e4ngigen, hat im Bereich der Stadt Chemnitz und umgehend die politische Macht und vollziehende Gewalt \u00fcbernommen. Jede andere Beh\u00f6rde ist diesem Aktionsausschuss unterstellt [\u2026]. Die Technische Nothilfe [Einrichtung der Regierung gegen Streiks] und der B\u00fcrgerrat werden als aufgel\u00f6st erkl\u00e4rt. Die Einwohnerwehr ist umgebildet worden in eine Arbeiterwehr. Diese gilt als Organ der \u00f6ffentlichen Ordnung, und ihren Ma\u00dfnahmen ist unbedingt Folge zu leisten. [\u2026] Am Montag [15.3.] Vormittag versammeln sich die Arbeiter in den Betrieben, um die Wahl einer neuen K\u00f6rperschaft vorzunehmen, in deren H\u00e4nde die gesamte Macht gelegt wird. In den Betrieben wird nur gew\u00e4hlt, die Arbeit ruht bis zu anderer Anweisung des Aktionsausschuss. [\u2026] Jeder Betrieb mit \u00fcber 50 bis 100 Arbeitern w\u00e4hlt einen und f\u00fcr je weitere 100 Arbeiter einen weiteren Vertreter. Betriebe unter 50 Arbeitern m\u00fcssen zusammengelegt werden. [\u2026] Die Gew\u00e4hlten versammeln sich am Montag, dem 15. M\u00e4rz, nachmittags 3 Uhr\u201c.<\/p>\n<p>In Dresden wird das Telegraphenamt umk\u00e4mpft. 46 Tote und 200 Verletzte sind die Folge. In zahlreichen St\u00e4dten Sachsen bilden sich Aktionsaussch\u00fcsse. Am 18. M\u00e4rz tagt eine Versammlung der Arbeiterr\u00e4te Sachsens und beschlie\u00dft die Bildung von Arbeiterwehren, den Zusammenschluss der \u00f6rtlichen Arbeiterr\u00e4te und die Bildung eines zentralen Vollzugsausschusses.<\/p>\n<p>In Halle und Dessau \u00fcbernehmen Aktionsaussch\u00fcsse am 14. M\u00e4rz die Kontrolle. Der Gothaer Vollzugsrat erkl\u00e4rt am 14. M\u00e4rz: \u201eWahrlich, nicht den Ebert, Bauer und Genossen zuliebe appellieren wir an die schon mehrfach bewiesene revolution\u00e4re Kraft des Gothaer Proletariats in Stadt und Land. Es gilt, dem Sozialismus durch die v\u00f6llige Niederwerfung der Reaktion endlich, endlich die Bahn frei zu machen!\u201c<\/p>\n<p>In Hannover wird ein Aktionsausschuss aus SPD, USPD und Gewerkschaften eingesetzt. USPD, KPD und SPD unterzeichnen in Braunschweig am 14. M\u00e4rz gemeinsam einen Aufruf f\u00fcr den \u201eKampf f\u00fcr den revolution\u00e4ren Sozialismus!\u201c In Hamburg verk\u00fcnden die Gewerkschaften den Generalstreik und laden ihre Obleute (Vertrauensleute) zur Versammlung am Morgen des 15. M\u00e4rz. Der Deutsche Metallarbeiterverband ruft am 13. M\u00e4rz von Stuttgart aus zum Handeln, \u201eF\u00fcr den Sozialismus!\u201c<\/p>\n<p>Der Augenzeuge Karl Retzlaw fasst zusammen: \u201eAuf Schritt und Tritt von einer feindlichen Menge umgeben, geschlossene L\u00e4den, abends kein Licht und kein Kneipenbesuch, das alles lie\u00df das Selbstbewusstsein der Truppen schnell absinken.\u201c<\/p>\n<p>Der b\u00fcrgerliche Reichsinnenminister, Erich Koch-Weser, berichtet: \u201eReichswehr wird mehrfach von Arbeitern \u00fcberw\u00e4ltigt. (Hagen, Gera, Altenburg, Dresden.) Nun haben sie wieder Blut geleckt und sich an den Schie\u00dfpr\u00fcgel gew\u00f6hnt. In Hagen haben die Unabh\u00e4ngigen vier Kanonen. Nun k\u00f6nnen wir den Schweinestall wieder ausmisten.\u201c Und seine Hauptsorge beim \u201eAusmisten des Schweinestalls\u201c: \u201eStehen wir vor der R\u00e4terepublik? Deutschlands Untergang. Wir k\u00f6nnen uns nicht auf Soldateska st\u00fctzen, die eben gemeutert hat.\u201c An anderer Stelle schreibt Koch-Weser: \u201eAlle Gefahr besteht nur noch darin, dass die Kommunisten noch kommen, und das Milit\u00e4r sich f\u00fcr diese K\u00e4mpfe g\u00e4nzlich ausgeschaltet hat.\u201c<\/p>\n<p>Am Montag, dem 15. M\u00e4rz, geht in Deutschland gar nichts mehr. Der Generalstreik hat das Land im Griff.<\/p>\n<p>Erst versucht Kapp sich mittels versch\u00e4rfter Repression, milder, bonapartistischer Rhetorik (\u201eJede Klassenbevorzugung, sei es nach rechts oder nach links, soll endlich aufh\u00f6ren\u201c) und \u00fcber Verhandlungen mit der alten Regierung zu halten. Schwer bewaffnete Sicherheitspolizei versucht, den Streik zu brechen. Die Todesstrafe gegen alle Streikenden wird angedroht. Doch die Macht der Arbeiterklasse zwingt die Diktatoren in die Knie. Am 3. Tag des Generalstreiks kollabiert der Putsch. Kapp flieht nach Schweden. Von L\u00fcttwitz ernennt sich f\u00fcr wenige Stunden zum Reichskanzler, bevor er die Reichskanzlei in Begleitung von Ludendorff am 17. M\u00e4rz verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Noch beim Abzug erschie\u00dft die Brigade Ehrhardt zw\u00f6lf Menschen am Brandenburger Tor, Offiziere t\u00f6ten sieben Menschen in Steglitz, in K\u00f6penick werden f\u00fcnf Menschen von Soldaten ermordert.<\/p>\n<h4>Generalstreik geht weiter<\/h4>\n<p>Kapp war zur\u00fcck getreten, weil die von ihm losgetretene Reaktion der Arbeiterklasse die Herrschenden in Angst und Schrecken versetzte. Er erkl\u00e4rt in seiner R\u00fccktrittsmeldung, \u201edass die \u00e4u\u00dferste Not des Vaterlandes den einheitlichen Zusammenschluss aller gegen die vernichtende Gefahr des Bolschewismus verlangt\u201c.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokratische Fraktion der Nationalversammlung argumentierte: \u201eDer Generalstreik trifft bei l\u00e4ngerer Dauer nicht nur die Hochverr\u00e4ter, sondern auch unsere eigene Front. Wir brauchen Kohlen und Brot zur Fortf\u00fchrung unseres schweren Kampfes gegen die alten M\u00e4chte. Deshalb Abbruch des Volksstreiks!\u201c \u201eDie Ausrufung einer R\u00e4teregierung w\u00fcrde uns nur aus einer Krise in die andere st\u00fcrzen\u201c, lamentiert der Vorstand der SPD Gro\u00df-Berlin.<\/p>\n<p>Die gerade gerettete Regierung versucht, so schnell wie m\u00f6glich zur Tagesordnung zur\u00fcck zu kehren. Sofort liegt ihr Augenmerk darauf, die weiterhin anhaltenden Proteste der ArbeiterInnen zu beenden und \u2013 wo n\u00f6tig \u2013 zu unterdr\u00fccken. Sie ernennt General von Seeckt zum Oberbefehlshaber der Reichswehr \u2013 jenen General, der sich zu Beginn des Putsches geweigert hatte, die Regierung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das Standrecht und zahlreiche Erschie\u00dfungen unter Kapp-L\u00fcttwitz wurden sp\u00e4ter von den Gerichten der Weimarer Republik als rechtens angesehen. Die Putschisten wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil. Die meuternden Truppen, einschlie\u00dflich der Brigade Ehrhardt wurde unmittelbar eingesetzt, um die anhaltenden Proteste der ArbeiterInnen zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Denn die Arbeiterklasse ist keineswegs damit zufrieden, den Putschisten Kapp vertrieben zu haben.<\/p>\n<p>Am 18. M\u00e4rz ruft der ADGB (Gewerkschaftsbund, Vorl\u00e4ufer des heutigen DGB) und die AfA (Allgemeiner freier Angestelltenbund, Dachorganisation von Angestelltengewerkschaften) auf, weiterhin zu streiken: \u201eDer Generalstreik hat bisher den Erfolg gezeigt, dass die Kapp und L\u00fcttwitz beseitigt sind. Damit ist aber der Kampf noch nicht beendigt.\u201c Der Aufruf moniert die in Berlin immer noch die Stra\u00dfen beherrschende Soldateska, h\u00e4lt die R\u00fcckkehr von Noske als Oberbefehlshaber der Truppen f\u00fcr \u201eausgeschlossen\u201c und verlangt, \u201ealle unzuverl\u00e4ssigen Truppen restlos zu entfernen und zu entwaffnen.\u201c Doch die Forderungen gegen die Putschisten sind nicht alles. \u201eWir fordern entscheidende Mitwirkung bei der Neuordnung der Verh\u00e4ltnisse. [\u2026] Der Generalstreik ist fortzusetzen, bis unsere Forderungen erf\u00fcllt sind.\u201c<\/p>\n<p>ADGB, AfA und Beamtenbund legen ein Neun-Punkte-Programm vor, das unter anderem die Sozialisierung des Bergbaus und der \u201eKraftgewinnung\u201c, eine Entwaffung konterrevolution\u00e4rer Kr\u00e4fte und ein entscheidendes Mitspracherecht der Gewerkschaften bei Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik verlangt.<\/p>\n<p>Eine Mitschrift der Verhandlung zwischen Regierungsmitgliedern und Gewerkschaften \u00fcber dieses Neun-Punkte-Programm zeigt die Argumentation der Gewerkschaftsfunktion\u00e4re: \u201eVor wenigen Tagen wurde die Berliner Arbeitnehmerschaft von der alten Regierung aufgefordert, von dem \u00e4u\u00dfersten Kampfmittel Gebrauch zu machen. Die alte Regierung rief die Geister!! Jetzt kann man sie nicht mehr wieder ausschalten. In den Organisationen besteht ein gewisser Mangel an Vertrauen, ob es der Regierung allein gelingen w\u00fcrde, die n\u00f6tigen Reformen durchzuf\u00fchren. [&#8230;] Die Arbeiterschaft allein war die entscheidende Stelle, die uns wieder aus der Misere gebracht hat. [\u2026] Alles und jedes h\u00e4ngt nur von der Arbeiterschaft ab. [\u2026] Es wird den Gewerkschaften nicht leicht sein, die gesamte Arbeiterschaft zum Abbruch zu bewegen. [\u2026] In Berlin stark radikalisiert! Hinter der Aufforderung zum Abbruch muss positives Material stecken, sonst fehlt das Vertrauen.\u201c Legien dr\u00e4ngt auf Zugest\u00e4ndnisse, denn ohne Verst\u00e4ndigung \u201eist das nichts anderes als der B\u00fcrgerkrieg in Deutschland. Wir sind au\u00dferstande die Arbeiterschaft aus dem Kampf zur\u00fcck zu rufen, wenn wir nichts zeigen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Der Generalstreik wird entschlossen fortgesetzt.<\/p>\n<h4>Die KPD und der Kapp-Putsch<\/h4>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag des 13. M\u00e4rz kamen in Berlin vierzig f\u00fchrende Funktion\u00e4re der KPD zusammen. Ihnen lag der Aufruf von Legien zum Generalstreik vor. Karl Retzlaw, einer der Teilnehmer, berichtet: \u201eFriesland [Deckname f\u00fcr Ernst Reuter, damals linker KPDler, sp\u00e4ter SPD-B\u00fcrgermeister von West-Berlin] referierte: \u201aDie Ebert-Noske-Bauer sind stumm und widerstandslos in die Grube gefahren, die sie sich selber gegraben haben \u2026 Die Arbeiterschaft darf keinen Finger r\u00fchren f\u00fcr die in Schmach und Schande untergegangene Regierung der M\u00f6rder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs.\u2018 Budich, der am misstrauischsten war, erinnerte ironisch an einen fr\u00fcheren Ausspruch Legiens: \u201aGeneralstreik ist Generalunsinn!\u2018 Er riet abzuwarten und sprach die Vermutung aus, dass es sich bei diesem Milit\u00e4rputsch um eine abgekartete Sache zwischen Noske und der Reichswehr handeln k\u00f6nnte, um auch die USPD und die Gewerkschaften zerschlagen zu k\u00f6nnen. Budich hatte den st\u00e4rksten Beifall, als er ausrief: \u201aDie Wahl zwischen den Ebert- und Erhardtleuten ist eine Wahl zwischen Cholera und Pest, wir m\u00fcssen uns zur\u00fcckhalten, bis wir eine eigene Aktion durchf\u00fchren k\u00f6nnen.\u2018 Die Auffassungen Frieslands und Budichs wurden von allen Anwesenden unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag war eine weitere Sitzung der in Berlin anwesenden Mitglieder der Zentrale der KPD, die einen Aufruf an die Arbeiterschaft beschloss, in dem die Formulierungen Friedlands und Budichs w\u00f6rtlich \u00fcbernommen wurden. Der Aufruf wurde am folgenden Tag, einem Sonntag, in der \u2018Roten Fahne\u2019 ver\u00f6ffentlicht. \u201c<\/p>\n<p>Im Aufruf hei\u00dft es weiter: \u201eDie Arbeiterklasse, die gestern noch in Banden geschlagen war von den Ebert-Noske, und waffenlos, unter sch\u00e4rfstem Unternehmerdruck, ist in diesem Augenblick nicht aktionsf\u00e4hig.\u201c<\/p>\n<p>Doch in den Betrieben und auf der Stra\u00dfe zeigt sich ein komplett gegenteiliges Bild: Die Arbeiterklasse ist bereits dazu \u00fcbergegangen, zur\u00fcck zu schlagen. Jugendliche rebellieren. Die KPD muss ihre Position revidieren. Am 14. M\u00e4rz 1920 spricht sie sich f\u00fcr den Streik aus, ruft aber nicht zur Bewaffnung der ArbeiterInnen auf.<\/p>\n<p>In einem Flugblatt am 15. M\u00e4rz schreiben die Kommunisten: \u201eF\u00fcr den Generalstreik! Nieder mit der Milit\u00e4rdiktatur! Nieder mit der b\u00fcrgerlichen Demokratie! Alle Macht den Arbeiterr\u00e4ten! Die Kommunisten sind gegen die Regierung Ebert-Noske-Bauer, gegen die Wiederaufrichtung einer Regierung mit b\u00fcrgerlichem Unterbau, mit Parlament und Staatsb\u00fcrokratie, gegen die Neuwahl der Nationalversammlung. Arbeiter in Stadt und Land! Eure n\u00e4chste Aufgabe in allen Orten ist: Sofortiger Zusammentritt in allen Betrieben zur Neuwahl von Arbeiterr\u00e4ten. Sofortiger Zusammentritt der R\u00e4te zur Vollversammlung, die die Leitung des Kampfes zu \u00fcbernehmen und die \u00fcber die n\u00e4chsten Ma\u00dfnahmen zu beschlie\u00dfen haben. Sofortiger Zusammentritt der R\u00e4te zum Zentralkongress der R\u00e4te. Innerhalb der R\u00e4te werden die Kommunisten k\u00e4mpfen f\u00fcr die Diktatur des Proletariats, f\u00fcr die R\u00e4terepublik. Arbeiter! Geht nicht auf die Stra\u00dfen, versammelt Euch t\u00e4glich in den Betrieben! Lasst Euch nicht von den Wei\u00dfen Garden provozieren!\u201c<\/p>\n<p>Paul Levi, der KPD-Vorsitzende, versucht aus dem Gef\u00e4ngnis heraus die Politik zu korrigieren. Statt abstrakt richtige Positionen \u2013 R\u00e4terepublik und \u00dcberwindung b\u00fcrgerlicher Demokratie \u2013 zu beziehen, bestand die Aufgabe einer marxistischen F\u00fchrung darin, die Abwehrschlacht um die demokratischen Errungenschaften zu organisieren und davon ausgehend den Bogen zur Durchf\u00fchrung von Sozialisierungen, Aktionsaussch\u00fcssen als tats\u00e4chliche Vorformen von R\u00e4ten und Arbeiterbewaffnung zu schlagen. \u201eDiktatur des Proletariats\u201c bezeichnet hier nicht eine politische Diktatur, sondern die Ersetzung der Diktatur der Gro\u00dfkonzerne und Banken durch die demokratische Herrschaft der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung auch und gerade in den Betrieben durch Arbeiterdemokratie. Diese Aufgabe stellt sich. Doch die allgemein richtige, marxistische Position in dieser Form zu verk\u00fcnden, betont die Unterschiede genau zu den ArbeiterInnen, die zwar durchaus den Kampf gegen Kapp und f\u00fcr Sozialismus aufnehmen wollen, die aber noch skeptisch gegen\u00fcber dem Programm der KPD sind. Das erschwert die praktische Erprobung der Vorschl\u00e4ge der KPD im gemeinsamen Widerstand.<\/p>\n<p>Die Zentrale rechtfertigt sich auch am 15. oder 16. M\u00e4rz noch gegen\u00fcber Levi in dieser Frage: \u201eIn der Sache selbst ist die \u00fcbereinstimmende Ansicht der Zentrale, dass die am Sonnabend [13.3.] ausgegebene Parole auf einer Verkennung der Lage beruhte, dass jedoch die fernere Haltung der Zentrale diesen im Anfang gemachten Fehler sofort wieder ausglich. [&#8230;] Die von Ihnen angedeuteten Parolen sind zum gro\u00dfen Teil von der Zentrale als zutreffend anerkannt, nur schien es uns zweckm\u00e4\u00dfig, sie nicht gleich an den ersten Tagen auszugeben. Wesentliche Teile Ihrer Kritik an den Parolen der Zentrale sind als fehlgehend bezeichnet worden. Insbesondere war die Zentrale der Ansicht, dass es unumg\u00e4nglich n\u00f6tig war, die Losung der Arbeiterr\u00e4te und der R\u00e4tediktatur als allgemeine Losung (selbstverst\u00e4ndlich nicht als unmittelbare Kampfziele) gleich zu Beginn in die Bewegung zu werfen, um sie \u00fcber den Ausgangspunkt, den Kampf zur Verteidigung der Ebert-Republik, hinauszutreiben. \u201c<\/p>\n<p>Die Kunst von \u00dcbergangsforderungen, Forderungen die an den realen K\u00e4mpfen der ArbeiterInnen ansetzen und sie \u00fcber ihren Ausgangspunkt hinaustreiben und auf die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution hinweisen, wird hier mit ihrem Gegenteil verwechselt: Der abstrakten Proklamierung einzelner Forderungen der Ziele der KPD.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die KPD-F\u00fchrung mehr getriebene als treibende Kraft ist, stellt sich dies vor Ort anders dar. Karl Retzlaw beschreibt dies: \u201eDa fast alle Mitglieder der KPD gleichzeitig Gewerkschaftsmitglieder und auch Funktion\u00e4re waren, richteten sie sich nach den Parolen der Gewerkschaftsleitung, um nicht gegen die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Arbeiter zu stehen. Deshalb hatte die erste abwartende Parole der Berliner KPD auf den Verlauf des Abwehrkampfes faktisch keine Bedeutung gehabt. [\u2026] In den n\u00e4chsten Tagen erhielten wir Berichte, dass die KPD in anderen Gebieten, besonders im Ruhrgebiet und in Sachsen, sofort am ersten Tag zum Generalstreik aufgerufen hatte und dass ihre Vertreter fast \u00fcberall in den Streikleitungen sa\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Brandler, ein F\u00fchrer der KPD, berichtete aus Chemnitz, dass die KPD die erste Partei gewesen war, die zum Generalstreik, zur Entwaffnung der Kapitalisten, zur Bewaffnung der Arbeiter und zur Neuwahl von Arbeiterr\u00e4ten aufgerufen hatte. Dank der St\u00e4rke der KPD, so Brandler, war Chemnitz auch die erste Stadt, in der dies umgesetzt wurde. Auch in anderen Orten ist die KPD besser aufgestellt. Dies unterstreicht, was m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte die KPD die ersten Stunden des Generalstreiks unmittelbar genutzt.<\/p>\n<h4>F\u00fcr eine Einheitsfront<\/h4>\n<p>Die Haltung der KPD-F\u00fchrung war ultra-links, das hei\u00dft, sie begn\u00fcgte sich mit revolution\u00e4ren Phrasen und zielte nicht darauf ab, die Mehrheit der Arbeiterklasse zu aktivieren und im gemeinsamen Kampf von den eigenen Positionen zu \u00fcberzeugen, um die Verh\u00e4ltnisse wirklich zu ver\u00e4ndern. Doch diese Einstellung der KPD-F\u00fchrung dr\u00fcckte nicht nur ihre eigene Unerfahrenheit in der Leitung von Massenk\u00e4mpfen aus. Sie widerspiegelte auch den Willen eines wichtigen Teiles der Arbeiterklasse in Deutschland, die den Mord an Luxemburg und Liebknecht, die Verfolgung und T\u00f6tung von Tausenden der aktivsten GewerkschafterInnen und SozialistInnen durchaus richtig der SPD zuordnen konnten und einen radikalen Bruch mit dem Kapitalismus verfolgten.<\/p>\n<p>Aufgabe einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung war es, diese Schichten des Proletariats darauf zu orientieren, eine Mehrheit \u2013 die noch nicht mit der SPD gebrochen hatte \u2013 im gemeinsamen Interesse aller ArbeiterInnen zur Verteidigung der Klasseninteressen zu aktivieren und im Kampf von der Notwendigkeit der n\u00e4chsten Schritte zu \u00fcberzeugen. Die KPD war zu unerfahren und zu wenig verankert in breiteren Teilen der Arbeiterklasse, um diese Rolle zu spielen. Sie dr\u00fcckte nur selbst diese Haltung aus \u2013 und ihre F\u00fchrung behielt sie bei, als gro\u00dfe Teile der Unterst\u00fctzerInnen l\u00e4ngst den gemeinsame Kampf gegen Kapp und Co aufgenommen hatten.<\/p>\n<p>Doch h\u00e4tte die KPD etwa zur Verteidigung der M\u00f6rder von Luxemburg und Liebknecht, der verhassten Ebert-Regierung, aufrufen sollen? Im Gegensatz zur KPD-F\u00fchrung verstanden Millionen ArbeiterInnen, dass der Angriff von Kapp und L\u00fcttwitz nicht in erster Linie der Regierung galt, sondern allen Errungenschaften der Novemberrevolution, inklusive Acht-Stunden-Tag und gewerkschaftlicher Rechte. Diese galt es zu verteidigen, ohne Vertrauen in die Regierung.<\/p>\n<p>Die Kommunistische Internationale diskutierte die Erfahrungen und zog auf ihrem Kongress 1921 die Schlussfolgerung, dass die Strategie der \u201eEinheitsfront\u201c n\u00f6tig ist, um den Kommunistischen Parteien zu erm\u00f6glichen, eine Mehrheit der Arbeiterklasse zu gewinnen: Nur indem sie die konkreten K\u00e4mpfe der Arbeiterklasse f\u00fchren und sie voran treiben, k\u00f6nnen Kommunisten der Masse der Arbeiterklasse, die ihr noch skeptisch gegen\u00fcber steht, von der Richtigkeit ihrer Positionen \u00fcberzeugen. Auch wenn die sozialdemokratischen F\u00fchrer klare Politik im Interesse des Kapitals machten, so sahen doch noch viele ArbeiterInnen die sozialdemokratischen Parteien als ihre Parteien an. Sie stellten damals die Basis dieser Organisationen. Gerade die klassenm\u00e4\u00dfige Einheit aller Arbeiterparteien \u2013 damals: SPD, USPD und KPD \u2013 im Kampf um die Interessen der Klasse sollte die Grundlage bilden, die bestm\u00f6gliche Politik f\u00fcr die Arbeiterklasse sichtbar zu machen. Die SPD versuchte alles, um sich hinter ihren b\u00fcrgerlichen Koalitionspartnern zu verstecken. Eine Politik, die offen und erkl\u00e4rterma\u00dfen nur von den Parteien der ArbeiterInnen getragen wird \u2013 eine Einheitsfront aller ArbeiterInnen und ihrer Organisationen und Parteien \u2013, bietet keine solchen Ausfl\u00fcchte. Im praktischen Kampf \u2013 zum Beispiel gegen die Reaktion um Kapp \u2013 h\u00e4tte sichtbar gemacht werden k\u00f6nnen, wer wirklich einen Ausweg aufzeigen kann.<\/p>\n<h4>Gewerkschaften und Arbeiterregierung<\/h4>\n<p>Der Generalstreik vertreibt innerhalb von weniger als 100 Stunden die Putschisten. Er wird dann fortgesetzt, um die sozialen Interessen der K\u00e4mpfenden zu verwirklichen. Er verdeutlicht die Macht der Arbeiterklasse \u2013 und steigert ihr Selbstbewusstsein. Am weitesten geht in Chemnitz und im Ruhrgebiet eine neue Welle der Bildung von R\u00e4ten und deren Vernetzung. Aber der Generalstreik stellt \u00fcberall in Deutschland die Frage: Wer organisiert das t\u00e4gliche Leben? Wer entscheidet? Wer regiert? Und die Antwort ist ein Netz von Vollzugsr\u00e4ten, Aktionskomitees und \u00e4hnlichen Organen, gebildet von Gewerkschaften und Arbeiterparteien. Der Kampf gegen die Putschisten durch den Generalstreik f\u00fchrt dazu, dass diese Organe der Arbeiterbewegung zu revolution\u00e4ren Zentren werden, was auf ganz praktische Weise die Frage der Macht im allgemeinen und die Zusammensetzung der Regierung im Besonderen auf die Tagesordnung setzt. Es liegt in der Natur einer allgemeinen Arbeitsniederlegung diese Frage zuzuspitzen, erst recht bei einem unbefristeten Generalstreik.<\/p>\n<p>Da die Gewerkschaftschefs zum allgemeinen Ausstand aufgerufen hatten, als Noske und Ebert davon gerannt waren, richten sich viele Blicke auf sie: Welche L\u00f6sung dieser Frage w\u00fcrde von ihnen kommen? Und die Erwartungen waren hoch. Carl Legien wusste, dass die Arbeiter nicht ihre Haut riskiert hatten, um am Ende wieder mit Ebert und Noske abgespeist zu werden.<\/p>\n<p>Seit 1890 war Carl Legien Vorsitzender der \u201eGeneralkommission der Gewerkschaften Deutschlands\u201c. Er war ein f\u00fchrender Vertreter des rechten Fl\u00fcgels der SPD, hatte zahlreiche Schlachten gegen die Parteilinken gef\u00fchrt, in der \u201eMassenstreik-Debatte\u201c 1905\/06 die Linken bek\u00e4mpft und im November 1918 durch die Zusammenarbeit mit den Unternehmern geholfen, die Abschaffung des Kapitalismus zu verhindern. Nun auf einmal findet er sich wieder als F\u00fchrer eines unbefristeten Generalstreiks, fordert die Verstaatlichung der Gruben und eine sozialistische Arbeiterregierung unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Schon seine bisher wiedergegebenen Zitate machen deutlich: Er hat seinen Standpunkt keinen Millimeter verr\u00fcckt \u2013 doch er sp\u00fcrt durch die Gewerkschaften den Druck des Klassenkampfs. Seine Angst, die Kontrolle \u00fcber die Gewerkschaftsmitglieder zu verlieren, ist gr\u00f6\u00dfer, als seine Furcht vor radikalen Ma\u00dfnahmen, die ihm im Grunde nach wie vor widerstreben. Seine Argumentation f\u00fcr die Einheit der \u201esozialistischen Parteien\u201c ist der Versuch, die ArbeiterInnen \u00fcber diese Einheit zur\u00fcck zu halten und zu bremsen.<\/p>\n<p>Am 17. M\u00e4rz macht Legien daher der USPD den Vorschlag, eine Arbeiterregierung aus Gewerkschaften, USPD und (M)SPD zu bilden. Er begr\u00fcndet dies auch damit, dass von nun an niemand mehr in Deutschland gegen die Gewerkschaften regieren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Crispien, F\u00fchrer des rechten Fl\u00fcgels der USPD, weist diesen Vorschlag zur\u00fcck, da er nicht mit Leuten an einem Tisch sitzen k\u00f6nne, die Arbeiter ermordet haben \u2013 bezogen auf die MSPD -, und mit Betr\u00fcgern der Arbeiterklasse \u2013 bezogen auf die Generalkommission des ADGB, von der ihm gerade dieser Vorschlag unterbreitet worden war. D\u00e4umig, ein F\u00fchrer des linken Fl\u00fcgels, unterst\u00fctzt ihn in dieser Haltung. Eine Mehrheit der F\u00fchrung der USPD best\u00e4tigt diese Haltung, trotz einiger gegenteiliger Stimmen, die f\u00fcrchten, von den Millionen Streikenden nicht verstanden zu werden.<\/p>\n<p>Damit scheitert Legiens Vorsto\u00df f\u00fcr eine Arbeiterregierung am 17. M\u00e4rz zun\u00e4chst vor allem an der Haltung des linken Fl\u00fcgels der USPD unter F\u00fchrung von D\u00e4uming (der bereits f\u00fcr den Anschluss der USPD an die Komintern argumentierte). Dies geschieht auch unter den Slogans der KPD, die am 17. M\u00e4rz die Parole in der \u201eRoten Fahne\u201c verbreitet: \u201eKeine rein sozialistische Regierung mit dem Parlament als Grundlage\u201c.<\/p>\n<p>Als der Streik nach Verhandlungen am 21. und 22. M\u00e4rz abgesagt werden sollte, kommt die Debatte zum ersten Mal vor gr\u00f6\u00dferem Publikum, dem Streik-Komitee von Gro\u00df-Berlin, zur Sprache. Die ArbeiterInnen an der Ruhr werden von der Reichswehr angegriffen. Ein Bote bittet um Hilfe. Der Generalstreik solle beendet werden \u2013 ohne dass die Forderungen real erf\u00fcllt worden w\u00e4ren. Wie soll es weiter gehen?<\/p>\n<p>D\u00e4umig erl\u00e4utert hier nun seine Haltung gegen eine Arbeiterregierung. Die Anwesenden Mitglieder der KPD erkl\u00e4ren, zum ersten Mal von Legiens Vorschlag zu h\u00f6ren. Sie k\u00f6nnten nur als Individuen darauf antworten. Jacob Walcher (KPD) er\u00f6rterte dann aber, dass eine solche Regierung, wie von den Gewerkschaften vorgeschlagen, eine \u201esozialistische Regierung gegen Ebert und Haase\u201c w\u00e4re, die sich nicht formal f\u00fcr die Diktatur des Proletariats erkl\u00e4ren m\u00fcsse, um \u2013 allein durch ihre Existenz \u2013 einen Schritt nach Vorne darzustellen, ein Sieg f\u00fcr die Arbeiterbewegung. An die Gewerkschaftsvertreter gewandt erkl\u00e4rt er, wenn sie wirklich gewillt seien, die Arbeiter zu be- und die Konterrevolution zu entwaffnen, die Verwaltungen von Reaktion\u00e4ren zu s\u00e4ubern, dann bedeute das B\u00fcrgerkrieg. In diesem Falle sei es nicht nur selbstverst\u00e4ndlich, dass die KPD eine solche Regierung unterst\u00fctzt, sondern sie st\u00fcnde in der vordersten Reihe des Kampfes. Sollte diese Regierung aber das von den Gewerkschaften aufgestellte Programm verraten und die Arbeiter betr\u00fcgen, dann werde die KPD \u2013 mit der Unterst\u00fctzung aus den Reihen der Gewerkschaften selbst \u2013 mit allen Mitteln gegen sie k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die (M)SPD versucht alles, um die USPD von der KPD fern zu halten. H\u00e4tte die KPD entschlossen agiert, k\u00f6nnte sie enormen Einfluss auf die USPD aus\u00fcben. Auch die Frage des Streik-Abbruchs h\u00e4ngt entscheidend an der USPD. Doch die Interventionen \u2013 wie hier von Walcher \u2013 blieben die Ausnahme. Die KPD-Zentrale befindet sich im Zustand von Verwirrung und L\u00e4hmung: Am 22. M\u00e4rz ringt sie sich zu einer Stellungnahme zur Frage der Arbeiterregierung durch \u2013 und weist sie zur\u00fcck. Die Zentrale erkl\u00e4rt, dass sie die Bildung einer Koalition aus Gewerkschaften und USPD nicht unterst\u00fctze.<\/p>\n<h4>Streik-Ende und Blutbad an der Ruhr<\/h4>\n<p>F\u00fcr die Masse der Streikenden ist dies ein fatales Signal: Da keine Regierung im Interesse der ArbeiterInnen in Reichweite scheint \u2013 was bleibt \u00fcbrig, als sich mit der existierenden Regierung zu einigen? Die F\u00fchrung der Arbeiterklasse liegt zu diesem Zeitpunkt am ehesten bei der USPD, die aber stark von der KPD beeinflusst ist. Das Schwanken von USPD und KPD gibt der Regierung die n\u00f6tige Zeit und sorgt f\u00fcr Konfusion bei den ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wird in Verhandlungen zwischen ADGB, AfA, Berliner Gewerkschaftskommission, der USPD und der SPD am 22. M\u00e4rz der Generalstreik im Gegenzug f\u00fcr vage Versprechungen der Unterst\u00fctzung der Positionen der Gewerkschaften f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Die KPD schl\u00e4gt noch einige Pirouetten: Am 23. M\u00e4rz \u00e4ndert die Zentrale der KPD ihre Haltung wieder und akzeptiert nun den von Walcher vorgetragenen Standpunkt, den auch Pieck unterst\u00fctzt. Sie erkl\u00e4rt, dass der Kapp-Putsch das Ende der Koalition zwischen B\u00fcrgerlichen und Sozialdemokratie bedeute und der Kampf gegen die Milit\u00e4rdiktatur das Ziel verfolge, die politische Macht und Handlungsf\u00e4higkeit des Proletariats zu erweitern bis zu dem Punkt, an dem die Macht der Bourgeoisie gebrochen werden k\u00f6nne. Doch zu sp\u00e4t. Die Chance ist verpasst.<\/p>\n<p>Am 26. bietet Ebert Legien den Posten als Reichskanzler an, mit der Aufgabe eine Regierung zu bilden \u2013 und f\u00fchrt ihn damit nur noch vor. Die Generalkommission der Gewerkschaften lehnt dies ab. Sie erkl\u00e4rt, dass sie nicht auf sich allein gestellt die Regierungsverantwortung \u00fcbernehmen k\u00f6nne, speziell da jetzt das Feuer der b\u00fcrgerlichen Presse \u2013 die seit Streikabbruch wieder erscheint \u2013 auf sie und ihren Status als Gegen-Regierung gerichtet sei.<\/p>\n<p>Die Gelegenheit ist vor\u00fcber. Ebert akzeptiert als Bauernopfer die Absetzung Noskes. Dann ernennt er seinen Parteigenossen Herbert M\u00fcller zum Kanzler.<\/p>\n<p>Das Z\u00f6gern bei der Regierungsfrage hatte den Spielraum f\u00fcr die Stabilisierung der Regierung er\u00f6ffnet. Und diese St\u00e4rkung nutzen Ebert und Reichswehr sofort, um gegen die noch k\u00e4mpfenden ArbeiterInnen vorzugehen. In vielen St\u00e4dten Deutschlands gibt es Arbeitermilizen unter der Kontrolle von R\u00e4ten und Aktionskomitees. Aber besonders im Ruhrgebiet breiten sich R\u00e4te rasant aus und die milit\u00e4rische Konfrontation mit der Konterrevolution wird entschlossen angegangen. Unmittelbar als Reaktion auf den Putsch bildet sich eine \u201eRote Ruhr-Armee\u201c. Die ArbeiterInnen im Ruhrgebiet sind ihren Kollegen im Rest Deutschlands so weit voraus, dass nun ihre Isolierung droht. Am 23. M\u00e4rz wird in Bielefeld zwischen Regierung und Arbeiterr\u00e4ten verhandelt. Ein Tag sp\u00e4ter wird das \u201eBielefelder Abkommen\u201c geschlossen. Dort wird festgehalten, dass die Putschisten den Gerichten \u00fcbergeben werden, die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften entscheidenden Einfluss auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik erhalten \u2013 wenn der Generalstreik abgebrochen und die Arbeiter entwaffnet werden. Doch die Verhandlungen dienen f\u00fcr die Regierung nur dem Ziel, die rebelllierenden Arbeiter zu spalten und die eigenen Kr\u00e4fte zu sammeln. Bereits am 25. M\u00e4rz brechen Truppen der Reichswehr das Abkommen. In Richtung L\u00fcnen\/Dortmund erfolgt ein erster Vormarsch. Am 28. M\u00e4rz stellt die Reichsregierung ein Ultimatum bis zum 30. M\u00e4rz zur vollst\u00e4ndigen Entwaffnung der Arbeiter und Aufl\u00f6sung der Roten Armee. Fallls diese Bedingungen angenommen werden, \u201ewird die Reichsregierung von einem Angriff absehen. Andernfalls erh\u00e4lt der Inhaber der vollziehenden Gewalt [General von Watter] Freiheit des Handelns\u201c.<\/p>\n<p>Die ADGB-F\u00fchrung gibt der Reichswehr \u2013 keine zwei Wochen nach der Debatte um eine Arbeiterregierung \u2013 freie Hand: Zwischen dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und der Reichsregierung wird am 31. M\u00e4rz eine Vereinbarung zum Einmarsch der Reichswehr ins Ruhrgebiet getroffen, die es der Reichswehr erlaubt, gegen alle waffentragenden Arbeiter vorzugehen, und Standgerichte nur dort ablehnt, wo die Waffenniederlegung erfolgt sei. \u201eZwischen der Reichsregierung und den Gewerkschaften besteht vollkommene \u00dcbereinstimmung\u201c, endet die \u00dcbereinkunft.<\/p>\n<p>Da das \u201eBielefelder Abkommen\u201c auch von der Reichswehr und den Freikorps nicht beachtet wird, l\u00f6sen sich auch die Arbeiterwehren nicht auf. Sie werden daraufhin brutal zerschlagen. \u201eUnd wie im deutschen B\u00fcrgerkrieg \u00fcblich, wurden nach der Niederlage der Arbeiterwehren mehr als doppelt so viele Arbeiter nachtr\u00e4glich ermordet, als im Kampf gefallen waren.\u201c (Karl Retzlaw, \u201cSpartakus \u2013 Aufstieg und Niedergang \u2013 Erinnerungen eines Parteiarbeiters\u201d)<\/p>\n<p>\u201eDass die Rote Ruhrarmee geschlagen werden konnte, lag daran, dass sie von den anderen Arbeitern isoliert k\u00e4mpfte und Reichswehrverb\u00e4nde und Polizeitruppen auf das Ruhrgebiet konzentriert worden waren\u201c (Oskar Hippe, \u201e&#8230; und unsere Fahn\u2018 ist rot\u201c). Es liegt aber auch am Mangel an Koordination und F\u00fchrung. Ein Teil der R\u00e4te erkennt das Bielefelder Abkommen an \u2013 ein Teil nicht. Es entstehen unz\u00e4hlige verschiedene revolution\u00e4re Milit\u00e4rleitungen, die unabh\u00e4ngig voneinander oder gegeneinander agieren.<\/p>\n<h4>Die Komintern und die Arbeiterregierung<\/h4>\n<p>Auch aufgrund der Erfahrungen in Deutschland wurde die \u201eArbeiterregierung\u201c auf Kongressen der Kommunistischen Internationale immer wieder diskutiert. Leo Trotzki fasst die Diskussionen auf dem vierten Kongress der Komintern, 1922, zur Frage der Arbeiterregierung zusammen: \u201eAus der Einheitsfront ergibt sich die Pa\u00adrole der Arbeiterregierung. [&#8230;] Wir KommunistInnen wissen nat\u00fcrlich, dass eine wirkliche Arbeiterregierung in Europa errichtet werden wird, nachdem das Pro\u00adletariat die Bourgeoisie zusammen mit ih\u00adrer demokratischen Maschinerie st\u00fcrzt und die proletarische Diktatur unter der F\u00fchrung der Kommunistischen Partei er\u00adrichtet. Aber um dies herbeizuf\u00fchren, ist es notwendig, dass das europ\u00e4ische Proletariat mehrheitlich die kommunisti\u00adsche Partei unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Das ist noch nicht so und so sagen un\u00adsere kommunistischen Parteien bei jeder passenden Gelegenheit: \u201aSozialdemokra\u00adtische ArbeiterInnen, syndikalistische, anarchistische und parteilose ArbeiterIn\u00adnen! L\u00f6hne werden gek\u00fcrzt; immer weni\u00adger bleibt vom Achtstundentag; die Le\u00adbenshaltungskosten schnellen empor. Solche Sachen w\u00fcrde es nicht geben, wenn sich alle ArbeiterInnen trotz ihrer Differenzen vereinigen und ihre eigene Arbeiterregierung einsetzen w\u00fcrden.\u2018<\/p>\n<p>Und so wird die Parole der Arbeiterregie\u00adrung ein Keil, der von den KommunistIn\u00adnen zwischen die Arbeiterklasse und alle anderen Klassen getrieben wird; und in\u00adsoweit die f\u00fchrenden Kreise der Sozial\u00addemokratie, die Reformisten, mit der Bourgeoisie verbunden sind, wird dieser Keil immer mehr bewirken, dass die lin\u00adken sozialdemokratischen ArbeiterInnen von ihren F\u00fchrern weggezogen werden, und er bewirkt das bereits.\u201c<\/p>\n<p>Die KPD leitet Anfang 1923 aus ihren Erfahrungen ab: \u201eDie Arbeiterregierung ist weder die Diktatur des Proletariats noch ein friedlicher, parlamentarischer Aufstieg zu ihr. Sie ist ein Versuch der Arbeiterklasse im Rahmen und vorerst mit den Mitteln der b\u00fcrgerlichen Demokratie, gest\u00fctzt auf proletarische Organe und proletarische Massenbewegungen, Arbeiterpolitik zu treiben, w\u00e4hrend die proletarische Diktatur bewusst den Rahmen der Demokratie sprengt, den demokratischen Staatsapparat zerschl\u00e4gt, um ihn durch proletarische Klassenorgane zu ersetzen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterregierung ist eine Regierung von Arbeiterparteien, die den Versuch macht, gegen\u00fcber der Bourgeoisie eine proletarische Politik zu treiben durch Abw\u00e4lzung der Lasten auf die besitzende Klasse, w\u00e4hrend die bisherige Koalitionspolitik der SPD zur Abw\u00e4lzung aller Lasten auf die Arbeiterklasse gef\u00fchrt hat. Eine solche Arbeiterregierung kann aber nur proletarische Politik treiben und das Programm der proletarischen Einheitsfront verwirklichen, wenn sie sich auf die breiten Massen der Arbeiterschaft und ihre Organe st\u00fctzt, die aus der Einheitsfrontbewegung entstehen (Betriebsr\u00e4te, Kontrollaussch\u00fcsse, Arbeiterr\u00e4te und so weiter) sowie auf die bewaffnete Arbeiterschaft.\u201c<\/p>\n<h4>Linksverschiebung geht weiter<\/h4>\n<p>Der Kapp-Putsch zeigte die geballte Macht der Arbeiterklasse. Allein die F\u00fchrung von USPD und dahinter der KPD waren nicht in der Lage, eine reichsweite Strategie zur Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse anzubieten. Das w\u00e4re n\u00f6tig gewesen, um mit der Quelle der Konterrevolution, der Herrschaft der Konzernherren, Schluss zu machen.<\/p>\n<p>So verloren erneut Tausende ihr Leben. Die konterrevolution\u00e4ren Freikorps pfl\u00fcgten durchs Ruhrgebiet. Antisemitische Pogrome wurden inszeniert, um die aufgestaute Wut und Unzufriedenheit zu kanalisieren und der Raserei der Reaktion freien Lauf zu lassen.<\/p>\n<p>Doch noch blieb Zeit f\u00fcr die F\u00fchrung der Arbeiterbewegung, die n\u00f6tigen Lehren zu ziehen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse orientiert sich weiter nach links. Bei den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920 f\u00e4llt die SPD um 18 Prozentpunkte gegen\u00fcber der Wahl im Januar 1919 und erh\u00e4lt noch 21,7 Prozent. Die USPD w\u00e4chst von 7,6 auf 17,9 Prozent und erh\u00e4lt 4,9 Millionen Stimmen. Die KPD tritt zum ersten mal an und erreicht 2,1 Prozent.<\/p>\n<p>Eine Mehrheit der USPD akzeptiert im Oktober die 21 Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale, das macht den Weg frei zur Fusion mit der KPD.<\/p>\n<p>So folgt im November der Vereinigungsparteitag, auf dem sich eine deutliche Mehrheit der USPD mit der KPD zusammenschloss. Aus der KPD von 3.000 bis 4.000 Mitgliedern und 78.000 Mitglieder nach dem Kapp-Putsch wird die Vereinigte KPD (VKPD), eine Massenpartei mit rund 375.000 Mitgliedern.<\/p>\n<p>Neue Wellen von revolution\u00e4rem Ansturm folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Warum gelang 1933 gegen Hitler kein \u00e4hnlicher Kampf?<\/h4>\n<p>Karl Retzlaw, Aktivist der KPD, nennt den Kapp-Putsch \u201edie voreilige Generals-Machtprobe\u201c: \u201eIm ganzen gesehen, war der Kapp-L\u00fcttwitz-Putsch eine voreilige Machtprobe gewesen, ein vorzeitiges Vorprellen der Reaktion, die noch keine Massenbasis in der Bev\u00f6lkerung hatte. Alles was die Kapp-L\u00fcttwitz-Putschisten forderten und noch mehr, sollte erst 13 Jahre sp\u00e4ter in Erf\u00fcllung gehen: Zerschlagung der gesamten Arbeiterbewegung, Wiederaufr\u00fcstung, Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden und Revanchekrieg.\u201c<\/p>\n<p>1933 setzte das deutsche Kapital alles auf eine Karte, um sich der st\u00e4ndig zuvor drohenden Gefahr der Revolution zu entledigen: Eine faschistische, kleinb\u00fcrgerliche Massenbewegung wurde genutzt, um alle Formen von Demokratie und Selbstorganisation der Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Bedroht in die Masse der Arbeiterklasse abzusinken und von der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Konkurrenz an die Wand gedr\u00fcckt, suchte das Kleinb\u00fcrgertum einen radikalen Ausweg. Erst die Entt\u00e4uschung \u00fcber die ausbleibende Revolution der Arbeiterklasse lie\u00df Massen aus den Zwischenschichten verst\u00e4rkt auf Hitler setzen. Verarmte Schichten am unteren Rand der Arbeiterklasse halfen, die Reihen der Faschisten zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Kapp und Konsorten verf\u00fcgten noch nicht \u00fcber eine solche soziale Basis in Form einer Massenbewegung. Daher kann der Kapp-Putsch auch nicht als faschistisch bezeichnet werden, auch wenn im Falle eines Erfolgs zweifelsohne ein brutales Vorgehen gegen ArbeiterInnen und ihre Organisationen drohten.<\/p>\n<p>Auch 1933 gab es Widerstand aus der Arbeiterklasse, bewaffnete Formationen aus KPD, Gewerkschaften und SPD gegen die Nazis und \u2013 bei Hitlers Machtergreifung \u2013 auch vereinzelte regionale Streiks. Doch 1920, im Aufschwung der Revolution, f\u00fchrten Entt\u00e4uschungen \u00fcber die Politik der SPD zu einer Suche nach radikalen Antworten von Links, in der Richtung des Beispieles der Russischen Revolution. Die Entt\u00e4uschung \u00fcber die Fehler der KPD 1923 und ihr Versagen nach ihrer Stalinisierung f\u00fchrten zu einer Demoralisierung in den Reihen der Arbeiterklasse. Die KPD betrieb 1933 eine ultra-linke Politik, die ihre Fehler 1920 noch in den Schatten stellte: die SPD wurde den Nazis gleichgesetzt, Stalin erkl\u00e4rte Faschismus und Sozialdemokratie zu Zwillingen. Das schnitt jeglichen Zugang zu einer Arbeitereinheitsfront ab. Nur mit ihr h\u00e4tte es der KPD gelingen k\u00f6nnen, um die Mehrheit in der Arbeiterklasse zu k\u00e4mpfen und die SPD-Unterst\u00fctzer in den Kampf einzubeziehen. Das h\u00e4tte gegen den massiven Widerstand der SPD-F\u00fchrung geschehen m\u00fcssen, die die KPD als \u201erotlackierte Nazis\u201c beschimpfte und alles tat, um die Klasseneinheit zu verhindern.<\/p>\n<p>Eine entschlossene, marxistische F\u00fchrung h\u00e4tte die Arbeiterklasse im Kampf gegen Hitler vereinen und die schwankenden Zwischenschichten erneut anziehen k\u00f6nnen. Doch ohne eine solche Politik der Arbeiterbewegung, nach Jahren revolution\u00e4rer Anspannung und immer wieder erneuten Schl\u00e4gen der Konterrevolution, war nicht nur die Chance zur Revolution verpasst. Die deutsche Arbeiterbewegung wurde geschlagen und der Weg zur physischen Liquidierung von Kommunisten, Gewerkschaftern, Sozialdemokraten, J\u00fcdinnen und Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma sowie zur Entfesselung des 2. Weltkriegs f\u00fcr den Hitlerfaschismus war frei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ArbeiterInnen k\u00e4mpfen um Verstaatlichung der Schl\u00fcsselindustrien<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,99],"tags":[257],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25574"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25574"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25574\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}