{"id":25282,"date":"2013-07-17T13:29:29","date_gmt":"2013-07-17T11:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25282"},"modified":"2013-07-10T13:31:53","modified_gmt":"2013-07-10T11:31:53","slug":"irland-kuerzungspolitik-und-zunahme-haeuslicher-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/07\/irland-kuerzungspolitik-und-zunahme-haeuslicher-gewalt\/","title":{"rendered":"Irland: K\u00fcrzungspolitik und Zunahme h\u00e4uslicher Gewalt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Kommentar zum Jahresbericht der irischen Frauenrechtsorganisation \u201eWomen\u00b4s Aid\u201c von Joe Higgins, irischer Parlamentsabgeordneter der \u201eSocialist Party\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Irland)<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBei h\u00e4uslicher Gewalt handelt es sich um ein schweres Verbrechen gegen Frauen und Kinder in der Gesellschaft, aber auch um eines, das im Verborgenen stattfindet und kleingeredet wird\u201c, so die Worte von Margaret Martin, der Vorsitzenden von \u201eWomen\u2019s Aid\u201c, bei der Vorstellung des Jahresberichts ihrer Organisation f\u00fcr das Jahr 2012.<\/p>\n<p>In ihrer Einleitungsrede anl\u00e4sslich der Ver\u00f6ffentlichung des Jahresberichts erg\u00e4nzte sie: \u201eDie Leute fragen oft, warum die Frauen nicht einfach fliehen. Wenn es doch nur so einfach w\u00e4re! Die Rezession hat die zur Verf\u00fcgung stehenden M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen, die Opfer h\u00e4uslicher Gewalt geworden sind, stark eingeschr\u00e4nkt. Viele Opfer berichten, dass sie noch tiefer in der Falle einer Beziehung stecken, in der Missbrauch stattfindet. Es zerbricht einem das Herz, Frauen zuzuh\u00f6ren, die keinen Ort haben, an den sie mit ihren Kindern fl\u00fcchten k\u00f6nnten, und die in Angst leben, in die Armut abzurutschen, oder Gefahr laufen, obdachlos zu werden\u201c.<\/p>\n<p>Das ist eine wahrhaft besch\u00e4mende Situation. Besch\u00e4mend zuallererst deshalb, weil die gegen Frauen und Kinder gerichtete Gewalt dem Bericht zufolge in Irland zunimmt. Laut \u201eWomen\u2019s Aid\u201c wird eine von f\u00fcnf Frauen irgendwann in ihrem Leben Gewalt und Missbrauch durch einen Beziehungspartner erleben. F\u00fcr 2012 listet der Jahresbericht durchschnittlich 32 Anrufe am Tag von Frauen auf, die Angst vor Gewalt haben. Die Rede ist von schockierenden 16.200 anzeigepflichtigen F\u00e4llen emotionalen, physischen, sexuellen und finanziellen Missbrauchs.<\/p>\n<p>Die Auflistung der einzelnen Arten des erlittenen Missbrauchs zu lesen, ist ein schmerzliches Unterfangen. Sie deutet aber auf eine Situation hin, der man sich nicht verschlie\u00dfen darf. Es werden hunderte F\u00e4lle von physischer Gewaltanwendung und Vergewaltigungen erfasst. Zu den F\u00e4llen physischer Gewaltanwendung z\u00e4hlen Beispiele, in denen Frauen zu Hause eingesperrt, geschlagen, gesto\u00dfen oder getreten werden \u2013 bisweilen sogar in Situationen, in denen sie ihr Kind stillen. Zum Tatbestand des finanziellen Missbrauchs z\u00e4hlen F\u00e4lle, in denen der Zugang zum Haushaltsgeld verweigert oder kein Geld f\u00fcr die Heizung, Lebensmittel oder Kleidung f\u00fcr die Kinder zur Verf\u00fcgung gestellt wird.<\/p>\n<p>Genauso erschreckend ist, was der Bericht von \u201eWomen\u00b4s Aid\u201c \u00fcber die gestiegene Anzahl aufgedeckter F\u00e4lle aussagt, in denen direkter Missbrauch an Kindern stattgefunden hat, und auch sie Opfer h\u00e4uslicher Gewalt wurden: \u201e2012 hatten wir 3.230 F\u00e4lle, in denen Frauen uns berichteten, dass ihre Kinder geschlagen worden sind, auch mit Haushaltsger\u00e4ten. Sie wurden verpr\u00fcgelt, permanent angeschrien und in einigen F\u00e4llen auch sexuell missbraucht. Kinder mussten mit ansehen, wie ihre Haustiere missbraucht, wie sie getreten und gegen W\u00e4nde geklatscht wurden\u201c.<\/p>\n<p>Das sind schreckliche Zeugnisse, die B\u00e4nde sprechen \u00fcber ein beunruhigendes Ausma\u00df an zunehmender Brutalit\u00e4t in einer signifikanten Minderheit der irischen Gesellschaft. Es w\u00e4re falsch, das Ganze auf nicht funktionierende individuelle Partnerschaften zur\u00fcckf\u00fchren zu wollen oder die Aus\u00fcbung von Gewalt gegen Frauen einfach nur mit der brutalen und menschenverachtenden Logik zu erkl\u00e4ren, die die kapitalistische Gesellschaft ausmacht. Nat\u00fcrlich spielt auch das eine Rolle. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen, die auf Kosten der einzelnen Menschen im Kern auf Ausbeutung und Profitstreben basieren, bef\u00f6rdern die Tendenz, dass das menschliche Empfindungsverm\u00f6gen deformiert und insbesondere m\u00e4nnliches Gehabe in den Vordergrund ger\u00fcckt wird. Radikale Sozialwissenschaftler*Innen haben den Grund f\u00fcr die m\u00e4nnliche Dominanz schon lange auf die gesellschaftlichen Strukturen und die in der Gesellschaft herrschende Ungleichheit zur\u00fcckgef\u00fchrt. Diese h\u00e4ngt zudem von Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsmechanismen ab, die die gesellschaftlichen Klassen determinieren.<\/p>\n<p>Demzufolge sollte auf der Hand liegen, dass eine Gesellschaft, die auf der Kooperation der Menschen untereinander und auf wirklicher sozialer Gleichheit hinsichtlich der Reichtumsverteilung und des gesellschaftlichen Ansehens basiert, wesentlich weniger von Gewalt gegen Frauen gekennzeichnet w\u00e4re. Zum Kampf f\u00fcr eine solche Gesellschaft muss daher auch geh\u00f6ren, dass jede gesellschaftliche Tendenz, die in Richtung frauenfeindlichen Verhaltens geht, energisch zur\u00fcckgewiesen und den Opfern alle n\u00f6tige Unterst\u00fctzung zuteil wird. Wie wenig der irische Staat in dieser Hinsicht tut, ist einfach nur besch\u00e4mend.<\/p>\n<p>\u201eWomen\u2019s Aid\u201c weist auch auf die Wirtschaftskrise hin, die daf\u00fcr verantwortlich ist, dass die Opfer h\u00e4uslicher Gewalt besondere H\u00e4rte erfahren. Es steht fest, dass im Falle beschr\u00e4nkter finanzieller Spielr\u00e4ume oder gar einer vorliegenden Armutssituation die individuellen Problemlagen von Einzelpersonen und ihren Familien noch weiter versch\u00e4rft werden. Noch besorgniserregender ist, dass Frauen, die unter Gewalt leiden, in einer solchen Situation gefangen sind. Ihre Wohnungen werden dann zu Folterkammern, aus denen sie nicht entkommen k\u00f6nnen, weil sie nicht auf die n\u00f6tigen finanziellen Mittel zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, um eine andere Unterkunft zu finden und sich das N\u00f6tigste zu leisten. Die verheerende K\u00fcrzungspolitik, die seit nunmehr f\u00fcnf Jahren umgesetzt wird, hat die Situation zweifellos noch weiter zugespitzt. Sie hat zu Massenarbeitslosigkeit und Armut gef\u00fchrt und die individuellen Wahlm\u00f6glichkeiten der Menschen in Folge dessen dramatisch eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Die Sozialk\u00fcrzungen schr\u00e4nken zudem auch die staatlichen Finanzmittel ein, mit deren Hilfe dieses Krebsgeschw\u00fcr der Gesellschaft umfassend angegangen werden k\u00f6nnte. Es ist geradezu unversch\u00e4mt, dass Organisationen, die mit Opfern von h\u00e4uslicher Gewalt arbeiten, auch noch unter Personalmangel und knappen Finanzmitteln leiden m\u00fcssen. Es gibt nicht gen\u00fcgend Notunterk\u00fcnfte, in denen Opfer in Sicherheit w\u00e4ren und dort, wo die n\u00f6tigen Hilfen zur Verf\u00fcgung gestellt werden, leiden die Einrichtungen oft unter finanziellem Druck. Das ist eine Anklage gegen die einzelnen, aufeinander folgenden Regierungen. W\u00fcrden Rechtsanw\u00e4lt*Innen und Frauenrechtsorganisationen nicht eine so heldenhafte Arbeit leisten, dann w\u00fcrden sich weiterhin noch mehr Frauen und Kinder, die Opfer h\u00e4uslicher Gewalt geworden sind, in den H\u00e4nden ihrer Peiniger befinden. Aber auch die andere Perspektive stimmt: Wenn gen\u00fcgend finanzielle Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt w\u00fcrden, um den Opfern eine Alternative zu bieten, dann w\u00e4ren zahlreiche andere Gewaltopfer in der Lage, aus der H\u00f6lle zu entkommen und ihr Leben neu zu beginnen.<\/p>\n<p>Der Bericht von \u201eWomen\u2019s Aid\u201c zwingt der Gesellschaft unangenehme Wahrheiten auf. Das ist n\u00f6tig, um sowohl die allgemein vorherrschenden Einstellungen infrage zu stellen als auch mit Nachdruck auf die Verantwortung des Staates hinzuweisen. Das alles soll nicht die Tatsache verdecken, dass es auch erwachsene m\u00e4nnliche Opfer von h\u00e4uslicher Gewalt \u2013 wenn auch in weit geringerer Zahl \u2013 gibt. Auch deren Leid muss anerkannt und in gleicher Weise gelindert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentar zum Jahresbericht der irischen Frauenrechtsorganisation \u201eWomen\u00b4s Aid\u201c von Joe Higgins, irischer Parlamentsabgeordneter der \u201eSocialist Party\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Irland)<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25283,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32],"tags":[322],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25282"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25282"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25282\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25283"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25282"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25282"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}