{"id":25245,"date":"2013-09-05T15:04:22","date_gmt":"2013-09-05T13:04:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=25245"},"modified":"2013-08-06T12:31:41","modified_gmt":"2013-08-06T10:31:41","slug":"feminismus-fuer-die-bild-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/09\/feminismus-fuer-die-bild-zeitung\/","title":{"rendered":"Feminismus f\u00fcr die BILD-Zeitung?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Femen unter der Lupe<\/strong><\/p>\n<p>Sie nennen sich \u201eSextremisten\u201c, \u201eneue Amazonen\u201c und \u201eSoldatinnen\u201c im Krieg gegen Frauenunterdr\u00fcckung. Mit \u201ehot boobs, cool head and clean hands\u201c (also mit \u201ehei\u00dfen Br\u00fcsten, klarem Kopf und sauberen H\u00e4nden\u201c) katapultieren die halbnackten Aktivistinnen den Feminismus aktuell auf jede Titelseite.<\/p>\n<p><em>Von Leonie Blume<\/em><\/p>\n<p>So auch Ende Juni in Deutschland, als zwei Aktivistinnen mit dem Schlachtruf: \u201eHeidi, wir haben kein Foto f\u00fcr dich!\u201c das Finale von \u201eGermanys next Topmodel\u201c st\u00fcrmten. Auf ihrem nackten Oberk\u00f6rper stand \u201eHeidi Horror Picture Show\u201c. Oder beim Besuch Putins in Deutschland, als Femen-Aktivistinnen ganz nah an den russischen Pr\u00e4sidenten heran kamen und gegen seine undemokratische Politik und die Inhaftierung der Pussy Riot-Frauen protestierten. Auch bei antifaschistischen Protesten hat Femen sich schon beteiligt.<\/p>\n<p>Nach der #aufschrei-Debatte auf Twitter bringt eine zweite Gruppe von Frauen, frischen Wind in die deutsche und internationale Feminismus-Landschaft. Kein Wunder: In der \u00f6ffentlichen Debatte wird der Kampf f\u00fcr Frauenrechte mehr und mehr auf die Quotierung von F\u00fchrungspositionen reduziert. Der \u201ealte\u201c Feminismus einer Alice Schwarzer hat seine Radikalit\u00e4t verloren und gliedert sich immer st\u00e4rker in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft ein. Manche denken, angesichts einer weiblichen Kanzlerin sei die Gleichberechtigung weitgehend erreicht. Dabei verdienen Frauen in Deutschland immer noch weniger als M\u00e4nner, k\u00fcmmern sich Frauen immer noch mehrheitlich um die Kindererziehung und den Haushalt und sind Frauen immer noch Opfer von sexistischen Anmachen und \u00dcbergriffen. Grunds\u00e4tzlich ist es also erstmal zu begr\u00fc\u00dfen, dass der Kampf gegen Frauendiskriminierung in Deutschland wieder rebellischer wird.<\/p>\n<p>Aber: Wer oder was ist Femen eigentlich? Wie sieht ihr Programm aus? Und: Kann die von Femen gepr\u00e4gte Protestform tats\u00e4chlich eine neue Frauenbewegung st\u00e4rken und Verbesserungen durchsetzen?<\/p>\n<h4>Was ist Femen?<\/h4>\n<p>Femen sagt, sie k\u00e4mpft gegen das Patriarchat, bestehend aus drei Bereichen: Diktatur, Kirche und Sexindustrie. Viel mehr findet sich nicht \u00fcber ihr Programm. Im Vordergrund stehen allerdings auch keine politischen Diskurse, sondern direkte Aktionen. Die Oben-Ohne-Proteste mit knappen Slogans sollen bewusst provozieren und damit eine hohe Medienaufmerksamkeit schaffen.<\/p>\n<p>Die Organisation wurde 2008 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegr\u00fcndet. Aktuell hat Femen \u00fcber 300 Anh\u00e4ngerinnen weltweit, davon etwa drei\u00dfig in Deutschland. Die Aktivistinnen sind meist zwischen 18 und 40 Jahre alt, h\u00e4ufig sind es Studentinnen.<\/p>\n<p>Bereits ihre erste Kampagne unter dem Slogan \u201eDie Ukraine ist kein Puff\u201c erreichte internationale Beachtung. Die Gruppe um Gr\u00fcnderin Anna Guzol wandte sich damit gegen Sextourismus in der Ukraine und forderte die Bestrafung von M\u00e4nnern, die zu Prostituierten gehen.<\/p>\n<p>\u201eJunge Frauen, als Prostituierte gekleidet, bildeten eine Reihe entlang Chretschatik (Hauptstra\u00dfe der Kiewer Altstadt)\u201c, erl\u00e4utert Guzol die Aktion in einem Interview. \u201eDamals, in 2008, galt das noch als \u00e4u\u00dferst skandal\u00f6s und provokativ. Wir haben blo\u00df begriffen, dass man den Keil mit dem Keil ausschlagen muss. Prostituierte gegen Prostitution! Das sprengte die Gehirne ukrainischer B\u00fcrger \u2013 wie, Bienen gegen Honig? Nur solche Widerspr\u00fcche regen zum Nachdenken an.\u201c Eine gro\u00dfe Medienaufmerksamkeit war Femen sicher.<\/p>\n<p>Femen gibt es bisher neben der Ukraine in Brasilien, Tunesien, Frankreich und Deutschland. 2012 gr\u00fcndete die Organisation ein Schulungszentrum in Frankreich und es entstanden Gruppen in Hamburg und Berlin.<\/p>\n<h4>\u201ePETA f\u00fcr Frauen\u201c<\/h4>\n<p>Seit 2011 tritt Femen auch in anderen L\u00e4ndern mit provokanten Aktionen auf. 2011 posierten zum Beispiel drei Aktivistinnen als Dienstm\u00e4dchen verkleidet in Paris vor dem Haus von Dominic Strauss-Kahn, um ihn als Sexisten zu outen. In Deutschland demonstrierte Femen 2012 unter der Parole \u201eFickt die Sexindustrie\u201c gegen Prostitution und Menschenhandel vor dem K\u00f6lner Bordell Pascha und in der Hamburger Herbertstra\u00dfe. 2013 beteiligte sich die Berliner Gruppe am \u201eTopless Jihad Day\u201c. In Solidarit\u00e4t mit Amina Tyler zogen Aktivistinnen vor die Wilmersdorfer Ahmadiyya Moschee. Die Tunesierin hatte oben ohne gegen islamische Moralvorstellungen protestiert und sitzt seither in dem nordafrikanischen Land in Haft. Ihr droht die Steinigung.<\/p>\n<h4>\u201eAngezogen interessiert unsere Botschaft nicht\u201c<\/h4>\n<p>Nacktheit ist ihre Strategie, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie wollen mit ihrem Oben-Ohne-Protest den Spie\u00df umdrehen. Die Argumentation: \u00dcblicherweise werden weibliche Br\u00fcste vom Patriarchat instrumentalisiert, um Frauen zu schw\u00e4chen. \u201eWir erobern unsere K\u00f6rper zur\u00fcck. Es ist wie bei einer Waffe\u201c, erkl\u00e4rt eine Aktivistin der jungle world. \u201eSie kann in den richtigen und den falschen H\u00e4nden sein. Wir nutzen unsere K\u00f6rper f\u00fcr feministischen Widerstand.\u201c<\/p>\n<p>Sasha Shevchenko, Mitbegr\u00fcnderin von Femen sagt dazu im Interview mit der Stuttgarter Zeitung: \u201eAngezogen interessiert unsere Botschaft nicht.\u201c Das Ausziehen mache die Frau vom Objekt zum handelnden Subjekt. \u201eDie M\u00e4nner sehen uns als Sexualobjekt. Aber jetzt schneiden die Marionetten ihre F\u00e4den durch und handeln.\u201c<\/p>\n<h4>Was z\u00e4hlt sind die Bilder<\/h4>\n<p>Das Auftreten wird dabei von den Aktivistinnen generalstabsm\u00e4\u00dfig vorbereitet. In extra Trainingsstunden werden die Frauen k\u00f6rperlich fit gemacht. Sie \u00fcben, stark und gef\u00e4hrlich zu wirken, um dem Stereotyp der passiven, hilflosen Frau, dessen sich die Werbung gerne bedient, entgegenzutreten. Das hei\u00dft: fester Stand auf beiden Beinen, H\u00e4nde in die Luft, F\u00e4uste geballt. Und: \u201eIn die Kameras schauen; immer in die Kameras, niemals zu den Passanten. Und: schreien, ganz egal, wie viele Leute zuh\u00f6ren. \u201aAuf den Fotos wird man eure Schreie sehen\u2019\u201c, wird Irina Khanova aus Hamburg im Spiegel zitiert (Ausgabe 23\/2013, S. 61). Die Aktionen selbst dauern dann oft nur wenige Minuten. Sobald die Kameras weg sind, verstummen die Parolen und die Frauen ziehen sich wieder etwas an.<\/p>\n<p>Neben den Massenmedien setzt Femen gezielt auf soziale Medien wie Twitter und Facebook. So hat die ukrainische Femen-Seite \u00fcber 125.000 Fans und ihr Twitter Account \u00fcber 17.000 Follower.<\/p>\n<h4>Provokation schafft Aufmerksamkeit<\/h4>\n<p>Wie ist diese neue Frauenbewegung einzusch\u00e4tzen? Was man Femen zu gute halten muss, ist, dass sie effektiv und (scheinbar) k\u00e4mpferisch \u00d6ffentlichkeit gegen Frauenunterdr\u00fcckung schafft. \u00c4hnlich wie Greenpeace oder die Tierschutzorganisation Peta, bekommen ihre Aktionen durch ihr kompromissloses, rebellisches und provozierendes Auftreten eine hohe Aufmerksamkeit. Sie schaffen es, eine Schicht junger Frauen mit Themen wie Sexismus, Prostitution und Menschenhandel zu politisieren. Themen, die jahrelang der Deutungshoheit einer Alice Schwarzer unterlagen, bzw. in L\u00e4ndern wie der Ukraine jahrelang \u00fcberhaupt nicht thematisiert wurden. Dabei beweisen sie Mut, insbesondere in L\u00e4ndern mit autokratischen Strukturen. F\u00fcr ihren Protest wurden bereits einige Aktivistinnen mit Gef\u00e4ngnis und Folter bestraft, von denen sie sich allerdings nicht einsch\u00fcchtern lassen. Im Gegenteil: die Inhaftierung von Mitstreiterinnen wird wiederum medienwirksam in Szene gesetzt.<\/p>\n<h4>Strippen gegen das System?<\/h4>\n<p>Ist es legitim, sich f\u00fcr die gute Sache auszuziehen? Zun\u00e4chst einmal m\u00fcssen wir festhalten, dass die Methode des nackten Protests nichts Neues ist. Erinnern wir uns an Uschi Obermeier und Rainer Langhans\u2019 Kommune 1, Yoko Ono und John Lennon oder an die PETA-Aktion \u201eLieber Nackt als im Pelz\u201c.<\/p>\n<p>Die Frankfurter Rundschau verteidigt diese Protestform: \u201eNackt ist, wer alles verloren hat, Nacktheit steht f\u00fcr Armut, (&#8230;) \u2013 schlie\u00dflich kann, wer nackt dasteht, nichts mehr verbergen. (&#8230;) Die barbusige Nacktheit von Femen irritiert nachhaltig, weil sie k\u00f6rpersprachlich beide Motive, also die \u00dcbergriffigkeit und die Hilflosigkeit, die totalit\u00e4re Geste und die verzweifelte Anklage, ineinander blendet. Somit wird im Akt des Protests ununterscheidbar, was wir f\u00fcr unsere politische Bewertung gewohnt sind, fein s\u00e4uberlich auseinanderzuhalten. Das verunsichert und verursacht mitunter schlechte Laune: Man vermisst dann die klare Botschaft. Dabei geh\u00f6rt es zum Wesen des politischen Protests zu irritieren (&#8230;).\u201c<\/p>\n<p>Auch Spiegel online kn\u00fcpft positiv an den Nacktprotest an. Hier hei\u00dft es: \u201eL\u00e4cherlich wirkt dabei nie der, der sich auszieht (egal, wie unvorteilhaft man seine Erscheinung empfinden mag), sondern stets der, der gegen ihn vorgeht. Ein System, das Uniformierte aufbietet, um einen Nackedei zu \u00fcberw\u00e4ltigen, hat ein Problem.\u201c Und so birgt die Nacktheit der Femen-Frauen in der Tat eine gewisse Schutzfunktion: Die Hemmschwelle ist h\u00f6her auf eine unbekleidete Frau einzuschlagen als auf eine bekleidete bzw. gar vermummte.<\/p>\n<p>Dies gilt allerdings eher f\u00fcr die \u201ewestlichen Demokratien\u201c als z. B. f\u00fcr die ehemaligen Ostblockstaaten. So wurden in der Ukraine bereits Aktivistinnen entf\u00fchrt, gefoltert und mit geschorenen K\u00f6pfen und nackt im Wald ausgesetzt.<\/p>\n<h4>\u201eBettina, zieh dir bitte etwas an\u201c (Fettes Brot)<\/h4>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist nichts daran auszusetzen, seine Forderungen auf die nackte Haut zu schreiben. Irritierend ist allerdings, dass Femen nur durchtrainierte, dem westlichen Sch\u00f6nheitsideal entsprechende Frauen ins Rampenlicht ihrer direkten Aktionen stellen. Sie schreiben in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis: \u201eActivists of FEMEN are morally and physically fit soldiers.\u201c (Aktivistinnen von FEMEN sind moralisch und physisch fitte Soldatinnen)<\/p>\n<p>Die feministische Gruppe e*vibes aus Dresden fragt zu Recht in ihrem offenen Brief: \u201eWas bedeutet \u201aphysisch und moralisch fit\u2018? K\u00f6nnen \u201anicht physisch fitte\u2018 Menschen Femen sein?\u201c Und #aufschrei-Mitbegr\u00fcnderin Anna-Katharina Me\u00dfmer macht sich auf twitter lustig: \u201e\u00dcberlege f\u00fcr die Befreiung der Femen-Frauen zu protestieren. Sie sind Sklavinnen des Mediensystems und brauchen unsere Hilfe.\u201c<\/p>\n<p>Mit ihrer Au\u00dfendarstellung will Femen sich von allem, was Mensch und Medien als die Klischees des Feminismus der 70er Jahre betrachtet, distanzieren. \u201eWir wollen unsere Weiblichkeit und unsere Sexualit\u00e4t nicht verstecken\u201c, sagt zum Beispiel eine Hamburger Aktivistin. \u201eFrauen m\u00fcssen nicht wie M\u00e4nner herumlaufen, um Feministinnen zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Das mag sicherlich einer Schicht junger Frauen aus der Seele sprechen. Allerdings setzt Femen ihre eigenen Aktivistinnen dem Druck eines sexistischen Sch\u00f6nheitsideals aus, welches sie eigentlich kritisieren. So wurde der einen oder anderen Anwerberin schon mal nahe gelegt, abzunehmen, wie Aussteigerinnen berichten. Femen nimmt in Kauf, die gro\u00dfe Mehrzahl von Frauen, die diesen \u00e4u\u00dferen Anspr\u00fcchen nicht entsprechen, f\u00fcr ihren Kampf abzuschrecken. Und sie spart der Bildzeitung das Seite-3-Girl&#8230;.<\/p>\n<h4>Zum Programm \u2013 wenn es denn eines w\u00e4re&#8230;<\/h4>\n<p>Kommen wir aber zum wichtigsten Punkt: dem Programm der Femen. Wie bereits angedeutet, geben die Schlagworte \u201eGegen Diktatur, Kirche und Sexindustrie\u201c noch wenig Einblick dar\u00fcber, wie Femen die Frauenunterdr\u00fcckung stoppen will. Und auf die blanken Oberk\u00f6rper passen schlie\u00dflich auch nur knappe Slogans. Das k\u00fcrzlich erschienene Buch von Femen ist bisher nicht auf Deutsch erschienen. Es ist zu hoffen, dass man dort n\u00e4here Einblicke in die Forderungen von Femen bekommt.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Artikel m\u00fcssen wir uns allerdings auf Aktionen und die wenigen Verlautbarungen beschr\u00e4nken, die R\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber die politischen Ansichten und Positionen von Femen zulassen.<\/p>\n<p>Fangen wir mit der Aktion in der Hamburger Herbertstra\u00dfe an: Hier forderten sie das Verbot von Prostitution und traten f\u00fcr die Bestrafung der Freier ein.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob die von Femen vertretenen Forderungen den besten Weg im Kampf gegen Prostitution aufzeigen, ist es zu begr\u00fc\u00dfen, dass Femen einen Beitrag gegen die gesellschaftliche Akzeptanz dieser systematischen sexuellen Ausbeutung von Frauen leistet.<\/p>\n<p>\u00dcber die Frage, ob Prostitution gew\u00f6hnliche Lohnarbeit und deswegen zu legalisieren sei, gab und gibt es immer wieder Diskussion \u2013 auch unter Linken. Bef\u00fcrworterInnen einer Legalisierung der Prostitution argumentieren, dadurch die Situation f\u00fcr Prostituierte durch Arbeitsvertr\u00e4ge und soziale Absicherung zu verbessern. Dies war unter anderem auch die Begr\u00fcndung f\u00fcr die 2001 von der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung verabschiedete \u201eReform\u201c des Prostitutionsgesetzes.<\/p>\n<p>Statt das Leben der Prostituierten jedoch leichter zu machen, hat die Legalisierung der Prostitution dazu gef\u00fchrt, dass Zuh\u00e4lter und Menschenh\u00e4ndler f\u00fcr selbst sklavenhafteste Formen von Prostitution ungeschoren davon kommen, w\u00e4hrend die wenigsten Prostituierten die M\u00f6glichkeit einer sozialversichungspflichtigen Anmeldung ihrer T\u00e4tigkeit wahrgenommen haben, weil sie sich davon keine Verbesserung ihrer Situation erhoffen. Die Wirkung des neuen Prostitutionsgesetzes ist, dass Zwangsprostitution unter dessen Deckmantel sich ausbreiten konnte. Insbesondere der Menschenhandel mit Frauen aus den ehemaligen Ostblockstaaten hat in den letzten Jahren massiv zugenommen und die betroffenen Frauen leben zum Teil unter sklavenartigen Umst\u00e4nden, schaffen f\u00fcr einen Hungerlohn an, werden erpresst und sind durch Vergewaltigungen sowohl seelisch als auch k\u00f6rperlich versehrt (s. Titelthema im Spiegel Ausgabe 22\/2013).<\/p>\n<h4>Verharmlosung von Faschismus<\/h4>\n<p>Allerdings ging die Aktion von Femen am 27.01.2013 in der Hermannstra\u00dfe zu weit. So verglich Femen die Sexindustrie mit faschistischen Konzentrationslagern. Da wurde das \u201ex\u201c durch ein Hakenkreuz ersetzt, der Slogan \u201eArbeit macht frei\u201c an das Eingangstor geschrieben und der Zeitpunkt \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 in die N\u00e4he des Holocaust-Gedenktages gelegt.<\/p>\n<p>Auch wenn Prostitution und Sexhandel eine der brutalsten Formen der Ausbeutung darstellt, so kann man diese nicht mit dem industriellen V\u00f6lkermord an den Juden und der systematischen Verfolgung und Ermordung von KommunistInnen, SozialdemokratInnen, GewerkschaferInnen und Andersdenkenden gleichsetzen. Femen verharmlost damit den Faschismus. Auch hier wird das Mittel der Provokation \u00fcber alles gestellt.<\/p>\n<p>Anders gelagert, aber \u00e4hnlich unkritisch geht Femen mit der Verwendung nationaler Symbole um. So posieren sie gerne auf Veranstaltungen mit T-Shirts, auf denen ihr Logo in schwarz-rot-gold Optik prangt. Da verwundert es nicht, dass eine der Heidi-Klum-St\u00f6rerinnen aktives Mitglied der CDU ist und sich anscheinend voll mit der Femen-Politik identifizieren kann.<\/p>\n<h4>Muslima Pride: \u201eDanke, wir befreien uns lieber selbst\u201c<\/h4>\n<p>Was uns zum so genannten \u201eTopless Jihad Days\u201c vor Moscheen f\u00fchrt. Femen forderte in Berlin und anderen St\u00e4dten am 4. April 2013 lautstark und barbusig die Freiheit der Frau in islamischen L\u00e4ndern und die Freilassung von Amina Tyler (s. oben). Hier f\u00fchrte die Protestform dazu, dass sich Tausende muslimischer Frauen gegen Femen wandten.<\/p>\n<p>Bereits einen Tag nach der Aktion starteten muslimische Feministinnen den \u201eMuslimah Pride Day\u201c. Sie wehrten sich in einem offenen Brief dagegen, dass sie von Femen als hilflose Gruppe dargestellt werden, die es von au\u00dfen zu emanzipieren gelte. \u201eMuslimische Frauen sind selbst in der Lage, sich zu verteidigen\u201c, hei\u00dft es in dem Brief, \u201ewendet euch gegen m\u00e4nnliche Dominanz, aber nicht gegen den Islam.\u201c Hunderte Frauen luden von sich Bilder hoch auf denen stand: \u201eNudity does not liberate me and I do not need saving\u201c (Nacktheit befreit mich nicht und ich muss nicht gerettet werden) oder schlicht \u201eI am free\u201c. (S\u00fcddeutsche.de)<\/p>\n<p>Femen-Mitbegr\u00fcnderin Shevchenko verteidigte die Aktion in der englischen Huffington Post: \u201eIn der gesamten Menschheitsgeschichte leugnen Sklaven, dass sie Sklaven sind.\u201c Und wer Sklave oder Sklavin ist, das zu definieren will sich die Femen-Mitbegr\u00fcnderin nicht nehmen lassen: \u201eSie schreiben auf ihren Postern, dass sie nicht befreit werden m\u00fcssen, aber in ihren Augen steht \u201aHelft mir\u2018 geschrieben.\u201c<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass muslimische Frauen bei soviel Arroganz und \u00dcberheblichkeit auf die Barrikaden gehen. Wenn das Schicksal der muslimischen Frauen ihnen so am Herzen liegt, so fragen z.B. Bloggerinnen auf der englischen Website alakhbar, wo bitte sch\u00f6n war Femen dann w\u00e4hrend der arabischen Revolution? Schlie\u00dflich haben Frauen in dieser Bewegung eine f\u00fchrende Rolle gespielt. Hier h\u00e4tte es enorm geholfen den Vorurteilen in westlichen Medien entgegenzuwirken. Stattdessen unterf\u00fcttern Femen die g\u00e4ngigen Klischees und diskriminieren Muslima als \u201eunterworfene Kreaturen, die von M\u00e4nnern kontrolliert werden (&#8230;) und die von einer Gruppe perfekt herausgeputzter wei\u00dfer Frauen befreit werden, die sich nackt zur Schau stellen (&#8230;).\u201c (Taz)<\/p>\n<h4>Stellvertreterpolitik<\/h4>\n<p>An einer realen Verbesserung der Lebenssituation von Muslima ist Femen anscheinend nicht interessiert. Zumindest suchen sie nicht den Dialog mit ihnen. Aber auch an einer Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, scheint Femen kein Interesse zu haben. Inhaltlichen Diskussionen gehen sie eher aus dem Weg nach dem Motto: Lasst die anderen diskutieren, wir handeln.<\/p>\n<p>Dabei gibt es durchaus Gruppen, die auch \u201eangezogen\u201c und gemeinsam mit M\u00e4nnern erfolgreiche Antisexismus-Kampagnen vorzuweisen haben. So machte die Gruppe von Linksjugend [\u2019solid] Kreuk\u00f6lln gemeinsam mit anderen Kr\u00e4ften mit der Kampagne \u201eOccupy Barbie Dreamhouse\u201c in den letzten Monaten erfolgreich und mit enormer Medienresonanz gegen das Barbie Dreamhouse in Berlin mobil. Auf w\u00f6chentlichen Sitzungen, wurden Pro- und Kontra-Argumente diskutiert und Aktionen vorbereitet. Wohlgemerkt mit dem Fokus, junge Frauen zu ermutigen selbst aktiv zu werden und eine gesellschaftliche Diskussion gegen die Pinkifizierung von Kinderzimmern anzuregen. Femen lie\u00df sich in dieser Zeit bei keiner Sitzung blicken.<\/p>\n<p>Bei der Demonstration zur Er\u00f6ffnung dann allerdings stahl eine einzige halbnackte Femenaktivistin mit brennender Barbie am Kreuz dem gesamten Protest die Show und nahm damit wie erwartet massiven Einfluss auf die Berichterstattung in den Medien. Diese Aktion hat sicherlich nicht dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen in Bewegungen gegen Frauendiskriminierung aktivieren und organisieren. Das steht beispielhaft f\u00fcr eine Stellvertreterpolitik von Femen, die auf mediale Aufmerksamkeit und nicht auf den Aufbau einer breiten Massenbewegung setzt.<\/p>\n<h4>Wie steht\u2019s mit der Demokratie?<\/h4>\n<p>Femen wird strikt hierarchisch geleitet und weitgehend aus der Ukraine gesteuert. Skurrilerweise scheint ein Mann hinter den Kulissen das Sagen zu haben. So soll Wiktor Swjatski die Idee zu den Nacktprotesten gehabt haben und wichtige Anweisungen geben. Femen selbst verleugnet seine Rolle.<\/p>\n<p>Dass ein Mann in einer feministischen Organisation eine wichtige Rolle spielt ist keineswegs ein Problem. Das Beispiel ist aber symptomatisch f\u00fcr den undemokratischen Charakter der Gruppe. Das Sagen haben die Gr\u00fcnderinnen (bzw. Gr\u00fcnder). \u00dcber demokratische Strukturen, sich einzubringen, die M\u00f6glichkeit Anweisungen in Frage zu stellen oder gar F\u00fchrungspersonen abzuw\u00e4hlen, dazu findet man nichts auf den Femen-Seiten.<\/p>\n<p>Es herrscht weder Transparenz \u00fcber die Strukturen, noch \u00fcber die Forderungen oder die Finanzen. Schlie\u00dflich kosten die zahlreichen Reisen und Aktionen viel Geld. Auf ihrer Website geben sie an, sich \u00fcber den Webshop, also ihre T-Shirts und Fotos, sowie \u00fcber Privatspenden zu finanzieren. Wer aber Gro\u00dfspender ist, dar\u00fcber schweigt sich die Organisation aus. Auch die Auswahl der K\u00e4mpferinnen ist nicht demokratisch organisiert und erfolgt scheinbar \u00fcber \u00e4u\u00dferliche Kriterien.<\/p>\n<h4>Mit welchem Programm gegen Frauenunterdr\u00fcckung?<\/h4>\n<p>Sexismus und Frauenunterdr\u00fcckung gibt es nicht im luftleeren Raum, sondern sie sind Teil des kapitalistischen Systems. Eines Systems, in dem Frauen einen gro\u00dfen Teil der gesellschaftlichen Arbeit unentgeltlich verrichten und das die Spaltung der Geschlechter gezielt zur Teile- und Herrsche-Politik einsetzt. Frauen sind einem Sch\u00f6nheitswahn ausgeliefert sind, der krank macht, sie sind wirtschaftlich benachteiligt und sexueller Gewalt ausgesetzt. Die Spaltung in M\u00e4nner und Frauen ist eine wesentliche Basis auf der dieses unsoziale System \u00fcberhaupt \u00fcberleben kann. Daraus folgen zwei Erkenntnisse:<\/p>\n<p>Erstens: das System geh\u00f6rt abgeschafft und zweitens: Das schaffen wir nur gemeinsam, Frauen und M\u00e4nner zusammen \u2013 und zwar massenhaft. Allerdings wiederum nicht mit allen. Denn es gibt sowohl M\u00e4nner als auch Frauen, die von diesem System profitieren und die sich gegen jede grundlegende Ver\u00e4nderung stellen werden. Deshalb lohnt es sich nicht mit einer Angela Merkel oder einer Susanne von Klatten zu verb\u00fcnden.<\/p>\n<p>Es geht darum, die Masse der arbeitenden (und erwerbslosen) Menschen (wir nennen sie Arbeiterklasse) f\u00fcr echte Gleichberechtigung zu gewinnen. \u00dcberzeugen kann man diese f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf jedoch nur, wenn man glaubhaft f\u00fcr reale Verbesserungen eintritt. Um mehr Freiheit f\u00fcr muslimische Frauen zu k\u00e4mpfen, bedarf es z. B. gut bezahlter Jobs, kostenlose Beratungsstellen und gen\u00fcgend Frauenh\u00e4user. Das gleiche gilt f\u00fcr Prostituierte. Damit sie aussteigen k\u00f6nnen, brauchen sie Sicherheit und Perspektiven: Sicherheit vor Zuh\u00e4ltern und Abschiebung, Aussicht auf eine Umschulung, einen guten Job oder zun\u00e4chst einen Platz in einer Entzugsklinik.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Femen schafft es, frauenspezifische Themen in die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Von ihren medienwirksamen Auftritten, auch wenn es nicht gleich der Nacktprotest sein muss, k\u00f6nnen sich linke Organisationen eine Scheibe abschneiden. Insbesondere vielen akademisch-feministischen Gruppen w\u00fcrde es gut zu Gesicht stehen, aus ihren Diskursen auszubrechen und auf die Stra\u00dfe zu gehen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Greenpeace oder andere zentralistische Organisationen sind Femen durch ihre generalstabsm\u00e4\u00dfigen Aktionen \u00e4u\u00dferst medienweirksam. Allerdings lassen sie keinerlei demokratische Mitbestimmung zu. Die Stellvertreterpolitik von Femen und ihre Ausgrenzung von Frauen, die nicht in ihre Vorstellung \u201emoralischer und physischer Fitness\u201c passen, sind kein Beitrag zum Aufbau einer tats\u00e4chlichen Bewegung gegen Frauendiskriminierung. Wirkliche Verbesserungen sind auch in der Geschichte nur durch massenhafte Bewegungen und K\u00e4mpfe erreicht worden. Deshalb ist Femen auch weder eine linke noch eine wirklich k\u00e4mpferische Organisation. Denn erst der gemeinsame und konsequente Kampf f\u00fcr eine Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse von Frauen und eine Umw\u00e4lzung der Gesellschaft im Sinne von Mensch und Natur ist wirklich radikal.<\/p>\n<p>Doch daf\u00fcr braucht es mehr als hier und da eine viertel Stunde vor den Kameras. Auch wenn das zu komplex ist, um es sich auf die Brust zu schreiben, ist es dennoch der erfolgversprechendere Ansatz.<\/p>\n<p><em>Leonie Blume lebt in Kassel. Sie ist Mitglied der SAV und der Partei DIE LINKE.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Femen unter der Lupe<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25458,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32],"tags":[338],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25245"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25245"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25245\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25458"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}