Vorbemerkung: Dieser Artikel von Hannah Sell von der Socialist Party in England und Wales stammt aus dem Jahr 2004 und befasst sich grunds\u00e4tzlich mit einer marxistischen Herangehensweise an den Islam und islamische, politische Kr\u00e4fte. Anlass war die Politik des linken Wahlb\u00fcndnisses Respect, an dem zum damaligen Zeitpunkt die britische Socialist Workers Party (SWP, deutsche Schwesterorganisation ist Marx21) ma\u00dfgeblich beteiligt war und das eine unkritische Haltung gegen\u00fcber islamisch gepr\u00e4gten Kr\u00e4ften praktizierte. Wir ver\u00f6ffentlichen den Artikel in einer gek\u00fcrzten und editierten Version.<\/em><\/strong><\/p>\nDie Diskriminierung von Muslimen in Gro\u00dfbritannien hat sich als eine von vielen Facetten des Rassismus der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt. In verschiedenen Formen ist Rassismus von Anfang an ein inh\u00e4renter Bestandteil des Kapitalismus. Im letzten Jahrzehnt, und insbesondere seit dem Horror des 11. September 2001, haben anti-islamische Vorurteile \u2013 Islamfeindlichkeit \u2013 dramatisch zugenommen. W\u00e4hrend es andere Formen von Rassismus weiterhin gibt, erleben islamische Menschen heute die sch\u00e4rfsten Ausdr\u00fccke von Diskriminierung in Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n
B\u00fcrgerliche Politiker erkl\u00e4ren, ethnische Minderheiten m\u00fcssten gr\u00f6\u00dfere Anstrengungen zur \u201eIntegration\u201c in die britische Gesellschaft betreiben und geben damit faktisch islamischen und anderen Communities die Schuld am wachsenden Rassismus. In Wirklichkeit trifft das Gegenteil zu. Je feindseliger sich die Gesellschaft ihnen gegen\u00fcber verh\u00e4lt, desto mehr identifizieren sich religi\u00f6se Minderheiten nur mit ihrer eigenen Community. In der Tat ist die Identifikation vieler Muslime mit ihrer Religion und Kultur st\u00e4rker geworden. Daf\u00fcr gibt es viele Gr\u00fcnde, aber die zunehmenden Vorurteile gegen den Islam haben zweifellos dazu gef\u00fchrt, dass viele Muslime ihre Religion verteidigen indem sie sich st\u00e4rker mit ihr identifizieren.<\/p>\n
Allerdings identifizieren sich junge Muslime in Gro\u00dfbritannien nicht vor allem mit dem Land aus dem sie bzw. meist ihre Eltern oder Gro\u00dfeltern stammen. Die meisten haben eine doppelte Identit\u00e4t und sehen sich sowohl als Teil der britischen Bev\u00f6lkerung als auch als von ihr entfremdet. Diese jungen Menschen sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der sie sich wegen ihrer Hautfarbe und Religion st\u00e4ndig von Verhaftung bedroht sehen. Sie erleben wachsende Diskriminierung im Bildungssystem und am Arbeitsplatz. Sie sind w\u00fctend \u00fcber die imperialistische Kriegstreiberei der Regierung. Aber nur eine winzige Minderheit kommt zu dem v\u00f6llig falschen Schluss, dass der barbarische Terrorismus reaktion\u00e4rer islamischer Organisationen wie al-Qaida ein Ausweg sei.<\/p>\n
Wie sollten MarxistInnen auf die islamischen Communities in Gro\u00dfbritannien zugehen? Unser Ausgangspunkt ist eine klare Position gegen anti-islamische Diskriminierung und die Verteidigung der Rechte aller Muslime, unabh\u00e4ngig von Klassenzugeh\u00f6rigkeit oder Ansichten, auf ein von Islamfeindlichkeit freies Leben. Konkret bedeutet das, f\u00fcr das Recht der Muslime auf freie Religionsaus\u00fcbung einzutreten \u2013 das beinhaltet auch die Freiheit, ihre Kleidung selbst zu w\u00e4hlen. Der echte Marxismus hat nichts mit der Position einiger Linksradikaler in Frankreich zu tun, die ein Kopftuchverbot f\u00fcr islamische Sch\u00fclerinnen unterst\u00fctzt haben. Wir m\u00fcssen aktiv das Recht Aller verteidigen, die Religion ihrer Wahl \u2013 oder keine Religion \u2013 auszu\u00fcben, ohne Diskriminierung und Vorurteile.<\/p>\n
Das bedeutet nicht, dass wir die gesamte islamische Bev\u00f6lkerung in Gro\u00dfbritannien als einen homogenen und fortschrittlichen Block betrachten. Im Gegenteil ist die islamische Bev\u00f6lkerung durch verschiedene Faktoren wie Klasse, ethnische Herkunft und Ansichten geteilt. In Gro\u00dfbritannien leben 5.400 muslimische Million\u00e4re, von denen die meisten ihr Verm\u00f6gen mit der Ausbeutung anderer Muslime verdient haben. W\u00e4hrend wir das Recht dieser Milliard\u00e4re verteidigen, ihre Religion frei von Unterdr\u00fcckung auszu\u00fcben, m\u00fcssen wir auch versuchen Muslime aus der Arbeiterklasse zu \u00fcberzeugen, dass ihre Interessen denen dieser Leute vollkommen entgegengesetzt sind und dass der Weg zu ihrer Befreiung beinhaltet, sich mit anderen Schichten der Arbeiterklasse zusammenzuschlie\u00dfen \u2013 weltweit, da sie in Gro\u00dfbritannien leben allerdings zuerst und vor allem hier.<\/p>\n
Das Programm, das wir als SozialistInnen vertreten sollte immer auf die Einheit der Arbeiterklasse orientieren, als Teil des Prozesses zur Erh\u00f6hung ihres Bewusstseins und Verst\u00e4ndnisses. Daher k\u00e4mpft zum Beispiel unsere Schwesterorganisation in Nordirland stets f\u00fcr die Einheit der katholischen und protestantischen Arbeiterklasse.<\/p>\n
Es ist m\u00f6glich islamische ArbeiterInnen f\u00fcr eine Klassenalternative zu gewinnen, aber das ist keine automatische Entwicklung. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass die Arbeiterbewegung immer wieder in der Praxis zeigt, dass sie Rassismus und Islamfeindlichkeit entschieden bek\u00e4mpft. Aber SozialistInnen m\u00fcssen auch f\u00fcr eine klassenbezogene, sozialistische Herangehensweise an den Islam eintreten. Aber wir sollten bei unseren Diskussionen mit islamischen KriegsgegnerInnen oder AntifaschistInnen nicht bei unserer gemeinsamen Ablehnung der imperialistischen Besatzung des Irak stehen bleiben. Wir sollten die Diskussion auf Klassenfragen hier in Gro\u00dfbritannien ausdehnen \u2013 etwa \u00fcber Programm und Strategie des Kampfes gegen die Privatisierungen und K\u00fcrzungen von New Labour. Wir m\u00fcssen auch f\u00fcr eine politische Alternative zu New Labour argumentieren \u2013 eine neue Massenpartei die die Antikriegsbewegung mit GewerkschafterInnen und Anti-K\u00fcrzungs-AktivistInnen zusammenbringt \u2013 eine Partei die alle Teile der Arbeiterklasse organisiert.<\/p>\n
In diesen Diskussionen wird es manchmal notwendig sein \u00fcber Themen zu sprechen, zu denen die Positionen von SozialistInnen und manchen Muslimen nicht \u00fcbereinstimmen. Zum Beispiel fordert eine wachsende Zahl von Muslimen eigene islamische Schulen \u2013 angesichts des bestehenden Rassismus eine verst\u00e4ndliche Forderung. Einerseits m\u00fcssen wir gegen Rassismus und Diskriminierung in Schulen und f\u00fcr das Recht aller Sch\u00fclerInnen auf die M\u00f6glichkeit, ihre Religion auszu\u00fcben, eintreten. Andererseits bedeutet das nicht, separate islamische Schulen zu unterst\u00fctzen, ebenso wenig wie wir andere religi\u00f6se Schulen unterst\u00fctzen. Wir m\u00fcssen geduldig erkl\u00e4ren, dass dieser Weg zu gr\u00f6\u00dferer Isolation der islamischen Communities f\u00fchren wird, die wiederum den Rassismus gegen diese st\u00e4rken wird.<\/p>\n
Ebenso treten wir zwar f\u00fcr das Recht junger Muslima ein, sich daf\u00fcr zu entscheiden das Kopftuch zu tragen, m\u00fcssen aber auch klar sagen dass sie das Recht haben es nicht zu tun, selbst wenn das bedeutet mit einigen anderen Muslimen in Konflikt zu geraten.<\/p>\n
Die falsche Herangehensweise von Respect<\/h4>\n
Leider nimmt die Socialist Workers Party (SWP) diesen Klassenstandpunkt nicht ein. Respect, das Wahlb\u00fcndnis dass sie mit dem Parlamentsabgeordneten George Galloway gebildet hat, hatte einige Wahlerfolge. Diese hat es mit einemvorwiegend auf Muslime ausgerichteten Wahlkampf erreicht. Zur Europawahl produzierte Respect ein besonderes Flugblatt f\u00fcr Muslime, in dem Respect als \u201edie Partei f\u00fcr Muslime\u201c beschrieben wurde<\/p>\n
Es ist opportunistisch, Muslime auf der Grundlage ihrer Religion anzusprechen. Stattdessen sollten SozialistInnen versuchen, die Muslime die wir erreichen k\u00f6nnen von sozialistischen Ideen zu \u00fcberzeugen \u2013 besonders die jungen Muslime aus der Arbeiterklasse, die eine Mehrheit der islamischen Bev\u00f6lkerung Gro\u00dfbritanniens sind.<\/p>\n
Respect gelingt es mit ihrer Politik nicht nur nicht, das Klassenbewusstsein unter Muslimen zu erh\u00f6hen, sie k\u00f6nnte auch gef\u00e4hrliche Spaltungen in der Arbeiterklasse zwischen islamischen und anderen Communities verst\u00e4rken. Wenn Respect Wahlerfolge erzielt, indem sie als islamische Partei gesehen wird, die sich nicht um die Bed\u00fcrfnisse anderer Teile der Arbeiterklasse k\u00fcmmert, k\u00f6nnten diese anderen Teile von Respect abgesto\u00dfen, rassistische und sektiererische Ideen verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n
Russische Revolution als Rechtfertigung<\/h4>\n
Um ihren politischen Opportunismus in Gro\u00dfbritannien heute zu rechtfertigen, hat die SWP die Geschichte nach Beispielen abgesucht, die ihre Herangehensweise unterst\u00fctzen. Aus einem Artikel von Dave Crouch in der Socialist Review geht hervor, dass die SWP glaubt die Haltung der Bolschewiki nach der russischen Revolution zur St\u00e4rkung ihrer Position nutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n
Der Artikel von Crouch enth\u00e4lt zwar einen interessanten \u00dcberblick \u00fcber die damaligen Ereignisse, ist aber komplett einseitig \u2013 offenbar darauf ausgerichtet, die Position der SWP zu Respect zu unterst\u00fctzen \u2013 und vermittelt den LeserInnen falsche Eindr\u00fccke. In einem wesentlich l\u00e4ngeren Artikel zum gleichen Thema, ver\u00f6ffentlicht 2002 im SWP-Theoriemagazin International Socialism, zeigt Crouch dass er zu einer etwas objektiveren Herangehensweise f\u00e4hig ist. Ironischerweise kritisiert er einen anderen Autor zum Thema daf\u00fcr, dass er \u201edie Nationalit\u00e4tenpolitik der Bolschewiki fast ohne Betrachtung der vorrevolution\u00e4ren Gesellschaft 1917 und der stalinistischen Konterrevolution\u201c beschreibe. Aber in Socialist Review macht er selbst genau diesen Fehler, indem er \u00fcberhaupt nicht auf die riesigen Unterschiede zwischen der Situation von MarxistInnen in Gro\u00dfbritannien heute und in Russland in den Jahren unmittelbar nach der Revolution eingeht und nur schreibt \u201ewir k\u00f6nnen von den Errungenschaften der Bolschewiki lernen und sie als Inspiration nutzen\u201c.<\/p>\n
Zum Beispiel hat die Rote Armee sich an einigen Milit\u00e4rb\u00fcndnissen mit pan-islamischen Kr\u00e4ften beteiligt. Aber das war in einer B\u00fcrgerkriegssituation. Zahlreiche kapitalistische Armeen griffen an und versuchten gemeinsam mit den von Gro\u00dfgrundbesitzern dominierten herrschenden Klassen vor Ort die erste erfolgreiche Arbeiterrevolution zu zerschlagen. Der B\u00fcrgerkrieg wurde in den vorwiegend islamischen Gebieten Zentralasiens besonders verzweifelt ausgetragen. Direkte Vergleiche mit Gro\u00dfbritannien heute sind offensichtlich sehr begrenzt aussagef\u00e4hig.<\/p>\n
Das hei\u00dft nicht, dass wir aus der Pionierarbeit der Bolschewiki keine wichtigen Lehren ziehen k\u00f6nnen. Aber der Artikel von Crouch erz\u00e4hlt nur eine halbe Geschichte. Er konzentriert sich fast nur auf die \u00dcbereinstimmungen zwischen islamischen F\u00fchrern und den Bolschewiki, ohne die Unterschiede, Konflikte und Komplikationen die es gab zu erkl\u00e4ren oder darauf einzugehen, wie die Bolschewiki versuchten die islamischen Massen f\u00fcr ein marxistisches Programm zu gewinnen. Ohne es explizit zu behaupten vermittelt der Artikel auch den v\u00f6llig falschen Eindruck, dass der Islam an sich fortschrittlicher sei als andere Religionen, weil er vor allem die Religion der unterdr\u00fcckten und kolonisierten V\u00f6lker war und dass die Bolschewiki Muslime daher grunds\u00e4tzlich anders als andere Menschen behandelt h\u00e4tten.<\/p>\n
Tats\u00e4chlich haben Wladimir Lenin und Leo Trotzki die religi\u00f6sen Rechte aller unterdr\u00fcckten Minderheiten extrem umsichtig behandelt, dies war allerdings ein Bestandteil ihrer Herangehensweise an die nationale Frage, die stets darauf ausgerichtet war Spaltungen und Unterschiede zwischen den verschiedenen Teilen der Arbeiterklasse zu minimieren. Lenin und Trotzki verstanden, dass es daf\u00fcr notwendig war immer wieder zu beweisen dass die Sowjetmacht f\u00fcr die unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten im ehemaligen Zarenreich, das Lenin als \u201eV\u00f6lkergef\u00e4ngnis\u201c bezeichnete, der einzige Weg zur nationalen Befreiung war. Dabei hielten sie jedoch weiterhin die Fahne der internationalen Einheit der Arbeiterklasse hoch. Wo Zugest\u00e4ndnisse an nationalistische Kr\u00e4fte gemacht wurden, wurde offen und ehrlich erkl\u00e4rt warum das notwendig war. Gleichzeitig argumentierten die Bolschewiki unter den Massen in den unterdr\u00fcckten Gebieten weiterhin klar f\u00fcr ein marxistisches Programm.<\/p>\n
Das gilt es im Kontext zu betrachten. Die Bolschewiki arbeiteten unter ph\u00e4nomenal schwierigen Bedingungen. Obwohl es das Potential f\u00fcr erfolgreiche Revolutionen in anderen L\u00e4ndern gab, fanden sie nicht statt und der erste Arbeiterstaat blieb isoliert, in einem wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndigen, b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Land. Letztlich f\u00fchrten diese Faktoren zum Aufstieg des Stalinismus und der Zerst\u00f6rung der Arbeiterdemokratie durch eine furchtbare B\u00fcrokratie.<\/p>\n
Diese extremen Bedingungen, unter denen das \u00dcberleben der Revolution am seidenen Faden hing, zwangen den Arbeiterstaat zu Zugest\u00e4ndnissen auf allen Gebieten. 1921, als klar war dass kurzfristig nicht mit einer erfolgreichen Revolution in einem anderen Land gerechnet werden konnte und vor dem Hintergrund einer Hungersnot, war Lenin gezwungen die Neue \u00d6konomische Politik vorzuschlagen, die Zugest\u00e4ndnisse an den Markt beinhaltete. Die erdr\u00fcckenden materiellen Schwierigkeiten wirkten sich zwangsl\u00e4ufig auf die F\u00e4higkeit des Arbeiterstaats aus, seine Politik in einer Reihe von Bereichen umzusetzen.<\/p>\n
Trotzdem war Lenins und Trotzkis Herangehensweise an nationale, religi\u00f6se und ethnische Rechte beispielhaft, weil sie R\u00fccksicht auf nationale Ziele mit einer prinzipientreuen Haltung vereinbarte. Sie hat nichts mit dem Opportunismus der SWP oder der engen, starren Herangehensweise einiger anderer Linker zu tun.<\/p>\n
Selbstbestimmungsrecht der Nationen<\/h4>\n
Die Herangehensweise der Bolschewiki an die islamische Bev\u00f6lkerung war nicht vor allem von der Frage der Religion an sich abgeleitet, sondern von der Beziehung zwischen Religion und dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Die Vereinigung von L\u00e4ndern und die L\u00f6sung der nationalen Frage ist eine der Kernaufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution, neben der Abschaffung feudaler und halbfeudaler Verh\u00e4ltnisse auf dem Land und der Einf\u00fchrung der b\u00fcrgerlichen Demokratie. Diese Aufgaben waren im zaristischen Russland nie erf\u00fcllt worden, hier herrschte eine halbfeudale absolute Monarchie. Die Bolschewiki verstanden, dass die russische Bourgeoisie, die sich erst sp\u00e4t als Klasse entwickelt hatte und sich vor revolution\u00e4ren Bewegungen der Arbeiterklasse f\u00fcrchtete, nicht in der Lage war die Aufgaben ihrer eigenen Revolution zu erf\u00fcllen.<\/p>\n
Trotzki gelangte mit seiner Theorie der Permanenten Revolution als Erster zu dem Schluss, dass diese Aufgaben der Arbeiterklasse zufielen, die die Bauernmassen hinter sich sammeln musste. Trotzki erkl\u00e4rte, dass die Bauernschaft zwar eine wichtige Rolle spielte, wegen ihrer heterogenen Zusammensetzung und r\u00e4umlichen Verstreutheit aber nicht in der Lage war unabh\u00e4ngig zu handeln und daher immer entweder der herrschenden Klasse oder der Arbeiterklasse folgen w\u00fcrde.<\/p>\n
Trotzki erkl\u00e4rte weiter, dass die Arbeiterklasse mit der Erf\u00fcllung der Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution nicht stehenbleiben, sondern \u201eohne Unterbrechung\u201c zu den Aufgaben der sozialistischen Revolution voranschreiten w\u00fcrde. Lenin kam sp\u00e4ter zu den gleichen Schl\u00fcssen und formulierte sie 1917 in den Aprilthesen. Mit der Oktoberrevolution 1917 schritt die Arbeiterklasse tats\u00e4chlich direkt von den Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution zu den Anf\u00e4ngen der sozialistischen Revolution fort.<\/p>\n
Diese Aufgaben waren in den vom Russischen Reich eroberten Gebieten viel gr\u00f6\u00dfer als in Russland selbst. Die Situation war zwar in verschiedenen Regionen unterschiedlich ausgepr\u00e4gt, insgesamt zeigte sich aber ein Bild extremer wirtschaftlicher Unterentwicklung und arme Bauern waren die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. W\u00e4hrend die liberale Bourgeoisie in Russland selbst schwach und feige war, war sie in den meisten dieser Gebiete faktisch nicht vorhanden. Wenn es eine Arbeiterklasse gab, bestand sie oft fast nur aus russischen EmigrantInnen und die wenigen Mitglieder der Bolschewiki, die es vor der Revolution gab, stammten aus diesen Schichten. All diese Faktoren wirkten sich im vor allem von Muslimen bewohnten Zentralasien besonders stark aus. Aber es w\u00e4re falsch anzunehmen, dass die r\u00fcckst\u00e4ndigen Br\u00e4uche in Zentralasien \u2013 etwa der \u00fcberall verbreitete Brautpreis (kalym) \u2013 irgendwie durch die muslimische Bev\u00f6lkerungsmehrheit entstanden w\u00e4ren. Diese Sitten waren eine Folge der feudalen Wirtschafts- und Sozialbeziehungen und die Situation unterschied sich kaum von der in \u00e4hnlich unterentwickelten Gebieten mit christlicher Bev\u00f6lkerungsmehrheit.<\/p>\n
Lenin und Trotzki hatten ein klares Verst\u00e4ndnis von den enormen Schwierigkeiten, denen der neue Arbeiterstaat bei der L\u00f6sung der nationalen Frage in diesen Gebieten gegen\u00fcberstand. Die imperialistische Herrschaft des russischen Zarismus war deutlich zu sp\u00fcren gewesen und es hatte entschlossene und blutige K\u00e4mpfe gegen diese Unterdr\u00fcckung gegeben, die letzten erst 1916. Es war daher notwendig, den vom Zarismus unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten wieder und wieder zu beweisen, dass die Sowjetmacht keine neue Form des Imperialismus war, sondern der einzige Weg zu ihrer nationalen Befreiung.<\/p>\n
Deshalb wurde in der im Juli 1918 eingef\u00fchrten Verfassung festgelegt, dass regionale Sowjets (R\u00e4te) auf der Grundlage \u201eeiner besonderen Lebensweise und nationalen Zusammensetzung\u201c zusammenkommen konnten, um zu entscheiden ob und auf welcher Grundlage sie sich der Russischen Sozialistischen F\u00f6derativen Sowjetrepublik (RSFSR) anschlie\u00dfen wollten. Aber Verfassungen allein waren nicht genug. Die Erf\u00fcllung der Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution bedeutete die Unterst\u00fctzung der Herausbildung einer nationalen Kultur, die zuvor stets unterdr\u00fcckt worden war. Zum Beispiel wurde nach Jahrzehnten der \u201eRussifizierung\u201c die Benutzung der einheimischen Sprachen jetzt unterst\u00fctzt, wobei sie in mehreren F\u00e4llen erstmals verschriftlicht wurden.<\/p>\n
Es gab keinen Widerspruch zwischen dieser Herangehensweise und dem Internationalismus der Bolschewiki. Nur durch den Kampf f\u00fcr die nationale Befreiung der Unterdr\u00fcckten konnte Sowjetrussland zeigen, dass der Weg zur Befreiung \u00fcber die weltweite Arbeiterklasse und insbesondere die Arbeiterklasse Russlands f\u00fchrte. Aber nicht alle Bolschewiki verstanden diese Herangehensweise, ein Teil der Partei sah die Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht der Nationen als Widerspruch zu ihrem Internationalismus \u2013 eine Position, die in Wirklichkeit dem gro\u00dfrussischen Nationalismus in die H\u00e4nde spielte. Im Gegensatz dazu erreichte die extrem \u00fcberlegte Herangehensweise Lenins, dass sich viele der vom Zarismus unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten freiwillig der RSFSR anschlossen.<\/p>\n
Der Umgang der Bolschewiki mit dem Islam<\/h4>\n
Weil der Islam im Zarenreich unterdr\u00fcckt worden war \u2013 und auch weltweit vom britischen und franz\u00f6sischen Imperialismus unterdr\u00fcckt wurde \u2013 war das Recht auf freie Religionsaus\u00fcbung selbstverst\u00e4ndlich eine zentrale Forderung der islamischen Massen. Die Bolschewiki erkannten dieses Recht an und nahmen gro\u00dfe R\u00fccksicht darauf, ebenso wie auf andere unterdr\u00fcckte Religionen wie den Buddhismus oder nicht-orthodoxe christliche Konfessionen.<\/p>\n
Allerdings geht David Crouch zu weit wenn er behauptet: \u201eDie Bolschewiki pflegten einen deutlich anderen Umgang mit dem orthodoxen Christentum [im Gegensatz zum Islam], der Religion der brutalen russischen SiedlerInnen und Missionare\u201c. Er untermauert diesen Eindruck mit der Angabe: \u201e1.500 Russen wurden wegen ihrer religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen aus der Kommunistischen Partei Turkestans geworfen, aber kein einziger Turkestaner.\u201c Das ist eine grob vereinfachte Darstellung. Die Russen wurden ausgeschlossen, weil sie die koloniale Unterdr\u00fcckung durch das russische Reich im Namen der Revolution fortsetzten, nicht einfach wegen ihrer Religion.<\/p>\n
Nat\u00fcrlich verstanden die Bolschewiki, dass das orthodoxe Christentum in den vom Zarenregime eroberten Gebieten eine zutiefst reaktion\u00e4re Rolle spielte und ein wichtiges Werkzeug der gro\u00dfrussischen Unterdr\u00fcckung war. Trotzdem hatte das orthodoxe Christentum insbesondere in Russland selbst einen Doppelcharakter \u2013 es war die Unterdr\u00fcckungsreligion der Zaren, aber es war auch der von Marx so beschriebene \u201eSeufzer der Unterdr\u00fcckten\u201c der russischen Massen. Lenin meinte auch die Millionen von russischen ArbeiterInnen und besonders B\u00e4uerInnen die weiterhin orthodoxe Gl\u00e4ubige waren, als er erkl\u00e4rte \u201ewir sind vollkommen gegen die Verfolgung wegen religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen.\u201c<\/p>\n
Der echte Marxismus Lenins und der Bolschewiki hatte nichts mit den sp\u00e4teren Verbrechen von Josef Stalin gemein. W\u00e4hrend sie selbst einen materialistischen und daher atheistischen Standpunkt einnahmen, vertraten die Bolschewiki das Recht Aller, die Religion ihrer Wahl oder keine Religion auszu\u00fcben. Das verstanden sie unter der Trennung von Staat und Kirche. Die Staatsreligion war in der feudalen Gesellschaft ein Grundpfeiler der Unterdr\u00fcckung, und der Kapitalismus verwendet sie in modifizierter Form weiterhin daf\u00fcr. Im halbfeudalen Russland war der Apparat der orthodoxen Kirche \u2013 der Staatsreligion \u2013 potentiell eine starke Kraft der Reaktion. Aber auf eine andere Weise traf das auch auf den Islam in den von Muslimen bewohnten Republiken zu. Das orthodoxe Christentum war die Religion der kolonialen Unterdr\u00fcckung und der Islam die unterdr\u00fcckte Religion der gro\u00dfen Mehrheit der armen Massen gewesen. Dennoch versuchte die einheimische Elite, den Islam als Werkzeug der Konterrevolution zu verwenden. Die Trennung von Staat und Religion galt in Zentralasien nicht nur f\u00fcr die orthodoxe Kirche, sondern auch f\u00fcr den Islam. Die Bolschewiki vertraten diese Haltung, obwohl sie sie mit einer Schicht von Muslimen in Konflikt brachte. Zum Beispiel weigerten sich in einigen Gebieten islamische Eltern, ihre Kinder zur Schule zu schicken.<\/p>\n
Aber w\u00e4hrend sie f\u00fcr die Trennung von Staat und Religion eintraten, achteten die Bolschewiki sehr darauf, nicht den Eindruck zu vermitteln dass sie Zentralasien von oben \u201erussische\u201c Gesellschaftsformen aufdr\u00fccken wollten. Wo also die Bev\u00f6lkerung Scharia-Gerichte unterst\u00fctzte wussten sie, dass es als russischer Imperialismus aufgefasst werden w\u00fcrde, sie zu bek\u00e4mpfen. Das bedeutet nicht, dass die Bolschewiki die reaktion\u00e4ren, feudalen Positionen die manche Scharia-Gerichte vertraten akzeptiert h\u00e4tten, ebenso wenig wie die reaktion\u00e4ren feudalen Einstellungen die es in verschiedenen Teilen der Gesellschaft im ganzen ehemaligen russischen Reich gab. Ihnen war jedoch bewusst, dass diese Haltungen nicht einfach abgeschafft werden konnten, sondern mit der Zeit ver\u00e4ndert werden mussten. Daher errichteten sie in Zentralasien eine parallele, sowjetische Justiz um in der Praxis zu beweisen, dass die Sowjets f\u00fcr Gerechtigkeit sorgen konnten. Um insbesondere die Rechte der Frauen zu sch\u00fctzen war die Anwendung der Scharia nur erlaubt, wenn beide Prozessparteien zustimmten. Wenn eine Partei mit dem Urteil nicht zufrieden war, konnte sie bei einem \u00fcbergeordneten Sowjetgericht Revision beantragen.<\/p>\n
Spaltung des Islam<\/h4>\n
Zu dieser und anderer Fragen vermittelt Crouch einen einseitigen Eindruck. Beim Lesen seines Artikels glaubt man, dass fast die gesamte islamische Bev\u00f6lkerung Zentralasiens fortschrittlich und mit den Bolschewiki verb\u00fcndet gewesen sei. In einem zweiseitigen Artikel mit vielen Beispielen f\u00fcr die positiven Beziehungen zwischen islamischen Kr\u00e4ften und den Bolschewiki wird nur zweimal erw\u00e4hnt, dass das nicht in allen F\u00e4llen zutraf. Im zweiten Absatz sagt Crouch \u201egleichzeitig hatten konservative islamische F\u00fchrer eine feindselige Haltung gegen\u00fcber den revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen\u201c, aber die Rolle dieser \u201ekonservativen islamischen F\u00fchrer\u201c wird nicht weiter erkl\u00e4rt. Au\u00dferdem erw\u00e4hnt Crouch den \u201eAusbruch der Basmatschi-Bewegung \u2013 eines bewaffneten islamischen Aufstands\u201c. Aber die Schuld f\u00fcr diesen konterrevolution\u00e4ren Aufstand wird allein der zweifellos kolonialen Politik des Taschkenter Sowjets w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs zugewiesen.<\/p>\n
Es stimmt, dass w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs, als gro\u00dfe Teile des Ostens von Russland abgeschnitten waren, einige chauvinistische russischen Emigranten die Revolution unterst\u00fctzten weil sie sie als beste M\u00f6glichkeiten sahen die russische Vorherrschaft zu erhalten. Die Politik, die sie im Namen der Revolution betrieben, setzte die zaristische Unterdr\u00fcckung der Muslime fort. In Taschkent, dessen Bev\u00f6lkerung zu \u00fcber neunzig 90 Prozent islamisch war, hielt der von Sozialrevolution\u00e4ren und Menschewiki dominierte Sowjet seine Sitzungen auf Russisch ab und schloss einheimische VertreterInnen auf prinzipienlose und chauvinistische Art aus. Diese reaktion\u00e4re Politik trug stark dazu bei, dass Banden islamischer Guerillak\u00e4mpfer die Basmatschi-Bewegung gr\u00fcndeten. Im Oktober 1919 stellte die F\u00fchrung der Bolschewiki den Kontakt mit Taschkent wieder her und begann, die Ma\u00dfnahmen des Taschkenter Sowjets r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Schon im April 1918 waren vierzig Prozent der Delegierten im Taschkenter Sowjet Muslime.<\/p>\n
Obwohl gro\u00dfrussische Vorurteile zweifellos weiter existierten, betrieben die Bolschewiki erhebliche Anstrengungen um zu zeigen dass die Sowjetmacht nationale und kulturelle Freiheit bedeutete. Crouch beschreibt: \u201evon den Zaren geraubte heilige islamische Gegenst\u00e4nde und B\u00fccher wurden in die Moscheen zur\u00fcckgebracht. In Zentralasien wurde der Freitag zum arbeitsfreien Tag erkl\u00e4rt.\u201c<\/p>\n
Aber solche Ma\u00dfnahmen hielten den t\u00fcrkischen Nationalisten Enver Pa\u015fa nicht davon ab, im Herbst 1921 nach Zentralasien zu kommen, sich dem Basmatschi-Aufstand anzuschlie\u00dfen und die verschiedenen Stammesgruppen in eine Streitmacht f\u00fcr die islamische Reaktion zu verwandeln. Das war m\u00f6glich, weil eine Schicht von Muslimen sich der Konterrevolution angeschlossen hatte, nicht nur wegen der Verbrechen des Taschkenter Sowjets, sondern weil sie Land erobern wollten um dort andere Muslime auszubeuten. Mit anderen Worten: sie k\u00e4mpften f\u00fcr ihre Klasseninteressen.<\/p>\n
Die Bolschewiki verstanden es stets als ihre Aufgabe, die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Einheit der Arbeiterklasse zu schaffen und die b\u00e4uerlichen Massen mit sich zu ziehen. Das bedeutete, die armen Massen der Muslime zu \u00fcberzeugen, dass die Revolution ihre Interessen vertrat, nicht die reaktion\u00e4ren islamischen F\u00fchrer. Das versuchten sie zu jeder Zeit.<\/p>\n
Einheimische F\u00fchrer<\/h4>\n
Dave Crouch beschreibt, wie die Bolschewiki gro\u00dfe Anstrengungen betrieben um indigene nationale F\u00fchrungen der Sowjets in den neu gebildeten autonomen Staaten zu entwickeln. Dazu geh\u00f6rte die Gr\u00fcndung des Muslim-Kommissariats (Muskom), dessen F\u00fchrung \u00fcberwiegend aus Muslimen bestand, die keine Bolschewiki waren. Gleichzeitig wurden unter den indigenen V\u00f6lkern verst\u00e4rkt Mitglieder f\u00fcr die Kommunistische Partei (KP, der neue Name der Bolschewiki) gewonnen, und die Zahl der islamischen Mitglieder stieg dramatisch.<\/p>\n
Crouch behauptet weiter: \u201eEs gab ernsthafte Diskussionen unter Muslimen \u00fcber die \u00c4hnlichkeit islamischer Werte mit sozialistischen Prinzipien. Beliebte Slogans der Zeit waren \u201eLang lebe die Sowjetmacht, lang lebe die Scharia!\u201c und \u201eReligion, Freiheit und nationale Unabh\u00e4ngigkeit!\u201c. Anh\u00e4ngerInnen des \u201eislamischen Sozialismus\u201c forderten Muslime auf, R\u00e4te zu bilden.<\/p>\n
Erneut wird hier eine komplexere Wirklichkeit ausgeblendet \u2013 es wird nicht erw\u00e4hnt, welche Haltung die Bolschewiki zum \u201eislamischen Sozialismus\u201c einnahmen. Es stimmt nat\u00fcrlich, dass die KP zwar marxistisch und daher atheistisch war, religi\u00f6se \u00dcberzeugungen aber kein Hindernis beim Eintritt in die Partei waren und viele Muslime f\u00fcr die KP gewonnen wurden. Das hie\u00df aber nicht, dass sich Gruppen der KP anschlie\u00dfen konnten, nur weil sie islamisch waren und ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Revolution erkl\u00e4rten. Obwohl es vor\u00fcbergehende Milit\u00e4rb\u00fcndnisse mit sehr unterschiedlichen Kr\u00e4ften gab, erkannten die Bolschewiki nur eine islamische Organisation auf sowjetischem Gebiet (auf der Basis ihres Programms) als echte sozialistische Partei an \u2013 die aserbaidschanische H\u00fcmmet, die sp\u00e4ter der Kern der KP Aserbaidschans wurde. Andere, wie die liberal-nationalistische kasachische Partei Alash Orda, wurden wegen ihres Programms und ihrer Klassenbasis abgelehnt, obwohl sie behaupteten die Revolution zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n
Trotzdem war es so wichtig, indigene F\u00fchrungskader in der KP zu entwickeln, dass Personen mit einem deutlich anderen Standpunkt als Lenin und Trotzki in die Partei aufgenommen wurden. Eine davon war Mirsaid Sultangaliev, der Vorsitzender des Zentralen Muslimkommissariats wurde, nachdem es im November 1917 in die KP eingetreten war. Er erkl\u00e4rte: \u201eAlle islamischen kolonisierten V\u00f6lker sind proletarische V\u00f6lker und weil fast alle Klassen in der islamischen Gesellschaft von den Kolonialisten unterdr\u00fcckt wurden haben alle Klassen das Recht, sich ‚Proletarier‘ zu nennen.\u201c<\/p>\n
Auf dieser Grundlage war er der Meinung, dass es innerhalb unterdr\u00fcckter Nationen keinen Klassenkampf geben k\u00f6nne. In Wirklichkeit waren seine Ideen ein Deckmantel f\u00fcr die Interessen der herrschenden Elite. Die KP-F\u00fchrung kritisierte diese Ideen h\u00e4ufig und \u00f6ffentlich. Zum Beispiel besagen die vom zweiten Komintern-Kongress beschlossenen \u201eThesen zur nationalen und kolonialen Frage\u201c klar: \u201eNotwendig ist der Kampf gegen den Panislamismus und die panasiatische Bewegung und \u00e4hnliche Str\u00f6mungen, die den Versuch machen den Freiheitskampf gegen den europ\u00e4ischen und amerikanischen Imperialismus mit der St\u00e4rkung der Macht des t\u00fcrkischen und japanischen Imperialismus und des Adels, der Gro\u00dfgrundbesitzer, der Geistlichen usw. zu verbinden“.<\/p>\n
Weiter hei\u00dft es: \u201eNotwendig ist ein entschlossener Kampf gegen den Versuch, der nicht wirklich kommunistischen revolution\u00e4ren Freiheitsbewegung in den [wirtschaftlich] zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4ndern ein kommunistisches M\u00e4ntelchen umzuh\u00e4ngen. Die Kommunistische Internationale hat die Pflicht, die revolution\u00e4re Bewegung in den Kolonien und den r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4ndern nur zu dem Zweck zu unterst\u00fctzen, um die Bestandteile der k\u00fcnftigen proletarischen Parteien \u2014 der wirklich und nicht nur dem Namen nach kommunistischen \u2014 in allen r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4ndern zu sammeln und sie zum Bewusstsein ihrer besonderen Aufgaben zu erziehen, und zwar zu den Aufgaben des Kampfes gegen die b\u00fcrgerlich-demokratische Richtung in der eigenen Nation.\u201c<\/p>\n
Dieses Beispiel zeigt, wie grundlegend sich die Herangehensweise der Bolschewiki von der der SWP heute unterschied. Es stimmt, dass das Manifest des Kongresses der V\u00f6lker des Ostens zum \u201eheiligen Krieg\u201c aufrief, wie von Crouch zitiert. Heute w\u00fcrden MarxistInnen diesen Begriff wegen seiner Konnotationen nicht benutzen. Trotzdem stand der Aufruf damals im Kontext eines klaren Klassenstandpunkts: \u201eIhr wurdet oft von euren Regierungen zum heiligen Krieg aufgerufen, ihr seid unter dem gr\u00fcnen Banner des Propheten marschiert, aber alle diese heiligen Kriege waren Betrug, sie dienten nur den Interessen eurer selbsts\u00fcchtigen Herrscher und ihr als ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen lebt nach all diesen Kriegen weiter in Sklaverei und Not… Jetzt rufen wir euch zum ersten echten heiligen Krieg f\u00fcr euer eigenes Wohlergehen, f\u00fcr eure eigene Freiheit, f\u00fcr euer eigenes Leben!\u201c<\/p>\n
W\u00e4hrend des Kongresses wurde immer wieder die Notwendigkeit des Kampfes gegen \u201edie reaktion\u00e4ren Mullahs in unserer Mitte\u201c betont, und dass die Interessen der Armen im Osten mit denen der Arbeiterklasse im Westen \u00fcbereinstimmten.<\/p>\n
Die Revolution von 1917 inspirierte Millionen rund um den Erdball. In riesigen Mengen sammelten sich die Armen aus den unterdr\u00fcckten Nationen um das Banner des ersten Arbeiterstaats, darunter auch viele Muslime. Lenin und Trotzki betonten zu Recht, dass im B\u00fcndnis mit der Sowjetmacht die nationale Befreiung und Religionsfreiheit erk\u00e4mpft werden konnten. Das war umso wichtiger wegen der absto\u00dfenden Politik der Zweiten Internationale, die die Kolonialherrschaft unterst\u00fctzt hatte. Dabei verzichteten sie aber nicht auf ihr sozialistisches Programm. Sie betonten, dass der Weg zur Freiheit nicht \u00fcber ein B\u00fcndnis mit der nationalen Bourgeoisie f\u00fchrte, sondern \u00fcber den gemeinsamen Kampf mit der weltweiten Arbeiterklasse gegen den Imperialismus und auch gegen ihre \u201eeigenen\u201c feudalen Grundherren und die sie unterst\u00fctzenden reaktion\u00e4ren Mullahs.<\/p>\n
Welche Lehren f\u00fcr heute?<\/h4>\n
In Zentralasien versuchten Lenin und Trotzki eine \u00fcberwiegend islamische b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung, die f\u00fcr ihre nationalen Rechte k\u00e4mpfte, f\u00fcr die Weltrevolution zu gewinnen, vor dem Hintergrund des verzweifelten \u00dcberlebenskampfs des ersten Arbeiterstaats. Wir versuchen heute in Gro\u00dfbritannien, eine unterdr\u00fcckte Minderheit der Arbeiterklasse f\u00fcr den Sozialismus zu gewinnen.<\/p>\n
Unter den meisten Gesichtspunkten ist unsere Aufgabe viel einfacher. Die gro\u00dfe Mehrheit der Muslime in Gro\u00dfbritannien sind Teil der Arbeiterklasse, und viele arbeiten an ethnisch gemischten Arbeitspl\u00e4tzen, besonders im \u00f6ffentlichen Dienst. Die Massenbewegung gegen den Krieg hat einen Eindruck von den M\u00f6glichkeiten einer gemeinsamen Bewegung der Arbeiterklasse gegeben, in der Muslime eine zentrale Rolle spielen. Die Gr\u00fcndung einer neuen Massenpartei der Arbeiterklasse mit einer klassenbewussten Politik, die gegen Rassismus und Islamfeindlichkeit k\u00e4mpft, h\u00e4tte eine enorme Anziehungskraft f\u00fcr Muslime aus der Arbeiterklasse und w\u00fcrde Rassismus und Vorurteilen schrittweise den Boden entziehen.<\/p>\n
Aber das Fehlen einer solchen Partei belegt, vor welchen Schwierigkeiten wir stehen. In den 1990ern gab der Zusammenbruch der Regimes in Osteuropa und der Sowjetunion dem Weltkapitalismus eine M\u00f6glichkeit, den Sozialismus f\u00fcr gescheitert zu erkl\u00e4ren, indem sie ihn zu Unrecht mit diesen stalinistischen Regimes gleichsetzten. Daher konnte die herrschende Klasse eine massive ideologische Offensive gegen die Idee des Sozialismus beginnen. Der rechte Fl\u00fcgel der Labour Party und der Sozialdemokratie weltweit nutzte diese Gelegenheit, um alle Spuren von Sozialismus aus ihren Programmen zu tilgen und sich in eindeutig kapitalistische Parteien umzuwandeln.<\/p>\n
Heute kommt eine neue Generation zu dem Schluss, dass der Kapitalismus die Bed\u00fcrfnisse der Menschheit nicht befriedigen kann \u2013 eine Minderheit beginnt, sozialistische Schl\u00fcsse zu ziehen. Allerdings entspricht das Bewusstsein noch nicht der objektiven Realit\u00e4t \u2013 und der Sozialismus ist noch nicht zu einer Massenkraft geworden.<\/p>\n
In dem daher bestehenden Vakuum suchen radikale junge Menschen nach einer politischen Alternative. Eine kleine Minderheit junger Muslime in Gro\u00dfbritannien orientiert sich an Organisationen des rechten politischen Islams. Die Mehrheit der jungen, radikalen Muslime waren verstanden die Notwendigkeit einer gemeinsamen Antikriegsbewegung. Das Potential f\u00fcr den Aufbau einer starken Basis der SozialistInnen unter Muslimen ist zweifellos vorhanden \u2013 aber nur wenn wir auf sie zugehen und f\u00fcr den Sozialismus argumentieren.<\/p>\n
Weltweit gibt es gr\u00f6\u00dfere Parallelen mit der Situation, in der die Bolschewiki sich befanden, obwohl die Unterschiede weiterhin gro\u00df sind. Zum Beispiel stehen SozialistInnen im Irak heute vor der schwierigen Aufgabe, unabh\u00e4ngige Arbeiterorganisationen aufzubauen und die Massen der ArbeiterInnen und Armen zur Verteidigung ihrer Rechte zu mobilisieren \u2013 darunter auch ihr Recht, sich unabh\u00e4ngig von den islamischen Organisationen zu organisieren, deren Programme den irakischen Massen keinen Weg nach vorn bieten. Die Lehren des 20. Jahrhunderts verdeutlichen die Gefahren, die f\u00fcr SozialistInnen entstehen wenn wir unser unabh\u00e4ngiges Programm aufgeben. Besonders im Nahen Osten erm\u00f6glichte das Versagen der gro\u00dfen Kommunistischen Parteien, die die Arbeiterklasse nicht zur Macht f\u00fchren konnten, den Aufstieg des rechten politischen Islam. In der iranischen Revolution 1978-79 f\u00fchrte die Arbeiterklasse eine Bewegung, die die grausame, vom Imperialismus gest\u00fctzte Monarchie st\u00fcrzte. Die kommunistische Tudeh-Partei war die gr\u00f6\u00dfte linke Kraft im Iran, aber betrieb keine unabh\u00e4ngige Politik f\u00fcr die Arbeiterklasse. Stattdessen versuchte sie, sich mit Ayatollah Khomeini zu verb\u00fcnden, obwohl der Klerus versuchte die unabh\u00e4ngige Arbeiterbewegung zu ersticken. Das Ergebnis war die Macht\u00fcbernahme des Khomeini-Regimes, das die Tudeh zerschlug und die klassenbewusstesten ArbeiterInnen ermordete.<\/p>\n
Die Bolschewiki erm\u00f6glichten trotz der riesigen Schwierigkeiten vor denen sie standen, einen Blick auf den einzigen Weg zur Befreiung \u2013 die auch nationale Befreiung und Religionsfreiheit beinhaltet \u2013 durch die weltweite Vereinigung der Arbeiterklasse um ein sozialistisches Programm.<\/p>\n
Die seither vergangenen Jahrzehnte waren f\u00fcr die Minderheiten, die in den Jahren nach der Revolution einen Eindruck von Befreiung bekamen ein Albtraum nationaler Unterdr\u00fcckung. Der Stalinismus und jetzt der Kapitalismus bedeuten die brutale Unterdr\u00fcckung nationaler Minderheiten in der Region. Die v\u00f6llige Unf\u00e4higkeit des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, die nationale Frage zu l\u00f6sen wird dazu f\u00fchren, dass eine neue Generation das wahre Erbe der Bolschewiki wieder entdeckt.<\/p>\n
Hannah Sell ist stellvertretende Generalsekret\u00e4rin der Socialist Party in England und Wales und Mitglied im Internationalen Sekretariat des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale.<\/p>\n
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Die Bolschewiki und islamische Frauen<\/h4>\n
Die Shenodtel \u2013 die Abteilung der Arbeiterinnen und B\u00e4uerinnen \u2013 f\u00fchrte eine Kampagne, um in der ganzen sowjetischen Welt die unterdr\u00fcckten B\u00e4uerinnen zu erreichen, oft unter gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Risiken. In Zentralasien organisierten Shenodtel-Aktivistinnen \u201eRote Yertas\u201c (Zelte) wo den Frauen aus der Umgebung Ausbildungen in verschiedenen Handwerken, Alphabetisierungskurse, politische Bildung usw. angeboten wurden.<\/p>\n
Diese Taktik konnte nicht zum vollen Erfolg f\u00fchren, w\u00e4hrend die Revolution isoliert blieb. Letztlich war die Revolution weder in den muslimischen Gebieten noch im Rest der Sowjetunion in der Lage, die wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen f\u00fcr die Befreiung der Frauen zu schaffen. Trotzki beschreibt wie die neue Gesellschaft plante, kostenlose, hochwertige \u201eGeburtsh\u00e4user, Krippen, Kinderg\u00e4rten, Schulen, Gemeinschaftsk\u00fcchen, Gemeinschaftsw\u00e4schereien, Erste-Hilfe-Stationen, Krankenh\u00e4user, Sanatorien, Sportvereine, Kinos…\u201c zu schaffen um \u201eder Frau, und damit auch dem Ehepaar, wirkliche Befreiung aus den tausendj\u00e4hrigen Fesseln\u201c zu bringen.<\/p>\n
Aber er erkl\u00e4rt weiter: \u201eEs ist nicht gelungen, die alte Familie im Sturm zu nehmen. Nicht weil es an gutem Willen gefehlt h\u00e4tte. Auch nicht weil die Familie so fest in den Herzen verwurzelt ist. Im Gegenteil, nach einer kurzen Periode des Misstrauens zum Staat, zu seinen Krippen, Kinderg\u00e4rten und \u00e4hnlichen Einrichtungen wussten die Arbeiterinnen und nach ihnen auch die fortgeschrittenen B\u00e4uerinnen die unermesslichen Vorz\u00fcge der kollektiven Kinderpflege wie der Vergesellschaftung der gesamten Familienwirtschaft wohl zu sch\u00e4tzen. Leider erwies sich die Gesellschaft als zu arm und zu unkultiviert. Die realen Mittel des Staates entsprachen nicht den Pl\u00e4nen und Absichten der Kommunistischen Partei. Man kann die Familie nicht ‚abschaffen‘, man muss sie durch etwas ersetzen. Auf der Grundlage der ‚verallgemeinerten Not‘ ist eine wirkliche Befreiung der Frau nicht zu verwirklichen. Die Erfahrung veranschaulichte bald diese bittere Wahrheit, die Marx 80 Jahre zuvor formuliert hatte.\u201c (aus: Die verratene Revolution, 1936)<\/p>\n
Die \u201everallgemeinerte Not\u201c war in Zentralasien besonders akut. Das bedeutete in der Praxis, dass Frauen die aus der Unterdr\u00fcckung durch ihre Familie ausbrachen vor dem Hungertod standen, weil sie keine andere M\u00f6glichkeit hatten, materielle Unterst\u00fctzung zu bekommen. Selbst wenn es wirtschaftlich m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, Frauen von der Hausarbeit zu entlasten und ihnen eine unabh\u00e4ngige wirtschaftliche Existenz zu erm\u00f6glichen, w\u00e4re der neue Arbeiterstaat zweifellos auf Widerst\u00e4nde getroffen, besonders in den wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndigen Gebieten, wo es noch keine Arbeiterklasse gab. Aber im Lauf der Zeit h\u00e4tte auf Basis der gegebenen Mittel die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit die Vorteile der Befreiung der Frauen verstanden.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"
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