{"id":23655,"date":"2013-02-21T13:11:40","date_gmt":"2013-02-21T12:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23655"},"modified":"2013-02-08T10:48:55","modified_gmt":"2013-02-08T09:48:55","slug":"lenins-juengstes-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/02\/lenins-juengstes-buch\/","title":{"rendered":"\u201eLenins j\u00fcngstes Buch\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/dath_buchcover.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23656\" alt=\"dath_buchcover\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/dath_buchcover-112x173.png\" width=\"112\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/dath_buchcover-112x173.png 112w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/dath_buchcover-224x347.png 224w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/dath_buchcover.png 395w\" sizes=\"(max-width: 112px) 100vw, 112px\" \/><\/a>\u00dcber Dietmar Daths Einleitung zu \u201eStaat und Revolution\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Vor einigen Monaten erschien in der Reihe \u201eMarxist Pocket Books\u201c im Laika-Verlag (Hamburg) Lenins Schrift \u201eStaat und Revolution\u201c mit einer Einleitung von Dietmar Dath. Dath ist in den letzten Jahren eine Art Popstar der Linken geworden. Immer wieder hat er sich dabei auch positiv auf Lenin oder den Begriff \u201eRevolution\u201c bezogen. Zum Beispiel in einem Interview in der \u201eWelt\u201c sagte er 2008, dass \u201ean \u201aStaat und Revolution\u2018, \u201aWas tun?\u2018 und anderen Schriften Lenins so viel N\u00fctzliches ist wie an wenigen alten Texten sonst. Obwohl der Mann lange tot ist: An seinen S\u00e4tzen stimmt l\u00e4ngst nicht alles, aber doch mehr als an jedem Wort, das M\u00fcntefering, Barack Obama oder Joschka Fischer je gesagt haben und je sagen werden.\u201c Von daher war es naheliegend, ihn die Einleitung zu einer Neuausgabe von \u201eStaat und Revolution\u201c schreiben zu lassen.<\/p>\n<p><em>von Wolfram Klein<\/em><\/p>\n<p>Dietmar Dath hat seine Einleitung mit \u201eLenins j\u00fcngstes Buch\u201c \u00fcberschrieben. Damit will er ausdr\u00fccken, dass das Buch auch heute noch hochaktuell ist, wie er im Text immer wieder deutlich macht.<\/p>\n<p>Mit diesem Gedanken machte er sich bei diversen Rezensenten nat\u00fcrlich unbeliebt. H\u00e4tte er \u201eStaat und Revolution\u201c als historischen Text behandelt, als Dokument einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit, dann h\u00e4tte man ihm vielleicht verzeihen k\u00f6nnen. Aber so ist ihm die Emp\u00f6rung des b\u00fcrgerlichen Feuilletons ebenso sicher wie Lenin selbst. Diese Rezension teilt diese Ausgangsbasis von Dath voll und ganz. Das gleiche gilt, wenn Dath \u00fcber die von Lenin in \u201eStaat und Revolution\u201c entwickelten Forderungen schreibt: \u201eIch teile diese Forderungen; \u00fcber den Ort, von dem aus diese Einleitung spricht, soll kein Zweifel sein.\u201c (S. 8)<\/p>\n<p>Dath schreibt, dass Lenin die Ansicht von Marx und Engels \u00fcber Staat und Revolution zusammenfasst. Die Einleitung beginnt mit der These, dass \u201eunter allen klassischen Schriften, die Marx auslegen, erg\u00e4nzen oder operativ politisch nutzen wollen\u201c (S. 7) Staat und Revolution die illiberalste sei. Wenn man diesen Satz so auffassen w\u00fcrde, dass das Buch autorit\u00e4r sei, w\u00fcrde man Dath und Lenin missverstehen. Gemeint ist vielmehr, dass die \u201eLiberalen\u201c zwar Teile von Marx\u2018 Kapitalismuskritik akzeptieren k\u00f6nnen. Aber: \u201eMit Staat und Revolution k\u00f6nnen sie nicht leben.\u201c (a.a.O.)<\/p>\n<p>Im ersten Teil von Daths Einleitung steht das Verh\u00e4ltnis des Staats zu den Eigentumsverh\u00e4ltnissen im Mittelpunkt. Dath zeigt im Anschluss an Marx, Engels und Lenin, dass in \u201eunserer\u201c \u201efreiheitlich-demokratischen Grundordnung\u201c Freiheit und Demokratie auf den Eigentumsverh\u00e4ltnissen beruhen. Wir haben aber nicht die Freiheit, demokratisch zu entscheiden, dass wir diese Eigentumsordnung grundlegend \u00e4ndern wollen.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil erkl\u00e4rt Dath weiter, dass Staaten \u201ein allen Klassengesellschaften einfach Organisationen zum Schutz von Eigentumsverh\u00e4ltnissen\u201c (S. 13) sind. Im Kapitalismus dient der Staat dem Schutz der Kapitalakkumulation, also der Aneignung von anderer Leute Arbeit (oder wie Dath unn\u00f6tig kompliziert schreibt: \u201eArbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation\u201c &#8211; S. 15), um aus Geld mehr Geld zu machen. Dath stellt fest, dass die Mechanismen, die schon Engels und Lenin beschrieben haben, um diese Verh\u00e4ltnisse auch in einer Demokratie zu sch\u00fctzen, weiterhin funktionieren. Wenn man Staat und Revolution richtig liest \u201eentwickelt man rasch ein findiges Misstrauen gegen binnenkapitalistische Krisenlenkungsoperationen\u201c. (S. 17) Dath kommt wie Marx, Engels und Lenin zu der Schlussfolgerung, dass eine Revolution notwendig ist, um diese Verh\u00e4ltnisse grundlegend zu \u00e4ndern. Der zweite Teil endet mit einer sch\u00f6nen Antwort auf die Behauptung: \u201eDas geht ja nicht!\u201c Man soll das \u201enicht sagen, wenn man etwas anderes meint, n\u00e4mlich: Wir sind zu schwach dazu. Wenn etwas nicht geht, muss man es n\u00e4mlich bleiben lassen. Wenn man aber zu etwas zu schwach ist, k\u00f6nnte man ja st\u00e4rker werden.\u201c (S. 19)<\/p>\n<h4>Historischer Materialismus oder Utopie?<\/h4>\n<p>Bevor wir uns dem dritten und vierten Teil von Daths Einleitung zuwenden, in der logische und historische Einw\u00e4nde gegen Lenins Schrift diskutiert werden, ist hier der Platz f\u00fcr eine Kritik an Daths Lenin-Darstellung.<\/p>\n<p>Der grundlegendste Einwand ist, dass die marxistische Staatstheorie nicht im leeren Raum schwebt, sondern auf der marxistischen Geschichtsauffassung, dem historischen Materialismus beruht: Einer bestimmten Entwicklungsstufe der materiellen Produktivkr\u00e4fte (v.a. der Technik) entsprechen bestimmte Produktionsverh\u00e4ltnisse. \u00dcber dieser \u00f6konomischen Struktur der Gesellschaft (oder Basis) erhebt sich ein politischer und juristischer \u00dcberbau (sprich: eben der Staat) und ihr entsprechen bestimmte Bewusstseinsformen. Wenn sich die Produktivkr\u00e4fte entwickeln, werden die Produktionsverh\u00e4ltnisse (und ihr juristischer Ausdruck: die Eigentumsverh\u00e4ltnisse) zu ihrer Fessel. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. (Klassisch formuliert hat das Marx 1859 in seinem Vorwort zu \u201eZur Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c, Marx Engels Werke Band 13, S. 8f.)<\/p>\n<p>Wenn deshalb Lenin in \u201eStaat und Revolution\u201c \u00fcber Revolution, \u00fcber eine \u00c4nderung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse und \u00fcber einen grundlegend anderen Staat schreibt, dann ist das aus einer Analyse abgeleitet, wonach es im Kapitalismus eine Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte gegeben hat, durch die die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse zu einer Fessel f\u00fcr diese Produktivkr\u00e4fte geworden sind. Lenin entwickelt nicht die Utopie einer sch\u00f6neren Welt, sondern ist \u00fcberzeugt, dass diese Ver\u00e4nderungen zur historischen Notwendigkeit geworden sind. Der Kapitalismus selbst hat ihre Voraussetzungen geschaffen und ihr Charakter folgt aus diesen Voraussetzungen. Stellenweise klingt das bei Dath auch so, wenn er auf die neuen technischen M\u00f6glichkeiten verweist, aber immer wieder schreibt er, dass Lenin \u201eForderungen\u201c aufstellt, etwas \u201everlangt\u201c (S. 8) ohne zu erkl\u00e4ren, an wen Lenin diese Forderungen richtet. Das erweckt den Eindruck, als ginge es um moralische Forderungen.<\/p>\n<p>Der Unterschied wird vor allem daran deutlich, dass f\u00fcr Marx, Engels und Lenin der Kapitalismus mit der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte auch eine Klasse hervorgebracht hat, die diese Revolution (im B\u00fcndnis mit anderen ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Klassen und Schichten) durchf\u00fchren kann: die Arbeiterklasse (das Proletariat). Bei Dath kommt die Arbeiterklasse nicht vor. Abgesehen von einer beil\u00e4ufigen Erw\u00e4hnung der \u201eTradition \u2026 der \u2026 Arbeiterbewegung\u201c (S. 11) kommt das Wort \u201eArbeiter\u201c gar nicht vor. Dath macht sich Lenins \u201eForderungen\u201c zu eigen, aber er stellt sie quasi \u201ein den Raum\u201c. Er hat keinen Adressaten f\u00fcr diese Forderungen, weder die Arbeiterklasse als Klasse, auch keine andere gesellschaftliche Gruppe (falls er der Ansicht w\u00e4re, die Arbeiterklasse w\u00e4re als Adressat \u00fcberholt). W\u00e4re man b\u00f6swillig, k\u00f6nnte man Dath vorwerfen, die Arbeiterklasse als revolution\u00e4res Subjekt zu ersetzen durch das christliche \u201eAlle Menschen, die guten Willens sind\u201c.<\/p>\n<h4>R\u00e4te und revolution\u00e4re Partei<\/h4>\n<p>Da ist es nur konsequent, dass Dath auch keine Bewegung oder Organisation anzugeben wei\u00df, an die er seine\/Lenins Forderungen adressieren k\u00f6nnte. Dagegen kommt Lenin immer wieder auf die R\u00e4te (oder Sowjets) zu sprechen, die in den russischen Revolutionen 1905 und 1917 entstanden waren. Und das, obwohl Lenin das letzte Kapitel von \u201eStaat und Revolution\u201c, in dem er die Erfahrungen dieser Revolutionen abhandeln wollte, nicht mehr schrieb, weil er sich wieder praktischen Aufgaben zuwenden konnte. \u201eAlle Macht den R\u00e4ten\u201c war damals eine Hauptparole der Bolschewiki. Lenin begr\u00fcndet in \u201eStaat und Revolution\u201c theoretisch, warum die Verwirklichung dieser Parole einen v\u00f6llig neuen Typ von Staat schaffen w\u00fcrde, der nicht mehr die Mehrheit im Interesse einer Minderheit von Ausbeutern unterdr\u00fccken w\u00fcrde, sondern eine Organisation der Mehrheit zur Niederhaltung der Ausbeuter w\u00e4re. Gleichzeitig polemisierte er gegen die konkurrierenden Parteien der Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re, die zuerst in den Sowjets die Mehrheit hatten und sie in dieser Zeit \u201emachtlos\u201c (S. 43 und Lenin Werke Band 25, S. 404) gemacht haben. Sie schafften es, \u201eauch die Sowjets nach dem Vorbild des sch\u00e4bigsten b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus zu versauen, sie in blo\u00dfe Schwatzbuden zu verwandeln\u201c. (S. 87 und Lenin Werke Band 25, S. 436) In den Revolutionen nach 1917 konnte man immer wieder sehen, dass R\u00e4te oder r\u00e4te\u00e4hnliche Strukturen entstanden (zum Beispiel in Deutschland und \u00d6sterreich 1918, zuletzt 2011 in Tunesien und \u00c4gypten, wo es zumindest r\u00e4te\u00e4hnliche Strukturen in den Stadtteilen, wenn auch keine R\u00e4te in den Betrieben, gab). Aber regelm\u00e4\u00dfig dienten sie nur als Kampforgane. Nach dem Sturz der Regierung verwandelten sie sich nicht in Machtaus\u00fcbungsorgane, in einen neuen Staat, der sich vom alten kapitalistischen qualitativ unterschieden h\u00e4tte, \u00fcberlie\u00dfen sie die Macht irgendeiner Clique \u2026 die den alten kapitalistischen Staat beibehielt und zur Unterdr\u00fcckung genau der Revolution\u00e4rInnen einsetzte, denen sie die Macht verdankte. Dass in Russland die Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re damit keinen Erfolg hatten, lag nur daran, dass es die Bolschewiki gab, eine in den Massen verankerte revolution\u00e4re Partei, die ihnen einen Strich durch die Rechnung machte.<\/p>\n<p>Dath dagegen hat keinen Adressaten f\u00fcr seine Forderungen. Man kann nat\u00fcrlich sagen, dass Lenin \u201eStaat und Revolution\u201c mitten in einer Revolution schrieb, wovon wir in Deutschland noch ziemlich weit weg sind. Das ist zweifellos richtig. Niemand verlangt von Dath, heute zur Bildung von R\u00e4ten oder gar zur Macht\u00fcbernahme durch nicht-existierende R\u00e4te aufzurufen oder eine revolution\u00e4re Massenpartei aus dem \u00c4rmel zu sch\u00fctteln. Aber die Erfahrungen der letzten 95 Jahre sprechen eine deutliche Sprache, was in einer Revolution notwendig sein wird \u2013 und worauf man deshalb auch heute schon hinarbeiten muss.<\/p>\n<h4>Der Staat<\/h4>\n<p>Aber auch in Bezug auf den Staat im engeren Sinne, gibt es bei Dath Schieflagen. Er erw\u00e4hnt zwar die Bedeutung der Polizei, aber den klaren Gedanken von Engels und Lenin, dass den Kern des Staates \u201ebesondere Formationen bewaffneter Menschen\u201c (mehrfach S. 37-40 und Lenin Werke Band 25, S. 400-402) (d.h. Polizei und Milit\u00e4r) ausmachen, bringt er nicht. Stattdessen schreibt er, dass Hoheitsbefugnisse an supranationale Institutionen wie EU, WTO UNO etc. \u00fcbergehen w\u00fcrden (S. 12 und 18). Aber diese Institutionen haben eben keine eigenen \u201ebesonderen Formationen bewaffneter Menschen\u201c, um diese Befugnisse durchzusetzen. Deshalb sind sie gerade keine Staaten, sondern Zusammenschl\u00fcsse von Staaten, die zur Durchsetzung dieser Befugnisse auf die \u201ebewaffneter Formationen\u201c ihrer Mitgliedsstaaten angewiesen sind. Wenn man diesen Unterschied verwischt, verschwimmt die h\u00e4ssliche Fratze des kapitalistischen Staats.<\/p>\n<p>Ebenso fehlt bei Dath die klare Aussage, dass die kapitalistische Staatsmaschinerie von der Arbeiterklasse zur Schaffung eines neuen Staatswesen nicht einfach \u00fcbernommen werden kann. Lenin betonte, dass der bisherige Staat ein Apparat zur Unterdr\u00fcckung der Mehrheit im Interesse einer privilegierten Minderheit war, w\u00e4hrend der neue Staat eine Minderheit, die bisherige herrschende Klasse, daran hindern muss, ihre Minderheitenherrschaft wieder zu errichten. Deshalb sei er \u201eschon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr\u201c (Engels, zitiert S. 110 und Lenin Werke Band 25, S. 453). F\u00fcr diesen \u201eHalbstaat\u201c (S. 49 und Lenin Werke Band 25, S. 409) kann aber der bisherige Staatsapparat unm\u00f6glich beibehalten werden. Er muss \u201ezerschlagen\u201c, \u201ezerbrochen\u201c (beide Begriffe verwendet Lenin \u00fcber 10 Mal, wir verzichten deshalb auf Quellenangaben) und durch einen demokratischen Arbeiterstaat ersetzt werden, wie es Lenin seinen LeserInnen immer wieder einh\u00e4mmert.<\/p>\n<p>In der Frage, was den neuen Staat oder \u201eHalbstaat\u201c nach der Revolution ausmachen soll, ger\u00e4t Dath regelrecht auf Abwege. Er erw\u00e4hnt das \u201eimperative Mandat\u201c (S. 8). In \u201eStaat und Revolution\u201c wird das \u201egebundene Mandat\u201c nur zweimal erw\u00e4hnt: In einem Zitat von Engels \u00fcber die Pariser Kommune von 1871, wo es aber eher ironisch behandelt wird (\u201ezum \u00dcberfluss hinzugef\u00fcgt\u201c &#8211; S. 125f. und Lenin Werke Band 25, S. 465). Und Lenin selbst kritisiert den Opportunisten Eduard Bernstein, der gebundene Mandate und andere Ma\u00dfnahmen als Ausdruck von \u201eprimitiver Demokratie\u201c und \u201edoktrin\u00e4rem Demokratismus\u201c abgelehnt habe. Lenin schreibt, dass im Sozialismus vieles von der \u201eprimitiven\u201c Demokratie wiederaufleben werde, aber die gebundenen Mandate erw\u00e4hnt er dabei nicht. (S, 176f. und Lenin Werke Band 25, S. 503) Was Marx, Engels und Lenin statt dessen immer wieder betonten, war die W\u00e4hlbarkeit und jederzeitige Absetzbarkeit aller Funktionstr\u00e4ger und die Beschr\u00e4nkung ihrer Geh\u00e4lter auf einen Arbeiterlohn \u2013 und diese Ma\u00dfnahmen erw\u00e4hnt Dath nicht!<\/p>\n<p>Die Probleme mit Daths Lenininterpretation zeigen sich auch bei der Eigentumsfrage. Gut in Daths Einleitung ist, dass er den Zusammenhang zwischen Staat und Eigentumsverh\u00e4ltnissen betont. Aber seine Forderung ist schwammig: \u201eEinschr\u00e4nkung und sp\u00e4ter Abschaffung aller Eigentumstitel, deren Gebrauchswert ihre Eignung zur Wertsch\u00f6pfung qua Kommando \u00fcber fremde Arbeit ist.\u201c Der wesentliche Unterschied zu Lenin ist nicht, wie Dath selber schreibt, dass seine Formulierung abstrakter ist, weil sie \u201eAtomkraftwerke, gigantische Mietsh\u00e4userblockviertel, Fondspakete, innerst\u00e4dtische Bauverm\u00f6gen mit Gentrifizierungshorizont, Biotechnologie- oder Software-Patente und \u00e4hnliches mehr mit erfasst\u201c. (S. 9) Der Unterschied ist vielmehr, dass Dath nicht schreibt, durch was die Eigentumstitel ersetzt werden sollen. MarxistInnen treten nicht f\u00fcr die \u201eAbschaffung des Eigentums\u201c ein. Schon im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels: \u201eWas den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums \u00fcberhaupt, sondern die Abschaffung des b\u00fcrgerlichen Eigentums.\u201c Bei Marx, Engels und Lenin finden sich Formulierungen wie \u201eGemeineigentum\u201c, \u201egesellschaftliches Eigentum\u201c oder auch \u201ezun\u00e4chst Staatseigentum\u201c (also Staatseigentum als primitivste Form von gesellschaftlichem Eigentum \u2013 zur Klarstellung und Unterscheidung von kapitalistischen Verstaatlichungen betonte Lenin dabei die Bedeutung von Arbeiterkontrolle)<\/p>\n<p>Bei aller Kritik an Dath ist nat\u00fcrlich zu ber\u00fccksichtigen, dass sein Text Lenins \u201eStaat und Revolution\u201c einleiten und nicht ersetzen soll. Manche L\u00fccken bei Dath k\u00f6nnten damit erkl\u00e4rt werden, dass er nicht Argumente bringen wollte, die ohnehin bei Lenin in aller Ausf\u00fchrlichkeit kommen.<\/p>\n<h4>Daths Antwort auf logische Einw\u00e4nde<\/h4>\n<p>Betrachten wir jetzt noch kurz Daths Antworten auf logische und historische Einw\u00e4nde. Der erste, \u201erechte\u201c, Einwand ist, dass Klassengesellschaften und Staaten notwendige Produkte von Arbeitsteilung seien, notwendig zur Zivilisation geh\u00f6rten. Dath wendet ein, dass daraus, dass es bisher nicht ohne ging, nicht folgt, dass es auch so bleiben m\u00fcsse. Das sei ein \u201eFehlschluss vom Vorhandenen aufs M\u00f6gliche. Wenn einer viele Krankheiten \u00fcberlebt hat, ist er deswegen noch lange nicht unsterblich\u201c. (S. 19) Umgekehrt argumentiert er gegen das zweite, \u201elinksliberale\u201c, Argument, dass sich Klassengegens\u00e4tze wegreformieren lie\u00dfen. Das sei nicht nur bisher schief gegangen, sondern m\u00fcsse auch weiter schief gehen, wegen den \u201eganz erstaunlichen Beharrungskr\u00e4ften\u201c (S. 20) der herrschenden Klassen. Er verweist dabei auf Texte wie Rosa Luxemburgs \u201eSozialreform oder Revolution\u201c. Als Drittes geht Dath auf das \u201elibert\u00e4re\u201c Argument ein, man d\u00fcrfe die Herrschenden nicht mit ihren eigenen Waffen bek\u00e4mpfen, m\u00fcsse \u201edie Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen\u201c. Er antwortet: \u201eWer die Welt ver\u00e4ndert, \u00fcbernimmt eben damit etwas, das man \u00bbMacht\u00ab nennen muss, wenn das Wort nicht jeden rationalen praktischen Sinn verlieren soll. Was denn sonst: Wir bestimmen, was geschieht, aber Macht haben andere? Wir bestimmen, was geschieht, aber Macht w\u00fcrden wir das lieber nicht nennen wollen k\u00f6nnen d\u00fcrfen?\u201c (S. 21)<\/p>\n<p>Da dieser Satz seine \u00dcberzeugungskraft tats\u00e4chlich aus den historischen Erfahrungen beziehe (\u201e\u00dcbersetzt hei\u00dft er einfach: Wir wollen den Kapitalismus abschaffen, ohne die Bolschewiki zu sein.\u201c &#8211; S. 22), wendet sich Dath dann den beiden historischen Argumenten zu. Zu den \u201erechten\u201c Einw\u00e4nden sagt Dath nicht viel. Wir k\u00f6nnen sie deshalb auch \u00fcbergehen.<\/p>\n<h4>Russische und deutsche Revolution<\/h4>\n<p>Ausf\u00fchrlicher geht Dath auf das \u201elinke\u201c Argument ein, dass die Erfolge der Bolschewiki mit einem zu hohen Preis in Form von Repression erkauft waren. Er verweist auf die \u201ehistorischen Tatsachen, die eine zum Umsturz entschlossene Menschengruppe vorfindet, gegen die sie sich behaupten muss und die ihr oft nur die Wahl zwischen sehr sch\u00f6nem Tod und sehr h\u00e4sslichem \u00dcberleben lassen.\u201c (S. 23f.)<\/p>\n<p>Dieses Argument krankt daran, dass es ganz verschiedenartige \u201ehistorische Tatsachen\u201c in einen Topf wirft. Eine ganz entscheidende Tatsache war, dass Russland ein r\u00fcckst\u00e4ndiges kapitalistisches Land war. Deshalb war f\u00fcr Lenin ebenso wie f\u00fcr Trotzki oder Rosa Luxemburg klar, dass die russische Revolution nur als Auftakt zur Weltrevolution erfolgreich sein konnte. Indem die deutsche Sozialdemokratie 1918 die deutsche Revolution sabotierte und das revolution\u00e4re Russland isolierte, trug sie entscheidend dazu bei, dass sich die Revolution grundlegend anders entwickelte als es Lenin in \u201eStaat und Revolution\u201c erwartet hatte. Rosa Luxemburg warf ihr zu Recht vor, \u201edie Russen\u201c verbluten zu lassen. Die Politik der deutschen Sozialdemokratie war eine der \u201ehistorischen Tatsachen\u201c, die den Verlauf der russischen Revolution und die Entwicklung des nachrevolution\u00e4ren Russlands bestimmten. Man kann sagen, dass die SPD an der Entstehung des Stalinismus viel mehr Schuld tr\u00e4gt als Stalin selber, der ohne das Abw\u00fcrgen der deutschen Revolution der zweitrangige bolschewistische Funktion\u00e4r geblieben w\u00e4re, der er bis Anfang der 1920er Jahre war. Aber Dath kritisiert Rosa Luxemburg mit dem haarstr\u00e4ubenden Einwand, dass die deutsche Sozialdemokratie der deutschen Revolution 1918\/19 viel mehr geschadet habe als der russischen. (S. 24f.) Er scheint nicht zu begreifen, dass die SPD der russischen Revolution gerade dadurch schadete, dass sie der deutschen schadete, weil das Schicksal der russischen Revolution vom Erfolg der internationalen Revolution, besonders der deutschen Revolution, abhing.<\/p>\n<h4>Die Eigeninteressen der B\u00fcrokratie<\/h4>\n<p>Dath hat recht, wenn er das \u201esehr h\u00e4ssliche \u00dcberleben\u201c der russischen Revolution aus den \u201ehistorischen Tatsachen\u201c erkl\u00e4rt, mit denen die Bolschewiki umgehen mussten. Es ist \u00fcberhaupt ein gro\u00dfer Fehler, sich einzubilden, die Entwicklung der Sowjetunion sei eine Verwirklichung der Absichten der Bolschewiki quasi im Vakuum gewesen. Tats\u00e4chlich waren die Ziele der Bolschewiki nur einer unter vielen Faktoren \u2013 und das Ergebnis hatte mit ihnen immer weniger gemein.<\/p>\n<p>Aber dieses \u201esehr h\u00e4ssliche \u00dcberleben\u201c bedeutete, dass ein wichtiger Teil der Errungenschaften der Revolution durch den Stalinismus zerst\u00f6rt wurde. Statt einer R\u00e4tedemokratie, die kein Staat im eigentlichen Sinne mehr gewesen w\u00e4re, bl\u00e4hte sich die monstr\u00f6se stalinistische B\u00fcrokratie auf. Und diese B\u00fcrokratie entwickelte, \u00e4hnlich wie eine herrschende Klasse, auch \u201eganz erstaunliche Beharrungskr\u00e4fte\u201c und jede Menge materielle Eigeninteressen.\u00a0 Sie verteidigte die Errungenschaften der Revolution nur insoweit, als sie Grundlage f\u00fcr ihre materiellen Privilegien bildeten. Deshalb richtete sich die Unterdr\u00fcckung nicht nur gegen die, die diese Errungenschaften bedrohten, sondern auch gegen die, die die Privilegien und die ganze Macht der B\u00fcrokratie bedrohten, auch wenn sie die Errungenschaften der Revolution \u00fcberhaupt nicht in Frage stellten. Daher war es f\u00fcr MarxistInnen notwendig, die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen und zugleich auf den Sturz der B\u00fcrokratie hinzuarbeiten.<\/p>\n<p>Die Entstehung der B\u00fcrokratie war eine Folge der \u201ehistorischen Tatsachen\u201c, n\u00e4mlich der Isolation der russischen Revolution. Aber dass zehntausende Bolschewiki ihren \u00dcberzeugungen treu blieben und daf\u00fcr Verbannung, Arbeitslager und Schlimmeres auf sich nahmen, war ebenfalls eine Folge der \u201ehistorischen Tatsachen\u201c, n\u00e4mlich der revolution\u00e4ren Schulung, die sie in der bolschewistischen Partei bekamen und ihrer Erfahrungen in Revolution und B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratie war eine Folge \u201ehistorischer Tatsache\u201c und ihrerseits selbst eine \u201ehistorische Tatsache\u201c, die Folgen hatte, bis dahin, dass sie schlie\u00dflich die Restauration des Kapitalismus und damit die Beseitigung der verbliebenen Errungenschaften der Revolution betrieb. Aber dass ArbeiterInnen sich gegen die Herrschaft der B\u00fcrokratie wehrten, bis hin zu Versuchen von Aufst\u00e4nden gegen sie, wie 1953 in der DDR oder 1956 in Ungarn, war ebenfalls eine \u201ehistorische Tatsache\u201c. Die \u201ehistorischen Tatsachen\u201c sind widerspr\u00fcchlich und manchmal werden aus den Widerspr\u00fcchen entgegengesetzte Seiten der Barrikade. Deshalb nimmt uns kein Verweis auf \u201ehistorische Tatsachen\u201c die Entscheidung f\u00fcr eine Seite ab. Dath zeigt in seiner Einleitung, dass er bei allen Schw\u00e4chen in Bezug auf die Fragen von 1917 auf der richtigen Seite steht. In Bezug auf die in den Folgejahren in der Sowjetunion aufgekommenen Fragen ist seine Stellung leider weniger klar.<\/p>\n<p><em>Wolfram Klein ist Mitglied des SAV Bundesvorstands. Er lebt in Plochingen bei Stuttgart und schreibt zur Zeit seine Doktorarbeit \u00fcber die Geschichte des Trotzkismus nach dem Zweiten Weltkrieg.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Dietmar Daths Einleitung zu \u201eStaat und Revolution\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23656,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[299],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23655"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23655"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23655\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23656"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}