{"id":23652,"date":"2013-01-30T10:01:55","date_gmt":"2013-01-30T09:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23652"},"modified":"2013-01-28T13:11:15","modified_gmt":"2013-01-28T12:11:15","slug":"vor-80-jahren-das-kapital-bringt-hitler-an-die-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/01\/vor-80-jahren-das-kapital-bringt-hitler-an-die-macht\/","title":{"rendered":"Vor 80 Jahren: Das Kapital bringt Hitler an die Macht"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/hitler_hindenburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23653\" alt=\"hitler_hindenburg\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/hitler_hindenburg-217x173.jpg\" width=\"217\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/hitler_hindenburg-217x173.jpg 217w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/hitler_hindenburg-435x347.jpg 435w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/hitler_hindenburg.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a>Es ist der Endpunkt einer unfassbaren Geschichte: Am 19.Juni 1933 tritt in Berlin die letzte Reichskonferenz der Sozialdemokratie zusammen. Hitler ist seit beinahe f\u00fcnf Monaten Reichskanzler, die KPD ist unterdr\u00fcckt, die Gewerkschaften aufgel\u00f6st, SozialdemokratInnen und KommunistInnen f\u00fcrchten um ihr Leben und der Vorstand der SPD ist nach Prag gefl\u00fcchtet. Und w\u00e4hrend J\u00fcdinnen und Juden den Terror der Nazis zu sp\u00fcren bekommen, beschlie\u00dft die SPD-Versammlung die Wahl eines neuen Parteivorstands, Direktorium genannt. Keines der Direktoriumsmitglieder sollte j\u00fcdische Wurzeln haben, ein Zugest\u00e4ndnis an die neuen Machthaber. Das Reichstagsmitglied Ernst Heilmann kommentierte diesen Schritt damit, dass man den \u201e[\u2026] Faden der Legalit\u00e4t weiterspinnen [\u2026]\u201c m\u00fcsse, \u201e[\u2026] solange er weitergesponnen werden kann.\u201c<\/p>\n<p><em>von Steve K\u00fchne<\/em><\/p>\n<p>Doch der SPD half auch diese Selbstverleugnung nichts mehr. Am 22.Juni erkl\u00e4rte die Regierung Hitler sie f\u00fcr verboten. Die letzte deutsche Arbeiterorganisation verlie\u00df die B\u00fchne wie alle anderen vor ihr &#8211; wie eine Statistin. Der gro\u00dfe Abwehrkampf gegen die Nazis, drei Jahre hindurch immer wieder angek\u00fcndigt, er wurde ersatzlos gestrichen.<\/p>\n<h4>Von braven Hunden und gez\u00e4hmten W\u00f6lfen<\/h4>\n<p>Es gibt jenes Gleichnis von den Sozialdemokraten als gehorsamen Hunden und Kommunisten als wild gebliebenen W\u00f6lfen. So wie der Hund aus dem Wolf entstand, so hatte die SPD der Weimarer Republik, ihre Wurzeln in der k\u00e4mpferischen SPD des 19.Jahrhunderts. Doch dann kam der erste Weltkrieg und die SPD erm\u00f6glichte mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten die reibungslose Durchf\u00fchrung des gro\u00dfen Sterbens.<\/p>\n<p>Der 4.August 1914, gewiss war er ein Wendepunkt in der Geschichte der SPD. Die Richtungsentscheidung fiel jedoch fr\u00fcher. Nichtsdestotrotz, als der Krieg mit einer handfesten Revolution in Deutschland endete, w\u00e4re eine entschlossene F\u00fchrungskraft dringend von N\u00f6ten gewesen. Aber w\u00e4hrend die einfachen SPD-Mitglieder Kaiserreich und Kapitalismus, Krieg und Ausbeutung zum Teufel w\u00fcnschten, sich an den revolution\u00e4ren Erhebungen beteiligten, R\u00e4te bildeten und sich bewaffneten, half die F\u00fchrung der SPD \u2013 ganz Wachhund geworden &#8211; im Einklang mit reaktion\u00e4ren Freikorps und den alten Eliten, die Aufst\u00e4nde niederzuschlagen.<\/p>\n<p>Ausgewiesene Linke, wie Rosa Luxemburg, Leo Jogiches und Karl Liebknecht wollten diesen Weg nicht mitgehen und gr\u00fcndeten in der Jahreswende 1918\/19 die Kommunistische Partei Deutschlands. Sie wollten W\u00f6lfe bleiben. Doch wie der Wachhund das Haus seines Herrn verteidigte, so verteidigte die SPD-F\u00fchrung in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg die Eigentumsverh\u00e4ltnisse in Deutschland. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und mit ihnen ungez\u00e4hlte Revolution\u00e4rInnen wurden mit ihrer Hilfe oder wenigstens mit ihrem Wissen ermordet. In den darauf folgenden Jahren verpasste die KPD eine Gelegenheit nach der anderen die Revolution in Deutschland zum Sieg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Leo Trotzki, Mitorganisator der Oktoberrevolution und Gegner des Stalinschen Regimes in der UdSSR, fasste die Parabel von den Hunden und W\u00f6lfen auf seine Art zusammen: \u201eDie Sozialdemokratie, die [\u2026] geholfen hatte, den Krieg bis zum tragischen Ende zu f\u00fchren, verbot dem Proletariat, nun seinerseits die Revolution bis zum Ende zu f\u00fchren. [\u2026] Die Kommunistische Partei rief die Arbeiter zu einer neuen Revolution, erwies sich aber als unf\u00e4hig, sie zu f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<h4>Der neue Feind der Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>Sp\u00e4testens seitdem die Faschisten in Italien herrschten, musste sich die Arbeiterbewegung mit diesem Ph\u00e4nomen auseinandersetzen. Doch die stalinistische Clique, die in Moskau und der Komintern seit Mitte der 20er Jahre das Sagen hatte, erwies sich als dazu kaum in der Lage. Es waren vorrangig oppositionelle KommunistInnen, die sich mit dem Faschismus und National-\u201eSozialismus\u201c auseinandersetzten.<\/p>\n<p>Leo Trotzki stellte dabei den sozialen Charakter der \u201eBraunhemden\u201c in den Mittelpunkt seiner Untersuchung. Sie rekrutierten sich vor allem aus dem Kleinb\u00fcrgertum, also den Bev\u00f6lkerungsteilen, die zwischen Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse standen: kleine Gewerbetreibende, selbst\u00e4ndige Handwerker, Kleinbauern, h\u00f6here Beamte etc.. Damals machte diese Schicht noch \u00fcber drei\u00dfig Prozent der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung aus, heute sind es kein 15 Prozent mehr. In ihm herrschten widerspr\u00fcchliche ideologische Tendenzen. Einerseits hatten viele Kleinb\u00fcrger ein \u2013 eher krudes \u2013 antikapitalistisches Weltbild. Der kleine Handwerker schielte voller Existenzangst auf die Profite der gro\u00dfen Unternehmen. Eigentlich h\u00e4tte die Arbeiterbewegung politische Ankn\u00fcpfungspunkte an dieses Bewusstsein finden m\u00fcssen, besonders da das deutsche Kleinb\u00fcrgertum durch die Hyperinflation des Jahres 1923 riesige Einbu\u00dfen hatte hinnehmen m\u00fcssen. Der kapitalistisch-demokratischen Republik schenkten die deutschen Kleinb\u00fcrger ihr Vertrauen nicht mehr.<\/p>\n<p>Doch die Fehler von KPD und SPD zerst\u00f6rten das Vertrauen gro\u00dfer Teile des Kleinb\u00fcrgertums in die F\u00e4higkeit der ArbeiterInnen den Kapitalismus auf revolution\u00e4rem Wege abzuschaffen. Gerade deshalb betrachtete Trotzki die Politik der KPD als katastrophal. Denn wenn das Kleinb\u00fcrgertum, aufgrund seiner Existenzn\u00f6te, nach radikalen L\u00f6sungen suchte, von der Arbeiterbewegung jedoch nicht angezogen wurde, dann war es reif f\u00fcr reaktion\u00e4re Str\u00f6mungen. Wenn die KPD die Partei der \u201e[\u2026] revolution\u00e4ren Hoffnung [\u2026]\u201c sei, sei \u201e[\u2026] der Faschismus als Massenbewegung die Partei der konterrevolution\u00e4ren Verzweiflung\u201c, so Leo Trotzki. Und das Kleinb\u00fcrgertum zog seit 1928\/29 in Scharen zur NSDAP &#8211; und mit ihm nicht wenige junge, an- und ungelernte ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Trotzki sagte voraus, dass die Versprechungen, die die Nazi-F\u00fchrer w\u00e4hrend des Machtkampfes dem Kleinb\u00fcrgertum gaben, schon bald nach deren Sieg vergessen sein w\u00fcrden. Von der Zerschlagung der gro\u00dfen Warenh\u00e4user zu Gunsten des \u201eTante-Emma-Ladens\u201c w\u00fcrde Hitler bald nicht mehr sprechen. Die Basis seiner Macht w\u00fcrden dann nicht mehr das Kleinb\u00fcrgertum, sondern die gro\u00dfen Unternehmer sein.<\/p>\n<p>An der Rolle des National-\u201eSozialismus\u201c w\u00fcrde dies weder in der \u201eKampfzeit\u201c noch nach der \u00dcbertragung der Macht an die Clique Hitlers etwas \u00e4ndern. Die Nazis wollten die Arbeiterbewegung zerschlagen. Dabei machten sie keinen Unterschied zwischen SPD und KPD. Das machte den besonderen Charakter des Faschismus im Vergleich zu anderen Formen repressiver b\u00fcrgerlicher Herrschaft aus: aufgrund seiner militanten Massenbasis sollte er in der Lage sein, die organisierte Arbeiterbewegung nicht nur zu verbieten und zu unterdr\u00fccken, sondern physisch zu zerschlagen.<\/p>\n<p>Diesen Umstand gedachte Trotzki auszunutzen, um die SPD in eine Einheitsfront mit der KPD zu zwingen, selbst, wenn die SPD-F\u00fchrung dies ablehnen w\u00fcrde. Dabei war Trotzki daf\u00fcr sowohl an die SPD-Mitgliedschaft zu appellieren gemeinsam gegen die Bedrohung durch die Nazis zu k\u00e4mpfen, als auch mit der F\u00fchrung der Sozialdemokratie in Verhandlung \u00fcber gemeinsame Schritte im Kampf gegen die Nazis zu treten. Sein Konzept der \u201eEinheitsfront von oben und unten\u201c unterschied ihn von der F\u00fchrung der KPD, die lediglich mit den SozialdemokratInnen eine \u201eEinheitsfront von unten\u201c schmieden wollte, die die Politik der SPD-B\u00fcrokratie ablehnten. Alle anderen waren nach dem Duktus der KPD \u201eSozialfaschisten\u201c.<\/p>\n<h4>Die \u201eSozialfaschismustheorie\u201c der KPD<\/h4>\n<p>Sommer 1928, Moskaus Geb\u00e4ude versanken in einem Meer aus roten Fahnen. Der VI.Weltkongress der Kommunistischen Internationale tagte in der sowjetischen Hauptstadt. Stalin, der die Komintern hasste und sie bestenfalls als Instrument seiner Au\u00dfenpolitik begriff, lie\u00df sich auf dem Kongress kaum sehen. Daf\u00fcr verk\u00fcndete Bucharin den Beginn einer omin\u00f6sen \u201eDritten Periode\u201c. Einer Phase, in der der revolution\u00e4re Umsturz angeblich unmittelbar bevorstand. Th\u00e4lmann bezichtigte die SPD, die zu dieser Zeit den Reichskanzler stellte, gar der Kriegsvorbereitung gegen die UdSSR und hielt fest, dass sich der \u201eReformismus zum Sozialfaschismus\u201c entwickelt habe.<\/p>\n<p>Als die deutsche Delegation nach Hause zur\u00fcckkehrte rieben sich viele GenossInnen die Augen. Der Begriff \u201eSozialfaschismus\u201c wollte den meisten nicht einleuchten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den ersten Mai 1929 verh\u00e4ngte der Berliner Polizeipr\u00e4sident, Z\u00f6rgiebel, in Absprache mit dem preu\u00dfischen Innenminister Albert Grzesinski ein Demonstrationsverbot f\u00fcr die Hauptstadt. Die beiden SPD-Mitglieder gaben vor, damit die im Wachsen begriffenen Nazis stoppen zu wollen. Getroffen wurde jedoch lediglich die Arbeiterbewegung. Die KPD wollte sich diesem Diktat nicht beugen und rief zu Demonstrationen auf. Eiskalt hatten Z\u00f6rgiebel und Grzesinski genau darauf spekuliert und die bis an die Z\u00e4hne bewaffnete Hauptstadtpolizei aufgehetzt. Die Folge waren Zusammenst\u00f6\u00dfe von furchtbarem Ausma\u00df. Die Polizei griff noch am Vormittag des ersten Mai zur Schusswaffe. Die Beamten t\u00f6teten 32 Menschen, Hunderte wurden verletzt. \u00dcber drei Tage und N\u00e4chte hinweg wurden Berlins Arbeiterviertel behandelt wie besetztes Feindgebiet: Razzien, Stra\u00dfensperren, Verhaftungen und Stromsperren.<\/p>\n<p>Organisierte Gewalt, Umsturzversuche oder Barrikadenk\u00e4mpfe gingen von der Seite der Demonstranten \u2013 wenn auch h\u00e4ufig behauptet \u2013 nicht aus. Der links-intellektuelle Herausgeber der \u201eWeltb\u00fchne\u201c, Carl von Ossietzky, vermerkte als Motiv der SPD-Mitglieder Z\u00f6rgiebel und Grzesinksi: \u201eAls Sachwalter des sozialdemokratischen Parteivorstandes hat Herr Z\u00f6rgiebel den Maiumzug verboten, [\u2026]. Weil [\u2026] gef\u00fcrchtet wurde, die Kommunisten k\u00f6nnten [\u2026] glanzvoller aufziehen als die Sozialdemokraten, [\u2026].\u201c<\/p>\n<p>Die politischen Folgen dieses \u201eBlutmai\u201c h\u00e4tten dramatischer kaum sein k\u00f6nnen. Auf dem letzten Parteitag der KPD, wenige Wochen nach den Ereignissen, rief Th\u00e4lmann in seinem einleitenden Referat den Delegierten zu: \u201eW\u00e4hrend der Faschismus in Italien und in anderen L\u00e4ndern in seiner reinen Form zur Diktatur gelangt ist [\u2026]\u201c, g\u00e4be \u201e[\u2026] es in einigen L\u00e4ndern eine besonders gef\u00e4hrliche Form der faschistischen Entwicklung, die Form des Sozialfaschismus [\u2026].\u201c KommunistInnen, die derartig fatalen \u00c4u\u00dferungen der Parteispitze entgegentraten, wurden einfach gefragt, was denn ihrer Meinung nach der Mai 1929 gewesen sei.<\/p>\n<p>Die Sozialfaschismustheorie verhinderte nicht nur eine Einheitsfrontpolitik auf Seiten der KPD, sie f\u00fchrte auch dazu, dass die KPD-Mitgliedschaft die besondere Bedrohung, die durch die Nazis f\u00fcr die Arbeiterklasse ausging nicht erkannte. Wenn die SPD faschistisch war, wieso sollte Hitler dann so viel schlimmer sein? Auch die Hitler vorausgehenden Reichskanzler Br\u00fcning und von Papen wurden von der KPD so bezeichnet. Diese Untersch\u00e4tzung der Nazi-Gefahr gipfelte in der Losung \u201eNach Hitler kommen wir\u201c, die die KPD-Mitglieder nicht darauf einstellte, dass der Kampf zur Verhinderung von Hitlers Machtergreifung tats\u00e4chlich die Entscheidungsschlacht darstellte.<\/p>\n<h4>Weltweite Krise<\/h4>\n<p>Im Herbst 1929 st\u00fcrzte die Weltwirtschaft ruckartig in die tiefste Krise seit Bestehen des Kapitalismus. In der Woche vom 24. zum 29. Oktober brachen in den USA die B\u00f6rsenkurse ein. Infolge dessen sank die Industrieproduktion. Jeder vierte in den USA stand ohne Job da. L\u00f6hne und Geh\u00e4lter befanden sich im freien Fall.<\/p>\n<p>Die US-Wirtschaft versuchte die Krise abzufedern, indem sie Kredite aus dem Ausland, besonders aus Deutschland zur\u00fcckzog. Dort war der wirtschaftliche Aufschwung der zwanziger Jahre auf Pump finanziert worden. Die Wirtschaft hatte sich von den Kriegsfolgen noch nicht erholt und Reparationen belasteten den deutschen Haushalt. Der Abzug der US-amerikanischen Finanzen stie\u00df die deutsche \u00d6konomie in den Abgrund. In keinem anderen Industrieland zeitigte die Weltwirtschaftskrise solch schreckliche Folgen.<\/p>\n<p>Bis 1932\/33 stiegen die Arbeitslosenzahlen auf \u00fcber sechs Millionen an. Das Arbeitslosengeld und die Krisenunterst\u00fctzung der Kommunen reichten nicht um das N\u00f6tigste zu bezahlen und wer auch die nicht bekam, der stand in langen Schlangen vor Suppenk\u00fcchen. Hunger und Armut regierten.<\/p>\n<p>Wenn man, wie die Psychologie, jede Krise als Chance begreifen will, so h\u00e4tte dieses ganze Elend zumindest die Chance auf die sozialistische Revolution und somit die Chance auf das Ende von Hunger, Krieg und Massenarmut geboten. Doch gerade die KPD war mit dieser Herausforderung vollkommen \u00fcberfordert und so wurden andere die Profiteure der Krise von 1929!<\/p>\n<h4>Wie die herrschende Klasse einen Staatsstreich vorbereitet<\/h4>\n<p>Seit ihrer Gr\u00fcndung war die Republik von Weimar ungeliebt. Die Arbeiterklasse wollte mehrheitlich den Sozialismus. Die Eliten &#8211; in ihrer Stellung in Milit\u00e4r, Wirtschaft, Justiz, Beamtenapparat und Politik weitgehend unangetastet geblieben &#8211; hassten den neuen Staat.<\/p>\n<p>So formierte sich die herrschende Klasse zu einem Schlag zur Abschaffung der Republik und der Verfassung. Dabei wurden das Reichswehrministerium und dort besonders General Kurt von Schleicher zum harten Kern der antidemokratischen Verschw\u00f6rung. Seit 1928 suchte von Schleicher im Auftrag des greisen Reichspr\u00e4sidenten Paul von Hindenburg Mitstreiter f\u00fcr den angestrebten Umbau des Staates. Die waren schnell gefunden: Konservative Politiker und ehemalige Milit\u00e4rs, zwielichtige Gestalten, die die illegale Wiederaufr\u00fcstung Deutschlands vorantrieben. Leute wie Friedrich Freiherr von Willisen, der sich der Luftr\u00fcstung verschrieben hatte; oder Gottfried Treviranus, der Vorsitzende der monarchistischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), der unl\u00e4ngst durch den Medienzar Alfred Hugenberg vom Parteivorsitz verdr\u00e4ngt worden war; oder Otto Mei\u00dfner, Staatssekret\u00e4r im Reichspr\u00e4sidentenpalais. Und nat\u00fcrlich der zu Ber\u00fchmtheit gelangte Zentrumspolitiker Heinrich Br\u00fcning.<\/p>\n<p>Die Ziele der Verschw\u00f6rer waren durchaus verschieden: Von Schleicher schwebte ein klerikal-faschistischer St\u00e4ndestaat, nach Vorbild von Mussolinis Italien, vor. Die Milit\u00e4rs erstrebten vor allem den Revanchekrieg und Heinrich Br\u00fcning wollte tats\u00e4chlich den Kaiser zur\u00fcck haben. Zudem war die Front der Verschw\u00f6rer durch pers\u00f6nliche Eitelkeiten zerfressen. Einm\u00fctigkeit herrschte hingegen darin, jede Form der Demokratie zu beseitigen und vor allem die Arbeiterbewegung entscheidend zu schw\u00e4chen. So geriet auch die SPD ins Visier der Verschw\u00f6rer.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re falsch sich die SPD der 30er Jahre wie die SPD der Gegenwart vorzustellen. Heute ist die SPD eine durch und durch b\u00fcrgerliche Partei, das war sie in der Endphase der Weimarer Republik keineswegs. Schon damals bestand die F\u00fchrung der Sozialdemokraten aus Menschen, die den Salons und Festlichkeiten der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft sehr viel n\u00e4her standen, als den Betrieben und Kohlegruben. Der Charakter der SPD-F\u00fchrung war b\u00fcrgerlich, ihre Mitgliedschaft proletarisch. Und auch \u00fcber die direkten Mitglieder hinaus sahen Massen von ArbeiterInnen die Sozialdemokratie als ihre politische Interessenvertretung. Somit hatten sie unterschiedliche Ziele: Die Mitgliedschaft erstrebte die sozialistische Gesellschaft, die F\u00fchrung den Erhalt des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Genau dieser Charakter, einer b\u00fcrgerlichen Arbeiterpartei, machte die SPD f\u00fcr die Verschw\u00f6rer verd\u00e4chtig. Ihr Einfluss in Staat und Gesellschaft sollte getilgt werden. Nur wie? Es gab weit und breit keine Kraft, die an der Spitze des Staates im Sinne der alten Eliten h\u00e4tte agieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Startschuss zum Staatsstreich kam vom Reichsverband Deutscher Industrieller (RDI). Der forderte bereits im Dezember 1929, unter dem Eindruck der globalen Rezession, die Abkehr vom Parlamentarismus. Auf einer Versammlung des RDI im gleichen Monat erkl\u00e4rte einer der Redner gar, man m\u00fcsse alle f\u00fchrenden Parteifunktion\u00e4re aus Deutschland ausweisen, um wieder zu wirtschaftlicher Prosperit\u00e4t zu gelangen. Seine Zuh\u00f6rer dankten es ihm mit Bravo- und Mussolinirufen! Noch vor Jahreswechsel trotzte der RDI der Deutschen Volkspartei (DVP), die zusammen mit Zentrum\/BVP (Vorl\u00e4ufer der CDU\/CSU), der DDP und der SPD in der Reichsregierung sa\u00df, das Versprechen ab, bei n\u00e4chster Gelegenheit die Koalition mit den Sozialdemokraten platzen zu lassen. Und schon am zweiten Weihnachtsfeiertag einigte man sich im Kreise der Verschw\u00f6rer auf Br\u00fcning als neuen Reichskanzler.<\/p>\n<p>Im Streit um die Arbeitslosenversicherung stellte die DVP derart unerh\u00f6rte Forderungen, dass die SPD die Koalition am 27. M\u00e4rz 1930 aufk\u00fcndigte. Br\u00fcning wurde drei Tage sp\u00e4ter durch Reichspr\u00e4sident von Hindenburg zum Reichskanzler einer konservativen Regierung, die im Parlament keine Mehrheit hatte, ernannt. Der einfachste Weg Gesetze zu verabschieden bestand f\u00fcr dieses Kabinett darin, den Reichspr\u00e4sidenten darum zu bitten, dieselben auf dem Weg der \u201eNotverordnung\u201c mit Artikel 48 der Verfassung zu verabschieden.<\/p>\n<p>Falls, wie im Juli 1930 geschehen, der Reichstag, mit den Stimmen von SPD und KPD, die Aufhebung einer Notverordnung oder gar die Abwahl eines Reichskanzlers verlangte, dann z\u00fcckte dieser flugs die Aufl\u00f6sungsurkunde des Reichspr\u00e4sidenten. Der Reichstag ging nach Hause und wurde neu gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Als der im September 1930 neu gew\u00e4hlte Reichstag erstmals zusammentrat, bezogen, statt wie bisher zw\u00f6lf, 107 NSDAP-Abgeordnete in SA-Uniform die Sitze im Plenum. Die NSDAP hatte ihren Stimmenanteil auf 18,3 Prozent ausgebaut und wurde somit zweitst\u00e4rkste Kraft hinter der SPD, die 24,8 Prozent der Stimmen holte und riesige Verluste hatte hinnehmen m\u00fcssen. Aber auch die KPD stieg in der W\u00e4hlergunst. Sie gewann 1,3 Millionen Stimmen hinzu und stieg auf 13,1 Prozent. Hitlers Erfolg war vorrangig ein Sieg \u00fcber die b\u00fcrgerliche Mitte. Deren Parteien waren, abgesehen vom Zentrum, faktisch zertr\u00fcmmert worden. Das Medieninteresse an seiner Person und seiner Herkunft schnellte in die H\u00f6he.<\/p>\n<h4>Wer war eigentlich dieser Adolf Hitler?<\/h4>\n<p>\u201eNicht jeder erbitterte Kleinb\u00fcrger k\u00f6nnte ein Hitler werden, aber ein St\u00fcckchen Hitler steckt in jedem von ihnen\u201c, schrieb Leo Trotzki im Juni 1933 \u00fcber den schnauzb\u00e4rtigen Diktator. Und zweifelsohne, ein erbitterter Kleinb\u00fcrger war Hitler allemal.<\/p>\n<p>Er entfloh sehr fr\u00fch der elterlichen Enge nach Wien. Dort schlug sich Hitler bald mehr schlecht als recht durch. Sein Lebenstraum K\u00fcnstler zu werden zerplatzte nach zwei Ablehnungen durch die Wiener Kunsthochschule. Mit dem Abmalen von Postkarten und allerlei Gelegenheitsarbeiten kam Hitler irgendwie \u00fcber die Runden. Bei einer dieser Gelegenheiten versuchte er sich als Hilfsarbeiter auf dem Bau und erschrak \u00fcber die angebliche Ignoranz seiner Kollegen. \u201eMan lehnte alles ab: die Nation, als eine Erfindung der \u201akapitalistischen\u2018, wie oft musste ich allein dieses Wort h\u00f6ren! Klassen; das Vaterland, als Instrument der Bourgeoisie zur Ausbeutung der Arbeiterschaft; die Autorit\u00e4t des Gesetzes als Mittel zur Unterdr\u00fcckung des Proletariats; die Schule, als Institut zur Z\u00fcchtung des Sklavenmaterials, aber auch der Sklavenhalter, die Religion als Mittel der Verbl\u00f6dung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral als Zeichen dummer Schafsgeduld [\u2026]\u201c, vermerkte er sp\u00e4ter in seinem wenig lesenswerten Buch \u201eMein Kampf\u201c.<\/p>\n<p>Dieses Ereignis wirft Licht auf Hitlers politisches Weltbild: Er war kein Feind der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. An dieser st\u00f6rte ihn vor allem, dass er nicht dazu geh\u00f6ren durfte. Wie gern h\u00e4tte er sich in teurem Zwirn mit reichen Freunden an einem prasselnden Kaminfeuer in Bonmots verloren. Stattdessen stand ihm das Wasser bis zum Hals. Und so packte ihn ein krankhafter Ehrgeiz.<\/p>\n<p>Politisch verstand er sich sehr fr\u00fch als Antisemit, in den von Hitler bewunderten Kreisen eher eine \u00fcbliche Einstellung, als ein Tabubruch. Selbst der Wiener Oberb\u00fcrgermeister aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bekannte sich zum Antisemitismus.<\/p>\n<p>Seinen Segen suchte Hitler im Weltkrieg. Hoch dekoriert, mit dem \u201eEisernen Kreuz\u201c zweiter und erster Klasse und dennoch nur als Gefreiter, kehrte er nach M\u00fcnchen zur\u00fcck. Dort erlebte er die Zeit der Revolution und Konterrevolution. Man sah Hitler damals mit einer roten Binde am Arm. Er wurde zum Sprecher seiner Einheit gew\u00e4hlt. Dahinter steckte kein Sinneswandel, sondern blanker Opportunismus. Kaum dass die konterrevolution\u00e4ren Truppen gesiegt hatten und in M\u00fcnchen ein Blutbad anrichteten, schlug er sich auf deren Seite und half bei der Verfolgung und Aburteilung von Revolution\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das bayerische Reichswehrministerium dankte es ihm und sandte ihn aus, um Kontakt zu rechtsradikalen Gruppierungen herzustellen. So gelangte er zur neugegr\u00fcndeten Deutschen Arbeiterpartei (DAP). Hitler war also eine Art \u201eV-Mann\u201c. Und wie man unl\u00e4ngst aus den Vorkommnissen um den rechten Terror des \u201eNationalsozialistischen Untergrunds\u201c (NSU) wei\u00df, dienen \u201eV-M\u00e4nner\u201c nur selten der Gefahrenabwehr. Hitler hatte die Aufgabe, die Verwendbarkeit der DAP im Kampf gegen die Arbeiterbewegung auszuloten. Dabei stellte er sich so gut an, dass er bald den Vorsitz der Partei \u00fcbernahm und ihre Umbenennung in \u201eNationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei\u201c veranlasste.<\/p>\n<p>Das bayerische Reichswehrministerium r\u00fcstete Hitler aus: Es stellte ihm ungeheure Geldmittel zur Verf\u00fcgung. Aus schwarzen Kassen der Reichswehr wurde der Kauf des \u201eV\u00f6lkischen Beobachters\u201c finanziert. Eines antisemitischen Hetzblattes, das in M\u00fcnchen zu einigem Ruf gelangt, aber fast pleite war. Hitler machte es zu seiner Parteizeitung. Das Reichswehrministerium schickte auch Personal. Und selbst die Entente-Staaten, die nach ihrem Sieg gegen Deutschland nun die sozialistische Revolution f\u00fcrchteten, \u00f6ffneten f\u00fcr Hitler ihre Brieftaschen.<\/p>\n<p>Nach drei Jahren Aufbauarbeit glaubte Hitler, seine Zeit sei gekommen. Im Bunde mit dem bayerischen Diktator von Kahr und der Reichswehr versuchte er am 9.November 1923, mit einem Marsch auf die Hauptstadt die Macht an sich zu rei\u00dfen. Allerdings wollten die B\u00fcrgerlichen nicht zweite Geige spielen und schossen das wenig aussichtsreiche Unternehmen noch in M\u00fcnchen zusammen. Hitler wanderte ins Gef\u00e4ngnis, wo er f\u00fcrstlich residierte, G\u00e4ste empfing, \u201eMein Kampf\u201c schrieb und nach wenigen Monaten bereits wieder in die Freiheit entlassen wurde. Nun galt er in nationalen Kreisen als M\u00e4rtyrer.<\/p>\n<h4>\u201eSozialfaschisten\u201c und \u201eNationalfaschisten\u201c<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend oppositionelle Kommunisten wie Leo Trotzki, angesichts der von der NSDAP ausgehenden Gefahr, von der KPD konkrete Schritte zur Herstellung einer antifaschistischen Einheitsfront forderten, verrannte sich die F\u00fchrung um Th\u00e4lmann in immer krudere Abenteuer. Im Juli und August 1931 unterst\u00fctzte die KPD sogar den von NSDAP, DNVP und dem Stahlhelm initiierten Volksentscheid zur Aufl\u00f6sung des preu\u00dfischen Landtags. Ziel war es die preu\u00dfische SPD-Zentrum-DDP-Regierung auszuhebeln. Schlie\u00dflich seien \u201eSozialfaschisten\u201c und \u201eNationalfaschisten\u201c die beiden Armeen der b\u00fcrgerlichen Konterrevolution und die KPD m\u00fcsse beide gleicherma\u00dfen schlagen. Darin glaubten Th\u00e4lmann und Co. die Verwirklichung der \u201eEinheitsfronttaktik von unten\u201c zu erkennen.<\/p>\n<p>Joseph Goebbels, der NSDAP-Gauleiter von Berlin, h\u00f6hnte im Sportpalast, wenn die KPD so dumm sei, den Nazis unter die Arme zu greifen, dann werde man sie nicht daran hindern, sich selbst an den Galgen zu bringen.<\/p>\n<p>Trotzki verurteilte die kommunistische Politik in einer fesselnd geschriebenen Brosch\u00fcre: \u201eWieso die Beteiligung am Volksentscheid, Seite an Seite mit den Faschisten gegen Sozialdemokratie und Zentrum, eine Anwendung der Einheitsfrontpolitik gegen\u00fcber den sozialdemokratischen und christlichen Arbeitern sein soll, &#8211; das wird keinem Arbeiter in den Kopf gehen.\u201c Er nannte konkrete Schritte, um den gemeinsamen Kampf von KPD und SPD gegen die Nazis zu erm\u00f6glichen. \u201eWir sind bereit\u201c, sollten die KommunistInnen den SozialdemokratInnen zurufen, \u201egemeinsam mit Euch jedes Arbeiterhaus, jede Druckerei einer Arbeiterzeitung gegen faschistische Angriffe zu verteidigen. Und wir fordern, dass Ihr Euch verpflichtet, uns zu Hilfe zu kommen, wenn unsere Organisationen bedroht sind.\u201c<\/p>\n<p>Doch die KPD-F\u00fchrung blieb taub f\u00fcr diese Appelle. Dem politischen Instinkt der KPD-Arbeiter ist zu verdanken, dass der Sturz der preu\u00dfischen SPD-Regierung 1931 noch nicht erfolgte. Sie blieben in Scharen zu Hause. Nicht ganz unberechtigt sprach der \u201eVorw\u00e4rts\u201c, die Zeitung der SPD, von einem Generalstreik der kommunistischen W\u00e4hlerschaft.<\/p>\n<h4>Der \u201eAntikapitalismus\u201c der Nazi-Bewegung<\/h4>\n<p>Hitler wurde f\u00fcr Reichskanzler Br\u00fcning sehr schnell interessant. Und w\u00e4hrend dieser der SPD das Zugest\u00e4ndnis entlockte, keiner seiner extrem harten Sparma\u00dfnahmen Widerstand entgegenzusetzen, weil sonst der Sturz seiner Regierung und damit ein Reichskanzler Hitler drohe, w\u00e4hrend die SPD-F\u00fchrung gegen erheblichen Widerstand in den eigenen Reihen diese \u201eTolerierungspolitik\u201c durchsetzte, verhandelte Br\u00fcning mit Adolf Hitler. Sie kamen schon im Oktober 1930 zu einer Abmachung: Hitler solle zun\u00e4chst die Rolle der unvers\u00f6hnlichen Opposition spielen und hiernach in einer zweiten Phase in die Regierung eintreten, um dieser so eine Mehrheit zu beschaffen! Br\u00fcning und die Verschw\u00f6rer um das Reichswehrministerium hofften, mit der NSDAP jene Kraft gefunden zu haben, die die Absicht des autorit\u00e4ren Staatsumbaus mit einem Massenanhang ausstatten konnte. Hitler willigte ein, obwohl er schon damals sehr viel weitergehende Ziele verfolgte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Chefetagen der deutschen Banken und Unternehmen war weitaus interessanter, wie Hitler \u00fcberhaupt zum Kapitalismus stand. In ihren Augen gab es da widerspr\u00fcchliche Tendenzen. Einerseits gab es schon fr\u00fch spendable Geldgeber in ihren Reihen, die der NSDAP, Hitler und dessen Schl\u00e4gertruppe SA Geld gaben: Etwa der Pianofabrikant Bechstein oder der Lokomotivenhersteller Borsig. Fritz Thyssen beschaffte Hitler einen Kredit \u00fcber 400.000 Reichsmark zum Kauf des \u201eBraunen Hauses\u201c in M\u00fcnchen. Er b\u00fcrgte f\u00fcr diese Summe, obgleich er davon ausgehen musste, dass die NSDAP sie nicht begleichen w\u00fcrde. Noch einmal 400.000 Reichsmark wird Thyssen f\u00fcr die umfangreichen Umbauarbeiten der Parteizentrale zur Verf\u00fcgung stellen. Und selbst der US-amerikanische Autobauer und Antisemit Henry Ford geh\u00f6rte zu Hitlers Duzfreunden und Geldgebern. Derartige Verbindungen lie\u00dfen die Kapitalisten hoffen.<\/p>\n<p>Doch im 25-Punkte-Programm der NSDAP klangen auch andere T\u00f6ne an: \u201e[\u2026] Abschaffung des arbeits- und m\u00fchelosen Einkommens. Brechung der Zinsknechtschaft [\u2026]\u201c, oder die Forderung nach \u201e[\u2026] Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe [\u2026]\u201c. Zwar waren diese Punkte bewusst so gehalten, dass sich jeder alles darunter vorstellen konnte und Goebbels pflegte gern zu witzeln, der Einzige, der brechen m\u00fcsse, sei der, der sich den Unsinn von der Brechung der Zinsknechtschaft anh\u00f6ren m\u00fcsse. Doch die Kapitalisten wollten absolute Klarheit.<\/p>\n<p>Emil Kirdorf, der \u201eMulti-Manager, der deutschen Montanindustrie, unterbreitete Hitler 1927 den Vorschlag, seine \u00f6konomischen Ansichten in einer Brosch\u00fcre darzulegen, die er an seine Gesch\u00e4ftspartner und Freunde verteilen werde. Hitler willigte nat\u00fcrlich ein, und so konnten Deutschlands Industrielle lesen, dass Hitler Arbeitslose \u2013 ganz im Stile heutiger pro-kapitalistischer Politiker \u2013 als faul beschimpfte, dass er das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht antasten und Deutschland in einen Eroberungskrieg f\u00fchren werde. Die Begeisterung war verhalten, noch war Hitler ein kleines Licht. Das \u00e4nderte sich mit dem Wahlerfolg vom September 1930. Nun speiste Hitler mit Menschen wie Ritter von Stau\u00df. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank lie\u00df sich bescheinigen, dass selbst die propagandistischen Angriffe der NSDAP auf das \u201eraffende Kapital\u201c, die Bankenwelt, nur Phrasen seien.<\/p>\n<p>Der \u201eErfolg\u201c dieses Protegierens war schnell erkennbar: Der Terror gegen die Arbeiterbewegung nahm b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde an. Besonders arbeitslose Mittelst\u00e4ndler, die ihr Gesch\u00e4ft verloren hatten, deren Beamten- oder Angestelltenverh\u00e4ltnis gek\u00fcndigt wurde, traten zahlreich in die Sturmabteilungen ein. In den SA-Heimen gab es, finanziert mit dem Geld der deutschen Unternehmer, Suppen und Unterkunft. Die SA-Uniformen wurden jedoch bei Hugo Boss geschneidert und mussten von den SA-Mitglieder dort f\u00fcr viel Geld gekauft werden!<\/p>\n<p>In diesen Uniformen zogen die Nazi-Banden dann durch die Stra\u00dfen und terrorisierten ArbeiterInnen. 400.000 Nazis in SA und SS schreckten vor keiner Gewalttat zur\u00fcck. Allein im Juli 1932 ermordeten Nazis 86 ArbeiterInnen, die demonstrierten oder streikten. Genau in solcherlei Aktionen lag f\u00fcr die Kapitalisten der Wert der Nazi-Bewegung: Sie wollte die Arbeiterbewegung zerschlagen und konnte den Kapitalisten damit helfen L\u00f6hne zu dr\u00fccken, Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und somit die Profite zu erh\u00f6hen. Ohne den faschistischen Terror h\u00e4tten die Kapitalisten das alleine nicht erreichen k\u00f6nnen. Denn die Arbeiterbewegung war ihrerseits stark: 100.000 waren im kommunistischen \u201eKampfbund gegen den Faschismus\u201c, 3,5 Millionen im sozialdemokratischen \u201eReichsbanner\u201c, 400.000 in den \u201eSchutzformationen\u201c. Und in die Arbeiterklasse drangen die Nazis nicht tief ein: selbst bei den Betriebsratswahlen im Herbst 1933, also nach der Machtergreifung, errangen sie nur 3 Prozent der Stimmen.<\/p>\n<p>Die NSDAP diente sich bei den herrschenden Kapitalisten an. Endg\u00fcltig gebrochen wurde das Eis aber erst bei der Rede Hitlers vor dem \u201eIndustrieklub\u201c am 26. Januar 1932. Der Saal im D\u00fcsseldorfer Parkhotel war brechend voll. W\u00e4hrend vor dem Geb\u00e4ude Polizei und SA Hand in Hand gegen antifaschistische GegendemonstrantInnen vorgingen, stellte Hitler ein auch heute noch nachdenklich machendes Gleichnis her: Die NSDAP sei eine Partei, die die Autorit\u00e4t einer auserw\u00e4hlten F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeit in den Mittelpunkt ihres politischen Wollens r\u00fccke. Die Demokratie ersetze in der Politik die Qualit\u00e4t des auserw\u00e4hlten F\u00fchrers durch die Quantit\u00e4t der Masse. Was in der Politik die Demokratie sei, sei in der Wirtschaft der Kommunismus. Denn Verstaatlichungsma\u00dfnahmen w\u00fcrden die Qualit\u00e4t des kapitalistischen Unternehmers durch die Quantit\u00e4t der Arbeiter ersetzen, denen dann die Betriebe geh\u00f6ren w\u00fcrden. Ergo seien Demokratie und Kommunismus Br\u00fcder und m\u00fcssten beide vernichtet werden, wolle man wirtschaftlich gesunden. Der Applaus toste durch den Saal.<\/p>\n<h4>Die Logik des \u201ekleineren \u00dcbels\u201c<\/h4>\n<p>Als Hitler im M\u00e4rz und April 1932 in zwei Wahlg\u00e4ngen gegen Paul von Hindenburg um das Amt des Reichspr\u00e4sidenten kandidierte, bat Br\u00fcning die SPD um Hilfe. Und\u2026, die SPD willigte ein, ihre W\u00e4hlerInnen zur Wahl Paul von Hindenburgs aufzurufen. Unter dem Slogan \u201ew\u00e4hlt Hindenburg, schlagt Hitler!\u201c forderte die F\u00fchrung der Sozialdemokratie die ArbeiterInnen nicht einfach nur auf einen Kandidaten zu w\u00e4hlen, der 1925 als Mann der Ultrakonservativen ins Amt gehievt wurde, sie unterst\u00fctzte nicht nur einen General, der vor dem ersten Weltkrieg Listen angelegt hatte mit Namen sozialdemokratischer Politiker, die im Kriegsfall zu verhaften seien. So machten die ultralinke KPD-Politik und die Anbiederung der SPD-F\u00fchrung an das B\u00fcrgertum auch auch eine gemeinsame Kandidatur der beiden Arbeiterparteien um das Amt des Staatsoberhauptes unm\u00f6glich..<\/p>\n<p>Paul von Hindenburg siegte im zweiten Wahlgang und lie\u00df Br\u00fcning fallen. Er war entt\u00e4uscht davon, dass die SPD noch immer eine derart bedeutende Rolle in der deutschen Politik spielte und holte mit Franz von Papen einen Reichskanzler, der noch weit engeren Kontakt zu den Nazis suchte.<\/p>\n<h4>\u201eIn sechs Monaten haben wir Hitler\u201c<\/h4>\n<p>Franz von Papen handelte sofort mit der Partei Hitlers ein stillschweigendes \u00dcbereinkommen aus. Er l\u00f6ste den Reichstag auf und verhalf den Nazis so zu einem atemberaubenden Wahlerfolg: 37,4 Prozent gaben der NSDAP ihre Stimme. Trotz Verlusten der SPD (-2,9 Prozentpunkte), konnten die Arbeiterparteien ihre Stimmanteile durch Zugewinne der KPD (ein Plus von 1,2 Prozentpunkten) in etwa halten.<\/p>\n<p>Weit schlimmer wirkte sich der andere Teil dieses \u00dcbereinkommens aus: Die Erledigung der preu\u00dfischen SPD-Regierung. Die Preu\u00dfen hatten einen neuen Landtag gew\u00e4hlt und die bisherige Regierung aus SPD, Zentrum und DDP, hatte ihre Mehrheit verloren. Sie blieb allerdings gesch\u00e4ftsf\u00fchrend im Amt, bis eine neue Mehrheitsregierung gebildet sei. Dies stand allerdings nicht in Aussicht.<\/p>\n<p>Schon bald pfiffen sich die Spatzen von den D\u00e4chern zu, dass von Papen diesen Zustand nicht weiter hinnehmen werde. Otto Buchwitz, Mitglied des Parteiausschusses der SPD, fuhr zu Carl Severing, dem SPD-Innenminister von Preu\u00dfen, der auf Buchwitz\u2018 Nachfrage, was er gegen die drohende Gefahr zu tun gedenke, angab, er werde das Reichsbanner, die Schutztruppe der SPD, zur Hilfspolizei ernennen, falls eine Absetzung seiner Regierung drohe und er werde nur der Gewalt weichen.<\/p>\n<p>Am 20.Juli 1932 kam die Gewalt in Form von zwei Polizisten in sein B\u00fcro, die ihn aufforderten auf Weisung des Reichspr\u00e4sidenten von Hindenburg seinen Posten zu r\u00e4umen. Der sozialdemokratische Ministerpr\u00e4sident Otto Braun befand sich an diesem 20.Juli, dem Tag der staatsstreichartigen Absetzung seiner Regierung, ohnehin im Urlaub!<\/p>\n<p>Die sozialdemokratischen Arbeiter wussten hingegen worum es ging und str\u00f6mten in die Berliner Innenstadt, viele von ihnen unter Waffen. Doch der Vorstand ihrer Partei beschwichtigte sie mit einer Verlautbarung, in der man lesen konnte: \u201eDer Kampf um die Wiederherstellung demokratischer Rechtszust\u00e4nde in der deutschen Republik ist zun\u00e4chst mit voller Kraft als Wahlkampf zu f\u00fchren.\u201c Die Weigerung des Parteivorstandes dem als \u201ePreu\u00dfenschlag\u201c in die Geschichte eingegangenen \u201ePapen-Staatstreich\u201c auch bewaffnet die Stirn zu bieten, veranlasste selbst den eher gem\u00e4\u00dfigten Sozialdemokraten Kurt Schumacher zu dem frustrierten Ausspruch: \u201eIn sechs Monaten haben wir Hitler!\u201c<\/p>\n<p>Die KPD-F\u00fchrung unterbreitete der SPD und den Gewerkschaften an diesem Tag endlich ein Kampfangebot, das sogar dazu getaugt h\u00e4tte, die Basis der Sozialdemokratie, unabh\u00e4ngig von deren F\u00fchrung, in den Kampf gegen den Staatsstreich von Papens hineinzuziehen. Doch nach ihrer \u201eSozialfaschismus\u201c-Propaganda gegen die SPD und der Beteiligung am Volksentscheid der Rechten ein Jahr zuvor, war bei den sozialdemokratischen ArbeiterInnen jedes Vertrauen in die KPD dahin.<\/p>\n<p>Zudem sah sich die SPD-F\u00fchrung in ihrer legalistischen Taktik eher best\u00e4tigt: Die Klage vor dem Leipziger Reichsgericht gegen die Absetzung der Otto-Braun-Regierung in Preu\u00dfen wurde gewonnen. Und als nach einem Misstrauensvotum gegen die Regierung von Papen der Reichstag zum zweiten Mal in einem Jahr aufgel\u00f6st wurde, hatte die SPD zwar Stimmenverluste zu verzeichnen (ein Minus von 1,2 Prozentpunkten). Doch die Nazis verloren bei den Novemberwahlen gut zwei Millionen Stimmen. Die KPD kletterte von 14,3 auf 16,9 Prozent.<\/p>\n<h4>Jeder Chef ein Hitler<\/h4>\n<p>F\u00fcr die Unternehmer wurde die Nazi-Diktatur vor allem ihre eigene Diktatur im Betrieb. Die Zerst\u00f6rung der Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4te unter der Terrorherrschaft sorgte f\u00fcr Ruhe statt Klassenkampf. Offiziell gab es gar keine Klassen mehr \u2013 Deutschland wurde eine \u201eVolksgemeinschaft\u201c. In Wirklichkeit gab es eine Klassenherrschaft so krass wie noch nie. Das \u201eF\u00fchrerprinzip\u201c hie\u00df, dass jeder Firmenchef ein kleiner Hitler wurde.<\/p>\n<p>Das \u201eGesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit\u201c von 1934 regelte die absolute Unterwerfung der gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung unter die Kapitalisten: 1. Im Betrieb arbeiten die Angestellten und Arbeiter als Gefolgschaft \u2026 2. Der F\u00fchrer des Betriebes entscheidet der Gefolgschaft gegen\u00fcber in allen betrieblichen Angelegenheiten&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Die Naziherrschaft war im wahrsten Sinne des Wortes eine goldene Zeit f\u00fcr den deutschen Kapitalismus:<\/p>\n<ul>\n<li>Beim Bankenkrach 1931 wurden die Banken nur durch eine Teilverstaatlichung gerettet. Jetzt wurden den Bankiers der Dresdner, Commerz und Deutschen Bank ihre Anteile f\u00fcr&#8217;n Appel und &#8217;n Ei zur\u00fcck geschenkt.<\/li>\n<li>Privatisierung wurde gro\u00df geschrieben \u2013 die sehr profitablen kommunalen Versorgungsbetriebe wurden verramscht.<\/li>\n<li>1934 wurden Steuererleichterungen in H\u00f6he von 500 Millionen Mark durchgef\u00fchrt, \u201eum das Gesch\u00e4ft wieder in Schwung zu bringen.\u201c<\/li>\n<li>Der Tariflohn eines Facharbeiters sank von 101 Pfennigen 1929 auf 81,6 Pfennige 1932 und 79 Pfennig 1939.<\/li>\n<li>Zwischen 1932 und 1938 stieg der Anteil der Kapitalisten am Volkseinkommen von 17,4 auf 26,6 Prozent.<\/li>\n<li>Hitler gab als Kriegsvorbereitung enorme Summen f\u00fcr die Aufr\u00fcstung aus. Die Gewinne der Schwerindustrie stiegen zwischen 1933 und 1938 von 6,6 auf 15 Milliarden Mark.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Sehenden Auges in die Katastrophe<\/h4>\n<p>Angesichts dieser Situation wurden die Eliten der Weimarer Republik nerv\u00f6s. Am 19.November \u00fcbergaben f\u00fchrende Industrielle Paul von Hindenburg eine als \u201eIndustrielleneingabe\u201c bekannte Note. Die Erstunterzeichner lasen sich wie das \u201eWho is who\u201c der deutschen Wirtschaft: An erster Stelle der fr\u00fchere Reichsbankpr\u00e4sident und sp\u00e4tere Wirtschaftsminister unter Adolf Hitler, Hjalmar Schacht. Unter dessen Namen stand Friedrich Reinhardt, Chef der Commerzbank und Aufsichtsratsmitglied bei AEG. Kurt Freiherr von Schr\u00f6der, Privatbankier aus K\u00f6ln; Erich L\u00fcbbert, Generaldirektor des Baukonzerns Dywidag; nat\u00fcrlich Fritz Thyssen und so weiter und so weiter\u2026 Sie alle forderten die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.<\/p>\n<p>Franz von Papen schlug von Hindenburg vor, eine Milit\u00e4rdiktatur zu errichten. Obwohl dies auch den Pl\u00e4nen des umtriebigen Kurt von Schleicher entsprach, wies der General eine Unterst\u00fctzung solcher Pl\u00e4ne durch die Reichswehr zur\u00fcck. Er verfolgte ganz eigene, ehrgeizige Ziele und unterbreitete dem Staatsoberhaupt die Idee einer Querfront von den gem\u00e4\u00dfigten Teilen der NSDAP bis zum sozialdemokratischen Reichsbanner. So wurde von Schleicher Reichskanzler, was wiederum Franz von Papen gegen diesen aufbrachte.<\/p>\n<p>Zusammen mit Kurt Freiherr von Schr\u00f6der organisierte von Papen in dessen K\u00f6lner Villa im Januar 1933 das entscheidende Treffen mit Hitler. Dort wurde entschieden, dass der F\u00fchrer der NSDAP Reichskanzler werden sollte, was am 30. Januar dann geschah. Noch hofften die Konservativen ihn \u201eeinzurahmen\u201c und zu b\u00e4ndigen. Schlie\u00dflich sei ja neben Hitler nur noch ein NSDAP-Mitglied in der Regierung: Frick, der Innenminister wurde.<\/p>\n<p>Doch damit hielt Hitler die Schl\u00fcsselpositionen der neuen Regierung und verstand sie zu nutzen. Der Terror gegen die organisierte Arbeiterbewegung \u00fcberschlug sich: Razzien, Festnahmen, Morde. Besonders nach dem Reichstagsbrand am 28.Februar, in dessen Folge alle Grundrechte au\u00dfer Kraft gesetzt wurden, konnte man sich als sozialistisch gesinnter Arbeiter nicht mehr sicher f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Dennoch gab es Ans\u00e4tze zum Widerstand. Als am 31. Januar die SA mit einem Fackelzug paradierte, versammelten sich in ganz Berlin \u2013 ohne Weisung ihrer gel\u00e4hmten F\u00fchrungen \u2013 Sozialdemokraten und Kommunisten und lieferten sich Stra\u00dfenschlachten mit SA und Polizei. In Hannover hingen noch im April allerorten rote Fahnen, die Arbeiterh\u00e4user waren vom Reichsbanner besetzt und mit Stacheldrahtverhauen gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Doch die gemeinsame Erkl\u00e4rung von SPD und KPD zum bewaffneten Widerstand blieb aus. Der Forderung der Mitgliedschaft, endlich Waffen auszugeben, wurde nie entsprochen. SozialdemokratInnen und KommunistInnen wurden reihenweise verhaftet. Im M\u00e4rz waren neue Reichstagswahlen angesetzt. Die NSDAP siegte, doch blieb sie weit unter ihren Erwartungen. Sie hoffte auf die verfassungs\u00e4ndernde Zweidrittelmehrheit und bekam nicht einmal die absolute Mehrheit. Zwar stimmten 43,9 Prozent der W\u00e4hlerInnen f\u00fcr Hitlers Partei, aber eine Mehrheit f\u00fcr ein \u201eDrittes Reich\u201c fand sich unter den Deutschen nicht!<\/p>\n<p>Doch wieder kamen Hitler die B\u00fcrgerlichen zu Hilfe: Am 23.M\u00e4rz stimmten sie f\u00fcr das Erm\u00e4chtigungsgesetz, dass alle gesetzgeberischen Kompetenzen des Reichstages auf Hitlers Regierung \u00fcbertrug. Einzig die SPD stimmte gegen dieses Gesetz. Die KPD war l\u00e4ngst unterdr\u00fcckt, ihre Sitze f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Am ersten Mai 1933 kapitulierten die Gewerkschaften vor Hitler. Sie riefen ihre Mitglieder auf, sich an den Maifeierlichkeiten der Nazis zu beteiligen. Sie hofften, auf diese Weise ins \u201eDritte Reich\u201c integriert zu werden. Es nutzte nichts. Am zweiten Mai wurden die wenigen noch nicht durch die SA gest\u00fcrmten Gewerkschaftsh\u00e4user von Hitlers Sturmabteilungen besetzt und die Gewerkschaften aufgel\u00f6st. In den Kellern der Gewerkschaftsh\u00e4user richtete die SA die ersten KZ\u2019s ein. Am 22.Juni wurde die SPD f\u00fcr verboten erkl\u00e4rt \u2013 die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung war endg\u00fcltig.<\/p>\n<h4>Die Frage der Verantwortung<\/h4>\n<p>Bis heute ist Schulbuchwissen, dass die Weimarer Republik zwischen den Extremparteien von links und rechts zerrieben wurde. Man rechnet die Stimmenanteile von NSDAP und KPD zusammen und \u2013 siehe da \u2013 seit der Reichstagswahl vom Juli 1932 hielten sie die Mehrheit in Reichstag, was die Bildung einer demokratischen Regierung verhindert habe.<\/p>\n<p>Die Anh\u00e4nger dieser Theorie \u00fcbersehen gern, dass es die Protagonisten eines autokratischen Staatsumbaus waren, die schon seit 1930 die Bildung einer Mehrheitsregierung unm\u00f6glich machten. Nicht das Agieren der so genannten politischen Extreme hat die Weimarer Republik destabilisiert und Hitler den Weg bereitet. Auch die Kollektivschuldthese, die allen Deutschen die Schuld am Faschismus zuschreibt, soll nur von den wahren Verantwortlichen ablenken. Schlie\u00dflich hatte die NSDAP niemals eine absolute Mehrheit bei Parlamentswahlen. Entscheidend f\u00fcr seinen Aufstieg war die Sch\u00fctzenhilfe aus Wirtschaft und antidemokratischen F\u00fchrungsschichten. Sie legten die Macht bewusst in die H\u00e4nde der Nazis.<\/p>\n<p>Kann man daher die KPD von jedem Vorwurf frei sprechen? Keineswegs! Sie h\u00e4tte die Verantwortung gehabt, die Einheitsfront der Arbeiterorganisationen gegen die Nazis zu schmieden. Dass sie sich dabei nicht auf die SPD-F\u00fchrung verlassen konnte war von vornherein klar. Aber de facto auf die Einheitsfrontpolitik zu verzichten war pflichtvergessen! Trotzki hat einmal formuliert, man m\u00fcsse der SPD-F\u00fchrung die Einheitsfront aufzwingen, keinerlei Bedingungen stellen, einfach nur den gemeinsamen Kampf an praktischen Beispielen vorschlagen. Dass die KPD-F\u00fchrung diesen Weg nicht beschritt, der nicht nur die Nazi-Diktatur verhindert h\u00e4tte, sondern auch \u00fcber kurz oder lang die Mehrheit der ArbeiterInnen an die KPD gebunden h\u00e4tte, bleibt ihre historische Verantwortung. Die Schuld am 30.Januar 1933 tr\u00e4gt jedoch nicht sie, sondern all die Kurt von Schleichers, Franz von Papens, Thyssens, Schachts und Krupps.<\/p>\n<p><em>Steve K\u00fchne ist Autor verschiedener B\u00fccher und Brosch\u00fcren, unter anderem zur Pariser Kommune und zum Kronst\u00e4dter Aufstand. Er ist Mitglied des SAV-Bundesvorstands und lebt in Dresden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeiterbewegung wird zerschlagen und der Krieg vorbereitet<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23653,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[89,99],"tags":[299],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23652"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23652"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23652\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}