{"id":23568,"date":"2013-01-23T17:00:15","date_gmt":"2013-01-23T16:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23568"},"modified":"2013-01-18T13:56:20","modified_gmt":"2013-01-18T12:56:20","slug":"steven-spielbergs-lincoln-eine-filmkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/01\/steven-spielbergs-lincoln-eine-filmkritik\/","title":{"rendered":"Steven Spielbergs \u201eLincoln\u201c \u2013 eine Filmkritik"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_23569\" aria-describedby=\"caption-attachment-23569\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/2538455628_5a00b0c2ce_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-23569\" title=\"Lincoln\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/2538455628_5a00b0c2ce_b-e1358513767122-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/2538455628_5a00b0c2ce_b-e1358513767122-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/2538455628_5a00b0c2ce_b-e1358513767122-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/2538455628_5a00b0c2ce_b-e1358513767122-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/2538455628_5a00b0c2ce_b-e1358513767122.jpg 1006w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23569\" class=\"wp-caption-text\">Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/lwr\/ CC BY-NC-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Steven Spielbergs \u201eLincoln\u201c \u2013 eine Filmkritik<\/strong><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien am 13. Januar zun\u00e4chst in englischer Sprache auf socialistworld.net. Der Film Lincoln erscheint am 24. Januar in den deutschen Kinos.<\/em><\/p>\n<p>Die heftigen sozialen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen K\u00e4mpfe, in deren Rahmen auch der amerikanische B\u00fcrgerkrieg stattfand, werfen wichtige Fragen auf, die auch f\u00fcr die anhaltenden Konflikte von heute wichtig sind. Schlie\u00dflich geht es darum, die Ausbeutung aufgrund von rassistischer und sexistischer Diskriminierung sowie des Niederhaltens bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder sexueller Orientierungen zu beenden. Denn all dies ist im US-amerikanischen und weltweit herrschenden Kapitalismus immer noch an der Tagesordnung.<\/p>\n<p><em>von Patrick Ayers und Eljeer Hawkins, \u201eSocialist Alternative\u201c (US-amerikanische Unterst\u00fctzer des \u201eCommittee for a Workers\u00b4 International\u201c, dessen Sektion in Deutschland die SAV ist)<\/em><\/p>\n<p>Steven Spielbergs Film \u201eLincoln\u201c, der mit dem \u00fcblichen Tamtam angelaufen ist, kommt zu einer Zeit in die Kinos, in der bedeutende gesellschaftliche Ereignisse stattfinden bzw. Jahrestage historisch bedeutsamer Ereignisse begangen werden. So wurde am 22. September 2012 vor 150 Jahren die \u201eEmancipation Proclamation\u201c (zur Abschaffung der Sklaverei; Anm. d. \u00dcbers.) eingebracht. Am 6. November kam es zur Wiederwahl von Barack Obama, dem ersten US-amerikanischen Pr\u00e4sidenten mit dunkler Hautfarbe, der damit seine zweite Amtsperiode antreten kann. Und der 1. Januar 2013 ist der 150. Jahrestag des Inkrafttretens der \u201eEmancipation Proclamation\u201c. Lincoln war es, der die endg\u00fcltige Fassung der \u201eEmancipation Proclamation\u201c vorlegte, wobei es sich um einen taktischen Schritt w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges handelte. Es hei\u00dft darin: \u201eAlle Personen, die [in den aufbegehrenden Staaten] als Sklaven gehalten werden, sind frei und werden fortan frei sein.\u201c<\/p>\n<h4>Das \u201eMaking of\u201c&#8230;<\/h4>\n<p>Spielbergs Film basiert in Teilen auf der preisgekr\u00f6nten Lincoln-Biografie \u201eTeam of Rivals: The Political Genius of Lincoln\u201c von Pulitzer-Preistr\u00e4gerin Doris Kearns Goodwin. Der ebenfalls vielfach ausgezeichnete Drehbuchautor Tony Kushner besorgte die Adaption f\u00fcrs Kino. Der Regisseur von \u201eLincoln\u201c ist Steven Spielberg, und die Oscar-Preistr\u00e4gerInnen Daniel Day-Lewis und Sally Field spielen in den Hauptrollen. Schon jetzt ist der Film f\u00fcr eine Reihe von \u201eGolden Globe\u201c-Nominierungen vorgesehen und wird sicherlich auch f\u00fcr den Oscar vorgeschlagen.<\/p>\n<p>\u201eLincoln\u201c stellt die Bem\u00fchungen in den Vordergrund, die n\u00f6tig waren, um am Ende des B\u00fcrgerkriegs den 13. Verfassungszusatz durchzusetzen. Nachdem er 1864 wiedergew\u00e4hlt worden war, nutzte Lincoln am Ende der lahmenden Sitzungsperiode des Kongresses die Chance und brachte diesen Verfassungszusatz durch. Dass diese Vorlage angenommen werden w\u00fcrde, war trotz der breiten Mehrheit der \u201eRepublikaner\u201c alles andere als sicher. Der damalige Pr\u00e4sident musste mit einer Opposition im eigenen Kabinett verhandeln und auch unter den \u201eDemokraten\u201c (die damals das wichtigste politische Sprachrohr der Sklavenhalter waren) f\u00fcr Zustimmung werben. Der Film will ganz klar die F\u00e4higkeiten Lincolns als politische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit w\u00e4hrend einer Krisen-Periode hervorheben. Dabei versucht der Streifen auch, Abraham Lincoln mit einer ganz pers\u00f6nlichen Note zu pr\u00e4sentieren, der in Wirklichkeit unter depressiven Sch\u00fcben litt. Letzteres wird jedoch nicht besonders umfassend dargestellt. Demgegen\u00fcber wird der Hang Lincolns, immer dann Geschichten und Gleichnisse zum Besten zu geben, wenn es darum ging, Soldaten oder den Kabinettsmitgliedern gegen\u00fcber seinen Standpunkt deutlich zu machen, sehr intensiv beleuchtet.<\/p>\n<p>In einigen der ber\u00fchrendsten und gewaltigsten Szenen des Films kommt seine Ehefrau Mary Todd Lincoln, dargestellt von Sally Field, vor. Das gilt vor allem f\u00fcr die Momente, in denen der Tod ihres Sohnes William, der im Alter von nur elf Jahren starb, thematisiert wird; aber auch, wenn gezeigt wird, wie der Familienvater mit seinem j\u00fcngsten Sohn Thomas \u201eTad\u201c Lincoln spielt oder sein angespanntes Verh\u00e4ltnis zu seinem Sohn Robert Todd Lincoln aufgegriffen wird, der sich trotz Missbilligung seiner Mutter freiwillig f\u00fcr die Unionsarmee melden wollte. In den letzten Wochen des B\u00fcrgerkriegs wird Robert sich dann doch noch den Unionisten anschlie\u00dfen.<\/p>\n<h4>Gro\u00dfartige F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten?<\/h4>\n<p>Daniel Day-Lewis \u00fcbt eine absolut hypnotische Wirkung aus und gibt ein Paradebeispiel seiner methodischen Herangehensweise an die Schauspielerei. Was das K\u00f6rperliche und den Geist des ehemaligen Pr\u00e4sidenten angeht, wird er f\u00f6rmlich zu Lincoln selbst. Durch die einf\u00fchlsame und grandiose Bildsprache, die Spielberg inszeniert, bekommt Lincoln gottgleichen Charakter. Dass die MacherInnen dieses Films sich dazu entschieden haben, als Hintergrund f\u00fcr all dies die stark verk\u00fcrzt dargestellten Auseinandersetzungen um den 13. Verfassungszusatz zu nehmen, verst\u00e4rkt die Rolle, die Lincoln bei diesen Ereignissen gespielt hat und legt das Hauptaugenmerk auf sein Wesen.<\/p>\n<p>An einer Stelle des Films befindet Lincoln sich im Wei\u00dfen Haus und fragt einen Soldaten: \u201ePassen wir in die Zeit, in die wir hineingeboren wurden?\u201c. Und die Antwort lautet: \u201eWas mich angeht, so wei\u00df ich das nicht. Sie aber vielleicht schon.\u201c Das Problem hierbei ist, das sei all jenen ans Herz gelegt, die Lincolns Rolle in der Geschichte wirklich verstehen wollen, dass die MacherInnen dieses Films sich entschieden haben Ereignisse darzustellen, die nicht besonders hilfreich sind, um das ganze Bild von der \u201eZeit\u201c zu zeichnen, \u201ein die\u201c Lincoln da passen sollte.<\/p>\n<p>Indem die Debatten, die an den Schaltstellen der Macht in Washington stattfanden, beinahe in voller G\u00e4nze wiedergegeben werden, ist der Film nicht in der Lage, die Rolle der Bev\u00f6lkerung aufzugreifen, die diese im historischen Prozess spielte. Ohne die SklavInnen, Kleinb\u00e4uerinnen und Kleinbauern, ArbeiterInnen und all die anderen, die sich radikalisierten aufgrund der Geschehnisse, die sich bis zum Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs \u2013 und vor allem danach \u2013 abspielten, h\u00e4tte Lincoln nicht die Plattform gehabt, von der aus er schlussendlich walten konnte. Um die Qualit\u00e4t des F\u00fchrungsstils von Lincoln wirklich verstehen zu k\u00f6nnen, ist es n\u00f6tig, seine Rolle im Zusammenhang mit den allgemeinen historischen Prozessen zu sehen. Das w\u00e4re am Anfang des Films in wenigen Minuten problemlos darstellbar gewesen. Doch die Entscheidung der \u201eLincoln\u201c-ProduzentInnen f\u00fcr einen engen inhaltlichen Rahmen ohne Darstellung des weiteren historischen Kontexts f\u00fchrt dazu, dass die Geschichte dargestellt wird, als sei sie von \u201egro\u00dfen M\u00e4nnern\u201c gemacht, die wiederum einer h\u00f6heren Macht verpflichtet gewesen seien.<\/p>\n<h4>Die zweite Amerikanische Revolution<\/h4>\n<p><em>\u201eDer gegenw\u00e4rtige Kampf zwischen S\u00fcd und Nord ist also nichts als ein Kampf zweier sozialer Systeme, des Systems der Sklaverei und des Systems der freien Arbeit. Weil beide Systeme nicht l\u00e4nger friedlich auf dem nordamerikanischen Kontinent nebeneinander hausen k\u00f6nnen, ist der Kampf ausgebrochen. Er kann nur beendet werden durch den Sieg des einen oder des andern Systems.\u201c<\/em> (Karl Marx, London, 20. Oktober 1861)<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerkrieg m\u00fcndete in einen revolution\u00e4ren Krieg gegen die Plantagenbesitzer und Sklavenhalter, die die Politik der USA vor Kriegsbeginn \u00fcber Jahrzehnte hinweg dominiert hatten. Durch die Abschaffung der Sklaverei wurde die materielle Basis f\u00fcr deren \u00f6konomische und politische Macht ausgemerzt. Diese Revolution war deswegen n\u00f6tig, weil die erste Amerikanische Revolution \u2013 der Kampf um die Unabh\u00e4ngigkeit von Gro\u00dfbritannien \u2013 mit einem Kompromiss zwischen der kapitalistischen herrschenden Klasse des Nordens und der des S\u00fcdens geendet hatte. Letztere bestand zu gro\u00dfen Teilen aus Plantagenbesitzern, die gleichzeitig auch Sklavenhalter waren.<\/p>\n<p>Damals dachten viele, dass es sich bei der Sklaverei um ein aussterbendes Ph\u00e4nomen handeln w\u00fcrde. Die Erfindung der Entk\u00f6rnungsmaschine f\u00fcr Baumwolle und das Aufkommen der industriellen Revolution aber f\u00fchrten dazu, dass der Rohstoff Baumwolle zu einem rapiden Wiederanstieg der Sklaverei beitrug. Diese fand in einem wesentlich brutaleren Ausma\u00df statt, als man das zuvor im Kapitalismus gekannt hatte. Gest\u00e4rkt wurde dadurch die Position der Plantagenbesitzer und Sklavenhalter. Bis 1860 dominierten sie mit ihrem Zwei-Parteien-System bestehend aus \u201eDemocrats\u201c und \u201eWhigs\u201c das politische Geschehen in den USA.<\/p>\n<p>Wegen der verheerenden Folgen, die der Baumwollanbau auf den gro\u00dfen Plantagen f\u00fcr die B\u00f6den hatte, waren die Plantagenbesitzer st\u00e4ndig auf der Suche nach neuem Grund und Boden. Dies brachte sie in Konflikt mit der rasch anwachsenden Bev\u00f6lkerung, die im Norden in erster Linie aus Kleinb\u00e4uerinnen und -bauern bestand und die neues Land f\u00fcr ihre kleinen Farmen auf \u201efreiem Boden\u201c wollten. Gro\u00dfe Pflanzungen, die dar\u00fcber hinaus auch noch durch Sklavenarbeit bestellt wurden, standen diesem Ansatz entgegen. 1854 kam es in Kansas zum Krieg zwischen kleinen FarmerInnen und Sklavenhaltern. Anlass war die Frage, ob der eben erst eingegliederte Bundesstaat ein Sklavenhalter-Staat sein sollte oder nicht.<\/p>\n<p>Mit dem rasanten Wachstum des Kapitalismus im Norden, der dort seine eigenen politischen Ziele entwickelte, gerieten die beiden Systeme \u2013 das Besitzsklaven-System und das kapitalistische System der freien Arbeitskr\u00e4fte \u2013 zunehmend miteinander in Konflikt. Dass die Plantagenbesitzer und Sklavenhalter es dann ablehnten ihren Machteinfluss aufzugeben, erforderte zwangsl\u00e4ufig eine Revolution.<\/p>\n<p>Die Industriellen fanden sich in der Position wieder, eine historische Bewegung gegen die Sklavenbesitzer anzuf\u00fchren. Um diese Rolle erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, waren sie aber gezwungen die Massen zu mobilisieren. Die \u201eRepublican Party\u201c wurde 1854 im Zuge einer wachsenden demokratischen Bewegung gegen die \u201eSklaven-M\u00e4chte\u201c gegr\u00fcndet. Neben den kleinen FarmerInnen und Industriellen brachte die neue Partei auch AbolitionistInnen (Bef\u00fcrworter der Abschaffung der Sklaverei; Erg. d. \u00dcbers.) und Arbeiterorganisationen zusammen, die darin eine Chance erkannt hatten, um eine m\u00e4chtige Bewegung aufzubauen, mit der man die \u201eSklaven-M\u00e4chte\u201c bezwingen und den Weg f\u00fcr eine radikale Transformation der Gesellschaft w\u00fcrde ebnen k\u00f6nnen. Das Programm der \u201eRepublicans\u201c umfasste, was die Sklaverei anging, zwar nur eine sehr begrenzte Zielsetzung (man wollte eigentlich nur eine weitere Ausbreitung verhindern). Das reichte aber, um der Sklavenhaltergesellschaft den Todessto\u00df zu versetzen.<\/p>\n<p>Neben der Gefahr, die die Opposition aus dem Norden f\u00fcr sie darstellte, lebten die Sklavenhalter des S\u00fcdens in st\u00e4ndiger Angst vor Sklavenaufst\u00e4nden. Mit dem Anwachsen der Sklaverei auf mehr als vier Millionen Menschen, die in Ketten arbeiten mussten, nahm diese Angst nur noch weiter zu. Die Sklavenbesitzer hingen vollst\u00e4ndig von der rassistischen Ideologie und einem Staatsapparat ab, der ihren Interessen ohne Erbarmen zu Nutze war. So wurden Gesetze erlassen, die die Strafen f\u00fcr entflohene SklavInnen regelten oder die Agitation f\u00fcr die Abschaffung der Sklaverei mit Repression belegten. Anti-demokratische Ma\u00dfnahmen gegen AbolitionistInnen nahmen zu und verbreiteten im Norden die Angst, die \u201eSklaven-M\u00e4chte\u201c seien eine Bedrohung f\u00fcr die demokratischen Freiheiten.<\/p>\n<p>1859 lie\u00df der \u00dcberfall von John Brown auf (die Munitionsfabrik von; Erg. d. \u00dcbers.) Harpers Ferry nicht nur deswegen die Alarmglocken klingen, weil damit das Gespenst einer Sklavenrebellion an die Wand geworfen wurde, sondern auch weil John Brown, der in Kansas gegen die Sklavenbesitzer gek\u00e4mpft hatte, von vielen radikalen \u201eRepublicans\u201c im Norden gefeiert wurde. Als Lincoln dann 1860 zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde, hatten die Sklavenhalter bereits die Entscheidung gef\u00e4llt, dass ihre einzige Hoffnung nur noch in einer bewaffneten Erhebung gegen den Norden und in der Abtrennung bestehen k\u00f6nne, um die eigenen Interessen zu verteidigen.<\/p>\n<p>Dies war der weitere geschichtliche Rahmen, in dem es zur Wahl von Lincoln kam und in dem dann der B\u00fcrgerkrieg ausbrach. Wegen der Koexistenz zweier, sich gegenseitig widersprechender Systeme war ein Konflikt und ein Krieg unvermeidlich.<\/p>\n<p>Man muss der Person Lincoln zugutehalten, dass er im Kampf gegen die gesellschaftliche Klasse der SklavInnen haltenden Plantagenbesitzer eine geschichtlich notwendige Rolle gespielt hat. Es bestand die historische Notwendigkeit, die Sklaverei abzuschaffen und eine Revolution durchzuf\u00fchren. Lincolns Entschlossenheit, die Abschaffung der Sklaverei noch vor Ende des B\u00fcrgerkriegs durchzusetzen, war grundlegend f\u00fcr die folgende Entwicklung des Kapitalismus in den sp\u00e4teren Jahrzehnten. Dies f\u00fchrte auch zur Entwicklung einer m\u00e4chtigen Arbeiterklasse, der einzigen gesellschaftlichen Klasse in der Geschichte, die in der Lage ist eine Gesellschaft aufzubauen, die wirklich auf Gleichheit basiert. Das waren auch die Gr\u00fcnde, warum Karl Marx und seine MitstreiterInnen in Amerika Lincoln und die Unionsarmee im Krieg unterst\u00fctzten. Sie bezogen Stellung gegen die Idee, die Abolition w\u00fcrde zu einem noch st\u00e4rkeren Konkurrenzkampf unter den ArbeiterInnen f\u00fchren, und wandten demgegen\u00fcber ein, wie die Arbeiterklasse durch die Befreiung der SklavInnen gest\u00e4rkt werden w\u00fcrde. \u201eDie Arbeit in wei\u00dfer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.\u201c, schrieb Marx im \u201eKapital\u201c.<\/p>\n<h4>Hollywood und die Geschichte eines Volkes<\/h4>\n<p>Lincoln war kein Abolitionist und legte es auch nicht darauf an, die Sklaverei abzuschaffen. Ganz im Gegenteil hatte er sogar rassistische Ansichten. Zuvor hatte er noch die Kolonialisierungsprojekte f\u00fcr einen Teil der freien ehemaligen SklavInnen unterst\u00fctzt, denen damit die M\u00f6glichkeit gegeben werden sollte, nach Afrika oder auf die Karibischen Inseln auszuwandern. Lincoln war widerspr\u00fcchlich und zur\u00fcckhaltend. Am 18. September 1858 erkl\u00e4rte Lincoln in seinen Debatten mit Stephan Douglas: \u201eDann werde ich sagen, dass ich nicht daf\u00fcr bin oder jemals daf\u00fcr war, dass die wei\u00dfe und die schwarze Rasse gesellschaftlich und politisch gleichgestellt werden, dass ich nicht daf\u00fcr bin oder je daf\u00fcr war, den Negern das Wahlrecht zu geben oder sie zu Gerichtsjuroren zu machen. Es kann auch keine Rede davon sein, dass ich sie f\u00fcr \u00f6ffentliche \u00c4mter qualifizieren lassen oder ihnen das Recht zugestehen will, sich mit wei\u00dfen Menschen zu verheiraten [\u2026]. Wie jeder andere Mensch gehe auch ich von der h\u00f6herwertigen Rangstellung aus, die den Wei\u00dfen beigemessen wird.\u201c (Lincoln, Abraham: \u201eFirst Lincoln-Douglas Debate\u201c, Ottawa, Illinois, 18. Sept. 1858, in: \u201eThe Collected Works of Abraham Lincoln\u201c, vol.3, pp. 145-146.).<\/p>\n<p>Was Lincoln hingegen unterst\u00fctzte war die Idee der \u201efreien Lohnarbeit\u201c. Das war entscheidend, um die kleinen FarmerInnen und Farmer aus dem Norden, die Kaufleute und die ArbeiterInnen zu mobilisieren, die sich scharenweise als Freiwillige meldeten. Zudem lenkte das den Zorn auf die \u201eDemocratic Party\u201c, die wichtigste politische St\u00fctze der Sklaverei, die auf rassistische Weise den Hass sch\u00fcren wollte gegen die \u201eBlack Republicans\u201c, wie sie von den \u201eDemokraten\u201c bezeichnet wurden.<\/p>\n<p>Lincoln war ein talentierter Redner, der vor einem Publikum aus armen B\u00e4uerinnen und Bauern auf der einen und Rechtsanw\u00e4lten auf der anderen Seite eine gemeinsame Gespr\u00e4chsebene herstellen konnte. Am Anfang von Spielbergs Film bekommt man einen Geschmack davon, als Lincoln mit zwei Soldaten diskutiert, einem dunkel- und einem hellh\u00e4utigen. Beide wirken durch Lincoln inspiriert, und sie rezitieren seine Rede von Gettysburg.<\/p>\n<p>Lincolns Denken und Handeln wurde angetrieben vom Druck von unten, der sich aus den sich zuspitzenden sozialen Konflikten ergab und entscheidend daf\u00fcr war, ihn zur Annahme neuer und gewagterer Ans\u00e4tze zu bringen. Die SklavInnen \u00fcbten ihrerseits Druck auf das F\u00fchrungspersonal der Union aus, die Abschaffung der Sklaverei als Mittel des Krieges einzusetzen, da sie im Zuge des Krieges in immer gr\u00f6\u00dferer Zahl in die Nordstaaten flohen. Als \u201eSchmuggelware des Krieges\u201c bezeichnet, wurden die entflohenen SklavInnen als diejenigen betrachtet, die der wirtschaftlichen Macht der S\u00fcdstaaten einen wichtigen Schlag versetzten. Hinzu kam, dass nach Kriegsausbruch und dank der Agitation der AbolitionistInnen immer mehr Menschen f\u00fcr die Abschaffung der Sklaverei waren.<\/p>\n<p>Die Armee verk\u00f6rperte einige der radikalsten Teile der ArbeiterInnen und kleinen FarmerInnen aus den Nordstaaten. Mit der US-Army von heute, der die um sich greifende Armut die RekrutInnen in die H\u00e4nde treibt, ist sie absolut nicht vergleichbar. Der B\u00fcrgerkrieg war ein durch und durch politischer Krieg, und die Unionsarmee war durch und durch politisiert. Es herrschte zwar Wehrpflicht, aber trotzdem meldeten sich tausende Freiwilliger an die Waffen, weil sie der Meinung waren, im Kampf f\u00fcr eine bessere Gesellschaft sei es wichtig, die \u201eSklaven-M\u00e4chte\u201c zu zerschlagen. Mitglieder der Gewerkschaften, SozialistInnen und andere Radikale spielten eine bedeutende Rolle beim Aufbau und der Zusammenstellung von Milizen, die in die Unionsarmee integriert wurden. Bei den Wahlen von 1864 stimmten die Soldaten der Union mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit f\u00fcr Lincoln.<\/p>\n<h4>Sklavenaufst\u00e4nde im Sinne der Selbst-Befreiung<\/h4>\n<p>In der Anfangsszene zu \u201eLincoln\u201c wirft ein Soldat mit dunkler Hautfarbe Fragen auf \u00fcber die rassistische Behandlung dunkelh\u00e4utiger Soldaten. Das ist aber nicht mehr als eine Art Pflicht erf\u00fcllender Hinweis auf die Spannungen, die zwischen hellh\u00e4utigen Befehlshabern der Unionstruppen und ihren dunkelh\u00e4utigen Soldaten tats\u00e4chlich existierten und dabei eine durchaus rassistische Grundlage hatten. Das Historiendrama \u201eGlory\u201c von 1989, in dem Matthew Broderick und Denzel Washington die Hauptrollen spielen, geht wesentlich eindringlicher mit diesem Aspekt um und stellt die Spannungen zwischen den h\u00f6heren R\u00e4ngen der Unionstruppen, die sich f\u00fcr den Erhalt der Union einsetzten und ihrer eigenen Karriere auf die Spr\u00fcnge helfen wollten, sowie den dunkelh\u00e4utigen Soldaten, die f\u00fcr die soziale Befreiung k\u00e4mpften, dar. Beim Kampf der SklavInnen f\u00fcr die eigene soziale Befreiung handelte es sich um die treibende Kraft bei den Ereignissen, die wiederum Lincoln dazu trieben, am Ende die Sklaverei abzuschaffen.<\/p>\n<p>Bedauerlicher Weise werden die Dunkelh\u00e4utigen im Film \u201eLincoln\u201c mehr oder minder als Staffage benutzt, die keine Entwicklungslinien erkennen lassen. Sie beteiligen sich nicht an Dialogen, die Einfluss auf die weitere Entwicklung h\u00e4tten oder \u00fcber gar selbst irgendeine Form der Einflussnahme aus. Sehr \u00e4rgerlich ist es, dass bedeutende afro-amerikanische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten weder dargestellt noch \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt werden. So ist keine Rede etwa vom Abolitionisten und Freiheitsk\u00e4mpfer Frederick Douglass oder der Fluchthelferin der Hilfsorganisation \u201eUnderground Railroad\u201c, Harriet Tubman, die sich den Unionstruppen anschloss und aktiv bei der Flucht von SklavInnen aus den S\u00fcdstaaten mithalf. In seinem letzten Lebensjahr erst befasste sich Lincoln mit den Gedanken von Douglass zur Frage der Sklaverei, des B\u00fcrgerkriegs und der Befreiung der Dunkelh\u00e4utigen.<\/p>\n<p>Gloria Reuben spielt die Schneiderin und Vertraute von Mary Todd Lincoln, Elizabeth Keckley. Keckley, die selbst einmal Sklavin war, war auch die Gr\u00fcnderin der \u201eContraband Relief Association\u201c, die aus SklavInnen bestand, denen die Flucht aus den konf\u00f6derierten Bundesstaaten im S\u00fcden gelungen war. Die \u201eContraband Relief Association\u201c und dunkelh\u00e4utige AbolitionistInnen sch\u00e4rften Lincoln ein, er solle das Kolonialisierungsprojekt aufgeben, die Mitglieder der \u201eContraband Association\u201c ins Wei\u00dfe Haus einladen und Druck auf Vertreter der Unionsarmee aus\u00fcben, um diese zu einer kritischen Betrachtung der Sklaverei zu bringen.<\/p>\n<p>Der Film vermittelt auch den falschen Eindruck, Lincoln sei der Urheber des 13. Verfassungszusatzes gewesen. In Wirklichkeit haben die lose Fraktion innerhalb der \u201eRepublikaner\u201c, die als \u201eRadical Republicans\u201c bezeichnet wurde und die abolitionistische Bewegung, die sich der Abschaffung der Sklaverei verschrieb, im Januar 1864 den Verfassungszusatz eingebracht. Die \u201eRadical Republicans\u201c waren Lincoln Jahre voraus, weil sie f\u00fcr ein Ende der Sklaverei eintraten und dabei die volle universelle Gleichstellung der Rassen sowie politische, \u00f6konomische und soziale Befreiung wollten, wie die Phase der \u201eradical reconstruction period\u201c von 1868 bis 1877 zeigt.<\/p>\n<p>Allerdings wird zum Beispiel Thaddeus Stevens, der den \u201eRadical Republicans\u201c angeh\u00f6rte, im aktuellen Film nur als Kompromissler dargestellt, weil seine Fraktion die Betonung ihrer weitergehenden Forderungen nach Gleichstellung der Dunkelh\u00e4utigen schlie\u00dflich abmilderte, um die \u201eDemokraten\u201c daran zu hindern, vom zentralen Ziel, der Annahme der \u201eEmancipation Proclamation\u201c, ablenken zu k\u00f6nnen. Doch die Kompromisse, die sie eingingen, waren f\u00fcr die materielle Zerst\u00f6rung der Grundlagen der Sklaverei von gro\u00dfer Bedeutung. Diese Art von Kompromissen bef\u00f6rderte am Ende den Kampf der Unterdr\u00fcckten. Das hat nichts mit den Kompromissen zu tun, auf die man sich vor 1860 geeinigt hatte, um die Sklaverei aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>Der Film \u201eLincoln\u201c erlaubt es uns, den 16. Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika einer erneuten kritischen Pr\u00fcfung zu unterziehen. Er liefert den Anlass f\u00fcr eine weitere Besch\u00e4ftigung mit den abscheulichen Bedingungen, unter denen AmerikanerInnen afrikanischer Herkunft und arbeitende Menschen nach der Periode der \u201eradical reconstruction\u201c zu leiden hatten. Und auch der rasche Aufstieg der USA zur f\u00fchrenden imperialistisch-kapitalistischen Nation sowie die Umst\u00e4nde, unter denen dies m\u00f6glich war, m\u00f6gen dadurch erneut ins Bewusstsein gelangen. Die massiven sozialen K\u00e4mpfe, die im Zusammenhang mit dem B\u00fcrgerkrieg stattfanden, werfen wichtige Fragen auf, die auch f\u00fcr die anhaltenden K\u00e4mpfe von heute einen Wert haben. Schlie\u00dflich geht es darum, die Ausbeutung aufgrund von rassistischer und sexistischer Diskriminierung sowie des Niederhaltens bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder sexueller Orientierungen zu beenden. Denn all dies ist im US-amerikanischen und weltweit herrschenden Kapitalismus immer noch an der Tagesordnung. Auch 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei sind es immer noch allein die Arbeiterklasse und die Armen, die f\u00fcr revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung sorgen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Film \u201eLincoln\u201c erlaubt es uns, den 16. 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