{"id":23553,"date":"2013-01-20T12:40:39","date_gmt":"2013-01-20T11:40:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23553"},"modified":"2013-01-11T12:43:18","modified_gmt":"2013-01-11T11:43:18","slug":"von-parias-und-unterdrueckung-die-sinti-und-roma-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/01\/von-parias-und-unterdrueckung-die-sinti-und-roma-2\/","title":{"rendered":"Von Parias und Unterdr\u00fcckung \u2013 Die Sinti und Roma"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23547\" title=\"Sinti und Roma\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508.jpg 309w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Teil 1: Aktuelle Lage<\/strong><\/p>\n<p><em>von Daniel Pannicke, Berlin<\/em> <\/p>\n<p>Die Roma und Sinti sind eine der gr\u00f6\u00dften Minderheiten Europas. Dennoch ist das Wissen \u00fcber sie gering und von Vorurteilen oder im besten Falle von Idealisierung gepr\u00e4gt. Kaum eine Gruppe von Menschen wird so verfemt und verachtet wie sie. Das Wissen \u00fcber sie ist gering und die Kenntnisse \u00fcber ihre Lage und deren Ursprung erschreckend oberfl\u00e4chlich.<\/p>\n<h4>Vorurteil, Stigma, Idealisierung<\/h4>\n<p>Wenn in den Medien \u00fcber Roma berichtet wird, dann oft in einem negativen Kontext. H\u00e4ufig scheinen die Medienmacher ihren eigenen Vorurteilen zu erliegen. Das scheinbar ewig w\u00e4hrende Klischee des kriminellen, nicht integrationsf\u00e4higen (bzw. des nicht integrationswilligen) Roma wird wieder und wieder reproduziert. Auch scheinen alle Roma ein Nomadenleben zu f\u00fchren. Tats\u00e4chlich migrieren aber nur 5% dauerhaft oder saisonal, die meisten sind sesshaft. Auch das Thema Kriminalit\u00e4t ist bei weitem nicht so einfach, wie es manchmal scheint. Roma die kriminell auffallen, begehen in der Regel Armutsdelikte wie zum Beispiel Taschen- oder Metalldiebstahl. An Korruptionsdelikten; welche z.B. in Rum\u00e4nien, das Land mit der gr\u00f6\u00dften Romabev\u00f6lkerung weltweit, ein enormes Problem darstellen; sind sie schon aufgrund ihrer Armut meistens nicht beteiligt. Auch werden Verbrechen wie Mord oder K\u00f6rperverletzung nicht h\u00e4ufiger beobachtet als in der Nicht-Romabev\u00f6lkerung. Es mag Roma geben, welche wie in Slums der dritten Welt leben, die Gewaltproblematik dieser teilen sie jedoch nicht.<\/p>\n<p>Ein weiteres h\u00e4ufiges Klischee, welches besonders gerne von Boulevardmedien oder Lokalpolitikern bem\u00fcht wird, ist die sogenannte \u201eBettelmafia\u201c. Es besagt, dass die betreffenden Personen nicht f\u00fcr sich oder ihre Familie betteln, sondern in Wirklichkeit ihr erbetteltes Geld an Hinterm\u00e4nner abgegeben m\u00fcssen und diese sich damit ein Luxusleben finanzieren. Auch die Polizei stellt manchmal mal mehr mal weniger konkrete Vermutungen auf. Doch wurde bis heute kein Beweis erbracht, dass so etwas wie eine Bettelmafia wirklich existiert. \u00dcberhaupt ist es sehr auff\u00e4llig, dass meist mit der Bettelmafia argumentiert wird, wenn mal wieder ein Bettelverbot in Innenst\u00e4dten durchgesetzt werden soll oder wenn sich Politiker auf Stimmenfang befinden. Es ist auch leicht gegen eine Gruppe zu hetzen, die sich nicht so gut wehren kann, um f\u00fcr sich zu werben, anstatt die tats\u00e4chlichen Probleme anzugehen und wenn schon die Armut (welche der Kapitalismus tagt\u00e4glich erzeugt) nicht bek\u00e4mpft werden kann, dann m\u00fcssen eben die Armen bek\u00e4mpft werden. Auch sollte die entlastende Funktion solcher Ger\u00fcchte nicht au\u00dfer acht gelassen werden. Es ist deutlich weniger unangenehm, einen bettelnden Menschen eine Spende zu verweigern, wenn man sich der Illusion hingeben kann, damit keine kriminellen Strukturen zu unterst\u00fctzen. Faktisch sind es jedoch meist einfach \u201enur\u201c v\u00f6llig verarmte Romafamilien, die zusammen betteln. Das Gerede, dass sie von Bettelmafiosi ausgebeutet w\u00fcrden, entbehrt jeglicher Grundlage.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch noch eine andere Seite des Klischees. Hier ist der \u201eZigeuner\u201c freiheitsliebend, nicht an \u00f6konomische und gesellschaftliche Zw\u00e4nge gebunden und gibt sich sorglos dem M\u00fc\u00dfiggang hin. Es ist das Stereotyp des edlen Wilden und einer romantischen, leidenschaftlichen und freien Lebenswelt. Exotik welche praktischerweise direkt vor der Haust\u00fcr in Europa liegt. Opern wie z.B. \u201eCarmen\u201c oder die Operette \u201eDer Zigeunerbaron\u201c sind Ausdruck davon. Diese Idealisierung der Roma entsprach und entspricht nicht der Realit\u00e4t und ist gelinde gesagt sogar zynisch. Sie l\u00e4sst au\u00dfer acht, dass die Roma oft nicht freiwillig umhergezogen sind, sie vergisst auch das ihr Leben nicht weniger sorglos gewesen ist und ihre Geschichte (die sp\u00e4ter noch Gegenstand genauerer Betrachtungen sein wird) viele Trag\u00f6dien aufweist.<\/p>\n<p>Auch die scheinbar wichtige Rolle der Familie f\u00fcr Sinti und Roma wird positiv wie negativ hervorgehoben. Diejenigen die es gut mit ihnen meinen, sehen hier das Idealbild des famili\u00e4ren Zusammenhalts und der Solidarit\u00e4t; diejenigen die es weniger gut mit ihnen meinen, werfen ihnen vor das ihre Familienstrukturen undurchsichtig und abgeschottet w\u00e4ren und daher kein Interesse am Kontakt mit der restlichen Bev\u00f6lkerung h\u00e4tten. Unbestreitbar ist, dass viele Sinti und Roma die Familie als au\u00dferordentlich wichtig erachtet, einige ihrer Vertreter sogar sagen, man k\u00f6nne Sinti oder Roma nur im Familienzusammenhang sein. Warum die Familie eine so wichtige Bedeutung erlangt hat, l\u00e4sst sich jedoch aus den historischen, sozialen und \u00f6konomischen Kontext erkl\u00e4ren. Letztlich bot und bietet heute noch die Familie Sicherheit und R\u00fcckhalt. Aber ist dies nun \u201etypisch Roma\u201c? Mitnichten. In vielen Teilen der Erde stellt die Familie eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste und einzige,Sicherungs- und Versorgungsinstanz dar. Die b\u00fcrgerliche Politik f\u00f6rdert ein bestimmtes Familienbild. Die Familie wird als DAS Sinnbild der F\u00fcrsorge und Sicherheit dargestellt. Die Familie soll m\u00f6glichst viele soziale Aufgaben wie zum Beispiel Erziehung und Pflege \u00fcbernehmen (und wird zu oft damit allein gelassen). Der erste Satz, der sich auf der Webseite der CDU (der vielleicht b\u00fcrgerlichsten Partei in Deutschland \u00fcberhaupt) zum Thema Familienpolitik lesen l\u00e4sst, lautet wie folgt:\u201eEhe und Familie sind zentrale Fundamente unserer Gesellschaft. Familien mit Kindern bilden die Grundlage f\u00fcr eine langfristige stabile wirtschaftliche und soziale Entwicklung unserer Gesellschaft\u201e. Weiter hei\u00dft es: \u201eDie Familie ist eine der tragenden S\u00e4ulen unserer Gesellschaft. In der Familie wachsen Kinder auf, in ihr werden Alte beh\u00fctet. Familie bietet heute mehr R\u00fcckhalt als fr\u00fcher. Familien spiegeln den Wandel und den Lauf menschlichen Lebens wider. Familie ist kein Auslaufmodell, im Gegenteil: im Zeitalter der Globalisierung ist sie heute wichtiger denn je\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn es hier nicht offen gesagt wird, in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft sind Familien unterschiedlich wertvoll. Die Familie ist eben nicht nur ein Zusammenschluss von Menschen, die ihr Leben zusammen leben wollen. Im Gegenteil: die Familie soll auch wirtschaftlich sein, soll eine Wirtschaftseinheit sein. Den Roma wird ihr famili\u00e4rer Zusammenhalt vorgeworfen, ungeachtet der Tatsache, dass sie dem b\u00fcrgerlichem Familienideal (famili\u00e4re Solidarit\u00e4t etc.) wahrscheinlich mehr entsprechen als viele deutsche Familien. Aber viele von ihnen sind arm und gelten als (vermeintlich) wirtschaftlich nicht verwertbar. Daher sind sie unerw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem eignen sie sich als idealer S\u00fcndenbock, wie sich Ende Oktober des Jahres 2012 wieder zeigte. Diesmal r\u00fcckten sie in den Mittelpunkt des Interesses der Medien, weil der Bundesinnenminister Friedrich sich \u00fcber zunehmende Asylantr\u00e4ge aus Serbien und Mazedonien emp\u00f6rte. Da er beide L\u00e4nder als \u201esichere Herkunftsl\u00e4nder\u201c ansieht, sollen Barleistungen f\u00fcr Asylsuchende aus solchen L\u00e4ndern gek\u00fcrzt werden, um angeblichen \u201eAsylmissbrauch\u201c zu verhindern. Diese Aussagen richten sich vor allem gegen die Roma aus diesen L\u00e4ndern und sch\u00fcren weitere antiziganistische Vorurteile von Roma als Betr\u00fcger und falsche Asylsuchende, die dem Ansehen Mazedoniens und Serbiens im Ausland schaden.<\/p>\n<p>Kurz darauf berichtete die Tageszeitung \u201ejunge Welt\u201c, dass sich besonders Mazedonien bei der Behinderung zur Ausreise hervortue. P\u00e4sse von Personen, die im Verdacht stehen in der EU Asyl zu beantragen, w\u00fcrden markiert und es g\u00e4be Stempel mit denen man nicht mehr ausreisen kann. Auch w\u00fcrden Menschen an der Ausreise gehindert, indem ihnen die Reisep\u00e4sse abgenommen werden. Damit wird ihnen faktisch die Reisefreiheit genommen. Hier zeigt sich besonders markant die Heuchelei der b\u00fcrgerlichen Politiker. Wurde die DDR noch daf\u00fcr verurteilt, dass sie ihre B\u00fcrger nicht frei reisen l\u00e4sst, so scheinen solche Ma\u00dfnahmen heute nicht mehr problematisch zu sein, um unliebsame Menschen fernzuhalten.<\/p>\n<p>Dass es aber durchaus sehr triftige Gr\u00fcnde zur Flucht von Roma aus ihrer Heimat gibt, zeigt eine Untersuchung des Fl\u00fcchtlingsrates Niedersachsen aus dem Jahre 2011. Der Fl\u00fcchtlingsrat stellte fest, dass Asylantr\u00e4ge aus Serbien mit erschreckender Regelm\u00e4\u00dfigkeit abgelehnt werden. Weder werden Diskriminierung, das Leben in Slums ohne Strom und Wasser oder sanit\u00e4re Anlagen, noch Zwangsr\u00e4umungen illegaler Siedlungen (nach denen kein neuer Wohnraum zur Verf\u00fcgung gestellt wird und daher in die Obdachlosigkeit zwingt), noch die lang andauernde Bedrohung durch serbische Nationalisten als Fluchtgr\u00fcnde anerkannt, ebenso wenig sexuelle \u00dcbergriffe. Allerdings werden solche F\u00e4lle tats\u00e4chlich berichtet und sind keine Hirngespinste der Romafl\u00fcchtlinge. Was man \u00fcber die Aussage von \u201esicheren Herkunftsl\u00e4ndern\u201c nicht behaupten kann. Die Situation von Roma in Serbien ist offensichtlich prek\u00e4r. Ihre sozio\u00f6konomische und politische Lage soll deshalb genauer beleuchtet werden.<\/p>\n<h4>Aktuelle Lage<\/h4>\n<p>Wie viele Roma de facto in Europa leben, l\u00e4sst sich schwer messen und ihre Gr\u00f6\u00dfe schwer beziffern. Es gibt mehrere Gr\u00fcnde hierf\u00fcr. Zum einen gibt es L\u00e4nder, in denen Fragen zur Ethnie bei Volksz\u00e4hlungen nicht erlaubt sind. Zum anderen wird aber auch, sofern solche Fragen erlaubt sind, von nicht wenigen Roma bei Volksz\u00e4hlungen nicht \u201eRoma\u201c sondern eine andere Nationalit\u00e4t angegeben, teils aus Angst oder Misstrauen, teils aus Scham oder auch einfach weil sie sich gar nicht mehr als Roma f\u00fchlen. Auch sind gerade in den \u00e4rmsten Gebieten nicht alle Personen (ob Roma oder nicht) amtlich registriert und einige Regierungen setzen Sch\u00e4tzungen bewusst niedrig an. Letztendlich wird gesch\u00e4tzt, dass weltweit ca. 7 \u2013 10 Roma Millionen leben, davon 1,45 \u2013 4,3 Millionen in Europa. Doch wirklich genau und seri\u00f6s beziffern l\u00e4sst sich ihre Gr\u00f6\u00dfe nicht.<\/p>\n<p>Vor allem in Ost- und S\u00fcdosteuropa leben viele von ihnen unter prek\u00e4ren Bedingungen. Eine Studie von UNICEF zur Situation von Kindern aus Romahaushalten in S\u00fcdosteuropa kam zu ersch\u00fctternden Ergebnissen. 85% der Romahaushalte in der Region k\u00f6nnen eine ausreichende Ern\u00e4hrung nicht sicherstellen, Kinder aus solchen Haushalten sind viermal h\u00e4ufiger von ern\u00e4hrungsbedingten Kleinwuchs betroffen als Kinder der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung und in Serbien sterben Kinder von Roma im Durchschnitt dreimal h\u00e4ufiger im ersten Lebensjahr. In Rum\u00e4nien leben zwei Drittel, in Albanien sogar 78% der Roma unter dem Existenzminimum von ca. 100\u20ac pro Monat, im Gegensatz zu \u201enur\u201c 25% unter den Nicht-Roma in Rum\u00e4nien und 22% in Albanien. In Serbien sind es immerhin noch 57%, in Mazedonien 34%. Nicht alle Armen in S\u00fcdosteuropa sind Roma, aber ein erheblicher Teil der Roma ist arm. Wer kaum etwas hat, wird auch nichts sparen k\u00f6nnen. Nur wenige haben es seit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu Wohlstand bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch der Zugang zu Bildung ist schwierig. Laut der Studie gehen bis zu 80% der Kinder aus Romafamilien nicht zur Schule, was unter anderem den Anteil von Analphabeten unter Roma z.B. in Albanien, Serbien und Bulgarien hat ansteigen lassen. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig. Die bildungsferne des Elternhauses spielt eine Rolle, ebenso der Mangel an Geld f\u00fcr Schulmaterial oder den Bus zur Schule. H\u00e4ufig werden Romakinder wegen Kleidung, Dialekt oder Hautfarbe gemobbt und wollen deshalb nicht mehr zur Schule. Andere m\u00fcssen fr\u00fchzeitig bei der Betreuung kleinerer Geschwister helfen oder arbeiten gehen um Geld zu verdienen. Zum Teil spielen aber auch \u00fcberkommene Rollenmuster ein Rolle, einer Umfrage in Serbien zufolge mussten 57% der Roma-M\u00e4dchen die Schule aufgrund von Heirat abbrechen. Aber auch \u00dcberweisungen auf Sonderschulen erschweren den Zugang zu angemessener Bildung. Dies trifft z.B. auf Tschechien zu, hier werden Romakinder immer noch pauschal auf Sonderschulen abgeschoben.<\/p>\n<p>In Bezug auf ihre Wohnsituation kommt diese Studie auf nicht weniger miserable Zust\u00e4nde. 25% der Roma der Region lebt in bauf\u00e4lligen Geb\u00e4uden oder Baracken, 50% lebt in H\u00e4usern ohne Anschluss an die Kanalisation und ein Drittel verf\u00fcgt weder \u00fcber Badezimmer noch Toilette. In Rum\u00e4nien leben ein Drittel der Roma in regelrechten Ghettos. Auch die \u00e4rmere Bev\u00f6lkerung unter den Nicht-Roma kennt solche Probleme. In Rum\u00e4nien hat weniger als die H\u00e4lfte der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerung Zugang zu flie\u00dfend Wasser. In Serbien und Montenegro leben 10-15% der Gesamtbev\u00f6lkerung ohne Anschluss an die Kanalisation, in Mazedonien sind es 7%.<\/p>\n<p>Infolge der j\u00fcngste Krise des Kapitalismus, welche 2007\/08 begann und die wohl gr\u00f6\u00dfte Krise seit knapp 80 Jahren ist, hat sich der antiziganistische Ton gegen die unliebsame Minderheit wieder einmal versch\u00e4rft. Zweifelsohne haben unter der Krise Roma als auch Nicht-Roma zu leiden. Doch um von den wirtschaftlichen Problemen abzulenken, wird gegen sie gehetzt. In Ungarn, das von der Krise heftig getroffen wurde, hat der Hass auf Roma enorme Ausma\u00dfe angenommen. Es gab mehrere Anschl\u00e4ge gegen Roma mit Todesopfern.<\/p>\n<p>Einer davon ereignete sich am 23.02.2009 in Tatarszentgy\u00f6rgy s\u00fcdlich von Budapest. Die T\u00e4ter z\u00fcndeten das Haus einer Romafamilie an und als diese aus dem brennenden Haus fl\u00fcchtete, wurde auf sie geschossen. Ein f\u00fcnfj\u00e4hriges Kind und sein Vater starben. Die Polizei wollte nicht von Mord sprechen, die Versicherung weigerte sich den kompletten Schaden zu bezahlen(Berliner Zeitung). Sollten jedoch Roma Verbrechen bezichtigt werden, schl\u00e4gt dies riesige Wellen.<\/p>\n<p>2011 erlangte das kleine ungarische Dorf Gy\u00f6ngy\u00f6spata traurige, internationale Ber\u00fchmtheit. Was war geschehen? Als \u201eReaktion\u201c auf \u201eausufernde Zigeunerkriminalit\u00e4t\u201c marschierten wochenlang faschistische Milizen durch Gy\u00f6ngy\u00f6spata und terrorisierten die \u00f6rtliche Romabev\u00f6lkerung. Erst als 300 Roma (unter ihnen vorrangig Frauen und Kinder) mit Unterst\u00fctzung des Roten Kreuzes evakuiert worden, sah sich die Regierung gen\u00f6tigt einzuschreiten und die Milizen zu verbieten. Die angebliche \u201eZigeunerkriminalit\u00e4t\u201c erwies sich als dreiste L\u00fcge. Tats\u00e4chlich wurden laut Pester Lloyd vor den Ereignissen nicht mehr Delikte registriert als sonst auch. Auch danach gingen die Schikanen weiter. Die Wochenzeitung \u201eder Freitag\u201c berichtete im Dezember 2011, dass nach der Wahl eines Mitgliedes der Jobbik-Partei (einer offen faschistischen Partei) zum B\u00fcrgermeister Ordnungsstrafen eingef\u00fchrt wurden, welche vorrangig bei Roma geahndet werden. Beispielsweise wurde das Laufen auf der Stra\u00dfe mit einen Strafgeld belegt. Die Gehwege in l\u00e4ndlichen Regionen sind indessen sehr schmal und in einem schlechten Zustand, des weiteren ist der Stra\u00dfenverkehr mehr als nur \u00fcberschaubar. Um Roma weiterhin zu schikanieren, ist dies offenkundig kein Hindernis. Au\u00dferdem gr\u00fcndeten die Rechten einfach neue Organisationen, wie \u201eder Freitag\u201c weiterf\u00fchrend berichtet.<\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern m\u00fcssen Roma ebenso mit Gewalt durch Nationalisten und Faschisten rechnen. Es kann wirklich nicht verwundern, wenn sie vor solchen Zust\u00e4nden in andere Staaten Europas fl\u00fcchten und auch in Deutschland ihr Gl\u00fcck suchen.<\/p>\n<h4>Sinti und Roma in Deutschland <\/h4>\n<p>Laut dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma leben in Deutschland ca. 70.000 Roma und Sinti mit deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit. Die Sinti leben seit 600 Jahren in Deutschland, die deutschen Roma wanderten im 19. Jahrhundert ein. Au\u00dferdem gibt es noch ca. 40.000 \u2013 70.000 Roma, die als Fl\u00fcchtlinge oder Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen sind. Einige WissenschaftlerInnen setzen die Zahlen h\u00f6her oder niedriger an. Diese Zahlen sind letztlich jedoch nur zweitrangig. F\u00fcr diesen Artikel ist ihre soziale Lage in Deutschland von gr\u00f6\u00dferem Interesse. Wie sieht sie aus?<\/p>\n<p>Es gibt eine Vielzahl von Studien, leider sind es oft aber nur lokale Erhebungen oder mit einer relativ kleinen Gruppe von Befragten, andererseits kommen viele zu \u00e4hnlichen Ergebnissen Demnach sind auch in Deutschland Vorurteile weit verbreitet . Leider ist das keine \u00dcberraschung und war zu erwarten. Das viele Roma und Sinti gar nicht als solche sichtbar sind, tut dem anscheinend keinen Abbruch. Beispielsweise kamen viele Roma Ende der 60er Jahre aus Jugoslawien als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Wahrgenommen wurden sie nicht als Roma sondern als Jugoslawen und nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens waren sie eben Serben, Kroaten oder Bosnier. Auff\u00e4lliger waren sie nicht. Auch Sinti, welche schon seit Generationen in Deutschland leben, versuchen so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich zu bleiben. Unter Sinti und Roma sitzt das Misstrauen gegen\u00fcber staatlichen Institutionen und die Angst vor Diskriminierung tief. Auch wird berichtet, dass Kinder aus Romafamilien h\u00e4ufiger auf Sonderschulen und Hauptschulen gehen. Auch sind sie h\u00e4ufiger arbeitslos und beziehen Transferleistungen. Allerdings zeigen sich auch dahingehende Tendenzen, dass sich Aufsteiger herausbilden. F\u00fcr jene die sich ein gewissen Wohlstand erarbeiten k\u00f6nnen eine erfreuliche Entwicklung. Allerdings zeigt sich auch bei Sinti und Roma eine Tendenz zur Aufspaltung in gute und schlechte Wohngebiete, vor allem bei Alteingesessenen. Die Wohlhabenderen ziehen fort und die \u00c4rmeren bleiben zur\u00fcck, oder werden infolge der Gentrifizierung verdr\u00e4ngt. Mit all den Konsequenzen, die solch eine Entwicklung hat. F\u00fcr Romafl\u00fcchtlinge ist die Situation wesentlich prek\u00e4rer. F\u00fcr Fl\u00fcchtlinge besteht in der Bundesrepublik Ausbildungs- und Arbeitsverbot, sie haben keinen Anspruch auf Sprachkurse und zu allem \u00dcberfluss besteht in einigen Bundesl\u00e4ndern (namentlich: Hessen, Baden-W\u00fcrttemberg und Saarland) nicht einmal eine Schulpflicht f\u00fcr Asylsuchende. Mit dem Scheinargument, Fl\u00fcchtlinge blieben doch nur f\u00fcr eine begrenzten und kurzen Zeitraum, wird ihnen massiv der Zugang zu Bildung und Arbeit verwehrt; dadurch werden sie in illegale Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse gedr\u00e4ngt, in denen sie ideal ausgebeutet werden k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich jedoch dauert dieser \u201ekurze\u201c Aufenthalt oft 10 Jahre oder l\u00e4nger und gerade Roma, als eine besonders stigmatisierte Gruppe, trifft dies hart. Im Bildungsbereich zeigen sich vielfach Probleme, die sich auf die Unterbringung und den Aufenthaltstitel zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Kinder von Fl\u00fcchtlingen sind unruhig und unkonzentriert aufgrund der st\u00e4ndigen Angst vor der Abschiebung (welche bevorzugt mitten in der Nacht durchgef\u00fchrt werden), h\u00e4ufige Umz\u00fcge und beengter Wohnr\u00e4ume. Schlechte Anbindung an das \u00f6ffentliche Verkehrsnetz und abgeschiedene Lage von Fl\u00fcchtlingsheimen versch\u00e4rfen viele Probleme noch. Allerdings kann von Desinteresse keine Rede sein. Es mag einzelne Roma geben die an Bildung nicht interessiert sind, oft werden Bildungsangebote jedoch bei entsprechender Aufkl\u00e4rung und Betreuung gut angenommen. Eine Sozialarbeiterin aus K\u00f6ln, befragt im Rahmen einer von der TU-Berlin durchgef\u00fchrten und von UNICEF in Auftrag gegebenen Studie, \u00e4u\u00dferte sich folgenderma\u00dfen:\u201cDer mangelnde Schulbesuch, den wir lange gehabt haben, lag nicht an der fehlenden Bereitschaft der Roma, ihre Kinder zur Schule zu schicken. [\u2026] Und es gibt keine Roma-Community, die sagt, wir interessieren uns nicht f\u00fcr die Schule. Es gibt Familien, die damit kokettieren. Und es gibt auch welche, die kein Interesse haben, aber das ist eben nicht durchg\u00e4ngig so\u201c. Fl\u00fcchtlinge und speziell Romafl\u00fcchtlinge leben deswegen am Rande der Gesellschaft, weil es politisch gewollt ist.<\/p>\n<p>Eine weitere Verschlechterung bedeutete das R\u00fcckf\u00fchrungsabkommen mit dem Kosovo im Jahre 2010. Viele Fl\u00fcchtlinge, die infolge des Kosovokrieges geflohen sind, waren Roma. Nach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung Kosovos, wesentlich unterst\u00fctzt von Deutschland, den USA, Gro\u00dfbritannien und Frankreich, konnte endlich solch ein Abkommen unterschrieben werden um die missliebigen Fl\u00fcchtlinge loszuwerden. Durch dieses Abkommen konnten Fl\u00fcchtlinge wieder nach Kosovo abgeschoben werden.<\/p>\n<p>Viele der Abgeschobenen waren gut integriert, haben schon seit Jahren in Deutschland gelebt und gearbeitet, sprachen und sprechen auch jetzt noch gut Deutsch, gerade deren Kinder sprechen ausschlie\u00dflich Deutsch und kennen die Sprache ihrer \u201eHeimat\u201c nicht. Auch wurden Alte, Kranke und Kinder angeschoben. Faktisch wurden all diese Menschen ins Elend abgeschoben. Die Arbeitslosigkeit in Kosovo liegt bei 45%, unter Roma sind es sogar ann\u00e4hernd 100%(!). Das Bildungs- und Gesundheitssystem ist marode. Aus Deutschland abgeschobene Kinder k\u00f6nnen kein Wort Albanisch und ihre Schulzeugnisse werden teilweise gar nicht anerkannt, was ihre Bildungschancen minimiert. Um Sozialhilfe beantragen zu k\u00f6nnen, muss man vor der Flucht in der jeweiligen Gemeinde gelebt haben und auch jetzt dort wieder Wohnraum besitzen. Was schwer ist, viele Wohnungen und H\u00e4user wurden im Zuge des Jugoslawienkrieges bzw. Kosovokrieges zerst\u00f6rt oder wurden vor der Flucht zu Schleuderpreisen verkauft.<\/p>\n<p>Als Feigenblatt legte die Bundesregierung das Programm \u201eUra\u201c (albanisch f\u00fcr \u201edie Br\u00fccke\u201c) auf. Wer freiwillig nach Kosovo zur\u00fcckkehrt erh\u00e4lt 6 Monate lang (Verl\u00e4ngerung um weitere 6 Monate m\u00f6glich) einen Essens-, Miet- und Lohnkostenzuschuss und andere kleinere Leistungen wie zum Beispiel Geld f\u00fcr Medikamente. Allerdings nutzen es Arbeitgeber vorrangig um kostenlose Arbeitskr\u00e4fte zu finden und nach Auslauf der \u201eF\u00f6rderung\u201c werden die betroffenen entlassen. Bei einer so hohen Arbeitslosigkeit macht eine solche \u201eF\u00f6rderung\u201c auch kaum Sinn; davon abgesehen, dass sie nur max. 12 Monate betr\u00e4gt. Der Absturz ins Elend wird in den allermeisten F\u00e4llen nur aufgeschoben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 1: Aktuelle Lage<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23547,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23553"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23553"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23553\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}