{"id":23546,"date":"2013-02-04T12:33:12","date_gmt":"2013-02-04T11:33:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23546"},"modified":"2013-01-28T13:45:13","modified_gmt":"2013-01-28T12:45:13","slug":"von-parias-und-unterdrueckung-die-sinti-und-roma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/02\/von-parias-und-unterdrueckung-die-sinti-und-roma\/","title":{"rendered":"Von Parias und Unterdr\u00fcckung \u2013 Die Sinti und Roma"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23547\" title=\"Sinti und Roma\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Sinti-und-Roma-Internet-Seite_html_m6ad380dd-e1357904145508.jpg 309w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Teil 2: Geschichte der Roma \u2013 Geschichte des Antiziganismus<\/p>\n<p>von<em> Daniel Pannicke, Berlin<\/em><\/p>\n<h4>Die Geschichte der Roma \u2013 kein lustiges Zigeunerleben<\/h4>\n<p>Die Hypothesen und Theorien zu ihrer Herkunft, zu ihrer \u201eUrheimat\u201c und ihrer Wanderung nach Europa sind zahlreich. Tats\u00e4chlich kann nur wenig als gesichert gelten. Sicher ist, dass ihre Vorfahren im Laufe von mehreren Jahrhunderten aus Indien \u00fcber den Nahen Osten und Kleinasien in mehreren Sch\u00fcben nach Griechenland und in die Balkanregion einwanderten (die spanischen Roma sind vermutlich \u00fcber Nordafrika eingewandert). Als Beleg wird die \u00c4hnlichkeit des Romanes mit dem Sanskrit und anderen Sprachen des indischen Subkontinents angef\u00fchrt. Im Mittelalter f\u00fchrte man ihre Herkunft auf \u00c4gypten zur\u00fcck. Zun\u00e4chst wurden sie zwar noch allgemein geduldet, aber meist blieb ihnen nur ein Platz am unteren Rande der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Im heiligen r\u00f6mischen Reich sch\u00fctze sie anfangs noch ein Freibrief des Kaisers Sigismund (Kaiser von 1433-1437). Doch schon 1497 hob der Reichstag zu Lindau diesen wieder auf und die Roma wurden zu Vogelfreien erkl\u00e4rt. Die mittelalterliche Welt befand sich in einem zunehmenden Zustand des Wandels und Umbruches. Die Stadtbev\u00f6lkerung wurde zunehmend selbstbewusster, der niedere Adel verlor immer mehr an Bedeutung, Konflikte zwischen Bauern und Grundherren, zunehmende Konflikte mit der Kirche, im Osten die Osmanen usw. usf. In dieser Zeit der Umw\u00e4lzungen stellte die gef\u00fchlte Fremdheit der Roma einen wunderbaren S\u00fcndenbock dar, in den alles Negative hinein projiziert werden konnte. Ein h\u00e4ufiger Vorwurf war die angebliche Spionage f\u00fcr die Osmanen. Der Vorwurf der Spionage wurde selbst mehrere Jahrhunderte sp\u00e4ter gegen sie verwendet (auch im ersten Weltkrieg wurde behauptet sie h\u00e4tten f\u00fcr den Feind spioniert). Auch wurden Arme und Bettler zunehmend als Schmarotzer empfunden, wo sie vorher zumindest als Stand anerkannt waren. Au\u00dferdem stellten die Roma allein durch ihre Existenz eine Bedrohung oder zumindest eine Provokation der herrschenden Klassen dar. Sie waren in der Regel nicht durch Lehnseid oder Grundherrschaft an diese gebunden. Dies stellte ihre Herrschaft in Frage und konnte schwerlich von diesen geduldet werden. In Deutschland wurden zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert weit \u00fcber 100 Verordnungen erlassen, welche jegliche Art von Gewalt gegen Roma und Sinti erlaubte.<\/p>\n<p>Die Politik gegen Roma war, sowohl was das Reich anbelangte, als auch den Rest Europas, nicht immer einheitlich; die Verfolgung nicht \u00fcberall gleich intensiv. Roma konnten sich zum Beispiel im Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg (1618-1648) durchaus auch als S\u00f6ldner verdingen, war man doch in diesem Hauen und Stechen auf \u201eMenschenmaterial\u201c angewiesen und in S\u00fcdoststeueropa besetzten sie zum Teil sehr wichtige \u00f6konomische Nischen (dazu gleich noch ausf\u00fchrlicher).<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter zeigte die Politik gegen die Roma immer mehr auch eine Tendenz zur Zwangsassimilierung. Unter der \u00f6sterreichischen Kaiserin Maria Theresia wurden im 18. Jahrhundert Roma verpflichtet sich niederzulassen, ihre D\u00f6rfer durften sie nur mit Genehmigung der Beh\u00f6rden verlassen. Au\u00dferdem sie wurden der staatlichen Gerichtsbarkeit unterstellt und zum Milit\u00e4rdienst eingezogen. Es war ein Versuch sie zu sesshaften Bauern umzuerziehen. Bedeutete dies noch in einigen Punkten eine Gleichstellung, so bedeuteten die weiteren Ma\u00dfnahmen der Kaiserin und ihrer Nachfolger eine scharfe Repression. Den Roma wurde ihre Sprache und Kleidung verboten. Schlimmer war jedoch, dass ihnen ihre Kinder ab dem f\u00fcnften Lebensjahr entzogen wurden und in Obhut von Bauern anderer Ethnien gegeben wurden. Solche Ma\u00dfnahmen repr\u00e4sentierten Unterdr\u00fcckung und wurden logischerweise auch als solche empfunden. Auch heute noch herrscht unter einigen Romafrauen die Angst, dass jemand ihnen die Kinder wegnehmen k\u00f6nnte. Es waren unter anderem Ma\u00dfnahmen in dieser Art, die sie ins \u201eNomadentum\u201c dr\u00e4ngten.<\/p>\n<p>Vor allem in S\u00fcdosteuropa war ihre Situation zwar oft genauso prek\u00e4r, allerdings konnten sie hier (wie oben bereits erw\u00e4hnt) wichtige \u00f6konomische Nischen besetzen. Ursache f\u00fcr diese Entwicklung war, dass sich das Stadtwesen, im Gegensatz zu Westeuropa, nicht so bl\u00fchend entwickelte. Dadurch blieben f\u00fcr sie wichtige Berufsgruppen frei, vor allem Schmiedeberufe. Viele von ihnen arbeiteten als Kesselflicker, als Werkzeug- , Huf- oder Waffenschmied, aber auch als Musiker, Korbflechter und Pferdeh\u00e4ndler. Die Namen einiger Teilgruppen, vor allem der s\u00fcdosteurop\u00e4ischen, gehen auf diese traditionellen Berufe zur\u00fcck. So leitet sich zum Beispiel der Name der Kalderasch vom rum\u00e4nischen Wort f\u00fcr Kessel (caldare) ab.<\/p>\n<p>An diesem Punkt sollten zwei Sachverhalte klargestellt werden. Der erste: Die Roma und Sinti m\u00f6gen schon jahrhundertelang verfolgt und gedem\u00fctigt worden sein. V\u00f6llig abgeschieden von der restlichen Bev\u00f6lkerung, die nicht zu den Roma geh\u00f6rte, waren sie nicht. Gewiss war es oft ein nebeneinander, aber gerade auf dem Balkan war die Durchmischung der V\u00f6lker gro\u00df, auch was die Roma anbelangt. Heutzutage sprechen auch viele Roma zwei, manchmal gar drei Sprachen und \u201edie Roma\u201c gibt es nicht. Sinti und Roma sind kulturell und religi\u00f6s sehr heterogen. In Bulgarien und Mazedonien sind viele Roma Muslime, deutsche Sinti oft Katholiken und in Serbien sind viel von ihnen orthodox getauft. Manchmal vermischen sich jedoch auch muslimische und christliche Glaubensinhalte mit anderen Br\u00e4uchen.<\/p>\n<p>Nicht einmal \u201cihre\u201c Sprache, das Romanes, sprechen alle und ist auch noch in sehr unterschiedliche Dialekte aufgeteilt. Der Anteil von \u201efalschen Freunden\u201c zwischen den einzelnen Dialekten kann sehr hoch sein. \u201eFalsche Freunde\u201c (oder auch \u201efalse friends\u201c) sind W\u00f6rter zweier unterschiedlicher Sprachen oder Dialekte die \u00e4hnlich geschrieben oder gesprochen werden, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Ein k\u00f6stliches Beispiel sind actual\/actually im Englischen und aktuell im Deutschen. Ersteres bedeutet soviel wie tats\u00e4chlich, zweiteres soviel wie gegenw\u00e4rtig, auf die Gegenwart bezogen. Die Sprache der spanischen Kal\u00e9, das Cal\u00f3, hat sich sogar so weit von den restlichen Romanisprachen entfernt, dass es mittlerweile gar nicht mehr als eine solche gilt und eher als Variante des Spanischen eingeordnet wird. Dar\u00fcber hinaus haben auch die Roma ihre Umgebung kulturell beeinflusst. Beispiel: Der Flamenco, das andalusische Kulturgut par excellence, wurde auch erheblich durch die Kal\u00e9 mitgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der zweite Sachverhalt: Dass bestimmte Ethnien mehrheitlich bestimmte wirtschaftliche Positionen einnehmen ist kein \u201eRomaph\u00e4nomen\u201c. Vielmehr war es eine in der Geschichte der Menschheit nicht selten zu beobachtende Tendenz, dass infolge konkreter politischer, \u00f6konomischer oder anderer Entwicklungen, es zu einer \u201eArbeitsteilung\u201c zwischen den Ethnien kam. Ein sch\u00f6nes Beispiel hierf\u00fcr ist das zaristische Russland. 1897 waren circa 35 % der Juden Russlands in Handwerk und Industrie besch\u00e4ftigt, im Handel und Kreditwesen waren es ca. 30% (ihre Einnahmen waren jedoch oftmals sehr d\u00fcrftig). Um die 90% der Ukrainer, der Rum\u00e4nen Bessarabiens (heute Moldawien) oder auch der Wei\u00dfrussen waren Bauern. Die Armenier au\u00dferhalb des armenischen Kernlandes spielten lange Zeit eine wichtige Rolle in Russlands Orienthandel. F\u00fcr andere L\u00e4nder und Regionen lassen sich \u00e4hnliche Beispiele finden. Einen weiteren Grund, warum Roma in bestimmten Berufen h\u00e4ufig anzutreffen waren, l\u00e4sst sich au\u00dferdem noch f\u00fcr Rum\u00e4nien finden.<\/p>\n<p>Im heutigen Rum\u00e4nien gerieten n\u00e4mlich die Roma in die Sklaverei. Aufgrund dieses Status durften sie nur bestimmte Berufe und kein Land erwerben. Auch duften sie sich nur in bestimmten Gebieten niederlassen und auch hier durften ihnen infolge ihres Status die Kinder weggenommen werden. Sie waren faktisch rechtlos. Ein weiterer Grund in anderen Teilen Europas oder der Welt sein heil zu suchen. Erst um 1855\/1856 wurde die Sklaverei dann endlich abgeschafft. An den Folgen eben jener leiden sie heute noch; \u00e4hnlich der schwarzen Bev\u00f6lkerung in den USA oder S\u00fcdafrikas.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich also nicht behaupten, dass die Roma und Sinti sich nicht in die Gesellschaft integrieren wollten, sondern ihnen wurde es durch Verfolgung und Vertreibung, durch \u201eIntegration\u201c mit repressivsten Mitteln, Verboten und Sklaverei schwer gemacht. Und selbst wenn einige sich nicht integrieren wollten, ist das nicht auch nachvollziehbar, nach allem was ihnen widerfahren ist und bei einer Gesellschaft, welche ihnen feindlich gesonnen ist?<\/p>\n<p>Zur gr\u00f6\u00dften Trag\u00f6die sollte f\u00fcr die Sinti und Roma sollte allerdings erst das 20. Jahrhundert werden. Ihre Diskriminierung wurden zunehmend rassisch begr\u00fcndet. Arbeitsscheue, Nomadentum und Kriminalit\u00e4t l\u00e4gen in ihrer \u201eRasse\u201c begr\u00fcndet. Im deutschen Kaiserreich ab Bismarck und auch in der Weimarer Republik wurden Anweisungen und Gesetze \u201ezur Bek\u00e4mpfung der Zigeunerplage\u201c erlassen. \u201eZigeuner\u201c, oder wer als solche\/r galt, wurden zunehmend erfasst. 1899 wurde die sogenannte \u201eZigeunerzentrale\u201c als Spezialeinheit der M\u00fcnchener Polizei eingerichtet. Sie befasste sich mit der systematischen Erfassung und \u00dcberwachung der Sinti und Roma. Der Leiter dieser Beh\u00f6rde, Alfred Dillmann, erstellte 1905 das sogenannte \u201eZigeunerbuch\u201c, in welchem wie in einem Steckbrief unter anderem Name, Geburtsort, Heimat, Staatsangeh\u00f6rigkeit, Beruf, Vorstrafen, k\u00f6rperliche Merkmale usw. vermerkt worden waren. 1911 wurde angeordnet, dass von allen Sinti und Roma Fingerabdr\u00fccke zu nehmen und in der \u201eZigeunerzentrale\u201c zu archivieren seien, sp\u00e4ter wurden auch Standes\u00e4mter angewiesen, Informationen an diese Zentrale weiter zu leiten. Auch diese Informationen fanden Eingang in dieses Buch, es wurde fortw\u00e4hrend erg\u00e4nzt und wurde sogar im Buchhandel(!!) verkauft. Nach dem ersten Weltkrieg \u00fcbernahm diese Beh\u00f6rde reichsweite Funktion. In der Weimarer Republik (\u201eDeutschlands erster Demokratie\u201c) wurden sie weiterhin diskriminiert, beispielsweise wurden in Preu\u00dfen 1927 eine spezielle Ausweispflicht eingef\u00fchrt; Sinti und Roma mussten einen \u201eZigeunerpass\u201c mit Lichtbild und Fingerabdr\u00fccken st\u00e4ndig mit sich f\u00fchren.<\/p>\n<p>Durch diese umfassende \u00dcberwachung, Erfassung und Archivierung war es denn Faschisten nach ihrer Macht\u00fcbernahme 1933 ein leichtes die Roma noch viel umfassender auszusondern und letztlich in die Gaskammern zu schicken. Wie die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung waren sie auch von den N\u00fcrnberger Gesetzen betroffen. Ehen zwischen \u201eZigeunern\u201c und \u201eAriern\u201c wurden verboten. 1936 wurde die \u201eRassenhygienische Forschungsstelle\u201c eingerichtet. Geleitet wurde sie von Dr. Robert Ritter, zwar kein NSDAP-Mitglied, aber \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger des Rassenwahns und der Illusion vom \u201egeborenen Verbrecher\u201c. Ritter war an tausenden Gutachten beteiligt, in denen Menschen bescheinigt wurde ob sie \u201eVoll-Zigeuner\u201c, \u201eZigeuner-Mischling\u201c oder \u201eNicht-Zigeuner\u201c waren. Er und seine Mitarbeiter entschieden damit \u00fcber Leben, Sterilisation oder Gaskammer. So gut wie alle dieser \u201eZigeunerforscher\u201c blieben nach dem zweiten Weltkrieg straffrei und wurden nie zur Rechenschaft gezogen, nicht wenige konnten sogar jahrelang und ungest\u00f6rt weiter \u201eForschen\u201c und \u201eBegutachten\u201c. Die \u201eZigeunerzentrale\u201c ging in die \u201eReichszentrale zur Bek\u00e4mpfung des Zigeunerunwesens\u201c in Berlin auf, von wo aus die Vernichtung der europ\u00e4ischen Roma und Sinti zentral geplant und organisiert wurde. 1938 wurden im Zuge der Aktion \u201eArbeitsscheu Reich\u201c hunderte in Konzentrationslager deportiert, am 7. Oktober 1939 wurde es ihnen durch den Festsetzungserlass Himmlers verboten, ihren Aufenthaltsort zu verlassen und ihre Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager begann im gro\u00dfen Stil.<\/p>\n<p>Durch die Eroberung gro\u00dfer Teile Europas durch Nazideutschland und der mit ihm verb\u00fcndeten Staaten wurden auch die Roma au\u00dferhalb Deutschlands Ziel des Vernichtungsapparates. Auf dem Gebiet des zerschlagenen Jugoslawiens wurden sie von der faschistischen Ustascha-Regierung in Konzentrationslager eingepfercht und ermordet. Andere fielen der \u201ePartisanenbek\u00e4mpfung\u201c der Wehrmacht zum Opfer. Um den Widerstand der jugoslawischen Partisanen zu brechen nahm die Wehrmacht Geiseln, die nach Angriffen von Partisanen, bei denen deutsche Soldaten verletzt oder get\u00f6tet wurden, hingerichtet wurden. Die meisten Opfer die Jugoslawien nach den Krieg zu beklagen hatte waren keine Partisanen, sondern Zivilisten. Aus Frankreich und den Benelux-Staaten wurden sie nach Osten in die Todeslager deportiert. Das Vichy-Regime erwies sich als besonders hilfsbereit bei der Auslieferung von Roma an Nazideutschland, fast 30.000 lieferte man aus. Auch in Italien wurden die Roma verfolgt, doch erst mit dem Zusammenbruch des italienische Faschismus und der darauf folgenden Besetzung durch Hitlers Armee wurden sie auch von hier in die Vernichtungslager verschleppt. Gleiches ereignete sich ab Oktober 1944 in Ungarn, nachdem die faschistische Pfeilkreuzlerpartei die Macht \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Nur in wenigen besetzten L\u00e4ndern konnten Roma der Vernichtung in gr\u00f6\u00dferer Anzahl entgehen, unter anderem in D\u00e4nemark, Griechenland und Bulgarien (durch ihren muslimischen Glauben genossen sie einen gewissen Schutz durch ihre Religionsf\u00fchrer). Insgesamt \u00fcberlebten den Porajmos (zu deutsch: das Verschlingen) zwischen 94.000 \u2013 500.000 Roma nicht. Nur wenige Familie hatten keine Angeh\u00f6rigen verloren. Nach diesem Trauma sollte jedoch die n\u00e4chste Dem\u00fctigung auf sie warten.<\/p>\n<p>Kaum ein Sinti oder Roma konnte nach dem 2. Weltkrieg darauf hoffen eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr das erlittene Unrecht zu erhalten und sei sie auch noch so klein. Die Opfergruppen der Roma, \u201eAsozialen\u201c und Zwangssterilisierten hatte die h\u00f6chste Ablehnungsquote bei Entsch\u00e4digungsantr\u00e4gen (sowohl in der BRD als auch in der DDR). Nahezu jeder Antrag wurde abgelehnt. Die Verfolgung der Roma w\u00e4re eben nicht rassistisch motiviert gewesen, sondern w\u00e4re in ihrer \u201eAsozialit\u00e4t\u201c begr\u00fcndet gewesen. Der Bundesgerichtshof best\u00e4tigte dies Praxis 1956 und begr\u00fcndete dies (wortw\u00f6rtlich) wie folgt: \u201eDie Zigeuner neigen zur Kriminalit\u00e4t, besonders zu Diebst\u00e4hlen und zu Betr\u00fcgereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung vor fremden Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist\u201c. Das erlittene Unrecht wurde in der Regel ignoriert. Bis in die 60er Jahre traten sogar Personen, die direkt an der Verfolgung beteiligt waren, als Gutachter in Entsch\u00e4digungsverfahren auf(!). Es ist einzig und allein einer (heute in der Bev\u00f6lkerung leider recht unbekannten) B\u00fcrgerrechtsbewegung der Sinti und Roma zu verdanken, dass dieses Thema wieder in die \u00d6ffentlichkeit gelangte. Nicht nur in diesem Bereich wurden sie weiterhin diskriminiert. Polizeibeamte, welche schon im dritten Reich an ihrer Verfolgung beteiligt waren, wurden weiterhin in Sonderabteilungen zur Bek\u00e4mpfung und \u00dcberwachung der Roma eingesetzt. Es wurde nach wie vor versucht sie zu ghettoisieren und leider gelang dies oft. Sinti und Roma wurden abgelegene Wohnwagenpl\u00e4tze, ohne Strom und Wasser oder Anbindung an das st\u00e4dtische Leben zugewiesen. Damit versuchten Kommunen ihnen die Ansiedlung in der eigenen Kommune so schwierig wie m\u00f6glich zu machen. Praktischerweise konnte man ihnen dann auch weiterhin vorwerfen nicht sesshaft werden zu wollen. Diese Politik hielt bis in 70er Jahre (in einigen Teilen BRD sogar bis in die 80er) an.<\/p>\n<h4>Roma im Stalinismus<\/h4>\n<p>In den stalinistischen Staaten Osteuropas machten Roma eine besondere Entwicklung durch. In den stalinistischen Staaten bedurfte es vieler Arbeitskr\u00e4fte zur Industrialisierung, auch die Roma sollten und mussten einbezogen werden. Sie wurden massenhaft in die Fabriken geholt und hatten dadurch in mancher Hinsicht erstmals Zugang zum industriellen Produktionsprozess und zu Bildung. 1960 betrug die Arbeitslosigkeit unter Roma in Ungarn 35% und 32% waren Gelegenheitsarbeiter. Schon 1980 betrug die Anzahl von Gelegenheitsarbeitern 15% und 85% hatten einen permanenten Job. Dadurch glichen sie die Lebensverh\u00e4ltnisse, wenn auch sehr langsam, an. Denn auch weiterhin wurden ihnen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten verwehrt und damit blieben viele eher in den unteren Schichten konzentriert. Allerdings ging man auch sehr rabiat vor, um sie in den Produktionsprozess einzuspannen. Dar\u00fcber hinaus wurden sie auch als ethnische Minderheit unterdr\u00fcckt und hatten unter nationalen Borniertheit der b\u00fcrokratischen Diktatur zu leiden. Sie wurden vor allem als r\u00fcckst\u00e4ndig in Lebenseinstellung und Kultur angesehen. Die Vorurteile im Staat und der Bev\u00f6lkerung waren tief verankert, was nat\u00fcrlich dem Zentralkomitees zur Machterhaltung (divide et impera!) gelegen kam. So wurden Roma au\u00dferordentlich h\u00e4ufig auf Sonderschulen verwiesen, obwohl sich selbst in diesen L\u00e4ndern in Untersuchungen zeigte, dass sie eine normale Schullaufbahn h\u00e4tten absolvieren k\u00f6nnen, w\u00e4ren sie nur fr\u00fchzeitig gef\u00f6rdert worden. Im besonders autorit\u00e4r regierten Rum\u00e4nien unter Ceausescu wurde der kleine Teil der noch nicht sesshaften Roma zur Sesshaftigkeit gezwungen und \u00fcber sie konnte Zwangsarbeit verh\u00e4ngt werden. In einigen L\u00e4ndern (z.B. im eben erw\u00e4hnten Rum\u00e4nien) wurde ihre Existenz schlicht geleugnet und sie wurden als \u201er\u00fcckst\u00e4ndiger Teil\u201c der Titularnation umetikettiert. Oft hie\u00df das Ziel einfach nur v\u00f6llige Assimilation statt Gleichberechtigung, weshalb in einigen L\u00e4ndern des Ostblocks auch ihre Sprache und Kultur verboten wurde. Daher l\u00e4sst sich schon erahnen was nach dem Zusammenbruch des Stalinismus geschah.<\/p>\n<p>Roma waren meist die ersten die entlassen wurden, da sie meist schlechter ausgebildet waren und hatten die niedrigeren Bildungsabschl\u00fcsse. Von den Segnungen des Kapitalismus bekamen die meisten Roma nichts ab und wurden damit zu den ersten und gr\u00f6\u00dften Verlierern der Wende. Daher wandten sich viele wieder notgedrungen und verst\u00e4rkt ihren Familienstrukturen zu. Das es Roma gibt, die sich mit M\u00fcll sammeln oder Kriminalit\u00e4t \u00fcber Wasser halten m\u00fcssen, ist nicht ihre Schuld. Nein, es ist die Schuld des kapitalistischen Wirtschaftssystems, welches sich unf\u00e4hig zeigt ihnen einen angemessenen Lebensstandard zu sichern.<\/p>\n<h4>Wozu der Antiziganismus?<\/h4>\n<p>Simone de Beauvior, eine der wichtigsten Vertreterinnen des b\u00fcrgerlichen Feminismus, schrieb einmal: \u201eEin Vorteil, den die Unterdr\u00fcckung den Unterdr\u00fcckern verschafft, besteht darin, dass noch der Geringste von ihnen sich \u00fcberlegen f\u00fchlt: ein \u201earmer Wei\u00dfer\u201c im S\u00fcden der USA kann sich damit tr\u00f6sten, dass er kein \u201edreckiger Neger\u201c ist, und die wohlhabenderen Wei\u00dfen beuten diesen D\u00fcnkel geschickt aus\u201c. Man tausche \u201e armer Wei\u00dfer\u201c und \u201edreckiger Neger\u201c gegen \u201earmer Ungar\u201c oder \u201earmer Deutscher\u201c und \u201edreckiger Zigeuner\u201c. Der Effekt bleibt der Gleiche. Diejenigen, die nichts oder wenig haben, erhalten die M\u00f6glichkeit ihre Situation als ertr\u00e4glicher wahrzunehmen. Man ist ja wenigstens kein \u201eZigeuner\u201c. Wenn die Bild wieder mal gegen \u201eBettel- Roma\u201c schreibt oder jemand gegen die \u201easozialen\u201c Roma wettert, wird genau dieses Gef\u00fchl bedient. Der eigene Status kann noch so gering sein, eine noch so niedere Existenz, man ist wenigstens kein \u201eZigeuner\u201c. Die Illusion der Ungleichwertigkeit der Menschen aufgrund von Religion, Geschlecht oder Ethnie kann ein enorm tr\u00f6stendes Moment sein, auch wenn es die bestehenden Probleme nicht im Mindesten l\u00f6st. Au\u00dferdem wird eine Einheit zwischen einem Teil der Unterdr\u00fccker und einem Teil der Unterdr\u00fcckten hergestellt. Das Gef\u00fchl mit diesem in einem Boot zu sitzen kann von Aufbegehren gegen diese abhalten. Aus Konflikten zwischen Klassen oder Schichten werden Konflikte zwischen Ethnien.<\/p>\n<p>Die Sinti und Roma erscheinen auch als Stellvertreter eines regelrechter Hasses gegen die Armen bzw. jene, die man mit Armut assoziiert. Soziales Elend mag existieren, soll aber bitte nicht sichtbar sein. Durch den Antiziganismus wird eben nicht Mitgef\u00fchl, oder im besseren Falle Solidarit\u00e4t, f\u00fcr die von Armut oder Diskriminierung betroffenen geschaffen, sondern Verachtung und Hass erzeugt, auch bzw. besonders wenn sich die Betroffenen wehren. Tats\u00e4chlich haben wohl auch anderweitig Unterdr\u00fcckte ein zumindest subjektives \u201eInteresse\u201c daran. Manchmal erscheint es zumindest einfacher, den eigenen bedr\u00fcckenden Zustand durch Unterdr\u00fcckungsmechanismen wie Antiziganismus (oder auch anderen wie Sexismus, Antisemitismus etc.) aufrecht zu erhalten, als sich gegen die belastenden Zust\u00e4nde zu wenden. Wie gesagt: Wenigstens kein \u201eZigeuner\u201c sein.<\/p>\n<p>Aber der Antiziganismus hat auch eine disziplinierende Funktion. Den Roma werden bestimmte (nicht erw\u00fcnschte) Eigenschaften zugeschrieben und diese verdammt. Damit soll letztlich auch die restliche Bev\u00f6lkerung von bestimmten Verhaltensweisen abgeschreckt werden. Ob es nun im Mittelalter die Wahrsagerei war oder heutzutage das Betteln. Andere Eigenschaften oder Verhaltensweisen sollen wiederum gef\u00f6rdert werden. Die Menschen sollen unabh\u00e4ngig von ihrer derzeitigen Lage angepasst sein. Diejenigen die von der Diskriminierung betroffen sind, werden genauso diszipliniert. Ein Gro\u00dfteil der Sinti f\u00e4llt aus eben jenem Grunde nicht auf.<\/p>\n<p>Mit Schlagworten wie \u201eZigeunerkriminalit\u00e4t\u201c wird zudem von den sozialen und politischen Missst\u00e4nden abgelenkt. Es ist dann eben nicht mehr Thema, dass es immer noch Millionen Menschen gibt die arm sind oder der Kapitalismus sich in einer seiner gr\u00f6\u00dften Krisen seit langem befindet. Es wird auch nicht mehr diskutiert wem die herrschende Politik dient oder wie sich ein angemessenes Leben f\u00fcr jeden Menschen erreichen l\u00e4sst, geschweige denn, dass gefragt w\u00fcrde warum einige \u201eZigeuner\u201c kriminell werden m\u00fcssen und wie sich dieser Zustand aufheben lie\u00dfe. Nicht die Zust\u00e4nde, sondern Menschen, welche Ausdruck der gesellschaftlichen Zust\u00e4nde sind, werden bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Die Ereignisse von Gy\u00f6ngy\u00f6spata ereigneten sich bezeichnenderweise, als sich die Krise auch in Ungarn Bahn brach. Emp\u00f6rung, Wut, Frustration wendeten sich nicht gegen die Zust\u00e4nde, sondern lenkten sich gegen einen Teil der Bev\u00f6lkerung, der das Pech hatte zur \u201efalschen\u201c Ethnie zu geh\u00f6ren. Ein quasi inoffiziell offiziell erlaubter Aufstand zum \u201eDampf ablassen\u201c. Auch wird die Illusion gesch\u00fcrt, dass mit dem Verschwinden der verachteten Menschengruppe (in diesem Falle die Roma, aber letztlich trifft dies auf jede diskriminierte Gruppe zu) auch die Probleme verschw\u00e4nden, f\u00fcr die sie schuldig gemacht werden. Doch es w\u00e4re naiv das zu glauben. Gesellschaftliche Probleme entstehen aufgrund von gesellschaftlichen Ursachen. Kriminalit\u00e4t, ethnische und religi\u00f6se Konflikte, Armut usw. haben im Gro\u00dfen und Ganzen im gesellschaftlichen System ihren Ursprung, nicht in herbei phantasierten Eigenschaften bestimmter Menschengruppen.<\/p>\n<p>Doch der Kapitalismus wird diese Probleme nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen, ist er doch die Ursache dieser Zust\u00e4nde. Durch den Antiziganismus wird seine Herrschaft stabilisiert. Der Antiziganismus ist ein Machtmittel. Ob er nun bewusst oder unbewusst gesch\u00fcrt und genutzt wird spielt dabei keine Rolle. Auch nicht ob er vom Kapital, dem Staat, Medien oder auch von Teilen der arbeitenden Klasse gesch\u00fcrt wird. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Diejenigen, die zumindest ein objektives Interesse an einem Wandel der Zust\u00e4nde haben m\u00fcssten, werden gespalten, diszipliniert oder abgelenkt. Mit jedem antiziganistischen Vorurteil wird die Herrschaft des Kapitalismus gefestigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 2: Geschichte der Roma \u2013 Geschichte des Antiziganismus<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23547,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23546"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23546"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23546\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}