{"id":23512,"date":"2002-08-30T20:01:25","date_gmt":"2002-08-30T18:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23512"},"modified":"2017-10-10T16:35:35","modified_gmt":"2017-10-10T14:35:35","slug":"che-guevara-2-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/08\/che-guevara-2-teil\/","title":{"rendered":"Che Guevara (2. Teil)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2002\/08\/10060\/\">Zur\u00fcck zum 1. Teil<\/a><\/p>\n<h4>Das Programm der Aufst\u00e4ndischen<\/h4>\n<p>Die Mehrheit waren aber nicht Mitglied einer politischen Organisation. Das Programm, f\u00fcr das sie eintraten, war haupts\u00e4chlich auf die radikalen Aspekte der Politik der zwar demokratischen, aber b\u00fcrgerlichen Orthodoxen Partei beschr\u00e4nkt. Fidel Castro war keine Ausnahme. Zu dieser Zeit betrachtete er sich nicht als Sozialist und, obwohl er etwas Marx und Lenin gelesen hatte, sicher nicht als Vertreter marxistischer Ideologie. Die Grundideen, die die Aufst\u00e4ndischen von Moncada bef\u00fcrworteten, gehen aus der Erkl\u00e4rung, die sie nach Einnahme der Radiostation verlasen, entnehmen: &#8222;Die Revolution erkl\u00e4rt ihre feste Absicht, Kuba nach einem Plan der Wohlfahrt und wirtschaftlichen Bl\u00fcte zu errichten, die das \u00dcberleben ihres reichen Untergrunds, ihre geographische Lage, vielf\u00e4ltige Landwirtschaft und Industrialisierung sichert \u2026 Die Revolution erkl\u00e4rt ihren Respekt vor den Arbeitern \u2026 und \u2026 die Errichtung von v\u00f6lliger und endg\u00fcltiger sozialer Gerechtigkeit auf der Grundlage von wirtschaftlichem und industriellem Fortschritt unter einem gut organisierten und zeitlich abgestimmten Nationalplan.&#8220;<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung bekr\u00e4ftigte, dass sie &#8222;die Ideen von Mart\u00ed anerkennt und sich auf sie st\u00fctzt&#8220; und verpflichtete sich dann, die Verfassung von 1940 wiederherzustellen. Mit anderen Worten schlug sie ein Programm zur Errichtung einer modernen, industrialisierten kapitalistischen Demokratie vor, die der ArbeiterInnenklasse und den Armen Grundrechte geben w\u00fcrde. Dies wurde durch Castro weiter erg\u00e4nzt in der Rede, die er nach seiner Verhaftung vor Gericht hielt. Castro skizzierte f\u00fcnf Gesetze, die sie einf\u00fchren wollten, sobald sie an der Macht w\u00e4ren. Sie waren radikal und versprachen die Verstaatlichung des Telefonsystems und anderer \u00f6ffentlicher Versorgungsbetriebe, eine Bodenreform und Vorschl\u00e4ge zur Umstrukturierung der Zuckerindustrie. Sie schlugen ein Profitteilungssystem in den Zuckerfabriken und andren nichtlandwirtschaftlichen Sektoren der Wirtschaft vor. Aber das Programm schlug nicht einmal die Verstaatlichung der Zuckerindustrie vor und h\u00e4tte ausl\u00e4ndisches Eigentum an der Wirtschaft nicht beendet. Im wesentlichen war es ein Programm liberaler kapitalistischer Reform, das, wenn es umgesetzt worden w\u00e4re, versucht h\u00e4tte, die Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution anzupacken.<\/p>\n<p>Die historischen Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution umfassen eine Bodenreform zur Beendigung der feudalen Klassenverh\u00e4ltnisse, die Entwicklung der Industrie, die Vereinigung des Landes zu einem Nationalstaat, die Errichtung kapitalistischer parlamentarischer Demokratie und das Gewinnen nationaler Unabh\u00e4ngigkeit von der imperialistischen Vorherrschaft. Die exakte Form, die die Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution annehmen, unterscheiden sich von Land zu Land. In manchen L\u00e4ndern k\u00f6nnen manche der gestellten Fragen gel\u00f6st oder teilweise gel\u00f6st werden, andere bleiben zu l\u00f6sen. Zum Beispiel gibt es in Argentinien auf dem Land im Unterschied zu feudalen Eigentumsverh\u00e4ltnissen kapitalistische Strukturen. Aber Argentinien ist immer noch durch die Vorherrschaft der Wirtschaftsmacht der f\u00fchrenden imperialistischen L\u00e4nder gefesselt.<\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten hat die Umsetzung des Programms der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution in halbkolonialen oder kolonialen L\u00e4ndern wie Kuba einen Konflikt mit Kapitalismus und Imperialismus bedeutet. Dies liegt daran, dass die nationale KapitalistInnenklasse zu geschw\u00e4cht ist, zu sehr mit den Gro\u00dfgrundbesitzerInnen verbunden und an den Imperialismus gefesselt ist, um die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution zu vollenden. Ein weiterer Faktor ist die Furcht der nationalen Bourgeoisie, dass die ArbeiterInnenklasse die B\u00fchne des Kampfs gegen den Imperialismus betritt. Der Schraubstock, in den der Imperialismus zusammen mit der dekadenten kubanischen herrschenden Klasse Kuba gespannt hatte, war zu stark, um auch nur ein begrenztes Programm liberaler Reformen zuzulassen. Wie in anderen nichtindustrialisierten L\u00e4ndern war die nationale KapitalistInnenklasse auf Kuba zu schwach, zu korrupt und zu sehr mit dem Imperialismus verbunden, um die Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution zu vollenden. Und doch m\u00fcssen diese Aufgaben gel\u00f6st werden, wenn sich die Gesellschaft entwickeln soll.<\/p>\n<p>Wie die Russische Revolution 1917 veranschaulicht hat, k\u00f6nnte dieses Dilemma selbst in einem Land, wo die ArbeiterInnenklassesie in der Minderheit ist, von ihr gel\u00f6st werden. Sie k\u00f6nnte es, indem sie die Leitung der Gesellschaft unter ihre Kontrolle bringt und eine ArbeiterInnendemokratie errichtet. Mit einem Programm zur Gewinnung der \u00e4rmeren Teile der B\u00e4uerInnenschaft und anderer ausgebeuteter Schichten, wie der st\u00e4dtischen Mittelschicht und Intellektuellen, k\u00f6nnten Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus gest\u00fcrzt werden. Durch den Sieg der internationalen Revolution in den industrialisierteren kapitalistischen L\u00e4ndern k\u00f6nnte der Aufbau des Sozialismus beginnen. Die siegreiche Revolution in diesen L\u00e4ndern w\u00fcrde die Isolation der anderen ArbeiterInnenstaaten beenden und wegen ihrem h\u00f6heren Produktivit\u00e4tsniveau die Grundlage f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus schaffen &#8211; das hei\u00dft einer Gesellschaft der F\u00fclle, wo die Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden. Auf diese Weise w\u00fcrden die Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution von der ArbeiterInnenklasse als Teil der internationalen sozialistischen Revolution verwirklicht werden.<\/p>\n<p>Dies waren die klassischen Ideen der Permanenten Revolution, die aus der Erfahrung der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 entstanden. Sie wurden besonders von Trotzki entwickelt und von Lenin \u00fcbernommen. In einer verzerrten Karikatur dieser marxistischen Prognose f\u00fchrte die kubanische Revolution schlie\u00dflich zum Sturz von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus und ersetzte sie durch eine zentral geplante Wirtschaft. Die Revolution erlangte Massenunterst\u00fctzung und brachte der kubanischen Bev\u00f6lkerung gewaltige Vorteile. Aber das Regime, das 1959 triumphierte, beruhte nicht auf einem Regime der ArbeiterInnendemokratie.<\/p>\n<h4>Castro und die Bewegung des 26. Juli<\/h4>\n<p>Noch zur Zeit des Angriffs auf die Moncada-Kaserne verstand sich Castro als zu den Orthodoxos zugeh\u00f6rig. Die Parteif\u00fchrung bewertete den Angriffsversuch als Abenteuer. Gro\u00dfe Teile der Orthodoxos und der st\u00e4dtischen Mittelschicht hofften immer noch auf eine \u00dcbereinkunft mit der Diktatur. Batista denunzierte den Angriff als &#8222;kommunistischen Putschversuch&#8220;. Die Kommunistische Partei prangerte ihn als &#8222;b\u00fcrgerlichen Putschversuch&#8220; an. Der US-Imperialismus war in immer gr\u00f6\u00dferem Mass \u00fcber die, wie er es sagte &#8222;kommunistischen Eingriffe&#8220; in ganz Lateinamerika besorgt. Nach einem Besuch des CIA-Direktors Allen Dulles in Havanna stimmte Batista unter dem Druck aus Washington der Errichtung eines Bur\u00f3 de Represi\u00f3n a las Actividades Comunistas (BRAC, B\u00fcro zur Unterdr\u00fcckung kommunistischer Aktivit\u00e4ten) zu. Weder die CIA noch Batista hatten Castro und seine Unterst\u00fctzer im Visier, als diese Sonderpolizeieinheit errichtet wurde. Dass Castro und die anderen Aufst\u00e4ndischen nach einer, teilweise von der r\u00f6misch-katholischen Kirche angeregten Kampagne f\u00fcr ihrer Enthaftung, als &#8222;Geste des guten Willens&#8220; 1955 freigelassen wurden, macht deutlich, wie wenig seine Bewegung damals als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wurde. In Kuba war Castro wegen seines Kampfes gegen Batista und besonders in Folge seiner Gefangenschaft auf der ber\u00fcchtigten Pinieninsel eine Ber\u00fchmtheit. Bedingung f\u00fcr seine Freilassung war &#8211; er musste Kuba verlassen. Er ging nach Mexiko, wo sich seit Anfang der 50er Jahre ExilkubanerInnen und ein paar seiner Anh\u00e4ngerInnen gesammelt hatten.<\/p>\n<p>Castro hatte sich einen Ruf als k\u00fchner und charismatischer F\u00fchrer geschaffen. Als &#8222;Jungt\u00fcrke&#8220; in der Bewegung konnte er das zu seinem gr\u00f6\u00dften Vorteil nutzen. [Die &#8222;Jungt\u00fcrken&#8220; waren eine illegale Bewegung, die durch revolution\u00e4re Arbeit liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform in der osmanischen T\u00fcrkei Ende des 19. \/ Anfang des 20. Jahrhunderts erk\u00e4mpfen wollten.] Im Sommer 1955 wurde seine neue Gruppe, die Bewegung des 26. Juli formell gegr\u00fcndet und 1956 brach er mit den Orthodoxos. Bei der Gr\u00fcndung der Bewegung erkl\u00e4rt er, dass die &#8222;Jefferson-Philosophie immer noch g\u00fcltig ist&#8220;. Jefferson war einer der F\u00fchrer des US-Unabh\u00e4ngigkeits-kampfs gegen die britische Kolonialherrschaft im 18. Jahrhundert. Seine &#8222;Philosophie&#8220; war daher liberaler Kapitalismus und parlamentarische Demokratie. Castro betrachtete die USA als sein Modell f\u00fcr Kuba. Innerhalb der Orthodoxos strebt ein Teil ihrer Unterst\u00fctzerInnen Verhandlungen und einen Kompromiss mit der Diktatur an. Andere, besonders die Jugend, suchten andere, direktere Methoden, dem Regime etwas entgegenzusetzen. Durch den Selbstmord des fr\u00fcheren Parteif\u00fchrers Eduardo Chibas 1951 hatte sich die Situation f\u00fcr Castro verbessert. Er stellte sich selbst als neuer Mart\u00ed dar und appellierte an die Basis der Orthodoxos, ihn zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h4>Die Kommunistische Partei auf dem R\u00fcckzug<\/h4>\n<p>Gleichzeitig wurde das politische Vakuum das ohnehin schon existierte durch die Lage in der sich die kubanische Kommunistische Partei (Partido Socialista Popular, Sozialistische Volkspartei, PSP) befand, noch vergr\u00f6ssert. Hugh Thomas erkl\u00e4rt in seinem Buch \u00fcber Kuba richtig: &#8222;Die kubanischen Kommunisten waren im allgemeinen in den meisten dieser Jahre in einem halben R\u00fcckzug und versuchten, ihre Gesundheit und Energie wiederzuerlangen\u2026&#8220;<\/p>\n<p>Die Partei hatte einen Gro\u00dfteil ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit als Folge ihrer fr\u00fcheren Politik der Unterst\u00fctzung der Volksfront verloren. Diese Politik war von den lateinamerikanischen Kommunistischen Parteien nach 1935 implementiert worden. Bei einem Treffen aller Kommunistischer Parteien der Region in Moskau wurde die neue Linie jedem Land, mit wenigen Ausnahmen wie Brasilien, auferlegt. In Kuba wurde sie w\u00e4hrend einer Periode au\u00dferordentlicher sozialer Unruhe \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>1933 gab es eine radikale Revolte von Unteroffizieren in der Armee. Neben anderen Ma\u00dfnahmen forderten sie die Beendigung des Platt- Zusatzes, der mit den USA 1901 vereinbart worden war und der den USA das Recht auf milit\u00e4rische Intervention auf Kuba gab. An der Spitze dieser Bewegung stand ein junger Offizier, der aus der ArbeiterInnenklasse kam, Fulgencio Batista. Die ganze Periode war von sozialer Unruhe und Radikalisierung auf Kuba gepr\u00e4gt. Die Autorit\u00e4t der Regierung war schwer angeschlagen und die einzige Kraft, die die Dinge zusammenhalten zu k\u00f6nnen schien, war die Armee unter der F\u00fchrung radikalisierter Unteroffiziere. In Batista spiegelten sich die unterschiedlichen Konflikte zwischen den verschiedenen Klassen, die es damals gab, wieder.<\/p>\n<p>Er reflektierte den Druck eines Fl\u00fcgels der nationalen herrschenden Klasse, ihre eigenen Interessen gegen den US-Imperialismus durchzusetzen. Gleichzeitig spiegelte er den Druck der ArbeiterInnenklasse und von Teilen der radikalisierten Mittelschicht auf gr\u00f6\u00dfere soziale Ver\u00e4nderung wieder. Eine Zeitlang lang man\u00f6vrierte Batista zwischen den Kr\u00e4ften der verschiedenen Klassen, die an die Oberfl\u00e4che kamen. Batista beherrschte Kuba durch eine Reihe von Marionettenpr\u00e4sidenten, machte den ArbeiterInnen Zugest\u00e4ndnisse und setzte Schritte zu einer Bodenreformen. Ein Mindestlohn wurde eingef\u00fchrt und es wurde verboten, Besch\u00e4ftigte &#8222;ohne Grund&#8220; zu entlassen. Diese Ma\u00dfnahmen wurden langsam umgesetzt, aber sie st\u00e4rkten das Selbstvertrauen der ArbeiterInnenklasse.<\/p>\n<p>Als populistischer F\u00fchrer, der aus der ArbeiterInnenklasse kam, genoss Batista f\u00fcr kurze Zeit gro\u00dfe Unterst\u00fctzung durch die kubanische Bev\u00f6lkerung. Aber es ist eben ein Element solcher bonapartistischen F\u00fchrer und Regimes &#8211; die zwischen verschiedenen Klasseninteressen man\u00f6vrieren und Reformen f\u00fcr die Massen mit Unterdr\u00fcckung verbinden &#8211; dass sie letztlich zur Verteidigung der einen oder anderen Gesellschaftsklasse handeln, in diesem Fall der Interessen des Kapitalismus. Bei Batista war es nicht anders. Gegen politische GegnerInnen wurde brutal vorgegangen und unter der F\u00fchrung Batistas wurde mit Unterst\u00fctzung des US-Botschafters die Armee 1935 gegen einen Generalstreik, der eine neue demokratische Verfassung forderte, eingesetzt.<\/p>\n<p>Trotz seinem fr\u00fcheren populistischen Nationalismus beugte sich Batista vor dem Druck des Imperialismus und arbeitete letztlich voll mit ihm zusammen. Nachdem er 1940 die Pr\u00e4sidentschaftswahlen gewonnen hatte und 1944 seine Kandidatur zur\u00fcckgezogen hatte, kehrte er 1952 mit einem Putsch an die Macht zur\u00fcck, nachdem eine erneute Pr\u00e4sidentschaftswahl verloren hatte. Das neue verhasste Regime, das 1952 an die Macht kam, setzte Unterdr\u00fcckung und Terror ein. Die KommunistInnen betrieben in dieser ganzen Periode eine Politik der Unterst\u00fctzung Batistas, indem sie sklavisch die Entscheidungen der Moskauer Konferenz 1935 befolgten. Auf ihrem Kongress 1939 stimmte die PSP zu, dass sie &#8222;eine positivere Haltung gegen\u00fcber Oberst Batista einnehmen&#8220; sollte. Von dem Punkt an war Batista in den Parteizeitungen nicht mehr der &#8222;Brennpunkt der Reaktion, sondern der Brennpunkt der Demokratie&#8220;. (New Yorker Daily Worker, 1. Oktober 1939).<\/p>\n<p>Die damals bestehende internationale Organisation der Kommunistischen Parteien, die Kommunistische Internationale, erkl\u00e4rte in ihrer Zeitschrift: &#8222;Batista \u2026 stellt nicht l\u00e4nger das Zentrum der Reaktion dar \u2026 die Leute, die f\u00fcr den Sturz von Batista arbeiten handeln nicht l\u00e4nger im Interesse des kubanischen Volkes.&#8220; (World News and Views, Nr. 60, 1938) 1952 erkl\u00e4rte die PSP, das neue Regime sei &#8222;nicht anders&#8220; als das vorhergehende! Als der bonapartistische Diktator die Macht \u00fcbernahm, waren die &#8222;KommunistInnen&#8220; mehr als ein Jahrzehnt lang seine loyalen Unterst\u00fctzerInnen gewesen. Wie Thomas in seinem Buch kommentiert, hatten die katholischen LaiInnenorganisationen mehr Konflikte mit dem Regime gehabt als die Kommunistischen F\u00fchrerInnen. Trotzdem behielt die PSP einen beachtlichen Einfluss unter wichtigen Teilen der ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Aber im Verlauf der Ereignisse zahlte die Partei einen Preis f\u00fcr die Zusammenarbeit in Form des Verlustes an Unterst\u00fctzung in der ArbeiterInnenklasse und der Jugend. Den h\u00f6chsten Preis jedoch zahlten die kubanischen Massen, die unter einem Regime litten, das sich schnell als Marionette des US-Imperialismus erwies. Historisch war Kuba ein Spielplatz f\u00fcr die &#8222;Gringos&#8220; n\u00f6rdlich des Rio Grande. Havanna entwickelte sich zum Bordell und Spielkasino f\u00fcr die US-Bankiers und -Industriellen. Batista war letztlich nur ein regionaler Zuh\u00e4lter.<\/p>\n<p>Vor diesem historischen Hintergrund fand Che Guevara schlie\u00dflich seinen Weg in die Reihen der Bewegung des 26. Juli. Castro und seine Anh\u00e4ngerInnen erschienen zweifellos als attraktivere und k\u00e4mpferischere Kraft als die damaligen Kommunistischen Parteien. Che stand schon vor Castros Ankunft in Mexiko in Kontakt mit einigen seiner Anh\u00e4ngerInnen. Es wurden bereits Pl\u00e4ne f\u00fcr den Beginn eines bewaffneten Kampfes gegen Batista geschmiedet. 1954 hatte Che auch Kontakt zu Mitgliedern der Kommunistischen Parteien aus ganz Lateinamerika, besonders Exil-GuatemaltekInnen. Anf\u00e4nglich sah er seine Zukunft innerhalb der Kommunistischen Partei und schrieb seiner Mutter, dass er wohl schlie\u00dflich diesen Weg einschlagen werde. Aber er z\u00f6gerte damals noch, zum Gro\u00dfteil, weil der Bohemien in ihm noch stark war.<\/p>\n<p>Che meinte von sich selbst, dass er zwar einerseits &#8222;wohldefinierte \u00dcberzeugungen&#8220; hatte, aber andererseits auch zum &#8222;Vagabundieren&#8220; und zu &#8222;wiederholte Unverbindlichkeit&#8220; neigte. Wie er in einem Brief an seine Mutter erkl\u00e4rte, sehnte er sich immer noch nach Reisen, besonders durch Europa. Er schreib: &#8222;ich k\u00f6nnte das nicht machen, wenn ich eiserner Disziplin unterworfen w\u00e4re&#8220;. Castro traf er erst 1955. Die unmittelbare Aussicht auf Kampf, die ihm Castro und seine Bewegung anboten, f\u00fchrten zusammen mit seinen &#8222;wohldefinierten \u00dcberzeugungen&#8220; schlie\u00dflich dazu, dass Che die &#8222;eiserne Disziplin&#8220; akzeptierte, die er fr\u00fcher abgelehnt hatte. Nun allerdings nicht in den Reihen der Kommunistischen Partei.<\/p>\n<h4>Ein revolution\u00e4rer Geist<\/h4>\n<p>Ches Beitritt zur Bewegung das 26. Juli war nicht ohne Probleme. Einige der Mitglieder waren aufgrund ihres Hintergrundes, der in der Mittelschicht lag, von seinem politische Auftreten irritiert. Trotz seinen Schw\u00e4chen bei formellen Verpflichtungen gegen\u00fcber der Bewegung, traten jene Aspekte seines Charakters hervor, die sich w\u00e4hrend des Rests seines revolution\u00e4ren Lebens sehr deutlich zeigen w\u00fcrden. Er war gen\u00fcgsam und, sobald er sich entschieden hatte, sich dem revolution\u00e4ren Kampf zu widmen, sehr opferbereit. Ein paar der Leute, die ihn trafen, waren etwas &#8222;aufgebracht&#8220; \u00fcber seine &#8222;Selbstgerechtigkeit&#8220;. Wie Jon Anderson in seiner Biographie berichtet, war Melba Hern\u00e1ndez, eine Moncada-Veteranin, in Mexiko angekommen, um ihren Mann zu treffen. Sie trug immer noch vornehme Kleider und Schmuck, als sie Che vorgestellt wurde. Er schaute sie an und erkl\u00e4rte, sie k\u00f6nne keine ernsthafte Revolution\u00e4rin sein, wenn sie so gekleidet ist. &#8222;Wirkliche Revolution\u00e4re schm\u00fccken sich innen, nicht an der Oberfl\u00e4che&#8220;, erkl\u00e4rte er. Nachdem er sich der Bewegung des 26. Juli angeschlossen hatte, widmete er sich mit Leib und Seele den Vorbereitungen f\u00fcr die Landung auf Kuba und den Beginn der &#8222;Revolution&#8220; 1956. Er verst\u00e4rkte seine politischen Studien, trainierte immer h\u00e4rter und hielt Di\u00e4t, um fit zu werden. Da er immer noch unter Asthma litt, musste er doppelt so gesund sein wie die anderen K\u00e4mpferInnen. Durch Willenskraft und Entschlossenheit \u00fcberwand Che die Schranken, die seine Gesundheit ihm auferlegte. In der Gruppe, die laut Castro nicht mehr als zwanzig oder drei\u00dfig z\u00e4hlte, bekam Che schnell eine herausragende Stellung. Die Gruppe wurde in Mexiko verhaftet und wieder freigelassen. Aus dem Gef\u00e4ngnis schrieb Che an seine Eltern: &#8222;Meine Zukunft ist mit jener der kubanischen Revolution verbunden. Ich werde mit ihr entweder siegen oder sterben. Von jetzt an w\u00fcrde ich meinen Tod nicht als Entt\u00e4uschung betrachten, ich w\u00fcrde nur wie (die t\u00fcrkische Dichterin) Hikmet \u201ain mein Grab die Trauer eines unvollendeten Liedes mitnehmen&#8220;.&#8220;<\/p>\n<p>Er widmete jetzt sein gesamtes Leben der Sache der Revolution. Diese Haltung ist unverzichtbar, um den Kapitalismus zu besiegen und damit die Revolution siegt. Es sind diese Qualit\u00e4ten von Che, an denen sich jene, die heute f\u00fcr die Befreiung der ArbeiterInnenklasse und der ausgebeuteten Klassen k\u00e4mpfen, ein Vorbild nehmen sollten. Bei der unmittelbaren Teilnahme am revolution\u00e4ren Kampf wurden seine K\u00fchnheit und Opferbereitschaft deutlich. Gleichzeitig entwickelten aber sich seine Ideen sehr einseitig. Er st\u00fctzte sich auf die B\u00e4uerInnenschaft und den Guerillakampf.<\/p>\n<p>Dies ist aber nur ein wichtiger Aspekt der marxistischen Politik, der f\u00fcr die l\u00e4ndlichen Gebiete gilt, wo es eine B\u00e4uerInnenklasse gibt. Entscheidend f\u00fcr die Umsetzung einer richtigen marxistischen Politik ist aber auch die Frage der Rolle der ArbeiterInnenklasse und der st\u00e4dtischen Zentren. Wie in dieser Brosch\u00fcre noch erkl\u00e4rt werden wird, gilt dies auch f\u00fcr L\u00e4nder, in denen die ArbeiterInnenklasse einen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung ausmacht. Leider war es wegen der ungleichm\u00e4\u00dfigen Entwicklung der Ideen Ches f\u00fcr ihn nicht m\u00f6glich, eine Politik und ein Programm zu entwickeln, das den Sieg der Revolution in L\u00e4ndern mit einer starken ArbeiterInnenkassen, wie Argentinien, Brasilien oder Chile herbeif\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Guerillataktik und Marxismus<\/h4>\n<p>KeinE Revolution\u00e4rIn entwickelt Ideen in einem sozialen Vakuum oder in v\u00f6lliger Isolierung. In dieser Hinsicht waren die Ideen, die Che entwickelte und unterst\u00fctzte, keine Ausnahme. Bei der Betrachtung von Ches Leben kann niemand, der sich als Revolution\u00e4rIn betrachtet und gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung k\u00e4mpft, seinen Heroismus, seine Entschlossenheit und Opferbereitschaft in Zweifel ziehen. Als er auf Kuba ankam, vertrat er die Auffassung, dass der Sozialismus in ganz Lateinamerika aufgebaut werden m\u00fcsse, um die Massen von Ausbeutung zu befreien und den Kontinent von imperialistischer Vorherrschaft zu befreien.<\/p>\n<p>Was Che aber fehlte war ein klares Verst\u00e4ndnis, wie dies getan werden k\u00f6nne und welche Klasse dabei die f\u00fchrende Rolle spielen m\u00fcsse. Aus einem marxistischen Blickwinkel war das entscheidende Defizit von Ches Ideen seine Untersch\u00e4tzung der Rolle der ArbeiterInnenklasse beim Sturz des Kapitalismus und beim Aufbau des Sozialismus. Wegen der besonderen Bedingungen, die es auf Kuba gab, verhinderte dieses Defizit den Sturz Batistas und die Macht\u00fcbernahme der Guerillaarmee, in der Che k\u00e4mpfte, zwar nicht. Aufgrund von internationalen Faktoren und dem Schwung der Revolution wurde dadurch auch nicht der Sturz des Kapitalismus auf Kuba verhindert (der in sp\u00e4teren Kapiteln diskutiert wird).<\/p>\n<p>Aber es formte den Charakter des neuen Regimes, das sich nach dem Triumph der Revolution herausbildete. Dar\u00fcber hinaus scheiterten Ches Ideen sp\u00e4ter, als sie auf andere L\u00e4nder in Lateinamerika, wo die objektiven Bedingungen sich unterschieden, angewandt wurden. Viele heroische und wirkliche Revoluton\u00e4rInnen setzten ihre Energien f\u00fcr die Umsetzung seiner unvollst\u00e4ndigen Ideen ein und nicht wenige gaben dabei ihr Leben. Was Che bei seinem Studium der marxistischen Literatur nicht in sich aufnahm, waren die Erfahrungen der Russischen Revolution 1917 und die Ideen der Permanenten Revolution.<\/p>\n<p>Vor allem erfasste er die Rolle nicht, die die ArbeiterInnenklasse selbst in einem Land spielt, in dem sie eine Minderheit in der Gesellschaft darstellt. Leider war die Revolution in den industrialisierten L\u00e4ndern nicht erfolgreich, nachdem die russische ArbeiterInnenklasse an die Macht kam (verantwortlich daf\u00fcr waren v.a. die F\u00fchrungen der sozialdemokratischen Parteien in Europa, Anm. \u00dcbers.). Der bolschewistische Sieg blieb isoliert. Die Interventionen durch die Armeen des westlichen Imperialismus kombiniert mit dem B\u00fcrgerInnenkrieg ersch\u00f6pfte die russische ArbeiterInnenbewegung. Der Kapitalismus blieb zwar in Russland f\u00fcr eine lange Periode, bis zur kapitalistischen Restauration 1989- 92, besiegt, die ArbeiterInnenklasse wurde aber politisch ihrer Kontrolle \u00fcber die Gesellschaft beraubt. Eine sich herausbildende brutale privilegierte b\u00fcrokratische Elite riss diese an sich.<\/p>\n<p>Che zog aber nicht die Lehren der Revolution von 1917 oder sp\u00e4terer Ereignisse. Aber eben diese Lehren zu ziehen und sie auf die besonderen Bedingungen, die sich in Mittel- und Lateinamerika herausgebildet hatten, anzuwenden, h\u00e4tte einen riesigen und k\u00fchnen Sprung im politischen Verst\u00e4ndnis und der Vorstellungskraft erfordert. Isoliert und unter dem Einfluss von Ereignissen und konkurrierenden Ideen konnte Che diesen Sprung nicht machen, der zur Anwendung der Methoden des Marxismus auf die besonderen Bedingungen auf seinem Kontinent erforderlich war und ist. Unter dem Kapitalismus ist die ArbeiterInnenklasse zum kollektiven Kampf durch Streiks, Demonstrationen und Betriebsbesetzungen usw. gezwungen, um Zugest\u00e4ndnisse zu erlangen und ihre Interessen zu verteidigen. Nat\u00fcrlich muss die ArbeiterInnenbewegung wenn n\u00f6tig auch ihre eigene Verteidigung organisieren, gegen bewaffnete Angriffe durch die ArbeitgeberInnen und die, die deren Interessen vertreten.<\/p>\n<p>Die entscheidende Rolle der ArbeiterInnenklasse in der sozialistischen Revolution ergibt sich aus ihrem kollektiven Klassenbewusstsein, das sie in den Betrieben entwickelt und das ihr erlaubt, den Boden f\u00fcr die kollektive demokratische Kontrolle und Verwaltung der Gesellschaft zu bereiten. Dies schafft die Grundlage f\u00fcr die Errichtung einer ArbeiterInnendemokratie, um die Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus zu beginnen. Die ArbeiterInnenklasse kann die Unterst\u00fctzung anderer ausgebeuteter Schichten der Gesellschaft gewinnen, indem sie deren Interessen in ihr sozialistisches Programm aufnimmt, und so die Revolution durchf\u00fchren und Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus st\u00fcrzen. Daher kommt der ArbeiterInnenklasse die f\u00fchrende Rolle in der Revolution und beim Aufbau des Sozialismus zu.<\/p>\n<h4>Der Kampf auf dem Land und der Marxismus<\/h4>\n<p>Die \u00e4rmeren B\u00e4uerInnen k\u00f6nnen zwar eine wichtige Rolle im Kampf spielen, ihnen fehlt aber das kollektive Klassenbewusstsein, das unter der ArbeiterInnenklasse vorherrscht. Die B\u00e4uerInnenschaft kann wegen ihrer Isolation in l\u00e4ndlichen Gebieten und den wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen auf dem Land mit ihrer engen, auf die Gemeinde fixierten und individualistischen Erscheinung nicht die selbe Rolle in der Revolution spielen wie die ArbeiterInnen in den St\u00e4dten. Der Marxismus verteidigt zwar die f\u00fchrende Rolle der ArbeiterInnenklasse in der sozialistischen Revolution, erkennt aber auch die Bedeutung des Kampfes auf dem Land an, besonders unter den LandarbeiterInnen und den \u00e4rmeren Teilen der B\u00e4uerinnenschaft. Selbst heute &#8211; nach der massiven Verst\u00e4dterung der Gesellschaft &#8211; gibt es in S\u00fcdamerika viele wichtige Verbindungen zwischen den l\u00e4ndlichen Gebieten und der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung, besonders der ArbeiterInnenklasse. Das gilt besonders f\u00fcr Mittelamerika.<\/p>\n<p>ArbeiterInnen aus den St\u00e4dten kehren immer wieder auf das Land zur Arbeit oder zur Unterst\u00fctzung ihrer noch dort befindlichen Familien zur\u00fcck. Teile der Armen in den St\u00e4dten, die in Slums am Rand der gro\u00dfen St\u00e4dte &#8222;wohnen&#8220;, leben fast wie B\u00e4uerInnen am Rand der industriellen Zentren. Diese Teile der Bev\u00f6lkerung werden zwangsl\u00e4ufig durch die Bewegungen auf dem Land beeinflusst und \u00fcbernehmen h\u00e4ufig die Kampfmethoden, die haupts\u00e4chlich von B\u00e4uerInnen und l\u00e4ndlichen ArbeiterInnen verwendet werden. Diese Kampfmethoden beinhalten Landbesetzungen sowie die Bildung bewaffneter Gruppen zum Kampf gegen Milit\u00e4r, Polizei und die von Gro\u00dfgrundbesitzerInnen zum Schutz ihrer Interessen eingesetzten bewaffneten Schl\u00e4ger.<\/p>\n<p>Unter gewissen Bedingungen k\u00f6nnen diese Bewegungen auf dem Land vor den Bewegungen in den St\u00e4dten beginnen und das Selbstvertrauen der st\u00e4dtischen ArbeiterInnen erh\u00f6hen. Diesen Prozess sah man k\u00fcrzlich im Aufstand der Zapatistas (einer radikalen, \u00fcberwiegend l\u00e4ndlichen Miliz) in Mexiko und der explosiven Bewegung der in der MST (Movimiento Sem Tiera) organisierten Landlosen in Brasilien. Ein revolution\u00e4res marxistisches Programm w\u00fcrde solche K\u00e4mpfe auf dem Land unterst\u00fctzen und jeden Schritt unternehmen, um sie mit den K\u00e4mpfen der ArbeiterInnenbewegung in den St\u00e4dten zu verbinden. Trotzdem w\u00e4ren sie aber v.a. eine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bewegung in den St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Che zog unter dem Einfluss verschiedener Faktoren andere Schlussfolgerungen, die die Rolle der ArbeiteInnenrklasse untersch\u00e4tzten. Seine Ideen entwickelten sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum und wurden durch seine Beobachtungen, Diskussionen und dann seine Teilnahme an der kubanischen Bewegung gebildet. Seine Ideen wurden am klarsten in Artikeln und Ver\u00f6ffentlichungen nach der Machteroberung durch die Bewegung des 26. Juli im Jahre 1959 ausgedr\u00fcckt. Eine der vollst\u00e4ndigsten Erkl\u00e4rungen seiner Politik findet sich in seinem Buch Guerillakrieg, das erst 1960 ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<h4>Ein anderes Konzept<\/h4>\n<p>Teils als Ergebnis von Ches eigenem Klassenhintergrund und des Umstands, dass er kein aktives Mitglied irgendeiner Organisation der ArbeiterInnenbewegung war, nahm er nie an tats\u00e4chlichen K\u00e4mpfen des Proletariats teil. Abgesehen von gewissen Aktivit\u00e4ten in Guatemala war seine einzige aktive Teilnahme an der revolution\u00e4ren Linken die Bewegung des 26. Juli und der Guerillakampf auf Kuba. Das Ergebnis davon war, dass er das revolution\u00e4re Potenzial und die St\u00e4rke, die die ArbeiterInnen als Klasse besitzen, nicht erfasste. Andere politische Ideen und Erfahrungen, denen er ausgesetzt war, hatten unausweichlich eine wichtige Wirkung auf die Formulierung seiner Hypothesen. Zwangsl\u00e4ufig stand er unter dem Einfluss der m\u00e4chtigen Traditionen der historischen K\u00e4mpfe auf dem ganzen lateinamerikanischen Kontinent.<\/p>\n<p>Die von Sim\u00f3n Bol\u00edvar gef\u00fchrten Unabh\u00e4ngigkeitskriege, die sogar die Idee der Vereinigung des ganzen Kontinents aufwarfen, Sandinos Kampf in Nicaragua, Mart\u00ed auf Kuba, andere K\u00e4mpfe im 19. Jahrhundert, die mexikanische Revolution (1910-18) und die B\u00e4uerInnenarmee von Zapata und Pancho Villa &#8211; dies alles bildet einen Teil einer starken Tradition auf dem Kontinent und ist in die Sichtweise politischer AktivistInnen eingeflossen. Diese K\u00e4mpfe fanden zu einer Zeit statt, als das Proletariat und die ArbeiterInnenbewegung erst in den allerersten Entstehungsstadien waren.<\/p>\n<p>Seit dieser Periode hat sich die ArbeiterInnenbewegung in der Region ungeheuer entwickelt. In Kuba waren 1953 lauf Hugh Thomas nur 42 % der arbeitenden Bev\u00f6lkerung auf dem Land besch\u00e4ftigt. Ende der 50er Jahre gab es etwa 200.000 B\u00e4uerInnenfamilien und 600.000 LandarbeiterInnen. In den St\u00e4dten gab es 400.000 Familien des st\u00e4dtischen Proletariats und 200.000 Familien von als KellnerInnen, DienstbotInnen und Stra\u00dfenh\u00e4ndlerInnen besch\u00e4ftigten. Das soziale Gewicht der kubanischen ArbeiterInnenklasse war Ende der 50er Jahre viel gr\u00f6\u00dfer als das der russischen ArbeiterInnenklasse 1917.<\/p>\n<p>Che war nicht nur durch das Gewicht der historischen Tradition beeinflusst, sondern in einer fr\u00fchen Phase auch durch die Ideen des Peruaners Pesce. Pesce ver\u00f6ffentlichte jene Ideen, die er und Mar\u00edategui w\u00e4hrend der 20er Jahre entwickelt hatte. Sie revidierten die klassische Analyse des Marxismus bez\u00fcglich der Rolle der ArbeiterInnenklasse und der B\u00e4uerInnennschaft und gaben letzterer in der sozialistischen Revolution viel mehr Bedeutung. Che wurde auch durch den Sieg von Mao Tsetungs B\u00e4uerinnenarmee in China 1949 angezogen und ebenso durch den sich hinziehenden Befreiungskampf in Vietnam. Zweifellos war er durch ein paar von Maos Schriften beeinflusst.<\/p>\n<p>Die lateinamerikanischen Kommunistischen Parteien st\u00fctzten sich zwar formell auf die ArbeiterInnenklasse in den St\u00e4dten, verfolgten aber die Politik der Unterst\u00fctzung von Volksfronten. Diese Politik versuchte, die K\u00e4mpfe der Massen zu begrenzen, nicht \u00fcber die Interessen des Kapitalismus hinauszugehen. Che betrachtete diese Politik zusammen mit einer breiteren Schicht von jungen Menschen in Lateinamerika als zu &#8222;dogmatisch&#8220; und suchte nach etwas &#8222;radikalerem&#8220;. Was Che betraf, waren die Ideen, die er unterst\u00fctzte, ein Versuch, einen frischen &#8222;marxistischen&#8220; Ansatz auf die besonderen Bedingungen Lateinamerikas anzuwenden. Er schaffte es nicht, eine andere Alternative zur kleinm\u00fctigen Rolle der Kommunistischen Parteien zu formulieren als die Verteidigung des Guerillakampfs als Triebkraft f\u00fcr die Revolution auf dem ganzen Kontinent.<\/p>\n<p>Als Ergebnis war die f\u00fchrende Klasse in der Revolution die &#8222;B\u00e4uerInnenschaft mit proletarischer Ideologie&#8220;. So formulierte er es in einer Rede, die im Juni 1960 mit dem Titel &#8222;Die Verantwortlichkeiten der ArbeiterInnenklasse in unserer Revolution&#8220; ver\u00f6ffentlichte: &#8222;Es ist kein Geheimnis, dass die St\u00e4rke der revolution\u00e4ren Bewegung in erster Linie unter den B\u00e4uerInnen und an zweiter stelle unter der ArbeiterInnenklasse war \u2026 Kuba hat wie alle unterentwickelten L\u00e4nder kein m\u00e4chtiges Proletariat.&#8220; Che fuhr in der selben Rede mit den Worten fort: &#8222;der Arbeiter wird manchmal ein privilegiertes Individuum&#8220;. In Wirklichkeit stutzte die &#8222;prim\u00e4re&#8220; Stellung der B\u00e4uerInnennschaft in der Revolution die ArbeiterInnenklasse auf eine Hilfsrolle zur\u00fcck. Das exakte Gegenteil dessen, wer nach der Erkl\u00e4rung des Marxismus die Klasse ist, die die f\u00fchrende Rolle in der Revolution und im Aufbau des Sozialismus spielen kann. Es war wahr, dass die ArbeiterInnen in den St\u00e4dten in Kuba damals einen h\u00f6heren Lebensstandard als die B\u00e4uerInnen auf dem Lande genossen. Hinter der Idee einer &#8222;privilegierten&#8220; ArbeiterInnenklasse lag die Idee, dass jede soziale Gruppe nur durch die Tiefe ihrer Armut bestimmt sei. Was Che \u00fcbersah war die potenzielle Rolle der ArbeiterInnenklasse aufgrund ihrer Stellung als Klasse.<\/p>\n<p>Ein Faktor, der dazu beitrug, dass Che zu diesen Schlussfolgerungen kam, war die \u00e4ngstliche Rolle der Kommunistischen F\u00fchrer. In seinem Buch &#8222;Guerillakrieg&#8220; spielt Che wieder die potenzielle Rolle herunter, die die ArbeiterInnenklasse spielen kann. Mit Bezug auf die &#8222;drei Beitr\u00e4ge&#8220;, die Kuba zur revolution\u00e4ren Strategie gemacht hat, argumentiert Che: &#8222;Der dritte grundlegende Beitrag hat einen strategischen Charakter und ist eine Zur\u00fcckweisung derjenigen, die dogmatisch behaupten, dass der Kampf der Massen in der st\u00e4dtischen Bewegungen sein Zentrum hat und v\u00f6llig die ungeheure Beteiligung der V\u00f6lker vom Lande im Leben aller unterentwickelten L\u00e4nder Lateinamerikas vergessen.&#8220;<\/p>\n<p>Er fuhr mit dem Argument fort, dass es die Bedingungen der Unterdr\u00fcckung, die es in den St\u00e4dten gab, f\u00fcr die organisierte ArbeiterInnenbewegung schwerer machen w\u00fcrden. Er argumentierte, die Lage sei auf dem Land leichter wo die BewohnerInnen &#8222;durch bewaffnete Guerillas unterst\u00fctzt&#8220; werden k\u00f6nnen. Che \u00fcbersieht wieder die zentrale Rolle der ArbeiterInnen als Klasse beim Aufbau des Sozialismus und reduziert die Frage der Revolution auf ein (zwar wichtiges) Thema, die Logistik. Die Frage ist, wie die Schwierigkeiten, vor denen die Bewegung in den St\u00e4dten steht, angegangen werden k\u00f6nnen. Che flieht leider vor dieser Frage in die Berge, wo die Guerilla die \u00f6rtlichen BewohnerInnen &#8222;unterst\u00fctzen&#8220; kann.<\/p>\n<p>Foco-Theorie<\/p>\n<p>Im selben Buch argumentiert er, dass &#8222;das Kampffeld des bewaffneten Kampfes grundlegend das Land sein muss.&#8220; Die Guerillazentren w\u00fcrden auf der Unterst\u00fctzung durch die B\u00e4uerInnenschaft ruhen und w\u00fcrden eine Bewegung zum Sturz des etablierten Regimes entfachen &#8211; die &#8222;Foco&#8220;-Theorie. Che bef\u00fcrwortete diese These, aber Regis Debray, der franz\u00f6sische Intellektuelle, entwickelte sie zu einer ausgearbeiteten Politik und verallgemeinerte sie f\u00fcr den Kontinent und dar\u00fcber hinaus. Che wiederholte Debray 1963 in einem Artikel mit dem Titel &#8222;Aufbau einer Partei der ArbeiterInnenklasse&#8220;: &#8222;Wir gingen vom Land in die Stadt, vom Kleineren zum Gr\u00f6\u00dferen und schufen eine revolution\u00e4re Bewegung, die in Havanna gipfelte&#8220;. Die Guerillas &#8222;schufen&#8220; aber nicht die revolution\u00e4re Bewegung, sondern konnten in ein politisches Vakuum vorsto\u00dfen und die Initiative ergreifen.<\/p>\n<p>Dies war aufgrund der besonderen objektiven Lage m\u00f6glich, die sich auf Kuba entwickelte. Als Che versuchte, diese Idee auf andere L\u00e4nder in Lateinamerika anzuwenden, scheiterte dies. MarxistInnen erkennen an, dass es der Guerillakampf auf dem Land, bei dem die ArbeiterInnenklasse keine f\u00fchrende Rolle spielt, unter gewissen besonderen Bedingungen ein bestehendes Regime st\u00fcrzen kann. Aber wenn die ArbeiterInnenklasse nicht bewusst an der Spitze des revolution\u00e4ren Prozesses steht, wird es nicht m\u00f6glich sein, ein neues Regime auf der Grundlage von ArbeiterInnendemokratie zu errichten, das mit der gro\u00dfen Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus beginnen kann.<\/p>\n<p>Trotz Ches falschem Herangehen an diese Fragen hatte die Tatsache, dass er die Idee des Sozialismus unterst\u00fctzte tiefgreifende Wirkung auf die Entwicklungen innerhalb der Bewegung des 26. Juli und die Richtung des revolution\u00e4ren Prozesses auf Kuba.<\/p>\n<h4>Die Bewegung des 26. Juli<\/h4>\n<p>Am 2. Dezember 1956 landeten zweiundachtzig M\u00e4nner an der kubanischen K\u00fcste, wohin sie mit einem heruntergekommenen Schiff, der Granma, von Mexiko aus gefahren waren. Die Reise und die Landung gingen nur Haarscharf an einer Katastrophe vorbei. Die Reise, die nach Planung f\u00fcnf Tage h\u00e4tte dauern sollen, dauerte sieben. Manchmal war die Reise fest eine Farce. Als sie sich der kubanischen K\u00fcste n\u00e4herten, fiel der Lotse \u00fcber Bord.<\/p>\n<p>Die Landung sollte mit einem bewaffneten Aufstand in der Stadt Santiago zusammenfallen, nach dem 100 Aufst\u00e4ndische die Ankunft der Granma mit LKWs und Vorr\u00e4ten h\u00e4tten erwarten sollen. Frank Pais, ein F\u00fchrer der Bewegung des 26. Juli in der Provinz Oriente sollte dies koordinieren. Sp\u00e4ter organisierte er den Nachschub f\u00fcr die RebellInnenarmee durch ein st\u00e4dtischen Untergrundnetzwerk, den Llano, das aufgebaut wurde. Nachdem die Granma Anker geworfen hatte, lautete der Plan, einen Angriff auf die St\u00e4dte Niquero und Manzanillo zu machen und dann in die Bergkette der Sierra Maestra weiterzugehen, von wo aus Castro den Krieg gegen Batista ernsthaft beginnen wollte. Batista hatte zus\u00e4tzliche Truppen in der Provinz Oriente stationiert und unterdr\u00fcckte den Aufstand in Santiago, w\u00e4hrend Marine- und Luftwaffenpatrouillen die Ankunft von Castro und seiner Abteilung erwarteten.<\/p>\n<p>Der Aufstand fing schlecht an und wurde nur noch schlechter. Die RebellInnen gingen bei Tageslicht an Land. Sie waren eine Meile vor ihrem geplanten Treffpunkt und lie\u00dfen die meisten Vorr\u00e4te zur\u00fcck. Ihr Empfangskomitee hatte aufgegeben und war die Nacht vorher abgezogen, nachdem es zwei Tage gewartet hatte. Obendrein entdeckte sie ein Aufkl\u00e4rungsflugzeug der Luftwaffe. Die Gruppe spaltete sich in zwei Teile und irrte verloren zwei Tage umher. Wie Che sp\u00e4ter in seinem Tagebuch beschrieb, waren sie &#8222;desorientiert und liefen im Kreis, eine Armee von Schatten, von Phantomen, die liefen, als w\u00fcrden sie von einem seltsamen psychischen Mechanismus bewegt.&#8220; Schlie\u00dflich formierten sie sich neu und gingen gef\u00fchrt von einem \u00f6rtlichen Bauern nach Osten in die Berge der Sierra. Sie erlebten den ersten Angriff durch die kubanische Armee, bei dem Che eine leichte Nackenwunde erlitt.<\/p>\n<h4>Guerillakrieg<\/h4>\n<p>Dies war die Er\u00f6ffnungsphase eines Guerillakrieges der zwei Jahre dauern sollte. Er endete im Januar 1959, nachdem Batista am Neujahrstag aus dem Land geflohen war. Die Kr\u00e4fte der Bewegung des 26. Juli marschierten nach Havanna und wurden von den ArbeiterInnen mit einem Generalstreik willkommen gehei\u00dfen. Von den zweiundachtzig, die mit der Granma landeten, sammelten sich schlie\u00dflich gerade zwanzig wieder in der Sierra Maestra. Noch weniger erlebten Neujahr 1959 und den Triumph der Revolution. Wie war es m\u00f6glich, dass so eine kleine Gruppe in zwei kurzen, wenn auch blutigen und turbulenten Jahren, siegte? Die Antwort liegt in einer Verbindung von politischen und sozialen Faktoren. Zuerst zerbr\u00f6sselte die soziale Unterst\u00fctzung f\u00fcr Batista. Die Opposition gegen die Diktatur nahm zu und das Regime war 1959 am Zusammenbrechen. Selbst die Armee war zunehmend betroffen und zunehmend demoralisiert. Gleichzeitig konnte keine der Oppositionsparteien die Wut der Bev\u00f6lkerung kanalisieren. Die f\u00fcgsame PSP war immer noch durch ihre fr\u00fchere Unterst\u00fctzung f\u00fcr Batista weitgehend diskreditiert. Die Partei hatte zwar immer noch eine gewisse Autorit\u00e4t unter wichtigen Teilen der IndustriearbeiterInnen in den St\u00e4dten, aber ihre Anf\u00fchrerInnen nutzten die Autorit\u00e4t, die sie hatten, weitgehend, um die ArbeiterInnenbewegung zur\u00fcckzuhalten. In Folge hatte sich auf Kuba ein politisches Vakuum gebildet. Castro und seine Kr\u00e4fte waren zwar verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig klein, konnten aber nach einem zweij\u00e4hrigen Kampf, den sie von der Sierra Maestra aus f\u00fchrten, dieses Vakuum f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ende 1958 hatte Castro nicht mehr als 3.000 in seiner Armee und dies umfasste eine gro\u00dfe Anzahl von Nichtk\u00e4mpferInnen, die in den Lagern stationiert waren. Betrachtet man den Krieg, der zwischen 1956 und 1958 gef\u00fchrt wurde, von einem rein milit\u00e4rischen Blickwinkel aus, dann erzielte Castro einen bemerkenswerten Sieg. Der preu\u00dfische General und Schriftsteller Clausewitz meinte: &#8222;Krieg ist nicht nur eine politische Handlung, sondern auch ein wirklich politisches Instrument, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, seine Durchf\u00fchrung mit anderen Mitteln.&#8220; Die objektive politische Lage und soziale Faktoren, die sich auf Kuba entwickelt hatten, erlaubten Castro, in nur zwei Jahren einen so dramatischen Sieg einzufahren.<\/p>\n<p>Beim Erreichen dieses Sieges spielten subjektive Fragen, besonders der Zusammenbruch der Moral der kubanischen Armee und die Willensst\u00e4rke und Entschlossenheit der K\u00e4mpferInnen der Bewegung des 26. Juli eine entscheidende Rolle. Aufgrund des Hasses der Masse der kubanischen Bev\u00f6lkerung auf Batista, konnten sich die Guerillas auf die Unterst\u00fctzung verlassen, die sie unter der B\u00e4uerInnenschaft und der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung genossen. Es gab keine andere politische Kraft, die den Eindruck erweckte, einen wirksamen oder ernsthaften Kampf gegen das Regime zu f\u00fchren. Diese Unterst\u00fctzung nahm im Verlauf des Krieges zu und die Brutalit\u00e4t des Regimes stand in immer krasserem Gegensatz zum Heroismus von Castros K\u00e4mpferInnen. Obendrein wurden Batistas Soldaten, wenn sie im Kampf gefangengenommen wurden, nicht wie Gefangene Guerilleros hingerichtet. Mit ihnen wurde diskutiert und dann wurden sie unversehrt freigelassen. Das hatte Auswirkungen auf die Moral der Soldaten in Batistas Armee. Castro vers\u00e4umte keine Gelegenheit, sich als moderner Jos\u00e9 Mart\u00ed darzustellen &#8211; ein neuer Befreier Kubas.<\/p>\n<p>Che Guevara wurde zu einem der obersten politischen und milit\u00e4rischen F\u00fchrer. Er hatte sich urspr\u00fcnglich als medizinischer Experte angeschlossen. Die Ereignisse zwangen ihn in eine andere Richtung, als er in der Hitze des Gefechts andere herausragende Eigenschaften zeigte. Schon am Anfang des Konflikts \u00fcberschritt seine charakterliche Entwicklung eine weitere Schwelle. In einem Schusswechsel zwischen Guerillas und Armee musste er sich in einem Sekundenbruchteil entscheiden, ob er seine medizinische Ausr\u00fcstung oder ein Maschinengewehr und Munition nehmen sollte. Er entschied sich f\u00fcr letzteres und es wurde klar, dass Che trotz seines medizinischen Wissens und seiner Erfahrung nicht die Rolle des Arztes spielen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mit dem Fortschritt des Krieges nahm Ches Ansehen in den Augen seiner MitrebellInnen zu. Er nahm an K\u00e4mpfen gegen die Armee teil und unternahm gelegentlich ziemlich verwegene Eins\u00e4tze. W\u00e4hrend eines Luftangriffs, als andere RebellInnen einschlie\u00dflich Castro flohen, blieb er, um zur\u00fcckgebliebenen K\u00e4mpferInnen zu helfen. Er wurde schlie\u00dflich zusammen mit Castros Bruder Ra\u00fal zum Kommandant einer eigenen Abteilung ernannt. Ches allgemeiner Leitsatz war, durch Vorbild zu f\u00fchren, nie von denen unter seinem Kommando etwas zu fordern, was er nicht selbst auch machen w\u00fcrde. Er lehnte auch alle Privilegien ab &#8211; so gering sie auch f\u00fcr die, die in der Sierra Maestra k\u00e4mpften, waren. Ches eigene Bedingungen waren in vielerlei Hinsicht schlechter als die der SoldatInnen, mit denen er zusammen k\u00e4mpfte. Die Wirkungen der l\u00e4hmenden Asthmaanf\u00e4lle im Dschungel h\u00e4tten viele mit weniger Entschlossenheit vom Kampfplatz vertrieben.<\/p>\n<h4>Selbstmordkommando<\/h4>\n<p>Die Kampfabteilung, die er f\u00fchrte, geh\u00f6rte zweifellos zu den entschlossensten und heroischsten. Sie wurden durch sein k\u00fchnes Vorbild und seine Entschlossenheit, einen Sieg der Revolution zu erreichen, angespornt. Sie wurden gest\u00e4hlt, den Kampf gegen Hindernisse fortzusetzen, die manchmal un\u00fcberwindlich schienen. Das &#8222;Selbstmordkommando&#8220;, das in seiner Abteilung eingerichtet wurde, um besonders gef\u00e4hrliche Eins\u00e4tze durchzuf\u00fchren, erlangte f\u00fcr seine Disziplin und seinen Heroismus einen schon fast furchteinfl\u00f6\u00dfenden Ruf. Es war f\u00fcr andere RebellInnenk\u00e4mpferInnen ein Vorbild, dem sie nacheinferten. Wie Che in seinem Kriegstagebuch notiert: &#8222;Das &#8222;Selbstmordkommando&#8220; war ein Vorbild an revolution\u00e4rer Moral und nur ausgew\u00e4hlte Freiwillige traten bei. Aber immer wenn ein Mann starb &#8211; und das passierte in jedem Gefecht &#8211; und ein neuer Kandidat bestimmt wurde, waren die nicht auserw\u00e4hlten traurig und weinten sogar. Die Verzweiflungstr\u00e4nen dieser erfahrenen und edlen K\u00e4mpferInnen, weil sie nicht die Ehre hatten, an vorderster Front von Kampf und Tod zu stehen, zeigten auf merkw\u00fcrdige Weise ihre Jugend.&#8220;<\/p>\n<p>Einen weiterer Grund daf\u00fcr, warum seine Abteilung zu den k\u00e4mpferischsten geh\u00f6rte war, dass Che begann, ein politisches Schulungsprogramm f\u00fcr einige Mitglieder zu organisieren. Seine sozialistischen Ideen vielen bei vielen seiner Guerilleros auf fruchtbaren Boden und sein Ansehen wuchs. Inmitten des milit\u00e4rischen Konfliktes entwickelte sich aber auch eine politische Auseinandersetzung innerhalb der Bewegung des 26. Juli. Sie spiegelte einen Machtkampfs zwischen der Guerillabewegung in den Bergen und dem st\u00e4dtischen Untergrundwiderstand, dem Llano wieder, stellte aber auch die Frage, wof\u00fcr die Bewegung des 26. Juli eigentlich stand. Ches ausdr\u00fcckliche Verteidigung sozialistischer Ideen war innerhalb der Debatte eine Minderheitenposition.<\/p>\n<p>Charakter der Bewegung des 26. Juli<\/p>\n<p>Ideologie und Programm der Bewegung des 26. Juli spiegelten die soziale Zusammensetzung eines Gro\u00dfteils der Mitglieder und Unterst\u00fctzerInnen wieder. Die meisten der F\u00fchrerInnen kam aus der st\u00e4dtischen Mittelschicht, manche aus der oberen Mittelschicht. Die Bewegung hatte zwar eine Schicht von Mitgliedern aus der unteren Mittelschicht und der ArbeiterInnenklasse &#8211; was sich an der sozialen Zusammensetzung der TeilnehmerInnen des Angriffs auf die Moncada-Kaserne widerspiegelte &#8211; sie war aber keine politische Str\u00f6mung, die aus der ArbeiterInnenklasse hervorgegangen war. Castro hatte einen inneren Kern von F\u00fchrerInnen auf der Grundlage des von ihm im Sommer 1955 geschaffenen Koordinierungskomitees geschaffen. Dies spiegelte stark die damalige Bewegung wieder. Die meisten waren fr\u00fchere StudentInnen aus der st\u00e4dtischen oberen Mittelschicht. Das Nationale Direktorium (in dem Castro kein Mitglied war) bestand aus solchen Leuten und war f\u00fcr alle Untergrundt\u00e4tigkeit in den st\u00e4dtischen Zentren zust\u00e4ndig, das hei\u00dft f\u00fcr die Lieferung des Waffennachschubs, die Kommunikation usw. Viele waren opferbereit und waren von Batistas Polizei verhaftet und gefoltert worden. Aber was sie politisch vereinigte, war der Kampf zum Sturz Batistas und wenig dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>Das Programm und die Ideologie der Bewegung des 26. Juli spiegelte die Schwankungen und die Formlosigkeit wieder, die politische Kennzeichen des st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgertums sind. Die meisten ihrer Mitglieder wollten wahrscheinlich wenig mehr als die Errichtung einer kapitalistischen parlamentarischen Demokratie und die Durchf\u00fchrung eines radikalen demokratischen Reformprogramms. Che hatte viele b\u00f6se Vorahnungen bez\u00fcglich Castros KollegInnen aus den st\u00e4dtischen Zentren im Nationalen Direktorium. Er schrieb in seinem Tagebuch: &#8222;Durch vereinzelte Gespr\u00e4che entdeckte ich die offensichtlichen antikommunistischen Neigungen der meisten von ihnen.&#8220; Es gab einen radikaleren Fl\u00fcgel in der Bewegung, den in vielerlei Hinsicht Castro vertrat.<\/p>\n<p>Er schrieb einen &#8222;Appell an das kubanische Volk&#8220;, der sehr k\u00e4mpferisch war. Zur Verteidigung des Aufrufs der Guerilla, Zuckerrohr zu verbrennen, schrieb er: &#8222;die, die sich im Kampf gegen diese Ma\u00dfnahme auf den Lebensunterhalt der ArbeiterInnen berufen, fragen wir: Warum verteidigen sie die ArbeiterInnen nicht \u2026 wenn sie ihre L\u00f6hne aussaugen, wenn sie sie um ihre Pensionen betr\u00fcgen, wenn sie sie mit Anweisungen bezahlen und acht Monate lang vor Hunger sterben lassen? Warum vergie\u00dfen wir unser Blut, wenn nicht f\u00fcr die Armen Kubas? Was z\u00e4hlt ein bi\u00dfchen Hunger heute, wenn wir Brot und Freiheit morgen gewinnen k\u00f6nnen?&#8220;<\/p>\n<p>Die Idee, dass kleine Gruppen von Guerilleros Zuckerrohr verbrennen und einen Kampf im Namen der ZuckerrohrarbeiterInnen anfangen, statt sie in den Kampf einzubeziehen, ist zwar von einem marxistischen Standpunkt aus falsch, aber die radikalen Gef\u00fchle hinter solchen Erkl\u00e4rungen bekamen unter Kubas Armen ein Echo. Jedoch selbst das Programm, das Castro in den fr\u00fchen Stadien des Krieges bef\u00fcrwortete, hatte zwar ein soziales Gewissen, ging aber nicht \u00fcber die Grenzen des Kapitalismus hinaus. W\u00e4hrend der ersten paar Monate von 1957 konnte ein f\u00fchrender Korrespondent der New York Times, Herbert Matthews, der auch aus dem spanischen B\u00fcrgerkrieg berichtet hatte, einen Besuch bei Castro und ein Interview mit ihm machen. Als es im Februar ver\u00f6ffentlicht wurde, schlug es wie eine Bombe ein und war ein Mediencoup f\u00fcr Castro, da Batista behauptete, der Guerillaf\u00fchrer sei im Kampf get\u00f6tet worden.<\/p>\n<p>Das Interview war aber nicht nur ein gro\u00dfer Propagandaerfolg f\u00fcr Castro, sondern enth\u00fcllte auch viel \u00fcber seine damaligen politischen Ideen. Matthews schrieb: &#8222;Es ist eine revolution\u00e4re Bewegung, die sich selbst sozialistisch nennt. Sie ist auch nationalistisch, was allgemein yankee-feindlich bedeutet. Das Programm ist unbestimmt und in allgemeinen Aussagen verpackt, aber es l\u00e4uft auf einen New Deal f\u00fcr Kuba hinaus, radikal, demokratisch und daher antikommunistisch. Der wirkliche Kern seiner St\u00e4rke liegt darin, dass es gegen die Milit\u00e4rdiktatur von Pr\u00e4sident Batista k\u00e4mpft. &#8230; [Castro] hat entschiedene Ansichten \u00fcber Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Verfassung, das Abhalten von Wahlen.&#8220;<\/p>\n<p>Castro sagte Mathews: &#8222;Sie k\u00f6nnen sicher sein, dass wir keine Feindseligkeit gegen\u00fcber den Vereinigten Staaten und dem amerikanischen Volk haben \u2026 wir k\u00e4mpfen f\u00fcr ein demokratisches Kuba und ein Ende der Diktatur. Wir sind nicht gegen das Milit\u00e4r \u2026 denn wir wissen, dass die Soldaten gut sind und auch viele der Offiziere.&#8220; W\u00e4hrend dem Interview schaffte es Castro, Matthews den Eindruck zu vermitteln, dass er mehr Kr\u00e4fte um sich h\u00e4tte als es der Fall war. Unter Kriegsbedingungen war das legitim &#8211; warum sollte man dem Feind Batista die eigene Schw\u00e4che zeigen.<\/p>\n<p>Matthews berichtet, dass zweiundachtzig, die urspr\u00fcnglich mit der Granma gelandet waren, bei Castro waren und dass seine Kr\u00e4fte die ganze Zeit Zulauf aus der Jugend h\u00e4tten. Wie Hugh Thomas berichtet, lief tats\u00e4chlich Castros Bruder die ganze Zeit mit derselben Gruppe M\u00e4nner an Matthews vorbei, die sich immer anders anzogen. Castro hatte nicht mehr als achtzehn Leute im Lager und eine Armee von insgesamt zwanzig! Es ist wahrscheinlich, dass Castro damals keine ausgearbeitete politische Philosophie hatte. Nach einem Bericht unterst\u00fctzte Castro selbst 1960 den &#8222;Sozialismus&#8220; noch nicht. Che erkl\u00e4rte in einem Gespr\u00e4ch mit einem Freund aus Mexiko, Dr. David Mitrani, dass er hoffe, Kuba in einen sozialistischen Staat zu verwandeln, dass aber Castro noch nicht \u00fcberzeugt sei (siehe Jon Andersons Biographie).<\/p>\n<p>Seit dem Sieg der kubanischen Revolution ist argumentiert worden, dass Castro den Sturz des Kapitalismus geplant und sogar in Zusammenarbeit mit der damals in Moskau herrschenden B\u00fcrokratie vorbereitet habe. Diese Analyse \u00fcbersch\u00e4tzt die politische Klarheit, mit der die F\u00fchrerInnen der Bewegung des 26. Juli an die Lage auf Kuba herangingen. Sie stellt auch die Rolle der B\u00fcrokratie in Moskau beim Sturz von Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitz auf Kuba falsch und \u00fcbertrieben dar. Der Prozess der Revolution zwang zusammen mit einer Verbindung von nationalen und internationalen Faktoren die Hauptakteure bei diesen Ereignissen an einen politischen und sozialen Platz, den sie bei ihrer Ankunft nicht beabsichtigten. Wie Che 1960 erkl\u00e4rte: &#8222;Die Hauptakteure dieser Revolution hatten keine zusammenh\u00e4ngende Sichtweise.&#8220; (Notizen f\u00fcr das Studium der Ideologie der Kubanischen Revolution).<\/p>\n<p>Die politische Sichtweise von vielen Menschen wird durch die Wirkung gro\u00dfer sozialer Ereignisse, besonders von Kriegen und dem Kampf zwischen den verschiedenen Klassen in der Gesellschaft, beinflusst. Che war aufgrund von empirischen Erfahrungen beim Guerillakampf angekommen, den er jetzt gegen die Batista-Diktatur f\u00fchrte. Die Wirkungen des Guerillakrieges hatten ihrerseits wieder Auswirkung bei der Radikalisierung seiner Hauptf\u00fchrung. Wie Che an Ernesto S\u00e1bato, einen bekannten argentinischen Romancier, in einem Brief im April 1960 schrieb: &#8222;Der Krieg revolutionierte uns \u2026 auf diese Weise wurde unsere Revolution geboren. Auf diese Weise wurden ihre Parolen geschaffen und auf diese Weise begannen wir nach und nach, in der Hitze dieser Ereignisse theoretische Schlussfolgerungen zu ziehen und unsre eigenen Ideen zu schaffen.&#8220;<\/p>\n<p>Che war der politisch entwickeltste der f\u00fchrenden Guerillak\u00e4mpfer in dem Sinne, dass er eine alternative Ideologie bef\u00fcrwortete. Vom Standpunkt einer marxistischen Analyse aus waren die Schlussfolgerungen, die er schlie\u00dflich zog, falsch und in vielerlei Hinsicht ziemlich platt. Aber er bekam im Verlauf der Ereignisse und des Kampfes wachsenden Einfluss auf Castro. Beide wurden durch den Rhythmus der Ereignisse und die konkrete Lage, in der sie sich befanden, vorw\u00e4rts getrieben. Che erstrebte zwar eine sozialistische Revolution mit internationalistischem Charakter, hatte aber keine ausgearbeitete Perspektive und auch kein Programm, wie das zu erreichen war. Wie er selbst zugab, entwickelten sich seine Ideen empirisch und wurden mehr durch seine eigenen subjektiven Erfahrungen als durch eine ausgiebige Anwendung historischer Lehren der internationalen ArbeiterInnenbewegung geformt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/?p=23514\">Weiter zum dritten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Revolution&#228;r und Internationalist: Weltweit gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23512"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23512"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35399,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23512\/revisions\/35399"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}