{"id":23111,"date":"2013-02-20T11:38:06","date_gmt":"2013-02-20T10:38:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23111"},"modified":"2013-02-05T11:18:46","modified_gmt":"2013-02-05T10:18:46","slug":"geschichte-und-alltag-der-unberuehrbaren-in-indien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/02\/geschichte-und-alltag-der-unberuehrbaren-in-indien\/","title":{"rendered":"Geschichte und Alltag der \u201eUnber\u00fchrbaren\u201c in Indien"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/front-cover-231x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23112\" title=\"front-cover-231x300\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/front-cover-231x300-133x173.jpg\" alt=\"\" width=\"133\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/front-cover-231x300-133x173.jpg 133w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/front-cover-231x300.jpg 231w\" sizes=\"(max-width: 133px) 100vw, 133px\" \/><\/a>Der st\u00e4ndige Kampf gegen das Kastensystem<\/strong><\/p>\n<p><em>von Clare Doyle, CWI (\u201eKomitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale\u201c, deren Sektion in Deutschland die SAV ist)<\/em><\/p>\n<p>Rezension des Buches \u201eBhimayana: experiences of untouchability\u201c (zu deutsch: \u201eBhimayana \u2013 Erfahrungen eines Unber\u00fchrbaren\u201c), das aber noch nicht in deutscher \u00dcbersetzung vorliegt<\/p>\n<p>Bei \u201eBhimayana\u201c handelt es sich um eine wundersch\u00f6n illustrierte, einfache und an manchen Stellen auch am\u00fcsante Darstellung des wohl h\u00e4sslichsten und grausamsten Kapitels der indischen Gesellschaft: das hinduistische Kastensystem. Zur am meisten unterdr\u00fcckten Kaste der Dalit z\u00e4hlen im heutigen Indien etwa 170 Millionen Menschen, die als \u201eUnber\u00fchrbare\u201c bezeichnet werden. Im Schnitt werden jeden Tag zwei von ihnen ermordet, und drei weibliche Dalits werden t\u00e4glich vergewaltigt. In jeder Stunde werden statistisch gesehen zwei Dalits Opfer von k\u00f6rperlicher Gewalt, und jeden Tag werden zwei Dalit-Wohnh\u00e4user niedergebrannt.<\/p>\n<p>F\u00fcr den vor 120 Jahren geborenen Vork\u00e4mpfer der Rechte der Dalits, Bhimrao Ramji Ambedkar, wurden mehr Gedenkm\u00e4ler errichtet als f\u00fcr Mahatma Gandhi oder Pandit Nehru, Indiens ersten Premierminister nach der Unabh\u00e4ngigkeit. Mit dem Erstgenannten stritt er sich \u00f6ffentlich \u00fcber Ma\u00dfnahmen, mit denen die Notlage der unteren Kasten zu beheben seien. Und unter dem zuletzt Genannten war er der erste Justizminister und Vorsitzender der verfassunggebenden Versammlung. Seine Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ein \u201eHindu-Gesetz\u201c zur rechtlichen Gleichstellung des Individuums wurden letztlich wieder abge\u00e4ndert und am Ende stand sein R\u00fccktritt. Urspr\u00fcnglich wollte er im \u201eneuen Indien\u201c die Chancengleichheit f\u00fcr alle und Frauenrechte sicherstellen.<\/p>\n<p>Ambedkar wurde \u2013 im Gegensatz zu der \u00fcberw\u00e4ltigen Mehrheit der Dalits \u2013 die M\u00f6glichkeit zu Teil, in den USA und Gro\u00dfbritannien zu studieren. Auch heute wird den Dalits trotz entsprechender Qualifikation und \u201eQuotierungen f\u00fcr die r\u00fcckst\u00e4ndigen und regul\u00e4ren Kasten\u201c, die ihnen eigentlich gleiche Chancen erm\u00f6glichen sollen, der Zugang zu h\u00f6herer Bildung verwehrt.<\/p>\n<p>Auf den ersten Seiten des Buches \u201eBhimayana\u201c (das noch nicht auf deutsch vorliegt; Anm. d. \u00dcbers.) befindet man sich im 21. Jahrhundert, und ein junger Mann beklagt sich bei einem Freund dar\u00fcber, dass die Quotenregelung \u00fcber die Verteilung von Arbeitspl\u00e4tzen seine eigenen M\u00f6glichkeiten einschr\u00e4nkt. Daraufhin z\u00e4hlt sein Freund einige der erniedrigendsten Aspekte des Kastensystems auf, mit denen auch Ambedkar in Ber\u00fchrung gekommen war, und zeigt auf Zeitungsausschnitte, aus denen hervorgeht, wie wenig sich doch ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Das hinduistische Kastensystem stammt aus der antiken und vorkapitalistischen Gesellschaft. Es handelte sich hierbei um ein rigides und auf Vererbung basierendes St\u00e4ndesystem. Ganz im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Klassen geht die Kaste nicht auf eine bestimmte berufliche T\u00e4tigkeit oder die Beziehungen zu Landbesitzern bzw. Dienstherren zur\u00fcck. Brahmanen, die urspr\u00fcnglich Priester waren, wurden in erster Linie zu Gelehrten, Lehrern, Rechtsprechenden usw. und genossen eine hohe gesellschaftliche Stellung. Sogenannte \u201eAusgesto\u00dfene\u201c oder \u201eUnber\u00fchrbare\u201c erhielten grunds\u00e4tzlich keinen Zugang zu Bildung und Ausbildung. Auch blieben ihnen viele \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten und Veranstaltungen verwehrt. Sie waren verdammt zu einem Leben als verarmte ArbeiterInnen und besch\u00e4ftigt mit sogenannter \u201eunreiner\u201c Arbeit am unteren Ende der gesellschaftlichen Rangfolge. W\u00e4hrend einzelne von ihnen in der Lage waren, bestimmte Zugest\u00e4ndnisse zu erringen, setzten sich diese archaischen und grundlegenden Unterscheidungen selbst im \u201emodernen\u201c Kapitalismus fort.<\/p>\n<p>Durch die Seiten dieses einzigartigen Buches ziehen sich Geschichten aus Ambedkars Kindheit und Jugend. Illustriert ist es mit Bildern des K\u00fcnstlerpaares Durghabai und Subash Vyam, die der Volksgruppe der Adivasi, sozusagen den UreinwohnerInnen Indiens, angeh\u00f6ren. Konzipiert und geschrieben wurde es von Srividya Natarajan und S Anand, doch die Zeichnerin und der Zeichner haben ihre ganz eigene Note dazu beigetragen: sowohl in Form von Bildern als auch als Einladung zum Dialog. Es lassen sich dabei Parallelen zum Comic \u201ePersepolis\u201c von Marjane Satrapi feststellen, der von einem aufbegehrenden M\u00e4dchen im Iran handelt und auch als Zeichentrickfilm in die Kinos kam.<\/p>\n<p>Ganz unerwartet k\u00f6nnen die einfach gestalteten Bilder und die damit verbundenen direkten Botschaften die Leserin bzw. den Leser zu Tr\u00e4nen r\u00fchren, in Rage versetzen oder Freude und Vergn\u00fcgen bereiten. Das jeweils Gesagte erscheint in Sprechblasen, die \u2013 je nach Charakter \u2013 in Gestalt eines Vogels (so auch im Falle von Ambedkar, der sanftm\u00fctig und behutsam auftritt) dargestellt sind oder aber \u2013 wie im Falle der Gemeinen und Hartherzigen \u2013 von in sich verwickelten und giftigen Spindeln umwoben sind. Die Seiten sind mit Darstellungen von V\u00f6geln, Schlangen, Fischen und allerlei anderem Getier \u00fcbers\u00e4t. Die Geschichte flie\u00dft in Form eines Wasserlaufs in unterschiedlicher Ausgestaltung buchst\u00e4blich von Seite zu Seite. Einmal hat man es mit einem Bach, dann mit einem See, einem Teich oder Wasserspeicher zu tun.<\/p>\n<h4>Der Kampf um Zugang zu Trinkwasser<\/h4>\n<p>Das Wasser ist es dann auch, \u00fcber das die Diskriminierung auf ihre krasseste Art und Weise ausge\u00fcbt wird. Den Dalits wird das Wasser verwehrt, das von allen anderen hinduistischen Kasten, MoslemInnen, ParsInnen und selbst Tieren genutzt wird. Allein der Titel \u201eBhimayana\u201c ist eine Parodie auf das heilige Buch der Hindus, das \u201eRamayana\u201c, und bei dem es sich um die epische Geschichte eines der Hauptg\u00f6tter, Rams bzw. Ramas, handelt.<\/p>\n<p>Sein ganzes Leben lang k\u00e4mpfte Bhim (wie Ambedkar auch genannt wurde und worauf der Buchtitel zur\u00fcckgeht) gegen die Gei\u00dfel des Kastensystems. In einer der ersten Szenen des Buches sitzt er 1918 im Zug und liest \u201eDemokratie und Erziehung\u201c von John Dewey, einer seiner Dozenten an der Columbia University in New York. Dewey war ein bedeutender US-amerikanischer Philosoph und sa\u00df 1937 einer Kommission zur \u00dcberpr\u00fcfung der Anschuldigungen gegen Leo Trotzki und dessen Anh\u00e4ngerInnen bei den uns\u00e4glichen Moskauer Prozessen vor.<\/p>\n<p>1920 gr\u00fcndete Ambedkar eine sehr kritische und gegen das Kastensystem gerichtete Zeitung. Drei Jahre sp\u00e4ter begann damit, eine Massenrebellion zu organisieren, um den Zugang zu Wasser zu gew\u00e4hrleisten. Die daraus entstandene Bewegung nannte sich \u201eMahad Satyagraha\u201c, und es dauerte vier Jahre bis er einen \u201eMassen-\u00dcbertritt\u201c mit 3.000 Unber\u00fchrbaren vorbereitet hatte, um sich aus dem Chavadar-Reservoir in der Region um Bombay Wasser entnehmen zu k\u00f6nnen. Es wurde damit lediglich festgeschriebenes Recht praktiziert, das in der Praxis bis dahin allerdings nicht gegolten hatte. Die Dalit-AktivistInnen bezeichneten dieses Ereignis als \u201eUnabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung\u201c, bei dem herausfordernde Reden gehalten wurden, in denen z.B. Folgendes festgestellt wurde: \u201eDie Dalits sind dem Ruf der Franz\u00f6sischen Revolution gefolgt: \u2018Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u2019. Zwanzig Menschen sind bei einem gewaltsamen Angriff auf die Demonstration verletzt worden\u201c.<\/p>\n<p>Ambedkar wurde auf seine Art als Revolution\u00e4r gesehen. Auch wenn er nie Marxist war, so zog er doch die Schlussfolgerung, dass keine herrschende Klasse den Weg freir\u00e4umt, ohne dass es dabei zu Auseinandersetzungen kommt. Er erkl\u00e4rte denen, die mit ihm zusammen den Kampf aufgenommen hatten: \u201eWenn es zu keinem Widerstand von Seiten der Herrschenden kommen w\u00fcrde, dann w\u00e4re eine gewaltsame Revolution nicht n\u00f6tig!\u201c.<\/p>\n<p>Weil sich die Brahmanen in der Stadt Mahad aber genau daf\u00fcr entschieden, verschmutzten sie das Wasser aus dem Chavadar-Reservoir u.a. lieber mit Kuhdung anstatt die Dalits davon trinken zu lassen. So wurde f\u00fcr den 25. Dezember 1927 eine zweite \u201eMahad Satyagraha\u201c organisiert. Diesmal kamen 10.000 Protestierende. W\u00e4hrend einer Zeremonie wurde eine Abbildung des \u201eManusmriti\u201c, dem \u201eheiligen\u201c hinduistischen Rechtsbuch, in dem das Kastensystem und die Versklavung der Frau im Familienhaus niedergelegt sind, auf einem Scheiterhaufen verbrannt.<\/p>\n<p>Ein Zeitungsartikel vom Januar 2008, der in \u201eBhimayana\u201c abgedruckt ist, zeigt, dass sich bis heute nichts ge\u00e4ndert hat. Als Dalits mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen das Heft in die Hand nahmen und sich in einer direkten Aktion freien Zugang zum Wasser in einem R\u00fcckhaltebecken in Chakwara in der N\u00e4he von Jaipur verschafften und darin badeten, wurden sie darin festgesetzt. Hiesige Hindus bewarfen sie mit Steinen. Die Polizei setzte Tr\u00e4nengas und scharfe Munition ein. \u201eDie einer Kaste zugeh\u00f6rigen Hindus\u201c, so berichtete die Zeitung \u201eTehelka\u201c \u00fcber den Vorfall, \u201ebegannen, Kot und M\u00fcll in das R\u00fcckhaltebecken zu werfen. Kurz darauf gruben einige M\u00e4nner das Abwasserrohr des Dorfes aus und leiteten es in das Wasserbassin ein\u201c. Das Recht auf Zugang zu Wasser wurde gew\u00e4hrt, aber das Wasser war ungenie\u00dfbar!<\/p>\n<h4>Ein k\u00e4mpferisches Leben<\/h4>\n<p>Oft in seinem Leben erlebte Ambedkar die Dem\u00fctigungen und Entbehrungen, von denen die Dalits bis heute betroffen sind: Diskriminierung in der Schule, auf dem Nachhauseweg, im Krankenhaus und sogar beim Friseur. Das einzige Mal, da er das Gef\u00fchl hatte gleich zu sein und gleich behandelt zu werden, war, als er im Ausland studierte. In seinem Heimatland wurde ihm sogar als angesehenem Rechtsanwalt aufgrund seiner Herkunft Unterkunft und Logis verweigert. Und dies nicht nur von hinduistischen Freunden und Bekannten, sondern auch von ParsInnen und ChristInnen. Ein hinduistischer \u201eFreund\u201c sagte einmal zu ihm, dass seine Hausbediensteten gehen w\u00fcrden, wenn er ihn bei sich \u00fcbernachten lie\u00dfe! Im Anschluss an diese Episode folgt ein Bericht aus der Zeitung \u201eThe Hindu\u201c vom 5. Mai 2008. Darin geht es um Studierende in Neu Delhi, die sich auf die Staatslaufbahn vorbereiten und \u2013 als rauskam, dass sie Darlits sind \u2013 von einem Gro\u00dfgrundbesitzer und dessen Familie zusammengeschlagen wurden.<\/p>\n<p>In dem Buch zeigt Ambedkar, wie selbst MoslemInnen, die auch von der Hindu-Mehrheit misshandelt, ja sogar verfolgt werden, ihr eigenes hierarchisches System aus\u00fcben. Und dazu geh\u00f6rt demnach auch, auf die Dalits herabzusehen und sie zu diskriminieren. Er beklagt, dass sie zwar \u201eGleichheit predigen aber das Kastensystem praktizieren\u201c.<\/p>\n<p>Seine k\u00e4mpferische Haltung gegen\u00fcber dem Kastensystem brachte Ambedkar schlie\u00dflich auch in Konflikt mit Mahatma Gandhi. Es machte ihn w\u00fctend, dass Gandhi die Diskriminierung nur sah, als er in den 1930er Jahren im vom Apartheid-System beherrschten S\u00fcdafrika weilte und von au\u00dfen auf Indien blickte. Ghandi sah die L\u00f6sung dort zu jener Zeit \u00fcbrigens nicht im Kampf f\u00fcr die Abschaffung der Apartheid. Er wollte vielmehr eine Kampagne f\u00fchren, um eine zus\u00e4tzlich einzuf\u00fchrende Kategorie f\u00fcr AsiatInnen zu erhalten, da diese schlie\u00dflich mehr Wert w\u00e4ren als die Dunkelh\u00e4utigen. Letztlich wurde das auch so eingef\u00fchrt. Dem pazifistische Kampagnenf\u00fchrer gegen die britische Herrschaft in Indien war die dem Kastensystem innewohnende Brutalit\u00e4t in seinem eigenen Land weit weniger bewusst.<\/p>\n<p>Dahingegen war der gegen die Ungerechtigkeit gerichtete Ansatz Ambedkars in mehrfacher Hinsicht revolution\u00e4r und verkn\u00fcpft mit dem allgemeinen Kampf aller ArbeiterInnen und Armen gegen Ungleichheit und Ausbeutung. Dieses Sprachrohr der Dalits griff f\u00f6rmlich den Satz von Karl Marx auf, der einmal zu seiner Tochter gesagt hatte: \u201eEs ist ein Gl\u00fcck zu k\u00e4mpfen\u201c. Ambedkar konstatierte: \u201eF\u00fcr mich ist der Kampf ein wahre Freude\u201c. \u201eErziehe, agitiere und organisiere: Habe Vertrauen in dich selbst\u201c, mahnte er. Seine L\u00f6sungsans\u00e4tze blieben allerdings beschr\u00e4nkt. So trat er beispielsweise daf\u00fcr ein, dass Dalits ausschlie\u00dflich von Dalits politisch repr\u00e4sentiert werden und nur in einer exklusiv von Dalits durchgef\u00fchrten Wahl bestimmt werden sollten. Das jedoch h\u00e4tte den Separatismus und die Ausgrenzung nur weiter gefestigt statt beidem entgegen zu wirken. Es handelte sich dabei aber um den verst\u00e4ndlichen Versuch, den Belangen der in der Gesellschaft am meisten Unterdr\u00fcckten mehr Geh\u00f6r zu verschaffen. Zudem beabsichtigte er dar\u00fcber, eine gewisse politische Unabh\u00e4ngigkeit von den Politikern zu erreichen, die aus anderen Kasten stammten und die miserable Lage der Dalits best\u00e4ndig ignorierten.<\/p>\n<p>Ambedkar sah im Klassenkampf nicht den Weg zur Vereinigung der Unterdr\u00fcckten gegen ihre Unterdr\u00fccker. Auch nahm er nicht die Ideen des Sozialismus f\u00fcr sich an. Am Ende seines Lebens legte er allerdings endg\u00fcltig den Hinduismus ab. \u201eEs war nicht mein Fehler. Ich wurde als Unber\u00fchrbarer geboren\u201c, sagte er, \u201eaber ich bin fest entschlossen, nicht als Hindu zu sterben\u201c. Unfassbar, dass er sich stattdessen einem anderen mystischen Erkl\u00e4rungsversuch dieser Welt zuwandte: dem Buddhismus. 1956, ein paar Monate vor seinem Tod konvertierten eine halbe Million Menschen mit ihm gemeinsam. Das war die gr\u00f6\u00dfte bekannte Massen-Konversion in der Geschichte. Ungl\u00fccklicherweise wurde ausgerechnet der Buddhismus, der Ambedkar viel ehrlicher und egalit\u00e4rer erschien, in Sri Lanka benutzt, um dort gegen den tamilisch-sprachigen Teil der Bev\u00f6lkerung vorzugehen. In Sri Lanka ist der Buddhismus Staatsreligion und dient dort als Deckmantel f\u00fcr einen der blutigsten K\u00e4mpfe gegen eine nationale Minderheit \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Jedes Kapitel in diesem Buch zeigt, dass die schlimmsten Formen der Diskriminierung gegen\u00fcber den Dalits lange noch nicht Geschichte sind in der indischen Gesellschaft. Der Ausschluss vom Gesundheitswesen h\u00e4lt bis heute an. Auch existiert weiterhin eine besondere Form der sogenannten Ehrenmorde: Frauen und ihre m\u00e4nnlichen Verwandten werden verfolgt, geschlagen und ermordet, nur weil sie Dalits sind.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass einige prominente Dalits in hohe \u00c4mter gew\u00e4hlt wurden, hat nicht zu einem Ende der Diskriminierung gegen\u00fcber den \u201eUnber\u00fchrbaren\u201c gef\u00fchrt. Ein Wahlb\u00fcndnis aus BrahmanInnen und Dalits brachte im Bundesstaat Uttar Pradesh im Mai 2007 die \u201eBahujan Samaj Partei\u201c an die Macht. Ihre Vorsitzende, Mayawati, ist selbst eine Dalit und wurde zur Ministerpr\u00e4sidentin gew\u00e4hlt. Mit Gold und Juwelen behangen ist sie genauso reich und korrupt wie jeder andere Politiker einer h\u00f6her stehenden Kaste und in vergleichbarer Position auch. In ihrem Bundesstaat leben nahezu 80 Millionen Menschen unterhalb der Armutsrate. Das sind 40 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Das vorliegende Buch \u201eDie Bhimayana\u201c wartet mit einem Bericht aus dem Jahr 2007 auf, in dem es um zwei Dalit-Frauen in Kanpur (Uttar Pradesh) geht, die starben, nachdem man sie sofort nach ihrer Niederkunft aus dem Krankenhaus geworfen hatte. Wegen ihrer \u201eUnber\u00fchrbarkeit\u201c sind die \u00c4rzte nicht angehalten, lebensrettende Ma\u00dfnahmen an Dalit-PatientInnen durchzuf\u00fchren. Diskriminierungen dieser Art lassen die Erinnerung an das wach werden, was in den S\u00fcdstaaten der USA passierte, als die gro\u00dfe Jazzs\u00e4ngerin Bessie Smith bei einem Autounfall verletzt wurde. Wegen der zu jener Zeit geltenden \u201eRasse\u201c-Schranken war es den \u00c4rzten nicht \u201eerlaubt\u201c, sie zu behandeln, bevor nicht alle Hellh\u00e4utigen untersucht waren. In dieser Zeit war sie ihren behandelbaren Verletzungen erlegen.<\/p>\n<h4>Das Versagen der Stalinisten<\/h4>\n<p>Die Kasten-Problematik ist tief in der Gesellschaft verwurzelt und kompliziert. Aber wie es die sogenannten kommunistischen Parteien in Indien handhaben, ist es unzureichend. Sie erkl\u00e4ren, dass das Kastensystem solange nicht aufgehoben werden kann, wie die Klassen nicht eliminiert sind. Und das w\u00e4re erst in einer kommunistischen Gesellschaft der Fall. Deswegen nehmen sie auch nicht den Kampf gegen Kasten-Vorurteile und -Diskriminierung in der kapitalistischen Gesellschaft auf, um dar\u00fcber den Aufbau der sozialistischen Bewegung voranzutreiben. Viel schlimmer als das ist, dass sie sogar aufgeh\u00f6rt haben, den Aufbau eines echten Sozialismus zu versuchen; geschweige denn den Kommunismus. Im Gegenteil waren sie 2007 auf skandal\u00f6se Weise in die m\u00f6rderischen Vorf\u00e4lle in Nandigram (West Bengalen) verwickelt.<\/p>\n<p>Die \u201eKommunistische Partei Indiens (Marxisten)\u201c (CPI(M)) regierte \u00fcber drei Jahrzehnte in diesem Bundesstaat. Das lag auch an ihren zwar schon l\u00e4nger zur\u00fcckliegenden aber sehr popul\u00e4ren Ma\u00dfnahmen zur Landreform. Dennoch hat das nicht einen kompromisslosen Kampf gegen den Kapitalismus und das Gro\u00dfgrundbesitzertum in diesem Bundesstaat hervorgebracht oder gar den Anspruch verfolgt, sich auf ganz Indien auszuweiten. Es war die CPI(M)-Administration, die bewaffnete Banden innerhalb der Polizei und Schl\u00e4gertrupps der Partei damit beauftragte, gegen arme B\u00e4uerinnen und Bauern in Nandigram vorzugehen und sie von ihrem Land zu vertreiben. Es sollte Platz geschaffen werden f\u00fcr multinationale Unternehmen. Vierzehn Menschen wurden dabei get\u00f6tet, etliche verletzt, hunderte obdachlos und ihrer Lebensgrundlage beraubt. Dieses Beispiel und weitere, gegen die Arbeiterklasse und die Armen gerichtete politische Entscheidungen und Vorgehensweisen haben jetzt dazu gef\u00fchrt, dass sie bei den j\u00fcngsten Wahlen die politische Kontrolle im von Armut gezeichneten West Bengalen wie auch im Bundesstaat Kerala verloren haben.<\/p>\n<p>Die Stalinisten haben argumentiert, dass es einen gewissen Grad an Industrialisierung in der Gesellschaft geben muss, den es durch die Entwicklung des Kapitalismus zun\u00e4chst einmal zu erreichen gelte. Erst dann kann demnach die Grundlage f\u00fcr Sozialismus und Kommunismus geschaffen werden.<\/p>\n<p>Das war die Politik der Menschewiki, die 1917 in Russland in Opposition zur Vorgehensweise der BolschewistInnen standen. Letztere verfolgten die Strategie, die Macht in die H\u00e4nde der ArbeiterInnen, B\u00e4uerinnen und Bauern zu legen, um eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Aber jetzt scheint es, als seien die Ideen des Sozialismus zur Nebens\u00e4chlichkeit degradiert, ohne jeden Anspruch, den Kampf gegen die auf dem Kastensystem basierende Diskriminierung \u00fcberhaupt aufzunehmen. Man war nicht in der Lage ein Programm zu entwickeln, mit dem die ureigenen Forderungen der Dalits und ihr Kampf um Emanzipation verbunden worden w\u00e4ren mit den Forderungen der organisierten ArbeiterInnen, B\u00e4uerinnen, Bauern und anderer armer Leute nach einer Transformation der Gesellschaft im sozialistischen Sinne. Dieses Versagen, zu dem es selbst noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts kommen konnte, ist mit daf\u00fcr verantwortlich, dass Ambedkar und andere Dalit-AktivistInnen sich immer weiter von dem entfernten, was sie als \u201eMarxismus\u201c und \u201eKommunismus\u201c ansahen \u2013 und was in Wirklichkeit aber einfach Stalinismus war.<\/p>\n<p>Marx\u2019 Idee des Kommunismus ist eine Gesellschaft, in der sich die Gro\u00dfindustrie, Grund und Boden sowie die Banken nicht in Privatbesitz befinden. Unter einem demokratisch aufgestellten Plan f\u00fcr die Wirtschaft und die Gesellschaft soll alles, was produziert und hergestellt wird, auf Grundlage der Bed\u00fcrfnisse der Menschen und ohne Diskriminierung und Privilegien verteilt werden. Im \u00dcbergang zu dieser Art von Gesellschaft muss \u2013 selbst, wenn die Arbeiterklasse morgen schon die Macht \u00fcbernehmen sollte \u2013 nicht nur die Wirtschaft auf sozialistischer Grundlage vollkommen umgestaltet werden. Auch viele \u00dcberreste der kapitalistischen Gesellschaft w\u00fcrden in Form von reaktion\u00e4ren Ideen, Vorurteilen und chauvinistischen Attit\u00fcden und Praktiken weiterhin Bestand haben. Daher m\u00fcssen Schritte mit dem Ziel unternommen werden, s\u00e4mtliche Formen von Diskriminierung aufzuheben, ohne die Rechte und Lebensbedingungen anderer dabei im negativen Sinne zu ber\u00fchren.<\/p>\n<h4>Gegen jede Art von Diskriminierung<\/h4>\n<p>Selbst im Kapitalismus k\u00f6nnen in Aufschwungphasen bestimmte Ma\u00dfnahmen wie Quotenregelungen oder eine \u201epositive Diskriminierung\u201c dazu f\u00fchren, dass die Chancen f\u00fcr Frauen, ethnische Minderheiten, Dalits u.a. verbessert werden. Allerdings bleiben derlei Ans\u00e4tze zwangsl\u00e4ufig begrenzt und Missbrauch ist m\u00f6glich. Die Abschaffung von Ungleichheit, Ausbeutung und Ungerechtigkeit muss stets in Verbindung stehen mit der Einsicht in die Notwendigkeit, dass auch die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft n\u00f6tig ist. Doch weit bevor eine wirklich kommunistische Gesellschaft zustande gekommen ist, m\u00fcssen SozialistInnen bereits den Kampf gegen jede Art von Diskriminierung aufnehmen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegung muss sich bei Lohnrunden, im Kampf f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen, f\u00fcr angemessene und bezahlbare Wohnungen und Preise die Einheit aller ArbeiterInnen und Unterdr\u00fcckten auf die Fahne schreiben. Und das muss vollkommen unabh\u00e4ngig von der Nationalit\u00e4t, Kastenzugeh\u00f6rigkeit, sexuellen Veranlagung oder Religion geschehen. Sie muss sich die gleiche Behandlung aller ArbeiterInnen und Armen zum Ziel setzen: f\u00fcr den fairen und uneingeschr\u00e4nkten Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen sozialen Bereichen, Arbeitspl\u00e4tzen und Wohnungen.<\/p>\n<p>Die Worte Ambedkars \u00fcber die indische Demokratie klingen immer noch aktuell: Es ist \u201enur ein Sahneh\u00e4ubchen auf einer indischen Scholle, die durch und durch undemokratisch ist\u201c. Es k\u00f6nnen durchaus auch umfassende Errungenschaften erk\u00e4mpft werden. Nur, dass sie ausschlie\u00dflich dann von Dauer sein k\u00f6nnen, wenn alle Naturreserven und menschlichen Ressourcen auf der Basis von Vergesellschaftung und demokratisch kontrollierter Planung und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung durch die gew\u00e4hlten VertreterInnen der ArbeiterInnen und armen Menschen massiv ausgeweitet werden.<\/p>\n<p>\u00dcberfluss ist die Grundlage f\u00fcr wirklichen Sozialismus und entscheidend, um alle in die Lage versetzen zu k\u00f6nnen, zu bekommen, was f\u00fcr ein erf\u00fclltes und angemessenes Leben n\u00f6tig ist. Bis dahin wird es zu vielen und verschiedenen Konflikten um knappe Ressourcen kommen. Das zeigt das Buch \u201eBhimayana\u201c immer dann, wenn es um Quotenregelungen f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze geht. Ein Quotierungssystem kann die Situation f\u00fcr die, die in den Bereichen Arbeit, Bildung, Wohnen und sogar in der Politik und bei den Beh\u00f6rden am meisten unter Diskriminierung zu leiden haben, entsch\u00e4rfen. Es handelt sich dabei um den Versuch, die Tendenzen gegen sie, den Mangel an M\u00f6glichkeiten f\u00fcr sie und die nicht angemessene Vertretung durch Politiker ihrer Klagen und Interessen zu beseitigen.<\/p>\n<p>SozialistInnen unterst\u00fctzen alle Schritte, die in Richtung Gerechtigkeit gehen, aber nicht auf Kosten anderer ausgebeuteter Schichten. Es besteht immer das Risiko, dass es zu einer Art von \u201epositiver Diskriminierung\u201c kommt. Vor allem, wenn richtige Ma\u00dfnahmen pl\u00f6tzlich von Einzelpersonen f\u00fcr sich ausgenutzt werden, um ohne R\u00fccksichtnahme auf andere den ganz eigenen Interessen nachzukommen.<\/p>\n<p>Im korrupten und kapitalistischen Indien von heute wurden einige politische Figuren aus der Kaste der Dalit in privilegierte Positionen gehoben, wo sie ihre eigenen Interessen verfolgt haben und beim Kasten-Problem pl\u00f6tzlich wie blind wurden. Sie haben den Lebenswandel und die Herangehensweise der unterdr\u00fcckenden Kasten angenommen. Das geschah \u00fcberall da, wo Parteien, die aus einer bestimmten Kaste heraus agierten, Kompromisse mit kapitalistischen Politikern und Konzerninteressen geschlossen haben, um ihrerseits ihre Macht und Einflussnahme zu vergr\u00f6\u00dfern. Und schon wird die neue Position nicht mehr benutzt, um im Sinne der am meisten unterdr\u00fcckten Menschen einzusetzen. Dann geht es nur noch darum, das eigene Nest weiter auszupolstern.<\/p>\n<p>SozialistInnen werden alle Formen von Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung und Diskriminierung zum Thema machen und diese bek\u00e4mpfen. Wenn \u2013 wie in der \u201eBhimayana\u201c beschrieben \u2013 den Dalits eine Ressource wie Wasser verwehrt wird, muss \u00e4hnlich der Satyagrahas von Ambedkar ein Aufruhr angezettelt und Massenprotest organisiert werden. Allerdings m\u00fcssen dabei so viele organisierte ArbeiterInnen mit den unterschiedlichsten Hintergr\u00fcnden wie m\u00f6glich einbezogen werden, um dem Kampf mehr Gewicht und eine bessere Perspektive zu verleihen.<\/p>\n<p>Die \u00dcberkommenheit des Kastensystems muss bei jeder Gelegenheit angeprangert werden. Und dabei muss klar werden, dass der Kapitalismus unf\u00e4hig ist, den Menschen auf dieser Welt auch nur die grundlegendsten Bed\u00fcrfnisse sicher zur Verf\u00fcgung zu stellen. Es handelt sich um ein System, das nur eins verdient: Durch Massenwiderstand und den organisierten Kampf der ArbeiterInnen und Armen mit einem sozialistischen Programm hinweggefegt zu werden, damit die Schrecken von Kasten- und Klassenunterdr\u00fcckung ein f\u00fcr allemal beendet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der st\u00e4ndige Kampf gegen das Kastensystem<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23112,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38,34],"tags":[304],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23111"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23111"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23111\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}