{"id":23005,"date":"2013-04-29T12:38:27","date_gmt":"2013-04-29T10:38:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=23005"},"modified":"2013-04-23T10:37:36","modified_gmt":"2013-04-23T08:37:36","slug":"75-jahre-nach-seinem-tod-die-politischen-ideen-von-antonio-gramsci","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/04\/75-jahre-nach-seinem-tod-die-politischen-ideen-von-antonio-gramsci\/","title":{"rendered":"75 Jahre nach seinem Tod: Die politischen Ideen von Antonio Gramsci"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14855\" title=\"Gramsci\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629-280x173.png\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629-280x173.png 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629-162x100.png 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629.png 287w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Teil 2: Gramsci als politischer Theoretiker<\/strong><\/p>\n<p>Im <a title=\"75 Jahre nach seinem Tod: Die politischen Ideen von Antonio Gramsci\" href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2012\/05\/14764\/\">vorigen Artikel<\/a> wurde Gramscis Werdegang vom jungen sozialistischen Studenten und Journalisten zum Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Italiens und schlie\u00dflich seine Verhaftung am 8. November 1926 geschildert. Im Mittelpunkt stand dabei die Entwicklung seiner politisch-taktischen Ideen: seine Analyse des Faschismus und seine Suche nach den besten Kampfmethoden gegen ihn, seine \u00dcbernahme der von der Kommunistischen Internationale entwickelten Einheitsfrontmethode und sein Versuch, sich in den sich entwickelnden Auseinandersetzungen in der Sowjetunion zwischen Stalin und Trotzki zu positionieren.<\/p>\n<p><em>von Wolfram Klein<\/em><\/p>\n<p>Nach seiner Festnahme wurde Gramsci zun\u00e4chst auf die Insel Utica verbannt. Aber am 28 Mai 1927 begann in Rom der eigentliche Prozess. Schon am 4. Juni wurde er zu 20 Jahren, 4 Monaten und f\u00fcnf Tagen verurteilt. Die Haftbedingungen verschlechterten Gramscis angeschlagene Gesundheit weiter. Besonders schlimm waren tagelange Fahrten in Ketten von einem Gef\u00e4ngnisort zum n\u00e4chsten (einmal im tiefsten Winter in Sommerkleidung). Am 19.11.1933 kam Gramsci in die Krankenabteilung seines Gef\u00e4ngnisses, 1934 wurde der Gef\u00e4ngnisaufenthalt in Arrest umgewandelt, 1935 durfte er in eine Klinik. Am 21. April 1937 bekam der Schwerkranke seine \u201eFreiheit\u201c wieder. 6 Tage sp\u00e4ter starb er.<\/p>\n<p>Gramsci schrieb in einem Brief kurz nach seiner Festnahme: \u201eIch bin nicht \u00fcber einen ziemlich engen Kreis hinaus bekannt\u201c. Er schilderte dann, wie sein Name \u201eaufs Unwahrscheinlichste entstellt\u201c werde. Selbst Menschen, denen der \u201eAbgeordnete Gramsci\u201c ein Begriff war, wollten nicht glauben, dass er dieser Abgeordnete sei. 75 Jahre nach seinem Tod ist der Name Gramsci unvergleichlich bekannter als zu seinen Lebzeiten \u2013 und das beruht vor allem auf den 29 Heften mit Notizen, die Gramsci im Gef\u00e4ngnis anlegte, seitdem er Anfang 1929 die Erlaubnis erhalten hatte, in seiner Zelle zu schreiben, und die nach seinem Tod und dem Sturz des Faschismus in Italien ver\u00f6ffentlicht wurden. In den 1990er Jahren erschien eine kritische Gesamtausgabe dieser Gef\u00e4ngnishefte auch in deutscher \u00dcbersetzung. Die ersten Hefte enthalten bunt gemischte Notizen zu verschiedenen Themen. Nach ein paar Jahren begann er, diese Notizen thematisch zusammenzustellen. Deshalb teilt die Forschung die Notizen in A-, B- und C-Texte auf. C-Texte sind Texte, die verschiedene fr\u00fchere Texte (A-Texte) zusammenfassen. B-Texte sind Notizen, die nicht wieder verwendet wurden. Tats\u00e4chlich wurde Gramsci mit der Zusammenstellung seiner Notizen nicht mehr fertig, weil sich seine Gesundheit so verschlechtert hatte, dass ihm in den letzten Jahren das Schreiben fast unm\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Gramsci betonte mehrfach, dass seine Notizen \u201evorl\u00e4ufig\u201c, \u201emit fliegender Feder\u201c, \u201eals Ged\u00e4chtnisst\u00fctze\u201c geschrieben seien. B\u00fccher seien oft \u201eaus dem Ged\u00e4chtnis\u201c zitiert. Deshalb handle es sich nur \u201eum erste Ann\u00e4herungen\u201c und unter Umst\u00e4nden k\u00f6nne sich \u201edas Gegenteil\u201c als wahr erweisen (v.a. Heft 4 \u00a7\u00a7 16 und 49, Heft 8 \u201eVorbemerkung\u201c, Heft 10 II 33, Heft 11 \u201eWarnung\u201c und Heft 12 \u00a7 1)<\/p>\n<p>Nach dem Erscheinen der ersten Ausz\u00fcge aus den Gef\u00e4ngnisheften war die \u201eTarnsprache\u201c ein gro\u00dfes Thema, die Gramsci wegen der Gef\u00e4ngniszensur verwenden musste. Zweifellos hat er, besonders in den sp\u00e4teren Heften, vor allem Eigennamen oft \u201echiffriert\u201c. Aber der Zwang zu Tarnbegriffen erkl\u00e4rt noch nicht die Wahl der Tarnbegriffe. Wenn Gramsci f\u00fcr die Marxsche \u201ematerialistische Geschichtsauffassung\u201c (oder \u201ehistorischer Materialismus\u201c) den Tarnbegriff \u201ePhilosophie der Praxis\u201c verwendete, dann dr\u00fcckt das auch eine bestimmte Lesart des Marxismus aus, die im Folgenden in Bezug auf Gramscis Geschichts- und Staatsverst\u00e4ndnis erkl\u00e4rt werden soll. Um das Verst\u00e4ndnis der schwierigen Materie zu erleichtern und Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, die entstehen k\u00f6nnen, weil Gramsci zentrale Begriffe anders verwendet, als es \u00fcblich ist, werden wichtige Begriffe am Schluss noch einmal in einem Glossar zusammengefasst.<\/p>\n<p>Die zentrale Erfahrung, die Gramscis Denken antrieb, war, dass die Revolution 1917 im r\u00fcckst\u00e4ndigen Russland gesiegt hatte, w\u00e4hrend sie in \u00f6konomisch fortgeschritteneren L\u00e4ndern mit viel st\u00e4rkerer Arbeiterklasse, wie Italien und erst recht Deutschland, nicht siegreich war. Was waren die subjektiven und objektiven Gr\u00fcnde daf\u00fcr? Als subjektiver Grund besch\u00e4ftigte ihn vor allem ein mechanistisches, fatalistisches Verst\u00e4ndnis des Marxismus. \u201ePhilosophie der Praxis\u201c bedeutete f\u00fcr ihn, den Marxismus von diesen Verzerrungen zu befreien. Der objektive Grund war f\u00fcr ihn die gr\u00f6\u00dfere Bedeutung der \u201eZivilgesellschaft\u201c und der \u201eHegemonie\u201c im Westen.<\/p>\n<h4>Zwang und Konsens, Herrschen und F\u00fchren<\/h4>\n<p>Gramsci schrieb, dass eine Klasse oder gesellschaftliche Gruppe auf zwei Weisen herrschen k\u00f6nne, n\u00e4mlich durch Herrschen und F\u00fchren. Dabei verbanden sich bei Gramsci verschiedene Gedankenstr\u00e4nge. Auf der einen Seite gab es die Diskussionen in der russischen Arbeiterbewegung vor 1917 \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Arbeiterklasse und Bauernschaft in der Revolution. Dabei kam die Idee auf, dass ein B\u00fcndnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft zentral f\u00fcr den Sieg der Revolution sei. In diesem B\u00fcndnis m\u00fcsse die Arbeiterklasse die F\u00fchrung, die Hegemonie haben. Die Bauernschaft war zwar die gro\u00dfe Masse der Bev\u00f6lkerung, war aber auf dem flachen Land verstreut, w\u00e4hrend die Arbeiterklasse in den St\u00e4dten, den wirtschaftlichen und kulturellen Zentren, konzentriert war. Auf der anderen Seite gab es Gedankenstr\u00e4nge die bis ins 16. Jahrhundert zur\u00fcckreichten. Der gro\u00dfe italienische Staatstheoretiker Nicolo Machiavelli, mit dem sich Gramsci ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigte, verwendete das Bild eines Zentauren \u2013 halb Tier, halb Mensch \u2013, der auf die tierische Kampfesweise (also die Herrschaft durch Zwang) zur\u00fcckgreift, wenn die menschliche (die F\u00fchrung mit Zustimmung, mit Konsens) nicht ausreicht. (Heft 8 \u00a7 86, Heft 13 \u00a7 14) Sein Zeitgenosse Giucciardini schrieb, f\u00fcr das Leben eines Staates seien Waffen und Religion erforderlich. (Heft 6 \u00a7 87) Gramscis intensive Besch\u00e4ftigung mit der Problematik der Hegemonie war ein wichtiger Denkansto\u00df. Aber die Vermengung von \u00dcberlegungen, wie eine Ausbeuterklasse den Konsens der Ausgebeuteten erlangen kann, mit \u00dcberlegungen, wie der Konsens von verb\u00fcndeten Klassen (in Bezug auf die Interessenunterschiede, aber keine Interessengegens\u00e4tze bestehen) hergestellt werden kann, ist problematisch. Die Folge sind dann sehr abstrakte \u00dcberlegungen, z.B. inwieweit eine hegemoniale Gruppe materielle Opfer an die Gruppierungen bringen kann, \u00fcber die Hegemonie ausge\u00fcbt werden kann. (Heft 4 \u00a7 38) Solche abstrakten \u00dcberlegungen machen Gramsci in akademischen Kreisen beliebt, w\u00e4hrend sie f\u00fcr ihn durch die Gef\u00e4ngniszensur erzwungen waren. Au\u00dferdem ist unklar, wie die Ph\u00e4nomene Korruption und Betrug in den Dualismus von Zwang und Konsens eingebaut werden k\u00f6nnen. Einmal werden sie als eine Art Mittelding behandelt (Heft 1 \u00a7 48 S. 120, vgl. Heft 13 \u00a7 37), einmal wird die Bestechung durch hohe L\u00f6hne im \u201eFordismus\u201c als Methode aufgefasst, Konsens zu erreichen. (Heft 4 \u00a7 52, Heft 22 \u00a7 13).<\/p>\n<h4>Staat und Zivilgesellschaft<\/h4>\n<p>Gramsci stellte den Dualismus von Zwang und Konsens in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang: \u201eDie Formel Guicciardinis\u201c \u2013 Waffen und Religion (siehe oben) \u2013 \u201ekann in verschiedene andere, weniger drastische Formeln \u00fcbersetzt werden: Gewalt und Konsens, Zwang und \u00dcberzeugung, Staat und Kirche, politische Gesellschaft und Zivilgesellschaft, Politik und Moral (Croces ethisch-politische Geschichte), Recht und Freiheit, Ordnung und Disziplin, oder, mit einem impliziten Urteil libert\u00e4ren Beigeschmacks, Gewaltsamkeit und Betrug.\u201c (Heft 6 \u00a7 87, vgl. Heft 8 \u00a7 86 und Heft 13 \u00a7 14)<\/p>\n<p>Hier kommen wir zu einem der wichtigsten und am h\u00e4ufigsten wieder aufgenommenen Begriffe von Gramsci, dem der \u201eZivilgesellschaft\u201c, auf Italienisch \u201esociet\u00e0 civile\u201c. Es handelt sich um eine italienische \u00dcbersetzung des deutschen Begriffs \u201eb\u00fcrgerliche Gesellschaft\u201c, wie ihn der Philosoph Hegel oder Marx verwendet haben. Warum also jetzt einen neuen Begriff pr\u00e4gen? Ein banaler Grund ist, dass sich dieser Sprachgebrauch durchgesetzt hat. Inhaltlich spricht daf\u00fcr, dass im Deutschen das Wort \u201eB\u00fcrger\u201c die Doppelbedeutung von Bourgeois\/Kapitalist und von Staatsb\u00fcrger hat, was zu Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchrt. Und Gramsci versteht \u201eZivilgesellschaft\u201c anders als Marx \u201eb\u00fcrgerliche Gesellschaft\u201c, so dass die Wortneusch\u00f6pfung Missverst\u00e4ndnisse vermeiden kann. Es w\u00e4re aber ein Fehler, \u201ezivil\u201c als Gegenbegriff zu \u201emilit\u00e4risch\u201c aufzufassen.<\/p>\n<p>Heute h\u00f6rt man alle Naslang von \u201eZivilgesellschaft\u201c, von \u201eVertretern der Zivilgesellschaft\u201c. Meistens soll damit suggeriert werden, es handle sich dabei um \u201edie Guten\u201c im Unterschied zu Vertretern des Staates oder der Wirtschaft. (Je nach Sichtweise des Autors k\u00f6nnen Wirtschaftsbosse aber auch zur Zivilgesellschaft gerechnet werden.) Das hat nichts mit dem Sprachgebrauch von Gramsci zu tun. F\u00fcr Gramsci ist die Zivilgesellschaft der Bereich der Hegemonie, des Konsenses, also der Bereich, in dem die herrschende Klasse eine f\u00fchrende Klasse ist. Zivilgesellschaft ist f\u00fcr ihn kein Bereich von \u201eherrschaftsfreier Kommunikation\u201c, sondern ein Bereich, der der Stabilisierung der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse dient, indem die Beherrschten dazu gebracht werden, ihr Beherrschtwerden in der Regel ohne die Anwendung von Zwang zu akzeptieren. Zur Zivilgesellschaft geh\u00f6ren dabei Bereiche wie die Bildungseinrichtungen, die Medien, die Kirchen, Vereine und Verb\u00e4nde. Die politische Gesellschaft ist dagegen der Bereich, in dem die herrschende Klasse tats\u00e4chlich herrscht, Zwang anwendet. Der Staat ist in diesem Verst\u00e4ndnis \u201epolitische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das hei\u00dft Hegemonie, gepanzert mit Zwang\u201c (Heft 6 \u00a7 88).<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Zuordnung von Hegemonie und Konsens zur Zivilgesellschaft und von Zwang zur politischen Gesellschaft eine Vereinfachung. Perry Anderson schrieb in seiner bekannten Arbeit \u201eAntonio Gramsci. Eine kritische W\u00fcrdigung\u201c (deutsch 1979), dass die b\u00fcrgerliche Demokratie \u201edie ideologische Hauptwaffe des westlichen Kapitalismus\u201c sei, weil die formale Gleichheit der W\u00e4hlerInnen die wirkliche Ungleichheit verschleiere. In Deutschland ist die Situation noch krasser. Meinungsumfragen zum Institutionenvertrauen zeigen regelm\u00e4\u00dfig, dass das Vertrauen der Befragten in die Polizei, also in das wichtigste staatliche Zwangsorgan, besonders gro\u00df ist. Zum Beispiel hatten laut Sozialreport 2010 20 Prozent der Westdeutschen und 15 Prozent der Ostdeutschen Vertrauen in den Bundestag, aber 64 Prozent der Westdeutschen und 48 Prozent der Ostdeutschen Vertrauen in die Polizei (S. 108, der Sozialreport 2010 wurde erstellt vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg im Auftrag der Volkssolidarit\u00e4t). Die Polizei wirkt offenbar nicht nur als Zwangsorgan. Da weiterhin der Aberglaube verbreitet ist, die Polizei sei in erster Linie dazu da, den Verkehr zu regeln und alle B\u00fcrger vor Verbrechen zu sch\u00fctzen, dient sie auch der Hegemonie und dem Konsens. Auf der anderen Seite \u00fcben auch Organisationen der Zivilgesellschaft Gewalt aus. In vielen L\u00e4ndern haben z.B. schon Kapitalisten bewaffnete Schl\u00e4ger oder gar Todesschwadronen gegen Gewerkschaften und streikende ArbeiterInnen eingesetzt. Ganz zu schweigen von der Gewalt faschistischer Terrororganisationen gegen die Arbeiterbewegung, wie es Gramsci selbst erleben musste\u2026<\/p>\n<p>Gelegentlich wird Gramscis Position anders dargestellt, nicht dass er vereinfachend politische Gesellschaft mit Zwang und Zivilgesellschaft mit Hegemonie gleichgesetzt habe, sondern dass er die Unterscheidung zwischen Zivilgesellschaft und politischer Gesellschaft als \u201erein methodisch, nicht organisch\u201c bezeichnet habe. Die Formulierung hat er in einer Polemik gegen den Wirtschaftsliberalismus und dessen Ablehnung von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft verwendet (Heft 4 \u00a7 38, vgl. Heft 13, \u00a7 17). Aber wenn die politische Gesellschaft in die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft eingreifen kann, besteht trotzdem zwischen beiden ein objektiver Unterschied. Die Formulierung Gramscis hat h\u00f6chstens f\u00fcr totalit\u00e4re Staaten G\u00fcltigkeit, in denen der Staat (Gramscis \u201epolitische Gesellschaft\u201c) die Zivilgesellschaft gleichschaltet. Mit dieser Formulierung verwischt Gramsci, ganz entgegen seiner sonstigen Einstellung, den Unterschied von b\u00fcrgerlicher Demokratie und Faschismus. Deshalb sollte man diese Formulierung Gramscis als Ausrutscher bewerten und nicht zur Grundlage einer Interpretation Gramscis machen.<\/p>\n<h4>Basis und \u00dcberbau, Strukturen und Superstrukturen<\/h4>\n<p>Bisher k\u00f6nnte es scheinen, als w\u00fcrden politische Gesellschaft und Zivilgesellschaft, also der Staat im Sinne Gramscis, in der Luft h\u00e4ngen. Aber Gramsci fasst sie auch als Superstrukturen zusammen und stellt sie damit in Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Basis. In seinen Gef\u00e4ngnisheften kommentiert er immer wieder das bekannte \u201eVorwort\u201c zur \u201eKritik der Politischen \u00d6konomie\u201c von Marx (1859). Dort schrieb Marx von der \u201e\u00f6konomischen Struktur der Gesellschaft\u201c, der \u201erealen Basis\u201c, \u201eworauf sich ein juristischer und politischer \u00dcberbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen\u201c. Im Italienischen ist es (ebenso wie im Englischen oder Franz\u00f6sischen) \u00fcblich, \u00dcberbau mit \u201eSuperstruktur\u201c (superstruttura) wiederzugeben. Das verleitet dazu, das Wort \u201eSuperstruktur\u201c auf das Wort \u201eStruktur\u201c und nicht auf \u201eBasis\u201c zu beziehen. So wird aus dem \u201eDreiklang\u201c Basis \u2013 \u00dcberbau \u2013 Bewusstseinsformen ein Dualismus Struktur \u2013 Superstruktur. Die Folge ist, dass mit dem Begriff \u201eSuperstrukturen\u201c \u00dcberbau und Bewusstseinsformen zusammengefasst werden. Polizei oder Gef\u00e4ngnisse einerseits und \u00e4sthetische oder religi\u00f6se Ansichten andererseits sind aber so verschiedenartig, dass es nicht gerade hilft, sie in einen Topf zu werfen.<\/p>\n<p>Eine weitere Folge: der Begriff \u201eBasis\u201c wirft die Frage auf: \u201eBasis wovon?\u201c, \u201e\u00dcberbau\u201c wirft die Frage auf: \u201e\u00dcberbau wovon?\u201c Beide Begriffe sind aufeinander bezogen, es geht um ein Basis-\u00dcberbau-Verh\u00e4ltnis. Dagegen wirft der Begriff \u201eStruktur\u201c die Frage auf: \u201ewie strukturiert?\u201c, also nach der inneren Gliederung der Basis, nicht nach ihrem Verh\u00e4ltnis zum \u00dcberbau. Marx hat sich ausf\u00fchrlich mit dieser inneren Gliederung besch\u00e4ftigt. Aber wenn er sich f\u00fcr sie interessierte, verwendete er nicht die Begriffe Basis und \u00dcberbau. Wenn er diese Begriffe verwendete, kam es ihm genau auf diesen Zusammenhang zwischen ihnen an. Sie durch Struktur und Superstruktur zu ersetzen, bedeutet, diesen Zusammenhang zu lockern. Und genau das passiert bei Gramsci.<\/p>\n<p>Neben der italienischen Sprache hat auch die italienische Geschichte Gramsci in diese Richtung gedr\u00e4ngt. Italien und Deutschland sind im 19. Jahrhundert kurz nacheinander b\u00fcrgerliche Nationalstaaten geworden. In Deutschland war ein entscheidender Faktor die wirtschaftliche Entwicklung, die die Kleinstaaterei immer mehr zu einem Hemmnis machte. Schon Jahrzehnte vor der Reichsgr\u00fcndung gab es Bestrebungen wirtschaftlicher Vereinheitlichung wie den Deutschen Zollverein. Die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte f\u00fchrten zu Ver\u00e4nderungen in der wirtschaftlichen Basis und dem politischen \u00dcberbau. Im wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndigeren Italien entwickelte sich das Bed\u00fcrfnis nach nationaler Einigung weniger durch die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte als durch die Konkurrenz mit anderen Staaten. \u201eDas Problem war nicht so sehr, die bereits entwickelten wirtschaftlichen Kr\u00e4fte von den veralteten rechtlichen und politischen Fesseln zu befreien, als vielmehr, die allgemeinen Bedingungen zu schaffen, damit diese wirtschaftlichen Kr\u00e4fte entstehen und sich nach dem Modell der anderen L\u00e4nder entwickeln konnten.\u201c (Heft 6 \u00a7 87) Das ist keine Widerlegung von Marx. Er bezeichnete seine oben zitierte Skizze als \u201eallgemeines Resultat\u201c, was einschlie\u00dft, dass die konkrete Entwicklung in einzelnen L\u00e4ndern davon abweichen kann. Sie ist ein \u201eLeitfaden\u201c f\u00fcr die Erforschung der Geschichte, kein Universalschl\u00fcssel, der das Studium der wirklichen Geschichte \u00fcberfl\u00fcssig machen w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>War Gramsci historischer Materialist?<\/h4>\n<p>Ich habe zu zeigen versucht, dass Gramsci in einzelnen Fragen von Marx abweicht und dass das teilweise nicht hilfreich ist (z.B. das Zusammenwerfen von \u00dcberbau und Bewusstseinsformen). Aber manche Autoren (z.B. Christian Riechers, der 1967 die erste Textsammlung Gramscis in der BRD herausgab, oder das Autorenkollektiv Kaminski, Karuscheit und Winter 1982) werfen Gramsci vor, insgesamt ein idealistischer \u201eAbweichler\u201c vom historischen Materialismus, von der marxistischen Geschichtsauffassung gewesen zu sein. Sie werfen Gramsci vor, er habe den menschlichen Willen zur Triebfeder der Geschichte gemacht und Marx auf den Kopf gestellt: W\u00e4hrend bei Marx die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte der Motor der Geschichte ist, die die Produktionsverh\u00e4ltnisse (die \u00f6konomische Basis) und auf diese Weise indirekt den politisch-juristischen \u00dcberbau und die Bewusstseinsformen bestimmt, w\u00fcrden bei Gramsci der Staat und das Bewusstsein die Geschichte bestimmen. Es stimmt, dass Gramsci den Staat nicht als passiven Reflex der Wirtschaft gesehen hat. Aber das haben auch Marx und Engels nicht behauptet. Und im 20. Jahrhundert, im Zeitalter des Imperialismus, ist die Wirkung des Staats auf die Wirtschaft gr\u00f6\u00dfer und sichtbarer geworden. Wenn Gramsci gegen eine mechanistische, fatalistische Karikatur des Marxismus k\u00e4mpfte und die Bedeutung des Staates und des bewussten menschlichen Handels in der Geschichte betonte, hatte er Recht. Damit verteidigte er einen wichtigen Aspekt des Marxismus sowohl gegen seine sozialdemokratische als auch stalinistische Entstellung.<\/p>\n<p>Zwei Aspekte von Gramscis Staatstheorie sicherten ihren marxistischen Charakter. Erstens betonte er den Klassencharakter des Staats. Der Staat ist der organisierte Ausdruck der jeweils herrschenden Klasse. Wenn man zweitens die verschiedenen \u00c4u\u00dferungen Gramscis \u00fcber den Inhalt der staatlichen T\u00e4tigkeit anschaut, dann ist die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte ein zentrales Thema. Dabei darf man Produktivkr\u00e4fte nicht mit Technik gleichsetzen. Diese ist nur ein Teilaspekt. Die produktiven F\u00e4higkeiten der Menschen geh\u00f6ren ebenso dazu. In diesem Sinne geh\u00f6ren auch viele der Ausf\u00fchrungen von Gramsci \u00fcber die Rolle des Staats bei Bildung und Erziehung zur Thematik Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Eine l\u00e4ngere Passage \u00fcber \u201eKr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse\u201c ist in diesem Zusammenhang interessant. Er unterscheidet dort drei Momente oder Ebenen: Als erstes nennt er ein eng an die Struktur (also die \u00f6konomische Basis) gebundenes, objektives Verh\u00e4ltnis: \u201eAuf der Basis des Entwicklungsgrades der materiellen Produktivkr\u00e4fte treten die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen auf, wobei jede derselben eine Funktion und eine Stellung in der Produktion selbst repr\u00e4sentiert.\u201c (Heft 4 \u00a7 38, vgl. Heft 13 \u00a7 17) Dieses Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis entscheidet, ob die Bedingungen f\u00fcr eine Umgestaltung der Gesellschaft vorhanden sind, ob die in einer Gesellschaft vorhandenen Ideologien realistisch sind. Wenn Gramsci nicht glaubt, dass das durch die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte m\u00f6glich gewordene automatisch passiert, sondern dass nur durch menschliches Handeln aus der M\u00f6glichkeit Wirklichkeit wird, dann hat er v\u00f6llig Recht.<\/p>\n<h4>Eine Seite des historischen Materialismus<\/h4>\n<p>Deshalb hat Gramsci nicht den historischen Materialismus verlassen, aber er hat eine Seite von ihm in den Vordergrund geschoben. Das Marx-Zitat, das dem Artikel als Motto vorangestellt wurde, zeigt die beiden Seiten des historischen Materialismus pr\u00e4gnant. Auf der einen Seite machen die Menschen ihre Geschichte. Auf der anderen Seite machen sie sie \u201enicht aus freien St\u00fccken, nicht unter selbstgew\u00e4hlten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden\u201c. Gramsci hat die erste Seite stark betont, was seine \u00dcberlegungen an verschiedenen Stellen schief und einseitig macht.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt an bei Gramscis Dualismus von Zwang und Konsens. Er kann ein zentrales Merkmal des Kapitalismus nicht ad\u00e4quat erfassen \u2013 n\u00e4mlich, dass \u201eUmst\u00e4nde\u201c, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse auf die Menschen Zw\u00e4nge aus\u00fcben, die vom direkten Zwang (durch Polizei, Gef\u00e4ngnisse etc.) sehr verschieden sind.<\/p>\n<p>Und das Bestehen halbwegs stabiler Verh\u00e4ltnisse, also die best\u00e4ndige Reproduktion dieser Verh\u00e4ltnisse ist nicht vorstellbar ohne das Vorhandensein irgendwelcher Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die diese best\u00e4ndige Reproduktion bewirken. Das bedeutet gleichzeitig einen Zwang gegen\u00fcber den einzelnen Menschen, sich gem\u00e4\u00df diesen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu verhalten und damit die \u00f6konomischen und sonstigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zu reproduzieren. F\u00fcr die ArbeiterInnen ist das der Zwang, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (was in der Arbeiterbewegung fr\u00fcher oft bildhaft als \u201eHungerpeitsche\u201c bezeichnet wurde), f\u00fcr die Kapitalisten z. B. der Zwang der Konkurrenz.<\/p>\n<p>Eine interessante Frage ist gerade das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen diesen Zw\u00e4ngen und dem Umstand, dass trotzdem die Menschen \u201eihre eigene Geschichte\u201c machen. Marx hat in dem bereits erw\u00e4hnten Vorwort zur \u201eKritik der Geschichte der politischen \u00d6konomie\u201c die Frage beantwortet, indem er erkl\u00e4rte, dass die materiellen Produktivkr\u00e4fte auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung in Widerspruch mit den Produktionsverh\u00e4ltnissen geraten und dann eine Epoche sozialer Revolution eintritt. Das ist der springende Punkt! So lange die Produktionsverh\u00e4ltnisse den Produktivkr\u00e4ften entsprechen, f\u00fchren auch Klassenk\u00e4mpfe und andere gesellschaftliche K\u00e4mpfe nur zur Reproduktion dieser Verh\u00e4ltnisse, bewirken z.B. dass die Ausgebeuteten sich einen Lebensstandard sichern, durch den sie weiter als Ausbeutungsobjekte zur Verf\u00fcgung stehen. Im Unterschied dazu besteht in Epochen sozialer Revolution die M\u00f6glichkeit, dass Klassenk\u00e4mpfe zur Umw\u00e4lzung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse f\u00fchren.<\/p>\n<p>Gehen wir weiter: Gramsci beschreibt die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte als wesentlichen Inhalt der Staatst\u00e4tigkeit \u2013 aber was, wenn die Produktionsverh\u00e4ltnisse und damit Klassenverh\u00e4ltnisse zur Fessel der Produktivkr\u00e4fte werden? Wenn die Produktivkraftentwicklung die Klassenherrschaft bedroht? Ist es dann nicht naheliegend, dass der Staat die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte bremst oder sie gar in Destruktivkr\u00e4fte verwandelt? Hat nicht die Frage, inwieweit die herrschende Klasse f\u00fchrt und wie weit sie herrscht, inwieweit sie sich auf Konsens st\u00fctzen kann oder zum Zwang greifen muss, auch damit zu tun, wie weit sie eine Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte f\u00f6rdert oder zumindest erm\u00f6glicht? Das meinte wohl Gramsci, als er schrieb, dass der Konsens \u201e\u00bbhistorisch\u00ab aus dem Prestige (und folglich aus dem Vertrauen) hervorgeht, das der herrschenden Gruppe aus ihrer Stellung und ihrer Funktion in der Welt der Produktion erw\u00e4chst\u201c. (Heft 12 \u00a7 1, vgl. Heft 4 \u00a7 49) Gramscis Betonung der Rolle des Staates steht keineswegs im Widerspruch zur Marxschen Erkenntnis, dass Produktionsverh\u00e4ltnisse und der sich \u00fcber ihnen erhebende \u00dcberbau zu einer Fessel f\u00fcr die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte werden und dann eine Epoche sozialer Revolution eintritt. Die Schieflage bei Gramsci besteht nicht darin, dass er die Rolle des Staats ausgearbeitet hat, sondern darin, dass er die Rolle der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse unterbetont hat, statt die Wechselwirkung zwischen beidem ausf\u00fchrlicher zu untersuchen.<\/p>\n<h4>Verh\u00e4ltnisse \u2013 Institutionen \u2013 Faktoren? <\/h4>\n<p>Jetzt k\u00f6nnen wir auch den Einwand einordnen, dass Marx die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zur Basis gerechnet habe, aber Gramsci die Zivilgesellschaft zu den Superstrukturen. Das ist vor allem Ausdruck davon, dass Marx und Gramsci unter Gesellschaft verschiedenes verstanden. F\u00fcr Marx hie\u00df \u201eGesellschaft\u201c vor allem \u201egesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse\u201c, f\u00fcr Gramsci \u201egesellschaftliche Institutionen\u201c (eben Bildungseinrichtungen, die Medien, die Kirchen, Vereine, Verb\u00e4nde etc.). Gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse zur Basis zu rechnen und gesellschaftliche Institutionen zum \u00dcberbau ergibt beides Sinn. Der Einwand gegen Gramsci w\u00e4re also nicht, die Zivilgesellschaft zu den Superstrukturen zu z\u00e4hlen, sondern erneut, sich einseitig mit den Institutionen besch\u00e4ftigt und die Verh\u00e4ltnisse vernachl\u00e4ssigt zu haben.<\/p>\n<p>Man kann das noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: In der Geschichte der Geschichtswissenschaft waren Faktorentheorien zeitweise beliebt. Aus der verwirrenden Vielfalt des historischen Geschehens wurden politische, religi\u00f6se, kulturelle, wirtschaftliche etc. Faktoren abstrahiert und die wirkliche Geschichte dann f\u00fcr ein Wechselspiel dieser Faktoren gehalten. Der Marxismus erscheint aus dieser Sicht als eine Faktorentheorie, in der dem wirtschaftlichen Faktor \u00fcbertriebene Bedeutung beigemessen werde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wird die Geschichte von Menschen aus Fleisch und Blut gemacht und nicht von Faktoren. Und diese Menschen befinden sich gleichzeitig in wirtschaftlichen, sozialen, politischen etc. Verh\u00e4ltnissen zu anderen Menschen, geh\u00f6ren gleichzeitig der Basis und dem \u00dcberbau an und haben \u201ebestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen\u201c im Kopf. Niemand hat besser als Antonio Labriola, der erste italienische Theoretiker des Marxismus (1843-1904), die Faktorentheorie kritisiert. Trotzki hat ihn daf\u00fcr in seiner Autobiographie gelobt und auch selbst dessen Kritik an der Faktorentheorie angewandt. Umso auff\u00e4lliger ist, dass Gramsci, der Labriola ebenfalls sch\u00e4tzte und Trotzki wegen vermeintlicher Labriola-Kritik zurechtwies (Heft 3 \u00a7 31, Heft 11 \u00a7 70), diesen Gedanken Labriolas nicht \u00fcbernahm, sondern sich von der Faktorentheorie in eine andere Richtung entfernte. Er stellte den abstrakten \u201eFaktoren\u201c nicht Menschen aus Fleisch und Blut entgegen, sondern konkrete Institutionen, Organisationen etc.<\/p>\n<p>Er besch\u00e4ftigt sich ausf\u00fchrlich mit den Organisationen und Institutionen, in denen die Menschen t\u00e4tig sind, und die die schwachen Einzelwillen der Menschen zu geschichtlich wirksamen Kollektivwillen zusammenfassen. Aber dass diese einzelnen Menschen, die diesen Organisationen angeh\u00f6ren, zugleich in diversen Produktions-, gesellschaftlichen und sonstigen Verh\u00e4ltnissen zu anderen Menschen stehen, das hat er vernachl\u00e4ssigt. Nicht dass er es bestritten h\u00e4tte, aber er hat es nicht bis in seine Konsequenzen durchdacht und nicht gen\u00fcgend ber\u00fccksichtigt. <\/p>\n<h4>Osten und Westen<\/h4>\n<p>Gramscis Dualismus von Herrschaft und F\u00fchrung, von Zwang und Konsens, von politischer Gesellschaft und Zivilgesellschaft f\u00fchrt ihn zu weiteren Dualismen, unter anderem denen von Ost und West und von Bewegungs- und Stellungskrieg. Gramsci zog eine Analogie zwischen der Kriegsf\u00fchrung im Ersten Weltkrieg und dem politischen Kampf (auch wenn er einr\u00e4umte, dass solche Vergleiche mit Vorsicht angewendet werden m\u00fcssen). Dem Bewegungskrieg an der Ostfront entspreche der handstreichartige Sieg der Revolution in Russland 1917. Dem Stellungskrieg (Sch\u00fctzengrabenkrieg) an der Westfront entspreche ein schrittweises Erobern der Institutionen der politischen und Zivilgesellschaft im Klassenkampf in den westlichen industrialisierten L\u00e4ndern. Die \u201eSuperstrukturen der Zivilgesellschaft sind wie das System der Sch\u00fctzengr\u00e4ben im modernen Krieg. Wie es vorkam, dass ein heftiger Artillerieangriff gegen die feindlichen Gr\u00e4ben, der alles zerst\u00f6rt zu haben schien, in Wirklichkeit nur die Oberfl\u00e4che der Verteidigung zerst\u00f6rt hatte und im Augenblick des Vorsto\u00dfes die Angreifer eine immer noch wirksame Verteidigung vorfanden, so geschieht es in der Politik in den gro\u00dfen Wirtschaftskrisen (\u2026) Nicht dass die Dinge beim Alten blieben; aber die Dinge entwickeln sich nicht blitzartig und im unwiderruflichen Vorw\u00e4rtsschreiten.\u201c (Heft 7 \u00a7 10, vgl. Heft 13 \u00a7 24) Und: \u201eIm Osten war der Staat alles, die Zivilgesellschaft war in ihren Anf\u00e4ngen und gallertenhaft; im Westen bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein richtiges Verh\u00e4ltnis, und beim Wanken des Staates gewahrte man sogleich eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Sch\u00fctzengraben, hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand\u201c. (Heft 7 \u00a7 16) Gramsci stellt also hier den Osten mit einer gallertenhaften Zivilgesellschaft dem Westen mit einer entwickelten Zivilgesellschaft, einem \u201erichtigen Verh\u00e4ltnis\u201c von Staat und Zivilgesellschaft gegen\u00fcber. (Hier verwendet er offenbar \u201eStaat\u201c im Sinn von \u201epolitischer Gesellschaft\u201c, nicht als Zusammenfassung von politischer und Zivilgesellschaft.) Deshalb war in Russland 1917 der Bewegungskrieg anwendbar, w\u00e4hrend im Westen nur der Stellungskrieg in Frage kam: \u201eMir scheint, Iljitsch [= Lenin] hatte verstanden, dass es einer Wende vom Bewegungskrieg, der 1917 siegreich im Osten angewandt worden war, zum Stellungskrieg bedurfte, welcher der einzig m\u00f6gliche im Westen war (\u2026). Dies scheint mir die Formel von der \u00bbEinheitsfront\u00ab zu bedeuten.\u201c (Heft 7 \u00a7 16)<\/p>\n<p>Gramscis Schlussfolgerung aus seinen \u00dcberlegungen ist also nicht, eine neue Taktik vorzuschlagen, sondern das f\u00fcr richtig zu erkl\u00e4ren, was die Kommunistische Internationale 1921\/22 beschlossen hatte. Der Hintergrund war, dass die Komintern die damalige Einheitsfrontpolitik inzwischen faktisch \u00fcber Bord geworfen hatte und eine Karikatur (\u201eEinheitsfront nur von unten\u201c) vertrat.<\/p>\n<h4>Einheitsfront und Permanente Revolution<\/h4>\n<p>Aber statt die falsche Politik der Komintern offen anzugreifen, tarnte er seine Kritik als Kritik an Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die er der Einheitsfront gegen\u00fcber stellte. Tats\u00e4chlich war die Einheitsfront keine Erfindung Lenins. Sie war spontan an der Basis entstanden, z.B. in der russischen Revolution 1917 im Abwehrkampf gegen den Putschversuch des Generals Kornilow. Als die Kommunistische Internationale 1921\/22 die Einheitsfrontmethode als l\u00e4ngerfristige Taktik entwickelte, kam der Ansto\u00df daf\u00fcr auch von unten, z.B. durch das konkrete Einheitsfrontangebot der Stuttgarter kommunistischen MetallarbeiterInnen an ihre KollegInnen aus SPD und USPD Ende 1920. In den folgenden Monaten k\u00e4mpften Lenin und Trotzki Seite an Seite daf\u00fcr, dass die Komintern die Einheitsfrontmethode \u00fcbernahm. Und zu der Zeit, als Gramsci seine Gef\u00e4ngnishefte schrieb, k\u00e4mpfte Trotzki leidenschaftlich daf\u00fcr, dass die KPD der Sozialdemokratie eine Einheitsfront gegen den Faschismus in Deutschland anbot.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geht es bei Einheitsfront und permanenter Revolution um ganz verschiedene Ebenen. Bei der Einheitsfront geht es um die Strategie und Taktik der Kommunistischen Partei. Bei der Permanenten Revolution geht es um ihre Perspektiven und Aufgaben: Kann man sich in L\u00e4ndern, in denen die Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution noch nicht verwirklicht wurden (Schaffung eines Nationalstaats, L\u00f6sung der Agrarfrage etc.) auf diese Ziele beschr\u00e4nken? Oder k\u00f6nnen diese Fragen eine solche revolution\u00e4re Sprengkraft entfalten, dass sie die Arbeiterklasse an die Macht bringen, die sich dann dar\u00fcber hinaus sozialistische Ziele stellt? Bezogen auf Italien bedeutete das z. B. die Frage, ob die \u201eS\u00fcdfrage\u201c, die halbkoloniale Ausbeutung S\u00fcditaliens durch die norditalienischen Kapitalisten, im Rahmen des Kapitalismus zu l\u00f6sen war oder nicht. Wenn Gramsci unmittelbar vor seiner Verhaftung in seiner bekannten Arbeit \u201eEinige Gesichtspunkte der Frage des S\u00fcdens\u201c schrieb: \u201eWenn das Proletariat des Nordens sich selbst von der kapitalistischen Sklaverei befreit, wird es auch die Bauernmassen des S\u00fcdens befreien, die unter der Knechtschaft der Banken und des parasit\u00e4ren Industriekapitals des Nordens leben\u201c, dann vertrat er in dieser Frage selbst die Position der \u201epermanenten Revolution\u201c.<\/p>\n<p>Was Gramsci mit dem von ihm unpassend verwendeten Ausdruck \u201epermanente Revolution\u201c wirklich meinte, war der R\u00fcckfall der Komintern in die \u201eOffensivtheorie\u201c von 1921. Das war die Vorstellung, dass eine revolution\u00e4re Partei unabh\u00e4ngig von der Lage und vom Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis nur revolution\u00e4re Offensivk\u00e4mpfe f\u00fchren d\u00fcrfe. Diese platte \u201eTheorie\u201c \u00e4hnelte in der Tat dem, was Gramsci jetzt \u201eBewegungskrieg\u201c nannte. Sie war damals auf Dr\u00e4ngen von Lenin und Trotzki verworfen worden war (wovon Gramsci selbst erst 1923 \u00fcberzeugt wurde). In der Kritik an diesem R\u00fcckfall waren sich Gramsci und Trotzki v\u00f6llig einig. So schrieb der \u201eLeninbund\u201c, die Oppositionsgruppe, in der Trotzkis deutsche Anh\u00e4ngerInnen damals aktiv waren, nach dem 1. Mai 1929 (als die KPD-F\u00fchrung auf ein Blutbad an kommunistischen ArbeiterInnen mit wilden Parolen reagierte), \u201edass die Thesen des Sekretariats des ZK der KPD alles in den Schatten stellen, was je zur Zeit des bl\u00fchendsten Putschismus und der \u201aOffensivtheorie\u2019 verzapft worden ist. Damals aber hatte man die Gew\u00e4hr, dass unter F\u00fchrung von Lenin die Komintern wie ein reinigendes Gewitter dreinfuhr. (&#8230;) Heute aber steht zu erwarten, dass die Komintern und WKP [Allrussische Kommunistische Partei] unter Stalin den verbrecherischen Unsinn der Th\u00e4lmann-Neumann noch unterst\u00fctzen werden.\u201c (\u201eDer 1. Mai und die KPD. Ultralinke Kinderkrankheiten.\u201c, in: Die Fahne des Kommunismus, 3. Jg. Nr. 18, 17. 5. 1929)<\/p>\n<p>In Italien nahm das Sektierertum der Komintern die Form an, dass von den KommunistInnen ein offensives Auftreten ohne R\u00fccksicht auf die Bedingungen der Illegalit\u00e4t verlangt wurde. Drei Mitglieder der Parteileitung widersetzten sich und wurden ausgeschlossen. Sie schlossen sich Trotzkis internationaler linker Opposition an. Gramscis Behauptung, dass Trotzki als \u201eTheoretiker des Frontalangriffs zu einer Zeit, in der dieser nur zur Niederlage f\u00fchrt, angesehen werden kann\u201c (Heft 6 \u00a7 138) war v\u00f6llig unrichtig.<\/p>\n<h4>Exkurs: Gramscis Trotzki-Kritik<\/h4>\n<p>Gramsci polemisiert in seinen Gef\u00e4ngnisheften mehrfach gegen Trotzki. Die Kritik ist so schwach, dass man nur hoffen kann, dass sie ein gezieltes Ablenkungsman\u00f6ver war, um nicht selbst in den Verdacht \u201etrotzkistischer Abweichungen\u201c zu geraten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal war die Theorie der Permanenten Revolution kein Wiederaufgreifen der Marxschen Bemerkungen \u00fcber die Jakobiner und die Revolution 1848\/49. Trotzkis Theorie ergab sich aus einer Analyse der Klassenbeziehungen in Russland. Das Etikett \u201epermanente Revolution\u201c, das an die Marxschen \u00c4u\u00dferungen ankn\u00fcpfte, stammte gar nicht von Trotzki, sondern von seinen Gegnern. Dass die Theorie bei Trotzki eine \u201eabstrakte Sache\u201c, \u201ewie aus der Studierstube\u201c gewesen sei, w\u00e4hrend sie von seinen Gegnern \u201ein einer der aktuellen Geschichte entsprechenden, konkreten, lebendigen, der Zeit und dem Ort angemessenen Form\u201c faktisch angewandt worden sei (Heft 19 \u00a7 24, vgl. Heft 1 \u00a7 44), ist unsinnig. Schlie\u00dflich war es Trotzki, der die faktische Anwendung der Theorie in der Oktoberrevolution organisierte.<\/p>\n<p>Gramsci mokierte sich \u00fcber den Satz des bolschewistischen Politikers Lunatscharski, dass Trotzkis Theorie mit 15 Jahren Versp\u00e4tung in Erf\u00fcllung gegangen sei. (Heft 7 \u00a7 16) Aber wie Trotzki schon in seiner Autobiographie schrieb, bestand die Differenz zwischen ihm und anderen russischen Revolution\u00e4ren nicht darin, dass Trotzki sich im Termin des Sieges der Revolution geirrt hatte \u2013 alle erhofften 1905\/06 den unmittelbaren Sieg der Revolution. Die Differenz war, dass Trotzki als einziger die Perspektive hatte, dass die Arbeiterklasse in Russland fr\u00fcher als in Westeuropa an die Macht kommen k\u00f6nne, wie es 1917 tats\u00e4chlich geschah. In seinem im ersten Teil dieses Artikels zitierten Brief vom Februar 1924 hatte Gramsci das noch verstanden.<\/p>\n<p>Gramsci brachte Trotzkis Theorie mit der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Russlands zusammen und sagte, dass der \u201eBewegungskrieg\u201c veraltet sei f\u00fcr die modernen Staaten, aber \u201enicht f\u00fcr die zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4nder und f\u00fcr die Kolonien\u201c. (Heft 13 \u00a7 7) Aber Trotzkis Theorie der permanenten Revolution bezog sich genau auf \u201edie zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4nder und die Kolonien\u201c! Gramscis \u201eEinwand\u201c war also eine Best\u00e4tigung Trotzkis.<\/p>\n<p>Gramsci erwiderte Trotzkis Nationalismus-Vorwurf gegen Stalin damit, dass die bolschewistische Politik 1902-1917 internationalistisch gewesen sei. (Heft 14 \u00a7 68) Aber Trotzki warf Stalin ja gerade vor, durch seine Theorie des \u201eSozialismus in einem Lande\u201c mit dieser bolschewistischen Tradition gebrochen zu haben und nahm f\u00fcr sich in Anspruch, diese Tradition fortzusetzen (weshalb sich die linke Opposition um Trotzki Bolschewiki-Leninisten nannte).<\/p>\n<p>Das entscheidende Motiv f\u00fcr Gramscis Ablehnung Trotzkis d\u00fcrfte aber (wie im ersten Teil dieses Artikels beschrieben) gewesen sein, dass er glaubte, die Stalin-Fraktion nehme auf die Bauernschaft besser R\u00fccksicht. Dass Gramsci das nicht korrigierte, w\u00e4hrend Stalin im Rahmen der Zwangskollektivierung tats\u00e4chlich Massenmord an den B\u00e4uerInnen beging, ist vielleicht mit Mangel an Information \u00fcber die Ereignisse in der Sowjetunion erkl\u00e4rbar. <\/p>\n<h4>Bewegungskrieg und Stellungskrieg<\/h4>\n<p>Gramscis Stellungskrieg-Bild kn\u00fcpfte also an die Einheitsfrontpolitik von Lenin und Trotzki an. Aber war es eine Verbesserung? Eine der wenigen positiven Bemerkungen Gramscis \u00fcber Trotzki bezieht sich auf dessen Referat auf dem 4. Kominternkongress (am 14. November 1922). Trotzki argumentierte: \u201eerst als das B\u00fcrgertum zu verstehen begann, was es verlor, wenn es die Macht verlor, suchte es mit allen Mitteln, wobei es selbstverst\u00e4ndlich die erste Stelle an den Adel, die adeligen Offiziere usw. abtrat, die potentiellen konterrevolution\u00e4ren Reserven in Bewegung zu setzen.\u201c (Protokoll des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale (Reprint), Erlangen 1972, 269) Deshalb gab es in Russland nach dem Sieg der Revolution einen langen blutigen B\u00fcrgerkrieg, w\u00e4hrend nach der russischen Erfahrung in Westeuropa schon vor der Revolution die herrschenden Klassen alles mobilisierten, um sie zu verhindern. Deshalb sei im Westen die Machteroberung f\u00fcr die Arbeiterklasse schwerer, aber danach werde es leichter sein. Gramsci kommentierte diese \u00dcberlegungen Trotzkis: \u201eEs w\u00fcrde also darum gehen, ob die Zivilgesellschaft vor oder nach dem Angriff widersteht, wo dieser erfolgt usw. Die Frage ist aber nur in gl\u00e4nzender literarischer Form dargestellt worden, doch ohne Hinweise praktischer Art\u201c (Heft 3 \u00a7 24) Abgesehen davon, dass \u201eHinweise praktischer Art\u201c nicht n\u00f6tig waren, weil die Einheitsfrontpolitik ja bereits beschlossen war \u2013 Trotzki argumentierte hier nicht, dass es in Russland keine Zivilgesellschaft gegeben habe, sondern dass sie \u00fcberrascht worden sei. Tats\u00e4chlich ist Gramscis oben zitiertes Argument, dass der Staat (im Sinne von politischer Gesellschaft) in Russland \u201ealles\u201c gewesen sei, nicht haltbar. In Russland gab es auch Hegemonie und Konsens. Man denke an die Rolle, die die orthodoxe Kirche, der Zarenkult oder der Antisemitismus spielten. Wenn Gramsci \u00fcber Italien w\u00e4hrend der Revolution 1848\/49 schrieb, also zu einer Zeit, als nach seinem Schema der Bewegungskrieg angemessen war, dann war ihm klar, dass es da auch eine Zivilgesellschaft gab. Er erinnerte, dass \u201edie kroatischen Bauern 1848 gegen die Mail\u00e4nder Liberalen k\u00e4mpften und die lombardisch-venezianischen Bauern gegen die Wiener Liberalen. Den realen ethisch-politischen Zusammenhang zwischen Regierenden und Regierten bildete damals die Person des Kaisers oder des K\u00f6nigs\u201c (Heft 10 I \u00a7 13, vgl. Heft 8 \u00a7 227) Und wir k\u00f6nnen noch weiter in die Vergangenheit gehen: Gramsci berief sich, wie gesehen, bei seinem Konzept von Zwang und Konsens auf Machiavelli und Guicciardini \u2013 Autoren des 16. Jahrhunderts. Wenn es Zivilgesellschaft und Hegemonie aber auch in der Vergangenheit gab \u2013 sie nur anders organisiert waren \u2013, dann macht es keinen Sinn, den Bewegungskrieg einer vor-zivilgesellschaftlichen Geschichtsperiode zuzuordnen. Dann kann man auch f\u00fcr die Zukunft mit Situationen rechnen, in denen der \u201eBewegungskrieg\u201c eine angemessene Taktik ist. Und umgekehrt war es keineswegs so, dass der \u201eBewegungskrieg\u201c im zaristischen Russland immer die richtige Taktik gewesen w\u00e4re. Nach der Niederlage der Revolution von 1905 folgten viele Jahre des \u201eStellungskriegs\u201c. Sobald Lenin erkannt hatte, dass die Revolution vorbei sei, f\u00fchrte er innerhalb der Bolschewiki einen Kampf f\u00fcr die Beteiligung an Wahlen, trotz des reaktion\u00e4ren und undemokratischen Wahlrechts. Er k\u00e4mpfte f\u00fcr den Erhalt der legalen Presse, obwohl sie unter den Bedingungen der zaristischen Zensur vieles nur andeuten konnte. Ebenso k\u00e4mpften die Bolschewiki f\u00fcr den Aufbau legaler Vorfeldorganisationen, von Gewerkschaften, Genossenschaften, Sozialkassen (eine staatliche Sozialversicherung gab es nicht). Zugleich k\u00e4mpften die Bolschewiki in all diesen Organisationen f\u00fcr ihre Ideen und gegen den Reformismus. Die Bolschewiki k\u00e4mpften also f\u00fcr den Aufbau einer \u201eZivilgesellschaft\u201c (die aber nat\u00fcrlich kein Bereich war, in dem die herrschende Klasse f\u00fchrte und Konsens f\u00fcr ihre Herrschaft organisierte, sondern in dem die Revolution\u00e4rInnen am Konsens f\u00fcr einen Sturz der herrschenden Klasse arbeiteten) und f\u00fcr ihre revolution\u00e4ren Ideen innerhalb dieser \u201eZivilgesellschaft\u201c.<\/p>\n<p>Auch in der Revolution 1917 gab es lange Phasen, in denen f\u00fcr die Bolschewiki nicht der Kampf um die Macht, sondern um die Mehrheit innerhalb der Arbeiterklasse, der Armee und der Bauernschaft im Vordergrund stand. Im April 1917 gab Lenin die Parole \u201egeduldig erkl\u00e4ren\u201c aus. Gramsci stellte Bewegungs- und Stellungskrieg viel zu mechanisch gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Dazu passt auch, dass Gramscis milit\u00e4rische Analogie nicht hinhaute. Seine Einsch\u00e4tzung, der Bewegungskrieg spiele zwischen den industriell fortgeschrittensten L\u00e4ndern inzwischen eine untergeordnete Rolle, wurde offensichtlich wenige Jahre sp\u00e4ter durch die \u201eBlitzkriege\u201c des Zweiten Weltkriegs widerlegt.<\/p>\n<p>Auch hier zeigt sich Gramscis Vernachl\u00e4ssigung der Verh\u00e4ltnisse gegen\u00fcber dem menschlichen Handeln. Er argumentiert, dass die moderne Zivilgesellschaft aus zahlreichen Institutionen, Organisationen etc. besteht, die als Verteidigungseinrichtungen des Kapitalismus dienen. Er ber\u00fccksichtigt nicht, dass die gro\u00dfe Masse der Angeh\u00f6rigen dieser Organisationen sich gleichzeitig in Produktionsverh\u00e4ltnissen befindet, die sie zu Angeh\u00f6rigen der Arbeiterklasse machen. Das bedeutet einen Widerspruch zwischen ihrer Klassenlage und dem Zweck der Organisationen, denen sie angeh\u00f6ren. Das kann in Zeiten revolution\u00e4rer G\u00e4rung dazu f\u00fchren, das scheinbar stabile Institutionen des b\u00fcrgerlichen Staats oder Organisationen der Zivilgesellschaft zusammenbrechen oder von der proletarischen Mehrheit ihrer Angeh\u00f6rigen \u201einstandbesetzt\u201c werden. Oder, um bei Gramscis milit\u00e4rischer Metapher zu bleiben, dass die Soldaten ihre Sch\u00fctzengr\u00e4ben verlassen oder die Gewehre gegen ihre eigenen Offiziere wenden. Vergessen wir nicht, dass der erste Weltkrieg, auf den sich Gramsci berief, so endete und nicht mit der Eroberung eines Sch\u00fctzengraben nach dem anderen im Stellungskrieg. Wenn die moderne Zivilgesellschaft aus zahlreichen Institutionen und Organisationen besteht, schlie\u00dft das nicht den \u201eBewegungskrieg\u201c aus, es bedeutet nur, dass dieser Bewegungskrieg nicht in erster Linie aus Barrikadenk\u00e4mpfen und der \u201eEroberung der Stra\u00dfe\u201c besteht, sondern der Klassenkampf innerhalb der Institutionen und Organisationen der Zivilgesellschaft (und der politischen Gesellschaft) eine wichtige Rolle spielt.<\/p>\n<p>Gramsci hat bei seiner Polemik gegen den Bewegungskrieg nicht nur Trotzki angegriffen, sondern auch Rosa Luxemburg und deren Schrift \u201eMassenstreik, Partei und Gewerkschaften\u201c von 1906 (Heft 7 \u00a7 10, Heft 13 \u00a7 24). Offenbar war er sich nicht bewusst, in wie schlechter Gesellschaft er sich da befand: 1910 hatte es zwischen Rosa Luxemburg und dem SPD-Cheftheoretiker Kautsky eine scharfe Auseinandersetzung gegeben. Kautsky verwendete statt der Begriffe Bewegungs- und Stellungskrieg die Begriffe Niederwerfungs- und Ermattungsstrategie, aber bez\u00fcglich der Charakterisierung und des behaupteten historischen Geltungsbereichs waren die Parallelen zwischen Kautsky und Gramsci verbl\u00fcffend. Ein Unterschied war allerdings, dass der Stellungskrieg bei Kautsky letztlich die Vertr\u00f6stung auf einen Wahlsieg bei den kommenden Reichstagswahlen bedeutete, wovon bei Gramsci nat\u00fcrlich keine Rede sein konnte.<\/p>\n<h4>Reformismus und Stalinismus<\/h4>\n<p>Man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, dass Gramscis Vernachl\u00e4ssigung der sozialen Verh\u00e4ltnisse der Angeh\u00f6rigen von Organisationen ihn auch zu anderen ernsten politischen Fehlern gef\u00fchrt hat. Wie wir im ersten Artikel gesehen haben, unterst\u00fctzte Gramsci bis zum Herbst 1923 Bordigas Ablehnung der Vereinigung Kommunistischer Parteien mit sich radikalisierenden und in eine revolution\u00e4re Richtung entwickelnden sozialistischen Parteien oder Fraktionen. Noch 1926 betonte Gramsci, die Sozialdemokratie sei der linke Fl\u00fcgel der Bourgeoisie und nicht der rechte Fl\u00fcgel des Proletariats. Damit setzte er die Sozialdemokratie mit ihrer b\u00fcrgerlichen Ideologie und ihrer den Kapitalismus stabilisierenden Rolle gleich und vernachl\u00e4ssigte, dass ihre Mitgliedschaft aus ArbeiterInnen bestand, die sich durch die Erfahrung mit kapitalistischer Krise und faschistischem Terror radikalisieren konnten. Wegen diesem widerspr\u00fcchlichen Charakter, der bis in die 1990er Jahre bestand, haben MarxistInnen die Sozialdemokratie damals als b\u00fcrgerliche Arbeiterparteien oder Arbeiterparteien mit b\u00fcrgerlicher F\u00fchrung bezeichnet.<\/p>\n<p>Denselben Fehler machte Gramsci bei seiner Analyse \u2013 oder vielmehr Nicht-Analyse \u2013 des Stalinismus, nur dass hier die Entwicklung umgekehrt war. W\u00e4hrend die Sozialdemokratie eine b\u00fcrgerliche F\u00fchrung hatte, aber sich die Basis radikalisierte, waren die Bolschewiki urspr\u00fcnglich eine durch und durch revolution\u00e4re Partei. Die Isolation der russischen Revolution f\u00fchrte zur Herausbildung einer privilegierten B\u00fcrokratie. Auch innerhalb der Bolschewistischen Partei gingen die Unterdr\u00fcckung der innerparteilichen Demokratie und die Einf\u00fchrung von materiellen Privilegien Hand in Hand. Der verstorbene russische Historiker Wadim Rogowin hat in seinem Buch \u201eTrotzkismus\u201c (deutsch 2010) die Verbindung zwischen beiden Entwicklungen ausgezeichnet herausgearbeitet. Die Tatsache, dass die Parteifunktion\u00e4re immer mehr zu privilegierten B\u00fcrokraten wurden, sich also in v\u00f6llig ver\u00e4nderten sozialen Verh\u00e4ltnisse befanden, f\u00fchrte dazu, dass sich schlie\u00dflich der Charakter der Partei vollst\u00e4ndig ver\u00e4nderte, von einer revolution\u00e4ren Kampforganisation zu einem Unterdr\u00fcckungsorgan gegen die ArbeiterInnen. Gramsci, der diese sozialen Ver\u00e4nderungen nicht verstand, konnte nat\u00fcrlich die Verwandlung der Bolschewistischen Partei ebenfalls nicht verstehen und daher auch nicht den Kampf der Linken Opposition um Trotzki gegen diese Verwandlung.<\/p>\n<h4>Gegen den reformistischen Missbrauch Gramscis<\/h4>\n<p>Verwirrend ist auch, dass Gramsci in dem oben angef\u00fchrten Zitat den Staat (im Sinne von politischer Gesellschaft) als \u201evorgeschobenen Sch\u00fctzengraben\u201c bezeichnet hat. Das w\u00fcrde bedeuten, dass die herrschende Klasse normalerweise mittels Zwang herrscht und erst, wenn dieser Zwang versagt, wenn dieser Sch\u00fctzengraben gefallen ist, zum Konsens ihre Zuflucht nimmt. Nat\u00fcrlich ist es genau umgekehrt, was Gramsci auch an mehreren Stellen ausf\u00fchrt. Er schrieb z. B., dass der staatliche Zwangsapparat \u201ef\u00fcr die gesamte Gesellschaft in der Voraussicht von Krisenmomenten im Kommando und in der F\u00fchrung, in denen der spontane Konsens schwindet, eingerichtet ist.\u201c (Heft 12 \u00a7 1, vgl. Heft 4 \u00a7 49)<\/p>\n<p>Gramsci hatte v\u00f6llig Recht mit seiner Polemik gegen die damalige platte Kominternvorstellung, dass die Weltwirtschaftskrise ab 1929 automatisch zur Revolution f\u00fchren w\u00fcrde. Aber das hie\u00df nicht, dass die ArbeiterInnen die politische Macht erobert h\u00e4tten und sich dann in den Fallstricken der Zivilgesellschaft verfangen h\u00e4tten. Sondern sie kamen gar nicht erst bis zur Machteroberung. Gramscis Formulierung, dass die politische Gesellschaft und nicht die Zivilgesellschaft der vorderste Sch\u00fctzengraben sei, ist h\u00f6chst gef\u00e4hrlich. Denn wenn in einer revolution\u00e4ren Situation die kapitalistischen Institutionen der Zivilgesellschaft und des Staates in der Luft h\u00e4ngen, wenn die Macht quasi auf der Stra\u00dfe liegt und die Arbeiterklasse sie nur aufheben m\u00fcsste, dann gibt es tats\u00e4chlich noch \u201eSch\u00fctzengr\u00e4ben\u201c zur Verteidigung des kapitalistischen Staats (und zwar Sch\u00fctzengr\u00e4ben, die tats\u00e4chlich in Westeuropa viel st\u00e4rker waren als im zaristischen Russland): n\u00e4mlich die reformistischen und zentristischen (d.h. in Worten revolution\u00e4ren und in Taten reformistischen) Str\u00f6mungen in der Arbeiterbewegung. Sie erfinden dann tausend Ausreden und Vorw\u00e4nde, warum die Arbeiterklasse die Macht nicht \u00fcbernehmen darf. Gramscis Behauptung, dass hinter dem gefallenen Sch\u00fctzengraben des Staats noch nicht eroberte Sch\u00fctzengr\u00e4ben der Zivilgesellschaft seien, kann als eine solche Ausrede dienen. So kann die Einsch\u00fcchterung der Arbeiterklasse mit dem fiktiven Hindernis der Zivilgesellschaft zu einem wirklichen Hindernis bei einer revolution\u00e4ren Macht\u00fcbernahme werden. Das beste Mittel, solche falschen Ideen in der Praxis zu bek\u00e4mpfen, ist die Einheitsfrontmethode. Und um den reformistischen Missbrauch des Ansehens Gramscis zu verhindern, ist auch die Kl\u00e4rung seiner wirklichen Ideen wichtig.<\/p>\n<p>Denn wenn man einzelne missgl\u00fcckte Formulierungen wegl\u00e4sst: ein roter Faden seiner Gef\u00e4ngnishefte ist, welche aktive und dynamische Rolle der Staat (sowohl im traditionellen als auch in Gramscis erweiterten Sinne) spielt. Die logische Schlussfolgerung ist, dass die Arbeiterklasse keine M\u00f6glichkeit verstreichen lassen darf, sich dieses Mittel zu verschaffen. Ebenso wichtig ist aber ein weiterer roter Faden: der Staat ist keine neutrale Institution, kein Gef\u00e4\u00df, das verschiedene Klassen mit Inhalt f\u00fcllen k\u00f6nnten, sondern er ist die als Staat organisierte herrschende Klasse. Deshalb kann die Arbeiterklasse den kapitalistischen Staat nicht \u00fcbernehmen (oder gar in ihm eine Koalitionsregierung mit kapitalistischen Parteien bilden), sondern muss ihn zerschlagen und durch ihren eigenen Staat (Gramscis Mith\u00e4ftling Athos Lisa berichtete, dass Gramsci in Gespr\u00e4chen die Parole \u201eRepublik der Arbeiter- und Bauernr\u00e4te\u201c verwendete) ersetzen. Der Faschismus in Deutschland und Italien hat gezeigt, welche schrecklichen Folgen es hat, wenn die Arbeiterklasse z\u00f6gert und die Faschisten den Staat unter ihre Kontrolle bringen (die anders als die Arbeiterklasse den kapitalistischen Staatsapparat verwenden k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Eine Aufgabe f\u00fcr MarxistInnen ist, Gramsci gegen reformistische Missdeutungen und Vereinnahmungen zu verteidigen. Ein Beispiel ist die Parole der verfassungsgebenden oder konstituierenden Versammlung. Der eben erw\u00e4hnte Athos Lisa berichtete aus Gespr\u00e4chen 1930 und 1932, dass Gramsci diese Parole propagierte. Damit war Gramsci gegen\u00fcber der damaligen sektiererischen Politik der Komintern v\u00f6llig im Recht. Leo Trotzki unterst\u00fctzte zur selben Zeit dieselbe Parole f\u00fcr Italien, ohne dass einer das vom anderen wissen konnte. Beide gingen davon aus, dass in Italien eine proletarische Revolution anstand. Ziel war nicht die Ersetzung des Faschismus durch eine kapitalistische Demokratie, sondern der Sturz des Kapitalismus. Aber beide gingen davon aus, dass zu Beginn der in B\u00e4lde erhofften Revolution die Kommunistische Partei eine kleine Kraft sein werde (Gramsci sprach von h\u00f6chstens 6.000 Aktiven). Deshalb werde die Revolution ein l\u00e4ngerer Prozess sein, in dem die Kommunistische Partei die Massen gewinnen werde. Dabei w\u00fcrden neben dem Kampf f\u00fcr \u00f6konomische Forderungen der Massen auch der f\u00fcr demokratische Forderungen eine wichtige Rolle spielen. Und bei diesen demokratischen Forderungen nehme die Konstituierende Versammlung eine zentrale Rolle ein.<\/p>\n<p>1944 \u00fcbernahm die Kommunistische Partei Italiens diese Parole und der bekannte linke Politikwissenschaftler Frank Deppe, der in seinem mehrb\u00e4ndigen Werk \u00fcber \u201ePolitisches Denken im 20. Jahrhundert\u201c Gramsci 70 Seiten gewidmet hat, lobt sie f\u00fcr diese \u00dcbernahme von Gramscis Idee. Aber die Lage war jetzt v\u00f6llig anders. Hunderttausende PartisanInnen k\u00e4mpften gegen die Nazibesatzung Norditaliens und die Kommunistische Partei spielte dabei eine zentrale Rolle (Deppe selbst charakterisiert es als \u201equasi-revolution\u00e4re Situation am Ende des Krieges\u201c). Wenn die Kommunistische Partei damals ihre Autorit\u00e4t nutzte, um den italienischen Kapitalismus zu retten, dann lernte sie nicht von Gramsci, sondern trat sein Erbe mit F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<h4>Intellektuelle und herrschende Klasse<\/h4>\n<p>Eine zentrale Rolle bei der Frage der Hegemonie spielen die Intellektuellen. Gramsci untersuchte Hegemonie in zwei Zusammenh\u00e4ngen: 1. Hegemonie der herrschenden Klasse \u00fcber beherrschte Klassen; 2. Hegemonie einer revolution\u00e4ren Klasse im B\u00fcndnis mit anderen ausgebeuteten Klassen. Entsprechend stellt sich auch die Frage der Intellektuellen doppelt. Hier geht es zun\u00e4chst um die Bedeutung der Intellektuellen f\u00fcr die herrschende Klasse.<\/p>\n<p>Gramsci definierte Intellektuelle nicht nach dem Inhalt ihrer T\u00e4tigkeit, sondern nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die Intellektuellen sind die Funktion\u00e4re der Superstrukturen, sowohl der politischen als auch der Zivilgesellschaft. Damit spielen die Intellektuellen eine zentrale Rolle als \u201eGehilfen\u201c der herrschenden Klasse, sowohl beim Zwang (beim Herrschen) als auch beim Konsens (beim F\u00fchren).<\/p>\n<p>Intellektuelle bilden keine eigene Klasse, sondern verschiedene Klassen bilden jeweils ihre eigenen \u201eorganischen\u201c Intellektuellen heraus. Wenn eine neue herrschende Klasse eine wirtschaftlich fortschrittliche Rolle spielt, dann \u00fcben ihre organischen Intellektuellen auf die organischen Intellektuellen der alten herrschenden Klasse eine enorme Anziehungskraft aus und k\u00f6nnen sie sich unterordnen. Diese organischen Intellektuellen einer fr\u00fcheren herrschenden Klasse nannte Gramsci \u201etraditionelle Intellektuelle\u201c.<\/p>\n<p>Zugleich f\u00fchrt das Aufgehen der traditionellen Intellektuellen in den neuen organischen Intellektuellen dazu, dass es ein hohes Ma\u00df an Kontinuit\u00e4t gibt. Ihr deutlichster Ausdruck ist die Kirche, die im Feudalismus der Hegemonie der Feudalherren diente, im Kapitalismus der Hegemonie der Kapitalisten. Aber auch ein b\u00fcrgerlicher Philosoph kann so in der Geschichte der Philosophie aufgehen, dass er sich Aristoteles mehr verbunden f\u00fchlt als den zeitgen\u00f6ssischen Wirtschaftsbossen. Diese Kontinuit\u00e4t tr\u00e4gt zu einer gewissen Autonomie der Intellektuellen gegen\u00fcber der herrschenden Klasse bei, die bis zu dem Irrglauben f\u00fchren kann, dass sie \u201eder Staat\u201c seien und dass sie \u00fcber die gesellschaftlichen K\u00e4mpfe erhaben seien. Das kann auch zu einem betr\u00e4chtlichen \u201eKorpsgeist\u201c unter den Intellektuellen f\u00fchren, obwohl es innerhalb der Intellektuellen eine Abstufung gibt: oben die \u201eSch\u00f6pfer\u201c, unten die Verwalter und Verbreiter des intellektuellen Reichtums.<\/p>\n<h4>Die Entwicklung einer revolution\u00e4ren Klasse<\/h4>\n<p>Kommen wir jetzt zur Rolle der Intellektuellen f\u00fcr die revolution\u00e4re Klasse: In dem bereits zitierten Text zu \u201eKr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen\u201c und an anderen Stellen hat Gramsci versucht, die Formierung einer neuen Klasse, ihre Entwicklung zu Homogenit\u00e4t und Selbstbewusstsein zu schematisieren. (Gramsci betonte, dass die Wirklichkeit komplizierter ist als dieses Schema. Trotzdem k\u00f6nne es hilfreich sein.)<\/p>\n<p>1. das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl einer Berufsgruppe.<\/p>\n<p>2. das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl einer Klasse innerhalb der bestehenden Verh\u00e4ltnisse. Hier kommen Forderungen nach Mitwirkung, Gleichberechtigung, Reform auf. In dieser Phase bilden sich neben Berufsverb\u00e4nden (Z\u00fcnften beim B\u00fcrgertum, Gewerkschaften bei der Arbeiterklasse) auch Parteien als bewusste Interessenvertretung. Gramsci behauptete nicht, dass alle historischen Parteien ein solcher Ausdruck einer Klasse waren. Aber f\u00fcr ihn war die Herausbildung von Parteien in diesem Sinne eine historische Notwendigkeit im Formierungsprozess einer Klasse.<\/p>\n<p>3. die eigentliche politische Phase, in der die korporativen Interessen \u00fcberschritten werden und gemeinsame Interessen mit anderen unterdr\u00fcckten Gruppen formuliert werden. Aus den zuvor aufkeimenden Ideologien bildet sich eine Ideologie oder Kombination von Ideologien heraus. Es entstehen komplexe Superstrukturen. (Also gewisserma\u00dfen Gegen-Superstrukturen gegen die Superstrukturen der herrschenden Klasse.) Da f\u00fcr Gramsci die Intellektuellen die Funktion\u00e4re der Superstrukturen sind, ist das mit der Herausbildung von eigenen organischen Intellektuellen durch die revolution\u00e4re Klasse verkn\u00fcpft.<\/p>\n<h4>Intellektuelle und revolution\u00e4re Klasse<\/h4>\n<p>Wie erw\u00e4hnt, hat Gramsci bei seinen historisch-politischen Untersuchungen gerne den Aufstieg des B\u00fcrgertums und der Arbeiterklasse verglichen und Parallelen herausgearbeitet. Aber gerade das Verh\u00e4ltnis von Klassen und ihren organischen Intellektuellen zeigt, dass dieser Vergleich so stark hinkt, dass er in die Irre f\u00fchrt. Die feudalen Gro\u00dfgrundbesitzer haben die B\u00e4uerInnen ausgebeutet, nicht das B\u00fcrgertum. Das entstand quasi in den Nischen der Feudalgesellschaft und erstarkte, teils indem es sich selbst an der feudalen Ausbeutung beteiligte, teils durch die Entwicklung neuer kapitalistischer Produktionsverh\u00e4ltnisse. Parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg des B\u00fcrgertums gab es einen Niedergang (und teilweise eine Verb\u00fcrgerlichung) des Adels. Das aufsteigende B\u00fcrgertum brachte seine organischen Intellektuellen (Philosophen, \u00d6konomen, Naturwissenschaftler usw.) hervor und Ideologien (von der Reformation bis zur Aufkl\u00e4rung), die Massen begeisterten. Weder den Produzenten noch den Konsumenten dieser Ideologien war klar (konnte klar sein), dass ihr historischer Inhalt nur die Ersetzung einer Klassengesellschaft durch eine andere war.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse als ausgebeutete Klasse hat weder die Ressourcen, eine solche ideologische Dominanz vor der Revolution zu erlangen noch die Notwendigkeit, sich und anderen solche Illusionen zu machen. Ein B\u00fcndnis mit der Bauernschaft (besonders in noch landwirtschaftlichen gepr\u00e4gten L\u00e4ndern) und Intellektuellen ist sicher notwendig. Aber seine Grundlage ist nicht eine gemeinsame von Revolution\u00e4ren erarbeitete Weltauffassung, sondern konkrete Forderungen und Kampfziele, die auf gemeinsamen Interessen beruhen und eine Br\u00fccke von den konkreten Tagesk\u00e4mpfen zur Notwendigkeit einer revolution\u00e4ren \u00dcbernahme der Macht bilden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gewinnung der Intellektuellen ist dabei eine schon von Gramsci registrierte Ver\u00e4nderung bedeutsam. W\u00e4hrend fr\u00fcher Intellektuelle vor allem in den Superstrukturen t\u00e4tig waren, f\u00fchrte die Entwicklung der kapitalistischen Industrie zur Entwicklung einer Schicht von Intellektuellen im Produktionsprozess (Techniker, Ingenieure usw.). Gramsci bemerkte, dass sich die l\u00e4ndlichen und traditionellen Intellektuellen zwar teils aus der Bauernschaft rekrutierten, aber die Bauernschaft im Interesse der herrschenden Klasse f\u00fchrten. Dagegen haben die Techniker und Ingenieure keine Hegemonie gegen\u00fcber den ArbeiterInnen (h\u00f6chstens in der Anfangsphase), im Gegenteil konnte die Arbeiterbewegung manchmal die Techniker beeinflussen.<\/p>\n<p>Der Verfasser dieser Zeilen hatte die Gelegenheit seit \u00fcber zwei Jahren die Rolle von Intellektuellen der verschiedensten Art (Ingenieure, Architekten, K\u00fcnstler, Rechtsanw\u00e4lte, Journalisten usw.) in der Bewegung gegen Stuttgart 21 zu sehen. Sie war sehr hilfreich, wenn sie ihr Fachwissen einbrachten, sie konnte sch\u00e4dlich sein, wenn sie b\u00fcrgerliche Vorurteile innerhalb der Bewegung st\u00e4rkten (zum Beispiel dass man mit diesem Fachwissen die Herrschenden zur Einsicht bringen k\u00f6nne). Entscheidend war aber, dass sie sich nicht wegen einer neuen Weltauffassung oder aus materiellem Eigeninteresse engagierten (viele haben im Gegenteil beeindruckende Opfer an Zeit und Geld gebracht), sondern weil sie zu der Erkenntnis kamen, dass dieses Projekt nicht im Interesse der Masse der Bev\u00f6lkerung ist und es eine Alternative dazu gibt. Angesichts der Tatsache, dass die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse immer mehr im Widerspruch zu einer den Bed\u00fcrfnissen von Mensch und Natur entsprechenden Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte stehen, ist das kein Einzelfall. Doch um zu erkennen, dass ein modernisierter Kopfbahnhof besser ist als Stuttgart 21, braucht man keine revolution\u00e4re Partei. Damit die besten Intellektuellen erkennen, dass Sozialismus besser als Kapitalismus ist, wird der Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei notwendig sein. Aber diese wird Intellektuelle nicht durch die Entwicklung einer neuen Weltauffassung begeistern k\u00f6nnen, die einen Gegenentwurf zur b\u00fcrgerlichen Ideologie darstellt (wie im 18. Jahrhundert die Aufkl\u00e4rung ein Gegenentwurf zur Ideologie des Feudalismus war) oder gar durch das Versprechen von materiellen Privilegien. Sondern sie wird ihnen die Perspektive geben, dass sie nach dem Sturz des Kapitalismus ihre F\u00e4higkeiten zur Befriedigung menschlicher Bed\u00fcrfnisse statt zur Sch\u00e4digung von Menschen und Umwelt im Profitinteresse einsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Glossar<\/h4>\n<p><strong>Bewegungskrieg:<\/strong> Gramsci berief sich bei seiner Unterscheidung von Bewegungskrieg und Stellungskrieg auf den reaktion\u00e4ren russischen General Krasnow. \u00dcbertragen von der Kriegsf\u00fchrung auf die Politik bedeutete Bewegungskrieg, handstreichartig einen Sieg der Revolution anzustreben, w\u00e4hrend Stellungskrieg ein schrittweises Erobern der Institutionen der politischen und Zivilgesellschaft bedeute. Der Bewegungskrieg war nach Gramsci im Westen bis 1870\/71 (Niederlage der Pariser Kommune) anwendbar gewesen, in Russland bis zum Sieg der Oktoberrevolution. Die Einheitsfrontpolitik verstand Gramsci als Anerkennung der Notwendigkeit, vom Bewegungs- zum Stellungskrieg \u00fcberzugehen. Den Grund f\u00fcr die Notwendigkeit sah Gramsci in der gr\u00f6\u00dferen Bedeutung der Zivilgesellschaft (s. dort)<\/p>\n<p><strong>Einheitsfront:<\/strong> B\u00fcndnis von Arbeiterorganisationen (Arbeiterparteien oder Gewerkschaften) verschiedener Richtungen f\u00fcr gemeinsame Ziele, \u00fcber die zwischen ihnen Einigkeit besteht (besonders defensive Ziele: Verteidigung von Reall\u00f6hnen und Arbeitsbedingungen, gegen faschistische Angriffe etc.), nicht zu verwechseln mit einer Volksfront, also einem politischen B\u00fcndnis zwischen Arbeiterorganisationen und b\u00fcrgerlichen Organisationen. Die Einheitsfrontpolitik wurde von der Kommunistischen Internationale 1921 beschlossen. Ziel war es erstens, trotz der politischen Spaltung der Arbeiterbewegung einen gemeinsamen Kampf f\u00fcr konkrete Ziele zu erm\u00f6glichen, zweitens (durch den gemeinsamen Kampf oder wegen der Verweigerung eines gemeinsamen Kampfs durch die reformistischen F\u00fchrungen) die Masse der reformistischen ArbeiterInnen f\u00fcr revolution\u00e4re Ideen zu gewinnen. (Ausf\u00fchrlich dazu im 1. Artikel)<\/p>\n<p><strong>Hegemonie:<\/strong> F\u00fchrung, Vorherrschaft. Der Begriff wurde von Gramsci in zwei Kontexten verwendet: 1. Als Hegemonie der Arbeiterklasse gegen\u00fcber der mit ihr verb\u00fcndeten Bauernschaft im Kampf gegen den Kapitalismus. 2. Als Hegemonie des B\u00fcrgertums in der kapitalistischen Gesellschaft (s. Zivilgesellschaft) <\/p>\n<p><strong>Intellektuelle:<\/strong> Jede menschliche T\u00e4tigkeit enth\u00e4lt ein intellektuelles Moment. In diesem Sinne sind alle Menschen laut Gramsci \u201eIntellektuelle\u201c. Aber nicht alle Menschen \u00fcben in der Gesellschaft die Funktion von Intellektuellen aus. In diesem Sinne Intellektuelle sind die Menschen, die in der Gesellschaft eine organisierende Funktion aus\u00fcben. Das betraf historisch die in den Superstrukturen (also politischer und Zivilgesellschaft \u2013 s. dort) t\u00e4tigen Menschen. Im Kapitalismus w\u00e4chst au\u00dferdem die Bedeutung von in der Produktion t\u00e4tigen Intellektuellen stark an. Neue aufsteigende Klassen bringen ihre eigenen \u201eorganischen\u201c Intellektuellen hervor. Wenn sie an die Macht kommen, k\u00f6nnen sie die \u201etraditionellen Intellektuellen\u201c, die Intellektuellen der bisher herrschenden Klasse integrieren.<\/p>\n<p><strong>Permanente Revolution:<\/strong> vom russischen Revolution\u00e4r Leo Trotzki aufgrund der Erfahrung der russischen Revolution 1905 entwickelte Theorie: In Russland kann das B\u00fcrgertum die anstehende b\u00fcrgerliche Revolution nicht f\u00fchren. Die Revolution kann nur siegen, wenn die Arbeiterklasse die mit ihr verb\u00fcndete Bauernschaft f\u00fchrt und eine revolution\u00e4re Regierung unter F\u00fchrung der Arbeiterklasse an die Macht kommt. Dann kann die Revolution aber nicht bei der L\u00f6sung ihrer b\u00fcrgerlichen Aufgaben (L\u00f6sung der Agrarfrage, der nationalen Frage, politische Demokratie etc.) stehen bleiben, sondern die Arbeiterklasse an der Macht muss sozialistische Aufgaben in Angriff nehmen. An ihnen haben ihre bisherigen b\u00e4uerlichen Verb\u00fcndeten kein unmittelbares Interesse. Deshalb kann die Revolution nur Erfolg haben durch das B\u00fcndnis mit der Arbeiterklasse der entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder, also die internationale Ausdehnung der Revolution. Die Bezeichnung \u201epermanent\u201c \u2013 die nicht von Trotzki stammt \u2013 meint nicht, dass st\u00e4ndig irgend was revolutioniert wird, sondern den doppelten \u00dcbergang von der b\u00fcrgerlichen zur sozialistischen Revolution und von der national beschr\u00e4nkten zur internationalen Revolution. Gramsci hatte das 1924 noch verstanden. Sp\u00e4ter stellte er seine Kritik an Hirngespinsten einer st\u00e4ndigen revolution\u00e4ren Offensive als Kritik an Trotzkis Theorie der permanenten Revolution dar. Die russische Revolution best\u00e4tigte Trotzkis Theorie auf positive und negative Weise: Die Revolution ging von der b\u00fcrgerlichen zur sozialistischen Revolution weiter. Aber da die internationale Ausdehnung nicht gelang, kam es zu einer politischen Konterrevolution in Form des Stalinismus. Zwar blieben wichtige wirtschaftliche Errungenschaften der Revolution erhalten, aber politisch wurden die R\u00e4tedemokratie und die innerparteiliche Demokratie innerhalb der Bolschewiki durch die Diktatur einer privilegierten B\u00fcrokratenkaste ersetzt.<\/p>\n<p><strong>Politische Gesellschaft:<\/strong> siehe: Staat<\/p>\n<p><strong>Superstruktur:<\/strong> In romanischen Sprachen wird ebenso wie im Englischen das Marxsche Begriffspaar Basis-\u00dcberbau meist mit Struktur-Superstruktur wiedergegeben. Gramsci folgte diesem Sprachgebrauch, bei der \u00dcbersetzung Gramscis ins Deutsche haben sich diese Begriffe auch eingeb\u00fcrgert. Gramsci hat die Zivilgesellschaft zur Superstruktur gerechnet, w\u00e4hrend bei Marx die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zur Basis gerechnet wurde (s. bei \u201eZivilgesellschaft\u201c) <\/p>\n<p><strong>Staat:<\/strong> Das, was im normalen Sprachgebrauch \u201eStaat\u201c genannt wird (Regierung, Parlament, Verwaltung, Polizei, Milit\u00e4r etc.), bezeichnete Gramsci als politische Gesellschaft. Unter \u201eStaat\u201c oder \u201eintegralem Staat\u201c verstand er die Einheit von politischer Gesellschaft und Zivilgesellschaft (s. dort). Der Staat ist keine neutrale Institution, sondern der Staat der jeweils herrschenden Klasse, die dabei nicht nur Zwang anwendet, sondern sich auch auf den Konsens der Beherrschten st\u00fctzt, nicht nur herrscht, sondern auch f\u00fchrt. Dabei ordnet Gramsci der politischen Gesellschaft die Herrschaft und den Zwang zu, der Zivilgesellschaft die F\u00fchrung und den Konsens (und damit die Hegemonie \u00fcber die Beherrschten). Politische und Zivilgesellschaft rechnet Gramsci zu den Superstrukturen (s. dort)<\/p>\n<p><strong>Stellungskrieg:<\/strong> siehe Bewegungskrieg<\/p>\n<p><strong>Zivilgesellschaft:<\/strong> der Begriff ist eigentlich eine \u00dcbersetzung dessen, was bei Marx (und vor ihm bei verschiedenen Philosophen und \u00d6konomen) b\u00fcrgerliche Gesellschaft genannt wurde. Da Gramsci den Begriff Zivilgesellschaft anders verwendet als Marx b\u00fcrgerliche Gesellschaft, hilft die andere Wortwahl, Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden. Die Zivilgesellschaft geh\u00f6rt zum Staat in dem von Gramsci verwendeten weiten Sinn (als der Bereich, in dem die herrschende Klasse mittels F\u00fchrung, Konsens, Hegemonie herrscht, s. bei \u201eStaat\u201c). Damit geh\u00f6rt sie f\u00fcr Gramsci zu den Superstrukturen (bzw. \u00dcberbau), w\u00e4hrend die b\u00fcrgerliche Gesellschaft von den meisten marxistischen Autoren zur Struktur (bzw. Basis) gerechnet werden. Tats\u00e4chlich verstand Gramsci unter Zivilgesellschaft prim\u00e4r gesellschaftliche Institutionen (Bildungseinrichtungen, Medien, Kirchen, Vereine, Verb\u00e4nde etc.), w\u00e4hrend Marx unter b\u00fcrgerlicher Gesellschaft mindestens ebenso sehr gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse verstand.<\/p>\n<p><em>Wolfram Klein ist Mitglied des SAV Bundesvorstands und Autor verschiedener B\u00fccher und Brosch\u00fcren, unter anderem zur Russischen Revolution, Malcolm X und Clara Zetkin. Er promoviert zur Geschichte des Trotzkismus nach dem Zweiten Weltkrieg und lebt in Plochingen bei Stuttgart.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 2: Gramsci als politischer Theoretiker<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14855,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92],"tags":[281],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23005"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23005"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23005\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14855"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}