{"id":22282,"date":"2012-10-15T17:00:20","date_gmt":"2012-10-15T15:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=22282"},"modified":"2013-03-11T16:35:13","modified_gmt":"2013-03-11T15:35:13","slug":"chavez-besiegt-die-rechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/10\/chavez-besiegt-die-rechte\/","title":{"rendered":"Chavez besiegt die Rechte"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_22283\" aria-describedby=\"caption-attachment-22283\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/8043895399_bdaa521429_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-22283\" title=\"Chavez in Caracas 2. Oktober 2012\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/8043895399_bdaa521429_b-e1350294278561-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/8043895399_bdaa521429_b-e1350294278561-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/8043895399_bdaa521429_b-e1350294278561-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/8043895399_bdaa521429_b-e1350294278561-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/8043895399_bdaa521429_b-e1350294278561.jpg 985w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22283\" class=\"wp-caption-text\">Foto: flickr.com\/chavezcandanga CC BY-NC-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>von Tony Saunois, Caracas<\/em><\/p>\n<p>Tausende str\u00f6mten am Sonntag Abend zum Pr\u00e4sidentenpalast \u201eMiraflores\u201c in Caracas, um den Sieg von Hugo Chavez in der Pr\u00e4sidentschaftswahl zu feiern. In Szenen, die etwas an die Niederschlagung des rechten Staatsstreichs im Jahr 2002 erinnerten, hisste die Palastwache Flaggen vom Dach des Palasts, w\u00e4hrend andere SoldatInnen zu den ArbeiterInnen, Jugendlichen und Erwerbslosen stie\u00dfen, die im Stadtzentrum die Niederlage des rechten Kandidaten Henrique Capriles feierten.<\/p>\n<p>Der Sieg von Chavez, der f\u00fcnfte Wahlsieg seit &#8217;98, hat der Rechten eine weitere Niederlage zugef\u00fcgt und wird vom CWI und seiner venezoelanischen Sektion Socialismo Revolucionario sowie ArbeiterInnen und SozialistInnen weltweit begr\u00fc\u00dft. Ein Sieg der Rechten h\u00e4tte einen Angriff auf die venezoelanische Arbeiterklasse, eine R\u00fccknahme des Reformprogramms und eine politische Offensive der Herrschenden im Land und international, die die Niederlage der \u201eSozialismus\u201c feiert, bedeutet. Eine Wahlbeteiligung von \u00fcber 80%, aufsteigend von 75% aus in 2006 und die h\u00f6chste in Jahrzehnten zeigen die Klassenpolarisation, welche die venezoelanische Gesellschaft im Griff h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nach der Ausz\u00e4hlung von 98% der Stimmen hatte Chavez ca. 8,1 Millionen Stimmen (55,25%) gegen\u00fcber den ca. 6,5 Millionen Stimmen f\u00fcr den Gesch\u00e4ftsmann Capriles. Chavez gewann in 20 der 24 Bundesstaaten Venezuelas. Wenn er diese Amtszeit vollendet (weitere sechs Jahre), wird er zwei Jahrzehnte an der Macht gewesen sein. Damit wird er der dienst\u00e4lteste venezoelanische Pr\u00e4sident seit Juan Vincente Gomez, welcher von 1908 bis 1935 herrschte. Der Unterschied zwischen beiden ist der, dass Chavez mit Massenunterst\u00fctzung gew\u00e4hlt wurde, w\u00e4hrend Gomez ein Diktator war. Kapitalistische PolitikerInnen und die F\u00fchrungen der ehemaligen Arbeiterparteien in Europa und auf anderen Kontinenten schauen vermutlich neidisch auf Chavez kontinuierliche Wahlunterst\u00fctzung und seine F\u00e4higkeit, die Millionen von Unterst\u00fctzerInnen zu mobilisieren. Sicherlich hat kein anderer politischer F\u00fchrer momentan in Wahlen diese M\u00f6glichkeiten gehabt, wiederholt Millionen zu Wahlveranstaltungen zu bewegen oder solche Menschenmassen seinen Sieg feiern zu lassen.<\/p>\n<h4>Der populistische Charakter der Kampagne der Rechten<\/h4>\n<p>Die diesmalige Wahl wurde in Venezuela als historisch bezeichnet, als eine, die die Zukunft des Landes bestimmt und die eine Wahl zwischen \u201ezwei verschiedenen Modellen\u201c ist. Diese klare Wahl fand sich jedoch nicht darin wieder, dass Chavez f\u00fcr ein klares sozialistisches Programm zum Sturz des Kapitalismus argumentiert h\u00e4tte. Auch bei seiner Ansprache an die ihn feiernden Massen vor Miraflores benannte er keine solche Alternative.<\/p>\n<p>Die Wahlkampagne spiegelt wichtige und neue Aspekte des Kampfes wieder, die sich im Laufe der letzten 14 Jahre seit Chavez erstem Sieg entwickelt haben. Eine der bedeutendsten Eigenschaften der Wahl war der Charakter der rechten Wahlkampagne. Die Politik und die K\u00e4mpfe der letzten 14 Jahre f\u00fchrten zu massiver Unterst\u00fctzung f\u00fcr radikal-soziale Politik und bis zu einem gewissen Grad auch f\u00fcr \u201eSozialismus\u201c, was sich nun tief im allgemeinen politischen Bewusstsein wiederfindet.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieses dominierenden, radikalisierten linken Bewusstseins in der venezoelanischen Gesellschaft war Capriles dazu gezwungen, sein rechtes, neoliberales Programm in einer populistischen Art und Weise zu verbergen. Dieses Vorgehen markiert eine bedeutend ver\u00e4nderte Strategie der Rechten.<\/p>\n<p>Capriles Reden und Propaganda waren auf die Notlage der Armen ausgerichtet und versprachen die Verteidigung des Sozialstaats. Er argumentierte, er w\u00fcrde die \u201eMissionen\u201c (die Reformprogramme von Chavez f\u00fcr Gesundheit und Bildung) beibehalten. Er forderte die Verteidigung der \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Gewerkschaften und versuchte Unterst\u00fctzung unter den Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Dienstes zu gewinnen, indem er versprach, die obligatorische Anwesenheit bei Protesten und Veranstaltungen von Chavez zu beenden, die ein wichtiger Grund f\u00fcr Unzufriedenheit ist. Capriles durchkreuzte das Land und versuchte sich dabei als \u201eradikaler\u201c, unverbrauchter Kandidat gegen\u00fcber dem \u00e4lteren, \u201eerm\u00fcdeten\u201c Chavez zu pr\u00e4sentieren, um die Stimmen von Jugendlichen zu gewinnen. Ihm war dabei ein gewisser Erfolg beschieden.<\/p>\n<p>Das wirkliche Programm der Rechten aber fand sich in ihrem Material, wo sie f\u00fcr weniger Staatsinvestionen und mehr Anteil von Privatinvestitionen in der Wirtschaft argumentierten. W\u00e4hrend des vereitelten Staatsstreichs 2002 war Capriles in den rechten \u00dcberfall auf die kubanische Botschaft verwickelt. Wenn die Rechten in dieser jetzigen Wahl gesiegt h\u00e4tten, h\u00e4tte eine Regierung von Carpriles versucht, die Reformprogramme der Chavez-Regierung zur\u00fcckzunehmen und weitere neoliberale Ma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Dieser Wechsel in der Propaganda der Rechten spiegelt die momentane Ausgeglichenheit der politischen Kr\u00e4fte in der momentanen Phase wieder. Capriles war gezwungen, die extreme Rechte zu bremsen. Die Niederlage f\u00fcr Capriles w\u00e4re nur noch gr\u00f6\u00dfer geworden, wenn er Kr\u00e4fte von Rechtsau\u00dfen losgelassen oder explizit f\u00fcr neoliberale Ma\u00dfnahmen argumentiert h\u00e4tte.<\/p>\n<h4>Eine ernste Warnung<\/h4>\n<p>Trotz des begr\u00fc\u00dfenswerten Siegs von Chavez ist der Wahlausgang auch eine Warnung, die eine Lehre sein muss, um in der Zukunft einen rechten Wahlsieg zu verhindern. Chavez Anteil an allen Stimmen fiel im Vergleich zu 2006 um 7,6 Prozent, Capriles erh\u00f6hte seinen Anteil um 7,2 Prozent. Durch die h\u00f6here Wahlbeteiligung hat Chavez seine absolute Stimmenanzahl um ca. 800000 Stimmen erh\u00f6ht, doch Capriles hat seine Stimmenzahl gleichzeitig um ca. 2,2 Millionen erh\u00f6hen k\u00f6nnen. Das ist eine ernste Warnung. Abgesehen vom Referendum \u00fcber die Verfassungsreform im Jahr 2007 war das der niedrigste Stimmenanteil f\u00fcr Chavez \u00fcberhaupt. Die Rechte hat ihren Stimmenanteil \u00fcber die Jahre hinweg kontinuierlich ausgebaut, was einer langsamen, schleichenden Konterrevolution entspricht. Gleichzeitig bleibt momentan die Unterst\u00fctzung f\u00fcr linksradikale Politik vorherrschend und die Massen der Bev\u00f6lkerung, auch Teile von der W\u00e4hlerInnen der Rechten, sind in Opposition gegen\u00fcber jeglichem Versuch zur\u00fcck zu dem System vor Chavez.<\/p>\n<p>Das Versagen jedoch, nicht mit dem Kapitalismus zu brechen und ein sozialistisches Programm mit demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die ArbeiterInnen und Ausgebeuteten einzuleiten, f\u00fchrt dazu, dass die Rechten den wachsenden Unmut \u00fcber sich verschlechternde soziale Bedingungen, Korruption und Ineffezienz f\u00fcr sich nutzen k\u00f6nnen. Dies sind Begleiterscheinungen der wachsenden chavistischen B\u00fcrokratie, vor denen das CWI seit jeher gewarnt und sie abgelehnt hat.<\/p>\n<p>Das bisher beste Wahlergebnis von Chavez war in der Wahl 2006 mit 62% der W\u00e4hlerstimmen. Bezeichnenderweise war damals auch Chavez radikalste Wahlkampagne, als die Frage des Sozialismus vorherrschend war und im Fokus der Kampagne stand. Damals gab es eine revolution\u00e4re Entwicklung nach der Niederschlagung des Putschversuchs und der Aussperrungen 2002\/2003. Nach diesem Sieg allerdings ist dieser revolution\u00e4re Prozess nicht durch ein Programm zum Sturz des Kapitalismus und f\u00fcr eine wirklich demokratische Arbeiterkontrolle vorangeschritten, sondern verz\u00f6gert sich und befindet sich auf dem R\u00fcckzug.<\/p>\n<p>Die Regierung hat vermehrt mit der herrschenden Klasse zusammengearbeitet und versucht \u00dcbereinstimmungen zu finden, daraus folgt dann die Regierungspolitik der \u201enationalen Vers\u00f6hnung\u201c und die getroffenen Vereinbarungen mit dem Arbeitgeberverband. Das in Verbindung mit der Entstehung einer Schicht von Neureichen aus der Chavez-Bewegung heraus (die \u201eBoli-Bourgeoisie\u201c) hat zu dem wachsenden Unmut und zu den Protesten gegen die Regierung gef\u00fchrt.<\/p>\n<h4>Die Reformen und die Verzweiflung in den Barrios<\/h4>\n<p>Auch die Antwort der Regierung auf die jetzige Weltwirtschaftskrise war nicht, den Bruch mit dem Kapitalismus voranzutreiben, sondern in die Gegenrichtung, nach rechts, zu arbeiten und versuchen, damit die Krise abzumildern. Seitdem gab es vermehrt Steuerzugest\u00e4ndnisse an multinationale Konzerne. Die staatliche \u00d6lgesellschaft PDVSA, die die \u201eMissionen\u201c-Reformprogramme finanziert, hat deren Finanzierung um fast 30 % gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Die Repressionen gegen\u00fcber ArbeiterInnen und anderen Streikenden hat ebenso zugenommen in den letzten Jahren. Besch\u00e4ftige des \u00f6ffentlichen Dienstes unterliegen dem Gesetz zur nationalen Sicherheit. Das bedeutet, dass im \u00f6ffentlichen Dienst weder Streiks noch Proteste erlaubt sind. Die Bundespolizei in der Stadt Barcelona t\u00f6tete zwei ArbeiteraktivistInnen in einer Mitsubishi Fabrik, der Gouverneur des dortigen Bundesstaates ist Chavez-Anh\u00e4nger. Den ArbeiterInnen bei Toyota erging es \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Trotz der popul\u00e4ren Reformpolitik der \u201eMissionen\u201c, die die Situation im Gesundheits-, Bildungs und anderen Bereichen verbessert hat, bleiben die sozialen Bedingungen in den \u00e4rmsten Barrios katastrophal und zeigen wenig Zeichen der Verbesserung. Diese waren die Grundlage f\u00fcr den enormen Anstieg von Kriminalit\u00e4t, Gewalt und Kidnappings (um an das Geld der Familien der Opfer zu kommen). Venezuelas Mordrate ist eine der h\u00f6chsten in der Welt: Die offizielle Statistik geht von 19000 Toten im Jahr 2011 aus und das ist wahrscheinlich eine Untersch\u00e4tzung des Ausma\u00dfes dieses Massakers.<\/p>\n<p>Venezuela ist eins der gewaltt\u00e4tigsten L\u00e4nder momentan. In El Hatillo, einem eher wohlhabenden Distrikt in der N\u00e4he von Caracas, gab es bisher schon 70 Kidnappings. Die Erfahrungen von CWI-Mitgliedern ist bezeichnend. Eines unserer Mitglieder aus einem Barrio kam zu einem Treffen am Tag vor der Wahl und berichtete, dass sein Schwager erschossen wurde. Ein anderer erz\u00e4hlte von der Erschie\u00dfung seines Vermieters. Wieder andere haben gekidnappte Arbeitskollegen. Jemand weiteres musste dienstlich Geld von der Bank holen und wurde nur f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter von bewaffneten Jugendlichen auf Motorr\u00e4dern ausgeraubt. Sie hatten von Bankangestellten Bescheid bekommen, welche daf\u00fcr ein Teil des Geldes bekommen. Solche Angriffe machen das Leben der Armen und der Mittelschicht zu einem permanenten Zustand der Sorgen und der Angst.<\/p>\n<p>Die Wohnungssituation ist besonders in den \u00e4rmsten Barrios weiterhin hoffnunglos. Im Vorfeld der Wahlen hat die Regierung hastig ein Programm f\u00fcr den sozialen Wohnungsbau verabschiedet, das behauptet, 200000 Unterk\u00fcnfte geschaffen haben. Viele Leute stellen diese Zahlen in Frage. Viele, die ihrer Unterkunft bei den heftigen Regenf\u00e4llen im Jahr 2010 davonschwimmen sahen, leben seitdem in einfachen H\u00fctten. Dort sind die Bedingungen teilweise so schlimm, dass es sogar Massaker an BewohnerInnen von anderen BewohnerInnen oder den dort operierenden Drogenkartellen gab. Was aber gerade neu gebaut wird, sind in Wahrheit die neuen Ghettos: kleinste Wohnungen in Wohnblocks ohne Infrastruktur, die wahllos auf jeden Fleck leeres oder enteignetes Land gesetzt werden. Neuentwickelte Gebiete sind abgeschottet mit nur einer Zu- und Abfahrtsstra\u00dfe und einer Entfernung von einer Autostunde bis zur n\u00e4chsten U-Bahn.<\/p>\n<p>Korruption, das Fehlen demokratischer Planung und Kontrolle und unpassende Ingenieurstechnik f\u00fchrten oft dazu, dass schon Risse in der Bausubstanz auftraten, noch bevor sie \u00fcberhaupt bewohnt wurden.<\/p>\n<p>Diese Bedingungen sind der N\u00e4hrboden f\u00fcr Jugendgangs, die zum \u00dcberleben zu Raub\u00fcberf\u00e4llen und Kidnappings gezwungen sind. Sie sind aber genauso der N\u00e4hrboden f\u00fcr Unzufriedenheit, auf welche die Rechten aufbauen k\u00f6nnen oder die zu Demoralisierung und Regierungsverdrossenheit f\u00fchren k\u00f6nnte. Das passiert bereits und war innerhalb der Kampagne offensichtlich.<\/p>\n<h4>Minimaler Bezug zum Sozialismus<\/h4>\n<p>Der Wahlkampf von Chavez ist im Vergleich zu dem von 2006 nach rechts gegangen. Damals hatte Chavez kurz danach die Gr\u00fcndung der PSUV (Vereinigte sozialistische Partei von Venezuela) als revolution\u00e4re Partei ausgerufen. Chavez berief sich auf Trotzki, auf die permanente Revolution und auf das \u00dcbergangsprogramm. Er redete vom Aufbau einer \u201ef\u00fcnften Internationalen\u201c von \u201elinken Parteien\u201c. Bei der diesmaligen Wahlkampagne war davon nichts zu bemerken. Der Bezug zum Sozialismus war minimal bis zur letzten Wahlkampfwoche. Chavez Hauptslogan war stattdessen \u201eChavez, das Herz des Vaterlandes\u201c. Er nahm einen sehr nationalistischen Charakter an, mit Versprechungen, das \u201eVaterland\u201c zu entwickeln. Die Wahl war stark personenbezogen in beiden Lagern. Die Stra\u00dfen von Caracas waren zwar gef\u00fcllt bei der Abschlusskundgebung, aber auf den Plakaten sah man nur Chavez und das \u201eVaterland\u201c ohne politischen Inhalt. Es gab weder Banner von der PSUV noch von den Gewerkschaften. Viele ArbeiterInnen trugen Shirts der Firmen f\u00fcr die sie arbeiten und sagten, sie seien gekommen, weil ihr Arbeitgeber sie dazu verpflichtet hatte.<\/p>\n<p>Viele scharten sich um Chavez als einzige Hoffnung und aus Angst vor der Rechten, einige allerdings wurden \u00fcber inhaltslosen Gesang f\u00fcr \u201eChavez und das Vaterland\u201c mobilisiert.<\/p>\n<p>Diese Merkmale zeigen das Fehlen einer unabh\u00e4ngig organisierten politischen Kraft der ArbeiterInnen und der Armen, wor\u00fcber das CWI schon in vorherigen Artikeln geschrieben hat. Das, zusammen mit dem b\u00fcrokratischen Top-Down-Ansatz der Regierung, hat die Bewegung von Anfang an geschw\u00e4cht, eine Tatsache, vor der das CWI seit jeher gewarnt hat. Dieser Top-Down-Ansatz hat sich in der Wahlkampagne wieder gezeigt. Bei zwei Gelegenheiten, als Chavez auf Massenveranstaltungen in den Bundesstaaten redete, riefen manche \u201eJa zu Chavez, nein zu &#8230;\u201c. Sie bezogen sich damit auf die eingesetzten chavistischen KandidatInnen f\u00fcr die Dezemberwahlen der Bundesstaaten. Chavez reagierte darauf, indem er sagte, wenn diese KandidatInnen auf Ablehnung sto\u00dfen, dann ist das auch eine Ablehnung von Chavez.<\/p>\n<p>Das Fehlen einer demokratischen, unabh\u00e4ngigen Arbeiterbewegung ist eine der gr\u00f6\u00dften Schw\u00e4chen und Gefahren. Es hat den Rechten bereits erlaubt, einige Erfolge und Vorst\u00f6\u00dfe zu machen. Wenn die Arbeiterklasse, die Jugend und die Armen keine demokratische, unabh\u00e4ngig organisierte Kraft aufbauen, dann w\u00e4chst die Gefahr durch die Rechten und den Vorsto\u00df der Konterrevolution. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Rechten bei den Wahlen im Dezember aufgrund der schlechten Kandidaten von Chavez einige Erfolge erringen werden.<\/p>\n<p>Leider hat Chavez nach seinem Sieg in seiner Rede vor seinen Unterst\u00fctzerInnen keine Anzeichen gemacht, Schritte in Richtung Sturz des Kapitalismus zu unternehmen. Er bot der Opposition Dialoge und Debatten an. \u201eWir alle sind Br\u00fcder des Vaterlandes\u201c, donnerte er, nachdem er die Opposition f\u00fcr das Akzeptieren der Wahl lobte. Er redete vom Aufbau eines vereinigten Venezuelas. Beide Seide betonten eben diesen Punkt gegen Ende des Wahlkampfes. Als die Wahlurnen geschlossen hatten, gab es ein Sperrfeuer an Fernsehpropaganda f\u00fcr Frieden, Einheit und Vers\u00f6hnung von beiden Seiten. Sowohl Chavez als auch Capriles dr\u00e4ngten auf Ruhe und Gelassenheit und bef\u00fcrchteten offensichtlich, dass die Polarisierung zu Zusammenst\u00f6\u00dfen und sozialen Unruhen f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>\u201eMischwirtschaft\u201c oder Bruch mit dem Kapitalismus<\/h4>\n<p>Als Chavez sich nach seinem Sieg an die Massen wandte, machte er zwei beil\u00e4ufige Bemerkungen zum Sozialismus. Diese wurden allerdings in Verk\u00fcndigungen von \u201eEs lebe Bolivar! Es lebe das Vaterland! Es lebe Venezuela!\u201c ertr\u00e4nkt. W\u00e4hrend der Wahlkampagne hatte er argumentiert, dass der \u201eSozialismus\u201c Sowjetunion gescheitert sei und ein neuer \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c n\u00f6tig sei. Das war aber keine Absage an das ehemalige totalitaristische, stalinistische Regime, das sich als Sozialismus ausgab und keine Argumentation f\u00fcr ein Programm f\u00fcr Arbeiterdemokratie. Chavez Politik zeigt, dass er mit \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c eine Art Mischwirtschaft meint, eine Wirtschaft, die Kapitalismus mit Staatseingriffen und Reformen verbindet. Die Reformen, die wir als CWI unterst\u00fctzten, werden nur wieder zur\u00fcckgenommen und gek\u00fcrzt. Sie k\u00f6nnen nur aufrechterhalten und gest\u00e4rkt werden auf der Basis des Bruchs mit dem Kapitalismus und der Einf\u00fchrung einer demokratisch-sozialistischen Planung der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Capriles wartet, bis seine Zeit kommt und versucht jetzt, seine W\u00e4hlerbasis nach dem Wahlkampf zu konsolidieren. Chavez wird seine Politik der Vers\u00f6hnung fortsetzen und mit all denjenigen Teilen der herrschenden Klasse zusammenarbeiten, die bereit sind, mit ihm zu kollaborieren. Eine solche Politik wird seine Regierung in steigendem Ma\u00dfe in Konflikte mit ArbeiterInnen und Armen bringen. Die soziale Unzufriedenheit wird zunehmen. Der Aufbau einer demokratisch-sozialistischen Arbeiterbewegung mit einem Programm zum Sturz des Kapitalismus ist dringend notwendig. Wenn das nicht erreicht wird, dann wird sich neben sozialem Zerfall und Entfremdung eine Gefahr durch die Rechte entwickeln.<\/p>\n<p>Die sich versch\u00e4rfende kapitalistische Weltwirtschaftskrise wird einen gro\u00dfen Effekt auf Venezuela haben. Ein starker Preisverfall beim \u00d6l, Venezuelas Hauptexportgut (60 Millionen US-Dollar letztes Jahr), w\u00fcrde Chavez Politik ernsthaft untergraben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Chavez zur\u00fcck nach links getrieben wird und mehr radikale Ma\u00dfnahmen gegen den Kapitalismus unternimmt. Das ist jedoch sehr unwahrscheinlich und diese w\u00fcrden an sich noch keine sozialistische Umgestaltung bedeuten. Der Bruch mit dem Kapitalismus und der Aufbau einer echten demokratischen, sozialistischen Alternative braucht immer noch den dringenden Aufbau einer unabh\u00e4ngigen, demokratischen und politisch bewussten sozialistischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dennoch: sozialistische Politik notwendig!<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":22283,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[312],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22282"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22282"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22282\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22283"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22282"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22282"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}