{"id":22144,"date":"2013-01-03T14:00:29","date_gmt":"2013-01-03T13:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialismus.info\/?p=22144"},"modified":"2012-12-31T11:27:34","modified_gmt":"2012-12-31T10:27:34","slug":"der-wahre-leo-trotzki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2013\/01\/der-wahre-leo-trotzki\/","title":{"rendered":"Der wahre Leo Trotzki"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_22146\" aria-describedby=\"caption-attachment-22146\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-22146  \" title=\"Trotzki \" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390.jpg 980w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22146\" class=\"wp-caption-text\">Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/maanskyn\/ CC BY-NC-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>1. Die Service-Kontroverse<\/h2>\n<p>\u00a0Im renommierten Suhrkamp-Verlag erschien k\u00fcrzlich die 2009 im englischen Original bei Harvard University Press ver\u00f6ffentlichte Trotzki-Biographie des britischen Professors Robert Service in deutscher \u00dcbersetzung. Der Verlag bewirbt das Buch mit einem Zitat aus dem Daily Telegraph: \u201eDie beste Trotzki-Biographie, die bisher geschrieben wurde. Es gibt keinen Grund, warum irgend jemand noch eine schreiben sollte.\u201c<\/p>\n<p>Services \u00fcber 500 Seiten langes Werk hatte aber unmittelbar nach seiner Erscheinung eine breite Kontroverse ausgel\u00f6st, denn es steckt voller Fehler und Ungenauigkeiten, unbewiesenen Behauptungen, l\u00e4sst jede Wissenschaftlichkeit vermissen und tr\u00e4gt eher den Charakter einer antitrotzkistischen Kampfschrift, als einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Leben und Werk des russischen Revolution\u00e4rs.<\/p>\n<p><em>\u00a0von Sascha Stanicic<\/em><\/p>\n<p>\u00a0Im Oktober 2009 erkl\u00e4rte Service bei einer Pr\u00e4sentation seines Buchs in London: \u201eNoch ist Leben in dem alten Kerl Trotzki \u2013 aber wenn der Eispickel nicht gereicht hat, ihn endg\u00fcltig zu erledigen, habe ich das nun hoffentlich geschafft.\u201c Dieser Ausspruch l\u00e4sst tief blicken und weist auf die politische Motivation des Biographen hin. Um dieses Ziel zu erreichen, schreckt Service nicht vor Rufmord, Falschdarstellungen und offensichtlichen L\u00fcgen zur\u00fcck. Wir ver\u00f6ffentlichen hier eine Besprechung der Biographie, die der f\u00fchrende britische Trotzkist Peter Taaffe, Generalsekret\u00e4r der Socialist Party in England und Wales 2009 verfasste und die sich mit den wichtigsten politischen und historischen Aussagen von Service auseinandersetzt. Taaffe und die Socialist Party hatten Robert Service wiederholt zur \u00f6ffentlichen Debatte eingeladen, ohne daf\u00fcr auch nur eine Bedingung zu stellen. Ihm wurde selbst angeboten auf einer Konferenz von eintausend AktivistInnen der britischen linken und Arbeiterbewegung ohne einen Konterpart auf dem Podium mit dem Publikum zu diskutieren. Service nahm keine der Einladungen an.<\/p>\n<p>\u00a0Services Buch ist Teil einer Reihe von Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber Leo Trotzki in Gro\u00dfbritannien, die ihn als \u201everhinderten Stalin\u201c darstellen und seine politische und moralische Integrit\u00e4t negieren. Dazu geh\u00f6rten die in den letzten Jahren erschienenen Biographien von Ian Thatcher und Geoffrey Swain. Es ist kein Zufall, dass es seit dem Wiederaufleben antikapitalistischer Diskurse und Bewegungen Ende der 1990er Jahre den Versuch b\u00fcrgerlicher Wissenschaftler gibt, Trotzki und seine Ideen zu diskreditieren. Dies ist eine Widerspiegelung der Tatsache, dass Trotzkis Ideen nicht nur nicht vergessen sind, sondern eine wachsende Zahl von AktivistInnen, gerade auch von Jugendlichen, sich bei der Suche nach Alternativen zum krisengesch\u00fcttelten Kapitalismus verst\u00e4rkt mit Trotzki und dem Trotzkismus auseinander setzen. Es ist auch kein Zufall, dass es gerade britische Universit\u00e4ten sind, aus denen heraus solche Machwerke entstehen. Denn gerade in Gro\u00dfbritannien ist die radikale Linke, eine Reihe von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen stark von trotzkistischen Organisationen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<h4>\u00a0Die Ver\u00f6ffentlichung bei Suhrkamp<\/h4>\n<p>\u00a0Als der Suhrkamp-Verlag eine deutsche \u00dcbersetzung der Service-Biographie ank\u00fcndigte, wendeten sich 14 renommierte Wissenschaftler in einem Brief an den Verlag gegen die Ver\u00f6ffentlichung. Darunter waren der bedeutende Kommunismus-Forscher Hermann Weber, der bekannte Soziologie-Professor Helmut Dahmer, aber auch Wissenschaftler, die f\u00fcr weniger Sympathie mit dem Trotzkismus bekannt sind. Sie bezogen sich auf die Besprechungen der Biographie durch den US-amerikanischen Trotzkisten David North und den Trotzki-Biographen Bertrande Patenaude, die eine F\u00fclle von sachlichen und faktischen Fehlern in Services Text nachgewiesen hatten und zu dem Ergebnis kamen, dass es sich bei dem Buch um \u201eeine Schm\u00e4hschrift\u201c handele.<\/p>\n<p>\u00a0Diese Intervention f\u00fchrte zwar zu einer Verz\u00f6gerung der Herausgabe des Buchs &#8211; Suhrkamp k\u00fcndigte an, ein Gutachten einzuholen \u2013 aber nicht zu einem Verzicht auf die Ver\u00f6ffentlichung (die nur wenige Korrekturen beinhaltete). Bisher haben weder Suhrkamp, noch Harvard University Press, noch Robert Service selbst die umfangreiche und detaillierte Kritik beantwortet und zu entkr\u00e4ften versucht.<\/p>\n<p>\u00a0Neben der in Peter Taaffes Besprechung dargestellten politischen Kritik an Services Machwerk, haben die genannten Rezensenten und Wissenschaftler eine F\u00fclle von faktischen Fehlern aufgedeckt. Diese reichen von falschen Zeit- und Ortsangaben \u00fcber die nicht zutreffende Behauptung Michail Gorbatschow habe 1988 die Rehabilitierung Trotzkis in der Sowjetunion veranlasst bis hin zu Aussagen \u00fcber Trotzkis Umgang mit seiner j\u00fcdischen Herkunft, die einen antisemitischen Geist atmen. Der Trotzki-Biograph Bertrande Patenaude z\u00e4hlte vier Dutzend solcher Fehler in Services Buch. Das alleine ist ein Hinweis darauf, dass Service bei der Erarbeitung der Biographie keine wissenschaftliche Sorgfalt an den Tag legte, sondern von seiner Zielsetzung \u2013 der \u201eliterarischen Ermordung\u201c Trotzkis \u2013 getrieben war. Kein Zufall, dass er nur zwei Jahre f\u00fcr die Erarbeitung des Buchs brauchte \u2013 ein Zeitraum, der f\u00fcr eine \u201eumfassende\u201c (Service) wissenschaftliche Biographie \u00fcber eine der wichtigsten und vielschichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten des 20. Jahrhunderts eindeutig zu kurz ist.<\/p>\n<p>\u00a0Service bezeichnet Trotzkis Denken als ein \u201everwirrtes und verwirrendes Durcheinander\u201c. Gleichzeitig setzt er sich kaum mit Trotzkis Schriften und seinen Ideen auseinander. Da, wo er dies versucht, offenbart er eher, dass er diese Ideen entweder nicht verstanden oder sich gar nicht mit ihnen auseinander gesetzt hat. So zum Beispiel, wenn er Trotzki zuschreibt, dieser habe die Perspektive der Entstehung einer \u201eproletarischen Kultur\u201c vertreten. Trotzki war ein vielschichtiger Intellektueller, der sich ausf\u00fchrlich mit Fragen der Kultur und Literatur besch\u00e4ftigte und dazu publizierte und auch in die Kulturdebatten in der jungen Sowjetunion einschaltete. Aber gerade hier vertrat er gegen die Anh\u00e4nger der Proletkult-Bewegung die Ansicht, dass die Kultur in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft immer auch b\u00fcrgerlich gepr\u00e4gt sein wird und die Entwicklung des Sozialismus zu einer neuen Kultur f\u00fchren werde, die keinen Klassencharakter mehr tragen w\u00fcrde. Er lehnte den Gedanken einer \u201eproletarischen Kultur\u201c also ab. In dem Zusammenhang ist es geradezu am\u00fcsant, dass Service den mexikanischen Maler Diego Rivera und den franz\u00f6sischen Surrealisten Andr\u00e9 Breton einfach mal verwechselt.<\/p>\n<h4>\u00a0Trotzki: der herzlose Jude?<\/h4>\n<p>\u00a0Zwei Aspekte der Verleumdungen Services sind noch von besonderem Interesse: sein permanenter Hinweis auf Trotzkis j\u00fcdischen Ursprung, der mit der Behauptung einher geht, Trotzki selber habe versucht diese Herkunft zu verbergen. Und die Darstellung Trotzkis als herzlosen, selbsts\u00fcchtigen und unempathischen Menschen.<\/p>\n<p>\u00a0Service schreibt nicht offen antisemitisch, aber es finden sich S\u00e4tze, wie folgende: Trotzki \u201ewar von herausfordernder Klugheit und freim\u00fctig in seinen Meinungen. Niemand konnte ihn einsch\u00fcchtern. Trotzki hatte diese Eigenschaften in h\u00f6herem Ma\u00dfe als die meisten anderen Juden.\u201c Und: \u201eDie F\u00fchrung der Partei war allgemein als j\u00fcdische Mafia bekannt (\u2026) Juden sollen in der Tat die Tonangeber der bolschewistischen Partei gewesen sein.\u201c Geschickt schreibt Service solche Aussagen einer anonymen Allgemeinheit zu, reproduziert aber so letztlich antisemitische Vorurteile \u00fcber \u201ej\u00fcdische Eigenschaften\u201c und den \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c, die nicht zuletzt von den Nazis vertreten wurden. Service betont in einer verst\u00f6renden Art und Weise Trotzkis j\u00fcdische Herkunft und geht so weit zu behaupten, dieser sei in seiner Kindheit und Jugend nicht \u201eLjowa\u201c, sondern in j\u00fcdischer Sprache \u201eLeiba\u201c genannt worden, habe dies aber in seiner Autobiographie verborgen. Allerdings kann Service daf\u00fcr nicht einen Beleg anbringen. Seine angeblichen Quellenangaben beweisen gar nichts bzw. sprechen gegen diese Behauptung hinsichtlich Trotzkis Kindheitsnamens. Warum Service dies macht, ist sein Geheimnis, aber es ist kein Zufall, dass sein Werk auch Beifall aus der ganz rechten Ecke, zum Beispiel in einer Besprechung der rechtsextremen Zeitung \u201eJunge Freiheit\u201c, erhielt. Trotzki selber ging offen mit seiner j\u00fcdischen Herkunft um, weder verbarg er sie noch gibt es einen Hinweis darauf, dass er sich dieser sch\u00e4mte.<\/p>\n<p>\u00a0Service versucht nicht nur den Revolution\u00e4r Trotzki, seine Politik und sein Wirken zu diskreditieren, sondern auch den Menschen Trotzki. Er stellt ihn als r\u00fccksichtslos und selbstherrlich dar. Dazu bedient er sich eines Umstands in Trotzkis Leben, der oberfl\u00e4chlich betrachtet tats\u00e4chlich zu Unverst\u00e4ndnis f\u00fchren kann. Trotzki war mit seiner Frau Alexandra Sokolowskaja zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der sibirischen Verbannung. Dort bekamen sie zwei T\u00f6chter, Sina und Nina. 1902 floh Trotzki aus Sibirien, um sich im Londoner Exil Lenin und den russischen MarxistInnen um die Zeitschrift Iskra anzuschlie\u00dfen. F\u00fcr Service ist das Trotzkis Flucht aus den \u201eehelichen und elterlichen Pflichten\u201c. Er schreibt: \u201eKaum hatte er zwei Kinder gezeugt, machte er sich aus dem Staub\u201c und zweifelt an, dass die Flucht von Alexandra Sokolowskaja unterst\u00fctzt wurde. Hier kommt vor allem Services Unwissen und Unverst\u00e4ndnis \u00fcber das Bewusstsein und die Lebenseinstellung der russischen Revolution\u00e4rInnen der Zarenzeit zum Ausdruck. Im Kampf gegen eine despotische Diktatur und f\u00fcr die politische und soziale Befreiung der vom Zaren unterdr\u00fcckten V\u00f6lker und Klassen mussten die russischen Revolution\u00e4rInnen selbstlos, ja bis zur Selbstaufgabe, handeln. Viele setzten ihr Leben aufs Spiel und verloren dieses \u2013 und hatten keine Wahl, Frau und Kinder zur\u00fcck zu lassen. Alexandra Sokolowskaja war nicht weniger Revolution\u00e4rin, als Trotzki Revolution\u00e4r war. Es gibt kein Dokument, keine Aussage von ihr, die darauf schlie\u00dfen lassen, dass Trotzkis Flucht gegen ihren Willen geschah. Service erweckt dann den Eindruck, als habe Trotzki sich nicht mehr um seine Kinder gek\u00fcmmert. Tats\u00e4chlich sorgte er daf\u00fcr, dass seine Familie dies tat. Trotzki und Sokolowskaja hielten ihr Leben lang eine freundschaftliche und warmherzige Beziehung aufrecht, die vielfach dokumentiert ist. Es ist kaum vorstellbar, dass dies der Fall gewesen w\u00e4re, wenn Trotzki seine Frau und Kinder einfach mal eben im Stich gelassen h\u00e4tte.<\/p>\n<h4>\u00a0Suhrkamps Schuld<\/h4>\n<p>Lenin beginnt sein Werk \u201eStaat und Revolution\u201c mit dem Hinweis, dass gro\u00dfe Revolution\u00e4re zu Lebzeiten \u201evon den unterdr\u00fcckenden Klassen verfolgt (wurden), die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und w\u00fctendstem Hass begegneten, mit z\u00fcgellosen L\u00fcgen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen.\u201c Dass aber dieselben Revolution\u00e4re nach ihrem Tod \u201ein harmlose G\u00f6tzen\u201c verwandelt werden und ihre \u201eLehre des Inhalts beraubt\u201c wird, w\u00e4hrend man \u201eihrem Namen einen gewissen Ruhm zur &#8218;Tr\u00f6stung&#8216; und Bet\u00f6rung der unterdr\u00fcckten Klassen\u201c zugesteht. Nicht so im Falle Trotzkis (und Lenins selbst). Die Russische Revolution haben die herrschenden Klassen und ihre ideologischen und wissenschaftlichen VertreterInnen Lenin und Trotzki nie verziehen. Sie sp\u00fcren die Gefahr, die von den Ideen der beiden gro\u00dfen Revolution\u00e4re f\u00fcr ihre Herrschaft weiterhin ausgehen. Deshalb nehmen die Verleumdungen kein Ende, werden immer wieder frisch aufgetischt. Robert Service hat sich aus Sicht der Herrschenden diesbez\u00fcglich einen Orden verdient. Der Wissenschaft, die Erkenntnisgewinn zum Ziel und Objektivit\u00e4t zum Ausgangspunkt haben sollte, hat Service einen B\u00e4rendienst erwiesen. Sein Werk steht eher in der Tradition stalinistischer Geschichtsf\u00e4lschung, denn historischer Wissenschaft. Hier trifft den Suhrkamp-Verlag eine gro\u00dfe Schuld, denn die Ver\u00f6ffentlichung der Trotzki-Biographie von Robert Service wird leider dazu beitragen, dass die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer der bedeutendsten Pers\u00f6nlichkeiten des 20. Jahrhunderts auf einer verlogenen Grundlage stattfinden wird. Aber es ist nicht nur von historischer Bedeutung, den \u201ewahren Trotzki\u201c ans Tageslicht zu bringen und zu verteidigen. Services Machwerk hat zum Ziel, der neuen Generation von AntikapitalistInnen den Weg zu Trotzkis Ideen zu verbauen. Dies zu verhindern ist nicht nur die Aufgabe der Anh\u00e4ngerInnen von Trotzkis Ideen, sondern all jener, die eine ehrliche Auseinandersetzung \u00fcber die Russische Revolution und Leo Trotzki w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/trotzki-cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-22148\" title=\"trotzki-cover\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/trotzki-cover.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/trotzki-cover.jpg 200w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/trotzki-cover-107x173.jpg 107w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>2. Trotzki als demokratischer Sozialist \u2013 eine Antwort auf Robert Service<\/h2>\n<p>Dieses Buch ist mit fast 600 Seiten sehr dick, aber hinsichtlich einer ehrlichen politischen Untersuchung und Analyse von Leo Trotzkis Ideen, dem Thema von Services W\u00e4lzer, ist es sehr d\u00fcnn. Seine Rechtfertigung? Dieses Buch sei angeblich \u201edie erste umfangreiche Biografie \u00fcber Trotzki von einem nicht-russischen Autor, der kein Trotzkist ist\u201c. Er r\u00e4umt zwar ein, dass Isaac Deutscher, der eine Trilogie \u00fcber Trotzki schrieb, und Pierre Brou\u00e9, der eine einb\u00e4ndige, eintausend Seiten umfassende Studie schrieb, mit gro\u00dfem Schwung geschrieben haben. Aber wie auch Trotzkis Autobiografie \u201eMein Leben\u201c qualifiziert er diese als eigenn\u00fctzig und ein Beispiel f\u00fcr Selbstverherrlichung ab.<\/p>\n<p><em>von Peter Taaffe<\/em><\/p>\n<p>Das ist noch ein mildes Beispiel f\u00fcr die Begriffe, die Service gegen\u00fcber Trotzki benutzt. Er pr\u00e4sentiere \u201eernsthafte Ungenauigkeiten\u201c in dessen Schriften, er sei ein \u201eintellektueller R\u00fcpel\u201c gewesen, \u201eeitel und egozentrisch\u201c. Zwei Zeilen nach dieser Anklage, sagt Service, Trotzki habe \u201ePrahlerei nicht gemocht\u201c! Er wirft ihm niedere Beweggr\u00fcnde vor, als er angeblich seine erste Frau und seine zwei T\u00f6chter \u201esitzen gelassen\u201c habe, obwohl er zugibt, dass diese ihn gedr\u00e4ngt haben, aus Sibirien zu fl\u00fcchten, um sich Lenin und den F\u00fchrern der RSDAP (Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei) anzuschlie\u00dfen, die die Iskra (\u201eFunke\u201c), die revolution\u00e4re Zeitung der damaligen Zeit, produzierten. Au nahezu jeder Seite gibt es mindestens eine Entstellung von Trotzkis Ideen, seinem Privatleben etc.<\/p>\n<p>Es gibt in dem Buch gleichzeitig nicht eine neue Erkenntnis, die unser Bild von Trotzki bereichert \u2026 au\u00dfer, dass Trotzkis Kinder sich einen \u201eWiener Akzent\u201c aneigneten \u2013 welch \u00dcberraschung, da sie doch in dieser Stadt lebten. Stattdessen gibt es eine F\u00fclle pro-kapitalistischer und stalinistischer Verleumdungen gegen Trotzkis Ideen und Handlungen von dem Moment an, als er in den russischen revolution\u00e4ren Untergrundzirkeln aktiv wurde bis zum Tag seiner Ermordung. Service versucht sich hier an einer zweiten Ermordung Trotzkis, diesmal einer literarischer Art.<\/p>\n<h4>Falsche Anschuldigungen<\/h4>\n<p>So erfahren wir unglaublicherweise, dass Trotzki vor 1914 kein \u201emarxistischer Theoretiker\u201c war! Gegen Services \u201eeigenn\u00fctzige\u201c Abrechnung spricht nur das unerfreuliche Detail, dass Trotzki als Vorsitzender des Petrograder Sowjets w\u00e4hrend der Revolution von 1905, damals das gr\u00f6\u00dfte Ereignis f\u00fcr ArbeiterInnen und Unterdr\u00fcckte seit der Pariser Kommune von 1871, eine Tageszeitung und ein marxistisches Theoriemagazin herausgab und daf\u00fcr schrieb.<\/p>\n<p>Mehr noch: vor 1914 formulierte Trotzki seine ber\u00fchmte \u201eTheorie der Permanenten Revolution\u201c. Diese erkl\u00e4rte, dass die kapitalistische, demokratische Revolution \u2013 Landreform, Vereinigung des Landes, das Ende des Feudalismus und der zaristischen Diktatur \u2013 in einem \u201eunterentwickelten\u201c Land wie Russland nicht von den Kapitalisten selber vollendet werden konnte. Mit dieser Meinung befand er sich im Einklang mit Lenin und den Bolschewiki. Aber Trotzki ging weiter als diese und zeigte auf, dass nur die Arbeiterklasse \u2013 mit ihren besonderen dynamischen Eigenschaften in Russland \u2013 in der Lage war im B\u00fcndnis mit der Bauernschaft die kapitalistisch-demokratische Revolution zu vollenden. Das wiederum sei aber nur der Auftakt zu einer internationalen sozialistischen Revolution. Das war eine hervorragende Skizze der tats\u00e4chlichen Ereignisse von 1917: der Arbeiter- und Bauernregierung und der zehn Tage, die die Welt ersch\u00fctterten.<\/p>\n<p>Service argumentiert dann, dass Trotzki nicht \u201einnovativ\u201c gewesen sei, das diese Theorie das intellektuelle Eigentum von Alexander Helfand, besser bekannt als Parvus, gewesen sei, der mit Trotzki kooperierte. Zum Ungl\u00fcck f\u00fcr Service hat Trotzki selber zugegeben, dass Parvus den \u201eL\u00f6wenanteil\u201c zu dieser Theorie beigetragen habe. Aber Parvus zog nicht die mutigen revolution\u00e4ren Schlussfolgerungen daraus, die Trotzki vortrug. Parvus argumentierte, dass das Ergebnis des Bundes der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft sich im Rahmen des Kapitalismus bewegen w\u00fcrde, m\u00f6glicherweise indem eine Regierung nach dem Vorbild der damaligen \u201eLabour\u201c-Regierung in Australien gebildet w\u00fcrde. Trotzki hingegen argumentierte, dass im Zuge der Durchf\u00fchrung der kapitalistisch-demokratischen Revolution eine Arbeiter- und Bauernregierung an die Macht kommen w\u00fcrde, die dann dazu gezwungen w\u00e4re, zu den Aufgaben der sozialistischen Revolution \u00fcberzugehen und damit eine internationale Bewegung ausl\u00f6sen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Services Versuch Trotzki universellen theoretischen Beitrag im ersten Teil seines Buchs in den Dreck zu ziehen, hebt er selber auf, wenn er sp\u00e4ter widerwillig zugibt, dass Lenin in privaten Gespr\u00e4chen mit Joffe, einem Freund Trotzkis, sagte, Trotzki habe in Bezug auf die Perspektiven f\u00fcr die Russische Revolution richtig gelegen. Trotzkis Theorie ist heute noch relevant in all den Gesellschaften der \u201eunterentwickelten\u201c Welt, die die kapitalistisch-demokratische Revolution noch vollenden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Alle bissigen Kommentare von Service \u00fcber Trotzki sind blo\u00df aufgew\u00e4rmte Ideen fr\u00fcherer Kritiker \u2013 des Stalinismus, von kapitalistischen Kommentatoren, neidvollen Sozialdemokraten und Reformisten. Wir finden dieselben Anschuldigungen gegen Trotzki hinsichtlich des Terrorismus, der Kronst\u00e4dter Revolte, \u201eAutoritarismus\u201c \u2013 ohne auch nur ein St\u00fcckchen neuer Belege, um das zu untermauern. So wird Trotzki beispielsweise vorgeworfen, er lasse in \u201eMein Leben\u201c jede Erw\u00e4hnung der Kronst\u00e4dter Revolte von 1921 aus. Trotzki selber erkl\u00e4rte in einer Antwort auf \u201edas Geschrei und Gezeter \u00fcber Kronstadt\u201c in den 1930ern, dass dies den einfachen Grund hatte, dass dieses Thema keine besondere Bedeutung hatte, bis es von modernen Kritikern, wie Anarchisten und leider auch Victor Serge in den 1930ern wieder aufgeworfen wurde. Trotzki wurde vorgeworfen, die \u201eKronst\u00e4dter Matrosen unterdr\u00fcckt\u201d zu haben, \u201edieselben\u201c, die an der Oktoberrevolution teilgenommen hatten.<\/p>\n<p>In einer geradezu kriminaltechnischen Analyse zeigte er auf, dass dies nicht der Fall war \u2013 er spielte keine direkte Rolle in der Niederschlagung der Kronst\u00e4dter Revolte, akzeptierte aber die \u201emoralische Verantwortung\u201c f\u00fcr die Handlungen. Die Kronst\u00e4dter \u201eRebellen\u201c forderten \u201eSowjets ohne Bolschewiki\u201c, was von der Konterrevolution in Russland und weltweit mit Applaus bedacht wurde. Service wiederholt Unwahrheiten \u2013 ohne jeglichen Beweis \u2013 um uns davon zu \u00fcberzeugen, dass die Matrosen dieselben gewesen seien, wie die heldenhaften Aufst\u00e4ndischen der Oktoberrevolution. Das waren sie aber nicht. Die gro\u00dfe Mehrheit der Petrograder ArbeiterInnen unterst\u00fctzte die Aktionen gegen die Matrosen. Auf der Basis unabh\u00e4ngiger Quellen zeigte Trotzki, dass die F\u00fchrer der Revolte w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs aus eigenn\u00fctzigen Gr\u00fcnden besondere Privilegien forderten. Sie drohten sogar damit, die Rote Flotte zu \u00fcbernehmen, was angesichts der Eisschmelze zwischen Russland und Finnland die Tore f\u00fcr einen imperialistischen Angriff auf das Herz des russischen Staates ge\u00f6ffnet h\u00e4tte. Schweren Herzen bezwang die russische Arbeiterregierung deshalb die Revolte, nachdem die Meuterer sich Verhandlungen verweigerten.<\/p>\n<h4>Demokratie<\/h4>\n<p>Hinsichtlich der Russischen Revolution wendet Service eine \u00e4hnlich zweifelhafte Herangehensweise an, denn er legt nicht den Verlauf der Ereignisse, wie sie tats\u00e4chlich stattfanden, dar. Er spricht von einem \u201ePutsch\u201c und die Anklage des \u201eTerrorismus\u201c gegen Trotzki und die Bolschewiki wird von ihm wieder ausgegraben. Tats\u00e4chlich fand die Russische Revolution auf der Basis einer demokratischen Abstimmung des Sowjetkongresses statt, welcher die repr\u00e4sentativste Institution der Geschichte war und die Ansichten der ArbeiterInnen, Soldaten und Bauern Russlands zum Ausdruck brachte. Das Winterpalais wurde bei einer minimalen Opferzahl eingenommen \u2013 sicherlich weit entfernt von den f\u00fcnf Millionen RussInnen, die w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs umgebracht und entsetzlich verletzt wurden. Service \u201evergisst\u201c zu erw\u00e4hnen, dass die Revolution das Gemetzel dieses Krieges zu einem Ende brachte. Welches Ereignis war in historischer Abw\u00e4gung progressiver \u2013 die relativ unblutige Russische Revolution oder der von dieser Revolution beendete Weltkrieg?<\/p>\n<p>Der Autor beschuldigt Trotzki und Lenin des Totalitarismus und der Diktatur, weil alle Parteien au\u00dfer den Bolschewiki \u201everboten\u201c wurden. In der ersten Phase nach der Revolution hatten alle Parteien \u2013 inklusive der Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re und mit Ausnahme der reaktion\u00e4ren (quasi-faschistischen, A.d.\u00dc.) Schwarzen Hunderter \u2013 das Existenzrecht. Das \u00e4nderte sich erst als jede einzelne von ihnen systematisch gemeinsam mit den Wei\u00dfen \u2013 den konterrevolution\u00e4ren Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten \u2013 versuchte mit Waffengewalt die Revolution zu st\u00fcrzen. Die Bolschewiki lie\u00dfen den aufgrund der Organisierung einer konterrevolution\u00e4ren Erhebung festgenommenen General Krasnow in einem \u00fcberm\u00e4\u00dfig gutm\u00fctigen Akt sogar frei. Dieser nutzte seine Freiheit nur, um sofort eine Wei\u00dfe Armee zu organisieren, die tausende ArbeiterInnen und Bauern t\u00f6tete.<\/p>\n<h4>Vorwurf des Terrorismus<\/h4>\n<p>Wie bei allen Verleumdern von Revolutionen \u2013 so war es auch bez\u00fcglich der Englischen und Franz\u00f6sischen Revolution \u2013 liegen auch bei Service die Vorw\u00fcrfe des \u201eTerrorismus\u201c locker auf der Zunge. Er beschwert sich \u00fcber den \u201eMangel an Demokratie\u201c nach der Revolution. Aber gew\u00e4hrten die Nordstaaten und Abraham Lincoln den Sklavenbesitzern aus dem S\u00fcden Straffreiheit w\u00e4hrend des Amerikanischen B\u00fcrgerkriegs? Lie\u00df Oliver Cromwell die Royalisten in den von den Anh\u00e4ngern des Parlaments kontrollierten Gebieten w\u00e4hrend des Englischen B\u00fcrgerkriegs frei agieren? Der schreckliche Russische B\u00fcrgerkrieg, der eine Folge der Intervention 21 imperialistischer Armeen unterst\u00fctzt durch die Wei\u00dfen Armeen war, f\u00fchrte zu einer weitreichenden Zerst\u00f6rung von Leben und einer schrecklichen Hungersnot in Teilen Russlands. Die vollst\u00e4ndige Verantwortung hierf\u00fcr liegt auf den Schultern des Imperialismus, der versuchte die Revolution zu zerschlagen.<\/p>\n<p>Dem M\u00e4rchen der Unpopularit\u00e4t der Bolschewiki und von Lenin und Trotzki in der Zeit ihrer Machtaus\u00fcbung wird sogar von Service selber widersprochen. Er weist beispielsweise darauf hin, dass die Revolution zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die alte Provinz Moskowien und die beiden wichtigsten St\u00e4dte Moskau und Petrograd zur\u00fcck gefallen war. Aber warum hat die Revolution dann durchgehalten und triumphiert, die Wei\u00dfen geschlagen und die imperialistischen Armeen aus Russland vertrieben? Weil die Masse der Bev\u00f6lkerung die Vorteile der Handlungen der Arbeiter- und Bauernregierung sahen: die Landverteilung an die Bauern, die Befreiung von zaristischer Unterdr\u00fcckung und Brot. Auch ArbeiterInnen in der ganzen Welt unterst\u00fctzten die russische Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Aber die Flachheit von Services Methode wird deutlich, wenn es um Trotzkis Kampf gegen Stalin und die B\u00fcrokratie geht. Den wahren Grund daf\u00fcr, dass er dieses Buch geschrieben hat, macht er schon in der Einf\u00fchrung deutlich. Erst einmal sehen wir hier eine r\u00fchrende Verteidigung Stalins, der \u201ekein Kleingeist war, sondern eine beeindruckende Anzahl von F\u00e4higkeiten und Talent zur F\u00fchrung\u201c hatte. Aber andererseits, hatten Stalin, Trotzki und Lenin angeblich \u201emehr gemeinsam, als sie Differenzen hatten\u201c. Die implizierte Schlussfolgerung daraus, die in seiner folgenden Analyse ausgesprochen wird, ist, dass Stalins Regime letztlich ein \u201eAuswuchs\u201c aus dem Bolschewismus von Lenin und dem \u201eerworbenen\u201c Bolschewismus von Trotzki war.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich trennt das Regime von Lenin und Trotzki \u2013 das Regime der Revolution, das zu Beginn der Revolution eine Massenbeteiligung und Arbeiterdemokratie hatte \u2013 und das von Stalin eine aus Blut gezogene Grenze. Die S\u00e4uberungsprozesse der 1930er \u2013 die Service skandal\u00f6serweise nur am Rande erw\u00e4hnt \u2013 repr\u00e4sentierten einen einseitigen B\u00fcrgerkrieg gegen die \u00dcberreste der Bolschewistischen Partei. Er vergleicht Stalins monstr\u00f6se S\u00e4uberungsprozesse tats\u00e4chlich mit den \u201eSchauprozessen\u201c der Sozialrevolution\u00e4re im Jahr 1921. Diese fanden statt nachdem die Sozialrevolution\u00e4re in tats\u00e4chlich terroristischen Akten Lenin mit zwei Kugeln verletzten und die Bolschewisten Uritzki und Wolodarski t\u00f6teten.<\/p>\n<p>Trotzki hat niemals eine terroristische Handlung gegen Stalin oder dessen Regime ausgef\u00fchrt. Mehr noch, die Bolschewiki haben 1921 zwei prominenten Sozialdemokraten der Zweiten Internationale erlaubt, nach Russland zu kommen, um die Angeklagten zu verteidigen. Sie wurden auch nicht hingerichtet, obwohl sie schuldig gesprochen wurden. Stalin gew\u00e4hrte keinen solchen Ermessensspielraum gegen\u00fcber den Angeklagten der Moskauer Prozesse.<\/p>\n<p>Der Stalinismus war keine \u201enat\u00fcrlich Weiterentwicklung\u201c des Leninismus, sondern seine Negation. Service ist unf\u00e4hig, das zu erkennen. Er steht fest im Lager derjenigen kapitalistischen Kommentatoren, die den Marxismus \u2013 und Trotzkismus ist nur dessen moderne Manifestation \u2013 ablehnen und die alle Erinnerungen an die tats\u00e4chlichen Lehren der Revolution und von Trotzkis Kampf ausl\u00f6schen wollen.<\/p>\n<p>Service schreibt: \u201eFr\u00fcher war Trotzki ein regelm\u00e4\u00dfiger Gegenstand \u00f6ffentlicher Debatten, zumindest au\u00dferhalb der UdSSR. Diese Tage sind vorbei.\u201c Wunschdenken! \u201eTrotzkismus\u201c ist f\u00fcr die Kapitalisten und ihre Medien das neue Schimpfwort geworden, das \u201eKommunist\u201c ersetzt hat. In der derzeitigen Periode massiven sozialen Aufruhrs, die sich aus der zerst\u00f6rerischen Wirtschaftskrise des Weltkapitalismus entwickelt hat, sucht eine neue Generation nach Ideen, um das kapitalistische System herausfordern zu k\u00f6nnen. Das f\u00fchrt unweigerlich dazu, sich mit vergangenen K\u00e4mpfen zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<h4>Der wahre Trotzki<\/h4>\n<p>Die entschlossensten und gewissenhaftesten der jungen ArbeiterInnen, Frauen, MigrantInnen, die nach Methoden f\u00fcr den heutigen Kampf suchen, werden Leo Trotzki wieder entdecken. Er k\u00e4mpfte f\u00fcr eine neue Welt der Arbeiterdemokratie und der sozialistischen Zusammenarbeit, f\u00fcr eine Welt frei von Ausbeutung. Sein \u201emoderner\u201c Biograph versucht ein System zu st\u00fctzen, dass todkrank ist. Deswegen nimmt er in seinem Buch eine massive Entstellung von Trotzkis Ideen vor.<\/p>\n<p>Service liegt falsch mit seiner Behauptung, Trotzki sei ein Menschewik gewesen, wenn er ihm Unwissenschaftlichkeit vorwirft. Ebenso hat er nicht das geringste Verst\u00e4ndnis von Trotzkis Haltung zur deutschen Revolution des Jahres 1923. Er sagt, Trotzki habe keine Meinung zu diesem erdbebenhaften Ereignis gehabt. Doch der damalige F\u00fchrer der Kommunistischen Partei Deutschlands, Brandler, wollte, dass Trotzki zur Unterst\u00fctzung der Machteroberung der Arbeiterklasse nach Deutschland kommt. Man br\u00e4uchte ein weitaus umfangreicheres Buch, als das von Service, um all seine Fehler zu korrigieren.<\/p>\n<p>Service kommentiert, ohne es wirklich zu verstehen, warum Trotzki \u2013 mit dem stillen Einverst\u00e4ndnis des damaligen Weltkapitalismus \u2013 miterleben musste, wie seine T\u00f6chter und S\u00f6hne, seine ganze Familie und letztlich er selbst durch Stalin ermordet wurden. Stalin dachte, er k\u00f6nne eine Idee und eine Methode ausl\u00f6schen. Er war jedoch nicht erfolgreich, denn Trotzkis Ideen sind heute noch lebendig. Wenn aber die m\u00e4chtige stalinistische Maschine, inklusive ihrer L\u00fcgen und Verdrehungen, das nicht bewerkstelligen konnten, welche Chance kann Service damit haben?<\/p>\n<p>Der widerlichste Aspekt dieses Buches sind die hochgradig pers\u00f6nlichen Angriffe gegen Trotzki. \u201eGreife die Ideen einer Frau oder eines Mannes an, aber greife die Person selbst nicht an.\u201c Diese Maxime ist dem Autor fremd. Es geht uns nicht darum, Trotzki zu \u201eidealisieren\u201c, sondern darum, von Trotzki seine Methode marxistischer Analyse zu lernen, die es uns erlaubt, die politischen Werkzeuge zur Vorbereitung einer sozialistischen Welt zu schaffen. So etwas findet man in Services Buch nicht; man kann es trotzdem lesen, vor allem sollte man Trotzkis \u201eMein Leben\u201c und Deutschers Trilogie lesen \u2013 die, weit davon entfernt perfekt oder gar trotzkistisch zu sein, zumindest ein Bild zeichnet, in dem Trotzkis Leben und seine Bedeutung erkennbar werden. Man sollte auch das Material der Socialist Party \u00fcber Trotzkis Leben und seine Bedeutung f\u00fcr die heutige Zeit lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Literatur und Quellen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Robert Service \u2013 Trotzki. Eine Biographie, 2012, Suhrkamp Verlag Berlin<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">David North \u2013 Verteidigung Leo Trotzkis, 2010, Mehring Verlag Essen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Bertrand Patenaude in American Historical Review, Juni 2011<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">Videointerview mit Peter Taaffe: http:\/\/www.socialistworld.net\/doc\/4097<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\"><strong><em>Sascha Stanicic ist verantwortlicher Redakteur von sozialismus.info, Bundessprecher der SAV und Mitglied der Partei DIE LINKE in Berlin-Neuk\u00f6lln. Peter Taaffe ist seit den 1960er Jahren f\u00fchrender Trotzkist in Gro\u00dfbritannien. Er ist Generalsekret\u00e4r der Socialist Party in England und Wales und Mitglied des Internationalen Sekretariats des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale (www.socialistworld.net).<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen die Geschichtsf\u00e4lschung. 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