{"id":20872,"date":"2012-09-14T00:00:06","date_gmt":"2012-09-13T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=20872"},"modified":"2012-09-11T16:54:19","modified_gmt":"2012-09-11T14:54:19","slug":"paul-krugman-ein-weg-aus-der-depression-fuer-die-weltwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/09\/paul-krugman-ein-weg-aus-der-depression-fuer-die-weltwirtschaft\/","title":{"rendered":"Paul Krugman: Ein Weg aus der Depression f\u00fcr die Weltwirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/7314510974_3b6ae93990_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-20873\" title=\"Paul Krugman\" src=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/7314510974_3b6ae93990_b-e1347375248255-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" \/><\/a>Der globale Kapitalismus versinkt in der wirtschaftlichen Depression. Und da taucht ein keynesianistisches Traktat von Paul Krugman auf, das Vorschl\u00e4ge f\u00fcr einen Ausweg macht. <\/strong><strong> <\/strong><\/p>\n<h4><strong>Dieser Artikel erschien am 27. August auf englischer Sprache auf der Webseite socialistworld.net<\/strong><\/h4>\n<p><em>von Lynn Walsh, Herausgeber von \u201eSocialism Today\u201c, dem Monatsmagazin der \u201eSocialist Party\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales)<\/em><\/p>\n<p>Zu Grunde liegender Text: Paul Krugman: \u201eEnd This Depression Now!\u201c, WW Norton &amp; Co, 2012.<\/p>\n<p>Laut Paul Krugman befindet sich die US-Wirtschaft mit ihrem schwachen Wachstum und der best\u00e4ndig hohen Arbeitslosigkeit in der Depression. Zwar ist die Lage nicht so ernst wie zur Zeit der \u201eGro\u00dfen Depression\u201c in den 1930er Jahren, aber \u201ees ist im Wesentlichen gleichwohl dieselbe Situation, die John Maynard Keynes in den 1930er Jahren als &#8222;eine chronische Erkrankung mit unterdurchschnittlicher Investitionst\u00e4tigkeit \u00fcber einen betr\u00e4chtlichen Zeitraum ohne sp\u00fcrbare Tendenz entweder in Richtung Erholung oder des v\u00f6lligen Zusammenbruchs&#8220; beschrieb.\u201c<\/p>\n<p>Krugman beklagt die enormen Verluste in der Wirtschaft, die dauerhafte Aush\u00f6hlung der Produktionskapazit\u00e4ten und die soziale Katastrophe durch anhaltende Massenarbeitslosigkeit. Mit der Bankenrettung, die nach dem Zusammenbruch von \u201eLehman Brothers\u201c im Jahre 2008 \u00fcber die TARP (Programm, \u00fcber das die US-Regierung Anteile an Finanzinstitutionen aufkauft) organisiert wurde, konnte ein Kollaps des Finanzsystems verhindert werden \u2013 wenngleich mit extrem g\u00fcnstigen Bedingungen f\u00fcr die Banken und Spekulanten. Das Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket von Pr\u00e4sident Barack Obama, das keynesianistische Z\u00fcge tr\u00e4gt, verhinderte zwar einen katastrophalen wirtschaftlichen Einbruch, blieb aus Sicht von Krugman aber zu begrenzt, um f\u00fcr nachhaltiges Wachstum zu sorgen.<\/p>\n<p>Laut Krugman haben die f\u00fchrenden Politiker es nicht vermocht, ihre Lehren aus den 1930er Jahren zu ziehen. Durch eine Kombination aus verdrehter Ideologie und wirtschaftlichem Eigeninteresse \u00fcbten sie Druck aus, um im Jahr 2010 zu einer Politik zur\u00fcckzukehren, die einfach nur die Verringerung der Defizite zum Ziel hat. Das allerdings unterminiert die auf Wirtschaftsf\u00f6rderung ausgerichtete Fiskalpolitik. Was Obama demnach fehlt, ist die \u201eEntschlossenheit eines Roosevelt\u201c, die der gleichnamige Pr\u00e4sident in der Zeit der \u201eGro\u00dfen Depression\u201c an den Tag legte. Krugman gesteht ein, dass Obama mit einer erbitterten Opposition aus dem Kongress konfrontiert ist, der von den Republikanern beherrscht wird. Er kritisiert aber das Versagen des Pr\u00e4sidenten, sich f\u00fcr ein noch umfassenderes Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket eingesetzt zu haben. Demzufolge sei Obama gescheitert, die \u00f6ffentliche Meinung mit Erfolg f\u00fcr ein derartiges Eingreifen zu gewinnen. Das Ergebnis davon ist die beklagenswerte Lage, in der sich die US-Wirtschaft derzeit befindet.<\/p>\n<p>Nun hat Krugman eine Abhandlung f\u00fcr die \u201eNew York Times\u201c geschrieben und der Titel suggeriert eher, dass es sich um eine Handlungsanweisung handelt als um eine wissenschaftliche Analyse. Sie ist pr\u00e4gnant geschrieben, an manchen Stellen polemisch bis satirisch und setzt sich unverhohlen f\u00fcr einen keynesianistischen Politikansatz ein, der aus Krugmans Sicht die Rezession rasch beenden und zu nachhaltigem Wachstum f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Krugman ist ein prominenter US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, allerdings eher f\u00fcr seine informativen und polemischen Kolumnen in der \u201eNew York Times\u201c bekannt. Neben Joseph Stiglitz ist er einer der bekanntesten Vertreter des Keynesianismus. Beide verfolgen somit das Ziel der wirtschaftlichen Erholung und treten f\u00fcr mehr staatliche Eingriffe ein. Sie sind sehr kritisch gegen\u00fcber der Art von Voodoo-\u00d6konomie, wie sie von den extremen Verfechtern des freien Marktes vertreten und zur Zeit vom Pr\u00e4sidentschaftskandidaten der \u201eRepublikaner\u201c, Mitt Romney, und vor allem von seinem Kandidaten f\u00fcr das Amt des Vizepr\u00e4sidenten, Paul Ryan, verfolgt wird.<\/p>\n<p>Die Analyse der Krise, die die USA und die Weltwirtschaft seit Ende des Jahres 2007 befallen hat, nimmt einen gro\u00dfen Teil von Krugmans Schrift ein, die kurz und knapp gehalten ist und durch ihre klare Beschreibung der Dinge besticht. So weit wie sie sich mit der Materie befasst, wird auf den \u00fcblichen Jargon und Tonfall weitgehend verzichtet. Insgesamt verharrt Krugman aber nur an der Oberfl\u00e4che. Es ist eine altbekannte Geschichte: Der riesige, auf Krediten basierende Boom nach 2001, zu dem es sowohl in den USA als auch im Weltma\u00dfstab gekommen war, brachte \u2013 vor allem in den L\u00e4ndern, die dem US-amerikanischen und angels\u00e4chsischen Modell folgten, die Immobilienblase hervor. Der Finanzsektor und in erster Linie das Schatten-Bankensystem wurden zu einer immer dominierenderen Gr\u00f6\u00dfe. Die Verbriefung von Krediten in Wertpapierform und die umfangreiche Ausweitung der Finanzderivate sollten das Risiko minimieren oder \u2013 so war es jedenfalls der Traum von vielen \u2013 komplett ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wie der Investor Warren Buffett (und \u00fcbrigens auch die \u201eSocialism Today\u201c) vorausgesagt hatte, wurden die Derivate jedoch bald zu Instrumenten einer breit angelegten Zerst\u00f6rungswelle. Mit dem Platzen der Immobilienblase wurden diese Auswirkungen weiter verst\u00e4rkt. Und ohne staatliches Eingreifen zur Bankenrettung in den USA und andernorts w\u00e4re es zu einem weltweiten Kollaps des Finanzsystems gekommen.<\/p>\n<p>Krugmans Erkl\u00e4rung bleibt jedoch begrenzt. So f\u00fchrt er aus, dass die f\u00fchrenden Politiker die Lehren aus den 1930er Jahren einfach \u201evergessen\u201c h\u00e4tten, was einen Gro\u00dfteil der regulierenden Beschr\u00e4nkungen, die f\u00fcr die Finanzinstitutionen galten, aufhob. Das h\u00e4tte unter Ronald Reagan seinen Anfang genommen, verst\u00e4rkte sich aber unter der Pr\u00e4sidentschaft eines Bill Clinton. Zweifellos hat die Aufhebung des unter dem Namen \u201eGlass-Steagall Act\u201c bekannt gewordenen Gesetzes von 1933, das das Trennbankensystem, also die Trennung der Kreditinstitute von den sich an spekulativen Gesch\u00e4ften beteiligenden Finanzh\u00e4usern durchgesetzt hatte, die Beschleunigung der \u201eFinanzialisierung\u201c (Schaffung finanziellen Reichtums ohne Verbindung zu realwirtschaftlichen Produktionsprozessen; Anm. d. \u00dcbers.) erleichtert und nicht erst verursacht. Diesem Trend lag die Abwendung der Kapitalisten von Investitionst\u00e4tigkeiten im Produktions- und die Hinwendung zu einem viel umfassenderen Investment im Finanzsektor zu Grunde. Kurzfristige Profite aufgrund von Finanzspekulation beherrschten die Szenerie, was dazu f\u00fchrte, dass die Profite sich zunehmend in der Hand vom reichsten einen Prozent \u2013 oder, um es genauer zu beziffern, des reichsten 0,01 Prozent der Bev\u00f6lkerung befand. Die extreme Ideologie des freien Marktes wurde eingesetzt, um diesen Trend zu legitimieren.<\/p>\n<p>Die \u201eFinanzialisierung\u201c ver\u00e4nderte die Struktur der US-Wirtschaft und anderer entwickelter kapitalistischer L\u00e4nder. Diese konzentrierten immer mehr im Bereich der Versorgungsdienstleistungen, kurbelten durch vermehrte Zurverf\u00fcgungstellung g\u00fcnstiger Kredite und den Boom auf dem Wohnungsmarkt wie auch bei den Finanzanlagen die Verbrauchernachfrage an und lagerten die Produktion zu einem guten Teil in Niedriglohn-Volkswirtschaften wie China aus. Krugman hat nichts oder nur sehr wenig beizutragen, wenn es um die strukturellen Ver\u00e4nderungen in den USA und der gesamten Weltwirtschaft geht. Das ist Ausdruck der charakteristischen Schw\u00e4che des keynesianistischen Ansatzes. Er geht davon aus, dass den heutigen Problemen rasch und lediglich mit einer ver\u00e4nderten makro\u00f6konomischen Politik beizukommen sei.<\/p>\n<p>Die momentane Depression wird als \u201eunn\u00f6tig\u201c angesehen: \u201e[&#8230;] dazu h\u00e4tte es nicht kommen m\u00fcssen\u201c. Krugmans Erkl\u00e4rung ist, dass \u201ewir unter einem Software-Crash gelitten haben [\u2026]. Der Punkt ist, dass das Problem nicht beim Motor der Wirtschaft liegt, der so kraftvoll ist wie eh und je. Stattdessen reden wir im Grunde \u00fcber ein technisches Problem, ein Problem der Organisation und Koordination \u2013 einem &gt;kolossalen Kuddelmuddel, wie Keynes es nennt. L\u00f6se dieses technische Problem und die Wirtschaft wird mit Get\u00f6se zur\u00fcckkehren ins Leben\u201c.<\/p>\n<p>Darin kommt die Illusion von Krugman, die keynesianistische Illusion, zum Ausdruck, dass die kapitalistische Wirtschaft gef\u00fchrt werden kann, dass Ungleichgewichte durch das Eingreifen der Regierung und mit dem richtigen politischen Vorgehen \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Es ist die Illusion, nach der die f\u00fchrenden Kapitalisten und Politiker durch rationale Argumente davon \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnten, einfach die richtige Politik zu verfolgen. Wenn \u00fcberhaupt, dann ist Krugman noch naiver als Keynes selbst, der durchaus die Schwierigkeit gesehen hatte, Kapitalisten von staatlichem Eingreifen zu \u00fcberzeugen \u2013 auch wenn keine Kriegssituation herrscht, die ihre Existenz bedrohen w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>\u201eAlles h\u00e4ngt von der Nachfrage ab\u201c<\/h4>\n<p>Krugman beschreibt sich selbst als \u201eeine Art Neo-Keynesianer\u201c, der \u201esich h\u00e4ufig auf alte keynesianistische Ans\u00e4tze beruft\u201c. Er folgt dem keynesianistischen Denken, das eine bedingungslose Unterwerfung vor rein formal-rechtlichen Grunds\u00e4tzen ablehnt. Es ist die Idee, nach der die Nachfrage \u2013 im Laufe der Zeit \u2013 immer das Angebot regeln wird. Unter Bezugnahme auf die Klassiker der politischen \u00d6konomie aus der Fr\u00fchphase des Kapitalismus wird damit auszudr\u00fccken versucht, dass der Markt immer f\u00fcr ausgeglichene Verh\u00e4ltnisse sorgen wird. Diese Lehrmeinung kam in den 1990er Jahren erneut aufs Tapet, als die Vertreter des freien Marktes (darunter auch Alan Greenspan, der einmal der US-amerikanischen Notenbank \u201eFederal Reserve\u201c vorstand) die absurde Idee von der Perfektionierung der M\u00e4rkte vertraten. Einige der st\u00e4rksten Verfechter dieser Doktrin behaupteten sogar, dass das Ph\u00e4nomen der Auf- und Abschw\u00fcnge nun der Vergangenheit angeh\u00f6ren w\u00fcrde. Nach dem Zusammenbruch des Bankhauses \u201eLehman Brothers\u201c im Jahr 2008 musste sogar Greenspan eingestehen, dass er falsch gelegen hatte \u2013 obwohl er sp\u00e4ter zu seinen alten Vorstellungen zur\u00fcckfand.<\/p>\n<p>Krugman folgt Keynes auch in dem Punkt, wonach alles nur von der Nachfrage abh\u00e4ngen w\u00fcrde: Der wichtigste Faktor f\u00fcr die momentane Depression sei die mangelnde gesamtwirtschaftliche Nachfrage (worunter die gesamte Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen verstanden wird, f\u00fcr die mit Geldmitteln gezahlt werden muss, aber auch die Nachfrage nach Kapitalg\u00fctern). \u201e2008\u201c, schreibt Krugman, \u201efanden wir uns pl\u00f6tzlich in einer keynesianistischen Welt wieder [\u2026], damit meine ich, dass wir uns in einer Welt wiederfanden, in der der Mangel an hinreichender Nachfrage zum gr\u00f6\u00dften \u00f6konomischen Problem geworden war [\u2026]\u201c. Diese Situation, so f\u00fchrt er aus, verlangt nach einer aktiven Regierungspolitik.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war der Nachfrage-R\u00fcckgang, der auf die Finanzkrise folgte, der unmittelbare Grund f\u00fcr den wirtschaftlichen Abschwung. Die privaten Haushalte waren \u00fcber die Ma\u00dfen verschuldet und wurden vom Zusammenbruch der Immobilienpreise sowie dem steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit schwer getroffen. Viele (vor allem kleine und mittlere) Unternehmen waren von der Kreditklemme und dem Kollaps bei der Verbrauchernachfrage schwer getroffen. Gro\u00dfkonzerne mit enormen Kapitalreserven waren auf der Basis schrumpfender M\u00e4rkte nicht darauf vorbereitet, in neue Kapazit\u00e4ten zu investieren. Sowohl die Privathaushalte wie auch die Unternehmen waren in die klassische Schuldenfalle getappt. Verzweifelt versuchten sie ihre Schulden in den Griff zu bekommen und begannen damit, mehr zu sparen als sie investierten oder f\u00fcr Warenk\u00e4ufe und Dienstleistungen ausgaben.<\/p>\n<p>In einer solchen Situation lautet das keynesianistische Argument, dass der Staat einschreiten und die Nachfrage ankurbeln muss. Eine Senkung der Zinsen (sogar gegen Null) w\u00fcrde nicht ausreichen. Vielmehr m\u00fcsse der Staat die Nachfrage steigern, indem er Geld f\u00fcr die Finanzierung der Schulden zur Verf\u00fcgung stellt \u2013 oder die Geldpresse anschmei\u00dft. Eine Verbesserung des sozialen Netzes (z.B. durch Anhebung der Arbeitslosenunterst\u00fctzung) und Arbeitsbeschaffungsprogramme (etwa \u00fcber Infrastruktur-Projekte) k\u00f6nnten so die Arbeitslosigkeit reduzieren und zu steigender Nachfrage f\u00fchren.<\/p>\n<p>Krugman bef\u00fcrwortet die von der US-Regierung und der \u201eFederal Reserve\u201c in den Jahren 2008 und 2009 durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen. Damals senkte die \u201eFed\u201c die Zinsen fast gegen Null und pumpte durch die sogenannte Politik des \u201equantitative easing\u201c Kredite in die Wirtschaft. Auch mag Krugman die Bankenrettungen, die unter George W. Bush stattfanden, sowie die Hilfen f\u00fcr Institutionen aus der Schattenwirtschaft des Bankensystems durch die TARP (im Umfang von 700 Milliarden US-Dollar) guthei\u00dfen. Zumindest merkt er dabei korrekter Weise an, dass bei diesen Rettungsma\u00dfnahmen \u00e4u\u00dferst nachsichtig mit den genannten Institutionen verfahren wurde. Im Gegensatz dazu konnte sich die zugesagte Hilfe f\u00fcr die HypothekennehmerInnen, denen das Wasser bis zum Hals stand (Hausk\u00e4uferInnen mit negativem Eigenkapitalwert), weitgehend nicht materialisieren. Krugman unterst\u00fctzt zwar ausdr\u00fccklich das Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket von Obama im Umfang von 787 Milliarden US-Dollar, steht dem seiner Meinung nach aber viel zu begrenzten Charakter desselben jedoch sehr kritisch gegen\u00fcber. Sein Argument: Fast 40 Prozent davon wird in Form von Steuererleichterungen aufgebracht, statt aus erh\u00f6hten Staatsausgaben zu bestehen.<\/p>\n<p>Die zentrale Kritik, die Krugman anbringt, lautet, dass das Programm viel zu begrenzt war und seit 2010 zu gro\u00dfen Teilen bereits wieder begraben wurde. Das, so meint er, sei der Grund, weshalb die Rezession fortbesteht und die Arbeitslosigkeit auf derart hohem Niveau verharrt. (\u00dcbrigens: Auch Krugmans Kritik am Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket von Roosevelt, das unter dem Namen \u201eNew Deal\u201c bekannt wurde, lautet, dieses sei nicht umfassend genug gewesen und habe im Jahre 1937 dann zu einer erneuten Rezession gef\u00fchrt.)<\/p>\n<p>Wenn Obama mit seiner Wirtschaftsf\u00f6rderungspolitik weitergemacht h\u00e4tte \u2013 insbesondere durch \u00f6ffentliche Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen, die Millionen von Arbeitspl\u00e4tzen hervorgebracht h\u00e4tten, dann h\u00e4tte sich die Rezession in den USA wom\u00f6glich nicht so dramatisch entwickelt wie nun geschehen. Wie dem auch sei: Indem Krugman den Faktor \u201eNachfrage\u201c isoliert und als den ausschlaggebenden Punkt schlechthin betrachtet, muss er darin scheitern, dem Problem insgesamt auf den Grund gehen zu k\u00f6nnen. Die keynesianistische Idee lautet, dass ein Vorpreschen staatlicher Ausgabenpolitik der Wirtschaft eine zus\u00e4tzliche Starthilfe verpassen, Arbeitspl\u00e4tze schaffen, die Investitionst\u00e4tigkeit ankurbeln und zu weiteren Positiveffekten f\u00fchren wird, \u201ebis der private Sektor wieder in der Lage ist, die Wirtschaft erneut anzutreiben\u201c. Mal von der kapitalistischen Feindschaft gegen\u00fcber der gr\u00f6\u00dferen Rolle des Staates abgesehen, ist auch bei weitem nicht gesichert, dass eine kurzfristige Wirtschaftsf\u00f6rderung dieser Art bei den gro\u00dfen Konzernen tats\u00e4chlich zu neuen Investitionen und erh\u00f6hter Produktion f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Kapitalinvestitionen, die einen gewissen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA und anderen entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern ausmachen, waren trotz des gr\u00f6\u00dfer gewordenen Anteils der Profite am Gesamteinkommen seit den fr\u00fchen 1980er Jahren im Niedergang begriffen. Die Stagnation beim investierten Kapital setzte sich trotz des hohen Ma\u00dfes auf der Nachfrageseite (getragen von Krediten bzw. Verschuldung) in den 1990er und 2000er Jahren in den USA fort.<\/p>\n<p>Keynes glaubte, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Zusammenbruch des \u201eGleichgewichts des Marktes\u201c kommen w\u00fcrde, wenn die Kapitalisten auf sogenannte \u201eLiquidit\u00e4tspr\u00e4ferenz\u201c setzen w\u00fcrden. Mit anderen Worten: Sie w\u00fcrden mehr sparen als investieren, weil sie ihr Geld lieber horten als dieses produktiv f\u00fcr Investitionen zur Verf\u00fcgung zu stellen. Keynes erkl\u00e4rte dies mit dem Faktor \u201eVertrauen\u201c. Dabei handelt es sich um eine rein subjektive Erkl\u00e4rung. In Wirklichkeit liegt mangelndes Vertrauen darin begr\u00fcndet, dass man einen wesentlich objektiveren Faktor absch\u00e4tzt: die Aussicht, angemessenen Profit machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So war es auch die \u201eLiquidit\u00e4tspr\u00e4ferenz\u201c der Gro\u00dfkonzerne, die dazu f\u00fchrte, dass man sich seit den fr\u00fchen 1980er Jahren mehr und mehr mit spekulativen Finanzgesch\u00e4ften besch\u00e4ftigte. Krugmans Analyse ist Ausdruck der Schw\u00e4che, die der Theorie von Keynesian zugrunde liegt: Sie legt den Fokus auf eine auf Erfahrungen beruhende, makro\u00f6konomische Politik und versagt darin, die ihr zugrunde liegenden Kr\u00e4fte fassbar zu machen. Vor allem gilt dies f\u00fcr die allgemeine Profitabilit\u00e4tsentwicklung. Es ist schon erstaunlich, dass Krugman keinen Satz \u00fcber Profite oder Profitabilit\u00e4t verliert. Diese Begriffe kommen nicht einmal im Register des Buches vor (was f\u00fcr keynesianistische Sachb\u00fccher \u00fcbrigens keine Seltenheit ist). Er beschreibt zwar sehr anschaulich die wachsende Ungleichheit in den USA, macht aber keinen Versuch, diese in Zusammenhang zu bringen mit der zunehmenden Ausbeutung der Arbeiterklasse, deren Arbeitskraft jeden Profit \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht.<\/p>\n<h4>Unver\u00e4nderbarer Politikansatz?<\/h4>\n<p>\u201eIndem wir auf altehrw\u00fcrdige \u00f6konomische Prinzipien zur\u00fcckgreifen, deren G\u00fcltigkeit von den j\u00fcngsten Ereignissen gerade wieder unter Beweis gestellt wurde, k\u00f6nnen wir mehr oder weniger schnell wieder zu Vollbesch\u00e4ftigung kommen; m\u00f6glicherweise in weniger als zwei Jahren. Alles, was die Wiederbelebung [der Wirtschaft] blockiert, ist der Mangel an intellektueller Klarheit und politischem Willen\u201c. Dies ist ein Punkt, den Krugman an verschiedenen Stellen in seinem Buch wiederholt. Und die \u201ealtehrw\u00fcrdige Prinzipien\u201c stellen dabei den direkten Bezug zur keynesianistischen Politk her.<\/p>\n<p>Wie Keynes vor ihm argumentiert auch Krugman, dass sein Politikverst\u00e4ndnis moderat sei. Er schl\u00e4gt \u201eMa\u00dfnahmen\u201c vor, \u201emit denen haupts\u00e4chlich versucht werden soll, die Wirtschaft anzukurbeln statt zu versuchen, sie zu transformieren [\u2026]\u201c. Wie Keynes macht auch er deutlich, dass er die grundlegenden Strukturen des Kapitalismus nicht in Frage stellt. Er warnt davor, dass ein sich lang hinziehender Abschwung eine Gefahr \u201ef\u00fcr die demokratischen Werte und Institutionen bedeutet\u201c. Gemeint sind damit wohl Aufst\u00e4nde und Konflikte zwischen den gesellschaftlichen Klassen.<\/p>\n<p>Trotz seiner harschen Kritik an der Vorgehensweise der \u201eRepublikaner\u201c, der Konzernchefs und der orthodoxen Wissenschaftler, die die Ideologie des freien Marktes propagieren, scheint Krugman oftmals \u00fcberrascht \u00fcber deren Haltung zu sein. Er betrachtet es als ihren Fehler an, die Zusammenh\u00e4nge nicht zu verstehen und die Realit\u00e4t nicht im Blick zu haben. Stattdessen hofft er, dass der Druck der aufgekl\u00e4rten \u00f6ffentlichen Meinung ihre Haltung ver\u00e4ndern kann. \u201eDie Quellen f\u00fcr unser Problem sind im Gro\u00dfen und Ganzen relativ einfach zu verstehen. Sie k\u00f6nnen schnell und auf ziemlich einfache Art und Weise angegangen werden, wenn gen\u00fcgend Menschen in einflussreichen Positionen die Zusammenh\u00e4nge begreifen\u201c.<\/p>\n<p>Bisweilen weist der Autor selbst auf die Einzelinteressen (oder, wie US-AmerikanerInnen sagen: \u201ebesondere Interessen\u201c) derer hin, die die Politik des freien Marktes bevorzugen. Das gesellschaftliche Gewicht, das die Konzerne haben, hat in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen. Es ist zu einer enormen Konzentration von Reichtum in den H\u00e4nden des viel zitierten oberen einen Prozents der Bev\u00f6lkerung gekommen (oder vielmehr eines kleinen Teils dieses oberen einen Prozents). Mit Geld kann man, wie Krugman sagt, Einfluss kaufen, und die Konzerne \u00fcben einen enormen Einfluss sowohl auf die \u201eDemokratische Partei\u201c als auch auf die \u201eRepublikaner\u201c aus.<\/p>\n<p>Weshalb sprechen sich viele Vertreter der politischen Rechten zum Beispiel vehement gegen die Geldmarktpolitik der \u201eFederal Reserve\u201c unter ihrem Vorsitzenden Ben Bernanke aus? Bei der Politik des \u201equantitative easing\u201c handelt es sich praktisch um eine Form des Keynesianismus f\u00fcr die Bankiers. Viele der gro\u00dfen Finanzinstitutionen w\u00e4ren ohne die g\u00fcnstigen Liquidit\u00e4tshilfen durch die \u201eFed\u201c l\u00e4ngst zusammengebrochen. Dennoch sind insbesondere die Finanzmarkt-Kapitalisten besessen vom Schreckgespenst namens Inflation \u2013 auch, wenn diese zur Zeit keine unmittelbare Bedrohung darstellt. Das liegt \u00fcbrigens an den weltweit vorhandenen \u00dcberkapazit\u00e4ten, die das Preisniveau insgesamt niedrig halten, und daran, dass die Banken in den meisten F\u00e4llen auf ihren Geldreserven sitzen statt diese ins Wirtschaftssystem einzubringen. Die Finanziers und Investoren unterst\u00fctzen jede Politik, die die Gl\u00e4ubiger und nicht die SchuldnerInnen bevorzugt behandelt. Schlie\u00dflich verabscheuen die Kreditgeber niedrige Zinsen und eine Inflation, die die inflationsbereinigten Realzinsen herabsetzt.<\/p>\n<p>Krugman zitiert eine Bemerkung, die Keynes h\u00f6chstselbst gemacht hat: Die Idee des freien Marktes, sagte Keynes, \u201e[erm\u00f6glicht] Ma\u00dfnahmen, die das freie Handeln des einzelnen Kapitalisten rechtfertigen, was dazu f\u00fchrt, dass die vorherrschende gesellschaftliche Kraft [die Kapitalisten] sich hinter die Obrigkeit [die Regierung] stellen wird\u201c. In den USA machen Vertreter der Konzerne und \u201erepublikanische\u201c Politiker kein Geheimnis daraus, dass sie jegliche Form staatlicher Intervention zur \u00dcberwindung der Rezession als Anfang vom Ende betrachten, was die Gefahr des \u201eSozialismus\u201c aufwirft.<\/p>\n<p>Krugman wartet mit vielen der Zutaten auf, die f\u00fcr eine Analyse der politisch-\u00f6konomischen Situation in den USA n\u00f6tig sind. Allerdings scheitert er selbst darin, diese Analyse am Ende auch zu liefern. Als \u201eLiberaler\u201c versagt er darin, die rechtslastige Ideologie zu sehen, die Einzelinteressen der Konzerne und die nach rechts tendierenden f\u00fchrenden Vertreter der \u201eRepublican Party\u201c als Erscheinungsformen von speziellen Klassen-Interessen zu erkennen. Er vermag darin praktisch keine Ideologie oder besondere Politikausrichtung zu erkennen, die die Interessen eines einflussreichen Teils der kapitalistischen Klasse \u2013 vor allem des Finanzkapitals \u2013 vertritt.<\/p>\n<h4>Krugmans L\u00f6sung<\/h4>\n<p>Krugman gelingt es, ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten zu zeigen, dass die Politik, die sich die Schuldenreduzierung auf die Fahnen geschrieben hat und zu der die kapitalistischen Regierungen \u00fcbergegangen waren, sobald es im Jahr 2010 zu einem gewissen Ma\u00df an wirtschaftlicher Erholung kam, die Situation nur noch weiter verschlimmert hat. Seine Bemerkungen im Kapitel \u00fcber Europa, das er mit Bezug auf Wagner \u201eEurod\u00e4mmerung\u201c genannt hat, sind von der anhaltenden Rezession in der EU und der Eurozone durchaus best\u00e4tigt worden. Er zeigt, dass es sich bei der Politik der \u201eexzessiven Sparprogramme\u201c, die auf der Annahme basiert, dass Schuldenreduzierung zu mehr \u201eVertrauen\u201c in die Wirtschaft und somit zu verst\u00e4rkter Investitionst\u00e4tigkeit und Wachstum f\u00fchren wird, schlichtweg um ein Hirngespinst handelt. Auf geistreiche Art und Weise nimmt Krugman Bezug auf die Vertreter dieser Spar-Ideologie und auf die Politiker und \u00d6konomen, die f\u00fcr sogenannte Sparpakete eintreten und unter starkem Einfluss der Ideologie des freien Marktes stehen, wie sie etwa von Friedrich Hayek und Ludwig von Mises vertreten wird.<\/p>\n<p>Krugman meint, dass die Schulden, die sich insgesamt auf f\u00fcnf Billionen US-Dollar belaufen, und von der US-amerikanischen Regierung seit 2007 angeh\u00e4uft wurden, nicht notwendigerweise eine Last f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung darstellen m\u00fcssen. Demnach w\u00e4ren rund 125 Milliarden US-Dollar an Zinszahlungen n\u00f6tig, was rund einem Prozent des BIP entspricht. Demzufolge leuchtet ein, dass der US-Kapitalismus auch einen deutlich h\u00f6heren Schuldenstand aushalten k\u00f6nnte \u2013 vorausgesetzt, das BIP w\u00e4chst, was \u00fcber eine gewisse (auch sehr lange) Zeitspanne dann zum schrittweisen Schuldenabbau f\u00fchren w\u00fcrde. Das politische Problem dabei ist, dass die kapitalistische Klasse in den USA, die sich seit den 1980er Jahren an einer Senkung ihrer Steuerlast erfreuen darf, sich unnachgiebig gegen h\u00f6here Steuern wehrt, um dar\u00fcber ein Mehr an \u00f6ffentlichen Investitionen zu finanzieren.<\/p>\n<p>Krugman kritisiert zu Recht das Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket von Obama (auch das sehr begrenzte zweite Paket), weil es nicht umfassend genug und zu sp\u00e4t gekommen ist. Angesichts des rei\u00dferischen Titels seines Buches bleiben die Vorschl\u00e4ge, die Krugman macht, allerdings \u00fcberraschend vage und reichlich begrenzt. Er pl\u00e4diert f\u00fcr eine umfassende Ausweitung der Politik des \u201equantitative easing\u201c und will, dass die \u201eFed\u201c viel mehr Anteile (auch von Konzernen sowie Hypotheken) aufkauft als bisher geschehen , um mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Er meint, dass Washington die Bundesstaaten und einzelnen St\u00e4dte wieder unterst\u00fctzen muss, weil das in den n\u00e4chsten zwei bis drei Jahren zu drei Millionen neuen Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fchren kann. Eine effektive Hilfe bei den Hypothekenkrediten, wie Obama sie zwar in Aussicht gestellt, aber nie umgesetzt hat, k\u00f6nnte demnach zu erh\u00f6hter Verbrauchernachfrage f\u00fchren. Krugman ruft dazu auf, die \u00f6ffentlichen Ausgaben zu steigern und mehr \u00f6ffentliche Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse zu schaffen (Instandsetzung und Erneuerung der Infrastruktur), bleibt in seinen Ausf\u00fchrungen dazu aber \u00fcberraschend vage. Er gibt zu, dass Obama es mit einer starken politischen Opposition im Kongress zu tun hat \u2013 selbst aus Teilen der \u201eDemocratic Party\u201c \u2013 und vielleicht will Krugman es einfach selbst vermeiden sich \u00fcber das Schicksal zu stellen und zu viele und zu konkrete Ma\u00dfnahmen vorzuschlagen.<\/p>\n<h4>Keine historische Perspektive<\/h4>\n<p>Der Analyse von Krugman mangelt es an historischer Perspektive. Er gesteht zwar ein, dass der \u201eNew Deal\u201c von Roosevelt nicht in vollem Umfang von Erfolg gekr\u00f6nt war und 1937 einer neuen Rezession Platz machen musste. Seiner Ansicht nach lag das aber daran, dass das Programm nicht den ausreichenden Umfang hatte und lange genug durchgehalten wurde. Trotzdem argumentiert er, dass die umfassende Erh\u00f6hung der \u00f6ffentlichen Ausgaben als Reaktion auf den Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 die USA aus der Rezession brachte. Noch bevor die USA in den Krieg eingetreten waren, hatten die Aufr\u00fcstung und eine gestiegene weltweite Nachfrage nach US-amerikanischen Waren die Wirtschaft angetrieben.<\/p>\n<p>Der Krieg wurde mit Schulden finanziert, doch im Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegsperiode konnten die Staatsschulden ziemlich rasch abbezahlt werden. Laut Krugman zeigt dies, dass historisch hohe Schuldenst\u00e4nde nicht notwendigerweise auch ein Problem darstellen m\u00fcssen, so lange wie es zu einem dauerhaften Wachstum des BIP kommt. \u201eWas der drohende Krieg mit sich brachte, war, dass er die Stimmen des geldpolitischen Konservatismus schlussendlich zum Schweigen brachte, die M\u00f6glichkeit der wirtschaftlichen Erholung bot [\u2026]\u201c. \u201eLiberaler\u201c eingestellte Keynesianisten k\u00f6nnen allerdings kaum sagen, dass ein Krieg die wirtschaftlichen Probleme l\u00f6sen kann!<\/p>\n<p>Im Scherz schl\u00e4gt Krugman vor, dass \u201ewas wir jetzt wirklich brauchen [eine] fingierte Bedrohung durch eine feindliche Invasion ist, die zu massiver Ausgabensteigerung zur Verteidigung gegen den \u00e4u\u00dferen Feind f\u00fchrt\u201c. Dieser Punkt ist sehr aufschlussreich. Krugmans Scherz stellt heraus, wie er darin versagt, den einzigartigen historischen Charakter des Zweiten Weltkriegs und der Aufschwungphase der Nachkriegs\u00e4ra zu erfassen. Dasselbe scheint f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige, ebenfalls historisch zu nennende Konjunkturlage zu gelten.<\/p>\n<p>\u201eFakt ist, dass wir es nach dem Zweiten Weltkrieg bis dato mit fast zwei ganzen Generationen zu tun hatten, die gekennzeichnet waren von mehr oder weniger angemessenen Arbeitslosenraten und einem tolerablen Ma\u00df an Ungleichheit, und dass wir dies wieder erreichen k\u00f6nnen\u201c, so Krugman. Doch eine keynesianistische Politik ist nicht in der Lage, die Bedingungen wiederherzustellen, die f\u00fcr einen anhaltenden Wirtschaftsaufschwung n\u00f6tig sind. Die ganze Struktur des Kapitalismus (wenn auch nicht der eigentliche Charakter des Systems) hat sich, genau wie die globalen wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge auch, gewandelt. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der anderen stalinistischen Staaten (Planwirtschaften unter der F\u00fchrung von b\u00fcrokratischen Regimen) nach 1989 haben dazu gef\u00fchrt, dass der Kapitalismus pl\u00f6tzlich kein Gegengewicht mehr hatte. Damit kam es auch zur Schw\u00e4chung und zum politischen Orientierungsverlust auf Seiten der Gewerkschaften und der traditionellen Organisationen der Arbeiterklasse. Dies ermutigte die Kapitalisten unter der F\u00fchrung der herrschenden Klasse in den USA, einen Feldzug gegen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse zu starten und den Markt zu \u201eperfektionieren\u201c. In den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern wurde die Finanzwirtschaft zur dominierenden Kraft. Die Situation heute stellt sich vollkommen anders dar, als zur Zeit der Nachkriegsphase.<\/p>\n<h4>Ein Programm f\u00fcr \u00f6ffentliche Besch\u00e4ftigung?<\/h4>\n<p>Heisst das, dass der keynsianistische Ansatz der Vergangenheit angeh\u00f6rt? Zweifelsohne gibt es einige, die das meinen. \u201eUnter den gegebenen, durch den Markt bedingten Umst\u00e4nden\u201c, so fasst es etwa ein Analyst der \u201eDeutsche Bank\u201c zusammen, \u201eist kein Platz f\u00fcr eine auf Expansion ausgerichtete Fiskalpolitik \u00e0 la Keynes, um in L\u00e4ndern mit niedrigen Wachstumsraten die Nachfrage anzukurbeln \u2013 die M\u00e4rkte werden eine derartige Strategie einfach nicht akzeptieren\u201c (\u201eInternational Herald Tribune\u201c, 10. Januar 2012). Die globalen Finanzm\u00e4rkte sind heute weit umfangreicher als sie zu Keynes\u2019 Zeiten waren, oder selbst in der Zeit vor der \u201eneoliberalen Revolution\u201c der 1980er Jahre. 1980 hatte das (tats\u00e4chlich vorhandene, in Krediten und Schulden ausgedr\u00fcckte) Geldverm\u00f6gen den Umfang der Welt-Jahresproduktion. 2006 beliefen sich diese Verm\u00f6gen auf das Vierfache der Welt-Jahresproduktion. Dieses Missverh\u00e4ltnis gibt den Spekulanten, den sogenannten \u201eMilizen der Wertpapierb\u00f6rsen\u201c, die Macht, um gegen jede Regierung spekulieren zu k\u00f6nnen, die eine ihnen nicht genehme Politik verfolgen will.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus werden die B\u00f6rsenh\u00e4ndler durch die Ideologie des freien Marktes best\u00e4rkt, die nun auch das Denken der kapitalistischen Regierungen und internationalen Einrichtungen wie etwa der OECD bestimmt. Trotz der sich momentan weltweit zuspitzenden Rezession glauben sie wirklich, dass entfesselte M\u00e4rkte zu Wachstum f\u00fchren \u2013 und dieses Wachstum nicht durch Massenarbeitslosigkeit und Verarmung ganzer Teile der Arbeiterklasse behelligt wird.<\/p>\n<p>Die Art von Politik, wie Krugman sie pr\u00e4feriert, kann \u2013 sollte sie tats\u00e4chlich umgesetzt werden \u2013 einen Abschwung in den USA und andernorts abfedern. Die tieferliegenden Ursachen, die aus der kapitalistischen Akkumulation resultieren, wird sie aber nicht beheben k\u00f6nnen. Wie dem auch sei: Viele Vertreter des Keynesianismus merken, dass es schon zu sp\u00e4t ist. So schreibt beispielsweise der Keynes-Biograph Robert Skidelsky: \u201eLetztendlich beginnt sich die Meinung [zu Gunsten der Ideen von Keynes] zu \u00e4ndern. Dies geschieht aber zu langsam und zu sp\u00e4t, um die Welt vor einer jahrelang anhaltenden Stagnationsphase zu bewahren.\u201c (\u201eThe New Republic\u201c, 12. Juli 2012).<\/p>\n<p>Und dennoch k\u00f6nnen sich die Dinge schnell \u00e4ndern. Die kapitalistische Krise wird gesellschaftlichen Aufruhr hervorrufen und zu Konflikten zwischen den Klassen f\u00fchren. In den USA kann das \u2013 sollte Romney die Pr\u00e4sidentschaftswahl f\u00fcr sich entscheiden und zu einer Politik kommen, wie sein Kandidat f\u00fcr das Amt des Vize-Pr\u00e4sidenten, Ryan, sie vertritt \u2013 durchaus zu einem noch dramatischeren wirtschaftlichen Einbruch f\u00fchren. Es ist auch m\u00f6glich, dass sogar die Pr\u00e4sidentschaft unter Romney und Ryan durch den Druck der Konzerne gezwungen wird, ihre bis dato ge\u00e4u\u00dferten verr\u00fcckten Ideen aufzugeben und zu einer pragmatischeren Politik zu kommen.<\/p>\n<p>Brisante Bewegungen der Arbeiterklasse und tiefe soziale Krisen werden unter bestimmten Umst\u00e4nden die kapitalistischen Regierungen dazu zwingen, an Keynes angelehnte Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um noch krassere Auswirkungen f\u00fcr ihr System zu verhindern. Keynes selbst sagte, dass er zu seinem Politikverst\u00e4ndnis gekommen war, um Revolutionen zu verhindern. Wenn es um die Frage geht, das eigene System zu retten, wird die kapitalistische Klasse der Arbeiterklasse \u2013 wenn auch nur zeitweise \u2013 Zugest\u00e4ndnisse machen. Um die Massenarbeitslosigkeit zu verringern, werden sie durchaus auch auf \u00f6ffentliche Besch\u00e4ftigungsprogramme zur\u00fcckgreifen. Sie werden gezwungen sein, das Soziale Netz instand zu setzen. Allerdings wird ein derartiges politisches Vorgehen nur ein Hilfsmittel mit kurzer Halbwertszeit bleiben. Es wird mitnichten darum gehen, zu einer dauerhaften und vom Keynesianismus getragenen Politik zur\u00fcckzukehren, wie sie im Nachkriegsaufschwung m\u00f6glich war, als der Staat zunehmend in die Wirtschaftsprozesse eingriff und eine breite Infrastruktur sozialer Wohlfahrt entwickelte. Die kapitalistische Klasse mag durch keynesianistische Ma\u00dfnahmen in der Lage sein Zeit zu gewinnen. Die Krise des Kapitalismus kann dadurch aber nicht \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Welche Position sollten wir als SozialistInnen gegen\u00fcber einem Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket oder einem \u00f6ffentlichen Besch\u00e4ftigungsprogramm einnehmen? Angesichts der Massenarbeitslosigkeit und der Aussicht auf eine sich lang hinziehende \u00f6konomische Stagnation sollten die f\u00fchrenden VertreterInnen der Arbeiterorganisationen in der Tat dazu aufrufen, dass ein massives Programm f\u00fcr \u00f6ffentliche Arbeit aufgelegt wird, um Arbeitspl\u00e4tze und wirtschaftliches Wachstum sicherzustellen.<\/p>\n<p>Um allerdings wirklich effektiv zu sein, m\u00fcsste ein solches \u00f6ffentliches Besch\u00e4ftigungsprogramm weit umfangreicher sein, als das, was Krugman vorschl\u00e4gt. Das w\u00fcrde bedeuten, dass es zur Sanierung, Modernisierung und Ausweitung der Infrastruktur kommt. Vor allem m\u00fcssten neuer Wohnraum, Schulen, Krankenh\u00e4user, \u00f6ffentliche Einrichtungen etc. geschaffen werden. Die ArbeiterInnen m\u00fcssten einen Mindestlohn erhalten und mit vollen gewerkschaftlichen Rechten ausgestattet sein.<\/p>\n<p>Ein effektives Wirtschaftsf\u00f6rderungspaket hie\u00dfe, dass es zu einer sp\u00fcrbaren Steigerung der Ausgaben f\u00fcr Soziales k\u00e4me, zu h\u00f6heren Renten und anderen Sozialleistungen. Die Steuern f\u00fcr Reiche und Gro\u00dfkonzerne m\u00fcssten merklich angehoben werden, wobei auf Kapital von Konzernen, das nicht investiert wird, eine Sonderabgabe zu zahlen w\u00e4re. Zudem m\u00fcssten wirksame Ma\u00dfnahmen gegen Steuerflucht und Steuerhinterziehung ergriffen werden.<\/p>\n<p>Bei all dem muss schon im Vorfeld klar sein, dass die Kapitalisten nat\u00fcrlich mit aller Vehemenz gegen eine st\u00e4rkere Rolle des Staates und h\u00f6here Steuern vorgehen werden. Ein Programm zur Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze und neuen Wachstums w\u00fcrde daher die Mobilisierung der Arbeiterklasse voraussetzen. Mehr noch: Eine Anhebung der Steuern allein wird nicht reichen, um die Wirtschaft weiterzuentwickeln. Das Ziel der drastischen Anhebung der Lebensstandards der Bev\u00f6lkerungsmehrheit macht es erforderlich, dass die Ressourcen (zuz\u00fcglich zu den Realverm\u00f6gen) durch eine Ausweitung der Produktion freigesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Bank- und Finanzh\u00e4user m\u00fcssten verstaatlicht (nicht \u201egerettet\u201c und auf Kosten der \u00f6ffentlichen Kassen gest\u00fctzt) und unter demokratische Kontrolle und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der Besch\u00e4ftigten gestellt werden. Das w\u00fcrde dazu f\u00fchren, dass Kredite garantiert werden, die n\u00f6tig sind, um alle Bereiche der Wirtschaft entwickeln zu k\u00f6nnen. Zudem m\u00fcsste es Kontrollen bei den Kapitalfl\u00fcssen geben, um jede Kapitalflucht zu unterbinden. Derlei Ma\u00dfnahmen w\u00fcrden zweifellos den erbitterten Widerstand der kapitalistischen Klasse hervorrufen. Ein Eingreifen des Staates im Sinne der Arbeiterklasse, w\u00fcrde unvermeidbar die Frage der \u00dcbernahme der Schaltstellen der Wirtschaft aufwerfen, um so die Grundlage f\u00fcr einen demokratischen Produktionsplan zu schaffen. Dieser muss nat\u00fcrlich ausgearbeitet werden von gew\u00e4hlten VertreterInnen der ArbeiterInnen und der Gesellschaft insgesamt.<\/p>\n<p>Jede Regierung, die eine solche Politik vertritt, br\u00e4uchte eine internationale Perspektive und m\u00fcsste mit den Arbeiterbewegungen in anderen L\u00e4ndern zusammenarbeiten, um auf internationaler Ebene eine sozialistische Planung zu entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der globale Kapitalismus versinkt in der wirtschaftlichen Depression. 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