{"id":20865,"date":"2012-09-11T00:00:33","date_gmt":"2012-09-10T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=20865"},"modified":"2012-09-11T16:35:27","modified_gmt":"2012-09-11T14:35:27","slug":"lebensmittel-der-preis-des-profits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/09\/lebensmittel-der-preis-des-profits\/","title":{"rendered":"Lebensmittel: Der Preis des Profits"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/5828481182_78bacc30d9_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-20866\" title=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" src=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/5828481182_78bacc30d9_b-e1347374111376-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/5828481182_78bacc30d9_b-e1347374111376-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/5828481182_78bacc30d9_b-e1347374111376-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/5828481182_78bacc30d9_b-e1347374111376-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/5828481182_78bacc30d9_b-e1347374111376.jpg 847w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Milliarden von Menschen auf der Welt leiden entweder an Unterern\u00e4hrung oder an Fettleibigkeit. <\/strong><\/p>\n<h4><strong>Dieser Artikel erschien am 27. August in englischer Sprache auf der Webseite socialistworld.net<\/strong><\/h4>\n<h4><em><strong>von Iain Dalton, \u201eSocialist Party\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England &amp; Wales)<\/strong><\/em><\/h4>\n<p><strong>\u201eBitte, Herr, kann ich ein bisschen mehr haben?\u201c &#8211; Heute m\u00fcssen nicht nur die Waisen darum k\u00e4mpfen genug zu essen zu bekommen, wie Charles Dickens es so eindringlich beschrieb. Sogar in den sogenannten entwickelten, kapitalistischen L\u00e4ndern ist das Profitsystem nicht f\u00e4hig, f\u00fcr eine ausgeglichene Ern\u00e4hrung zu sorgen. Iain Dalton befasst sich mit den Auswirkungen, die der Kapitalismus auf die Ern\u00e4hrungssituation hat, und stellt sozialistische L\u00f6sungsans\u00e4tze vor. <\/strong><\/p>\n<h4><strong>Steigende Lebensmittelpreise<\/strong><\/h4>\n<p>Momentan ist das Leben von 18 Millionen Menschen in der Sahelzone Westafrikas aufgrund von schlechten Ernten und hohen Lebensmittelpreisen bedroht. 2011 berichtete die \u201eErn\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation\u201c der UNO (FAO), dass die Weltlebensmittelpreise sich auf dem h\u00f6chsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 1990 befanden.<\/p>\n<p>2010 sch\u00e4tzte die Weltbank, dass rund eine Milliarde der insgesamt sieben Milliarden Menschen, die auf der Welt leben, unterern\u00e4hrt sind. Jedes Jahr sterben sechs Millionen Kinder an Unterern\u00e4hrung, bevor sie das f\u00fcnfte Lebensjahr erreicht haben.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien, wo sogenannte Sparprogramme von der Regierung mit steigenden Preisen zusammenkommen, nutzte 2011 eine Rekordzahl von 129.000 Menschen die dortigen Essensausgaben. Das zeigt, wie eine steigende Zahl von Menschen sich entscheiden muss, ob sie Lebensmittel oder Heizung brauchen. Regierungsangaben zufolge sind die Lebensmittelpreise in Gro\u00dfbritannien zwischen Juni 2007 und 2011 um 26 Prozent angestiegen.<\/p>\n<h4><strong>D\u00fcrre in den USA <\/strong><\/h4>\n<p>Ein Grund f\u00fcr die momentan in die H\u00f6he schnellenden Preise ist die anhaltende Trockenheit in den USA. In einem Artikel, der mehr nach einer Beschreibung aus der Subsahara klingt als nach den USA, berichtet die Tageszeitung \u201eThe Guardian\u201c: \u201eEinige Halme sind Kopf-hoch, tragen aber keine Korn\u00e4hren. Andere sind so gedrungen wie Ananasbl\u00e4tter. Sojabohnen, die bis zu den Knien wachsen sollten, streifen gerade einmal das Schienbein.\u201c<\/p>\n<p>Ann\u00e4hernd ein Drittel der USA gelten derzeit offiziell als Notstandsgebiet. Im Juli ermittelte das \u201eNational Climatic Data Centre\u201c, dass 55 Prozent des US-amerikanischen Festlands von mittlerer bis extremer D\u00fcrre betroffen sind. In Utah und Colorado sind zudem Lauffeuer ausgebrochen.<\/p>\n<p>Die US-Regierung sch\u00e4tzt, dass ein Drittel der Mais- und Sojaernte sich in minderwertigem Zustand befindet. Diejenigen, die vor Ort sind, gehen aber davon aus, dass die Folgen weit gravierender sind. Ein Farmer sagte gegen\u00fcber dem \u201eGuardian\u201c: \u201eBei einigen L\u00e4ndereien lohnt es sich rein technisch gar nicht, \u00fcberhaupt mit der Ernte zu beginnen. Die Kosten w\u00e4ren h\u00f6her als der Ertrag.\u201c<\/p>\n<p>Am 23. Juli durchbrach der Preis f\u00fcr ein Bushel (Gewichtseinheit f\u00fcr Getreide) Mais die Rekordmarke von acht US-Dollar. 2006 lag der Preis f\u00fcr ein Bushel noch bei zwei Dollar! Das hat einen Dominoeffekt und wird sich auf auf die Milch- und Fleischpreise auswirken, da Mais ein wichtiger Bestandteil der meisten Tierfuttermittel ist. Mittlerweile gibt es Berichte, wonach einige FarmerInnen damit begonnen haben, ihren Viehherden Zucker beizuf\u00fcttern.<\/p>\n<p>Ganze Best\u00e4nde werden geschlachtet, weil US-FarmerInnen die gestiegenen Kosten f\u00fcr das Futter nicht tragen k\u00f6nnen. Unterst\u00e4nde f\u00fcr Pferde werden nun auch f\u00fcr andere Tieren genutzt und in Teilen des Mittleren Westens der USA sind die Verkaufszahlen von Traktoren und Landmaschinen um 70 Prozent zur\u00fcckgegangen. Ein H\u00e4ndler meinte dazu: \u201eWir hatten hier schon Leute, die bereits eine Anzahlung geleistet hatten, das Geld aber haben verfallen lassen, nur um aus dem Kaufvertrag wieder herauszukommen.\u201c<\/p>\n<p>In den USA ist es zu dieser Situation gekommen, nur ein Jahr nachdem Russland die schlimmste D\u00fcrre seit 130 Jahren in der Schwarzmeer-Region erlebt hat. Das hatte dazu gef\u00fchrt, dass die Weizenpreise abhoben. Weil der Klimawandel zu immer h\u00e4ufiger vorkommenden extremen Klimaereignissen wie D\u00fcrren, Tsunamis und \u00dcberschwemmungen f\u00fchrt, werden auch die verheerenden Folgen f\u00fcr die Lebensmittelproduktion immer sp\u00fcrbarer.<\/p>\n<p>Weil 40 Prozent der US-amerikanischen Maisernte mittlerweile in die Ethanolproduktion flie\u00dfen, ist eine Debatte um sogenannten Biosprit entbrannt. Einige Bundesstaaten berichten, dass Anlagen zur Produktion von Ethanol und Bio-Diesel runtergefahren oder zeitweise ganz geschlossen werden. Zahllose Gipfeltreffen haben gezeigt, dass die konzernfreundlichen Politiker nicht in der Lage sind, gegen die m\u00e4chtige Lobby der Energiewirtschaft vorzugehen.<\/p>\n<h4><strong>Die Spekulation <\/strong><\/h4>\n<p>Es gibt aber noch weitere Faktoren, die sich auf die Lebensmittelpreise auswirken. Als die Banken Ende 2007 \/ Anfang 2008 in die Krise gerieten, t\u00fcrmte sich im Bereich der Warentermingesch\u00e4fte eine Spekulationswelle auf, was auch den Handel mit Rindern oder Nahrungsmitteln wie Zucker betraf. Der Gesamtwert in diesem Bereich stieg von unter zwei Billionen US-Dollar im Jahr 2004 auf neun Billionen Dollar im Jahr 2007. Gro\u00dfe Firmen, die Waren kauften und auch \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume einlagerten, bevor sie diese weiterverkauften, begannen nun damit, in die Blase der Warentermingesch\u00e4fte zu investieren. Das f\u00fchrte nicht nur dazu, dass die Preise stiegen, sondern hatte auch zur Folge, dass die zur Verf\u00fcgung stehenden Ressourcen geringer wurden. Vor allen anderen traf das die sogenannten Entwicklungsl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Auf die j\u00fcngste Krise reagierten die Spekulanten in gro\u00dfem Umfang abermals mit Wetten auf Lebensmittelpreise. Ihre Haltung gegen\u00fcber steigenden Preisen wurde von einem Fond-Manager so zusammengefasst: \u201eEs ist, als w\u00fcrde ein riesiger, Geld speiender Wasserhahn aufgedreht.\u201c (Bloomberg, 23 Juli 2012).<\/p>\n<p>Doch, wie das brit. Wirtschaftsmagazin \u201eThe Economist\u201c j\u00fcngst verriet, \u201enicht nur hohe Lebensmittelpreise lasten schwer auf den Eink\u00fcnften der Armen, sie f\u00fchren auch zu mehr politischen Unruhen in der ganzen Welt\u201c.<\/p>\n<p>2008 ist es in Westafrika, Haiti, Marokko, Bangladesch und den Philippinen zu Lebensmittel-Aufst\u00e4nden gekommen. Nach einem Generalstreik, der wegen der Brotpreis-Entwicklung in der \u00e4gyptischen Stadt Malhalla ausgerufen wurde, wurde die Armee gerufen, um beim Backen zu helfen und subventioniertes Brot zu verteilen, damit weitere Proteste, die loszubrechen begannen, gestoppt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Anfang 2011 Tunesien und \u00c4gypten das Herz der revolution\u00e4ren Erhebungen ausmachten, zu denen es teilweise auch aufgrund von steigenden Lebensmittelpreisen gekommen war, kaufte Algerien 800.000 Tonnen Weizen auf und Indonesien kaufte dieselbe Menge an Reis. Mit diesen Ma\u00dfnahmen versuchten die jeweiligen herrschenden Eliten beider L\u00e4ndern, Aufst\u00e4nden auch in ihren Staaten zuvorzukommen.<\/p>\n<p>Allerdings kann man auf derartige M\u00f6glichkeiten zur Abwendung von Aufst\u00e4nden nur in begrenztem Ma\u00df zur\u00fcckgreifen. Viele L\u00e4nder haben ihre Getreidevorr\u00e4te stark verringert, weil sie sie als nutzlos erachtet haben.<\/p>\n<p>Von verschiedenen Seiten ist die Lebensmittelproduktion ernstlich bedroht. Das liegt vor allem am Klimawandel, aber das gr\u00f6\u00dfte Problem besteht darin, auf welche Art und Weise Lebensmittel hergestellt werden. W\u00e4hrend die Lebensmittelindustrie von privaten Unternehmen kontrolliert wird, deren Ziel der Profit ist, und Spekulanten die Preise diktieren, werden weiterhin Millionen von Menschen verhungern oder an Unterern\u00e4hrung leiden. Im Westen nimmt das Ph\u00e4nomen der Unterern\u00e4hrung in armen Familien zu, w\u00e4hrend Millionen anderer unter Gesundheitsproblemen wie Fettleibigkeit aufgrund von ungesunden und in h\u00f6chstem Ma\u00dfe weiterverarbeiteten aber gewinnbringenden Lebensmitteln leiden.<\/p>\n<p>Die \u201eSocialist Party\u201c fordert, dass die Lebensmittelproduktion (wie auch andere Produktionszweige) im Interesse aller von den Besch\u00e4ftigten und den Armen demokratisch geplant und kontrolliert wird. Wenn die kapitalistische Profit-Logik erst einmal \u00fcberwunden ist, dann wird es auch voll und ganz m\u00f6glich sein, den Hunger zu beseitigen.<\/p>\n<h4>Unsere Forderungen lauten unter anderen:<\/h4>\n<p>F\u00fcr Komitees unter Einbeziehung von Gewerkschaftsstrukturen und Verbraucherinitiativen, um die Preise zu kontrollieren und das wirkliche Ausma\u00df der erh\u00f6hten Lebenshaltungskosten f\u00fcr erwerbst\u00e4tige Menschen zu ermitteln.<\/p>\n<p>Offenlegung der Gesch\u00e4ftsb\u00fccher der Gro\u00dfkonzerne, die die Lebensmittelbranche und die Wirtschaft dominieren, um deren wirkliche Kosten, Gewinne, Vorstandsgeh\u00e4lter und Boni etc. zu eruieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine umgehende Anhebung des Mindestlohns auf acht brit. Pfund pro Stunde, mit regelm\u00e4\u00dfigen Lohnerh\u00f6hungen, die die Preisanstiege abdecken. Betr\u00e4chtliche Anhebung der Renten und anderer Sozialleistungen, um die Lebenshaltungskosten decken zu k\u00f6nnen. Investitionen in ein umfassendes Arbeitsbeschaffungsprogramm.<\/p>\n<p>Neben den Banken und Finanzinstitutionen m\u00fcssen auch die gro\u00dfen Agrar-, Gro\u00df- und Einzelhandelsunternehmen sowie die Vertriebsgesellschaften verstaatlicht werden. Entsch\u00e4digungszahlungen d\u00fcrfen nur bei nachgewiesener Bed\u00fcrftigkeit geleistet werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr umfangreiche Investitionen in die Forschung und Entwicklung von sicheren, alternativen Quellen f\u00fcr erneuerbare Energietr\u00e4ger. Es m\u00fcssen Technologien entwickelt werden, die den Einsatz umweltsch\u00e4dlicher Agrartechniken allm\u00e4hlich \u00fcberfl\u00fcssig machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine geplante Agrarproduktion und -vertrieb, um sicherzustellen, dass es nahrhafte Lebensmittel f\u00fcr alle gibt, die nachhaltig hergestellt wurden, anstatt kurzfristigen Profit-Zielen von wenigen aus der Oberschicht zu folgen.<\/p>\n<h4>Dem Markt-Wahn ein Ende setzen!<\/h4>\n<p>Wollte dir schon mal jemand erz\u00e4hlen, Sozialismus w\u00fcrde nicht funktionieren? Oder dass Planwirtschaft nicht klappt und der einzige Weg, wie die Wirtschaft funktionieren kann, darin besteht, dass die \u201eunsichtbare Hand\u201c des Marktes alles regelt?<\/p>\n<p>Als ich beim Lebensmitteldiscounter \u201eMorrison\u201c in der \u201eOfen-Frisch\u201c-Abteilung gearbeitet habe, war ganz klar, dass man den Profit nicht dem Zufall \u00fcberlassen wollte. Auf der Grundlage von aktuellen Verkaufszahlen, langfristigen Verkaufstrends aus der Industrie und den Ergebnissen aus Sonderangeboten mussten wir t\u00e4glich neue Produktionspl\u00e4ne dar\u00fcber aufstellen, wie viel wir von jedem Produkt verkaufen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir hatten Verkaufsziele, die t\u00e4glich wechselten und an denen sich die Herstellungsraten orientierten, die gleichwohl ein wenig h\u00f6her als diese Zielzahlen lagen, sollte die Nachfrage kurzfristig steigen.<\/p>\n<p>Verbunden damit arbeiteten wir mit einem halb-automatischen Bestellsystem, mit dem die Warenbest\u00e4nde wieder aufgef\u00fcllt wurden. Nachdem wir am Nachmittag eines jeden Tags die meisten unserer Produkte gekocht und zubereitet hatten, mussten wir eine kurze Inventur durchf\u00fchren und damit war gesichert, dass am n\u00e4chsten Morgen die etwaige Fehlgr\u00f6\u00dfe ausgeglichen sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Weil sich die Produktion aber nach dem Profit richtete, fielen andere Fragestellungen durchs Raster: z.B. die der Hygiene. Personelle Unterbesetzungen in der Lebensmittelabteilung und an den Kassen wurden behoben, indem man Reinigungskr\u00e4fte und MitarbeiterInnen aus der Instandhaltung abzog. Als bei uns neue Technologien wie etwa die Selbstbedienungskassen eingef\u00fchrt wurden, wurden diese als Grund daf\u00fcr angef\u00fchrt, dass KassiererInnen nicht ersetzen wurden, die den Betrieb verlassen hatten.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Lebensmittel-Discounter, zu denen in Gro\u00dfbritannien auch \u201eTesco\u201c, der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber und profittr\u00e4chtigste Konzern des Landes, geh\u00f6rt, zahlen ihren Besch\u00e4ftigten nur wenig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Und kleinere Konkurrenten werden erbarmungslos plattgemacht.<\/p>\n<p>Dieser Industriezweig schreit f\u00f6rmlich danach, in \u00f6ffentliches und demokratisch gef\u00fchrtes Eigentum \u00fcberf\u00fchrt zu werden, damit der in diesem Bereich erwirtschaftete Reichtum den Bed\u00fcrfnissen aller Mitglieder der Gesellschaft entsprechend eingesetzt werden kann \u2013 statt zum Wohle nur einer Handvoll von Super-Reichen.<\/p>\n<p>Der Reichtum ist dazu da, um f\u00fcr eine ausreichende Personaldecke in den Gesch\u00e4ften als auch einen Lohn f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten zu sorgen, der angemessene Lebensbedingungen erm\u00f6glicht. Solche Ma\u00dfnahmen w\u00fcrden die Plackerei im Einzelhandel beenden.<\/p>\n<p>Neue Technologien k\u00f6nnten eingesetzt werden, um die Wochenarbeitszeit f\u00fcr alle herab zu setzen, ohne dass dabei die L\u00f6hne gek\u00fcrzt werden, damit den ArbeiterInnen die Zeit einger\u00e4umt wird, die sie brauchen, um sich an der Organisation von Industrie und Gesellschaft zu beteiligen. Auf der Grundlage von sozialistischer Planung w\u00fcrde sich ein ganzer Reigen an M\u00f6glichkeiten auftun, der vom Kapitalismus bisher nur niedergehalten wurde.<\/p>\n<div style=\"margin: 0; margin-right: 10px; border: 2px solid #000000; padding: 0em 1em 1em 1em; background-color: #c0c0c0;\">\n<h2>Filmbesprechung: \u201eThe Men Who Made Us Fat\u201c, BBC 4<\/h2>\n<p>In Gro\u00dfbritannien ist das Durchschnittsgewicht seit den 1960er Jahren um 21 Kilogramm gestiegen. Rund zwei Drittel der Erwachsenen in Britannien haben \u00dcbergewicht und ein Viertel sind fettleibig. Das f\u00fchrt dazu, dass das britische \u00f6ffentliche Gesundheitssystem NHS jedes Jahr 4,9 Milliarden brit. Pfund aufbringen muss, um mit den Folgen zurecht zu kommen. Diese Fakten stellt Jacques Perreti seiner dreiteiligen Dokumentation \u201eThe Men Who Made Us Fat\u201c (dt.: Der Mann, der uns fett machte) voran.<\/p>\n<p>Peretti macht sich auf die Suche nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr diese Ver\u00e4nderungen, indem er der Frage nachgeht, wer daf\u00fcr verantwortlich zeichnet. Ist es die individuelle Wahl der einzelnen Menschen oder handelt es sich um das Ergebnis von Regierungshandeln und dem Vorgehen der Konzerne?<\/p>\n<p>Dabei geht Peretti mit den Entscheidungen von Regierungen und Unternehmen der letzten 40 Jahre hart ins Gericht. Er f\u00e4ngt damit an, die politische Situation der USA in den fr\u00fchen 1970er Jahren zu untersuchen, als es zu einem starken Anstieg der Lebensmittelpreise und dazu kam, dass 1971 Earl Butz zum Landwirtschaftsminister berufen wurde, um L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Butz f\u00f6rderte die Ausweitung der Produktion von Ernteerzeugnissen wie Mais und rief dazu auf, \u201elandauf, landab\u201c die landwirtschaftlichen Nutzungsfl\u00e4chen auszuweiten und sagte an die FarmerInnen gerichtet, ihre Aufgabe best\u00fcnde darin, \u201egr\u00f6\u00dfer zu werden oder den Betrieb aufzugeben\u201c. Au\u00dferdem hob er Regierungsprogramme auf, die geschaffen worden waren, um die \u00dcberproduktion von Mais und die daraus resultierenden sinkenden Preise in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Um dem neuen \u00dcberschuss Herr zu werden, favorisierte Butz ein ganz neues Produkt: Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt. Damit wurde das herk\u00f6mmliche, aus R\u00fcben- und Rohrzucker hergestellte S\u00fc\u00dfungsmittel weitgehend verdr\u00e4ngt. Dieser Wandel wurde auch dadurch beschleunigt, dass 1977 Z\u00f6lle und Quoten auf Zucker eingef\u00fchrt wurden. Als \u201eCoca-Cola\u201c 1984 dann dazu \u00fcberging, auch auf Maissirup zur\u00fcckzugreifen, war dieser um ein Drittel billiger zu haben als herk\u00f6mmlicher Zucker.<\/p>\n<p>Heute steckt Maissirup in einer ganzen Reihe von Verarbeitungserzeugnissen wie z.B. in Limonaden, Tomatenketchup, Krautsalat und Pizzabel\u00e4gen. Selbst die Hamburger-Br\u00f6tchen in den Fast-food Restaurants werden unter Zugabe von Maissirup hergestellt, um sie haltbarer zu machen.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt deshalb zu einer Art von Kettenreaktion, weil Fruchtzucker leicht in Fett umwandelbar ist und auch die Freisetzung des Hormons Leptin unterbindet, das normaler Weise f\u00fcr das S\u00e4ttigungsgef\u00fchl eines Menschen verantwortlich ist. Peretti verbindet beide dieser Faktoren mit der Zunahme an K\u00f6rperfett und F\u00e4llen von Fettleibigkeit.<\/p>\n<h4>\u00dcbergr\u00f6\u00dfen<\/h4>\n<p>Peretti liefert verschiedene weitere Beispiele, wie die Profite von Lebensmittel- und Getr\u00e4nkeindustrie gesteigert werden. So schildert er, wie die Portionen immer gr\u00f6\u00dfer geworden und \u201eSnack foods\u201c (Zwischenmahlzeiten) eingef\u00fchrt worden sind. Dabei wird im Kapitalismus nicht bewusst nach Wegen gesucht, ungesunde Lebensmittel an den Mann und die Frau zu bringen. Alle Waren und Lebensmittel werden von den \u201eeinfachen\u201c Leuten im Wesentlichen nach zwei Kriterien beurteilt: a) nach ihrem Nutzwert und b) danach, wie viel sie kosten.<\/p>\n<p>So lang die Gro\u00dfkonzerne ihren Profit machen k\u00f6nnen, ist es ihnen im Gro\u00dfen und Ganzen auch egal, f\u00fcr welchen Nutzen die Waren hergestellt werden und welche Qualit\u00e4t sie dabei haben. Deshalb ist jede Ver\u00e4nderung, die dabei am Produkt vorgenommen wird, nur insofern von Bedeutung, wie der Profit davon betroffen ist.<\/p>\n<p>Mit Blick auf den N\u00e4hrwert macht das aber einen enormen Unterschied. Portionen mit \u201e\u00dcbergr\u00f6\u00dfe\u201c enthalten mehr Kalorien. Und dass der nat\u00fcrliche Zucker durch Maissirup ersetzt ist, f\u00fchrt dazu, dass die Fett-Aufnahme massiv zugenommen hat.<\/p>\n<p>Bislang ist es unter den PR-Beratern der Lebensmittelindustrie \u00fcblich, alles als Frage von Lifestyle-Entscheidungen darzustellen und dass die Leute einfach nicht genug daf\u00fcr tun, um ihren Kalorienhaushalt ins Gleichgewicht zu bringen. An einer Stelle im Dokumentarfilm ist eine Vertreterin des Getr\u00e4nke-Multis \u201eAmerican Beverage Association\u201c zu sehen, wie ihr Gesicht sich zu verschiedenen Grimassen verzieht, als sie zu behaupten versucht, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen dem Verzehr von Limonade und dem Auftreten von Adipositas.<\/p>\n<p>Selbst einige Konzerne haben diese Verbindung anerkannt. So f\u00fchrte der S\u00fc\u00dfwarenhersteller \u201eCadbury\u2019s\u201c eine Werbekampagne, bei der man eine bestimmte Anzahl an Bonbon-Verpackungen sammeln sollte, um diese sp\u00e4ter gegen Sportartikel eintauschen zu k\u00f6nnen &#8211; eine Art von Verrechnung der Gewichtszunahme wie man es sonst nur von Industriebetrieben kennt, die sogenannte Emissionsrechte kaufen k\u00f6nnen, um mehr Kohlendioxid in die Luft jagen zu d\u00fcrfen. Dieser Werbefeldzug wurde klammheimlich wieder eingestellt, als die Medien ans Licht brachten, wie viel Schokolade man essen muss, bevor man Anspruch auf irgendeinen der in Aussicht gestellten Sportartikel hat.<\/p>\n<p>Trotz der Darstellung zahlloser Beispiele, die zeigen, dass das kapitalistische Streben nach immer h\u00f6heren Profiten f\u00fcr die Unzahl an ungesunden Lebensmitteln verantwortlich ist, kommt Jacques Perretti zu der Schlussfolgerung, dass eine Handvoll M\u00e4nner daf\u00fcr zur Verantwortung gezogen werden kann und dass es um L\u00f6sungen \u2013 wie etwa der Einf\u00fchrung einer Sondersteuer auf ungesunde Lebensmittel \u2013 geht, die im Rahmen des Kapitalismus umzusetzen sind.<\/p>\n<p>Dabei weist Richard Ayre, ein fr\u00fcheres Mitglied der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der brit. Gesundheitsbeh\u00f6rde \u201eFood Standards Agency\u201c, auf folgende Tatsache hin: \u201eIn den letzten 20 Jahren haben die Politiker aller Parteien gesagt, dass sie Regulierungsma\u00dfnahmen nicht bef\u00fcrworten [&#8230;]\u201c. Kapitalistische Konzerne werden jeden Versuch abzuwehren wissen, der ihre Profite beschneiden k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Sozialistische Alternative<\/h4>\n<p>Wenn die gro\u00dfen Lebensmittelkonzerne weiterhin mit dem Ziel gef\u00fchrt werden, den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Profit f\u00fcr einige wenige an der Spitze dieser Unternehmen zu erwirtschaften, dann wird das weiterhin auf Kosten unserer Gesundheit gehen. Wie in der oben besprochenen Reportage dargestellt, ist eines der gr\u00f6\u00dften Probleme f\u00fcr Leute, die sich gesund ern\u00e4hren wollen, dass uns die tats\u00e4chlichen Inhaltsstoffe der Lebensmittel h\u00e4ufig nicht bekannt gemacht werden.<\/p>\n<p>Doch auch jenseits des kapitalistischen Wettbewerbs um den gr\u00f6\u00dften Profit gibt es eine ganze Reihe von Wegen, die SozialistInnen vorschlagen w\u00fcrden, mit diesen Aspekten besser umgehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte ohne weiteres eine Kette von g\u00fcnstigen, gesunden, in \u00f6ffentlicher Hand befindlichen und demokratisch gef\u00fchrten Restaurants aufgebaut werden, wie es die Bolschewiki nach der Russischen Revolution von 1917 bereits zu tun versuchten. \u00dcber das NHS k\u00f6nnten pr\u00e4ventive Ans\u00e4tze zur Bek\u00e4mpfung von Adipositas und anderen ern\u00e4hrungsbedingten Problemen in die Wege geleitet werden. Dazu k\u00f6nnten dann auch Aufkl\u00e4rungskampagnen und p\u00e4dagogische Programme geh\u00f6ren, um beispielsweise kostenlose Kochkurse f\u00fcr eine ges\u00fcndere Ern\u00e4hrung mit n\u00e4hrwertreichen Lebensmitteln anzubieten.<\/p>\n<p>Entscheidend ist, dass wir es mit einer in \u00f6ffentlichem Besitz befindlichen und demokratisch gef\u00fchrten Lebensmittelindustrie zu tun haben m\u00fcssen. Es muss Kontroll-Komitees geben, in denen auch Ern\u00e4hrungswissenschaftlerInnen und VertreterInnen der VerbraucherInnen sitzen m\u00fcssen, und die die Aufsicht dar\u00fcber haben, welche Inhaltsstoffe in unsere Lebensmittel gelangen, wo und wie diese zum Verkauf angeboten werden und welche Portionsgr\u00f6\u00dfen es gibt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milliarden von Menschen auf der Welt leiden entweder an Unterern\u00e4hrung oder an Fettleibigkeit. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":20866,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[116],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20865"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20865"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20865\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20866"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}