{"id":19691,"date":"2012-08-13T10:00:56","date_gmt":"2012-08-13T08:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=19691"},"modified":"2012-08-13T10:00:56","modified_gmt":"2012-08-13T08:00:56","slug":"sommerpause-vom-klassenkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/08\/sommerpause-vom-klassenkampf\/","title":{"rendered":"Sommerpause vom Klassenkampf"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine Woche lang, vom 28.Juli bis zum 5. August, haben sich AntifaschistInnen und SozialistInnen aus Griechenland und einer Reihe anderer L\u00e4nder beim Sommercamp von JRE (Jugend gegen Rassismus in Europa) getroffen, um unter blauem Himmel politische Ideen und Erfahrungen auszutauschen, neue AktivistInnen kennen zu lernen, am Meer zu entspannen und zu feiern. Neben den t\u00e4glichen politischen Diskussionen standen zahlreiche Kreativworkshops (z.B. Theater, Musik oder Selbstverteidigung), Wanderungen, Ausfl\u00fcge und Parties am Strand auf dem Programm.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Seit 19 Jahren veranstalten JRE und Xekinima (die griechische Schwesterorganisation der SAV) ein politisches Sommercamp auf verschiedenen griechischen Inseln, Dieses Jahr fand das Camp ausnahmsweise auf dem Festland im kleinen K\u00fcstenort Platanias in der Region Pelion statt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Unter den ca. 270 TeilnehmerInnen befanden sich auch Mitglieder der CWI-Sektionen aus England und Wales, Belgien, Spanien, Zypern und Deutschland, sowie der sozialistische EU-Parlamentsabgeordnete Paul Murphy von der Socialist Party ( irische Schwesterorganisation der SAV). Jeden Tag wurden verschiedene Workshops und Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen angeboten. Neben Diskussionen \u00fcber den Aufstieg der Rechten in Griechenland und Europa und antifaschistischen Strategien standen vor allem Themen auf dem Programm, die sich mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise und dem Diktat der Troika, aber vor allem dem Klassenkampf und Alternativen zur kapitalistischen Profitwirtschaft besch\u00e4ftigten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">In den letzten 2 Jahren reagierten die griechischen ArbeiterInnen, Jugendliche und RentnerInnen mit 16 Generalstreiks und 47 begrenzten Streikaktionen bzw. Warnstreiks auf ihre Situation, die unter dem Druck der Troika und dem Memorandum unertr\u00e4glich geworden ist: 7 Millionen GriechInnen leben offiziell unter der Armutsgrenze, die K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen versch\u00e4rfen die Wirtschaftskrise und die soziale Situation immer mehr \u2013 ein Aktivist meinte dazu:\u201e Heute geht es f\u00fcr viele nur noch ums \u00dcberleben \u2013 aber wir wollen LEBEN!\u201c <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Besonders Frauen leiden unter den sozialen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, da sie nicht nur doppelt so stark davon betroffen sind, sondern auch wieder in ihre traditionelle Rolle als Mutter zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden sollen. H\u00e4usliche Gewalt gegen Frauen hat seit Beginn der Krise enorm zugenommen, Familiengr\u00fcndungen werden finanziell unm\u00f6glich, was zu 300 000 Abtreibungen in Griechenland pro Jahr f\u00fchrt. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Besonders verheerend sind die Auswirkungen der K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen im \u00f6ffentlichen Gesundheitssektor zu sp\u00fcren: eine Krankenhausangestellte der Psychiatrie berichtete,<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">dass Krankenhauspatienten mittlerweile von der Decke bis zur Lebensmittelversorgung alles selbst mitbringen und organisieren m\u00fcssen, zahlreiche Krankenh\u00e4user sind jetzt, wie auch Schulen und Universit\u00e4ten, von Schlie\u00dfung bedroht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Gerade aus dem Gesundheitsbereich wurde aber auch von massivem Widerstand der Besch\u00e4ftigten gegen die Angriffe berichtet, wobei sie unter anderem das griechische Gesundheitsministerium besetzten. Auch andere GewerkschaftsvertreterInnen, z.B. der BusfahrerInnen oder der Bankangestellten, berichteten von zahlreichen Streiks und Betriebsbesetzungen. Besonders beeindruckend war das Beispiel der linken Tageszeitung Eleftheropia, die seit einem Jahr unter der Kontrolle der Besch\u00e4ftigten herausgegeben wird, nachdem diese vergeblich monatelang ausstehende L\u00f6hne von ihrem Arbeitgeber eingefordert hatten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Vor dem Hintergrund der Besetzungen, Ans\u00e4tze f\u00fcr Selbstverwaltung und anderer Initiativen wie der \u201eKartoffelbewegung\u201c, bei der ProduzentInnen Lebensmittel ohne Zwischenh\u00e4ndler verkaufen, nahmen die Fragen nach Alternativen zum Kapitalismus, Vergesellschaftung von Betrieben, Arbeiterkontrolle und den M\u00f6glichkeiten wirtschaftlicher Planung einen gro\u00dfen Raum ein und wurden detailliert in zwei speziellen Workshops diskutiert. Hierbei betonten viele AktivistInnen, dass Probleme wie z.B. Konkurrenzf\u00e4higkeit und Vernetzung von selbst verwalteten Unternehmen letzten Endes nur auf internationaler Eben gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Einige internationalen G\u00e4ste zogen Parallelen zwischen den Bewegungen in Griechenland, Nordafrika und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, z.B. der spanischen Jugendlichen und Besch\u00e4ftigten, die, angelehnt an die revolution\u00e4ren Bewegungen in Nordafrika, mit den Platzbesetzungen der \u201eindignados\u201c als erste in Europa auf die Krise reagierten und nach Verabschiedung des letzten K\u00fcrzungspaketes der spanischen Regierung in diesem Sommer in noch gr\u00f6\u00dferen Demonstrationen und Streikaktionen auf die Stra\u00dfe gehen. In ganz S\u00fcdeuropa haben sich im letzten Jahr Millionen Menschen neu politisiert und wollen gemeinsam ihre Zukunft in die eigene Hand nehmen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Gro\u00dfe Kritik gab es an den Gewerkschaftsf\u00fchrungen, welche die Generalstreiks in Griechenland nur benutzen, um Dampf abzulassen, und der Bewegung keine Perspektive f\u00fcr den Sieg gibt. Die GenossInnen von Xekinima setzen sich gemeinsam mit anderen GewerkschafterInnen f\u00fcr die Vernetzung betrieblicher und sozialer Proteste ein und f\u00fcr langfristige, kontinuierliche Aktionen mit dem Ziel,die K\u00fcrzungen zur\u00fcck zu schlagen und die Wirtschaft selbst \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen. Das bedeutet konkret Investitionsprogramme in Bildung, Umwelt, Verkehr und Soziales, und die \u00dcberf\u00fchrung von Industrien und Banken in Gemeineigentum, als erste Schritte, um den Kapitalismus zu \u00fcberwinden und durch eine sozialistische Gesellschaft zu ersetzen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Diese Ziele wurden auch im Zusammenhang mit den Aufgaben der Linken und besonders einer m\u00f6glichen linken Regierung diskutiert. Zusammen mit VertreterInnen von SYRIZA und auch des B\u00fcndnisses ANTARSYA aus der Region analysierten die TeilnehmerInnen die programmatischen und strategischen Schw\u00e4chen und Fehlern der linken Kr\u00e4fte (hier besonders durch die sektierische Rolle der KKE), und betonten die Wichtigkeit der Zusammenarbeit aller linken Kr\u00e4fte und programmatischer Klarheit, damit eine linke Regierung nicht zum Scheitern verurteilt ist.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Beispiele aus der Geschichte wie die Politik und der Fall der linken Allende-Regierung in Chile 1973, die Machtergreifung des Hitlerfaschismus oder auch die Geschichte der griechischen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert, Themen weiterer Workshops, dienten hier als wichtige Lehren f\u00fcr die Arbeiterbewegung, der sich die Frage nach Revolution oder Konterrevolution in Griechenland konkret stellt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Ein Teil dieser konterrevolution\u00e4ren Bedrohung stellen die Faschisten von Chrysi Avgni (Goldene Morgend\u00e4mmerung\u201c) dar, deren Wahlergebnis von 7% bei den Maiwahlen (gegen\u00fcber einem bedeutungslosen Abschneiden in den Umfragen noch Ende letzten Jahres) die Schw\u00e4chen der Linken deutlich machte, den griechischen Massen eine klare Alternative zu bieten. Mit scheinbar sozialen und nationalen Forderungen versuchen die Faschisten nun in Betrieben, an Schulen und Unis Fuss zu fassen, greifen ImmigrantInnen und linke AktivistInnen physisch an und haben die Polizei bereits massiv unterwandert. Hier hatten die Diskussionen auf dem Camp nicht nur zum Ziel, politische Argumente gegen die faschistische Propaganda zu entwickeln, die klar mit antikapitalistischen Forderungen verkn\u00fcpft werden m\u00fcssen, sondern auch, antifaschistische Netzwerke aufzubauen, die konkrete Aktionen organisieren und als Ausgangspunkt f\u00fcr Antifa-Komitees in den Nachbarschaften, Arbeitspl\u00e4tzen, Jugendeinrichtungen dienen k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Krise pr\u00e4gte das Camp nicht nur programmatisch. Zahlreiche AktivistInnen konnten sich diesmal eine Teilnahme nur teilweise oder gar nicht leisten, manche hatten dieses Jahr nicht einmal eine Woche Urlaub. Um die Kosten gering zu halten, wurden Essens- und Getr\u00e4nkeversorgung komplett selbst organisiert, auch der Ort selbst war diesmal vergleichsweise kosteng\u00fcnstig. Dass alle in der K\u00fcche, beim Transport, an der Bar usw. mit halfen, machte das Camp auch zu einem Beispiel f\u00fcr solidarische Selbstorganisation.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Nicht nur bei den politischen Debatten, sondern ebenso bei den zahlreichen kulturellen Aktivit\u00e4ten der CampteilnehmerInnen war die Energie und die Kampferfahrung zu sp\u00fcren, die sie in den letzten Jahren erworben haben. Die Sch\u00fclerInnen, StudentInnen, ArbeiterInnen, aber auch RentnerInnen, die eine Woche lang in Platanias zusammen waren, sahen das Camp als kleine Ruhepause, um Kraft f\u00fcr die n\u00e4chsten K\u00e4mpfen zu tanken, die im September in Griechenland anstehen. Ob sie traditionelle Rembetika-Lieder sangen, bei den Treffen oder im Meer debattierten oder bei der Trash-Party zu griechischen Versionen ber\u00fcchtigter Disco-Klassiker tanzten, alle strahlten den Stolz auf die Kampfkraft der Bewegungen und gro\u00dfen Optimismus f\u00fcr die kommenden K\u00e4mpfe aus. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch wenn viele der neuen AktivistInnen vor allem aus Zeitgr\u00fcnden noch z\u00f6gerten, sich fest einer Organisation anzuschlie\u00dfen, konnte Xekinima doch 15 neue Mitglieder auf dem Camp gewinnen, unter anderem aus Corfu und Ionannina. Am Ende haben sicherlich alle in dieser Woche jede Menge Ideen und Inspiration gesammelt, die wir in Griechenland und woanders in die Bewegungen mitnehmen. Alle waren sich einig, dass wir den internationalen Gro\u00dfangriff der Kapitalisten auf Sozialsysteme, Arbeitnehmerrechte und demokratische Rechte nur international zur\u00fcckschlagen k\u00f6nnen und eine sozialistische Zukunft nur gemeinsam erreichen k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 19. JRE-Camp in Griechenland<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[102],"tags":[262,275],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19691"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19691"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19691\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}