{"id":17846,"date":"2012-06-16T00:00:38","date_gmt":"2012-06-15T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=17846"},"modified":"2012-06-29T13:08:47","modified_gmt":"2012-06-29T11:08:47","slug":"griechenland-vor-den-wahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/06\/griechenland-vor-den-wahlen\/","title":{"rendered":"Griechenland vor den Wahlen"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/7187995679_43df9848d8_c.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-17847\" title=\"7187995679_43df9848d8_c\" src=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/7187995679_43df9848d8_c-e1340884044138-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" \/><\/a>Ein politischer Reisebericht <\/strong><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Dieser Bericht schildert verschiedene Eindr\u00fccke in den letzten Tagen vor der Wahl aus Thessaloniki, der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt des Landes, auf das gerade ganz Europa schaut.<\/p>\n<h4><em>von Georg K\u00fcmmel, z.Zt. Thessaloniki<\/em><\/h4>\n<p>Die erste politische \u00c4u\u00dferung die ich sehe, klebt als Plakat der Kommunistischen Partei KKE am Warteh\u00e4uschen der Bushaltestelle am Thessaloniki-Airport. Kein Zufall, denn auf der Fahrt ins Stadtzentrum sieht man vor allem Plakate der KKE. Sie werben f\u00fcr die zentrale Wahlkampfkundgebung am Donnerstag. Das zweite, was auff\u00e4llt, neben schw\u00fclhei\u00dfen 30 Grad im Schatten, sind die vielen leerstehenden Gesch\u00e4fte entlang der Stra\u00dfe. \u00cbNOIKIAZETAI\u201d(Zu vermieten) dieser Schriftzug in rot auf wei\u00dfem Grund, pr\u00e4gt gewisserma\u00dfen das Stadtbild. Zehn, zwanzig, zuweilen drei\u00dfig Prozent der Gesch\u00e4fte stehen leer und suchen (vergeblich) neue Mieter.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick verl\u00e4uft das Leben f\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden ansonsten irgendwie normal. Es ist viel Verkehr auf den Stra\u00dfen. Die Menschen gehen Einkaufen. Ich frage eine junge Bekannte meiner Gastgeberin, wie sich ihr Leben durch die Krise ge\u00e4ndert hat. Yolanda hat vor zwei Jahren ihr Sozialarbeit-Studium abgeschlossen und wollte eigentlich in der Erwachsenenbildung arbeiten. Eine entprechende Stelle hat sie schon damals nicht gefunden, konnte sich aber anfangs mit verschiedenen Jobs \u00fcber Wasser halten. Die waren mit fortschreitender Krise aber immer seltener zu bekommen. Yolanda musste deshalb vor einigen Monaten ihre eigene Wohnung aufgeben und ist wieder zur\u00fcck zu ihren Eltern gezogen, wie viele ihrer AltersgenossInnen. Entsprechend viele Wohnungen stehen &#8211; kapitalistische Logik \u2013 jetzt leer.<\/p>\n<p>Yolanda hat nur noch einen kleinen Job, einmal in der Woche arbeitet sie als Kellnerin. F\u00fcr neun Stunden Arbeit bis sp\u00e4t in die Nacht bekommt sie 35 Euro.<\/p>\n<p>Wenn man durch die Stadt geht, m\u00f6chte man meinen, dass die Jugendlichen, die noch einen Job haben, alle nur Werbezettel verteilen. Im Stadtzentrum bekommt man auf Schritt und Tritt von jungen Leuten Werbung in die Hand gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Ich wollte wissen, wie teuer das normale Leben ist. LIDL gilt auch in Griechenland als g\u00fcnstig. Also bin ich zu LIDL gegangen und habe die Preisschilder fotografiert, weil es mir sonst vielleicht nicht geglaubt wird. 250 g Butter kosten 1,59 Euro, der Liter Frischmilch 84 Cent. Ein Kilo Mehl 79 Cent.<\/p>\n<p>An der Tankstelle kostet der Liter Diesel 1,42 Euro. Das einzige, was tats\u00e4chlich g\u00fcnstiger ist als in Deutschland, sind die Preise im \u00d6ffentlichen Nahverkehr. Ein Busticket kostet 80 Cent, selbst vom Flughafen kommt man f\u00fcr 90 Cent in die Innenstadt. Teuer wird es allerdings, wenn man mit Bus oder Bahn von einer Stadt zur anderen f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Auf die Idee, dass die Griechen in den vergangenen Jahren \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse gelebt h\u00e4tten, kann man bei einem Stadtrundgang wirklich nicht kommen. Es sei denn, man billigt ihnen von vorneherein nur Verh\u00e4ltnisse zu, die noch weniger als bescheiden sind. Prunk und Protz findet man nirgendwo, ein paar ganz nette Pl\u00e4tze aber auch viele eher graue Stra\u00dfenfronten. Die Stadt wirkt etwas ungepflegt.<\/p>\n<p>Dass sich das Land kurz vor einem, von vielen als Schicksalswahl bezeichneten, Urnengang befindet, sieht man ebenfalls fast nur auf den zweiten Blick. Die meisten Wahlplakate sind \u2018wild\u201d plakatiert worden. Fensterfl\u00e4chen von leerstehenden Gesch\u00e4ften gibt es ja im \u00dcberfluss. Man sieht nur Plakate der linken Parteien: haupts\u00e4chlich von der KKE, auf dem zweiten Platz von SYRIZA und noch erstaunlich viele von der kleinen ANTARSYA.<\/p>\n<p>Die beiden gro\u00dfen b\u00fcrgerlichen Parteien , die ND und die gar nicht mehr so gro\u00dfe PASOK, verzichten praktisch ganz auf Plakate und setzen auf Werbung in den und mit Hilfe der Medien.<\/p>\n<p>Zu den Besonderheiten der Wahl in Griechenland geh\u00f6rt \u00fcbrigens auch, dass es hier keine Briefwahl gibt. Jede\/r muss dort w\u00e4hlen, wo er\/sie gemeldet ist. Das ist aus verschiedenen Gr\u00fcnden oft nicht dort, wo man gerade wohnt. Zum Wahlwochenende m\u00fcssen sich deshalb viele erst mal auf die Reise machen.<\/p>\n<p>Meine Erfahrungen mit den wahlk\u00e4mpfenden linken Parteien, widerspiegeln leider sehr gut die Probleme der griechischen Linken. Am Donnerstag hatte die KKE ihre Abschlusskundgebung. Ca. 3.000 TeilnehmerInnen, ein Meer roter Fahnen, k\u00e4mpferische Stimmung, die \u00fcberwiegende Mehrheit der TeilnehmerInnen offensichtlich \u00fcberzeugte Anh\u00e4nger oder Mitglieder der KKE. Ich frage eine Aktivistin, warum die KKE denn keine gemeinsame Liste mit SYRIZA macht, dass k\u00f6nnte der Linken doch die Mehrheit bringen. Ihre Antwort: \u201cWeil SYRIZA keine Kommunisten sind.\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Abend, am selben Platz, die Abschlusskundgebung von SYRIZA. Mit ca. 4.000 TeilnehmerInnen, es k\u00f6nnen auch mit allen Umstehenden 5.000 sein, gr\u00f6\u00dfer als die der KKE. Vor Spitzenkandidat Tsipras spricht Gabi Zimmer, Vorsitzende der Links;Fraktion GUE\/NGL im Europ\u00e4ischen Parlament.<\/p>\n<p>Es kommt kaum Stimmung auf, ab und zu ganz sp\u00e4rlicher Applaus. Sie redet ja auch so mitrei\u00dfend wie Lothar Bisky, um es vorsichtig zu formulieren und sagt auch inhaltlich nichts Neues.<\/p>\n<p>Ganz anders anschlie\u00dfend die Reaktion auf Tsipras. Er wird angek\u00fcndigt wie ein Popstar. Schon sein Erscheinen auf der B\u00fchne l\u00f6st Jubel aus. Ein Mitglied von SYRIZA berichtet mir am n\u00e4chsten Tag, dass einige Menschen in seiner N\u00e4he, bei seiner Verabschiedung in Tr\u00e4nen ausbrechen. Seine W\u00e4hlerInnen setzen gro\u00dfe Hoffnung in einen Wahlsieg von SYRIZA, und namentlich auch in die Person Tsipras. Dahinter steckt allerdings auch die Illusion, dass sich allein durch die Wahl, die Dinge wieder zum Besseren wenden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Tsipras selber bleibt in seiner Rede eher allgemein, \u00e4hnlich wie die Parole auf dem Wahlplakat von SYRIZA, die in etwa lautet \u201cWir \u00f6ffnen die Stra\u00dfe der Hoffnung\u201d.<\/p>\n<p>Auf der Kundgebung sieht man neben vielen SYRIZA-Fahnen auch ein halbes Dutzend griechische Nationalflaggen. Daneben wiederum TeilnehmerInnen mit roten und gelben Schildern auf denen jeweils nur ein Wort steht: \u201cWiderstand\u201d und \u201eUmsturz\u201d.<\/p>\n<p>Am Samstag gehe ich gemeinsam mit Mitgliedern von XEKINIMA, der griechischen Schwesterorganisation der SAV, durch die Einkaufsstra\u00dfen. XEKINIMA ruft mit eigenen Flugbl\u00e4ttern und eigenen Plakaten zur Wahl von SYRIZA auf. Wir verteilen diesen Wahlaufruf an Passanten. Die Stimmung ist polarisiert. Nicht, dass jemand laut w\u00fcrde. Aber entweder, man ist sowieso f\u00fcr SYRIZA oder eben klar dagegen. Und nat\u00fcrlich gibt es etliche, die das angebotene Flugblatt ignorieren und weitergehen. Aber es gibt doch viele Reaktionen und Kommentare, etwas, dass man aus dem Wahlkampf in Deutschland nicht gewohnt ist.<\/p>\n<p>Das Hauptargument der SYRIZA-Gegner ist: Mit SYRIZA fliegen wir vielleicht aus dem Euro und SYRIZA sagt auch nicht, wo das Geld f\u00fcr deren Forderungen herkommen soll.<\/p>\n<p>Die meisten, die man fragt, gehen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SYRIZA und der konservativen ND aus. Der Wahlabend d\u00fcrfte mindestens so hei\u00df werden. wie das Wetter hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein politischer Reisebericht <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[28,44],"tags":[262,275],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17846"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17846"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17846\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}