{"id":16859,"date":"2009-01-02T00:00:50","date_gmt":"2009-01-01T23:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=16859"},"modified":"2012-08-21T13:13:41","modified_gmt":"2012-08-21T11:13:41","slug":"castros-kuba-eine-marxistische-kritik-3-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/01\/castros-kuba-eine-marxistische-kritik-3-teil\/","title":{"rendered":"Castros Kuba \u2013 eine marxistische Kritik (3. Teil)"},"content":{"rendered":"<p>Dritter Teil des Buches. <a title=\"zweiter Teil\" href=\"\/?p=16855\">Zur\u00fcck zum 2. Teil<\/a><\/p>\n<h2>Das weltweite Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis<\/h2>\n<p>Lorimer reitet voller Ironie auf unserer Formulierung \u201ebesondere Kombination von Umst\u00e4nden\u201c und versucht die Idee l\u00e4cherlich zu machen, dass ein \u201eradikaler Mittelklasse-Demokrat, dessen Ideal das demokratisch-kapitalistische Amerika war\u201c soziale Revolution angef\u00fchrt hat. F\u00fcr ihn besteht das politische Spektrum aus schwarz und wei\u00df. Er ist daher nicht nur nicht in der Lage, die kubanische Revolution zu verstehen, sondern auch nicht die fr\u00fchere chinesische Revolution, die wirklichen Triebkr\u00e4fte der vietnamesischen Revolution, die Ereignisse in Angola, Mozambique und sonst auf der Welt. Diese Revolutionen waren \u201eeinzigartig\u201c und wiesen keine Parallelen zu fr\u00fcheren \u201eklassischen\u201c Revolutionen auf, vor allem nicht zu der in . Sie erwuchsen aus und wurden beherrscht von der \u201ebesonderen Kombination von Umst\u00e4nden\u201c.<\/p>\n<p>Was waren diese Umst\u00e4nde? Sie waren das Produkt des weltweiten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses der Klassen nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Trotzkis Erwartungen ging der Stalinismus ebenso wie der US-Imperialismus gest\u00e4rkt aus dem Krieg hervor. Durch den Verrat an der revolution\u00e4ren Welle von 1943 bis 1947 in Europa durch die \u201ekommunistischen\u201c Parteien und die Sozialdemokratie entstanden die politischen Grundlagen f\u00fcr den langen Aufschwung in der gesamten kapitalistischen Welt von 1950 bis 1973. In der Mehrheit der L\u00e4nder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas blieb die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution jedoch unvollendet. Wie schon beschrieben, geht Trotzki in seiner Theorie der Permanenten Revolution davon aus, dass die organisierte Arbeiterklasse die einzige Klasse ist, die in der Lage ist, Mehrheit der \u201eNation\u201c \u2013 die armen Bauernmassen und das st\u00e4dtische Kleinb\u00fcrgertum \u2013 hinter sich zu versammeln. Nach der Durchf\u00fchrung der Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution w\u00fcrde die Arbeiterklasse ihre Macht benutzen zu den sozialistischen Aufgaben der Revolution \u00fcberzugehen, im nationalen Rahmen, aber auch auf internationaler Ebene.<\/p>\n<p>Betrachtet man die russische Revolution nur als ein rein nationales Ereignis, h\u00e4tten die Menschewiki gegen Lenin, Trotzki, die Bolschewiki und Rosa Luxemburg Recht gehabt. Russland, ein vorwiegend agrarisches, industriell r\u00fcckst\u00e4ndiges Land, mit 80 Prozent Landbev\u00f6lkerung, war nicht reif f\u00fcr den Sozialismus. Marx erkl\u00e4rte, dass der Aufbau des Sozialismus einen h\u00f6heren Stand von Technik und Arbeitsproduktivit\u00e4t erfordern w\u00fcrde als im h\u00f6chstentwickelten kapitalistischen Land, heute die USA. Russland war weit davon entfernt. Aber Russland war, in den Worten Lenins, das \u201eschw\u00e4chste Glied in der Kette des Weltkapitalismus\u201c, welches die Weltrevolution ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, wenn es den Weg der Revolution gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Lenin hatte diese Einsch\u00e4tzung. Selbst als er f\u00fcr die \u201edemokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c eintrat (diese Parole wurde sp\u00e4ter zugunsten der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c fallengelassen, was nichts anderes bedeutet als einen demokratiArbeiterstaat oder eine Arbeiter- und Bauernregierung), ging er davon aus, dass das B\u00fcndnis der Arbeiterklasse mit den Bauern den Prozess in Gang setzen k\u00f6nnte, die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution in Russland zu vervollst\u00e4ndigen. Dies w\u00fcrde die sozialistische Revolution im Westen ausl\u00f6sen, zum Beispiel in Deutschland, was wiederum Auswirkungen auf Russland in der Form haben w\u00fcrde, dass auch dort die sozialistischen Aufgaben auf die Tagesordnung k\u00e4men. Es findet sich nichts von Lenins Internationalismus, nichts davon, die Revolution in einem Land als ein Teil der Weltrevolution zu sehen, nichts von der Idee, dass nur die Arbeiterklasse in der Lage ist, konsequent eine internationalistische Perspektive zu haben, in den Schriften von Lorimer und der DSP. Der entscheidende Punkt ist, dass sich in der Periode nach 1945 die klassischen Bedingungen f\u00fcr die permanente Revolution, wie sie zur Zeit der russischen Revolution existierten, nicht gleicherma\u00dfen in der neo-kolonialen Welt entwickeln konnten.<\/p>\n<p>Einerseits sahen und sehen wir die Verkommenheit von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus in der neo-kolonialen Welt. Das traf selbst auf die wirtschaftliche Aufschwungphase von 1950-73 zu, als einige der neo-kolonialen L\u00e4nder Kr\u00fcmel abbekamen, die vom Tisch der industrialisierten L\u00e4nder hinunterfielen. Die nationale Bourgeoisie dieser L\u00e4nder war schwach und unf\u00e4hig, die Gesellschaft weiter zu entwickeln. Die \u201eTigerstaaten\u201c in S\u00fcdostasien bildeten eine Ausnahme. Ironischerweise waren es die USA \u2013 in Japan \u2013 oder das US-h\u00f6rige Regime in Taiwan, welche dort von oben eine der wichtigsten Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution durchf\u00fchrten: die Enteignung der Gro\u00dfgrundbesitzer. Wegen der Bedrohung, die das neue siegreiche stalinistische Regime in China darstellte war dies notwendig geworden. Zusammen mit dem Zugang zum US-Markt war dies ein Hauptfaktor, der den Weg f\u00fcr die Entwicklung des Kapitalismus freimachte und die spektakul\u00e4ren Wachstumsraten der \u201eTiger\u201c bis in 90er Jahre erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wurde der Arbeiterklasse in vielen L\u00e4ndern durch die falsche Politik der \u201ekommunistischen\u201c Massenparteien, die unter der Vorherrschaft stalinistischer und reformistischer F\u00fchrer standen, die M\u00f6glichkeit verwehrt, die gleiche Rolle wie die russische Arbeiterklasse 1917 zu spielen. Die Sackgasse, in der sich die Gesellschaft befand, hatte auch Auswirkungen auf die Mittelschichten einschlie\u00dflich der kleinb\u00fcrgerlichen Offizierskasten. Sie nahmen die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit sehr deutlich war und sp\u00fcrten die Unm\u00f6glichkeit des Fortschritts der Gesellschaft auf der Grundlage des \u00fcberkommenen Gro\u00dfgrundbesitzes und des Kapitalismus. Sie suchten nach einem Ausweg.<\/p>\n<p>Einige dieser radikalisierten Kleinb\u00fcrger kamen aus einer stalinistischen oder exstalinistischen Tradition. So Mao-Tse-Tung und Tschu-En-Lai, die sich nach der Niederlage der chinesischen Revolution 1925-27 in l\u00e4ndliche Gebiete zur\u00fcckgezogen und die Rote Armee gegr\u00fcndet hatten. Diese Armee basierte gr\u00f6\u00dftenteils auf der Bauernschaft, was wiederum den Horizont ihrer F\u00fchrer beeinflusste, die laut Trotzki die \u201eEx-F\u00fchrer\u201c einer Arbeiterpartei waren. In den Gebieten, die im Zweiten Weltkrieg unter der Kontrolle der Roten Armee standen, existierte schon ein neuer Staat und damit eine B\u00fcrokratie in embryonaler Form. Zum Ende des Krieges hin war das Gro\u00dfgrundbesitzer-Kapitalisten-Regime der Kuomintang unter Tschiang-Kai-Tschek komplett diskreditiert. Dadurch entstand ein Vakuum in der chinesischen Gesellschaft. Als die Rote Armee in die St\u00e4dte einr\u00fcckte, existierte schon das Ger\u00fcst einer B\u00fcrokratie, die der organisierten Arbeiterklasse und der Idee der Arbeiterdemokratie feindlich gegen\u00fcberstand. Allerdings gab es keinen Weg nach vorne auf der Grundlage der alten Gesellschaft. Daher enteigneten Mao und die Rote Armee Schritt f\u00fcr Schritt Gro\u00dfgrundbesitz und Kapital, f\u00fchrten die Verstaatlichung des Bodens und der Mehrheit der Industrie durch und schufen von Anfang an einen b\u00fcrokratisch deformierten Arbeiterstaat. Sie balancierten dabei zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft, der Bauernschaft, der Arbeiterklasse und Teilen des B\u00fcrgertums. Darin zeigten sich die Haupttendenzen von Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, allerdings in Form einer Karikatur. Urspr\u00fcnglich war die bewusste Rolle der Arbeiterklasse als F\u00fchrer der Revolution ein zentraler Bestandteil von Trotzkis Theorie. Das war in China und Kuba nicht der Fall. Daher bedeuten diese Ereignisse eine teilweise Widerlegung der Theorie der Permanenten Revolution. Eine soziale Revolution, die Abschaffung von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus findet statt, aber ohne dass die Arbeiterklasse eine direkt f\u00fchrende Rolle spielt. Trotzdem \u2013 wegen der besonderen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse national und international, vor allem wegen der Sackgasse, die der Kapitalismus f\u00fcr diese Gesellschaften darstellte \u2013 konnte eine bonapartistische Elite, die sich auf eine Bauernarmee st\u00fctzte, zwischen den Klassen balancieren und die soziale Revolution leiten. Das Ergebnis war ein deformierter Arbeiterstaat und kein Staat, in dem die Arbeiterklasse und die armen Bauern die direkte Kontrolle und Verwaltung \u00fcber Industrie und die Gesellschaft insgesamt durch demokratisch gew\u00e4hlte R\u00e4te aus\u00fcben.<\/p>\n<h4>Chruschtschow und die kubanische Revolution<\/h4>\n<p>Laut Lorimers Schema ist solch eine Entwicklung unm\u00f6glich. Wie aber entstand das stalinistische Regime in China, eine geplante, verstaatlichte Wirtschaft, beherrrscht von einem totalit\u00e4ren Ein-Parteien-Regime, wenn nicht durch die \u201ebesonderen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse\u201c nach dem Zweiten Weltkrieg, welche so nicht von Trotzki vorhergesehen werden konnten? Mehr noch, was haben Lorimer und die DSP \u00fcber die Ereignisse in Osteuropa zu sagen, wo eine \u00e4hnliche Entwicklung stattfand, in diesem Fall durch die Agentur des russischen Stalinismus, der die Enteignung der Fabriken und der L\u00e4ndereien \u00fcberwachte, nach dem die einheimischen Kapitalisten Feudalherren geflohen waren? Trotzki meinte: \u201eGegen einen L\u00f6wen benutzt man ein Gewehr, gegen eine Fliege Zeigefinger und Daumen.\u201c war in Osteuropa nicht n\u00f6tig, um die letzten Spuren von Kapitalismus und Feudalismus hinweg zu fegen. Das f\u00fchrte zur Errichtung von Gesellschaften und Staaten nach dem Moskauer Modell, zu Planwirtschaften mit stalinistischen Regimen. Von Beginn an gab es kein Element von Arbeiterkontrolle- und verwaltung, denn dies w\u00e4re eine t\u00f6dliche Bedrohung f\u00fcr das politische Monopol der B\u00fcrokratie gewesen. Die kubanische Revolution unterschied sich von dem, was in China und Osteuropa passiert war, sowohl in ihrer Entwicklung als auch in Bezug auf ihre f\u00fchrenden Figuren. Castro, Guevara und die anderen \u00fchrer der Bewegung 26. Juli nicht aus der stalinistischen Tradition, waren anfangs politisch offen und zeigten beispielhaften revolution\u00e4ren Mut und Ausdauer im politischen und milit\u00e4rischen Kampf gegen das Batista-Regime und auch sp\u00e4ter. Auf andere wichtige Unterschiede zu China und Osteuropa kommen wir sp\u00e4ter noch zu sprechen. Allerdings existierten die gleichen grundlegenden Bedingungen: die Ausweglosigkeit des kubanischen Gro\u00dfgrundbesitzes und des Kapitalismus, die relative \u00e4hmung der Arbeiterklasse, Ergebnis der Rolle der PSP (Partido Socialista Popular = Sozialistische Volkspartei, Kubas \u201ekommunistische\u201c Partei vor der Revolution) und ihrer F\u00fchrung, die massive Unzufriedenheit einer zunehmend radikalisierten Mittelklasse, aus der auch Castro stammte und der Dilettantismus der Eisenhower- Regierung in den USA.<\/p>\n<p>Lorimer betrachtet die Vorstellung, dass die \u201eFehler\u201c des US-Imperialismus die Radikalisierung von Castro und Kuba vorangetrieben und dazu gezwungen haben, mit Feudalismus und Gro\u00dfgrundbesitz zu brechen, mit Spott. Zeitzeugen, die keineswegs mit Castro sympathisierten best\u00e4tigen unsere Analyse, dass Nixon und Eisenhower mit Castro und Kuba st\u00fcmperhaft umgingen und eine Reihe \u201eFehler\u201c machten. Philip W. Bonsal, zu der Zeit US-Botschafter in Havanna, berichtete sp\u00e4ter \u00fcber das Fr\u00fchjahr 1959: \u201eDie massive wirtschaftliche und milit\u00e4rische Hilfe, die er sp\u00e4ter aus der Sowjetunion erhielt, war zu diesem Zeitpunkt nicht von Castro geplant &#8230; er orientierte sich erst Richtung Abh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion, als die USA mit ihren Aktionen im Fr\u00fchjahr und Sommer 1960 den Russen keine andere Wahl lie\u00dfen als Castro zu Hilfe zu eilen.\u201c<\/p>\n<p>Tad Szulc best\u00e4tigt Bonsals Eindr\u00fccke: \u201eMan kann sicher argumentieren, dass Castro sich f\u00fcr eine hausgemachte marxistische L\u00f6sung entschieden h\u00e4tte, ohne wirtschaftlich und milit\u00e4risch von den Russen abh\u00e4ngig zu werden, wenn die USA keine t\u00f6dliche Gefahr gewesen w\u00e4ren. Jugoslawien und China sind naheliegende Vergleiche. Au\u00dferdem verging mindestens ein Jahr, bevor die sowjetische Unterst\u00fctzung auf der Insel ankam. In dieser Zeit h\u00e4tte Washington nicht alle Wege verbauen m\u00fcssen.\u201c Wie weit Castro Richtung \u201ehausgemachter marxistischer L\u00f6sungen\u201c gegangen w\u00e4re und ob dies zur Abschaffung von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus gef\u00fchrt h\u00e4tte kann diskutiert werden. Unbestreitbar ist jedoch, dass die grobe St\u00fcmperei der USRegierung in dieser Phase die Beseitigung des Kapitalismus beschleunigt und Castro in Moskaus Arme getrieben hat. Was die russischen Stalinisten angeht, so hatten sie vorher keine Kenntnis von den wichtigen Personen der kubanischen Revolution oder eine Vorstellung davon, wohin sich die Revolution entwickelt. Wie die meisten anderen Beobachter schlussfolgerten sie, durchaus korrekt im Gegensatz zu Lorimers , dass die F\u00fchrer des 26. Juli lateinamerikanische Revolution\u00e4re waren. KGB-Agent Alexander Alexeijew war beauftragt, den Kontakt mit Castro und Guevara herzustellen. Er schrieb, dass er urspr\u00fcnglich \u201eMisstrauisch in Bezug auf Fidels wirkliche politische Ziele war, und, wie er sp\u00e4ter zugab, Kuba nicht seine volle Aufmerksamkeit gewidmet hat. \u201aIch machte mir nicht viele Gedanken \u00fcber die kubanische Revolution. Ich dachte, sie w\u00e4re wie viele andere (b\u00fcrgerliche) lateinamerikanische Revolutionen &#8230; und ich war mir sicher, es w\u00e4re keine sehr ernste Sache\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Georgi Kornenko, ein weiterer hochrangiger Sowjetfunktion\u00e4r schrieb \u00fcber die Haltung des Kreml nach Castros Sieg: \u201eIch erinnere mich, wie Chrustchow im Januar 1959 fragte, als Castro das neue Regime verk\u00fcndete: \u201aWas f\u00fcr Leute sind das? Wer sind sie?\u2018 Aber niemand wusste eine Antwort auf die Frage &#8230; weder die Geheimdienste noch das Au\u00dfenministerium noch die Internationale Abteilung des Zentralkomitees. Wir wussten tats\u00e4chlich nicht, wer diese Leute in Havanna waren. Wir schickten Telegramme an unser Auslandsb\u00fcro, sp\u00e4ter an die Geheimdienste und andere Stellen. Einige Tage sp\u00e4ter erhielten wir ein Telegramm von einem unserer lateinamerikanischen Hauptb\u00fcros \u2013 ich glaube aus Mexiko \u2013 mit einigen Informationen \u00fcber Castro und seine Leute. Es standen dort Informationen, dass wenn auch nicht Fidel selbst so doch vielleicht Ra\u00fal &#8230; sehr wahrscheinlich Che &#8230; und einige andere Leute in Fidels Umgebung marxistische Standpunkte vertraten. Ich war dabei, als Chrustchow diese Informationen mitgeteilt wurden. \u201aWenn es wirklich so ist&#8220;, sagte er, \u201adass diese Kubaner Marxisten sind und die eine sozialistische Bewegung in Kuba aufbauen, w\u00e4re das fantastisch! Es w\u00e4re der erste Ort in der westlichen Hemisph\u00e4re mit einer sozialistischen oder pro-sozialistischen Regierung. Das w\u00e4re sehr gut, sehr gut f\u00fcr die sozialistische Sache.\u201c<\/p>\n<p>Anderson kommentiert: \u201eEs herrschte eine unterschwellige Skepsis \u00fcber Castro Revolution im Kreml. Was dort stattfand, stand nicht in den sowjetischen Regieanweisungen &#8230; die Partei war nicht unter Kontrolle, Fidel Castro war noch immer eine unbekannte Gr\u00f6\u00dfe. Trotz vielversprechender Anzeichen \u2013 Fidel hatte der Partei erlaubt, eine Rolle zu spielen und die M\u00e4nner, die ihm am nahesten standen (sein Bruder Ra\u00fal und Che), waren Marxisten \u2013 stand das Urteil noch aus.\u201c Chrustchow, ein cleverer Vertreter des russischen Stalinismus, verstand, was vorging. Noch einmal Szulc: \u201eChrustchow sagte, die USA versuchten, Castro an die Wand fahren zu lassen anstatt normale Beziehungen mit ihm aufzubauen. Er meinte: \u201aDas ist dumm, es ist das Ergebnis des Geheuls der fanatischen Antikommunisten in den Vereinigten Staaten, die \u00fcberall rot sehen, auch wenn die Dinge manchmal nur rosa oder sogar wei\u00df sind &#8230; Castro wird in unsere Richtung gezogen, wie der Eisenspan zum Magneten\u2018.\u201c In Kuba existierte ein Verlangen nach dem Sturz des Batista-Regimes und f\u00fcr die L\u00f6sung der angeh\u00e4uften Probleme, die aus einer unvollst\u00e4ndigen b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution resultierten.<\/p>\n<h2>Castros Entwicklung<\/h2>\n<p>Der Guerilla-Kampf wurde urspr\u00fcnglich von den Bauern und den l\u00e4ndlichen Massen aktiv, von der Arbeiterklasse passiv unterst\u00fctzt. Er f\u00fchrte zum Sieg \u00fcber Batista wegen der angewachsenen Feindschaft der Massen gegen alles, was dieses Regime repr\u00e4sentierte und weil die kubanische Gesellschaft in einer Sackgasse gelandet war. Es gibt viele Beispiele in der Geschichte f\u00fcr Anf\u00fchrer mit ebenso viel Mut, Ausdauer und Ausstrahlung wie Castro und Guevara. Auch Mao und Tito f\u00fchrten wirkliche Massenk\u00e4mpfe und bewiesen im Kampf gegen die alten Regime beachtliche Initiative. In diesem Sinne unterschieden sie sich von Stalin, einem mittelm\u00e4\u00dfigen Charakter, der in der russischen Revolution eine graue Maus blieb und keine unabh\u00e4ngige Rolle spielte. Von Mao oder Tito kann das nicht behauptet werden. Allerdings waren ihre Regime, trotz der unabh\u00e4ngigen Entwicklung ihrer F\u00fchrer und trotz der nationalen Interessengegens\u00e4tze und Auseinandersetzungen mit dem stalinistischen Russland Staaten, die von der grundlegenden Struktur her Russland sehr \u00e4hnlich waren. Trotz ihrer Feindschaft zu Stalin begannen sie dort, wo er 1937 aufgeh\u00f6rt hatte: mit dem Aufbau stalinistischer Regime in China und Jugoslawien.<\/p>\n<p>Die kubanische Revolution nahm eine etwas andere Entwicklung. Lorimer und die DSP argumentieren, dass sich die Ansichten von Castro und Guevara im Laufe des Kampfes vor der Revolution entwickelt h\u00e4tten. Ja, sie haben sich entwickelt, aber sie hatten kein klares Programm und keinen Plan, die sozialistische Revolution durchzuf\u00fchren. Lorimer zitiert die Schriften von Maurice Zeitlin \u00fcber das Thema der Privilegien, wir kommen sp\u00e4ter darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der gleiche Autor zeigt jedoch politische Grenzen in seinem Buch \u201eCuba \u2013 An American Tragedy\u201c einem Interview aus dem Jahre 1958 auf: \u201eLassen sie mich f\u00fcr das Protokoll sagen, dass wir keine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Enteignung oder Verstaatlichung von ausl\u00e4ndischen Investitionen haben. Tats\u00e4chlich war die Ausdehnung des staatlichen Sektors auf bestimmte \u00f6ffentliche Versorgungseinrichtungen \u2013 von denen sich einige, wie die Stromerzeuger, in US-Besitz befinden \u2013 Teil unserer ersten Programme, aber wir haben k\u00fcrzlich alle Planungen in diese Richtung eingestellt. Ich pers\u00f6nlich meine, dass Verstaatlichungen bestenfallls ein schwerf\u00e4lliges Instrument sind. Es scheint den Staat nicht zu st\u00e4rken, aber behindert das private Unternehmertum. Noch wichtiger, jeder Versuch umfassender Verstaatlichung w\u00fcrde offensichtlich die Umsetzung des zentralen Punktes unseres wirtschaftlichen Programms erschweren \u2013 schnellstm\u00f6gliche Industrialisierung. Zu diesem Zweck werden ausl\u00e4ndische Investitionen hier immer willkommen und sicher sein.\u201c<\/p>\n<p>Das Z\u00f6gern, das Fehlen einer bewussten Vorausschau und die Verwirrung dar\u00fcber, wo sie eigentlich hin wollen, findet sich in der ersten Periode selbst in den \u00c4u\u00dferungen des tapfersten F\u00fchrers. In einer Diskussion mit Jean-Paul Sartre erkl\u00e4rte Che Guevara 1960: \u201eSie fragen uns nach Ideen, einer Doktrin, Vorhersagen. Aber sie vergessen, dass unsere Revolution nur eine Reaktion ist.\u201c einem Interview mit Laura Berquist von der Zeitschrift Look November 1960 meinte er: \u201eWas passiert, h\u00e4ngt vor allem von den USA ab. Mit der Ausnahme der Landreform, die das kubanische Volk selbst verlangt und begonnen hat, sind s\u00e4mtliche unserer radikalen Ma\u00dfnahmen direkte Reaktionen auf direkte Aggressionen der m\u00e4chtigen Monopole, deren wichtigster Verfechter ihr Land ist. Der US-amerikanische Druck auf Kuba hat die \u201aRadikalisierung\u2018 der Revolution erforderlich gemacht. Um zu wissen, wie weit Kuba gehen wird, w\u00e4re es einfacher, die US-Regierung zu fragen, wie weit ihre Pl\u00e4ne gehen.\u201c<\/p>\n<p>Lorimer meint auf der Grundlage von Castros Gef\u00e4ngnis-Tageb\u00fcchern und darauf, dass Castro Lenin gelesen hat, dass dieser zum bewussten Marxisten geworden sei, der im Geheimen die sozialistische Revolution vorbereitete. Wie wir schon beschrieben haben, widersprechen wichtige Zeitzeugen und Kommentatoren dieser These der DSP. Jon Lee Anderson berichtet \u00fcber eine Unterhaltung zwischen Che Guevara und David Mitrani (einem Freund und Kollegen Guevaras in Mexiko, bevor er zur mit der Granma aufbrach). Er kommentiert: \u201eSchlie\u00dflich sprach Che freim\u00fctig \u00fcber die Revolution und sagte ihm: \u201aAnfang August wandeln wir das Land in einen sozialistischen Staat um\u2019 Zumindest war es das, was er erhoffte und erwartete, sagte Che und erkl\u00e4rte, dass Fidel davon noch nicht ganz \u00fcberzeugt sei, weil er selbst kein Sozialist sei. Che versuche immer noch ihn zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Das war nicht vor der Revolution, sondern 1960, als die Enteignung des in- und ausl\u00e4ndischen Kapitals schon begonnen hatte. Guevara war eindeutig ein Held mit sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen, aber ohne klare marxistische Perspektiven und Programm. Von Castro kann nicht das gleiche gesagt werden. Er wurde durch seine Erfahrungen im Kampf gegen das Batista-Regime und die in der Revolution geweckten Hoffnungen der Massen gepr\u00e4gt und nach vorne geschoben. Ja, und auch die \u201eFehler\u201c des US-Imperialismus trugen dazu bei, der mit Drohungen, Erpressung und schlie\u00dflich mit der bewaffneten konterrevolution\u00e4ren Invasion in der Schweinebucht versuchte, das Castro-Regime zu st\u00fcrzen. Die Ausfl\u00fcchte Castros und sein Z\u00f6gern welchen Weg man beschreiten soll, werden von denen best\u00e4tigt, die nach dem Sturz Batistas eng mit ihm zusammenarbeiteten.<\/p>\n<p>Zum Beispiel meinte damals einer der kubanischen Delegierten, der 1959 an einer Interamerikanischen Konferenz in Argentinien teilnahm: \u201eMein Eindruck ist, dass er die M\u00f6glichkeit erwog, auf der amerikanischen Seite des Zaunes zu bleiben &#8230; als ein F\u00fchrer einer Revolution im Stile eines kubanischen und lateinamerikanischen<\/p>\n<p>Nasser.\u201c Richtig kommentiert dieser Zeitzeuge: \u201eMeiner Meinung nach sind die USA zur Zeit nicht bereit, den Preis daf\u00fcr zu bezahlen &#8230; Tats\u00e4chlich wei\u00df das kubanische Volk noch immer nicht, \u00fcber welche Art sozialer Revolution Washington bereit w\u00e4re zu verhandeln, wenn \u00fcberhaupt.\u201c Tats\u00e4chlich dachte Washington, dass Castro mit einer Kombination aus Druck, Unterst\u00fctzung f\u00fcr milit\u00e4rische Unternehmungen, Drohungen mit einer Wirtschaftsblockade, das ganze verst\u00e4rkt mit der Drohung einer Invasion, in die Knie gezwungen werden k\u00f6nnte. Dies hatte zuvor funktioniert, so im Falle Guatemalas und das Wei\u00dfe Haus unter Eisenhower und Nixon dachte, dies w\u00fcrde auch diesmal funktionieren. Aber sie trieben lediglich Castro zu einer immer st\u00e4rkeren radikalen Haltung, provozierten in der kubanischen Bev\u00f6lkerung massenhafte Opposition gegen den US-Imperialismus allgemein und zwangen Castro damit, sich nach anderen M\u00f6glichkeiten milit\u00e4rischer und finanzieller Unterst\u00fctzung umzusehen. Diese fand er bei Chruschtschows stalinistischem Regime. Wir haben in unserer Brosch\u00fcre bereits beschrieben, wie sich die Entwicklung hin zum Bruch mit dem Kapitalismus vollzog, daher wiederholen wir es an dieser Stelle nicht.<\/p>\n<p>Sobald der US-Kapitalismus mit dem Embargo begann, erschien Chruschtschow als Vertreter des russischen Stalinismus auf der B\u00fchne. Er bot einen Markt f\u00fcr den kubanischen Zucker und lieferte das \u00d6l, was die kubanische Wirtschaft in Gang hielt ebenso wie einige Waffen, die im Falle einer erwarteten US-finanzierten Invasion zum Einsatz kommen sollten. Die Massen bewaffneten sich und wurden von Castro und seinem Regime dazu ermutigt. Lorimer behauptet, dass dies ein schl\u00fcssiger Beweis f\u00fcr die demokratische Beteiligung der Massen und das echte sozialistische und marxistische Bewusstsein Castros sei. Er behauptet auch, dass dies ein Anzeichen daf\u00fcr sei, dass Kuba ein relativ gesunder Arbeiterstaat war, wie auch die , dass Castro am 28. September 1960 die Gr\u00fcndung der Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) \u00df und ermutigte. Diese Komitees sollten ein \u201eNetzwerk von Volksorganisationen sein, indem die Bewohner jeden H\u00e4userblocks und jeder Stadt Kubas ein Komitee bilden, um die Umsetzung der revolution\u00e4ren Dekrete zu garantieren und B\u00fcrgerwehren f\u00fcr den Staatsicherheit-Apparat von unten her aufbauen.\u201c Aber es war nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Massen oder zumindest ein Teil von ihnen bewaffnet wurden, um Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus abzuschaffen ohne dass dies in irgendeiner Weise sozialistisch oder demokratisch gewesen w\u00e4re. Die Stalinisten in der Tschechoslowakei schufen 1948 \u201eMilizen\u201c, riefen den Generalstreik aus und st\u00fctzten sich so, zumindest formal, auf die Arbeiterklasse. Das reichte, um die schwachen \u00dcberreste des Kapitalismus in der Tschechoslowakei zu beseitigen. Allerdings wurden die Massen direkt danach entwaffnet. Im Folgenden wurde nahezu alle unabh\u00e4ngig denkenden Menschen, ganz zu schweigen von bewussten Marxisten oder Revolution\u00e4ren, von den Stalinisten in der Tschechoslowakei verhaftet oder gar liquidiert.<\/p>\n<p>Die Entwicklung in Kuba verlief anders. Die Castro-Regierung musste sich ihren Weg nach vorne geradezu ertasten, in einer Phase extremer sozialer und politischer Bewegung. Sie hatte eine gr\u00f6\u00dfere Basis im Volk als die \u201ekommunistischen\u201c Parteien in Osteuropa Ende der 40er Jahre. Allerdings gab es keine bewusste Kontrolle und Verwaltung von Staat und Gesellschaft. So sprach Castro am 1. Mai 1960 auf dem Plaza de la Revoluci\u00f3n zu den Massen bewaffneter Kubaner, die an ihm vorbeimarschierten. Laut Jon Lee Anderson lobte er die neuen Milizen, warnte vor der bevorstehenden US-Invasion, aber er \u201enutzte auch die Gelegenheit, zwei wichtige Dinge klarzustellen: sollte er sterben, w\u00fcrde Ra\u00fal [Castros Bruder] seine Stelle als Ministerpr\u00e4sident einnehmen. Au\u00dferdem sollte es keine Wahlen geben. Da das \u201aVolk\u2018 Kuba ohnehin schon regieren w\u00fcrde, mache es keinen Sinn, die Stimme abzugeben. Die Masse jubelte, wiederholte das Schlagwort \u201aRevoluci\u00f3n Si, Elecciones No!\u2018 und die neue Parole \u201aCuba Si! Yanqui No!\u2019<\/p>\n<p>Unter den Umst\u00e4nden, wie sie 1960 herrschten, war es richtig von Castro und seiner Regierung schnell gegen das nationale und ausl\u00e4ndische Kapital vorzugehen. Aber diese Episode wirft ein Schlaglicht auf das Fehlen von bewusster kollektiver Kontrolle und Verwaltung durch demokratische Organisationen der Massen. Es weist auch auf den plebiszit\u00e4ren Charakter des Regimes hin. Plebiszite (=Volksbefragungen) sind gew\u00f6hnlich eine Methode bonapartistischer Regimes. Die Massen d\u00fcrfen \u201eJa\u201c oder \u201eNein\u201c rufen, aber nicht debattieren, diskutieren und vor allem nicht \u00fcber die von der Regierung vorgeschlagenen Ma\u00dfnahmen entscheiden oder die Funktion\u00e4re auf allen Ebenen w\u00e4hlen und kontrollieren.<\/p>\n<p>Carlos Franqui macht \u00fcber die Bildung der Milizen eine aufschlussreiche Bemerkung: \u201eAm 1. Mai 1959 paradierten in allen Stra\u00dfen Kubas die Milizen. Ein neues Instrument der Revolution hatte sein Deb\u00fct: die blauen Hemden und Hosen der Miliz, diese Uniform \u2013 einst die der gew\u00f6hnlichen Arbeiter \u2013 wurde das Symbol der neuen Revolution\u00e4re. Sie waren Freiwillige, sie waren hart arbeitende Leute, irgendwo zwischen Soldaten und Zivilisten. Sie repr\u00e4sentierten Spontaneit\u00e4t und Organisiertheit. Der Milizion\u00e4r war der dritte Held von 1959. Er war der kolllektive Held, die wahre \u201aPartei der Revolution\u2018. M\u00e4nner, Frauen, Junge, Alte, Schwarze, Mulatten, Arbeiter, Bauern, Studenten, Freiberufler, Intellektuelle, Angeh\u00f6rige der Mittelklasse, die Armen. Die Miliz war die neue Revolution, die allen eine Identit\u00e4t gab, ohne Vorurteile. Sie fragte nur nach Freiwilligen, sie bot milit\u00e4risches Training, sie stellte Hilfen f\u00fcr die Fabriken und schenkte allen politisches und menschliches Bewusstsein. Sie war die bewaffnete Demokratie und hatte eine Million Mitglieder.<\/p>\n<p>Wer schuf die Miliz? Es lag in der Luft, aber es waren die Gewerkschaften und die Bewegung des 26. Juli, welche den Ansto\u00df gaben. Aber sie wurde schnell von denen \u00fcbernommen, von denen, daf\u00fcr am richtigen Platz sa\u00dfen: von der Armee, mit Ra\u00fal und den Kommunisten63 . Von Beginn an gab es Konflikte, da die Miliz Gleichheit und Freiheit repr\u00e4sentierte, aber die Armee Gehorsam gegen\u00fcber den Autorit\u00e4ten verlangte. Ein bewaffnetes Volk ist etwas anderes als eine Armee. Und dieser Geist des Volkes zeigte in der Zuckerrohr-Kampagne, wozu er in der Lage war, bei der Alphabetisierungs-Kampagne und bei den K\u00e4mpfen gegen die Anti-Castro-Rebelllen im Escambray-Gebirge. Die Miliz hatte niemals den repressiven Charakter der Sicherheitspolizei, der Verteidigungskomitees oder der Armee. Die Miliz war ein Instrument der revolution\u00e4ren Demokratie, der freiheitlichen Phase der kubanischen Revolution.<\/p>\n<p>Die Miliz wurde eingesetzt, aber niemand [in der Regierung] hatte Vertrauen in sie. Denn dazu h\u00e4tten die Machthaber bereit sein m\u00fcssen, die Macht mit einer revolution\u00e4ren Institution auf der Ebene der Volksmassen zu teilen. Das erwies sich als das zweite Mal in der kubanischen Revolution, dass eine M\u00f6glichkeit verpasst wurde, eine Volksorganisation aufzubauen. Zuerst wurde die Bewegung des 26. Juli fallengelassen, sp\u00e4ter war es die Miliz. Das Konzept von Castro und den Russen nahm Form an, unter ihrer Kontrolle wurde eine elit\u00e4re Machtstruktur geschaffen. Das Volk wurde mit Kadern durchorganisiert, beobachtet und verwaltet von der Staatssicherheit, der Armee und der B\u00fcrokratie. Es gab nur einen Chef, der alle Macht in seinen H\u00e4nden konzentrierte.\u201c<\/p>\n<h2>Die Rolle des Stalinismus und die \u201eTrotzkisten\u201e<\/h2>\n<p>Es kommt Lorimer nicht einmal in den Sinn zu fragen, warum Chruschtschows stalinistisches Regime bereit war, das Castro-Regime politisch und materiell zu unter st\u00fctzen w\u00e4hrend es im Fall der ungarischen Revolution 1956 keinen Kompromiss gab. Die Stalinisten hatten von ihrem Standpunkt damals keine andere Wahl als die politische Revolution, die ungarische Kommune, in Blut zu ertr\u00e4nken. Zwischen 1936 und 1938 agierten die Stalinisten in Spanien als die entschlossenste konterrevolution\u00e4re Kraft bei der Unterdr\u00fcckung und Zerst\u00f6rung der spanischen Revolution. Trotzki erkl\u00e4rte, dass das lodernde Feuer der spanischen Revolution, die bewusste Organisierung und Mobilisierung der Arbeiterklasse, das stalinistische Regime in Angst und Schrecken versetzte. Das war einer der Faktoren, die zu den Stalin\u2019schen Schauprozessen f\u00fchrten. Diese waren nichts anderes als ein einseitiger B\u00fcrgerkrieg gegen die letzten \u00dcberbleibsel der bolschewistischen Partei. Es war ein Pr\u00e4ventivschlag Stalins und der B\u00fcrokratie, um eine politische Revolution in Russland zu verhindern, welche die Folge einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in Spanien gewesen w\u00e4re. Wie konnten Chruschtschow und das stalinistische Regime in Russland sich mit Castro einigen, wenn sein Regime tats\u00e4chlich ein gesunder oder relativ gesunder Arbeiterstaat mit kleineren b\u00fcrokratischen Makeln war, wie die DSP behauptet? Sie sahen Castro, seine Regierung und seinen Staat nicht als gro\u00dfe Bedrohung, nicht einmal Guevara. Aus allen Berichten von damals wird deutlich, dass sie den Aufbau eines \u201esozialistischen\u201c Kuba im Machtbereich des US-Imperialismus als eine St\u00e4rkung ihrer Macht und ihres Prestiges ansahen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter gab es Auseinandersetzungen zwischen Castro und den Vertretern des russischen Stalinismus. Aber das war grundlegend ein Streit zwischen den verschiedenen nationalen b\u00fcrokratischen Regimes, auf die sie sich st\u00fctzten, eines in Russland, welches seine Macht schon lange gefestigt hatte und das andere noch im Entstehen begriffen. Ein sozialistisches Kuba, gest\u00fctzt auf Arbeiter- und Bauernr\u00e4te, mit der M\u00f6glichkeit der Abwahl aller Funktion\u00e4re, klaren Begrenzungen von Einkommensunterschieden und der Macht in den H\u00e4nden der Arbeiterklasse und ihrer Verb\u00fcndeten w\u00e4re eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr die stalinistische B\u00fcrokratie gewesen. Es h\u00e4tte in dieser Situation keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen Kompromiss gegeben. Aber es gab zu Beginn die M\u00f6glichkeit, solch ein demokratisches Regime in Kuba aufzubauen. Che Guevara suchte nach Mitteln gegen den aufkommenden B\u00fcrokratismus aber verlie\u00df am Ende Kuba, nachdem sein Kampf fehlgeschlagen war. Es war eine Trag\u00f6die, dass es in Kuba keine echte trotzkistische Organisation gab, welche den kubanischen Revolution\u00e4ren wie Guevara dabei h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen, die Ideen von Leo Trotzki zu entdecken, vor allem seine Analyse und sein Programm, wie der B\u00fcrokratismus in einem Arbeiterstaat bek\u00e4mpft werden kann. Die gr\u00f6\u00dfte \u201etrotzkistische\u201c ation, die Revolution\u00e4re Arbeiterpartei (Posadisten) eine vollkommen ultralinke Haltung zur kubanischen Revolution und zur Regierung. W\u00e4hrend die DSP eine opportunistische Anpassung an die kubanische Revolution und ihre F\u00fchrer vertritt, repr\u00e4sentierte sie die andere Seite der selben Medaille.<\/p>\n<p>Che Guevara hatte sich oberfl\u00e4chlich mit dem Trotzkismus besch\u00e4ftigt und einige von Trotzkis Werken gelesen. In einem Interview mit Maurice Zeitlin lie\u00df er seine Feindschaft zu den kubanischen \u201eTrotzkisten\u201c wegen ihrer Haltung erkennen. Zeitlin fragte Guevara: \u201eWas ist zum Beispiel mit den Trotzkisten? Carleton Beals wies k\u00fcrzlich darauf hin, dass ihre Druckmaschine zerst\u00f6rt wurde und sie daher nicht Trotzkis \u201aPermanente Revolution\u2018 fertig stellen konnten.\u201c<\/p>\n<p>Die Partido Socialista Popular, die stalinistische Partei Kubas, hatte die Druckerei, welche die trotzkistische Zeitung Voz Proletaria herstellt, im April 1961 angegriffen und \u00f6rt. Danach erschienen nur noch per Handmaschine vervielf\u00e4ltigte Ausgaben. Guevara anwortete: \u201eDas passierte. Es war ein Fehler, der von einem zweitrangigen Funktion\u00e4r zu verantworten ist. Sie zerschlugen die Druckplatten. Es h\u00e4tte nicht getan werden sollen. Allerdings meinen wir, dass die trotzkistische Partei gegen die Revolution arbeitet. Zum Beispiel haben sie den Standpunkt bezogen, dass die revolution\u00e4re Regierung kleinb\u00fcrgerlich sei und riefen das Proletariat dazu auf, Druck auf die Regierung auszu\u00fcben und traten sogar f\u00fcr eine zweite Revolution ein, welche das Proletariat an die Macht bringen w\u00fcrde. Dies hat disziplinarische Ma\u00dfnahmen herausgefordert.\u201c<\/p>\n<p>Allgemein nach seiner Haltung zu Trotzkisten befragt, antwortete Guevara: \u201eHier in Kuba \u2013 lassen sie mich ein Beispiel geben. Eine ihrer Hochburgen ist in der Stadt Guantanamo nahe der US-Basis. Und dort agitierten sie das Volk f\u00fcr einen Marsch gegen die Basis \u2013 so etwas kann nicht erlaubt werden. Noch etwas. Vor einiger Zeit hatten wir die Technischen Arbeiterkomitees eingef\u00fchrt. Die Trotzkisten bezeichneten sie als ein Brotkrumen f\u00fcr die Arbeiter, weil die Arbeiter angeblich die Leitung der Fabriken fordern.\u201c Antwort auf weitere Fragen meinte Guevara: \u201eVerurteilenswert ist, wenn nach freier Diskussion und Mehrheitsentscheidung eine Minderheit au\u00dferhalb und gegen die Partei arbeitet \u2013 wie Trotzki es zum Beispiel tat. Das ist konterrevolution\u00e4r.\u201c<\/p>\n<p>Che Guevara irrte sich vollkommen in Bezug auf Trotzki, der so lange es ging in der russischen Kommunistischen Partei bleiben, aber ausgeschlossen wurde, weil er die beginnende Opposition der Arbeiter gegen den Aufstieg und die Formierung der B\u00fcrokratie symbolisierte. Obiger Dialog macht einiges deutlich. Einerseits die vollkommen ultralinke Position der \u201eTrotzkisten\u201c, die f\u00fcr den Sturz von Castro und Guevara eintraten, als diese die massenhafte Unterst\u00fctzung der Arbeiter und Bauern in Kuba hatten. Zu keinem Zeitpunkt haben wir eine solche grobe Position vertreten, wie Lorimer bei seinem Angriff auf uns unterstellt. Wir hatten eine positive Einstellung zur Revolution und ihren F\u00fchrern. Wir schlugen 1959 und in den fr\u00fchen 60ern die Einrichtung von Arbeiter- und Bauernkomitees und das Programm der Arbeiterdemokratie vor. Die korrekte marxistische Haltung war, alle fortschrittlichen Ma\u00dfnahmen von Castro und Guevara zu unterst\u00fctzen und gleichzeitig konstruktive Vorschl\u00e4ge zu machen, wie eine Arbeiterdemokratie aufgebaut werden kann, um die Errungenschaften und das Fortschreiten der Revolution abzusichern. Einen Marsch gegen die Basis in Guantanamo vorzuschlagen, wie es die kubanischen \u201eTrotzkisten\u201c taten, w\u00e4re als Provokation wahrgenommen worden und h\u00e4tte dem US-Imperialismus einen Vorwand geliefert, gegen die Revolution zu intervenieren. Die Grenzen Guevaras eigener Ideologie zu diesem Zeitpunkt und der negative Eindruck, den er durch die kubanischen \u201eTrotzkisten\u201c bekommen hatte, waren Faktoren, die es ihm verwehrten, eine schl\u00fcssige Analyse des Prozesses der B\u00fcrokratisierung zu machen, der in Kuba stattfand und gegen den er sich instinktiv wehrte. Sein Bewusstwerden \u00fcber die zunehmende B\u00fcrokratisierung der Revolution war zweifellos ein wichtiger Grund f\u00fcr seinen Weggang aus Kuba 1965.<\/p>\n<p><a title=\"vierter Teil\" href=\"\/?p=16862\">Weiter zum vierten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Debatten \u00fcber die Revolution und Kuba heute <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16859"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16859"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16859\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}