{"id":16855,"date":"2009-01-02T00:00:50","date_gmt":"2009-01-01T23:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=16855"},"modified":"2012-08-21T13:13:28","modified_gmt":"2012-08-21T11:13:28","slug":"castros-kuba-eine-marxistische-kritik-2-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/01\/castros-kuba-eine-marxistische-kritik-2-teil\/","title":{"rendered":"Castros Kuba \u2013 eine marxistische Kritik (2. Teil)"},"content":{"rendered":"<p>zweiter Teil des Buches. <a title=\"erster Teil\" href=\"\/?p=12931\">Zur\u00fcck zum 1. Teil<\/a><\/p>\n<h2>Falsche Analyse der Revolution<\/h2>\n<p>In all jenen F\u00e4llen, wo die Theorie der zwei Etappen oder das glattgeb\u00fcgelte Bild Lenins Idee der \u201eDiktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c in die Praxis umgesetzt wurden wie in China zwischen 1925 und 1927 und in vielen anderen F\u00e4llen in der neo-kolonialen Welt, hat es zur Fehlgeburt oder zum Scheitern revolution\u00e4rer Prozesse und zur Zerst\u00f6rung der Bl\u00fcte des Proletariats gef\u00fchrt. Es hat zur Unterordnung der Vertreter der Arbeiterorganisationen unter kleinb\u00fcrgerliche Parteien gef\u00fchrt, die in Koalitionsregierungen letztlich die Bourgeoisie vertraten. Mit anderen Worten, der politische Ausdruck der veralteten Losung der \u201edemokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c in der modernen Epoche sind \u201eVolksfronten\u201c oder volksfront\u00e4hnliche Regierungen, die immer wieder zu Niederlagen der Arbeiterklasse f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Die falsche Position von Lorimer und der DSP zur Frage der Permanenten Revolution f\u00fchrte sie zu einer irrigen Analyse der kubanischen Revolution. Sie behaupten, dass ihre \u201eZwei-Etappen-Theorie\u201c die kubanische Revolution erkl\u00e4rt. Fidel Castro f\u00fchrte zun\u00e4chst eine \u201edemokratische\u201c Etappe durch, wobei er seine wirklichen \u201esozialistischen\u201c und \u201ekommunistischen\u201c Ansichten die ganzen Zeit verbarg, und ging dann etwas sp\u00e4ter zum Aufbau des \u201eSozialismus\u201c \u00fcber. Die Wirklichkeit der kubanischen Revolution ist davon g\u00e4nzlich verschieden. Die bedeutsamen Ereignisse dieser Revolution best\u00e4tigen in der Tat, wie wir zu zeigen hoffen, eindrucksvoll Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, allerdings in verzerrter Weise. Diese Verzerrungen entstanden, wie wir sehen werden, haupts\u00e4chlich wegen des Fehlens einer revolution\u00e4ren Massenpartei auf Kuba, die sich bewusst auf die Arbeiterklasse st\u00fctzte.<\/p>\n<p>Lorimers Kritik zielt auf eine kurze, aus drei von mir selbst geschriebenen Artikeln zusammengestellte und 1978 erstmals ver\u00f6ffentlichte Brosch\u00fcre ab. Dieser Angriff auf diese zwanzig Jahre alte Brosch\u00fcre wurde jedoch nicht bei vollem Tageslicht durchgef\u00fchrt, damit Aktivisten und die weltweite Arbeiterbewegung aus den wahrgenommenen \u201e\u201c von mir, Militant dem CWI lernen k\u00f6nnten. Sie wurde in The Activist \u00f6ffentlicht, einem internen Bulletin der DSP! Wir erfuhren von Lorimers bissiger Attacke nur, weil uns ein australischer Sympathisant eine Nummer Bulletins zuschickte. Die DSP stellt sich durch ihre Wochenzeitung Green Left Weekly als ein freundlicher, ansprechbarer \u201eF\u00f6rderer\u201c von Organisationen und linken F\u00fchrern auf der ganzen Welt dar, die wirklich f\u00fcr Sozialismus k\u00e4mpfen. Gelegentlich lassen sie die Maske fallen und werden gegen\u00fcber ihren Gegner in der Arbeiterbewegung Australiens und weltweit sehr bissig. Die australischen Unterst\u00fctzer CWI, die Socialist Party, fr\u00fcher die Militant Socialist Organisation, erfuhren so eine Behandlung. Die DSP hat uns als \u201ebedeutungslos\u201c abgetan und trotzdem versucht, unsere australische Organisation zu hofieren, versucht, sie in ihre Reihen zu ziehen und ihnen Positionen in ihrem Nationalkomitee angeboten, w\u00e4hrend sie hinter den Kulissen heimlich und giftig die F\u00fchrung und die Mitgliedschaft des CWI angegrifffen hat.<\/p>\n<p>Das zeigt sich klar in der Sprache und den Methoden, die von Lorimer verwendet werden, um unsere Analyse zu Kuba in Misskredit zu bringen . Er deutet an, dass ich kein Recht h\u00e4tte, Castro und die kubanische F\u00fchrung zu kritisieren. Er schreibt: \u201eTaaffe, von seiner verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen geistigen Freiheit des \u201ademokratisch-kapitalistischen\u2018 England aus, ist sich nicht im Klaren \u00fcber\u201c gro\u00dfen Schwierigkeiten der kubanischen Revolution und des kubanischen Staates. Er behauptet, die Socialist Party ein leblose parlamentarische Strategie f\u00fcr Gro\u00dfbritannien. \u201eTaaffe\u201c versuche, diese Strategie vom \u201ebequemen\u201c Gro\u00dfbritannien aus einem armen Land wie Kuba aufzuzwingen. \u201eSeiner Ansicht nach h\u00e4tten die kubanischen Revolution\u00e4re nur ein \u201aklares sozialistisches Programm\u2018 pr\u00e4sentieren sollen, vielleicht wie das, das er (Taaffe) fast ein Vierteljahrhundert lang pr\u00e4sentiert hat, d. h. mit einem \u201aSozialismus\u2019, der durch die Wahl einer mit einem \u201aErm\u00e4chtigungsgesetz\u2018 zur Verstaatlichung der Industrie bewaffneten Labour-Party-Mehrheit im Parlament erreicht wird!\u201c22<\/p>\n<p>Wir lesen auch \u00fcber \u201eTaaffes\u201d angebliche \u201eM\u00e4rchen\u201d \u00fcber die kubanische . Lorimer weist unsere angebliche unheilbare \u201esektiererische Feindschaft gegen\u00fcber Castro\u201c , die \u201ecastrophobisch\u201c . Weil es so sch\u00f6n ist, wird obendrauf das angebliche \u201eundemokratische Regime, das Taaffe im CWI praktiziert\u201c als f\u00fcr die falsche Analyse, die wir von der kubanischen Revolution gemacht haben aufgef\u00fchrt. Das kommt alles vom F\u00fchrer einer Partei, der DSP, die in ihrer eigenen Organisation verbietet und eine \u00e4hnliche Haltung innerhalb der Kubanischen Kommunistischen Partei (PCC) \u00fctzt. Man vergleiche das mit den Methoden der Socialist Party Gro\u00dfbritannien und dem CWI. Im Verlauf der Auseinandersetzung \u00fcber die \u00c4nderung unseres Namens und in der intensiven Debatte \u00fcber die Bildung Scottish Socialist Party (SSP) Schottland wurde jeder einzelne schriftliche Beitrag im internen Material ver\u00f6ffentlicht (so umfangreich, dass die F\u00fchrer der DSP sich mir gegen\u00fcber beschwerten, dass sie nicht alle unsere internen Bulletins lesen k\u00f6nnten, als ich 1997 Australien besuchte). Dar\u00fcber hinaus hat die Socialist Party anders die DSP die Bildung von \u201eTendenzen\u201c und Fraktionen erlaubt.23 Lorimer zieht es vor, sich auf meine Brosch\u00fcre von vor 20 Jahren zu konzentrieren, deren Hauptlinien ich immer noch verteidigen w\u00fcrde, aber ignoriert eifrig die CWI-Brosch\u00fcre von Tony Saunois, \u201eChe Guevara \u2013 Symbol of Struggle\u201e, die eine aktuelle Analyse enth\u00e4lt und die Punkte ausf\u00fcllt, die ich 1978 nur gestreift habe. Wir werden trotzdem versuchen, Lorimers Angriffen auf uns zu antworten. Wir werden das in der Reihenfolge machen, in der er sie in seinem Artikel vorbringt. Wir m\u00fcssen das wegen der unlogischen und unzusammenh\u00e4ngenden Weise machen, in der er seine Argumente vorbringt und wegen der Darstellungsweise seiner Position. Wir werden die wichtigsten Ereignisse der kubanischen Revolution nicht ausbreiten, sondern nur im Vor\u00fcbergehen ber\u00fchren. Die interessierten Leserinnen und Leser k\u00f6nnen sich mit diesen Ereignissen vertraut machen, indem sie die in diesem Buch nachgedruckten Originalartikel lesen.<\/p>\n<p>Sein erster wichtiger Punkt behandelt den Charakter Kubas nach dem Sturz Batistas und der Beseitigung von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus. Er zieht falsche und oberfl\u00e4chliche Vergleiche mit den Prozessen der russischen Revolution und dem Charakter des Staats unter Lenin und Trotzki und besch\u00e4ftigt sich damit ob Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution richtig war oder nicht. Von Anfang an begr\u00fc\u00dften wir die kubanische Revolution als gewaltigen Fortschritt. Auch die inzwischen verstorbenen F\u00fchrer des VS, vor allem Ernest Mandel sowie Hansen von der amerikanischen Socialist Workers Party \u00fc\u00dften den Sieg der kubanischen Revolution korrekterweise. Aber sie machten eine falsche Charakterisierung des Staats, der aus der Revolution entstand. Sie beschrieben das Regime von Castro und Che Guevara als das 60er-Jahre-Gegenst\u00fcck zu dem, was die Bolschewiki unter Lenin und Trotzki zwischen 1917 und 1923 errichtet hatten. Letzteres war ein gesunder Arbeiterstaat, aber mit gewissen \u201eb\u00fcrokratischen Deformationen\u201c. Diese \u201eDeformationen\u201c ergaben sich aus der Isolierung der russischen Revolution, die ein Ergebnis des Verrats an der revolution\u00e4ren Welle in Westeuropa vor allem durch die F\u00fchrer der sozialdemokratischen Organisationen war. Vom marxistischen Standpunkt ist jedoch ein gesunder Arbeiterstaat mit \u201eb\u00fcrokratischen Deformationen\u201c etwas v\u00f6llig anderes als ein b\u00fcrokratisch deformierter Arbeiterstaat.<\/p>\n<p>Ein gesunder Arbeiterstaat mit \u201eb\u00fcrokratischen Deformationen\u201c und ein b\u00fcrokratisch deformierter Arbeiterstaat unterscheiden sich wie eine Warze und ein monstr\u00f6ses Geschw\u00fcr, das den \u201eK\u00f6rper\u201c, die Planwirtschaft zu vernichten droht. Bei ersterem besteht die Aufgabe im \u201eReformieren\u201c, der Korrektur der b\u00fcrokratischen Deformationen durch verst\u00e4rkte Arbeiterkontrolle und internationale Ausweitung der Revolution. In einem b\u00fcrokratisch deformierten Arbeiterstaat hat sich eine b\u00fcrokratische Kaste von der Kontrolle durch die Massen losgel\u00f6st. Zur Errichtung eines gesunden Arbeiterstaats reichen keine \u201eReformen\u201c aus. Eine Arbeiterdemokratie kann nur durch einen Wechsel des politischen Regimes erreicht werden. Das erfordert wiederum eine politische Revolution.<\/p>\n<p>Die DSP-F\u00fchrer haben die urspr\u00fcngliche Analyse des VS zu ihrer logischen Schlussfolgerung gef\u00fchrt und sind jetzt unkritische Unterst\u00fctzer von Leuten wie Castro und anderen \u201eradikalen\u201c F\u00fchrern oder Organisationen, besonders in der neokolonialen Welt. Sie glauben, dass Kuba ein gesunder Arbeiterstaat war und immer noch ist. Das wird aus dem, was Lorimer sagt, deutlich: \u201eEs reicht nicht, auf die F\u00e4lle hinzuweisen, in denen die Castro-F\u00fchrung Fehler gemacht hat oder falsche Haltungen zu Weltereignissen eingenommen hat. Wenn das ein Kriterium w\u00e4re, um zuentscheiden, dass eine F\u00fchrung nicht die allgemeinen Klasseninteressen des Proletariats ihres Landes vertritt, dann m\u00fcssten wir folgern, dass es solch eine F\u00fchrung auf der Welt noch nie gegeben hat. Es hat nie ein revolution\u00e4re proletarische F\u00fchrung gegeben, \u2013 und das schlie\u00dft Marx und Lenin ein, ganz zu schweigen von ihren heutigen Anh\u00e4ngern \u2013 die keine Fehler gemacht hat oder falsche Positionen zu Ereignissen eingenommen hat, die in anderen L\u00e4ndern stattfanden.\u201c24<\/p>\n<p>Also steht Castro auf gleicher Stufe mit Lenin und Marx (Trotzki wird nicht einbezogen, weil die DSP mit Trotzkis Ideen gebrochen hat). Lorimer f\u00e4hrt fort, das kubanische Regime als gesunden Arbeiterstaat zu charakterisieren: \u201eEine blo\u00dfe Auflistung von b\u00fcrokratischen Deformationen im kubanischen politischen System ist nicht ausreichend, um die Schlussfolgerung zu untermauern, dass die Klasseninteressen des kubanischen Proletariats nur durch den revolution\u00e4ren Sturz des Castro-Regimes verteidigt und gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen. Lenin beobachtete 1921-22, dass das proletarische Regime, an dessen Spitze er stand, b\u00fcrokratische Deformationen hatte. Aber kein echter Marxist h\u00e4tte gefolgert, dass das bedeutet h\u00e4tte, dass die Verteidigung der Klasseninteressen des russischen Proletariats damals den revolution\u00e4ren Sturz des bolschewistischen Regimes erfordert h\u00e4tten. Wie in Sowjetrussland gab es im revolution\u00e4ren Kuba von Anfang an ein Problem mit B\u00fcrokratismus, der Annahme von Privilegien, der Korruption einzelner Beamter\u2026 Aber das ist nicht dasselbe wie der politische Triumph einer herauskristallisierten kleinb\u00fcrgerlichen gesellschaftlichen Schicht, wie sie in Russland von Stalin vertreten wurde.\u201c<\/p>\n<p>Diese v\u00f6llig falsche Analyse zeigt, dass die DSP-F\u00fchrung weder die russische Revolution und den Charakter des aus ihr hervorgegangenen Staates verstanden hat noch die Kr\u00e4fte, welche die kubanische Revolution pr\u00e4gten und ihr bis heute ihren Stempel aufdr\u00fccken. Wir hoffen, es gelingt uns, das im Folgenden zu beweisen.<\/p>\n<h2>Lenin und Castro<\/h2>\n<p>Sowohl in bezug auf die an der kubanischen Revolution beteiligten Klassenkr\u00e4fte als auch auf Castros politische Entwicklung bedienen sich Lorimer und die DSP eines krassen Impressionismus. Sie kritisieren meine Brosch\u00fcre \u00fcber Kuba, weil sie angeblich falsche Angaben \u00fcber Castros politische Positionen enth\u00e4lt. Sie bestreiten Einsch\u00e4tzung, dass Castro bis 1961 \u201enichts anderes war als ein radikaler Mittelklasse- Demokrat, dessen Ideal das demokratische kapitalistische Amerika war.\u201c Entwicklung von Castros Ideen und Taten ist keine zuf\u00e4llige oder zweitrangige Frage. Sie wirft ein Licht auf die Prozesse in den neo-kolonialen L\u00e4ndern zum Zeitpunkt der kubanischen Revolution. Sie zeigt, wie radikale F\u00fchrer in Zeiten extremer wirtschaftlicher und sozialer Krisen ein ganzes St\u00fcck weiter gehen k\u00f6nnen als sie urspr\u00fcnglich vorhatten. Einige von ihnen, wie im Falle Kubas, gingen dabei \u00fcber den Rahmen des Kapitalismus hinaus.<\/p>\n<p>Die derzeitige Krise in Venezuela hat einen kleinb\u00fcrgerlichen Armee-Offizier, Chavez, extrem radikalisiert. Man kann nicht im voraus sicher sagen, wie weit er gehen wird. Eine neue Weltwirtschaftskrise wird Lateinamerika noch st\u00e4rker verw\u00fcsten und k\u00f6nnte Chavez noch weiter nach links dr\u00fccken. Diese Entwicklung k\u00f6nnte andererseits auch an eine Grenze gelangen. Das Nicht-Vorhandensein einer revolution\u00e4ren Massenpartei mit einer klaren, weitsichtigen F\u00fchrung ist der einzige Grund, warum Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitz in Venezuela nicht durch eine soziale Revolution abgeschafft werden.<\/p>\n<p>Theoretisch ist es nicht ausgeschlossen, dass sich in den n\u00e4chsten Jahren eine Massenbewegung nach dem Vorbild der kubanischen Revolution in der neo-kolonialen Welt entwickelt. Andererseits gibt es heute keine stalinistischen Staaten, die zum Zeitpunkt der kubanischen Revolution sowohl als ein Vorbild f\u00fcr die radikalisierten kleinb\u00fcrgerlichen F\u00fchrer dienten als auch wirtschaftliche Unterst\u00fctzung bereit stellten. Trotzdem wird das Beispiel Kubas wieder aktuell werden in den Wellen von Radikalisierung und Revolution, die in den n\u00e4chsten Jahren vor allem in der neokolonialen Welt aufkommen werden. Es ist daher absolut wichtig f\u00fcr die Arbeiterklasse, ein klares Bild von der kubanischen Revolution zu haben, sowohl von ihren gro\u00dfen Errungenschaften als auch von ihren Begrenztheiten, die ein Ergebnis der Entwicklung der Revolution und ihrer Hauptfiguren sind. Dabei ist vor allem das Fehlen wirklicher Arbeiterdemokratie zu nennen.<\/p>\n<p>In Bezug auf Castros politische Perspektiven gibt Lorimer zu, dass Castro in einem Interview mit dem bekannten amerikanischen Journalisten Herbert Matthews w\u00e4hrend des Kampfes gegen Batista sagte: \u201eSie k\u00f6nnen sicher sein, dass wir die USA und das amerikanische Volk nicht ablehnen &#8230; Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr ein demokratisches Kuba und das Ende der Diktatur.\u201c<\/p>\n<p>Aber dann kritisiert Lorimer mich: \u201eTaaffe sagt uns nicht, was seiner Meinung nach Castro zu diesem Zeitpunkt zu einem USJournalisten h\u00e4tte sagen sollen.\u201c Die DSP und andere argumentieren, \u2013 im Nachhinein \u2013, dass Castro eine bewusste Strategie verfolgte, um Gegner einer sozialistischen Revolution auf Kuba \u00fcber seine wahren Absichten zu t\u00e4uschen. Wir gaben in unserer Brosch\u00fcre von 1978 schon die Antwort auf solche Argumente: \u201eWar das vielleicht ein kluger Schachzug, um vor allem die Gro\u00dfgrundbesitzer und Kapitalisten zu t\u00e4uschen? Im Gegenteil. Alles deutet darauf hin, dass Castro und seine Anh\u00e4nger ihren Kampf nicht mit klaren sozialistischem Programm und Perspektiven begonnen hatten wie es Lenin und die Bolschewiki in Russland getan hatten.\u201c 27 Lorimer bestreitet dies und versucht, kaum zu glauben, Lenin f\u00fcr sich in den Zeugenstand zu rufen. Dabei bef\u00fcrwortet Lorimer die stalinistische Etappen-Theorie f\u00fcr die neo-koloniale Welt.<\/p>\n<p>Er behauptet, dass \u201eLenin und die Bolschewiki ihre Basis unter den Arbeitern und Bauern f\u00fcr den Kampf gegen die zaristische Autokratie oder &#8211; nach dem Februar 1917 &#8211; gegen die Gro\u00dfgrundbesitzer-Kapitalisten-Regierung von Kerenski nicht auf der Grundlage eines \u201asozialistischen Programms\u2018 (ein Programm f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Enteigung des b\u00fcrgerlichen Eigentums in der Industrie) aufgebaut haben.\u201c Diese falsche Argumentation passt perfekt zur Ablehnung von Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, welche die russische Revolution und Lenins Aprilthesen theoretisch vorwegnahm, durch die DSP. Als Lenin 1917 am Finnischen Bahnhof ankam, drehte er den opportunistischen Vertretern des Petrograder Sowjets \u2013 Sozialrevolution\u00e4ren und Menschewisten &#8211; den R\u00fccken zu und wandte sich mit ber\u00fchmten Satz an die versammelten Arbeiter: \u201eIch gr\u00fc\u00dfe euch als Avantgarde der kommenden sozialistischen Weltrevolution.\u201c und die Bolschewiki stellten zwischen Februar und Oktober 1917 eine Reihe von \u00dcbergangsforderungen auf, die mit der weiteren Existenz von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus in Russland nicht vereinbar waren.<\/p>\n<p>Lenins Brosch\u00fcre \u201eDie kommende Katastrophe\u201c war in der Tat ein \u00dcbergangsprogramm, an den Tagesforderungen der russischen Arbeiter und Bauern ansetzte und sie mit der Idee der sozialistischen Revolution verkn\u00fcpfte. In dieser Brosch\u00fcre spricht sich Lenin f\u00fcr die \u00dcbernahme, Verstaatlichung der \u201eKommandoh\u00f6hen der Wirtschaft\u201c aus. Das w\u00e4re unm\u00f6glich gewesen, wenn Lenin, wie behauptet, nicht vor dem Oktober 1917 eine sozialistische Revolution bef\u00fcrwortet h\u00e4tte. In den Aprilthesen kam Lenin zu den gleichen Schlussfolgerungen wie Trotzki. Er argumentierte, dass die Aufgaben der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution nur durch die Machteroberung des Proletariats \u2013 verb\u00fcndet mit der Bauernschaft \u2013 vollendet werden k\u00f6nnen. Die Oktoberrevolution war eine sozialistische Revolution. Die Staatsmacht war durch die demokratisch gew\u00e4hlten Sowjets in den H\u00e4nden der Arbeiterklasse. Wir werden sp\u00e4ter darauf zur\u00fcckkommen. Lorimer meint, Lenin und die Bolschewiki h\u00e4tten genauso wenig wie Castro in der Zeit vor 1960 eine ausgearbeitete Vorstellung gehabt. Er st\u00fctzt dies darauf, dass die Bolschewiki erst im Herbst 1918 den Gro\u00dfteil der Industrie verstaatlichten, als sie wegen des Verlaufs des B\u00fcrgerkrieges und der Sabotage der Kapitalisten dazu gezwungen waren. Nichts k\u00f6nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die Bolschewiki analysierten vor ihrer Macht\u00fcbernahme, dass sie die entscheidenden Teile der Wirtschaft schon bald verstaatlichen m\u00fcssten und sagten dies offen. Aber um der kulturell niedergedr\u00fcckten Arbeiterklasse Zeit zu geben, die Kontrolle und Verwaltung der Industrie zu erlernen, wurden die Fabriken im Eigentum der Kapitalisten belassen und ein System der Arbeiterkontrolle wurde eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Debatte \u00fcber Castros Ansichten vor seiner Macht\u00fcbernahme ist 40 Jahre alt. Eines ist allerdings sicher. Castro war, anders als Lenin und Trotzki, nie erkl\u00e4rter \u201eMarxist\u201c. Im Gegenteil, er hat sich M\u00fche gegeben, sich vom \u201eMarxismus\u201c und \u201eKommunismus\u201c zu distanzieren. Nichts deutet darauf hin, dass er schon zum Zeitpunkt der Revolution ein \u201eMarxist\u201c war, wie die DSP und Castro selbst sp\u00e4ter behaupteten. Wenn dies so gewesen ist und er dies aus \u201etaktischen\u201c Gr\u00fcnden verschwieg, dann war es falsch, dies zu tun. Kann Lorimer uns ein Beispiel daf\u00fcr geben, dass Lenin zwischen Februar und Oktober 1917 seine Ansichten vor den Arbeitern und Bauern Russland geheim hielt? Lorimer h\u00e4lt es f\u00fcr richtig, dass Castro seine Ansichten verschwieg, wie wir sp\u00e4ter sehen werden. Das zeigt, dass die DSP nicht nur die stalinistische Etappen-Theorie in bezug auf die neo-koloniale Welt \u00fcbernommen hat, sondern sich auch der stalinistischen Methode bedient, das wahre Programm vor den Massen zu verstecken, um sie nicht \u201eabzuschrecken\u201c. Allerdings sprechen die Augenzeugenberichte von Mitk\u00e4mpfern Castros in der Revolution gegen Lorimers Argumente aus dem \u201ebequemen\u201c Sydney 40 Jahre sp\u00e4ter. Das gleiche gilt f\u00fcr die f\u00e4higsten Kommentatoren zur Zeit der Revolution und seither. Carlos Franqui war ein heldenhafter Aktivist des 26. Juli in der kubanischen zusammen mit Castro und Che Guevara. In der ersten Zeit der Revolution war er verantwortlich f\u00fcr die \u201ecastristische Propaganda\u201c und war Organisator des \u201eKongresses der Intellektuellen\u201c in Havanna Ende 1967. Angesichts der Tatsache, dass er durch Castro ins Exil getrieben wurde, ist seine Kritik nat\u00fcrlich manchmal subjektiv und pers\u00f6nlich gepr\u00e4gt. Sie kommt allerdings von einem \u201esozialistisch-humanistischen\u201c Standpunkt. In seinem Buch \u201eFamilienportr\u00e4t mit Fidel\u201c beschreibt er die b\u00fcrokratische Entartung der Revolution \u201efast von Beginn an\u201c. Er Castros ideologische Position vor der Revolution: \u201eDie Fragen, welche die Leute immer wieder stellten, waren: war Fidel ein Kommunist? Ist er ein Kommunist geworden? Ist er ein Kommunist? Was war sein Plan? War es wirklich Kubas Situation \u2013 die wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit und die US-Blockade \u2013 die Kuba in die Arme der Sowjetunion getrieben hatte? Absolut niemand hielt Fidel f\u00fcr einen Kommunisten.. Wir wussten, dass Ra\u00fal ein Kommunist war, auch Che, dass Camilo, Ramiro, Celia, Hayd\u00e9e und einige Kommandanten sowie andere Aktivisten auch Kommunisten waren. Aber niemand, der ihn aus n\u00e4chster N\u00e4he kannte, sch\u00e4tzte Fidel so ein, mich eingeschlossen, nicht einmal seine intelligentesten Feinde.\u201c<\/p>\n<p>Franqui gibt auch eine Antwort auf Lorimers Behauptung, dass Castro nach dem Sturm auf die Moncada-Kaserne und dem folgenden Gerichtsverfahren und der Haft ein verdeckter \u201eLeninist\u201c geworden sei: \u201eW\u00e4hrend des Gerichtsverfahren der Moncada-Gruppe tauchte ein Lenin-Buch unter den Beweisst\u00fccken auf. Es ist schon seltsam, wie sich geschichtliche Ereignisse in nachhinein \u00e4ndern. W\u00e4hrend des Prozesses wurden die von Batistas Staatsanwalt vorgebrachten Anschuldigungen zur\u00fcckgewiesen. Jahre sp\u00e4ter wurde das selbe Buch als eine Art Orden behandelt, das erste Mal, dass Lenin im Zusammenhang mit der kubanischen Revolution erw\u00e4hnt wurde. \u201aDie Geschichte wird mir Recht geben\u2018 war Fidels erste politische Stellungnahme, aber weder die Ideen noch die Sprache lassen auf einen klammheimlichen Kommunismus schlie\u00dfen. Fidels Schriften und Manifeste zwischen 1953 und 1958 sind von den Ideen her folgerichtig. Er spricht dar\u00fcber, die Verfassung von 1940 wieder einzusetzen, \u00fcber demokratische Wahlen und \u00fcber Reformen. Massiv weist er die Anschuldigungen des Batista-Regimes, er sei ein Kommunist, zur\u00fcck. Als ob das nicht genug w\u00e4re, gr\u00fcndete er die \u201aBewegung des 26. Juli\u2018 zu einem Zeitpunkt, als die Kommunisten [also die moskautreuen Stalinisten] den Aufstand, den Guerilla-Krieg und die Sabotage ablehnten.\u201c<\/p>\n<p>Niemand anders als Che Guevara bezeichnete Castro als einen \u201elinken B\u00fcrgerlichen\u201c 31. Guevaras Aussage wiegt etwas schwerer als Lorimers Geschichts-Idealisierung. einmal Franqui zu Castros bunter ideologischer Entwicklung. : \u201eIm Juli 1958, drau\u00dfen in der Sierra, machte Fidel einige \u00fcberraschende Bemerkungen zu Jules Dubois, einem amerikanischen Korrespondenten mit Verbindungen zum US-Au\u00dfenministerium. Einige der jungen Radikalen aus Santiago \u2013 Nilsa Esp\u00edn, Rivero und der Vorsitzende der Studenten-Vereinigung, Jorge Ibarra, verlie\u00dfen die \u201aBewegung des 26. Juli\u2018 wegen des Konservativismus dieser \u00c4u\u00dferungen. Tats\u00e4chlich waren Fidels Stellungnahmen so reaktion\u00e4r, dass es schon verd\u00e4chtig war. Bis zum Ende des Krieges und zum Beginn von 1959 hielt niemand Fidel f\u00fcr einen Kommunisten. Als dann 1959 die Agrarreform starten sollte und Fidel sich jeglicher \u00c4u\u00dferungen enthielt, begannen Ra\u00fal und Che einige Dinge anzupacken, vor allem die \u00dcbernahme von Plantagen durch kommunistische Bauernf\u00fchrer. Fidel kritisierte diese Methoden scharf, wies die R\u00fcckerstattung der L\u00e4nderein an und sagte, die Agrarreform w\u00fcrde strikt legal verlaufen. Bei seinen Besuchen an der Universit\u00e4t und den B\u00fcros von \u201aBohemia\u2018 und \u201aRevoluci\u00f3n\u2018 sagte er mit lauter Stimme: \u201aIch glaube nur an die Revolution. Ich werde jeden erschie\u00dfen, der sich gegen die Revolution wendet, Ra\u00fal und Che eingeschlossen&#8220;\u201c. 32<\/p>\n<p>Franqui betont noch einmal Fidel Castros empirische Methode, wie er auf Situationen reagierte und davon beeinflusst wurde: \u201eFidel spielte kein Spiel mit Ra\u00fal und Che. Sie wussten nicht, woran sie bei ihm waren. Ra\u00fal hatte so die Nase voll davon, dass er mir eines Tags sagte, dass er nach Santo Domingo ginge wenn sich die Dinge nicht bald \u00e4ndern w\u00fcrden. Noch einmal: war Fidel ein Kommunist oder nicht? Lasst uns damit beginnen, objektiv zu sein und das hei\u00dft, Fidel nicht ernst zu nehmen, wenn er sagt: \u201aIch bin jetzt kein Kommunist noch bin ich es je gewesen\u2018 oder \u201aIch bin Marxist-Leninist und werde das immer sein.\u2018 Lasst uns mit Fidel im Gef\u00e4ngnis auf der Isla de Pinos beginnen, wo er nach dem \u00dcberfall auf die Moncada-Kaserne anderthalb Jahre sa\u00df. Er schien die meiste Zeit mit Lesen zugebracht zu haben und hat dabei ernsthaft Marx, Engels, Lenin und Trotzki studiert. Lenin faszinierte ihn, aber nicht nur Lenin, auch Robespierre.\u201c<\/p>\n<p>Castro hatte weder eine \u201everborgene\u201c noch eine ausdr\u00fcckliche Perspektive, die jener der Bolschewiki \u00e4hnelte noch hatte er ein Programm wie Lenins Aprilthesen, die auf die Machtergreifung in Russland im Oktober 1917 abzielten. Das wird absolut klar, wenn wir die \u00c4u\u00dferungen von Castro, Guevara und vielen anderen zu Rate ziehen, die am Guerilla-Kampf gegen das Batista-Regime teilnahmen. In der Stellungnahme, die zur Zeit des Angriffes auf die Moncada-Kaserne verfasst und nach der Einnahme eines Radio-Senders 1953 verlesen wurde, erkl\u00e4rt Castro: \u201eDie Revolution erkl\u00e4rt ihre feste Absicht, auf Kuba ein Programm der allgemeinen Wohlfahrt und der wirtschaftlichen Prosperit\u00e4t zu verwirklichen: Die Fruchtbarkeit seines Bodens soll erhalten bleiben, die Vorteile der geografischen Lage werden genutzt und die Diversifizierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung vorangetrieben &#8230; Die Revolution spricht den Arbeitern ihren Respekt aus &#8230; und erkl\u00e4rt, dass von nun an endg\u00fcltig und vollst\u00e4ndig soziale Gerechtigkeit herrscht. Die Grundlagen daf\u00fcr ist \u00f6konomischer und industrieller Fortschritt, entsprechend einem gut organisierten und zeitlich festgelegten Plan &#8230; Die Revolution bekennt sich zu den Idealen von Mart\u00ed und st\u00fctzt sich auf sie &#8230; und \u00fcbernimmt das revolution\u00e4re Programm von Joven Cuba, der ABC Radikal und der PRC (Orthodoxo) &#8230; Die Revolution erkl\u00e4rt ihren unbedingten und ehrf\u00fcrchtigen Respekt vor der Verfassung, die dem Volk 1940 gegeben wurde.\u201c<\/p>\n<p>Au\u00dferdem waren die f\u00fcnf Punkte Castros, die nach der Eroberung der Moncada-Kaserne 1953 verk\u00fcndet werden sollten, sehr gem\u00e4\u00dfigt und in keiner Weise unvereinbar mit dem Fortbestand des Kapitalismus auf Kuba. Hugh Thomas, der bekannte Historiker der kubanischen Revolution, kommentiert: \u201eMan kann nicht sagen, dass dieses Programm einer bestimmten politischen Philosophie verpflichtet war &#8230; Das Programm konzentrierte sich auf jene Aspekte der kubanischen Gesellschaft, die Castro aus eigener Anschauung kannte &#8211; Landwirtschaft und Erziehungswesen, Wohnungsmarkt und soziale Frage. Viele der im Programm genannten Ma\u00dfnahmen scheint sich Castro selbst ausgedacht haben &#8230; und vermutlich hat Castro &#8230; niemanden zu Rate gezogen &#8230; An diesem Programm \u00fcberrascht die ma\u00dfvolle Zur\u00fcckhaltung, mit der Castro das Zuckerproblem angehen wollte &#8230; Insgesamt w\u00e4re den \u201acolonos\u2018 ein Anteil von 55 Prozent der Zuckerproduktion zugestanden worden &#8230; &#8230; Die Verwirklichung aller geplanten Ma\u00dfnahmen h\u00e4tte kaum ausgereicht um Kuba &#8211; wie gefordert &#8211; wirtschaftlich unabh\u00e4ngig zu machen..\u201c<\/p>\n<p>Thomas f\u00e4hrt fort: \u201eCastro hat sehr viel Aufhebens gemacht um Yara und Baire, Mart\u00ed und Maceo: Castro mochte etwas \u00fcber Marx wissen und jene, die Lenin nicht kannten, als Ignoranten betrachten, aber er kannte Mart\u00ed eindeutig besser. Wie andere zuvor sah er sich selbst als Mart\u00ed, als den jungen Mann, der die verschiedenen in Opposition zu Spanien stehenden Gruppen zu einer Bewegung vereinte, den Mann der heroischen Reden wie der Taten, den Redner und Soldaten, Gegner der Tyrannen par excellence, unbestechlicher Erneuerer. Castro lie\u00df sich auf den Moncada-Angriff tats\u00e4chlich ein, ohne eine ausgearbeitete Ideologie zu haben, nur mit dem Wunsch ausgestattet, den \u201aTyrannen\u2018 Batista zu st\u00fcrzen und dann weiterzumachen und die verrottete Gesellschaft zu zerst\u00f6ren, die institutionalisierte \u201anormale\u2018 Gewalt des alten Kuba, dessen Symptom und nicht Grund Batista war.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Haft, die dem Scheitern des Moncada-Angriffs folgte, so erkl\u00e4rt , las Castro Lenin, so wie Dutzende anderer F\u00fchrer nationaler Befreiungsbewegungen vor und nach ihm. Das bedeutete jedoch nicht, dass er zum Zeitpunkt des Beginns des Guerilla-Kampfes eine ausgearbeitete marxistische Ideologie samt Programm und Perspektiven entwickelt h\u00e4tte. Wie zuvor erw\u00e4hnt, nahm er in seinem Interview mit Herbert Matthews Stellung: \u201eSie k\u00f6nnen sicher sein, dass wir keine Ablehnung gegen die Vereinigten Staaten oder das amerikanischen Volk empfinden &#8230; wir k\u00e4mpfen f\u00fcr ein demokratisches Kuba und das Ende der Diktatur. Wir sind keine Gegner der Milit\u00e4rs &#8230; wir wissen, viele einfache Soldaten sind gut, viele Offiziere.\u201c Hugh Thomas erkl\u00e4rt: \u201eKlar ist, dass Matthews in Castro einen Sozialdemokraten sah. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass Castro sich selbst auch so verstand. Begriffe wie \u201aAnti-Imperialismus\u2018 und \u201ademokratisch\u2018 sind Auslegungssache.\u201c Nachdem die Fakten geschaffen und die Macht erobert war, behauptete Castro, dass er schon immer auf eine marxistische Sicht der Dinge festgelegt war, offensichtlich ein Versuch, seinen Kampf und den der Guerilla als bewusster sozialistisch darzustellen als er tats\u00e4chlich war.<\/p>\n<p>Und die DSP akzeptiert Castros Worte. Die Zeugnisse nicht nur von b\u00fcrgerlichen Historikern wie Hugh Thomas und anderen weisen auf das Gegenteil hin. Guevara selbst, ein unbestechlicher Augenzeuge, erkl\u00e4rte im Oktober 1960: \u201eDie Hauptakteure der Revolution haben keinen in sich schl\u00fcssigen Standpunkt. &#8230;\u201c Er f\u00fcgt hinzu: \u201eAber es kann nicht behauptet werden, dass sie die verschiedenen Konzepte der Geschichte, der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Revolution, die heute in der Welt diskutiert werden, ignoriert h\u00e4tten.\u201c<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eChe Guevara\u201c kommentiert Jon Lee Anderson: \u201eChe ging davon aus, dass die Mitstreiter des 26. Juli von ihrer b\u00fcrgerlichen Erziehung und ihrer privilegierten Schulbildung gepr\u00e4gt waren und daher bei ihrem Kampf keine sonderlich radikalen Ziele verfolgten. Seine Vermutung, dass zwischen seinen und ihren Vorstellungen Welten lagen, erwies sich als richtig. Die marxistische Konzeption einer radikalen gesellschaftlichen Umw\u00e4lzung war ihnen fremd. Die meisten sahen das Ziel ihres Kampfes darin, eine korrrupte Diktatur zu beseitigen und durch eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu ersetzen &#8230; \u201aIn Einzelgespr\u00e4chen\u2019, vermerkt Che in seinem Tagebuch, \u201akonnte ich bei den meisten &#8230; antikommunistische Tendenzen feststellen.\u2019\u201c kommentiert auch Matthews ber\u00fchmtes Interview mit Castro: \u201eMatthews definierte die politischen Ziele der \u201aRebellenarmee\u2018 praktisch mit den Kategorien eines Roosevelt&#8220;schen Liberalismus. \u201aEs handelt sich um eine revolution\u00e4re Bewegung, die sich selbst als sozialistisch bezeichnet. Sie ist jedoch auch nationalistisch, was in Lateinamerika in der Regel gleichbedeutend mit antiamerikanisch ist. Ihr Programm ist eher vage und beschr\u00e4nkt sich auf einige grunds\u00e4tzliche Prinzipien, doch es bietet Kuba eine Art New Deal, es ist radikal, demokratisch und deshalb antikommunistisch. Seine wahre St\u00e4rke beruht darauf, dass es gegen die Milit\u00e4rdiktatur von Pr\u00e4sident Batista gerichtet ist &#8230; [Castro] glaubt an Freiheit und Demokratie, an soziale Gerechtigkeit und an die Notwendigkeit einer neuen Verfassung und freier Wahlen.&#8220;\u201c<\/p>\n<h2>Castros Ideologie<\/h2>\n<p>Die Ansichten von Zeitzeugen, die Kommentare von Leuten wie Anderson, welche die Tatsachen sorgf\u00e4ltig abgewogen hatten, bedeuten f\u00fcr Lorimer und die DSP . Castro hatte einen \u201egerissenen Plan\u201c, den er vor der Mehrheit der K\u00e4mpfer des 26. Juli, vor den Bauern, der Masse der kubanischen Arbeiterklasse und denjenigen geheim hielt, welche die Guerilla unterst\u00fctzen und zum Sieg verhalfen. Wenn es so war, zeigt das nur, das Castro eine machiavellistische Person war, bevor er an die Macht kam. Tats\u00e4chlich gibt Franqui Beispiele f\u00fcr seine bonapartistischen Tendenzen, denen er zwischen verschiedenen Gruppen des 26. Juli und welche sich nach dem Triumph der Revolution frei entfalten konnten. Sein Programm war, wie die DSP glaubt, \u201eSozialismus durch Tarnung\u201c, welches sozialdemokratische F\u00fchrer und Stalinisten in der Vergangenheit vertreten hatten. Das ist nicht dasselbe wie die wahren Ideen des Marxismus, von Marx, Engels, Lenin und Trotzki. Che Guevara nannte ein passendes Argument gegen die \u201egetarnten\u201c von Lorimer und der DSP. Er anwortete auf ein Mitglied des 26. Juli, der f\u00fcr Vorsicht eintrat, um die USA nicht zu provozieren: \u201eDu geh\u00f6rst also zu jenen, die meinen, wir k\u00f6nnten eine Revolution hinter dem R\u00fccken der Amerikaner machen &#8230; Was bist du f\u00fcr ein Schei\u00dfe-Fresser! Wir m\u00fcssen diese Revolution von Anfang an zu einem Kampf bis zum Tod gegen den Imperialismus machen. Eine wirkliche Revolution kann nicht versteckt werden.\u201c<\/p>\n<p>Man vergleiche dies mit einer fr\u00fcheren Aussage von Castro, die von Tad Szulc bei dessen USA-Besuch 1959 dokumentiert wurde. Szulc ist ein besonders wichtiger Zeuge. W\u00e4hrend der Arbeit an seinem Buch hatte er unbegrenzten Zugang zu Fidel Castro. Er schreibt: \u201eIn bezug auf die Frage des Kommunismus in Kuba, die in Washington [mit Castro] immer wieder angesprochen wurde, wiederholte er immer wieder, dass \u201awir keine Kommunisten sind&#8220;, dass, wenn tats\u00e4chlich Kommunisten in seiner Regierung vertreten seien, \u201aihr Einfluss gleich null ist\u2018 und dass er nicht mit dem Kommunismus \u00fcbereinstimme. Um die Amerikaner in der Phase nach dem Sieg zu beschwichtigen, w\u00e4hrend des Prozesses der Konsolidierung, k\u00fcndigte Castro an, dass Kuba kein ausl\u00e4ndisches privates Kapital (was haupts\u00e4chlich den Besitz von amerikanischen Konzernen betraf) enteignen und sogar zus\u00e4tzlich Investitionen f\u00f6rdern w\u00fcrde, um neue Arbeitspl\u00e4tze zu schafffen.\u201c<\/p>\n<p>Lasst uns f\u00fcr einen Moment annehmen, dass Castro klug taktierte und wirklich sein Programm f\u00fcr die sozialistische Revolution verheimlichte. Wir meinen, dass es auch in diesem Fall falsch gewesen w\u00e4re, wie auch Che Guevara argumentierte, wenn Marxisten die Tatsache verheimlicht h\u00e4tten, dass sie f\u00fcr die sozialistische Revolution und die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft stehen. Es mag richtig sein, unter den Bedingungen des Kampfes gegen eine Diktatur oder eine Autokratie geschickte Redewendungen zu nutzen. Die Bolschewiki machten dies zum Beispiel in der zaristischen Duma, einem undemokratischen Parlament, um \u00dcbergangsforderungen aufzustellen, welche die Massen zur Notwendigkeit der sozialistischen Revolution hinleiten, ohne ausdr\u00fccklich Sozialismus zu erw\u00e4hnen. Sie mussten sich beispielsweise der Niederlage der Revolution von 1905-07 wegen der Zensur Konsequente Demokraten . Es war auch n\u00f6tig am Vorabend der Oktoberrevolution das genaue Datum und die einzelnen Schritte des Aufstandes, der Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus st\u00fcrzen sollte, vor der herrschenden Klasse zu verheimlichen. solchen Bedingungen sah sich Castro oder die Bewegung 26. Juli gegen\u00fcber, vor allem nicht nach der Macht\u00fcbernahme 1959. Es w\u00e4re legitim gewesen, h\u00e4tte sich Castro von den Stalinisten, den \u201eKommunisten\u201c distanziert, die eine so traurige Rolle w\u00e4hrend der kubanischen Revolution gespielt hatten, aber nicht, einfach zu sagen \u201eWir sind keine Kommunisten\u201c. Eine bewusste sozialistische F\u00fchrung w\u00e4re schon vorher und zum Zeitpunkt der Revolution \u00fcber die Notwendigkeit im Klarengewesen, die Arbeiterklasse vorzubereiten und ihr in Kuba und weltweit den Charakter der Revolution und das Programm ihrer F\u00fchrung zu erkl\u00e4ren. Von Beginn an die Notwendigkeit des Sozialismus zu erkl\u00e4ren, dies mit einem Programm der Arbeiterdemokratie zu verbinden \u2013 von R\u00e4ten, der jederzeitigen W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit von Funktion\u00e4ren \u2013 dies h\u00e4tte die Kampfbereitschaft und das Bewusstsein der kubanischen Arbeiterklasse gesteigert. Doch es waren nur die Ereignisse, die Angriffe und Provokationen des US-Imperialismus und deren Auswirkungen auf die kubanischen Massen, welche Castro z\u00f6gernd und empirisch in die Richtung dr\u00e4ngten, mit Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus zu brechen.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrer der kubanischen Revolution hatten nicht das bewusste Programm und die Perspektiven von Lenin und den Bolschewiki. Allerdings behauptet Lorimer, dass Lenin bis zur Revolution im Februar 1917 nicht f\u00fcr den Sozialismus eingetreten sei. Es stimmt, dass Lenin eine Reihe spezieller Forderungen aufstellte \u2013 Land f\u00fcr alle Bauern, alle Macht den Sowjets, sofortigen Frieden, Arbeiterkontrolle in der Industrie usw. Aber der Grundton, die umfassende Idee, die mit all diesen Forderungen im ganzen Jahr 1917 verbunden war, war die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution in Russland als Auftakt der weltweiten sozialistischen Revolution. W\u00e4hrend des Kampfes um die Verwirklichung der \u00dcbergangsforderungen w\u00fcrden die Massen verstehen, auch die Bauernschaft, dass diese Forderungen nicht im Rahmen von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus verwirklicht werden k\u00f6nnen und w\u00fcrden daher die Idee des sozialistischen Umsturzes unterst\u00fctzen. Das war der Kern der Lenin&#8220;schen Ideen, die entgegen den Argumenten der DSP, mit Trotzkis Perspektiven \u00fcbereinstimmen, welche dieser in seiner ber\u00fchmten Theorie der Permanenten Revolution ausgef\u00fchrt hatte. Es ist einfach unglaublich, auf der Basis einen einzigen Artikels aus dem September 1917 zu argumentieren, die Bolschewiki w\u00e4ren nicht f\u00fcr den Sozialismus eingetreten. Das schreibt Lorimer: \u201eEs gibt keinen einzigen Hinweis auf \u201aSozialimus\u2018 oder \u201asozialistische Revolution\u2018 in diesem ganzen Artikel.\u201c 44<\/p>\n<p>Wenn die Bolschewiki nicht die Idee der sozialistischen Revolution vertreten h\u00e4tten, beschreibt dann John Reed in \u201eZehn Tage, die die Welt ersch\u00fctterten\u201c , wie er auf dem zweiten Sowjetkongress nach der Revolution die Worte benutzt: \u201eWir sollen jetzt vorw\u00e4rts schreiten, um die sozialistische Ordnung aufzubauen.\u201c45 \u00dferdem erkl\u00e4rt John Reed, dass selbst die Bauernsoldaten, als sie von Menschewiki in Diskussionen herausgefordert wurden, die Revolution als den Beginn der sozialistischen Weltrevolution sahen.<\/p>\n<p>In Lorimers H\u00e4nden wird Lenin von einem revolution\u00e4ren Sozialisten zu einer liberalen Pappkameraden, die niemals den russischen Arbeitern und Bauern offen die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution erkl\u00e4rte. Damit zeigt er seine vollkommene Ignoranz gegen\u00fcber den realen Prozessen der russischen Revolution. Das l\u00e4sst sich auch an seinen Kommentaren \u00fcber Trotzkis \u00dcbergangsprogramm von 1938 erkennen, welches er versucht, argumentativ gegen uns zu verwenden. Trotzki war mit Haut und Haaren gegen die stalinistische Idee der zwei Etappen in der Revolution (was hingegen die DSP best\u00e4ndig vertritt). Die Vertreter dieser falschen Idee gehen davon aus, dass Bewegungen in der neo-kolonialen Welt sich darauf beschr\u00e4nken sollten, die Agrarrevolution zu vollenden, das Erbe des Feudalismus zu beseitigen, den Imperialismus zu entmachten und nationale Unabh\u00e4ngigkeit zu erreichen und den Sozialismus auf sp\u00e4ter zu verschieben. Aber die Verwirklichung der oben beschriebenen Aufgaben, so argumentierte Trotzki, sei unaufl\u00f6slich damit verbunden, dass die Arbeiterklasse die Macht ergreifen m\u00fcsse, in einem B\u00fcndnis mit der armen Bauernschaft. Dies w\u00e4re der Ausgangspunkt f\u00fcr die sozialistische Revolution. Der Kampf f\u00fcr demokratische \u00dcbergangsforderungen war verbunden mit der Idee des Sozialismus und der sozialistischen Revolution.<\/p>\n<p>Die DSP verwirft diese Herangehensweise und vertritt die Meinung, dass radikale und revolution\u00e4re Bewegungen in der neo-kolonialen Welt wie in Kuba 1959 oder in Indonesien heute vermeiden sollten, sich als sozialistisch zu bezeichnen oder auch nur zu erkl\u00e4ren, dass ihr Endziel Sozialismus sei. In Bezug auf Kuba erkl\u00e4rt Lorimer: \u201eWenn [Castro und der 26. Juli] dies getan h\u00e4tten, w\u00e4re es sehr unwahrscheinlich gewesen, dass sie h\u00e4tten erfolgreich sein k\u00f6nnen, weil die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der kubanischen Arbeiter und Bauern \u201aSozialismus\u2018 mit den stalinistischen Polizeistaaten in Osteuropa gleichsetzte (erinnern wir uns daran, dass Castro seinen Kampf auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges begann \u2013 zwischen Stalins Niederschlagung des ostdeutschen Arbeiteraufstandes 1953 und Chrustchows Zerschlagung der ungarischen Arbeiterrevolution 1956).\u201c<\/p>\n<p>Es lohnt sich, bei den erstaunlichen Ideen Lorimers und der DSP zu verweilen. Die kapitalistischen Ideologen haben ohne Zweifel die Existenz der stalinistischen Regime als Schreckgespenst benutzt, um den Massen Angst vor einem wirklichen demokratischen Sozialismus einzujagen, nicht nur in der neo-kolonialen Welt sondern auch in den industrialisierten L\u00e4ndern. Doch wirkliche Marxisten und Sozialisten k\u00f6nnen dies nicht bek\u00e4mpfen, indem sie das sozialistische Programm \u00fcber Bord werfen. Es war und es ist n\u00f6tig zu unterscheiden zwischen der \u00f6konomischen Basis Osteuropas und der Sowjetunion \u2013 einer geplanten Wirtschaft \u2013 und der entsetzlichen Karikatur auf den Sozialismus andererseits, den die stalinistischen Einparteien-Regime darstellten.<\/p>\n<p>Trat die DSP w\u00e4hrend des Kalten Krieges f\u00fcr den Sozialismus ein? Wenn ja, s\u00fcndigte sie gegen eines der Gebote, welches Lorimer in seiner ungl\u00fccklichen Abhandlung formuliert hat: die Existenz von stalinistischen Regimes f\u00fchrt dazu, dass es Marxisten verwehrt ist, f\u00fcr eine Form des demokratischen, pluralistischen Sozialismus einzutreten. Das bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit w\u00e4hrend des Kalten Krieges, sondern betrifft auch die Vertreter sozialistischer Ideen heute. Die totalit\u00e4ren Einparteien-Regime sind zwar verschwunden, aber die Erinnerung an sie bleibt und wird ohne Zweifel wieder von den b\u00fcrgerlichen Ideologen belebt werden, wenn sich erneut eine m\u00e4chtige Bewegung f\u00fcr Sozialismus in der Arbeiterklasse entwickelt. Ideologie Fidel Castros, wie die der meisten K\u00e4mpfer des 26. Juli, war nicht in sich geschlossen. Unbestritten ist, dass Castro, w\u00e4hrend er im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, wie viele andere F\u00fchrer nationaler Befreiungsbewegungen Ideen von Lenin, Marx und Mao aufnahm (sicher trifft das auf Guevara zu), aber er hatte keine Ideologie \u00e4hnlich den Ideen Lenins, dem Marxismus, ganz zu schweigen von Trotzki. Er zielte auch nicht darauf, eine Bewegung oder eine Partei auf der Grundlage der kollektiven historischen Erfahrung der Arbeiterklasse aufzubauen.<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit Lorimers, die grundlegenden Unterschiede in Bezug auf die beteiligten gesellschaftlichen Kr\u00e4fte zwischen der russischen Revolution und Kuba zu erkennen, f\u00fchrt auch dazu, dass er das Ph\u00e4nomen der chinesischen Revolution von 1944 bis 1949 und sp\u00e4ter auch der vietnamesischen Revolution nicht versteht. (Aus den Vietnam-Protesten entstand der Vorl\u00e4ufer der DSP). Im Fall der russischen Revolution fiel der Arbeiterklasse, gef\u00fchrt von einer bewussten marxistischen Partei, die Schl\u00fcsselrolle zu. Die revolution\u00e4re Abschaffung des Gro\u00dfgrundbesitzes und des Kapitalismus in der neo-kolonialen Welt nach 1945 entwickelte sich in g\u00e4nzlich anderer Form. Die Revolution basierte anf\u00e4nglich auf den K\u00e4mpfen der l\u00e4ndlichen Massen.<\/p>\n<p>Lorimer versucht irgendwie unsere Annahme, dass die Bewegung 26. Juli auf die Bauernschaft und die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung st\u00fctzte, zu ersch\u00fcttern. Es macht ihn nicht einmal die Tatsache nachdenklich, dass der Kampf Castros und Guevaras sich auf den Guerilla-Krieg st\u00fctzte. Jeder des Lesens kundige Marxist versteht, dass dies nicht die traditionelle Kampfmethode der Arbeiterklasse, sondern der Bauernschaft ist. Guevara macht dies kategorisch klar. 1960 schrieb er: \u201eIm unterentwickelten Lateinamerika muss das Land der Schauplatz des bewaffneten Kampfes sein.\u201c<\/p>\n<p>Er wies jene zur\u00fcck, die \u201edogmatisch annehmen, dass der Kampf der Massen sich in den st\u00e4dtischen Bewegungen konzentriert und dabei total vergessen, dass die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung in den unterentwickelten L\u00e4ndern Lateinamerika eine enorm wichtige Rolle spielt.\u201c Guevara hatte bei seiner Kritik der \u201eDogmatiker\u201c die stalinisierten \u201eKommunistischen\u201c Parteien des Kontinents im Kopf, die eine Politik der Passivit\u00e4t praktizierten und eine Etappen-Theorie vertraten und den Kampf der st\u00e4dtischen Arbeiterklasse nicht mit dem der l\u00e4ndlichen Massen verbanden. Sowohl Castro als auch Guevara und alle ernsthaften Kommentatoren der kubanischen Revolution verstanden, der Kampf der Bewegung 26. Juli auf dem Land stattfand. Nur Lorimer meint, dass in Castros Bewegung die Landbev\u00f6lkerung und die Arbeiterklasse gleicherma\u00dfen einbezogen worden w\u00e4ren. Um die Realit\u00e4t in sein abstraktes Schema zu zw\u00e4ngen, bestreitet er, dass die treibende Kraft der Revolution vor allem die Landbev\u00f6lkerung war, eine Auffassung, die s\u00e4mtliche ernst zu nehmende Zeitzeugen der kubanischen Revolution, einschlie\u00dflich ihrer f\u00fchrenden K\u00e4mpfer vertraten. keiner Stelle unserer Brosch\u00fcre sprechen wir davon, dass sich Castro \u201eausschlie\u00dflich\u201c auf die Bauernschaft st\u00fctzte, wie auch Lorimer zugeben muss, indem er eine von uns zitiert: \u201eCastro und Guevara st\u00fctzten sich auf die Bauern und die Landbev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<p>Hugh Thomas besch\u00e4ftigte sich mit der Klassenstruktur Kubas Mitte der 50er Jahre beschreibt, dass es 200.000 Bauernfamilien gab, von denen \u201e140.000 sehr arm waren und nicht mehr als eine caballeria (etwa 15,4 ha) bestellten \u2013 Boden, der h\u00e4ufig nicht einmal Eigentum, sondern gepachtet war oder illegal benutzt wurde.\u201c dem seiner Aussage nach \u201egro\u00dfen Anteil an Bauern\u201c es in Kuba ca. 600.000 Landarbeiter, rund die H\u00e4lfte davon Zuckerrohrschneider, die nur w\u00e4hrend der Erntezeit besch\u00e4ftigt werden. Er kommentiert: \u201eEin Teil von ihnen betrieb ein wenig Landwirtschaft nebenher \u2013 wenn man bei dem Besitz von etwas eigenem Land mit einigen H\u00fchnern davon \u00fcberhaupt sprechen kann. Von diesen Landarbeitern deutlich unterschieden waren die etwa 100.000 Arbeiter in den Zuckerfabriken: Sie bildeten die Aristokratie der Arbeiterschaft und spielten eine dominierende Rolle in Kubas Gewerkschaftsbewegung. Einen hohen Organisationsgrad wies auch das st\u00e4dtische Proletariat mit seinen 400.000 Familien auf.\u201c<\/p>\n<p>Der Guerilla-Kampf von Ende 1956 an bis zur Flucht Batistas Anfang 1959 st\u00fctzte sich auf die Bev\u00f6lkerung in den l\u00e4ndlichen Gebieten. Die st\u00e4dtische Arbeiterklasse wurde f\u00fcr materielle und moralische Unterst\u00fctzung genutzt, manchmal auch durch Streikaktionen, aber der Brennpunkt des Kampfes lag auf dem Land, wie von Castro und Guevara ausdr\u00fccklich beschrieben wurde. Lorimer und die DSP argumentieren, es falsch w\u00e4re, davon zu sprechen, die Bewegung 26. Juli \u00e4tte sich auf die \u201eBauernschaft und die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung\u201c \u00fctzt, da es schlie\u00dflich ein gro\u00dfes l\u00e4ndliches Proletariat gegeben hatte. Doch dieses Argument ist nur ein Taschenspielertrick. Richtig, die Existenz eines gro\u00dfen l\u00e4ndlichen \u201eProletariats\u201c war wichtig, aber es \u00e4nderte daran, dass sich der 26. Juli die Bauernschaft st\u00fctzte. Wie das obige Zitat von Hugh Thomas zeigt, hatten einige dieser Arbeiter, mit ihren H\u00fchnern und ihrem kleinen St\u00fccken Land, ein gemischtes Bewusstsein, halb Bauer, halb Arbeiter. Wir wiederholen: ihre Unterst\u00fctzung, genau wie die des st\u00e4dtischen Proletariats, war ein Hilfsmittel f\u00fcr die Guerilla, die sich vor allem auf die armen Bauern und die Landbev\u00f6lkerung st\u00fctzte. Dies dr\u00fcckte der Bewegung ihren Stempel auf und markierte den Unterschied zur Basis der bolschewistischen Partei, f\u00fcr die in der russischen Revolution die bewusste Bewegung der Arbeiterklasse zentral war. Die Argumente der DSP, dass Castros Guerilla-Armee sich ebenso auf die Arbeiter wie auf die Bauern st\u00fctzte, k\u00f6nnen mit Guevara widerlegt werden: \u201eDer Guerillero ist vor allem ein Agrarrevolution\u00e4r. Er setzt die W\u00fcnsche der b\u00e4uerlichen Massen um, die zu den Besitzern des Landes werden wollen, zu den Besitzern der Produktionsmitteln, der Tiere, von allem, wonach sie nach Jahren d\u00fcrsten, was ihr Leben ausmacht und sie ins Grab bringen wird.\u201c<\/p>\n<p>Die DSP zieht die Unterst\u00fctzung der Arbeiterklasse f\u00fcr die Guerilla an den Haaren herbei. Nat\u00fcrlich gab es sie. Es gab \u00e4hnliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr die chinesische Revolution. Aber im Unterschied zur russischen Revolution waren in China und Kuba jeweils andere soziale Kr\u00e4fte dominierend \u2013 die Bauern \u2013 und die Arbeiterklasse spielte eine untergeordnete Rolle. Die DSP zitiert zwar unsere Annahme aber antwortet nicht darauf:<\/p>\n<p>\u201eLenin st\u00fctze sich auf die Arbeiterklasse. Er ging davon aus, das die Arbeiter im Kampf gegen den Zarismus die Bauern f\u00fchren w\u00fcrden. Castro und Guevara st\u00fctzen sich auf die Bauern und die Landbev\u00f6lkerung. Die Arbeiterklasse trat erst mit einem Generalstreik in Havanna in den Kampf, als die Guerilla schon gesiegt hatte und Batista um sein Leben rannte.\u201c Die Tatsache, dass Castro durch eine \u00fcberwiegend l\u00e4ndliche Bewegung an die Macht kam, hat den Charakter seiner ganzen Bewegung bestimmt. Nur durch die besondere Kombination von Umst\u00e4nden kam Castro \u2013 der sich zu Beginn niemals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen, \u00fcber die kapitalistische Demokratie hinauszugehen \u2013 in die Situation, bei der Abschaffung des Kapitalismus auf Kuba federf\u00fchrend zu sein.<\/p>\n<p><a title=\"dritter Teil\" href=\"\/?p=16859\">Weiter zum dritten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Debatten \u00fcber die Revolution und Kuba heute<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16855"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16855"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16855\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}