{"id":16851,"date":"2008-11-10T23:17:06","date_gmt":"2008-11-10T22:17:06","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=16851"},"modified":"2012-08-21T13:16:56","modified_gmt":"2012-08-21T11:16:56","slug":"vor-90-jahren-revolution-in-deutschland-2-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/11\/vor-90-jahren-revolution-in-deutschland-2-teil\/","title":{"rendered":"Vor 90 Jahren Revolution in Deutschland (2. Teil)"},"content":{"rendered":"<p>zweiter Teil des Artikels. <a title=\"erster Teil\" href=\"\/?p=12894\">Zur\u00fcck zum 1. Teil<\/a><\/p>\n<p><strong>Doppelherrschaft<\/strong><\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen entwickelte sich eine Situation der Doppelherrschaft. Mit den R\u00e4ten und deren am 10. November von einer Delegiertenversammlung der Berliner R\u00e4te gew\u00e4hlten Vollzugsrat gab es embryonale Organe eines Arbeiterstaates, der eine Entwicklung zu einer sozialistischen Gesellschaft einleiten k\u00f6nnte. Gleichzeitig wurde am 9. November, nach langen Verhandlungen zwischen den Arbeiterparteien eine Regierung gebildet. Liebknecht war an diesen Verhandlungen beteiligt gewesen. Er wurde von unz\u00e4hligen Arbeiterdelegationen bedr\u00e4ngt, in eine Regierung einzutreten. In ihm, dem prinzipienfestesten aller Kriegsgegner, sahen sie einen Garanten f\u00fcr eine Regierung, die Arbeiterinteressen vertreten w\u00fcrde. Liebknecht war sich der Gefahren einer Regierungsbildung, die nicht aus den R\u00e4ten selber erwachsen w\u00e4re, bewusst. Er spielte nur mit dem Gedanken, f\u00fcr wenige Tage einer Regierungsbildung zuzustimmen und daran teilzunehmen, um einen Waffenstillstand aushandeln zu k\u00f6nnen. Selbst daf\u00fcr wurde er von seinen GenossInnen der Spartakusgruppe (die sich bald Spartakusbund nannte) scharf kritisiert, denn jedes Zusammengehen mit den Mehrheitssozialdemokraten konnte die Massen nur verwirren. Unter seinem Einfluss stellte die USPD verschiedene Bedingungen f\u00fcr eine Regierungsbildung mit Vertretern der Mehrheitssozialdemokratie, darunter folgende:<\/p>\n<p>1.Deutschland soll eine soziale Republik sein.<\/p>\n<p>2.In dieser Republik soll die gesamte exekutive, legislative und jurisdiktionelle (ausf\u00fchrende, gesetzgebende und rechtsprechende) Macht ausschlie\u00dflich in den H\u00e4nden von gew\u00e4hlten Vertrauensm\u00e4nnern der gesamten werkt\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung und der Soldaten sein.<\/p>\n<p>3.Ausschluss aller b\u00fcrgerlichen Mitglieder aus der Regierung.<\/p>\n<p>4.Die Beteiligung der Unabh\u00e4ngigen gilt nur f\u00fcr drei Tage als ein Provisorium, um eine f\u00fcr den Abschluss des Waffenstillstands f\u00e4hige Regierung zu schaffen.<\/p>\n<p>Mit diesen Bedingungen sollte sich eine \u00dcbergangsregierung auf die Schaffung einer Republik der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te verpflichten. Die Mehrheits-SPD lehnte diese Bedingungen ab, f\u00fcr Liebknecht kam ein Regierungsbeitritt nicht mehr in Frage. Die USPD-Vertreter aber einigten sich auf eine Regierungsbildung mit abgespeckten Bedingungen. Diese beinhalteten immerhin die Aussage, dass die \u201epolitische Gewalt in den H\u00e4nden der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te liegt\u201c, aber auch einen Bezug zur Frage der Konstituierenden Versammlung. Diese solle \u201eerst nach einer Konsolidierung der durch die Revolution geschaffenen Zust\u00e4nde\u201c er\u00f6rtert werden. Aber damit war die Verfassunggebende Versammlung auf dem Tisch. Die Regierung bestand aus jeweils drei Vertretern von MSPD und USPD und nannte sich, in Anlehnung an die russische Arbeiterregierung, Rat der Volksbeauftragten. Es gab also zwei Machtzentren: den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und den Rat der Volksbeauftragten. Ersterer erkannte die Regierung an, letzterer erkannte die politische Macht der R\u00e4te an. Was zu keinem Zeitpunkt angetastet wurde war der eigentliche alte kapitalistische Staatsapparat. Minister und andere Staatsbeamte blieben im Amt, was auch f\u00fcr die Provinzen und Kommunen im ganzen Land, mit der Ausnahme von Bremen und Hamburg, galt.<\/p>\n<p>Die Taktik der Feinde der Arbeitermacht, Mehrheits-SPD und Vertreter der alten Ordnung, war nun einerseits die R\u00e4te zu unterwandern und gleichzeitig handlungsunf\u00e4hig zu machen und andererseits eine Kampagne f\u00fcr allgemeine Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung (auch Konstituante oder Nationalversammlung genannt) zu f\u00fchren. Und das alles unter dem Banner des Sozialismus und der Sozialisierung der Industrie.<\/p>\n<p>Vor allem die Soldatenr\u00e4te sind von der Mehrheits-SPD und oftmals auch von Offizieren dominiert worden. Nicht selten ergriffen Mehrheits-SPD\u2018ler die Initiative zur Bildung eines Rats, um diesen unter Kontrolle zu bekommen. Der Vollzugsrat der Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te war zur H\u00e4lfte von Arbeitern und zur anderen H\u00e4lfte von Soldaten besetzt. Unter den Arbeitern teilten sich MSPD und USPD die Sitze. Es gab also keine linke Mehrheit in diesem Gremium. Gleichzeitig wurde es, organisiert von den Gegnern der Revolution, mit Anfragen und Bittstellungen \u00fcberflutet. Ohne Verwaltungsapparat ausgestattet f\u00fchrte das zu einer weitgehenden L\u00e4hmung der R\u00e4te und kam einer Sabotage gleich.<\/p>\n<p>Der Vollzugsrat best\u00e4tigte den Rat der Volksbeauftragten, der nun also seine Legitimation sowohl von der alten Macht, als auch von der neuen Macht, erhalten hatte. Der kapitalistische Staats- und Verwaltungsapparat wurde jedoch von dem Rat der Volksbeauftragten nicht angetastet.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg schrieb, dass die R\u00e4te \u201evor Unzul\u00e4nglichkeiten, vor Schw\u00e4chen, vor Mangel an eigener Initiative und Klarheit \u00fcber ihre Aufgaben es fertiggebracht haben, beinahe am zweiten Tag nach der Revolution die H\u00e4lfte der Machtmittel sich wieder aus der Hand entgleiten zu lassen, die sie am 9. November erobert hatten.\u201c Ein nicht unwichtiger Faktor war auch, dass das wichtige Prinzip aus der Pariser Kommune und den russischen Sowjets (russisch f\u00fcr R\u00e4te), die jederzeitige W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit der Delegierten in den R\u00e4ten faktisch nicht zur Anwendung kam. So konnten sich die vielf\u00e4ltigen Erfahrungen, die die Arbeiter und Soldaten in den Tagen der Revolution machten, nicht permanenten in der Zusammensetzung der R\u00e4te ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>R\u00e4te oder Nationalversammlung<\/strong><\/p>\n<p>Die MSPD-F\u00fchrer pr\u00e4sentierten sich als Verfechter des Sozialismus und die Revolution als siegreich. Sie griffen die R\u00e4te nicht frontal an, aber forderten die Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung \u2013 dies sei demokratischer, weil auf dem gleichen Wahlrecht f\u00fcr alle Staatsb\u00fcrger basierend, als ein R\u00e4testaat. Diese Argumentation ging einher mit heftiger L\u00fcgenpropaganda gegen die Spartakusgruppe und gegen die Bolschewiki. Unter anderem wurde behauptet, die Entente-M\u00e4chte w\u00fcrden Deutschland besetzen, sollten Liebknecht und Luxemburg an die Macht kommen. In Flugbl\u00e4ttern der SPD hie\u00df es: \u201eWer ernsthaft und dauernd vergesellschaften will, so dass der Kapitalismus nicht nach ein paar Jahren (wie es in Russland kommt) m\u00e4chtiger und unbeschr\u00e4nkter dasteht als je zuvor, der muss die Konstituante wollen.\u201c<\/p>\n<p>Die Konstituante war das entscheidende Mittel der Konterrevolution, die Abschaffung des Kapitalismus zu verhindern. Damit nahm die Konterrevolution eine demokratische Form an (obwohl sie, wie wir noch sehen werden, auch zu brutaler Gewalt griff), was auch die St\u00e4rke der Arbeiterklasse ausdr\u00fcckt. Aber die Konstituante war ein Mittel um die direkte Demokratie und Herrschaft der revolution\u00e4ren ArbeiterInnen und Soldaten durch die indirekte, parlamentarische und b\u00fcrgerliche Demokratie des Parlamentarismus zu ersetzen. Auf einer Versammlung der Arbeiterr\u00e4te Berlins am 19. November sagte der F\u00fchrer der revolution\u00e4ren Obleute und Mitglied im Vollzugsausschuss der R\u00e4te, Richard M\u00fcller: \u201eNiemand kann von uns verlangen, dass wir die von den Arbeitern und Soldaten erk\u00e4mpften Freiheiten und Rechte konterrevolution\u00e4ren Elementen \u00fcberlassen. (&#8230;) Alles regt sich jetzt, alles will im Rate sitzen und mitregieren. Das schaffende Volk, ob Kopf- oder Handarbeiter soll vertreten sein. Aber nicht jene Parasiten, die am Marke des Volkes gezehrt haben. Genossen! Es bilden sich jetzt auch R\u00e4te der Hausbesitzer, es fehlt nur noch, dass sich R\u00e4te der Million\u00e4re bilden. Diese R\u00e4te lehnen wir ab. Und was steckt hinter dem Schrei nach der Nationalversammlung, der jetzt alle Bl\u00e4tter der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft durchl\u00e4uft? Warum verlangt man jetzt die Nationalversammlung? Man will auf diesem Wege die politische Gewalt in die H\u00e4nde der Bourgeoisie zur\u00fcckgeben.\u201c In der Illustrierten Geschichte der deutschen Revolution hei\u00dft es richtig: \u201eDie Losung des allgemeinen Wahlrechts war zweifellos richtig gewesen, als sie die Reform des kapitalistischen Staates betraf. Sie wurde falsch im Augenblick der Revolution, die der kapitalistischen Herrschaft selber zu Leibe ging.\u201c Oder wie Rosa Luxemburg sagte: \u201eDie von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: b\u00fcrgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats ist Demokratie im sozialistischen Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, Anarchie, wie die Agenten des kapitalistischen Profits zielbewusst f\u00e4lschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des Sozialismus (&#8230;) Ohne den bewussten Willen und die bewusste Tat der Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus.\u201c Dieser Gedanke zog sich durch das Programm des Spartakusbundes: \u201eDer Spartakus-Bund wird nie anders die Regierungsgewalt \u00fcbernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der gro\u00dfen Mehrheit der proletarischen Masse in ganz Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakus-Bundes.\u201c<\/p>\n<p>So weit aber war die Arbeiterklasse noch nicht. Sie hatte keine Klarheit \u00fcber die Aufgaben der Revolution und setzte in der ersten Phase der Revolution in ihrer Mehrheit die Hoffnungen auf den Aufbau des Sozialismus durch ein einheitliches Agieren der Arbeiterparteien. Man darf dabei nicht vergessen, dass die MSPD zwar den Krieg unterst\u00fctzt hatte, dies aber mit sozialistischen Phrasen begr\u00fcndet hatte und in Worten dem Sozialismus und der Vergesellschaftung der Industrie niemals, wie die heutige SPD, abgeschworen hatte (und selbst diese reklamiert den \u201ademokratischen Sozialismus\u2018 noch f\u00fcr sich). So profitierte die SPD, als traditionelle Partei der ArbeiterInnen, auch am st\u00e4rksten von der revolution\u00e4ren Bewegung. W\u00e4hrend erfahrenere Schichten der Arbeiterklasse sich in Richtung USPD und Spartakusbund orientierten, str\u00f6mte die Mehrheit der neu in das politische Leben eingetretenen ArbeiterInnen in die MSPD und w\u00e4hlten deren Vertreter, die sie oftmals schon viele Jahre als Sozialdemokraten kannten, in die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Die Begeisterung \u00fcber den Sturz der alten M\u00e4chte kannte keine Grenzen und so verfing die geschickte Propaganda der MSPD, die unter der Losung f\u00fcr Einheit und Sicherung der erreichten Errungenschaften ihren Einfluss in der Arbeiterklasse ausweitete.<\/p>\n<p><strong>R\u00e4tekongress<\/strong><\/p>\n<p>Am 16. Dezember trat der Kongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te Deutschlands f\u00fcr acht Tage zusammen. Ebert und seine Gefolgsleute hatten eine absolute Mehrheit der Delegierten auf ihrer Seite. Von 492 Delegierten geh\u00f6rten 298 zur MSPD und nur 101 zur USPD (davon bildeten zehn eine Gruppe von Spartakisten), der Rest waren Demokraten und Delegierte ohne Parteizugeh\u00f6rigkeit, die aber mehrheitlich mit der MSPD stimmten. Noch aufschlussreicher ist die Zusammensetzung des Kongresses nach Berufen, denn nur 179 Delegierte waren Arbeiter, Angestellte etc., 31 Unabh\u00e4ngige und 164 Mehrheitssozialdemokraten waren hauptamtliche Redakteure, Abgeordnete, Partei- und Gewerkschaftsangestellte und 71 Delegierte waren Intellektuelle. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren nicht zu Delegierten gew\u00e4hlt worden und der Kongress lehnte zwei Antr\u00e4ge ab, sie zu den Beratungen hinzu zu ziehen. Diese anti-sozialistische und gegenrevolution\u00e4re Mehrheit der Delegierten repr\u00e4sentierte jedoch nicht die Stimmung in der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Liebknecht f\u00fchrte Massendemonstrationen vor den Kongress, um die Delegierten unter Druck zu setzen. Doch auch das konnte nicht verhindern, dass sich dieses Revolutionsparlament selbst entmachtete, in dem er folgenden Antrag annahm: \u201eDer Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te Deutschlands, der die gesamte politische Macht repr\u00e4sentiert, \u00fcbertr\u00e4gt bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung die gesetzgebende und vollziehende Gewalt dem Rat der Volksbeauftragten.\u201c<\/p>\n<p>Die tats\u00e4chliche Stimmung unter den Massen dr\u00fcckte sich trotzdem in anderen Beschl\u00fcssen des Kongresses aus, vor allem in einem als \u201aHamburger Antrag\u2018 bekannt gewordenen Beschluss zur Situation in der Armee. Dieser bekr\u00e4ftigte unter anderem die Kommandogewalt der Soldatenr\u00e4te, die freie Wahl der Offiziere und forderte die beschleunigte Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung der Volkswehr. Auch wurde ein Beschluss f\u00fcr den unverz\u00fcglichen Beginn der f\u00fcr die Sozialisierung reifen Industrien gef\u00e4llt. Doch diese Beschl\u00fcsse blieben ohnm\u00e4chtiges Papier und wurden niemals von der Regierung umgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Die Armee handelt gegen die Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Zehn Tage vor dem R\u00e4tekongress hatte es einen ersten Putschversuch der Konterrevolution gegeben. Die Oberste Heeresleitung hatte entsprechende Pl\u00e4ne mit Friedrich Ebert abgesprochen. Unter den regul\u00e4ren Truppen gab es noch der Obersten Heeresleitung loyale Verb\u00e4nde, in vielen Soldatenr\u00e4ten hatte die Mehrheits-SPD eine dominante Stellung. Dies \u00e4nderte sich in manchen F\u00e4llen im Verlauf der Ereignisse, wie im Fall der Volksmarinedivision.<\/p>\n<p>Am 6. Dezember riefen dann Reichswehr-Truppen Ebert zum Pr\u00e4sidenten aus \u2013 der nicht ablehnte, sondern sich Zeit zur Beratung mit seinem Kabinett erbat -, griffen eine Demonstration des Spartakusbundes an, t\u00f6teten dabei 14 Demonstranten und versuchten den Vollzugsrat der Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te zu verhaften. Spontaner Widerstand von Arbeitermassen vereitelte diesen ersten Putschversuch. Zwei Tage sp\u00e4ter demonstrierten 150.000 ArbeiterInnen unter Spartakus-Parolen gegen Ebert, Scheidemann und Co auf Berlins Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Zur n\u00e4chsten Offensive der Konterrevolution kam es am 23. und 24. Dezember, als Reichswehrtruppen gegen die das Berliner Schloss besetzende Volksmarinedivision eingesetzt wurden und es zu heftigen K\u00e4mpfen mit 67 Todesopfern kam. Die Volksmarinedivision hatte sich im Laufe der Revolution zu einer besonders stark mit der Berliner Arbeiterklasse verbundenen Einheit entwickelt. Die Matrosen hatten sich nach dem 6. Dezember zwar wiederholt dem Rat der Volksbeauftragten verpflichtet, f\u00fcgten aber einschr\u00e4nkend hinzu: \u201eals der Regierung, die auf ihrem Program die sozialistische Republik stehen hat.\u201c Im Falle eines Auseinanderbrechens der Regierung, sollte die Marine die Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten mit der Waffe in der Hand verteidigen. Das war f\u00fcr Ebert und Co eine ausreichend ernsthafte Bedrohung, um Truppen gegen die Volksmarinedivision zu senden. Doch die Matrosen gingen, nicht zuletzt aufgrund der aktiven Solidarit\u00e4t von Berliner ArbeiterInnen, die die Reichswehrtruppen direkt konfrontierten und sie politisch agitierten, als Sieger aus diesen Zusammenst\u00f6\u00dfen hervor.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf diese Ereignisse und die Beteiligung Eberts und Scheidemanns traten die USPD-Minister aus der Regierung aus. Sie ersetzend trat unter anderem der rechte Mehrheitssozialdemokrat Gustav Noske in diese ein. Noske hatte nach dem Matrosenaufstand in Kiel den dortigen Arbeiter- und Soldatenrat unter seine Kontrolle gebracht und sollte im weiteren Verlauf der Revolution noch eine besonders unr\u00fchmliche Rolle spielen.<\/p>\n<p><strong>Gr\u00fcndung der KPD<\/strong><\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Polarisierung zwischen einer sich radikalisierenden Berliner Arbeiterklasse und Regierung, Generalstab und Kapital auf der anderen Seite, fand vom 30.12.1918 bis zum 1.1.1919 der Kongress statt, bei dem Spartakusbund und IKD (Internationale Kommunisten Deutschlands, vormals Bremer und andere \u201aLinks-Radikale\u2018) die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gr\u00fcndeten. Der Spartakusbund hatte zwar politisch v\u00f6llig selbst\u00e4ndig agiert, mit der Roten Fahne ein eigenes Organ herausgebracht und keine Verantwortung f\u00fcr die Politik der USPD-F\u00fchrung \u00fcbernommen, war aber weiterhin Teil dieser Partei geblieben und nur sehr lose organisiert. Nun sahen die meisten Spartakisten, angesichts der Niederlagen beim Reichsr\u00e4tekongress und des Wankelmuts der USPD, die Notwendigkeit eine eigene, straffer organisierte Partei zu bilden und den Bruch mit der USPD f\u00fcr alle Arbeiter sichtbar zu vollziehen.<\/p>\n<p>So richtig die Gr\u00fcndung einer selbst\u00e4ndigen und gut organisierten revolution\u00e4ren Partei war, so schwer wog der Fehler, dass es Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in den Jahren zuvor vers\u00e4umt hatten, ihre Mitstreiter einheitlich und kollektiv in einer revolution\u00e4ren Organisation zusammen zu schlie\u00dfen. Der Spartakusbund bzw. seine Vorg\u00e4ngerin, die Gruppe Internationale, wurden erst nach dem Beginn des Krieges gegr\u00fcndet, obwohl Rosa Luxemburg fr\u00fcher als andere die Degeneration der SPD-F\u00fchrung erkannt hatte. Unter den Kriegsbedingungen von Zensur und Repression war es ungleich schwerer eine einheitliche Kraft zu bilden, aber die Notwendigkeit einer solchen wurde auch von den Spartakus-F\u00fchrern untersch\u00e4tzt. Dieser Mangel an Organisation und Kollektivit\u00e4t f\u00fchrte nicht nur dazu, dass die revoltion\u00e4ren MarxistInnen nicht einheitlich und organisiert in die Revolution eingreifen konnten und so das Potenzial f\u00fcr den Ausbau ihres Einflusses in den R\u00e4ten nicht ausgesch\u00f6pft wurde. Es f\u00fchrte auch zu einem Mangel an kollektiver politischer Diskussion und damit einem Mangel an politischer Klarheit. Erschwerend kam hinzu, dass die Delegierten des KPD-Gr\u00fcndungskongresses oftmals nicht die erfahrensten \u00f6rtlichen F\u00fchrer waren, sondern die Zusammensetzung aufgrund des Mangels an fester Organisation vor Ort zu einem gewissen Grad zuf\u00e4llig war. Das sollte sich nun r\u00e4chen. Auf dem Kongress dominierten ultra-linke Kr\u00e4fte, die voller revolution\u00e4rer Ungeduld nicht erkannten, dass nicht die Machteroberung durch die Arbeiterklasse als n\u00e4chster Schritt auf der Tagesordnung stand, sondern es darum ging erst einmal die Massen f\u00fcr ein Programm der Arbeitermacht zu gewinnen. So wurde gegen den Willen von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und anderen F\u00fchrungspersonen beschlossen, die Wahlen zur Nationalversammlung zu boykottieren. Aus der korrekten grunds\u00e4tzlichen Position \u201aR\u00e4tedemokratie statt b\u00fcrgerlich-parlamentarischer Demokratie\u2018 zogen die KPD-Delegierten einen falschen taktischen Schluss. Sie untersch\u00e4tzten die Illusionen, die in der Arbeiterklasse in die Nationalversammlung bestanden und verkannten die Notwendigkeit den Wahlkampf und die Trib\u00fcne des Parlaments f\u00fcr revolution\u00e4re Propaganda zu nutzen. Rosa Luxemburg betonte, dass man vor einem langwierigen Kampf stehe und sagte: \u201eIch spreche von den gewaltigen Massen, nicht von Gruppen, die zu uns geh\u00f6ren. Es kommen Millionen in Betracht, M\u00e4nner, Frauen, junge Leute, Soldaten. Ich frage Sie, ob Sie mit gutem Gewissen sagen k\u00f6nnen, dass diese Massen, wenn wir hier beschlie\u00dfen die Nationalversammlung zu boykottieren, den Wahlen den R\u00fccken kehren werden oder, noch besser, ihre F\u00e4uste gegen die Nationalversammlung richten werden? Das k\u00f6nnt Ihr nicht mit gutem Gewissen behaupten (&#8230;) In welcher Weise wollen Sie die Wahlen beeinflussen, wenn Sie von vornherein erkl\u00e4ren, wir halten die Wahlen f\u00fcr null und nichtig? Wir m\u00fcssen den Massen zeigen, dass es keine bessere Antwort gibt auf den gegenrevolution\u00e4ren Beschluss gegen das R\u00e4tesystem, als eine gewaltige Kundgebung der W\u00e4hler zustande zu bringen, indem sie gerade die Leute w\u00e4hlen, die gegen die Nationalversammlung und f\u00fcr das R\u00e4tesystem sind.\u201c<\/p>\n<p>Mit 62 zu 23 Stimmen wurde jedoch der Boykott beschlossen. Das war ein entscheidender Grund f\u00fcr die revolution\u00e4ren Obleute, der neuen Partei nicht beizutreten, sondern in der USPD zu bleiben. Weitere ultralinke Positionen wurden zu den Gewerkschaften eingenommen, wenn auch nicht formal beschlossen. Aber die Mehrheit der Delegierten erkannte den Zustrom von Arbeitern in die Gewerkschaften nicht und vertrat die Auffassung, dass Kommunisten nicht in den Gewerkschaften arbeiten sollten. Die KPD isolierte sich von den Massen. An den Wahlen zur Nationalversammlung nahmen 83 Prozent der Wahlberechtigten teil. 11,5 Millionen (37,9 Prozent) w\u00e4hlten SPD und 2,3 Millionen (7,6 Prozent) USPD. B\u00fcrgerliche Parteien stellten die Mehrheit. Das Projekt von Kapitalisten und SPD-F\u00fchreren, das kapitalistische System durch die Nationalversammlung zu retten, war erst einmal gegl\u00fcckt.<\/p>\n<p><strong>Januaraufstand<\/strong><\/p>\n<p>Doch noch bevor die Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, wurde die revolution\u00e4re Arbeiterschaft Berlins in eine Schlacht hinein provoziert, die zu einer schweren Niederlage und einem gro\u00dfen R\u00fcckschlag f\u00fcr die Revolution f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Kr\u00e4fte der Konterrevolution, unter anderem die auch von Sozialdemokraten unterst\u00fctzte Anti-Bolschewistische Liga, entwickelten im Dezember und Januar eine immer aggressivere Hetze gegen den Spartakusbund. Offen wurde auf Plakaten und Flugbl\u00e4ttern zum Mord an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen Spartakus-F\u00fchrern aufgerufen.<\/p>\n<p>Armeef\u00fchrung und die MSPD-Regierung bereiteten sich auf einen entscheidenden Schlag gegen die Revolution vor. Dazu konnten sie die, in den Wochen zuvor gebildeten, Freiwilligenverb\u00e4nde (Freikorps) nutzen. Das waren Verb\u00e4nde, die aus den reaktion\u00e4rsten Teilen der alten Armee bestanden. Nicht zuf\u00e4llig finden sich viele Freikorps-Mitglieder sp\u00e4ter in den Reihen von SA, SS und NSDAP wieder.<\/p>\n<p>Es wurde eine Provokation organisiert, die die KPD, USPD und die revolution\u00e4ren ArbeiterInnen zu Aktionen verleiten sollte, welche wiederum als Anlass zu milit\u00e4rischer Unterdr\u00fcckung dienen sollten. Die Provokation war die Absetzung des Berliner Polizeipr\u00e4sidenten Emil Eichhorn, eines USPD-Manns, der 2.000 Arbeiter und Soldaten zu einer \u201alinken\u2018 Polizeieinheit zusammen gefasst hatte. Eichhorn wurde am 3. Januar vom Innenministerium zum R\u00fccktritt aufgefordert und weigerte sich erwartungsgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p>USPD, revolution\u00e4re Obleute und KPD riefen darauf hin zu einer Demonstration zur Verteidigung Eichhorns auf. Dies sollte eine friedliche Demonstration des Willens zum Widerstand sein. Hunderttausende beteiligten sich am 5. Januar daran. Die Massen dr\u00e4ngten zur Aktion und als ein Provokateur dazu aufrief das Geb\u00e4ude der Vorw\u00e4rts-Redaktion zu besetzen, folgten sie. Der Vorw\u00e4rts hatte sich als Zentralorgan der SPD oftmals mit anti-revolution\u00e4ren Artikeln hervor getan und war schon im Dezember f\u00fcr kurze Zeit von revolution\u00e4ren Arbeitern besetzt worden. Die F\u00fchrer der USPD, die in Berlin vom linken Fl\u00fcgel dominiert wurde, die revolution\u00e4ren Obleute und Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck von der KPD versammelten sich und entschieden sich daf\u00fcr, den Kampf zum Sturz der Regierung aufzunehmen und bildeten einen Revolutions-Ausschuss. Das war eine folgenschwere Fehlentscheidung. Selbst wenn die Berliner Arbeiterklasse m\u00f6glicherweise bereit und f\u00e4hig zum Regierungssturz gewesen w\u00e4re, so galt das ganz sicher nicht f\u00fcr den Rest Deutschlands.<\/p>\n<p>Die Situation erinnerte an die so genannten Juli-Tage in Russland 1917. Auch hier preschte das Proletariat Petrograds, die Speerspitze der revolution\u00e4ren Bewegung, voller Ungeduld und revolution\u00e4rem Elan vor und versuchte die Regierung zu st\u00fcrzen. Hier erkannten die Bolschewiki, dass ein solcher Schritt verfr\u00fcht gewesen w\u00e4re. Als sie die ArbeiterInnen nicht von einer bewaffneten Demonstration abhalten konnten, stellten sie sich an deren Spitze, um daf\u00fcr zu sorgen, dass diese als Protestdemonstration friedlich und organisiert durchgef\u00fchrt wurde. Damit gelang es ihnen, die entscheidenden Kr\u00e4fte der russischen Arbeiterklasse, die Arbeiter Petrograds, nicht ins offene Messer rennen zu lassen und diese Kr\u00e4fte intakt zu halten f\u00fcr den Moment der Machtergreifung, der im Oktober 1917 gekommen war.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg und die Mehrheit der KPD-F\u00fchrung erkannte den Fehler und unterst\u00fctzte Liebknechts Handeln nicht, hielt ihn aber auch nicht davon ab, in den Revolutions-Ausschuss einzutreten und Berlins Arbeiter zum Kampf aufzurufen.<\/p>\n<p>Karl Radek, der in diesen Tagen f\u00fcr die Bolschewiki den Kontakt zur KPD unterhielt, schrieb am 9. Januar an das Zentralkomitee der KPD: \u201eIn ihrer Programmbrosch\u00fcre \u201aWas will der Spartakusbund?\u2018 erkl\u00e4ren Sie, die Regierung erst dann \u00fcbernehmen zu wollen, wenn Sie die Mehrheit der Arbeiterklasse hinter sich haben. Dieser vollkommen richtige Standpunkt findet seine Begr\u00fcndung in der einfachen Tatsache, dass die Arbeiterregierung ohne Massenorganisationen des Proletariats undenkbar ist. Nun sind diese einzig in Betracht kommenden Massenorganisationen, die Arbeiterr\u00e4te, fast nur nominell vorhanden. Sie haben noch keine K\u00e4mpfe gef\u00fchrt, die Massenkr\u00e4fte ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Und dementsprechend hat in ihnen nicht die Partei des Kampfes die Oberhand, die Kommunistische Partei, sondern die Sozialpatrioten oder die Unabh\u00e4ngigen. In dieser Situation ist an die Machtergreifung des Proletariats gar nicht zu denken. W\u00fcrde sie, die Regierung, durch einen Putsch in eure H\u00e4nde fallen, sie w\u00fcrde in ein paar Tagen von der Provinz abgeschn\u00fcrt und erdrosselt werden. In dieser Situation durfte die Samstag von den revolution\u00e4ren Obleuten beschlossene Aktion wegen des Anschlags der sozialpatriotischen Regierung auf das Polizeipr\u00e4sidium nur den Charakter einer Protestaktion tragen. Die Vorderreihe des Proletariats, erbittert durch die Politik der Regierung, missleitet durch die revolution\u00e4ren Obleute, die ohne jede politische Erfahrung, nicht imstande sind, das ganze Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis im ganzen Reich zu \u00fcbersehen, haben in ihrem Elan die Bewegung aus einer Protestbewegung zu einem Kampf um die Gewalt ausgestaltet. Das erlaubt den Ebert und Scheidemann, der Berliner Bewegung einen Schlag zu versetzen, der die ganze Bewegung auf Monate schw\u00e4chen kann.\u201c<\/p>\n<p>Radek und auch Rosa Luxemburg schlugen Schritte zum organisierten R\u00fcckzug vor und orientierten auf eine Neuwahl der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Aber es war zu sp\u00e4t, der Kampf hatte begonnen. Der Revolutions-Ausschuss beging darauf hin den noch unverzeihlicheren Fehler, den von ihm ausgerufenen Kampf nicht entschlossen zu f\u00fchren, keine der notwendigen Ma\u00dfnahmen zur Erreichung des Ziels zu ergreifen und auf dem H\u00f6hepunkt der Mobilisierungen nur die Losung zu Demonstrationen auszugeben. F\u00fcr zwei Tage, am 5. und 6. Januar, war die Regierung handlungsunf\u00e4hig. Der 6. Januar sah einen Generalstreik und eine halbe Million ArbeiterInnen auf Berlins Stra\u00dfen. Selbst Noske gab zu, dass mit einer entschlossenen F\u00fchrung die Massen Berlin in ihre H\u00e4nde h\u00e4tten bekommen k\u00f6nnen. Aber selbst das geschah nicht. Aufgrund der Unt\u00e4tigkeit der USPD zogen sich Liebknecht und Pieck wieder aus dem Revolutions-Ausschuss zur\u00fcck. Noch w\u00e4hrend Verhandlungen mit der Regierung stattfanden, schlug diese zu.<\/p>\n<p>Noske wurde am 6. Januar zum Oberbefehlshaber ernannt. In seinen Erinnerungen schreibt er \u00fcber die Beratungen der Regierung an diesem Tag: \u201eMeiner Meinung, dass nun versucht werden m\u00fcsse, mit Waffengewalt Ordnung zu schaffen, wurde nicht widersprochen. Der Kriegsminister, Oberst Reinhardt, formulierte einen Befehl, durch den die Regierung und der Zentralrat den Generalleutnant von Hoffmann, der mit einigen Formationen nicht weit von Berlin war, zum Oberbefehlshaber ernannte. Dagegen wurde eingewendet, dass die Arbeiter gegen einen General die gr\u00f6\u00dften Bedenken hegen w\u00fcrden. In ziemlicher Aufregung, denn die Zeit dr\u00e4ngte, auf den Stra\u00dfen riefen unsere Leute nach Waffen, stand man im Arbeitszimmer Eberts umher. Ich forderte, dass ein Entschluss gefasst werde. Darauf sagte jemand: \u201aDann mach du doch die Sache!\u2018 Worauf ich kurz entschlossen erwiderte: \u201aMeinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!\u2018\u201c<\/p>\n<p>Der Bluthund f\u00fchrte die Freikorps gegen die k\u00e4mpfenden Arbeiter in den besetzten Zeitungsredaktionen (mittlerweile waren mehrere Zeitungsgeb\u00e4ude besetzt worden) und schlug den Januaraufstand brutal nieder. Die K\u00e4mpfe hielten bis zum 12. Januar an. Nach offiziellen Angaben sind in diesen Tagen 156 Menschen ums Leben gekommen, tats\u00e4chlich werden es viel mehr gewesen sein. Die Freikorps w\u00fcteten mit unmenschlicher Bestialit\u00e4t. Im USPD-Organ \u201aFreiheit\u2018 berichtete ein Gefangener: \u201eAls der Gefangenentransport vor die Alexanderkaserne kam, wurden f\u00fcnf davon &#8230; auf offener Stra\u00dfe an die Wand gestellt und von Regierungssoldaten &#8230; niedergeschossen &#8230; Die \u00fcbrigen Gefangenen wurden, w\u00e4hrend sie durch das Tor in den Kasernenhof transportiert wurden, in unerh\u00f6rter Weise von Regierungssoldaten, sogenannten \u201aMaik\u00e4fern\u2018, misshandelt und mit Kolbenschl\u00e4gen traktiert &#8230; Ein sechzehnj\u00e4hriger Knabe, der sich unter den Gefangenen befand, nat\u00fcrlich Zivilist, rief auf dem Kasernenhof \u201aHoch Liebknecht\u2018 und erhielt &#8230; mit dem Kolben einen Schlag auf den Kopf, der ihm den Sch\u00e4del spaltete.\u201c<\/p>\n<p>Die Hetze gegen die KPD erreichte neue H\u00f6hen. Im Vorw\u00e4rts erschien folgendes Gedicht:<\/p>\n<p>Vielhundert Tote in einer Reih &#8211;<\/p>\n<p>Proletarier!<\/p>\n<p>Karl, Rosa, Radek und Kumpanei<\/p>\n<p>&#8211; es ist keiner dabei,<\/p>\n<p>es ist keiner dabei!<\/p>\n<p>Proletarier!<\/p>\n<p>Am 15. Januar wurde der vielfache Aufruf zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten in die Tat umgesetzt. Die beiden wichtigsten revolution\u00e4ren F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der deutschen Arbeiterklasse versteckten sich zwar, wollten aber nicht v\u00f6llig untertauchen und die Berliner ArbeiterInnen, aus ihrer Sicht, nicht im Stich lassen. Sie wurden von Freikorps aufgesp\u00fcrt und ermordet.<\/p>\n<p>Die Januar-Niederlage und die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg schlie\u00dfen die erste Phase der deutschen Revolution der Jahre 1918 bis 1923 ab. Mit dem Verlust von Liebknecht und Luxemburg war die KPD schwer getroffen. Ihrer st\u00e4rksten intellektuellen F\u00fchrerin und ihres in der Arbeiterklasse angesehensten F\u00fchrers beraubt, war die KPD \u00fcber Jahre nicht in der Lage sich eine Massenbasis aufzubauen und unf\u00e4hig die sich in den folgenden Jahren ergebenden M\u00f6glichkeiten zum Sturz der kapitalistischen Ordnung zu ergreifen.<\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin, zogen die Freikorps durch Deutschland und stellten in einer Stadt nach der anderen \u201aRuhe und Ordnung\u2018 her und zerschlugen die revolution\u00e4ren R\u00e4te, wo es sie gab. Im Mai fiel als letztes die Bayrische R\u00e4terepublik. Der dortige kommunistische F\u00fchrer Eugen Levin\u00e9 wird vor seiner Hinrichtung mit den heroischen Worten zitiert: \u201eWir Kommunisten sind nur Tote auf Urlaub. (&#8230;) Sie m\u00f6gen mich t\u00f6ten \u2013 meine Ideen werden weiter leben!\u201c<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse hatte einen schweren R\u00fcckschlag erlitten, aber sie war nicht besiegt. Ende Februar f\u00fchrten Neuwahlen zu den Berliner Arbeiterr\u00e4ten zu einer deutlichen St\u00e4rkung von USPD und KPD. Hunderttausende traten in den n\u00e4chsten Monaten in ganz Deutschland in die USPD ein. Streikwellen f\u00fcr Sozialisierung der Industrie und wirtschaftliche Forderungen der Arbeiterklasse duchzogen das Land. In Berlin kam es im am 4. M\u00e4rz zu einem von der Vollversammlung der Arbeiterr\u00e4te ausgerufenen Generalstreik f\u00fcr die Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die Freilassung aller politischer Gefangenen, die Verhaftung der M\u00f6rder von Luxemburg und Liebknecht, die Aufl\u00f6sung der Freikorpsverb\u00e4nde und \u00e4hnliches. Noske lie\u00df Berlin von 30.000 Freikorps-S\u00f6ldnern besetzen und unterdr\u00fcckte den bis zum 8. M\u00e4rz dauernden Streik brutal. In diesen Tagen wurde der Nachfolger von Luxemburg und Liebknecht an der Spitze der KPD, Leo Jogiches, ermordet. Doch auch diese R\u00fcckschl\u00e4ge markierten keine dauerhafte Niederlage f\u00fcr die Arbeiterklasse. Die Konterrevolution musste, trotz aller Brutalit\u00e4t der Freikorps, sich eine demokratische Form geben. Die Novemberrevolution erk\u00e4mpfte wichtige Errungenschaften, wie den 8-Stunden-Tag, staatliche Arbeitslosenversicherung, die Festschreibung von Arbeitsbedingungen in Tarifvertr\u00e4gen, das freie und gleiche Wahlrecht f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen und andere.<\/p>\n<p>Weitere Gelegenheiten zur erfolgreichen Revolution sollten sich schon 1920 und 1923 entwickeln. Und so best\u00e4tigten sich Rosa Luxemburgs Worte in ihrem letzten Artikel vom 14. Januar 1918: \u201e\u2018Ordnung herrscht in Berlin!\u2018 Ihr stumpfen Schergen! Eure \u201aOrdnung\u2018 ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon \u201arasselnd wieder in die H\u00f6h\u2018 richten\u2018 und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verk\u00fcnden: Ich war, ich bin, ich werde sein!\u201c<\/p>\n<p><em>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV und verantwortlicher Redakteur von sozialismus.info. Er lebt in Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 1918 st\u00fcrzten die kriegsm\u00fcde deutsche Arbeiterklasse und meuternde Soldaten Kaiser Wilhelm II. und bildeten im ganzen Land Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die eine neue politische Macht darstellten. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16851"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16851"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16851\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16851"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16851"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}