{"id":16770,"date":"2002-08-25T18:00:52","date_gmt":"2002-08-25T16:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=16770"},"modified":"2014-11-11T13:44:26","modified_gmt":"2014-11-11T12:44:26","slug":"malcom-x-2-teil-agitator-der-schwarzen-moslems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/08\/malcom-x-2-teil-agitator-der-schwarzen-moslems\/","title":{"rendered":"Malcom X (2. Teil) &#8211; Agitator der Schwarzen Moslems"},"content":{"rendered":"<p>zweiter Teil des Artikels zu Malcom X. <a title=\"erster Teil\" href=\"\/?p=10015\">Zur\u00fcck zum 1. Teil<\/a><\/p>\n<p>Wie sah das Land aus, in das Malcolm entlassen worden war? 1952 war die Lage der amerikanischen Schwarzen alles andere als rosig. Sie hatten eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit, das Jahreseinkommen war etwa 40% niedriger, die Kindersterblichkeit um \u00fcber 75% h\u00f6her. Der Analphabetismus betrug 10%, bei Wei\u00dfen 1,8%. Der Staat Mississippi gab f\u00fcr Schulbildung eines wei\u00dfen Kindes mehr als dreimal so viel aus wie f\u00fcr die eines schwarzen. In Florida mu\u00dften sie zum Teil verschiedene Schulb\u00fccher benutzen. In sieben Staaten wurden Tuberkulose-PatientInnen nach Rassen getrennt, in elf Staaten die Schulkinder in Blindenschulen.<\/p>\n<h4>Geschichte der Schwarzen Moslems<\/h4>\n<p>Die Detroiter Moschee der &#8222;Nation des Islam&#8220; hie\u00df Tempel Nummer Eins, weil sie die erste Gr\u00fcndung von Elijah Muhammads Bewegung war. Muhammads Anh\u00e4ngerInnen wurden Schwarze Moslems genannt, obwohl sie selbst sich als normale Moslems verstanden. Tats\u00e4chlich waren viele ihrer Lehren mit dem orthodoxen Islam unvereinbar. Muhammad behauptete steif und fest, da\u00df es keine wei\u00dfen Moslems gebe. Er behandelte seine Anh\u00e4nger als seine Kinder, im kleinen Kreis bezeichnete er sie als Babys.<\/p>\n<p>Elijah Muhammed hie\u00df urspr\u00fcnglich Robert Poole. In den Zwanzigern war er wie Earl Little Aktivist in Garveys UNIA. Um 1930 begegnete er dem Regenmantel- und Seiden- (und Drogen-) h\u00e4ndler Wallace Dodd Ford, der ihm erkl\u00e4rte, alle Wei\u00dfen seien Teufel. Ford bezeichnete sich selbst mal als hellh\u00e4utigen Schwarzen, mal als Araber, mal als Halb-Polynesier, gegen\u00fcber Wei\u00dfen auch als Wei\u00dfen. Ford, der sich sp\u00e4ter Wallace Delaney Fard nannte, behauptete aus Mekka zu kommen und ein Bote Allahs zu sein. Gegen eine Geb\u00fchr \u00e4nderte er die Nachnamen seiner Anh\u00e4nger in &#8222;X&#8220;, zum Zeichen, da\u00df ihr fr\u00fcherer Name ein Sklavenname und ihr eigentlicher Name unbekannt sei. Wenn ein Vorname mehrfach auftauchte wurde durchgez\u00e4hlt (&#8222;2X&#8220;, &#8222;3X&#8220;&#8230;). So wurde auch aus Malcolm Little Malcolm X. Sp\u00e4ter wurde das X oft durch arabische Namen ersetzt.<\/p>\n<p>1933 wurde Ford mehrmals verhaftet, Muhammad wurde sein Stellvertreter. 1934 verschwand Ford auf mysteri\u00f6se Weise, Muhammad stellte sich an die Spitze der Bewegung, \u00fcbersiedelte aber nach Chicago, weil in Detroit Fords Anh\u00e4nger zu stark waren. Er brachte sie erst allm\u00e4hlich unter seine Kontrolle. Er lehrte, bis 1936 w\u00fcrden alle Wei\u00dfen aussterben, daf\u00fcr w\u00fcrden die \u00e4lteren Schwarzen wieder jung und potent werden. Au\u00dferdem erkl\u00e4rte er, Ford sei Allah selbst gewesen und damit er (und nicht Ford) Allahs Botschafter. Nach Fords Verschwinden bekam Muhammad zunehmend Angst, ermordet zu werden. Er reiste von Ort zu Ort und lie\u00df sich von seinen Anh\u00e4ngern aushalten. Seine Frau und acht Kinder mu\u00dften jahrelang ohne ihn auskommen.<\/p>\n<h4>Malcolm wird Muhammads Vertrauter<\/h4>\n<p>Im Herbst 1952 lernte Malcolm Elijah Muhammad zum erstenmal pers\u00f6nlich kennen. In den folgenden Monaten versuchte er unerm\u00fcdlich, neue Mitglieder f\u00fcr die &#8222;Nation of Islam&#8220; zu gewinnen. Im Juni 1953 wurde er einer der Assistenten des Detroiter Priesters der Schwarzen Moslems. Muhammad wird f\u00fcr ihn eine Art Ersatzvater, der liebende Vater, den er nie hatte (nach einiger Zeit erwies er sich aber als genauso tyrannisch wie sein richtiger Vater). Nachdem Malcolms Bew\u00e4hrungsfrist abgelaufen war und er sich wieder frei bewegen konnte, wurde er nach Boston geschickt, um dort eine Moschee zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Nation des Islam&#8220; forderte von ihren Mitgliedern einen asketischen Lebensstil: kein Alkohol, keine anderen Drogen (auch nicht Zigaretten), kein Gl\u00fccksspiel, keine Form von Kriminalit\u00e4t, harte Arbeit mit wenig Urlaub, wenig Schlaf, m\u00f6glichst kein Besuch von Sportveranstaltungen und Kinos, kein Fernsehen (sp\u00e4ter als Malcolm selbst h\u00e4ufig im Fernsehen war, waren derartige Sendungen erlaubt), kein Tanzen, keine Kosmetik bei Frauen. Die Mitglieder sollten auf Sauberkeit achten und m\u00f6glichst nur einmal am Tag essen.<\/p>\n<p>Die Beziehungen zwischen M\u00e4nnern und Frauen waren noch strenger geregelt: In der Moschee mu\u00dften sie getrennt sitzen, &#8222;um die Aufmerksamkeit nicht abzulenken&#8220;. Sie d\u00fcrften nicht zusammen Schwimmen gehen, private Verabredungen waren verp\u00f6nt, Sex au\u00dferhalb der Ehe streng verboten. Diese Lebensweise hat zumindest gr\u00fcndlich das M\u00e4rchen widerlegt, da\u00df Schwarze von Natur aus geile, faule, sportverr\u00fcckte und kriminelle Suffk\u00f6pfe seien.<\/p>\n<p>Malcolm war unter solchen Moralaposteln, wie es seine Eltern gewesen waren -nur da\u00df jetzt die Moralvorschriften auch eingehalten wurden. Malcolm unterwarf sich der starren Disziplin der &#8222;Nation des Islam&#8220; aus Angst, sonst in seine alte Lebensweise zur\u00fcckzufallen.<\/p>\n<h4>Leiter des Tempel Sieben in Harlem<\/h4>\n<p>Im M\u00e4rz wurde Malcolm Priester in Philadelphia, um die dortige Organisation auf Vordermann zu bringen. Nach getaner Arbeit wurde er Priester in New York City. New York und vor allem Harlem war einer wichtigsten Pl\u00e4tze f\u00fcr die Schwarzen Moslems.<\/p>\n<p>Harlem war einige Jahrzehnte vorher noch ein Nobelviertel gewesen. Aber die \u00dcberbev\u00f6lkerung und der Zustrom von Schwarzen f\u00fchrte zu einer panikartigen Flucht der feinen wei\u00dfen Herren. Die Grundst\u00fcckspreise purzelten, Immobilienspekulanten kauften billig gro\u00dfe Fl\u00e4chen und verkauften und vermieteten sie dann zu Wucherpreisen und -mieten an Schwarze (oder an Wei\u00dfe, die um jeden Preis ihren H\u00e4userblock &#8222;reinrassig&#8220; halten wollten). In den Zwanzigern verkam Harlem.<\/p>\n<p>Nicht nur die H\u00e4user, auch die Infrastruktur war verheerend. Es gab \u00edn ganz Harlem nur zwei Spielpl\u00e4tze, wo die Kinder am Sandkasten schlangestehen mu\u00dften, bis sie drankamen. Als dann In den Drei\u00dfigern in New York 255 neue Kinderspielpl\u00e4tze gebaut wurden, lag nur einer davon in Harlem. Auch sonst wurde Harlem (und die anderen Schwarzen-Ghettos) von den Beh\u00f6rden systematisch benachteiligt.<\/p>\n<p>Als Malcolm im Juni 1954 in New York ankam, war die Lage noch versch\u00e4rft durch eine Wirtschaftskrise. Der New Yorker Tempel Sieben war damals unbedeutend und fast unbekannt. Malcolm begann eine Propagandakampagne. Dabei f\u00fchrte er den New Yorker und die anderen Tempel autorit\u00e4r (etwas anderes hatte er nirgends erlebt): wer widersprach, flog.<\/p>\n<p>Er war unerm\u00fcdlich, auch das notwendige Geld f\u00fcr die Organisation (und das Wohlleben von Elijah Muhammad, der ein Haus mit 18 Zimmern bewohnte) aufzutreiben. Er war nicht nur Muhammads Hauptpriester und Feuerwehr, wenn es irgendwo in der Organisation Schwierigkeiten gab, sondern auch oberster Geldeintreiber. In den sieben Jahren nach Malcolms Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis stieg die Mitgliedschaft von ein paar hundert zu Zehntausenden.<\/p>\n<p>Im April 1957 gab es ein Ereignis, das die Schwarzen Moslems weithin bekannt machte. Ein Schwarzer wurde bei einem Streit mit der Polizei brutal zusammengeschlagen. Es sammelte sich eine emp\u00f6rte Menschenmenge an, darunter auch das Nation-Mitglied Hinton. Als Hinton gehen wollte, wurde er grundlos angegriffen, nach einem Gerangel verhaftet, zur Polizeiwache gebracht und dort weiter mi\u00dfhandelt. Vor der Polizei versammelten sich einige Schwarze Moslems, denen sich andere zugesellten. Schlie\u00dflich waren Tausende da, die Malcolms Forderung, Hinton in ein Krankenhaus zu bringen, Nachdruck verliehen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis der Angelegenheit war, da\u00df Hinton 70.000 Dollar Schmerzensgeld erhielt (die h\u00f6chste Summe, die ein Opfer von Polizeigewalt in New York je erhalten hatte) und viele Wei\u00dfe entsetzt waren, welche Autorit\u00e4t Malcolm bei den Harlemer Schwarzen hatte.<\/p>\n<p>1959 lief im Fernsehen ein Dokumentarfilm \u00fcber die Schwarzen Moslems, in dem Malcolm als der prominenteste Vertreter der &#8222;Nation des Islam&#8220; dargestellt wurde. Der Film l\u00f6ste in der wei\u00dfen Gesellschaft einen Schock aus. Zeitschriften berichteten daraufhin \u00fcber die Schwarzen Moslems. In vier Jahren erschienen drei B\u00fccher \u00fcber die &#8222;Nation des Islam&#8220;. Malcolm wurde ein gefragter Redner. Er konnte sich auf sein jeweiliges Publikum einstellen, ob es Leute aus dem Ghetto waren oder StudentInnen.<\/p>\n<h4>Malcolm und die Frauen<\/h4>\n<p>Malcolm teilte die frauenfeindliche Ideologie der &#8222;Nation des Islam&#8220;. Frauen sollten sich von M\u00e4nnern besch\u00fctzen lassen und ansonsten wenig zu sehen sein. Er schrieb ihnen alle m\u00f6glich schlechten Eigenschaften und sch\u00e4dlichen Einfl\u00fcsse auf die schwarzen M\u00e4nner zu. Ansonsten war er so arbeitss\u00fcchtig, da\u00df er sowieso keine Zeit f\u00fcr Frauen zu haben schien.<\/p>\n<p>Trotzdem fand er eines Tages Zeit, sich mit einer Glaubensgenossin im Naturgeschichtlichen Museum zu verabreden, um ihr dort Elijah Muhammads Theorie zu erkl\u00e4ren, wonach Schweine gro\u00dfe Nagetiere seien. Obwohl er auch dieser Frau gegen\u00fcber Angst hatte, Distanz zu verlieren, fragte er sie nach einigen Monaten (vorsichtshalber am Telefon), ob sie heiraten wolle. So heirateten sie am n\u00e4chsten Tag. Geliebt hat er sie damals nicht gerade.<\/p>\n<p>Anders als sein Vater seine Mutter oder er seine Freundinnen fr\u00fcher hat er sie nicht geschlagen, aber das war wohl der einzige Fortschritt, den er gemacht hat. Tyrannisiert und rumkommandiert hat er sie st\u00e4ndig. Auf seinen vielen Reisen nahm er sie nie mit. Seine Frau zu umarmen oder zu k\u00fcssen hielt er f\u00fcr Hollywood-Unsinn und Ausdruck von wei\u00dfer Gehirnw\u00e4sche. Sie gab sich gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, gute Miene zum b\u00f6sen Spiel zu machen, eine gute Hausfrau zu sein und gl\u00fcckliche Familie zu spielen.<\/p>\n<p>Es scheint, da\u00df Malcolm dringender als eine Frau einen Sohn haben wollte. Aber das klappte nicht so recht. Stattdessen benannte er seine T\u00f6chter nach &#8222;gro\u00dfen&#8220; M\u00e4nnern, nach Attilla dem Hunnen (Attallah), Kublai Khan (Qubilah), Elijah Muhammad (Ilyasah) und dem kongolesischen Revolution\u00e4r Lumumba (Gamilah Lamumbah). Er nahm er sich kaum Zeit f\u00fcr sie. So fiel ihm nach vielen Jahren pl\u00f6tzlich auf, da\u00df er nie ein Spielzeug f\u00fcr seine Kinder gekauft hatte. Wenn er doch mal mit seinen Kinder zusammen war, war er sehr aufmerksam ihnen gegen\u00fcber. Aber seine Frau ermahnte er, noch strenger zu sein, als sie es ohnehin war.<\/p>\n<p>Die Haltung Malcolms gegen\u00fcber Frauen war weniger pers\u00f6nliche Unzul\u00e4nglichkeit als die Folge jahrhundertelanger Unterdr\u00fcckung: In der Sklaverei hatten Frauen in der Regel dieselbe harte Arbeit auf den Zuckerrohr- und Baumwollfeldern machen m\u00fcssen wie die M\u00e4nner. Sie wurden genauso mi\u00dfhandelt, gegen die Nachstellungen und Vergewaltigungsversuche ihrer Herren konnten ihre V\u00e4ter oder Br\u00fcder oder M\u00e4nner sie nicht sch\u00fctzen, h\u00f6chstens sie selber.<\/p>\n<p>Die Sklavin, die nach dem Tod ihrer Herrin zum Sarg schlich, um sie endlich einmal ohrfeigen zu k\u00f6nnen, war die Realit\u00e4t, nicht die Kitschfiguren aus &#8222;Onkel Toms H\u00fctte&#8220; oder &#8222;Vom Winde verweht&#8220;. Schwarze Frauen beteiligten sich an Sklavenaufst\u00e4nden oder flohen. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei hatten viele schwarze Frauen noch eine riesige Verantwortung, als Arbeiterinnen (1910 waren 54% der schwarzen, aber nur 19% der wei\u00dfen Frauen lohnabh\u00e4ngig), als alleinerziehende M\u00fctter usw. Sie konnten vor ihr fliehen, unter ihr zusammenbrechen (wie Malcolms Mutter), aber auch gro\u00dfes Selbstvertrauen daraus gewinnen. Amerikanische Sozial&#8220;wissenschaftler&#8220; haben noch vor wenigen Jahrzehnten ernsthaft behauptet, die Schwierigkeiten der Schwarzen in der US-Gesellschaft l\u00e4gen daran, da\u00df ihre Frauen zu wenig unterdr\u00fcckt seien.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich pa\u00dfte die Realit\u00e4t vieler schwarzer Familien wenig zu der Familienideologie der wei\u00dfen kleinb\u00fcrgerlichen Amerika, die erst in den letzten Jahrzehnten durch die zunehmende Berufst\u00e4tigkeit der Frauen ins Wanken geraten ist. Schwarze M\u00e4nner konnten entweder die Gleichberechtigung der Frauen akzeptieren und die Unterdr\u00fcckung der schwarzen und wei\u00dfen Frauen bek\u00e4mpfen (wie es etwa im vorigen Jahrhundert der bedeutendste F\u00fchrer der Anti-Sklaverei-Bewegung Frederick Douglass tat) oder die Machtverh\u00e4ltnisse der wei\u00dfen Gesellschaft mit Gewalt &#8222;importieren&#8220;. Malcolm hatte nur die zweite Variante kennengelernt.<\/p>\n<h4>Ideologie der Schwarzen Moslems<\/h4>\n<p>Eine der Hauptforderungen der &#8222;Nation des Islam&#8220; war wie schon bei Garvey ein eigenst\u00e4ndiger Staat. Er sollte entweder in Afrika oder in einem aus den USA herausgeschnittenen Gebiet entstehen. Der Versuch, sich in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren, sei zum Scheitern verurteilt. Eine Vermischung der Rassen sei sch\u00e4dlich. Prominente Schwarze, die wei\u00dfe Frauen heirateten, wurden scharf angegriffen.<\/p>\n<p>Es ist falsch, den Schwarzen Nationalismus mit dem Nationalismus und Chauvinismus wei\u00dfer Amerikaner auf eine Stufe zu stellen. Trotzki bezeichnete einmal den Nationalismus unterdr\u00fcckter Nationen &#8222;als H\u00fclle eines unreifen Bolschewismus&#8220;. Der Nationalismus von Unterdr\u00fcckernationen ist immer reaktion\u00e4r. Der Nationalismus unterdr\u00fcckter Nationen hat auch reaktion\u00e4re, aber auch \u00fcberaus revolution\u00e4re Seiten. Den einen Nationalismus bek\u00e4mpfen wir mit aller Kraft, beim anderen versuchen wir durch solidarische Kritik den revolution\u00e4ren Kern zu entwickeln und von der reaktion\u00e4ren H\u00fclle zu trennen.<\/p>\n<p>Paradebeispiel, da\u00df der eigenst\u00e4ndige Staat m\u00f6glich sei, war f\u00fcr Malcolm die Gr\u00fcndung des Staats Israel 1948. Und das, obwohl Malcolm bei anderen Gelegenheiten sich nicht scheute, antisemitische Vorurteile f\u00fcr seine Propaganda auszunutzen.<\/p>\n<p>Lenin und Trotzki waren der Ansicht, da\u00df nach dem Sturz des Kapitalismus Juden, die das gerne wollen, das Recht haben sollen, unter sich zu sein &#8211; und nach der Oktoberrevolution wurde auch eine jiddische Sowjetrepublik geschaffen. Aber einen j\u00fcdischen Staat im Kapitalismus w\u00e4re eine reaktion\u00e4re Utopie.<\/p>\n<p>Und was ist aus Israel tats\u00e4chlich geworden: ein Br\u00fcckenkopf des US-Imperialismus, in dem die Pal\u00e4stinenserInnen brutal unterdr\u00fcckt werden, in dem aber auch die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung mit Massenarbeitslosigkeit, Wohnungskatastrophe und Angst vor dem Terror bis aufs Blut gereizter pal\u00e4stinensischer Jugendlicher leben mu\u00df. Israel ist das beste Argument gegen und nicht f\u00fcr die M\u00f6glichkeit eines Schwarzen-Staats<\/p>\n<p>Vorw\u00fcrfen, die Forderung nach Abtrennung w\u00fcrde eine Art Apartheid bedeuten, hielt Malcolm entgegen, da\u00df die freiwillige Abtrennung etwas anderes sei, als die erzwungene Rassentrennung, bei der die Kontrolle \u00fcber die Schwarzen bei den Wei\u00dfen bleibt. Trotzki hatte in den Drei\u00dfiger Jahren seinen amerikanischen GenossInnen geraten, Forderungen nach einem unabh\u00e4ngigen Schwarzen-Staat in den USA zu unterst\u00fctzen, wenn sie von den Schwarzen selbst erhoben w\u00fcrden. Damals gab es aber noch mehrere US-Bundesstaaten mit schwarzer Bev\u00f6lkerungsmehrheit.<\/p>\n<p>Durch die Mechanisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg verloren Millionen schwarze Landarbeiter und Kleinp\u00e4chter ihre Arbeit. Viele wanderten in die gro\u00dfen Industriezentren des Nordens ab. Von 1870 bis 1939 gingen 2,2 Millionen Schwarze nach Norden, von 1940-1959 2,4 Millionen. Damit wurde die Forderung nach einem eigenen Staat immer undurchf\u00fchrbarer. Von den Schwarzen im Norden lebten 1960 95% in Gro\u00dfst\u00e4dten. Wie k\u00f6nnte ein lebensf\u00e4higer Staat aus den Schwarzen-Ghettos der Gro\u00dfst\u00e4dte bestehen?<\/p>\n<p>Gegen solche Argumente machte sich die &#8222;Nation des Islam&#8220; unempfindlich mit ihrem religi\u00f6sen Katastrophenglauben: Bald kommt das J\u00fcngste Gericht, Allah wird die Wei\u00dfen Teufel strafen und vernichten und dann geh\u00f6rt die Welt wieder den Schwarzen, den eigentlichen Menschen.<\/p>\n<p>Dieser Glaube an die Erl\u00f6sung durch Allah wurde gezielt gesch\u00fcrt und benutzt, um die AktivistInnen der Schwarzen Moslems von politischen Aktivit\u00e4ten abzuhalten. Die Mitglieder mu\u00dften alle Gesetze, soweit sie nicht den Lehren Elijah Muhammads direkt widersprachen (wie das die Wehrpflichtgesetze taten), gehorchen. Im Fr\u00fchjahr 1962 kam es vor dem Tempel von Los Angeles zu einer gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzung mit der Polizei, nachdem zwei Polizisten zwei Schwarze Moslems provoziert hatten. Dabei erscho\u00df ein Polizist den Priester der Schwarzen Moslems von Los Angeles, obwohl er wu\u00dfte, da\u00df der unbewaffnet war. Aber Muhammad befahl seinen Anh\u00e4ngern, ihre Sektenzeitung intensiver zu verkaufen und auf die Strafe Allahs f\u00fcr die Wei\u00dfen Teufel zu warten. Malcolm fuhr nach Los Angeles und versprach den ungeduldigen Anh\u00e4ngern eine Zunahme der Autounf\u00e4lle und Flugzeugabst\u00fcrze.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erkannte Malcolm selbst: &#8222;Die Bewegung der Schwarzen Moslems war so organisiert, da\u00df sie die militantesten, die kompromi\u00dflosesten, die furchtlosesten und j\u00fcngsten des Schwarzen Volkes in den Vereinigten Staaten anzog. (&#8230;) Aber all diese K\u00e4mpfer der vordersten Front wurden in Schach gehalten von einer Organisation, die sich an nichts aktiv beteiligte.&#8220; (Rede im Audubon-Ballsaal in Harlem, am 15. Februar 1965)<\/p>\n<p>Deshalb, weil sie wie ein Schwamm die radikalsten schwarzen Jugendlichen aufsaugte und aus dem Verkehr zog, war die &#8222;Nation des Islam&#8220; f\u00fcr die Herrschenden in den USA \u00fcberaus n\u00fctzlich. Deshalb schritt die Regierung nicht gegen sie ein, obwohl sie genug M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<h4>Korruption<\/h4>\n<p>Je mehr die &#8222;Nation des Islam&#8220; wuchs, desto mehr Geld war aus ihr herauszupressen. Muhammad und sein Familienclan widmeten sich dieser T\u00e4tigkeit mit immer gr\u00f6\u00dferer Leidenschaft. Sie betrieben L\u00e4den auf eigene Rechnung und n\u00f6tigten ihre Mitglieder, in ihnen einzukaufen. Auch die vielen von der Organisation betriebenen L\u00e4den, Restaurants etc. arbeiteten weitgehend f\u00fcr den Luxus des Muhammad-Clans. Sie geh\u00f6rten nur formell der &#8222;Nation des Islam&#8220;, um die Steuervorteile, die f\u00fcr religi\u00f6se Einrichtungen galten, zu nutzen. Nur die Einrichtungen unter Malcolms Aufsicht kamen dem Aufbau der Organisation zugute. Muhammad lud regelm\u00e4\u00dfig &#8222;Wei\u00dfe Teufel&#8220; zum Essen ein, um mit ihnen \u00fcber die Gesch\u00e4fte zu reden.<\/p>\n<p>Aber nicht nur mit normalen wei\u00dfen Kapitalisten machte Muhammad Gesch\u00e4fte, auch mit den rassistischen Terroristen des Ku-Klux-Klan und der American Nazi Party (Amerikanische Nazi-Partei, sp\u00e4ter in &#8222;Nationalsozialistische Partei des Wei\u00dfen Volkes&#8220; umbenannt) versuchte er ins Gesch\u00e4ft zu kommen.<\/p>\n<p>Malcolm f\u00fchrte damals f\u00fcr ihn die Verhandlungen mit dem Klan. Kurz vor seinem Tod enth\u00fcllte er: &#8222;Im Dezember 1960 war ich in der Wohnung von Jeremiah, dem Priester [der &#8222;Nation des Islam&#8220;] in Atlanta, Georgia. Ich sch\u00e4me mich, es zu sagen, aber ich werde Euch jetzt die Wahrheit sagen. Ich sa\u00df selbst mit den Spitzen des Ku-Klux-Klans am Tisch, die damals mit Elijah Muhammad zu verhandeln versuchten, damit sie ihm ein gro\u00dfes Landgebiet in Georgia &#8211; oder ich glaube, es war South Carolina- zur Verf\u00fcgung zu stellen. Sie hatten einige sehr verantwortliche Personen in der Regierung, die darin verwickelt waren und das unterst\u00fctzen wollten. Sie wollten ihm dieses Land zur Verf\u00fcgung stellen, damit sein Programm der Abtrennung den Negern machbarer erscheinen sollte, und deshalb den Druck der Anh\u00e4nger der Integration [der Schwarzen] auf den wei\u00dfen Mann verringern sollte. (&#8230;) Von diesem Tag an kam der Klan nie der Bewegung der Schwarzen Moslems im S\u00fcden in die Quere&#8220; (Ebenfalls Rede vom 15.2.1965)<\/p>\n<p>Ein weiterer Hammer war, da\u00df Elijah Muhammad den Sex au\u00dferhalb der Ehe, den er bei anderen verdammte, selbst ausgiebig praktizierte. Er sagte einer jungen Mitarbeiterin einfach, da\u00df es Allahs Wille sei, da\u00df sie mit ihm schlafe. Damit sie den Mund hielten, bekamen die Frauen und die sich h\u00e4ufenden unehelichen Kinder sch\u00f6ne Wohnungen auf Kosten der enthaltsamen Gl\u00e4ubigen. Unter den Opfern des br\u00fcnftigen Greises befanden sich auch minderj\u00e4hrige M\u00e4dchen und Wei\u00dfe.<\/p>\n<p>Malcolm versuchte lange vergeblich, die Wahrheit aus seinem Kopf zu verdr\u00e4ngen. Als das nicht mehr ging, tr\u00f6stete er sich damit, da\u00df man an einen Boten Gottes halt andere Ma\u00dfst\u00e4be anlegen m\u00fcsse als an einen Normalsterblichen.<\/p>\n<p>Malcolm versuchte so lange es ging, der Einsicht zu entgehen, da\u00df er einem Scharlatan und Gangster auf den Leim gegangen war. Er wollte die Bewegung, die ihm selbst so viel gegeben hatte und in die er so viel Kraft gesteckt hatte, nicht verloren geben. Genausowenig wollte er, da\u00df Tausende, die sich wie er mit Hilfe der &#8222;Nation des Islam&#8220; aus der Gosse emporgearbeitet hatten, verzweifelten und sich wieder fallen lie\u00dfen. Au\u00dferdem w\u00fcrde er selbst bei einem Bruch mit der &#8222;Nation des Islam&#8220; vor dem Nichts stehen.<\/p>\n<p>Also diente er Muhammad so treu wie bisher weiter. Aber gerade seine Selbstlosigkeit machte ihn dem Muhammad-Klan verd\u00e4chtig und bedrohlich. Allm\u00e4hlich entwickelte sich ein immer deutlicherer Machtkampf, bei dem Malcolm auch Zweifel an der Nation-Ideologie durchblicken lie\u00df. 1959 war Malcolm erstmals im Nahen Osten gewesen. \u00d6ffentlich versicherte er danach zwar, da\u00df es keine wei\u00dfen Moslems gebe, aber gelegentlich deutete er an, da\u00df er es besser wu\u00dfte. Auch die Lehre, da\u00df ein gewisser Yakub vor einigen tausend Jahren ein tiefes Loch gegraben, es mit Sprengstoff gef\u00fcllt und so den Mond von der Erde abgesprengt hatte, vertrat er nicht mehr mit Feuereifer. \u00dcberhaupt begann er in Reden so viele S\u00e4tze mit &#8222;der Ehrw\u00fcrdige Elijah Muhammad lehrt&#8230;&#8220;, da\u00df er bald in den Verdacht geriet, er wolle sich dadurch von seinen eigenen Aussagen distanzieren.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich dr\u00e4ngte sich aber ein Konfliktpunkt in den Vordergrund, der indirekt auch mit der Korruption zu tun hatte. Denn einer der Gr\u00fcnde, warum Muhammad jede politische Bet\u00e4tigung ablehnte, war, da\u00df er Sorge hatte, sonst die Steuervorteile, die die &#8222;Nation des Islam&#8220; als Religionsgemeinschaft hatte, zu verlieren. Diese antipolitische Haltung wurde aber immer untragbarer, je mehr die B\u00fcrgerrechtsbewegung an Gewicht gewann.<\/p>\n<div style=\"margin: 0; margin-right: 10px; border: 2px solid #000000; padding: 0em 1em 1em 1em; background-color: #c0c0c0;\">\n<h4>Die B\u00fcrgerrechtsbewegung<\/h4>\n<p>Anders als nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es nach dem Zweiten Weltkrieg einige Jahre, bis sich eine gro\u00dfe Schwarzenbewegung entwickelte. Bis dahin versuchte die alte, konservative, von liberalen Wei\u00dfen kontrollierte Schwarzenbewegung in den Gerichtss\u00e4len Verbesserungen zu erreichen. Dabei erreichte sie 1954 scheinbar einen gewaltigen Erfolg: Das Oberste Bundesgericht erkl\u00e4rte die Rassentrennung an den Schulen f\u00fcr verfassungswidrig und forderte die Abschaffung &#8222;in angemessener Geschwindigkeit&#8220;. Es zeigte sich aber bald, da\u00df &#8222;in angemessener Geschwindigkeit&#8220; f\u00fcr die Wei\u00dfen in den S\u00fcdstaaten hie\u00df: bis zum Sankt Nimmerleinstag. Nach neun Jahren besuchten nur 8% der schwarzen Kinder im S\u00fcden gemischtrassige Schulen.<\/p>\n<p>Die heftige Opposition der wei\u00dfen Rassisten selbst gegen nur symbolische Verbesserungen f\u00fchrte zu einer Gegenbewegung. Als im Dezember 1955 die schwarze Arbeiterin Rosa Parks in Montgomery, Alabama sich weigerte, hinten im Bus (im f\u00fcr &#8222;Farbige&#8220; vorgesehenen Teil) zu stehen statt vorne zu sitzen, wurde sie verhaftet. Spontan organisierte die schwarze Bev\u00f6lkerung von Montgomery einen Busboykott, der nach zw\u00f6lf Monaten zum Erfolg f\u00fchrte. Angef\u00fchrt wurde der Boykott durch den \u00f6rtlichen Baptistenprediger Martin Luther King.<\/p>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung der Rassentrennung in den USA ab 1877 zum &#8222;Ausgleich&#8220; f\u00fcr die abgeschaffte Sklaverei wurde auch die Kirche &#8222;rassengetrennt&#8220;. Da gleichzeitig die Kirche in den USA traditionell einen gro\u00dfen Freiraum hatte, entwickelten sich die schwarzen Kirchen zu einem der wenigen Freir\u00e4ume, wo die Wei\u00dfen den Schwarzen nicht hineinpfuschten. Durch diese Situation konnten sie zu Beginn der B\u00fcrgerrechtsbewegung kurzfristig eine positive Rolle spielen bei der Mobilisierung der Massen.<\/p>\n<p>Da die B\u00fcrgerrechtsbewegung die Gerichtss\u00e4le verlie\u00df und auf die Stra\u00dfe ging, brauchte sie einen Massenanhang, um Erfolge zu haben. Trotz ihres Anhangs in den \u00fcberwiegend proletarischen Massen war ihre F\u00fchrung und ihre Politik aber b\u00fcrgerlich. Sie setzte auf \u00c4nderung der rassendiskriminierenden Gesetze. Dazu brauchten sie das Mitleid und die Sympathie der liberalen Wei\u00dfen. Das bekamen sie, indem sich die AktivistInnen lammfromm und mit &#8222;Seelenst\u00e4rke&#8220; zusammenpr\u00fcgeln, von Polizeihunden anfallen und von rassistischen Polizisten abknallen lie\u00dfen. Dazu mu\u00dften die AktivistInnen flei\u00dfig die Gewaltlosigkeit trainieren, denn der liberale wei\u00dfe Rassist konnte zwar 1960 wie 1860 einen mit einer Schafsgeduld sich mi\u00dfhandeln lassenden &#8222;Onkel Tom&#8220; sympathisch finden, aber nicht Schwarze, die f\u00fcr ihre Interessen k\u00e4mpften und sich ihrer Haut zu wehren wu\u00dften.<\/p>\n<p>Das B\u00fcndnis zwischen gewaltlosen Schwarzen und liberalen Wei\u00dfen aus dem Norden brachte die Abschaffung einiger rassistischer Gesetze, die meist nur im S\u00fcden gegolten hatten. Davon profitierte nur eine Minderheit der Schwarzen, eben die kleine schwarze Mittelschicht, die an der Spitze der B\u00fcrgerrechtsbewegung stand. Was n\u00fctzte es einem schwarzen Ghetto-Kind, da\u00df es in eine &#8222;wei\u00dfe&#8220; Schule gehen d\u00fcrfte, die aber in einem ganz anderen Stadtteil ist; in einem Stadtteil, dessen Mieten f\u00fcr fast alle Schwarzen unerschwinglich hoch sind, dessen Kinder nicht mit schwarzen Kindern aufgewachsen, daf\u00fcr umsomehr von ihren rassistischen Eltern aufgehetzt sind.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerrechtsbewegung zeigte, da\u00df die Abschaffung der rechtlichen Diskriminierung Beschi\u00df ist, wenn die gesellschaftliche Diskriminierung (auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt etc.) bleibt. Aber diese Diskriminierung bestand auch im Norden und die liberalen Nordstaaten-Rassisten fanden sie sehr angenehm. Und davon waren sie auch durch noch so leidenschaftliches Sich-Mi\u00dfhandeln-Lassen der B\u00fcrgerrechtsbewegung nicht abzubringen.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerrechtsbewegung erreichte f\u00fcr die Massen, die auf die Stra\u00dfe gingen und den Kopf hinhielten so gut wie nichts. Aber sie erreichte, da\u00df Massen auf die Stra\u00dfe gingen, da\u00df sie ihre Angst vor der Polizei \u00fcberwanden, politisch bewu\u00dfter wurden, sich organisierten -und das war ein ungeheurer Fortschritt, auch wenn die &#8222;Kampf&#8220;formen noch so treuherzig waren.<\/p>\n<\/div>\n<p>Die &#8222;Nation des Islam&#8220;, die den Anspruch hatte, den Schwarzen zu helfen, boykottierte die B\u00fcrgerrechtsbewegung vollst\u00e4ndig. Diese Haltung konnte Malcolm keinesfalls auf Dauer mittragen. 1963 hatte sich die B\u00fcrgerrechtsbewegung Birmingham in Alabama als Schwerpunkt ausgesucht. Die Stadt galt als Hochburg der Rassentrennung. In ihr war sogar ein Buch ausdr\u00fccklich verboten, in dem gezeigt wurde, wie sich schwarze und wei\u00dfe Kaninchen vermischen. Diesmal schlo\u00df der wei\u00dfe Terror sogar Bombenanschl\u00e4ge ein. Die dadurch provozierten Unruhen gaben den Vorwand f\u00fcr versch\u00e4rften Polizeiterror. In dieser Situation k\u00fcndigte der \u00f6rtliche Priester der Schwarzen Moslems an, Malcolm werde kommen und mehrere Veranstaltungen abhalten. Malcolm lie\u00df das kurz danach dementieren. Es entstand das Ger\u00fccht, Elijah habe die Reise verboten.<\/p>\n<p>Im August, als mit dem Marsch auf Washington die B\u00fcrgerrechtsbewegung ihrem H\u00f6hepunkt entgegenging, hatte Malcolm nur Hohn und Spott daf\u00fcr \u00fcbrig. Damit erf\u00fcllte er einerseits Muhammads direktiven, andererseits konnte man seine Angriffe auch als radikale politische Kritik an der &#8222;Farce von Washington&#8220; lesen.<\/p>\n<p>1959 hatte Malcolm versucht, die Linie zu \u00e4ndern. Er versuchte, die Genehmigung von Muhammad zu erhalten, den Harlemer Tempel bei einem Boykott von L\u00e4den zu beteiligen, die keine Schwarzen einstellten. Er organisierte eine Demonstration in Newark und mu\u00dfte sich daf\u00fcr auf Muhammads Befehl \u00f6ffentlich entschuldigen. Sp\u00e4ter gab es neue Vorst\u00f6\u00dfe Malcolms. Unter anderem unterst\u00fctzte er \u00f6ffentlich die Bestrebungen, die Besch\u00e4ftigten der New Yorker Krankenh\u00e4user gewerkschaftlich zu organisieren. Er besuchte einige Monate sp\u00e4ter, im Juli 1963, auch streikende Bauarbeiter. Daneben versuchte er, die Beziehungen zu linken Gruppierungen und zur B\u00fcrgerrechtsbewegung zu verbessern.<\/p>\n<p>Als die Differenzen immer mehr durchsickerten, versuchte Malcolm den Konflikt in &#8222;Sklavensprache&#8220; zu erkl\u00e4ren: &#8222;Der Bote [Muhammad] hat Gott gesehen. Er war mit Allah und hat g\u00f6ttliche Geduld erhalten. (&#8230;) Er ist willens darauf zu warten, da\u00df Allah sich mit diesem Teufel befa\u00dft. Aber, mein Herr, der Rest von uns Schwarzem Moslems hat Gott nicht gesehen. Wir haben nicht die Gabe g\u00f6ttlicher Geduld mit dem Teufel. Die j\u00fcngeren Schwarzen Moslems wollen etwas Action sehen!&#8220;<\/p>\n<h4>Der Bruch<\/h4>\n<p>Muhammad f\u00fchlte sich durch Malcolms st\u00e4ndige politische Erkl\u00e4rungen provoziert. Ein Ereignis aber brachte das Fa\u00df zum \u00dcberlaufen, n\u00e4mlich die Ermordung Pr\u00e4sident Kennedys im November 1963. Malcolm hatte f\u00fcr Kennedy nichts \u00fcbrig. Er hatte ihn gelegentlich als Gef\u00e4ngnisdirektor des Gef\u00e4ngnisses USA tituliert. 1960 im Wahlkampf hatte Kennedy versprochen, da\u00df er nach der Wahl die Rassendiskriminierung bei staatlich gef\u00f6rdertem Wohnraum verbieten werde. Er erkl\u00e4rte, dazu bed\u00fcrfe es nur eines Federstrichs. Nach der Wahl brauchte er dann fast zwei Jahre, bis er seine Schreibfeder fand und den Strich tat. Malcolm warf Kennedy vor, lieber die Berliner Mauer als die &#8222;Alabama-Mauer&#8220; der Rassentrennung zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Muhammad hatte strikte Order gegeben, das Attentat nicht zu kommentieren. Wegen seiner eigenen Angst vor Attentaten war er in dieser Sache wohl besonders empfindlich. Malcolm hielt sich \u00fcber eine Woche lang an die Anweisung. Am 1. Dezember hielt er einen Vortrag. Es war fast unvermeidlich, da\u00df bei der Fragerunde danach jemand das Attentat ansprechen werde und es geschah. Malcolm wies auf die Beihilfe der Kennedy-Regierung bei der Ermordung des revolution\u00e4ren kongolesischen Regierungschefs Lumumba und andere Milit\u00e4rputsche mit Todesfolge hin und machte klar, da\u00df er kein Mitgef\u00fchl f\u00fcr Kennedy versp\u00fcrte. Am n\u00e4chsten Tag verbot Muhammad Malcolm bis auf weiteres, \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rungen abzugeben. Das galt auch f\u00fcr seine allw\u00f6chentlichen Predigten.<\/p>\n<p>Malcolm legte das Redeverbot etwas eigenwillig aus. Er telefonierte munter mit Journalisten und erkl\u00e4rte, da\u00df das Verbot in sp\u00e4testens drei Monaten wieder aufgehoben w\u00fcrde. Auch sonst sorgte er daf\u00fcr, da\u00df die Medien ihn nicht verga\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein Zufall kam ihm dabei zur Hilfe: der Boxer Cassius Clay, der sich gerade auf den Box-Weltmeisterschaftskampf gegen den amtierenden Schwergewichtsweltmeister Liston vorbereitete, lud ihn in sein Trainingslager. Das verschaffte ihm wieder eine Weile Medienpr\u00e4senz, ohne da\u00df er ein Wort zu sagen brauchte. Daneben st\u00e4rkte er Clay (der sich nach seinem Sieg zum Islam bekannte und seinen Namen in Muhammad Ali \u00e4nderte) psychologisch den R\u00fccken, indem er den Kampf zum Kampf zwischen Islam und Christentum erkl\u00e4rte und Clay die Hilfe Allahs versprach.<\/p>\n<p>So sehr Clay vor seinem Sieg Malcolm n\u00fctzlich war, so sehr schadete er ihm durch den Sieg. Jetzt war er der Held und das Idol der schwarzen Jugendlichen. Jetzt hatte die &#8222;Nation des Islam&#8220; ein neues Aush\u00e4ngeschild ohne Malcolms bedrohliche Intelligenz und seinen politischen Ehrgeiz. Malcolms Chancen, seine alten Funktionen wiederzuerlangen, waren im Keller. Im M\u00e4rz 1964 zog er daraus die Konsequenzen. Am 12. M\u00e4rz hielt er eine Pressekonferenz ab, in der er erkl\u00e4rte, da\u00df er gezwungenerma\u00dfen die &#8222;Nation des Islam&#8220; verlasse und jetzt das Beste daraus machen wolle.<\/p>\n<p><a title=\"dritter und vierter Teil\" href=\"\/?p=16779\">weiter zum dritten und vierten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leben, Kampf und Ideen eines Revolution\u00e4rs<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":16768,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16770"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16770"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16770\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16770"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}