{"id":16155,"date":"2012-05-21T14:51:14","date_gmt":"2012-05-21T12:51:14","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.sozialismus.info\/?p=16155"},"modified":"2018-02-21T14:31:57","modified_gmt":"2018-02-21T13:31:57","slug":"der-kampf-fuer-das-frauenwahlrecht-und-die-suffragetten-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/05\/der-kampf-fuer-das-frauenwahlrecht-und-die-suffragetten-bewegung\/","title":{"rendered":"Der Kampf f\u00fcr das Frauenwahlrecht und die Suffragetten-Bewegung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Hand auf dem R\u00fccken gebunden <\/strong><\/p>\n<p><em>von Conny Dahmen, K\u00f6ln<\/em><\/p>\n<h4>Einleitung<\/h4>\n<p>Im letzten Jahr feierten Frauen in der ganzen Welt 100 Jahre Internationalen Frauentag. Vor allem britische AktivistInnen erinnerten aber auch an den \u201eSchwarzen Freitag\u201c am 18. November 1910. An diesem Tag wurde eine Protestaktion der britischen Frauenwahlrechtsbewegung sechs Stunden lang von der Polizei angegriffen, wobei drei Frauen ums Leben kamen. Der Kampf f\u00fcr das Frauenstimmrecht war um die Jahrhundertwende in Europa und den USA wesentlicher Bestandteil des Kampfes f\u00fcr die Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>Im Zuge der fr\u00fchen Industrialisierung, die unter anderem zu einer Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsprozess und einem Aufbrechen klassischer Familienstrukturen im Proletariat f\u00fchrte, wuchsen nicht nur die Arbeiterorganisationen und die Arbeiterbewegung, sondern auch eine Bewegung der Frauen, die mehr \u00f6konomische und politische Rechte forderte.<\/p>\n<p>In Deutschland waren 1891 von ca. 6.000.000 erwerbst\u00e4tigen Frauen \u00fcber 5 Millionen Fabrikarbeiterinnen, in England und Wales drei von vier Millionen. Frauen der Arbeiterklasse wurden schon allein deswegen in Lohnarbeit in der Fabrik gedr\u00e4ngt, weil das Einkommen der M\u00e4nner nicht mehr ausreichte, die Familie und ihn selbst zu ern\u00e4hren. Sie (und ihre Kinder) machten einen immer gr\u00f6\u00dferen Teil der Arbeiterklasse aus. Das entband sie jedoch keineswegs von ihren \u201eMutter- und Hausfrauenpflichten\u201c, die sie nach Schichtschluss weiterhin und meist ausschlie\u00dflich wahrnehmen mussten, und so brachen Proletarierinnen unter der Doppelbelastung schier zusammen. Zudem verdienten sie oftmals weniger als halb soviel wie die M\u00e4nner, da sie ja entweder bei ihren Eltern oder einem Ehemann zu leben hatten.<\/p>\n<p>\u201eDie von ihrer \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit dem Manne gegen\u00fcber befreite Frau ward der \u00f6konomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den Herrn gewechselt (&#8230;.) Der Kapitalist aber begn\u00fcgt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe au\u00dferdem noch dadurch nutzbar, dass er die m\u00e4nnlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gr\u00fcndlicher ausbeutet.\u201c ( Clara Zetkin: F\u00fcr die Befreiung der Frau! Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris, 19. Juli 1889)<\/p>\n<h4>Frauen in der Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>Ihr geringer Verdienst machte die arbeitenden Frauen oftmals zu unfreiwilligen Lohndr\u00fcckerinnen, was im Zusammenhang mit dem angekratzten Selbstbewusstsein der aus ihrer Ern\u00e4hrerrolle gedr\u00e4ngten M\u00e4nner zu erheblichen Spannungen in Familie und Partnerschaft f\u00fchrte. Es hatte aber auch zur Folge, dass Arbeiter und sogar ganze Gewerkschaften und linke Organisationen, z.B. AnarchistInnen, f\u00fcr das Verbot von Frauenarbeit eintraten. Noch 1863 hie\u00df es in der Gr\u00fcndungsresolution des ,,Allgemeine Deutsche Arbeitervereins&#8220; (ADA) unter F\u00fchrung Ferdinand Lassalles, die Frau sorge f\u00fcr ,,die Reproduktion der Familie, versorge den Haushalt, ziehe die Kinder auf und biete dem Mann einen kompensatorischen Ausgleich f\u00fcr den Kampf ums t\u00e4gliche Brot.&#8220; Karl Marx verurteilte diesen kleinb\u00fcrgerlichen Fl\u00fcgel der ersten Internationale und Engels verweist in seinem Buch \u201eUrsprung der Familie, des Privateigentums und des Staats\u201c auf die Notwendigkeit der Frauenarbeit f\u00fcr die Aufhebung der Unterdr\u00fcckung der (weiblichen) Arbeiterklasse: \u201eHier zeigt sich schon, dass die Befreiung der Frau, ihre Gleichstellung mit dem Manne, eine Unm\u00f6glichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlichen produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die h\u00e4usliche Privatarbeit beschr\u00e4nkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst m\u00f6glich, sobald diese auf gro\u00dfem, gesellschaftlichem Ma\u00dfstab an der Produktion sich beteiligen kann.\u201c Erst das Einschreiten von Karl Marx sicherte die Beteiligung von Arbeiterinnen bei der Gr\u00fcndung der Ersten Internationale 1864.<\/p>\n<p>Sozialisten wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht betonten das revolution\u00e4re Potential der Proletarierinnen, die ,,mit gesellschaftlich-\u00f6ffentlichen Problemen au\u00dferhalb ihres Hauses in Ber\u00fchrung kommen, ihr Horizont sich erweitert, sie durch die Zwangsorganisation in der Fabrik zu kollektivem Handeln ermuntert werden&#8220; (\u201eVerband Deutscher Arbeitervereine&#8220;).<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, von Beginn mussten Arbeiterinnen an zwei Fronten f\u00fcr ihre Interessen k\u00e4mpfen: sowohl gegen die allt\u00e4gliche Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts durch die kapitalistische Klassengesellschaft als auch durch die m\u00e4nnliche Arbeiterbewegung, nicht zuletzt ihre eigenen Partner. Gewerkschafterinnen und Sozialistinnen mussten in jahrelanger harter \u00dcberzeugungsarbeit aufzeigen, dass der Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Frauen und der Kampf f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft zusammenh\u00e4ngen, und gingen immer wieder als Aktivistinnen mit leuchtendem Beispiel voran. Sie gr\u00fcndeten zahlreiche Arbeiterinnenorganisationen und organisierten Arbeitsk\u00e4mpfe f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne und bessere Arbeitsbedingungen. Als Revolution\u00e4rinnen der Pariser Kommune, dem ersten Versuch einer Arbeiterdemokratie, k\u00e4mpften viele Frauen politisch und milit\u00e4risch an vorderster Front.<\/p>\n<h4>Auch B\u00fcrgerfrauen wollen sich wehren<\/h4>\n<p>Wo proletarische Frauen ein neues Gewicht im Produktionsprozess erhielten, verloren es die b\u00fcrgerlichen Frauen. Die Arbeitsteilung von Erwerbs- und Hausarbeit, welche sich in den fr\u00fchen Klassengesellschaften entwickelt hatte, hatte die Frau dem Mann gesellschaftlich untergeordnet. Im Kapitalismus musste die Frau aber immer weniger Haushaltsg\u00fcter in Heimarbeit selbst produzieren, da es immer mehr billige Industrieprodukte gab. So wurden Frauen aus der Mittelschicht \u201earbeitslos\u201c und viele suchten sich eine sinnvolle Besch\u00e4ftigung. Sie forderten den Zugang zu allen Berufen, um nicht nur als Krankenschwester oder Lehrerin arbeiten zu k\u00f6nnen und in diesem Zusammenhang zu allen Bildungsinstitutionen. B\u00fcrgerliche Frauen wollten kein gelangweilter Luxusgegenstand und Anh\u00e4ngsel ihres Ehemannes, sondern n\u00fctzlich und selbst\u00e4ndig sein. Aus diesem Bewusstsein heraus engagierten sich viele Mittelschichtfrauen oft unentgeltlich in sozialer Arbeit, u.a. nahmen sie sich auch der sozialen Lage der Arbeiterfrauen an. In den USA engagierten sich viele Frauen gegen die Sklaverei, spannten dabei den Bogen zu ihrer eigenen Rolle als Eigentum und \u201eSklavin\u201c des Mannes und wurden auch f\u00fcr ihre eigenen Rechte aktiv.<\/p>\n<p>\u201eWenn die Frau das Recht hat, die Guillotine zu besteigen, so muss ihr auch das Recht zustehen, die Rednertrib\u00fcne zu besteigen.\u201d (Olympe de Gouges, K\u00e4mpferin der Franz\u00f6sischen Revolution)<\/p>\n<p>Die Frage der Gleichberechtigung war auf der Tagesordnung und gewann gegen Ende des 19. Jahrhundert \u00fcberall in Europa an Gewicht. Bereits in der b\u00fcrgerlichen Franz\u00f6sischen Revolution hatten Frauen eine bedeutende Rolle gespielt, sowohl beim Sturm auf die Bastille als auch als Vork\u00e4mpferinnen ihrer eigenen Rechte. In einer Petition an die Nationalversammlung forderten sie die politische Gleichberechtigung \u2013 auch das Wahlrecht &#8211; und gleiches Recht auf Arbeit. Die Frauenvereinigungen in allen St\u00e4dten und D\u00f6rfern Frankreichs bildeten den Ausgangspunkt f\u00fcr die sp\u00e4tere b\u00fcrgerliche Frauenbewegung.<\/p>\n<p align=\"center\"><img src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2012\/suffrage2.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Revolution\u00e4rinnen mit ihren Forderungen in Paris scheiterten, griffen auch die Utopischen Sozialisten Saint-Simon und Charles Fourier Anfang des 19. Jahrhunderts die Frage der Gleichberechtigung auf und verkn\u00fcpften sie mit Vorstellungen einer radikalen Umw\u00e4lzung der Gesellschaft. So hatte Fourier die Stellung der Frau als Gradmesser f\u00fcr die Entwicklungsstufe einer Gesellschaft begriffen und die Befreiung der Menschheit an die Befreiung der Frau gekn\u00fcpft. Die Anh\u00e4nger Saint-Simons versuchten selbst in v\u00f6llig gleichberechtigten Partnerschaften zu leben. Diese Ideen waren aber noch sehr vage und erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sch\u00e4rften sich die Vorstellungen im Zuge des Wachstums der Arbeiterbewegung. Schriften von Marx und Engels (\u201eUrsprung der Familie, des Privateigentums und des Staats\u201c) und August Bebels (\u201eDie Frau und der Sozialismus\u201c) zum Thema fanden eine breite Leser(innen)schaft. Besonders arbeitende Frauen begannen, die Klassengesellschaft als grunds\u00e4tzliches Hindernis zur Befreiung der Frau zu betrachten und entwickelten eigene Organisationsformen.<\/p>\n<p>\u201eDie ersten Anf\u00e4nge der Emanzipationsbestrebungen proletarischer Frauen waren so nichts weniger als grunds\u00e4tzlich, klar sozialistisch, sozialdemokratisch. Sie stellten ein Miteinander und Durcheinander frauenrechtlerischer, utopischer, sozialrevolution\u00e4rer, sozialreformlerischer Tendenzen und Forderungen dar. Sie entbehrten national und erst recht international eines festen organisatorischen Gef\u00fcges. In England, Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und anderw\u00e4rts traten bald die einen, bald die anderen Charakterz\u00fcge mehr hervor, bald mehr \u00f6konomische, bald politische Losungen.\u201c (aus Zetkin: die sozialdemokratische Frauenbewegung).<\/p>\n<h4>Der Kampf um das Frauenwahlrecht<\/h4>\n<p>In Gro\u00dfbritannien standen f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Frauenbewegung der Kampf um Bildung, freie Partnerwahl, gleiche Rechte in Ehe und Familie und politische Gleichberechtigung im Vordergrund. Besonders f\u00fcr die Frauen der Ober- und Mittelklasse war es wichtig, dieselben Verf\u00fcgungsm\u00f6glichkeiten \u00fcber ihr Eigentum und M\u00f6glichkeiten zum Erwerb von Eigentum zu haben, sie wollten die b\u00fcrgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts auch auf sich selbst ausweiten und dieselben Privilegien genie\u00dfen wie ihre M\u00e4nner. Einzelne b\u00fcrgerliche Frauen hatten Ideen von Gleichberechtigung und Befreiung der Frau aus ihrer angestammten Rolle, von freien Partnerschaften ohne b\u00fcrgerliche gesellschaftliche Zw\u00e4nge entwickelt, u.a. die englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die bereits Ende des 18. Jahrhunderts das \u201ePrivate\u201c politisierte. Das Wahlrecht erschien dabei vielen b\u00fcrgerlichen Frauen als einzige M\u00f6glichkeit, politisch Einfluss zu erlangen, Reformen \u00fcber das Parlament durchsetzen zu k\u00f6nnen und so ihre Lage zu verbessern. Eine Minderheit revolution\u00e4rer Sozialistinnen sah das Wahlrecht als einen weiteren Schritt hin zur sozialistischen Revolution an, die notwendig war, um endlich die Unterdr\u00fcckung der Arbeiterklasse und der Frauen zu beenden und eine wirklich freie, klassenlose Gesellschaft ohne Diskriminierung zu schaffen.<\/p>\n<p>Die Wahlrechtsreformen 1832, 1867 und 1884 hatten am Ende auch gro\u00dfen Teilen der m\u00e4nnlichen britischen Arbeiterklasse das formale Wahlrecht gebracht. Frauen hingegen hatten ein &#8211; sehr begrenztes &#8211; nationales Stimmrecht verloren und durften nur an Kommunalwahlen teilnehmen. Zuletzt lehnte das Englische Parlament 1866 eine Petition f\u00fcr das Frauenstimmrecht mit zahlreichen Unterschriften ab, die der Liberale John Stuart Mill eingebracht hatte. Verschiedene Frauenwahlrechtsorganisationen entstanden, in denen sich vor allem Frauen des B\u00fcrgertums und der Mittelschicht engagierten. Aber auch die proletarische Frauenbewegung schrieb sich das Stimmrecht auf ihre Fahnen und organisierte entsprechende Gruppen. Nach zahlreichen Debatten, Spaltungen und Umgruppierungen versuchte 1868 die NUWSS (National Union of Womens Suffrage Societies) als Dachverband verschiedene lokale und regionale Frauenstimmrechtsgruppen zu vereinigen. Die NUWSS verkn\u00fcpfte zwar die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht f\u00fcr alle Frauen auch mit der sozialen Frage, beschr\u00e4nkte sich taktisch aber auf friedliche Lobbyarbeit und orientierte sich am Parlament. Die sogenannten \u201eSuffragistInnen\u201c ( engl. suffrage = Wahlrecht) organisierten Versammlungen, Petitionen und \u00f6ffentliche Veranstaltungen und finanzierten Publikationen zum Thema. Als breite Organisation unterst\u00fctzten sie unterschiedliche Parteien, zun\u00e4chst vor allem die Liberalen, an denen sich bis zur Gr\u00fcndung der Labour Party 1906 auch der Gro\u00dfteil der britischen Arbeiterklasse orientiert hatte. Auf ihrem H\u00f6hepunkt 1913 organisierte sie 100.000 Mitglieder in \u00fcber 600 Ortsgruppen und Gesellschaften.<\/p>\n<h4>Proletarische SuffragistInnen<\/h4>\n<p>Im Zuge zahlreicher Arbeiterk\u00e4mpfe im England der 1880er Jahre, an denen sich auch viele Frauen beteiligten, hatten sich kleine Frauenverb\u00e4nde gegr\u00fcndet und immer mehr Frauen traten in Gewerkschaften ein, die rasch wuchsen. Dort hatten sie allerdings als vermeintliche Konkurrentinnen keinen leichten Stand, neben den Debatten \u00fcber ein Arbeitsverbot f\u00fcr Frauen war auch die Forderung nach Frauenstimmrecht in der Arbeiterbewegung zun\u00e4chst umstritten.<\/p>\n<p>Besonders hervorzuheben ist die Rolle der Textilarbeiterinnen im britischen Lancashire (u.a. Manchester), die als Avantgarde im Kampf um das Wahlrecht bezeichnet werden k\u00f6nnen und zwischen 1900 und 1906 als Teil der NUWSS eine beeindruckende Kampagne f\u00fcr das Frauenwahlrecht f\u00fchrten. In den Baumwollm\u00fchlen und Textilfabriken dieser Region arbeiteten Tausende Frauen, zum gro\u00dfen Teil vom Kindesalter an, zu schrecklichen Arbeitsbedingungen und l\u00e4cherlichen und unsicheren L\u00f6hnen \u2013 im Gegensatz zu ihren m\u00e4nnlichen Vorgesetzten. Die ArbeiteraktivistInnen dieser Gegend bildeten anfangs auch die wesentliche Basis der neuen sozialistischen Independent Labour Party (ILP, Vorl\u00e4ufer der Labour Party), die, obwohl sie oftmals weich mit ihren Prinzipien umging und kein festes Programm f\u00fcr die Gleichberechtigung von Frauen hatte, als einzige Partei Frauen dieselben M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die politische Aktivierung bot wie M\u00e4nnern. So hatten sie in der Partei z.B. dasselbe aktive und passive Wahlrecht und Frauen \u00fcbernahmen F\u00fchrungspositionen.<\/p>\n<p>Bis zur Jahrhundertwende hatten sich die traditionell gut organisierten und sehr k\u00e4mpferischen Textilarbeiterinnen Lancashires allerdings in der Mehrheit vergleichsweise gut bezahlte qualifizierte Jobs erk\u00e4mpft, die ihnen eine \u2013 eingeschr\u00e4nkte \u2013 Unabh\u00e4ngigkeit erm\u00f6glichte, die andere Proletarierinnen nicht hatten. Zudem repr\u00e4sentierten die \u00fcber 90 000 Gewerkschafterinnen der Baumwollgewerkschaften f\u00fcnf Sechstel der organisierten Arbeiterinnen. In der ILP gr\u00fcndeten sie ihre eigene Frauengruppe Women Labour League. Damit waren sie auch in einer sehr viel besseren Position im Kampf f\u00fcr politische Rechte wie das Wahlrecht. In Manchester gingen zwischen 1880 und 1910 immer wieder tausende Arbeiterinnen bei zahlreichen Kundgebungen und Demonstrationen f\u00fcr das Stimmrecht auf die Stra\u00dfe. Die gr\u00f6\u00dfte Massenaktion war eine Demonstration von 100 000 Textilarbeiterinnen in Hunslet Moor in S\u00fcdleeds. Die Textilarbeiterin Selina Cooper, erste weibliche Delegierte der ILP, konnte 1901 dem britischen Unterhaus 29,359 Unterschriften f\u00fcr das Frauenwahlrecht \u00fcberreichen.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zur ablehnenden offiziellen Haltung der verkrusteten nationalen Gewerkschaftsb\u00fcrokratie sahen sich viele der proletarischen Suffragistinnen pers\u00f6nlich dem gro\u00dfem Unverst\u00e4ndnis und teils auch Repressionen seitens ihres Umfeldes und besonders ihrer Ehem\u00e4nner gegen\u00fcber. Selbst Gewerkschafter sahen ihre Frauen lieber ihre W\u00e4sche waschen oder ihr Essen kochen als bei politischen Treffen. Die Suffragistin Hannah Mitchell beschreibt in ihrer Autobiografie \u201eA Hard Way Up\u201c: \u201eKein Kampf kann zwischen Abendessen und Teetrinken gewonnen werden, und die meisten von uns, die verheiratet waren, mussten sozusagen mit einer Hand auf den R\u00fccken gebunden arbeiten. \u00d6ffentliche Missbilligung kann man aushalten, aber der \u00c4rger zu Hause, der Preis, den viele von uns bezahlen mussten, war eine sehr bittere Sache.\u201d B\u00fcrgerliche Aktivistinnen sahen sich zwar derselben Einstellung ihre Ehem\u00e4nner ausgesetzt, in ihrem Fall konnte die Hausarbeit jedoch oftmals von Bediensteten \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz erfuhr die Stimmrechtsbewegung auch Unterst\u00fctzung von m\u00e4nnlicher Seite, so gab es unter anderem Solidarit\u00e4tsaktionen der Hafenarbeiter im schottischen Glasgow und einen Solidarit\u00e4tsstreik britischer Minenarbeiter f\u00fcr das Frauenstimmrecht. Auch einige Sozialisten wie der Labour-Abgeordnete Keir Hardie traten au\u00dferhalb und innerhalb der Sozialdemokratie vehement f\u00fcr das Frauenwahlrecht ein. Nach einer komplizierten Debatte um die Frage der Aufnahme eines eingeschr\u00e4nktem oder vollst\u00e4ndigen Frauenwahlrecht oder Allgemeinem Wahlrecht f\u00fcr alle, die auch zu Spaltungen innerhalb der ILP f\u00fchrte, nahm die Labour Party erst 1912 die Forderung nach einem Frauenwahlrecht in ihr Programm auf.<\/p>\n<div style=\"margin: 0; margin-right: 10px; border: 2px solid #000000; padding: 0em 1em 1em 1em; background-color: #c0c0c0;\">\n<p><strong>Exkurs: Clara Zetkin und der Kampf ums Frauenwahlrecht<\/strong><br \/>\nAuch au\u00dferhalb Britanniens und den USA k\u00e4mpften Frauen um die Jahrhundertwende um demokratische und soziale Gleichberechtigung. Beispielhaft war die sozialistische Frauenbewegung in Deutschland, wo sich vor allem proletarische Frauen, im Gegensatz zu b\u00fcrgerlichen Aktivistinnen, grunds\u00e4tzlich staatlicher Verfolgung und oftmals Gef\u00e4ngnisstrafen ausgesetzt sahen, da das alte preu\u00dfische Vereinsrecht die politische Organisation von Frauen untersagte. Dennoch bauten die ArbeiterInnen eine starke Emanzipationsbewegung auf, in der sich vor allem Clara Zetkin einen Namen machte. Als revolution\u00e4re Marxistin war sie zun\u00e4chst F\u00fchrungsmitglied der SPD, wo sie hart gegen den Reformismus k\u00e4mpfte. Zusammen mit August Bebel spielten sie eine gro\u00dfe Rolle im Kampf f\u00fcr die Verankerung des \u2013 uneingeschr\u00e4nkten! &#8211; Frauenwahlrechts im Programm der sozialistischen Parteien. So forderte das SPD- Parteiprogramm in Bezug auf das allgemeine Wahlrecht ab 1891 das Wahlrecht \u201eohne Unterschied des Geschlechts\u201c und stellte 1895 im Deutschen Reichstag den Antrag auf Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts. Nachdem sich die SPD vom revolution\u00e4ren Programm und der Perspektive des Sozialismus verabschiedet hatte, wurde sie 1917 ausgeschlossen und wurde Mitbegr\u00fcnderin der KPD, f\u00fcr die sie bis 1933 im Reichstag sa\u00df.<br \/>\nSie gr\u00fcndete mit anderen Sozialistinnen 1907 in Stuttgart die sozialdemokratischen \u201eFraueninternationale\u201c, die in vielen L\u00e4ndern die ersten Massendemonstrationen f\u00fcr das allgemeine Wahlrecht f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner organisierte. Unter dem Kampfruf \u00bbHeraus mit dem Frauenwahlrecht\u00ab gingen am ersten Internationalen Frauentag, am 19. M\u00e4rz 1911, mehr als eine Million Frauen auf die Stra\u00dfe und forderten f\u00fcr alle Frauen soziale und politische Gleichberechtigung. Auch die radikalen Teile der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung nahmen teil. Clara Zetkin zeigte sich offen f\u00fcr ehrliche K\u00e4mpferinnen dieses Teils der Frauenbewegung, verwies aber immer wieder auf die unterschiedlichen Klassenstandpunkte proletarischer und b\u00fcrgerlicher Aktivistinnen, auch am Beispiel des Frauenwahlrechts: \u201e Wir nehmen Stellung von dem Standpunkt aus, dass die Forderung nach Frauenwahlrecht in erster Linie eine direkte Konsequenz aus der kapitalistischen Produktionsmethode ist. Es mag vielleicht anderen etwas unerheblich erscheinen, dies so stark zu betonen, aber nicht uns, denn die kleinb\u00fcrgerliche Forderung nach Frauenrechten gr\u00fcndet ihre Anspr\u00fcche bis heute auf die alte nationalistische Doktrin der Rechtsauffassung. (\u2026) Das Recht auf ein Frauenwahlrecht liegt f\u00fcr uns im Wandel des gesellschaftlichen Lebens begr\u00fcndet, welcher durch die kapitalistischen Produktionsmethoden stattfindet, und im Besonderen durch die Tatsache, dass Frauen f\u00fcr ihren Lebensunterhalt arbeiten, und im h\u00f6chsten Grad in der Rekrutierung von Frauen f\u00fcr die Armee der Industriearbeiter.. Dies hat der Bewegung den gr\u00f6\u00dften Antrieb gegeben.\u201c<br \/>\nDa sie sich bewusst war, dass eine volle Gleichberechtigung der Frauen nur in einer klassenlosen Gesellschaft und niemals im Kapitalismus zu erreichen ist, warnte sie vor Illusionen in die b\u00fcrgerliche Frauenbewegung und deren \u201et\u00e4uschenden, l\u00e4hmenden Einfluss auf gro\u00dfe werkt\u00e4tige Frauenmassen, deren Wollen und Handeln auf den Kampf von Geschlecht zu Geschlecht f\u00fcr die Reform der b\u00fcrgerlichen Ordnung konzentriert wird, statt auf den Kampf von Klasse zu Klasse f\u00fcr die Revolution.\u201c(Clara Zetkin, Social Democracy &amp; Woman Suffrage, London 1906)<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"Teil 2\" href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/?p=16158\">Weiter zu Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Hand auf dem R\u00fccken gebunden<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":16156,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[86,32],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16155"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16155"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16155\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35922,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16155\/revisions\/35922"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}