{"id":14802,"date":"2012-04-28T00:01:00","date_gmt":"2012-04-28T00:01:00","guid":{"rendered":".\/?p=14802"},"modified":"2012-04-28T00:01:00","modified_gmt":"2012-04-28T00:01:00","slug":"14802","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/04\/14802\/","title":{"rendered":"Piraten: Entern mit welchem Programm?"},"content":{"rendered":"<p>  Ein linker Programmcheck an drei Piratenforderungen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Seit dem Einzug der Piraten ins Abgeordnetenhaus von Berlin im   September 2011 befindet sich die Piratenpartei im H&#246;henflug. Die   Mitgliederzahl hat sich in den letzten sechs Monaten auf 26.000   verdoppelt. Viele sehen die Piraten als Alternative zur Politik der   etablierten Parteien. Doch mit welchem Programm treten sie eigentlich an?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Steffen Strandt, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Will man sich &#252;ber das Programm der Piratenpartei informieren, stellt   sich zun&#228;chst die Frage, welchen Programmtext man lesen soll. Neben   einem bundesweiten Grundsatzprogramm verf&#252;gt jeder Landesverband &#252;ber   ein eigenes Grundsatzprogramm und ein eigenes Wahlprogramm mit sich   teils deutlich widersprechenden Inhalten. An einigen Punkten ist nicht   klar, ob die Mandatstr&#228;gerInnen der Piraten auch die Politik ihrer   Mitglieder vertreten. So haben die Berliner Piraten im Abgeordnetenhaus   vor kurzem mehrheitlich einer Di&#228;tenerh&#246;hung f&#252;r Abgeordnete zugestimmt,   obwohl sich die Mehrheit der TeilnehmerInnen einer Online-Abstimmung   dagegen ausgesprochen hatte.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Piraten standen zu Beginn die Themen Datenschutz, B&#252;rgerrechte   im Internet und Abschaffung des repressiven Urheberrechts im   Vordergrund. Zu vielen dr&#228;ngenden Problemen der Zeit gab es keine   Positionen, die soziale Frage wurde nicht gestellt. Dann war von vielen   Piraten-PolitikerInnen zu h&#246;ren, dass zu verschiedenen Themen noch an   einem Programm gearbeitet werde. Mit dem Wahlkampf in Berlin r&#252;ckten die   Piraten das Thema Demokratie, aber auch soziale Fragen in den   Vordergrund. Die Piraten in Schleswig-Holstein werben nun mit dem   Spruch: &#8222;Jetzt mit mehr Inhalt!&#8220; Auch wenn die Piraten jetzt daran   arbeiten, sich ein breiteres Programm zu geben, sagt die (fr&#252;here)   Fixierung auf Online- und B&#252;rgerrechtsprobleme viel &#252;ber die Piraten   aus. Sie erkennen nicht, dass die zentralen Probleme aus dem   kapitalistischen Wirtschaftssystem und der Klassengesellschaft   entstehen, wenn sie sich haupts&#228;chlich mit den Folgen von   Digitalisierung auseinandersetzen.<\/p>\n<p>  In diesem Artikel soll an den drei Programmpunkten zu Internet,   Sozialpolitik und Verkehrspolitik das Programm der Piraten einem linken   Programmcheck unterzogen werden.<\/p>\n<h4>  1. Freiheit im Digitalen Zeitalter &#8211; Kernthema der Piraten<\/h4>\n<p>  Die Piraten analysieren in ihrem Grundsatzprogramm, dass die   &#8222;Globalisierung des Wissens und der Kultur der Menschheit durch   Digitalisierung und Vernetzung [die] bisherigen rechtlichen,   wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen ausnahmslos auf den   Pr&#252;fstand&#8220; stellen. Weiter sagen sie, dass auf der Basis von   &#8222;in-formationeller Selbstbestimmung, freiem Zugang zu Wissen und Kultur   und der Wahrung der Privatsph&#228;re eine demokratische, sozial gerechte,   freiheitlich selbstbestimmte, globale Ordnung entstehen&#8220; kann.<\/p>\n<p>  Doch f&#252;r eine wirklich demokratische und sozial gerechte Welt ist   weitaus mehr n&#246;tig: Es reicht nicht, mehr Transparenz einzufordern, den   Zugang zu Wissen einfacher, und das bestehende parlamentarische System   ein wenig demokratischer zu gestalten. Im Kapitalismus endet die   Demokratie sp&#228;testens am Betriebstor. Was notwendig ist, ist eine echte   Demokratie, in der alle gemeinsam an ihren Arbeitspl&#228;tzen, Schulen,   Universit&#228;ten und in ihren Vierteln entscheiden, was wie produziert wird   und wie die Gesellschaft organisiert werden soll. Eine solche echte   Demokratie kann aber nur erreicht werden, wenn nicht die   Profitmaximierung, sondern die Bed&#252;rfnisse von Mensch und Natur im   Mittelpunkt stehen. Das ist nur m&#246;glich auf Basis des &#246;ffentlichen   Eigentums an den Produktionsmitteln. Deshalb sind die Vorstellungen der   Piraten zu freiem Wissen und zu einer demokratischen Gesellschaft   innerhalb des Kapitalismus nicht zu verwirklichen. Die gro&#223;en Musik- und   Filmkonzerne werden es beispielsweise nicht zulassen, dass ihnen die   Basis f&#252;r ihre Profite weggenommen wird und in Zukunft alle das nutzen   k&#246;nnen, wof&#252;r sie bisher abkassiert haben. Um freie Netze und freies   Wissen zu erreichen, m&#252;ssen die gro&#223;en Medienkonzerne, die Film- und   Musikindustrie in &#246;ffentliches Eigentum &#252;berf&#252;hrt und demokratisch   kontrolliert und verwaltet werden.<\/p>\n<h4>  2. Sozialpolitik<\/h4>\n<p>  Es gibt nur wenige Informationen, wie sich die Piraten ihre   Sozialpolitik vorstellen. Ein zentraler Pfeiler im Bundesprogramm der   Piraten ist das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Alle Menschen   sollen unabh&#228;ngig von der H&#246;he ihres Einkommens einen monatlichen   Grundbetrag bekommen. Die Vorstellungen von der H&#246;he variieren sehr   stark von 457 Euro plus Warmmiete monatlich bis zu Betr&#228;gen &#252;ber 1.000   Euro. Zur Kritik an der Forderung des BGE: www.archiv.sozialismus.info. Bei der   Programmatik der Piraten wird aber eins immer deutlich: Die Piraten   akzeptieren, dass es nicht genug gute Arbeit f&#252;r alle gibt, die einen   guten Lebensstandard der ArbeiterInnen sichern kann. Sie verzichten   damit auf einen Kampf gegen die Vernichtung von Arbeitspl&#228;tzen und auf   die Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze. Dies w&#228;re nur mit einem umfassenden   &#246;ffentlichen Investitionsprogramm und einem Kampf f&#252;r radikale   Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich m&#246;glich.   Denn das Problem ist ja nicht, dass es nicht gen&#252;gend Aufgaben und   Arbeiten gibt. W&#228;hrend sich viele Menschen mit 40 und mehr Stunden   w&#246;chentlich abrackern, werden Millionen von Menschen von Erwerbsarbeit   und damit von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen.<\/p>\n<h4>  3. Verkehr: Privatisierung oder fahrscheinlos reisen?<\/h4>\n<p>  Bei der Frage, wie der &#214;ffentliche Personennahverkehr (&#214;PNV) gestaltet   werden soll, zeigt sich, wie unterschiedlich die Konzepte der Piraten   sind. Die NRW-PIRATEN (die auch in anderen Fragen einen besonders   marktfreundlichen Kurs fahren) fordern in NRW mehr Wettbewerb im &#214;PNV   und die Ausschreibung, also Privatisierung von Verkehrsleistungen. Im   Widerspruch dazu lehnen die Berliner Piraten die Privatisierung der   Berliner S-Bahn ab. Eine wichtige Forderung von ihnen war im Berliner   Wahlkampf die Einf&#252;hrung eines fahrscheinlosen &#214;PNV. Der Berliner   Abgeordnete Christopher Lauer rechnete in der Talkshow von Anne Will   vor, dass alle BerlinerInnen monatlich einen Betrag von circa 24 Euro   zahlen sollten, um dann ohne Fahrschein die &#246;ffentlichen Verkehrsmittel   zu nutzen. Klingt gut, aber warum soll die Nutzung &#246;ffentlicher   Verkehrsmittel &#252;berhaupt etwas kosten, wenn durch einen Nulltarif die   gesellschaftlichen Folgekosten des Autoverkehrs von Unf&#228;llen,   Verkehrstoten und Umweltverschmutzung minimiert werden k&#246;nnten?<\/p>\n<p>  DIE LINKE in NRW fordert korrekterweise: &#8222;Mineral&#246;lkonzerne enteignen!   Spritpreise runter! F&#252;r einen kostenlosen Personennahverkehr.&#8220;<\/p>\n<h4>  &#8222;F&#252;r dieses System ist ein Update verf&#252;gbar&#8220;<\/h4>\n<p>  An den drei Beispielen wird deutlich, dass die Piraten nicht &#252;ber das   bestehende System hinaus gehen wollen, um echte Demokratie zu erk&#228;mpfen.   Das machen die NRW-PIRATEN mit einem Plakat sehr deutlich: &#8222;F&#252;r dieses   System ist ein Update verf&#252;gbar&#8220;. Die Piraten sehen es deswegen auch   nicht als notwendig an, sich in ihrem Programm mit den M&#228;chtigen   anzulegen und f&#252;r die Durchsetzung ihrer Forderungen zu k&#228;mpfen. Sie   wollen mit ihrem Programm Themen setzen und hoffen, die etablierten   Parteien von ihren Ideen zu &#252;berzeugen und so ihre Punkte durchsetzen.   Da ist es nicht &#252;berraschend, dass sie immer wieder erkl&#228;rt haben, sie   w&#228;ren bereit sich an einer Regierung mit b&#252;rgerlichen Parteien zu   beteiligen. Dass es in dieser Gesellschaft Klassen mit verschiedenen   Interessen gibt, spielt bei ihnen keine Rolle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein linker Programmcheck an drei Piratenforderungen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[247],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14802"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14802"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14802\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}