{"id":14797,"date":"2012-04-25T09:30:00","date_gmt":"2012-04-25T09:30:00","guid":{"rendered":".\/?p=14797"},"modified":"2012-04-25T09:30:00","modified_gmt":"2012-04-25T09:30:00","slug":"14797","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/04\/14797\/","title":{"rendered":"Frankreich: Erste Runde der Pr&#228;sidentschaftswahlen zeigt Polarisierung"},"content":{"rendered":"<p>  Wahlergebnis f&#252;r M&#233;lenchon dr&#252;ckt Potential f&#252;r eine neue Arbeiterpartei   aus<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>W&#228;hrend die linken KandidatInnen angesichts der Eurokrise die   Verstaatlichung von Banken, Besteuerung von Reichtum, Mindestl&#246;hne und   gleiche Rechte in den Vordergrund stellten, versuchte die rechtsradikale   Front National Sorgen vor Einwanderung auszunutzen und mit mehr   &#220;berwachung zu punkten. Auch die Kandidaten Sarkozy und Hollande, die in   die Stichwahl gehen, waren davon getrieben. Der Ausgang der Wahl zeigt   die Polarisierung und die wachsende Wut in der franz&#246;sischen   Gesellschaft.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Michael Koschitzki, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Der Kandidat der sozialdemokratischen Parti socialiste (PS) Fran&#231;ois   Hollande kann sich mit nur 1,5 Prozent Vorsprung gegen&#252;ber Pr&#228;sident   Sarkozy seines Sieges nicht sicher sein. Zwar wird ihm die Tatsache   helfen, dass er von den unterlegenen linken KandidatInnen als kleineres   &#220;bel unterst&#252;tzt wird und vor allem die verbreitete Ablehnung der   Sarkozy Regierung. Schlie&#223;lich ist seit der Wahl von Sarkozy die   Arbeitslosigkeit um 20 Prozent gestiegen, wurde die Arbeitslosenhilfe   f&#252;r Viele gestrichen und 66 Prozent der Bev&#246;lkerung gaben an, dieses   Jahr Ausgaben f&#252;r lebenswichtige G&#252;ter k&#252;rzen zu m&#252;ssen. Paris war in   den Wochen vor der Wahl voll mit Aufklebern gegen Sarkozy, die viele   Menschen irgendwohin klebten. Jedoch konnte Sarkozy in den letzten   Wochen wieder mit ausl&#228;nderfeindlichen Parolen an Boden gut machen. Die   Morde in Toulouse durch einen rechten islamischen Terroristen spielten   ihm dabei in die H&#228;nde. Er wird jetzt versuchen seinen Wahlkampf noch   mehr auf das rechte Lager zu konzentrieren, was ihm eine knappe   Wiederwahl erm&#246;glichen k&#246;nnte.<\/p>\n<h4>  Erfolg der Rechten &#8230;<\/h4>\n<p>  Die Kandidatin der rechtsradikalen Front National (FN) Marine Le Pen   konnte den gr&#246;&#223;ten Wahlsieg in der Geschichte der FN einfahren. Mit 17,9   Prozent der Stimmen, was 6,4 Millionen W&#228;hlerInnen entspricht, hat sie   gegen&#252;ber der Wahl ihres Vaters, der es 2002 in die zweite Runde   schaffte, nochmal fast eine Millionen Stimmen dazu gewonnen.<\/p>\n<p>  Die FN erreichte das nicht auf der Basis eines faschistischen Programms,   sondern in dem sie die offensichtlichen Verbindungen zum faschistischen   Spektrum abbrach und einem rechtspopulistischen Wahlkampf Viele   erreichte, die mit der Sarkozy-Regierung unzufrieden waren.<\/p>\n<p>  Dass Sarkozy rechte T&#246;ne anschlug und Migration und Sicherheit getrieben   durch die FN in die Mitte seines Wahlkampfes r&#252;ckte, erleichterte es   Marine Le Pen mit islamfeindlichen Parolen zu punkten. Sie versuchte die   Sorgen um Einwanderung auszunutzen, pr&#228;sentierte sich dar&#252;ber hinaus als   Kandidatin der ArbeiterInnen und mit Parolen gegen Globalisierung und   f&#252;r den Ausstieg aus dem Euro viele Stimmen von Erwerbslosen f&#252;r sich   gewinnen.<\/p>\n<h4>  &#8230;und der Linken<\/h4>\n<p>  Viele nennen ihn den franz&#246;sischen Oskar Lafontaine. Gemeint ist der   Kandidat der Linksfront Jean-Luc M&#233;lenchon. Er erreichte mit einer   Kampagne, die auf radikale Forderungen und Rhetorik setzte, 11,1 Prozent   der Stimmen beziehungsweise fast vier Millionen Stimmen. Die Front de   gauche ist ein Zusammenschluss Parti communiste fran&#231;ais (PCF) und der   Parti de Gauche, die sich die LINKE in Deutschland als ein Vorbild   genommen hat. Beim Gr&#252;ndungskongress 2008 trat auch Lafontaine auf.<\/p>\n<p>  Jean-Luc M&#233;lanchon fordert die Verstaatlichung der Banken, einen   Mindestlohn von 1700 Euro, einen Ausstieg Frankreichs aus dem   Lissabon-Vertrag der EU und vieles mehr. Sein Programm richtet sich die   Besch&#228;ftigten, Erwerblosen und Jugendlichen von Frankreich, die durch   die kapitalistische Krise betroffen sind. F&#252;r seine   Wahlkampfveranstaltungen mobilisierte er bis zu 120.000 Menschen.<\/p>\n<p>  Damit konnte er teilweise das Vakuum auf der Linken f&#252;llen. Die Nouveau   Parti anticapitaliste (NPA), die vor einigen Jahren mit gro&#223;en   Hoffnungen startete und deren Kandidat Olivier Besancenot bei der   letzten Wahl 1,5 Millionen Stimmen bekommen hatte, konnte daran nicht   ankn&#252;pfen. Sie erreichten nur 1,15 Prozent beziehungsweise etwas mehr   als 400,000 W&#228;hlerInnen. Die NPA hatte sich in der Krise nicht genug mit   einem antikapitalistischen Programm in die bestehenden K&#228;mpfe und   Auseinandersetzungen eingebracht. In der Partei gab es zahlreiche   Konflikte, die zur L&#228;hmung und zum Verlust zahlreicher Mitglieder   f&#252;hrten. (Zur detaillierten Analyse der NPA siehe Artikel im Magazin   sozialismus.info) Nachdem Olivier Besancenot sich geweigert hatte,   wieder zu kandidieren, wurde sie zus&#228;tzlich geschw&#228;cht. Zwar stellte   sich mit Philippe Potou, einem Ford-Besch&#228;ftigten aus Bourdeaux, der   erfolgreich Entlassungen bek&#228;mpft hatte, einen k&#228;mpferischen Kandidaten   auf. Aber ohne k&#228;mpferische Partei im R&#252;cken konnte auch er, nichts an   der Situation &#228;ndern.<\/p>\n<p>  Die Kandidatin Nathalie Arthaud der Lutte Ouvri&#232;re (LO), einer Partei   aus einer trotzkistischen Organisation, die sich an keinem B&#252;ndnis zur   Wahl beteiligt hatte, erreichte 200.000 Stimmen und damit ein halbes   Prozent.<\/p>\n<h4>  Potential f&#252;r eine neue Arbeiterpartei<\/h4>\n<p>  Die Unterst&#252;tzung f&#252;r M&#233;lenchon zeigt das Potential, das f&#252;r eine   Massenarbeiterpartei mit sozialistischem Programm in Frankreich   existiert. Die Diskussion &#252;ber das Programm und den Charakter so einer   Partei muss jetzt breit gef&#252;hrt werden. M&#233;lanchon hat bewiesen, dass   radikale Forderungen und antikapitalische Rhetorik mobilisieren k&#246;nnen.   Jedoch zeigt er keinen Weg auf, wie dieses System wirklich &#252;berwunden   werden kann. Stattdessen greift er vor allem das &#8222;spekulative Kapital&#8220;   an und verbindet es mit auch mit republikanischer Rhetorik, beeinflusst   durch die franz&#246;sische Revolution. Den Wahlkampf f&#252;r M&#233;lanchon machten   vor allem die Mitglieder der gr&#246;&#223;eren PCF innerhalb der Front de gauche.<\/p>\n<p>  Das Wahlergebnis w&#228;re jetzt eine Chance dazu aufzurufen, nicht nur f&#252;r   diese Ideen zu w&#228;hlen sondern sich aktiv zu beteiligen und eine breite   Partei der Arbeiterklasse aufzubauen. Wenn sie die radikalen Forderungen   mit einem klaren antikapitalistischen Programm verbindet, das einen Weg   aus der Krise, in die Frankreich ger&#228;t, aufzeigt, k&#246;nnte das aktive   Massenunterst&#252;tzung bekommen.<\/p>\n<p>  Als es 2005 die Kampagne gegen die EU-Verfassung gab und eine Mehrheit   in Frankreich den Verfassungsentwurf getragen von einer breiten Kampagne   ablehnte, gab es schon einmal die Chance f&#252;r eine starke Massenpartei   der Arbeiterklasse. Die Parteien LO und LCR, die beide aus einer   trotzkistischen Tradition stammen, verpassten damals die Chance so eine   Partei aufzubauen. Die sp&#228;ter von oben nach unten durch die LCR   aufgebaute Partei NPA konnte das Potential vor allem wegen der   programmatischen Defizite und dem Aufbau der Partei nicht f&#252;llen.<\/p>\n<h4>  Europa und Hollande<\/h4>\n<p>  Doch nicht nur f&#252;r die Linke wirkt die Entscheidung &#252;ber die EU   Verfassung von 2005 nach. Der Favorit f&#252;r die zweite Runde Fran&#231;ois   Hollande hatte damals f&#252;r ein Ja geworben. Jetzt versuchte er die   KritikerInnen der neoliberalen EU-Politik zu umwerben. Wenn er in der   zweiten Runde gew&#228;hlt wird, h&#228;tte das gro&#223;e internationale Auswirkungen.   Der Fiskalpakt in Europa m&#252;sste mindestens neu verhandelt werden. Die   Euro-Rettungspolitik st&#252;nde auf dem Pr&#252;fstand und auch die Chancen f&#252;r   ein Nein im irischen Referendum w&#252;rden steigen. Hollande&quot;s Haltung zur   Euro-Rettungspolitik ist auch der Grund, warum die deutsche   Bundesregierung sich so sehr f&#252;r ein Sieg von Sarkozy stark macht.<\/p>\n<p>  Hollande hat verstanden, welche enorme Wut und Unzufriedenheit es   innerhalb der franz&#246;sischen Gesellschaft gibt. Er tritt an mit einem   Programm f&#252;r beispielsweise 60.000 neue Lehrerstellen und der Einf&#252;hrung   einer Million&#228;rssteuer von 75 Prozent. Mit solchen Forderungen versuchte   er nicht zu sehr hinter M&#233;lenchon zur&#252;ckzubleiben. Doch von den   Forderungen wird nicht viel &#252;brig bleiben, wenn er erstmal gew&#228;hlt ist.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend vor einigen Jahren Frankreich noch ein Handesbilanz&#252;berschuss   hatte, erwirtschaftete es 2011 ein Defizit von 70 Milliarden Euro. Die   staatliche Verschuldung d&#252;rfte im Laufe des Jahres auf 90 Prozent des   Bruttoinlandsprodukts steigen. Hollande hat sich verpflichtet einen   ausgeglichenen Haushalt im Laufe seiner Legislatur vorzulegen. Das   hei&#223;t, dass auch unter ihm die Zeichen auf Sparen gestellt werden.   Zusammen damit, dass er die in ihn gesetzten Erwartungen entt&#228;uscht, ist   das ein Rezept daf&#252;r, dass die Wut der franz&#246;sischen Arbeiterklasse, die   jetzt noch unter der Oberfl&#228;che brodelt sich in gro&#223;em Widerstand   entladen wird.<\/p>\n<p>  Sollte jedoch Sarkozy in der zweiten Runde wieder gew&#228;hlt, wird er im   Gegensatz zu Hollande gar keinen Vertrauensvorschuss haben. Auch wenn es   eine Entt&#228;uschung &#252;ber seine Wiederwahl geben sollte, wird er mit   K&#252;rzungsma&#223;nahmen auf Widerstand sto&#223;en. So oder so ist der Aufbau einer   linken Alternative gegen die Politik von K&#252;rzungen und Umverteilung die   wichtigste Aufgabe der n&#228;chsten Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Wahlergebnis f&#252;r M&#233;lenchon dr&#252;ckt Potential f&#252;r eine neue Arbeiterpartei<br \/>\n      aus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14797"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14797\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}