{"id":14781,"date":"2012-04-17T00:00:00","date_gmt":"2012-04-16T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14781"},"modified":"2012-06-08T20:06:23","modified_gmt":"2012-06-08T18:06:23","slug":"14781","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/04\/14781\/","title":{"rendered":"Todessch&#252;sse in Berlin Neuk&#246;lln &#8211; was steckt dahinter?"},"content":{"rendered":"<p>  Unbekannter schoss auf f&#252;nf junge M&#228;nner, einer starb, zwei weitere   wurden lebensgef&#228;hrlich verletzt.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Es ist etwa 1.15 Uhr in der Nacht vom 4. zum 5. April, als Burak B.   (&#8224;22) und vier Freunde gegen&#252;ber des Klinikums Neuk&#246;lln auf den Bus   warten. Alle haben verschiedene famili&#228;re Hintergr&#252;nde, Buraks Familie   kam urspr&#252;nglich aus der T&#252;rkei. In einem Bezirk, in dem Menschen aus   &#252;ber 160 L&#228;ndern leben, ein normales Bild. Ein bislang nicht   identifizierter Mann l&#228;uft unvermittelt in Kapuzenjacke auf die F&#252;nf zu,   zieht einen Revolver und feuert viermal in die Gruppe. Burak erliegt den   Sch&#252;ssen in Lunge und Arm, zwei weitere konnten durch Notoperationen   gerettet werden. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Ren&#233; Kiesel, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Vom T&#228;ter fehlt jede Spur, es gibt nur eine vage Beschreibung. Vor allem   MigrantInnen in Berlin sind verunsichert und zunehmend entt&#228;uscht von   den Beh&#246;rden. Viele trauen sich nicht mehr allein auf die Stra&#223;e. Alle   haben das Gef&#252;hl, dass es jederzeit wieder passieren kann. Hinter allem   steht die Frage nach dem Warum. War es ein verr&#252;ckter Einzelt&#228;ter? Reiht   sich die Tat in die starken Aktivit&#228;ten der Rechten in diesem Teil des   Bezirks ein? Warum ist der T&#228;ter noch nicht gefasst?<\/p>\n<h4>  Eine Chronologie von Ereignissen<\/h4>\n<p>  War es ein gezielter Angriff auf migrantische Jugendliche durch einen   fanatischen Faschisten? Diese Frage wird selbst von b&#252;rgerlichen Medien   offen gestellt. Nach dem Skandal um die Faschistenzelle aus Zwickau, bei   der &#252;ber zehn Jahre lang felsenfest behauptet wurde, dass es sich um   Morde innerhalb der t&#252;rkischen Community gehandelt habe, sind viele   misstrauisch gegen&#252;ber den Aussagen der Beh&#246;rden. Damals war von   &#8222;D&#246;nermorden&#8220; und &#8222;T&#252;rkenmafia&#8220; die Rede. Jetzt ermitteln sie in jede   Richtung hei&#223;t es, ein rechter Hintergrund k&#246;nne nicht ausgeschlossen   werden. Die Zwickauer Faschistenbande agierte &#228;hnlich &#8211; ein Mord,   spurloses Verschwinden der T&#228;ter.<\/p>\n<p>  Wirft man einen Blick auf die Ereignisse um den Mord herum, erscheint   eine Tat aus Hass auf alles &#8222;Nichtdeutsche&#8220; aus rechtsradikalen Kreisen   nicht unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>  Eine rechtsradikale Gruppe mit dem Namen &#8222;Reichsbewegung,&#8220; offen   antisemitisch, ultranationalistisch, antikommunistisch und   antidemokratisch, schrieb im M&#228;rz einen Drohbrief an die j&#252;dischen und   muslimischen Gemeinden in Berlin. So auch an die Sehitlik-Moschee in   Neuk&#246;lln, in der Burak B. beigesetzt wurde. In dem Brief forderten sie   alle &#8222;Ausl&#228;nder&#8220; auf, das Land bis zum 1. August zu verlassen. Ansonsten   drohe ihnen Tod durch Erschie&#223;en.<\/p>\n<p>  Ein Indiz, dass es keine rechte Tat war, schien die Beschreibung zu   sein, dass der T&#228;ter einen osteurop&#228;ischen, m&#246;glicherweise russischen   Akzent habe. Auf der Seite der Gruppe &#8222;Reichsbewegung&#8220; findet man   Verbr&#252;derungsaufrufe zwischen dem russischen und dem deutschen Volk.   Dieser Zusammenhang ist frappierend, wurde jedoch bislang von niemanden   aufgegriffen.<\/p>\n<p>  Am 3. April um 13 Uhr wurde ein junger t&#252;rkischer Mann an einer   Bushaltestelle in Neuk&#246;lln von einem Mann, auf den die T&#228;terbeschreibung   passt (1,80 m gro&#223;, etwa 40 &#8211; 60 Jahre alt, helle Haut, osteurop&#228;ischer   Akzent), mit einer Waffe bedroht. Dabei soll er S&#228;tze gesagt haben wie   &#8222;Ich k&#246;nnte dich einfach erschie&#223;en, aber du bist noch nicht dran.&#8220;   &#196;hnliche S&#228;tze soll der T&#228;ter zu den zwei Unverletzten in der darauf   folgenden Nacht ge&#228;u&#223;ert haben. Wollte m&#246;glicherweise jemand aus dieser   Gruppe ein Exempel statuieren, zeigen, dass sie nicht bluffen?<\/p>\n<h4>  Dann die Sch&#252;sse in der Nacht vom 4. April zum 5. April im gleichen   Bezirk.<\/h4>\n<p>  Am Ostersonntag, nachdem der Vater des Ermorderten dessen Beisetzung in   der Sehitlik-Moschee im Norden Neuk&#246;llns organisierte, wurde das Geb&#228;ude   mit Farbbomben beworfen. Am Zaun wurde ein Bild von einem blutigen   Schwein mit der Aufschrift &#8222;Frohe Ostern&#8220; angeh&#228;ngt.<\/p>\n<p>  Zwei Tage sp&#228;ter meldete die NPD eine Demonstration unweit des Tatortes   unter dem Motto &#8222;Zeit zu handeln &#8211; Unserem Volk eine Zukunft &#8211;   kriminelle Ausl&#228;nder raus&#8220; an. Bereits Wochen vorher begann eine   Mobilisierung der &#246;rtlichen B&#252;ndnisse zu einer antifaschistischen   Demonstration unter dem Slogan &#8222;Zeit zu handeln &#8211; keine Homezone f&#252;r   Nazis,&#8220; um gegen die Aktivit&#228;ten im S&#252;den Neuk&#246;llns ein Zeichen zu   setzen und zu zeigen, dass sie dort keine &#8222;national befreite Zone&#8220;   errichten k&#246;nnen (Ein Bericht von dieser Demonstration befindet sich   bereits auf der Website sozialismus.info).<\/p>\n<h4>  In der Gegend um den Tatort wurden in den letzten anderthalb Wochen   vermehrt faschistische Schmierereien und rechte Aufkleber gesehen.<\/h4>\n<p>  Alles nur Zufall? Wollen die Faschisten den Mord an Burak f&#252;r ihre   Zwecke ausschlachten, oder ist es eine Kampagne, bei der der Mord an   Menschen billigend in Kauf genommen wird? Bereits bei den Morden der   NSU-Zelle feierten die Rechten deren Taten auf Demonstrationen, lange   bevor der &#214;ffentlichkeit offenbart wurde, dass sie dahinter stecken.   Ebenfalls stellte sich dort heraus, dass sie ein Netz von Unterst&#252;tzung   hatten (sowohl staatlich als auch in der Szene). Sonst w&#228;re ihnen kaum   gelungen, immer wieder erfolgreich abzutauchen. Jetzt fehlt ebenfalls   jede Spur des T&#228;ters.<\/p>\n<h4>  Die andere Seite<\/h4>\n<p>  &#8222;Wenn ich als T&#252;rke nach Deutschland ziehen w&#252;rde, w&#252;rde ich nach K&#246;ln   oder Neuk&#246;lln gehen, aber wo sollen wir hin, wenn wir nicht einmal hier   sicher sind?&#8220; So &#228;u&#223;erte sich bei einem t&#252;rkischen Einwohner Neuk&#246;llns   die gro&#223;e Verunsicherung, die vorherrscht.<\/p>\n<h4>  Nicht nur Freunde und Verwandte der Opfer sind betroffen. F&#252;r viele   Neuk&#246;llnerInnen war diese Tat ein Schock.<\/h4>\n<p>  Die, die Burak nahe standen kommen jeden Tag zum Tatort und haben dort   eine Mahnwache eingerichtet. &#220;ber Facebook starteten sie einen Aufruf,   am Donnerstag, 13. April, &#246;ffentlich Blumen an der Stra&#223;e niederzulegen.   Binnen weniger Stunden meldeten sich Hunderte bei der Veranstaltung an.   In den Abendstunden fanden sich dann mindestens 500 Menschen ein, die   dem Toten zum Gedenken eine Blume oder einen Blumenstrau&#223; niederlegten.   Selbst dort wollte eine Gruppe von 15-20 Faschisten provozierend   auftreten, wurde aber vorher von der Polizei abgefangen.<\/p>\n<p>  An der Beerdigung am folgenden Freitag nahmen &#252;ber 2.000 Menschen   Abschied. Weitaus mehr, als nur die Freunde und Verwandten des   Erschossenen. Die Solidarit&#228;t, die die Familie von der Bev&#246;lkerung   erh&#228;lt, ist wichtig. Aber es zeigt ebenso, wie sehr sich die Spannungen   innerhalb eines Bezirks, der von steigender Arbeitslosigkeit und Armut,   vor allem unter Jugendlichen gepr&#228;gt ist, in einer gro&#223;en Beteiligung   bei solchen Anl&#228;ssen widerspiegeln.<\/p>\n<p>  &#8222;Wenn er &#252;berfahren worden w&#228;re, w&#252;ssten wir wenigstens, was dahinter   steckt.&#8220; Gepaart mit der st&#228;ndigen Hetze gegen MigrantInnen durch   b&#252;rgerliche Politik, staatlichen Rassismus und sozialer Not, birgt   dieses Thema einige Sprengkraft in sich. Vor einem Monat waren bei der   Beisetzung eines Jugendlichen, der bei einer Messerstecherei starb,   bereits 3.000 TeilnehmerInnen. Sollte sich der Verdacht, dass ein   Faschist hinter der Tat steht, best&#228;tigen, kann es zu Frusthandlungen   kommen. Wenn offenbar wird, dass die Polizei fahrl&#228;ssig handelte oder   nicht mit dem gewollten Ergebnis, der Ergreifung und Verurteilung des   M&#246;rders, verst&#228;rkt das das Gef&#252;hl, nicht ernst genommen zu werden.<\/p>\n<h4>  Sofortige, transparente Aufkl&#228;rung!<\/h4>\n<p>  Der S&#252;den Neuk&#246;llns ist seit Jahren ein Schwerpunkt der rechtsradikalen   Szene, vor allem der Autonomen Nationalisten, die in v&#246;lliger   Personalunion einen NPD-Kreisverband Neuk&#246;lln gegr&#252;ndet haben. 2009 kam   es zu einer ganzen Serie von Anschl&#228;gen auf linke Vereine und   Jugendeinrichtungen, die besch&#228;digt und angez&#252;ndet wurden. Physische   Angriffe gegen MigrantInnen und Linke (oder jene, die die Faschisten   daf&#252;r halten), stehen seit langem auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>  Die Polizei wurde bereits f&#252;r ihre respektlose Informationspolitik   kritisiert, denn sie informierte die Familie erst Stunden nach der Tat,   als sie es l&#228;ngst von anderen erfahren hatte. Es existiert die   Bef&#252;rchtung, dass die Polizei Details der Ermittlung vorenth&#228;lt, bzw.   ein fahrl&#228;ssiges Vorgehen in dem Fall unter Verschluss h&#228;lt. So wurde   der Mann, der am Tag zuvor den jungen T&#252;rken an der Bushaltestelle   bedrohte, zwar auf die Wache gef&#252;hrt und in Gewahrsam genommen. Es   besteht jedoch die Sorge, dass dieser nach 24 Stunden wieder entlassen   wurde, die Tat begangen hat und nun trotz einiger weniger Hinweise weder   Identit&#228;t, noch Aufenthaltsort bekannt sind. Gerade nach dem NSU-Skandal   ist die Sensibilit&#228;t der &#214;ffentlichkeit f&#252;r solche &#8222;Fehler&#8220; gro&#223;. Um   eine Kontrolle &#252;ber die Ermittlungen zu haben, sollte eine unabh&#228;ngige   Kommission aus Betroffenen, VertreterInnen migrantischer und   antifaschistischer Organisationen und AnwohnerInnen gebildet werden, die   freien Zugang zum Stand der Untersuchungen haben. Damit kann vermieden   werden, dass m&#246;glichen Hinweisen nicht gefolgt wird oder Fehler unter   Ausschluss der &#214;ffentlichkeit begangen und vertuscht werden. Es ist dann   ebenso m&#246;glich, durch eine unabh&#228;ngige &#214;ffentlichkeitsarbeit die   Realit&#228;t wahrheitsgetreu wiederzugeben und dies nicht tendenzi&#246;sen   b&#252;rgerlichen Medien zu &#252;berlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Unbekannter schoss auf f&#252;nf junge M&#228;nner, einer starb, zwei weitere<br \/>\n      wurden lebensgef&#228;hrlich verletzt.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[75,5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14781"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14781"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14781\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}