{"id":14767,"date":"2012-04-11T00:00:00","date_gmt":"2012-04-10T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14767"},"modified":"2012-07-21T14:04:45","modified_gmt":"2012-07-21T12:04:45","slug":"14767","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/04\/14767\/","title":{"rendered":"Von Regulierung und Kapitalismus: Beherrschen uns die Finanzm&#228;rkte?"},"content":{"rendered":"<p>  Kann der Kapitalismus gez&#228;hmt werden?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>&#8222;Passanten wandten den Kopf aus Furcht vor dem, was hier geschah   und zugleich in dem Verlangen, das Geheimnis dieser Finanzoperationen zu   ergr&#252;nden, in die nur wenige Geister eindringen, dieses unerkl&#228;rliche   pl&#246;tzliche Entstehen und Zusammenbrechen von Verm&#246;gen.<\/i><\/b>&quot;<\/p>\n<p>  <b>(Emile Zola, &#8222;Das Geld&#8220;, 1891)<\/b><\/p>\n<p>  Im vergangenen November war Josef Ackermann in der Deutschen Botschaft   von Paris eingeladen. Dort gab er seine Sicht der Dinge &#252;ber die   Euro-Krise zum Besten. Der Deutsche-Bank-Chef machte drei Kernaussagen:   Erstens d&#252;rften die Finanzh&#228;user in keiner Weise gez&#252;gelt werden,   zweitens sollten &#252;berall Schuldenbremsen greifen und drittens st&#228;nde   eine &#196;nderung des EU-Vertrags an. Kommt einem doch alles recht vertraut   vor. Kein Wunder. Denn genau das, was Ackermann den europ&#228;ischen   Regierungschefs ins Stammbuch schrieb, stellte einen Monat sp&#228;ter die   Agenda des Br&#252;sseler EU-Gipfels dar. Was einmal mehr zeigt, welche Macht   die Vorstandsetagen der Banken heute innehaben.<\/p>\n<h4>  <b><i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/b><\/h4>\n<p>  R&#252;ckblende: Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise 2007-09 betrug das   Finanzverm&#246;gen beinahe das Vierfache dessen, was auf dem Planeten   j&#228;hrlich an G&#252;tern und Dienstleistungen erzeugt wird (1980 entsprachen   die Finanzverm&#246;gen &#8222;nur&#8220; dem weltweiten Sozialprodukt). In der gr&#246;&#223;ten   Volkswirtschaft der Welt, den USA, entfiel fast die H&#228;lfte der Profite   der 500 gr&#246;&#223;ten b&#246;rsennotierten Unternehmen auf Finanzunternehmen.   Verm&#246;gen und Gewinne im Finanzsektor schnellten nicht blo&#223; rasant in die   H&#246;he, sondern wurden auch immer spekulativer verwendet. So belief sich   im April 2007 der Tagesumsatz des internationalen Devisenhandels auf 3,2   Billionen Dollar. Im gleichen Jahr umfasste der gesamte Weltexport 14,4   Billionen Dollar. Eine knappe Woche h&#228;tte also gereicht, um den globalen   Handel des ganzen Jahres abzuwickeln &#8211; die restliche Zeit diente laut   der Londoner International Financial Services fast ausschlie&#223;lich   spekulativen Zwecken.<\/p>\n<h4>  Die M&#228;r von der Z&#228;hmung der Finanzm&#228;rkte<\/h4>\n<p>  Als die &#214;konomie international aus den Fugen geriet, ging selbst   notorischen Wirtschaftsliberalen wie dem Ex-IWF-Direktor und damaligen   Bundespr&#228;sidenten Horst K&#246;hler die Liberalisierung der Finanzm&#228;rkte zu   weit. K&#246;hler attackierte diese seinerzeit als &#8222;Monster&#8220;, das es zu   z&#228;hmen gelte. Der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini   pl&#228;dierte f&#252;r eine &#8222;neue Finanzarchitektur&#8220;. Der selbe Roubini schimpfte   auch &#252;ber das &#8222;Schrottsystem&#8220;. Darunter verstand er jedoch nicht den   Kapitalismus als Ganzes, sondern nur die Entartung des Finanzsektors.   Und genau da liegt das Problem.<\/p>\n<p>  Eine Trennung von Industrie- und Bankkapital ist gar nicht so leicht   vorzunehmen. Schlie&#223;lich hat die Verflechtung gewaltig zugenommen. Die   Industrie machte sich immer st&#228;rker von den Finanzh&#228;usern abh&#228;ngig.   Gleichzeitig er&#246;ffnete in den letzten Jahrzehnten ein   Industrieunternehmen nach dem anderen eigene &#8222;Bankabteilungen&#8220;; Porsche   verbuchte im Gesch&#228;ftsjahr 2006\/2007 &#252;ber Finanzoperationen fast viermal   so viel Geld wie mit dem Verkauf von Autos.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich sind Ma&#223;nahmen zur Regulierung der Finanzm&#228;rkte zu begr&#252;&#223;en.   Das reicht aber nicht aus. &#220;brigens sind manche Vorschl&#228;ge, wie die   wiederholt geforderte Aufspaltung der Finanzh&#228;user in Investment- und   Gesch&#228;ftsbanken, gar nicht neu. In den USA war unter Pr&#228;sident Franklin   D. Roosevelt 1933 im sogenannten Glass-Steagall-Act genau solch eine   Trennung beschlossen worden &#8211; was dennoch nicht verhinderte, dass immer   riskantere Gesch&#228;fte im US-Finanzgeschehen get&#228;tigt wurden (bevor unter   Bill Clinton 1999 diese Trennung wieder offiziell aufgehoben wurde).<\/p>\n<p>  Dies bringt uns zur&#252;ck zur Erkenntnis von Karl Marx, wonach &#8211; wie er   angesichts der Krise von 1857 schrieb &#8211; nicht das Fieber die Ursache der   Krankheit ist, sondern nur ihr hervorstechendstes Symptom. Dass es zu   kurz greift, lediglich die Finanzm&#228;rkte entwaffnen zu wollen, macht ein   entscheidender Umstand deutlich: Der Triumph des Finanzsektors ging in   den vergangenen 30 bis 40 Jahren mit einem Zur&#252;ckbleiben der sogenannten   &#8222;Realwirtschaft&#8220; einher.<\/p>\n<h4>  Monetarismus und Neoliberalismus<\/h4>\n<p>  Die Weltwirtschaftskrise 1974\/75 markierte einen Wendepunkt. Seitdem   explodierten in den meisten kapitalistischen Staaten Schulden und   Arbeitslosenzahlen, w&#228;hrend sich parallel dazu Wachstumsraten und die   Produktivit&#228;tssteigerungen deutlich abschw&#228;chten.<\/p>\n<p>  Wenn man der Frage nachgehen will, wie es zu dieser Z&#228;sur kam, sollte   man zun&#228;chst kl&#228;ren, was den Aufschwung der f&#252;nfziger und sechziger   Jahre erm&#246;glichte. Dieser Nachkriegsboom war das Resultat einer   einmaligen &#246;konomisch-politischen Konstellation gewesen. Vor dem   Hintergrund der Vernichtungsorgie des Zweiten Weltkriegs konnten sowohl   die Kapitalisten in den USA als auch in Westeuropa und Japan ihre   Profite enorm steigern. Den US-Konzernbesitzern verhalf ihr   technologischer Vorsprung zu exorbitanten Gewinnen. Ihren japanischen   und europ&#228;ischen Kontrahenten nutzten die dortigen Hungerl&#246;hne. Da sich   diese Technologiel&#252;cke allm&#228;hlich schloss, w&#228;hrend die Arbeiterklasse   Lohnsteigerungen erk&#228;mpfte, fiel die Rendite der Kapitaleigner   sukzessive schw&#228;cher aus. Diese und weitere Faktoren f&#252;hrten dazu, dass   sich eine langfristige Krisentendenz des Kapitalismus, der sogenannte   tendenzielle Fall der Profitrate, durchsetzte. Schlie&#223;lich ist es die   menschliche Arbeitskraft, die allein neue Werte schafft. Da die   Konkurrenz aber zu einer stetigen Erh&#246;hung der Produktivit&#228;t und zur   Einf&#252;hrung neuer Techniken zwingt, nimmt der Anteil der Arbeit fr&#252;her   oder sp&#228;ter ab, w&#228;hrend der Anteil von konstantem Kapital, insbesondere   von Maschinen, zunimmt. Jedenfalls sorgten die grundlegenden   Widerspr&#252;che des kapitalistischen Systems daf&#252;r, dass sich Ende der   sechziger, Anfang der siebziger Jahre die Profitbedingungen   verschlechterten. Das aufgeh&#228;ufte Kapital fand weniger geeignete   Anlagem&#246;glichkeiten vor und geriet in eine Krise der sogenannten   strukturellen &#220;berakkumulation.<\/p>\n<p>  Parallel dazu zerbrach die Weltw&#228;hrungsordnung der Nachkriegszeit mit   festen Wechselkursen und der Bindung des Dollar als Leitw&#228;hrung an den   Goldstandard. Enorme Wechselkursschwankungen, gr&#246;&#223;ere Risiken bei der   W&#228;hrungsstabilit&#228;t und turbulentere Bewegungen auf dem Devisenmarkt   waren die Folge.<\/p>\n<p>  Von 1945 an bis in die siebziger Jahre hinein dominierte die b&#252;rgerliche   Wirtschaftspolitik des Keynesianismus. Konfrontiert mit dem Einbruch   1974\/75 suchten die Herrschenden nach Auswegen. Nicht &#252;ber Nacht,   vielmehr &#252;ber mehrere Jahre hinweg setzte sich eine neue b&#252;rgerliche   Linie durch. Von der keynesianischen Nachfrageankurbelung, Zinssenkungs-   und antizyklischen Haushaltspolitik wendete man sich ab und dem   Wirtschaftsliberalismus zu, der schon vor 1929 bestimmend war und heute   als Neoliberalismus und Monetarismus betitelt wird. Letzteres &#8211; als   Reaktion auf die Inflation der siebziger Jahre &#8211; galt der Fixierung auf   Geldmengensteuerung und Geldwertstabilit&#228;t. Die Monetaristen um die   &#8222;Chicago Boys&#8220; von Milton Friedman wurden zum ersten Mal in Chile nach   1973 zu Rate gezogen. Chile wurde zu ihrem &#8222;Labor&#8220; &#8211; diese F&#252;rsprecher   der v&#246;lligen Freiheit des Kapitals waren ausgerechnet dann gefragt, als   der General Augusto Pinochet geputscht und eine Milit&#228;rdiktur errichtet   hatte.<\/p>\n<p>  Ausgehend von dem Experimentierfeld Lateinamerika trat die Politik von   Monetarismus und Neoliberalismus ihren Siegeszug an. Privatisierung,   versch&#228;rfte Umverteilung von unten nach oben und eine weitreichende   Deregulierung der M&#228;rkte, allen voran der Finanzm&#228;rkte, waren auf dem   Vormarsch.<\/p>\n<p>  Man feierte den &#8222;Shareholder Value&#8220; und rief die &#8222;Gesellschaft der   Aktion&#228;re&#8220; aus &#8211; wobei die Masse des Aktienbesitzes trotzdem immer in   den H&#228;nden einiger Weniger konzentriert war. Mehr und mehr Unternehmen   wandelten sich in Aktiengesellschaften um und richteten den Blick auf   die H&#246;he der n&#228;chsten Dividende &#8211; womit nicht auf langfristige   Investitionen, sondern auf kurzfristige Gewinnaussch&#252;ttung gesetzt wurde.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Kapitalherren zahlte sich diese Wende aus. Ihre Verm&#246;gen   schwollen weiter an. In den USA konnten das reichste ein Prozent   zwischen 1979 und 2006 das Verm&#246;gen auf 22,6 Prozent des   Gesamteinkommens mehr als verdoppeln.<\/p>\n<p>  Der fr&#252;here US-Banker und Buchautor Charles R. Morris konstatierte 2008,   dass die Profite von 2000 an zwar hoch waren, die Kapitalausgaben in der   Wirtschaft jedoch d&#252;rftig ausfielen. In der Tat. Das Profitniveau   n&#228;herte sich &#8211; aufgrund der Gewinne im Finanzsektor und der versch&#228;rften   Ausbeutung &#8211; wieder den Raten der sechziger Jahre an. Die Ausweitung des   Kapitalstocks fiel jedoch nur halb so hoch aus wie in den sechziger   Jahren (und lag damit unterhalb der Rate des Wirtschaftswachstums). Die   Kapazit&#228;tsauslastung ging stark zur&#252;ck. Kapitalinvestitionen in neue   Produktionskapazit&#228;ten, der Schl&#252;ssel f&#252;r neue Technologien und k&#252;nftige   Produktivit&#228;tssteigerungen, befinden sich mittlerweile auf einem   historisch niedrigen Niveau. Die Wachstumsraten halbierten sich in den   letzten 50 Jahren: W&#228;hrend das Sozialprodukt in den sechziger und   siebziger Jahren pro Kopf um durchschnittlich drei Prozent gesteigert   wurde, erh&#246;hte es sich zwischen 1980 und 2006 nur noch um 1,4 Prozent im   Jahr.<\/p>\n<p>  Nach wie vor steckt der Kapitalismus in einer Krise von struktureller   &#220;berakkumulation. Mangels profitabler Anlagem&#246;glichkeiten in der   &#8222;Realwirtschaft&#8220; wurde der Finanzsektor seit den achtziger Jahren   gigantisch ausgeweitet. Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist allerdings   nicht die Gier der &#8222;Bankster&#8220;, sondern ein fundamentales Problem in der   Produktion und in der kapitalistischen Wirtschaft als Ganzes.<\/p>\n<h4>  Noch der Kapitalismus von Marx?<\/h4>\n<p>  Nat&#252;rlich gab es zur Lebzeit von Karl Marx noch keine Hedge-Fonds und   erst recht keinen elektronischen Aktienhandel. Aber schon damals   existierte ein Finanzsektor. Motor waren Banken und B&#246;rsen. Kredit, Zins   (wor&#252;ber das Geldkapital seinen Anteil am Mehrwert fordert) und   Spekulation gab es ebenfalls. Da London seit Mitte des 19. Jahrhunderts   der gr&#246;&#223;te Finanzplatz auf der Erde war, sa&#223; Marx bei seinen   Beobachtungen quasi in der ersten Reihe. Im &#8222;Kapital&#8220; analysierte er die   &#8222;Fetischisierung des Geldes&#8220; und das &#8222;fiktive Kapital&#8220;, im dritten Band   widmete er diesen und anderen Fragen zum Beispiel im F&#252;nften Abschnitt   &#8222;Spaltung des Profits in Zins und Unternehmergewinn. Das zinstragende   Kapital&#8220; 16 Kapitel.<\/p>\n<p>  Bei den Banken werden &#8222;die Geldersparnisse und das augenblicklich   unbesch&#228;ftigte Geld aller Klassen&#8220;, wie Marx schreibt, &#8222;deponiert.   Kleine Summen, jede f&#252;r sich unf&#228;hig, als Geldkapital zu wirken, werden   zu gro&#223;en Massen vereinigt und bilden so eine Geldmacht.&#8220; Da mit der   industriellen Entwicklung die erforderlichen Kapitalvorsch&#252;sse immer   weniger durch die privaten Einzelkapitale aufgebracht werden konnten,   verhalfen die Banken den Unternehmen zu Investitionen. Damals wie heute   muss der Kredit nicht automatisch Krisen verursachen, sondern kann auch   das Mittel sein, um die Entwicklung der Wirtschaft voranzutreiben.<\/p>\n<p>  Aber schon damals &#8211; und heute st&#228;ndig &#8211; dienten Kredite h&#228;ufig nur   Spekulationsgesch&#228;ften &#8211; was einem Abzug von m&#246;glichen Investitionen in   die Ausweitung der Produktion gleichkommt.<\/p>\n<p>  Im Laufe der Zeit hat sich das &#8222;fiktive Kapital&#8220; in Form von diversen   Wertpapieren als immer bedeutsamer herausgestellt. Zum einen gibt es   also Geldkapital, das an Unternehmen flie&#223;t und dort eingesetzt wird,   zum anderen erwerben die Geldbesitzer mittels Aktien oder &#228;hnlichem   Anspr&#252;che auf Zins- und Dividendenzahlungen. Diese Anspr&#252;che sind   deshalb &#8222;fiktiv&#8220;, weil ihr &#8222;Wert&#8220; nicht der Wertsumme entspricht, die   urspr&#252;nglich f&#252;r die Anspr&#252;che bezahlt wurde, sondern blo&#223; ein   Rechenwert ist, der auf Gewinnerwartungen basiert.<\/p>\n<p>  Je mehr die Finanzakkumulation zunimmt, desto mehr entwickelt sich eine   &#8222;Verselbstst&#228;ndigung des Zinses&#8220;. In Zeiten des &#8222;irrationalen   &#220;berschwangs&#8220; (wie es in den letzten Jahren hie&#223;) erscheint der   &#8222;Produktionsprozess nur als (&#8230;) notwendiges &#220;bel zum Behuf des   Geldmachens&#8220;. Und weiter: &#8222;Alle Nationen kapitalistischer   Produktionsweise werden daher periodisch von einem Schwindel ergriffen,   worin sie ohne die Vermittlung des Produktionsprozesses das Geldmachen   vollziehen wollen.&#8220; Dieser &#8222;Schwindel&#8220; kehrte seinerzeit periodisch   wieder. In der Niedergangs&#228;ra des Kapitalismus, die vor 100 Jahren   einsetzte, handelt es sich nicht mehr blo&#223; um einen periodischen,   sondern &#8211; vor allem was die Gegenwart betrifft &#8211; de facto um einen   chronischen &#8222;Schwindel&#8220;.<\/p>\n<h4>  Aufbl&#228;hung des Finanzsektors<\/h4>\n<p>  Nicht erst in diesen Tagen, sondern bereits seit den Siebzigern ist der   Weltkapitalismus von F&#228;ulnis und Stagnation gekennzeichnet. Ausdruck   dessen sind die sich in vielen Staaten &#8211; schon vor dem Crash 2007-09 &#8211;   auft&#252;rmenden Schulden. Neben der Staatsverschuldung gerieten auch   Unternehmen und Privathaushalte mehr und mehr in die roten Zahlen.<\/p>\n<p>  Im Prinzip stellte der Anstieg der Verschuldung einen kurzfristigen   Ausweg aus dem Widerspruch dar, dass Kapitalismus Profitmaximierung   bedeutet (und damit Beschr&#228;nkung der Massenkaufkraft), gleichzeitig aber   seine Waren verkaufen muss.<\/p>\n<p>  Bei den Unternehmensdefiziten liegen zumeist die Banken vorn. F&#252;r die   USA als weiterhin gr&#246;&#223;te Volkswirtschaft rechnete Roubini in der &#8222;Zeit&#8220;   vom 19. August 2010 vor: W&#228;hrend die Wirtschaftsunternehmen ihre   Schulden zwischen 1981 und 2008 von 53 auf 76 Prozent erh&#246;hten,   verf&#252;nffachte sich die Verschuldung der Banken von 22 auf 117 Prozent.   Mittels &#8222;Fremdfinanzierung&#8220; lie&#223; sich ihr Kreditvolumen dennoch m&#228;chtig   &#8222;hebeln&#8220;. Sobald aber die Stimmung kippt und Verluste zu Buche schlagen,   fehlt es an Eigenkapital &#8211; der Staat muss einspringen (zumindest, wenn   es nach Ackermann und Co. geht). Wie wir es vor vier Jahren erlebten.<\/p>\n<p>  Zu Schwergewichten bei der Verm&#246;gensverwaltung entwickelten sich die   &#8222;institutionellen Anleger&#8220;. Das k&#246;nnen Versicherungen, Pensions- oder   Investmentsfonds sein. W&#228;hrend die eigentlichen Bankh&#228;user 2006 ein   Viertel aller Verm&#246;gen weltweit verwalteten, managten diese   &#8222;institutionellen Anleger&#8220; drei Viertel der Verm&#246;gen (so die   Unternehmensberatung McKinsey).<\/p>\n<p>  Dass die Finanzmarktpolitik immer spekulativer wurde, zeigt sich nicht   zuletzt an der gewachsenen Bedeutung der &#8222;finanzpolitischen   Massenvernichtungswaffen&#8220; (Warren Buffet), den Derivaten. Das sind de   facto Wettscheine &#8211; Finanzinstrumente, deren Wert von k&#252;nftigen Kursen   oder Preisen anderer Handelsg&#252;ter oder Verm&#246;gensgegenst&#228;nde abh&#228;ngt. Das   Derivatevolumen belief sich 2005 gesch&#228;tzt auf das Zehnfache des   Weltsozialprodukts. So kam es zu einem irrsinnigen Wachstum der Best&#228;nde   von Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps). &#220;ber solche CDS   kauft sich der Gl&#228;ubiger einer Forderung, zumeist Banken, eine   Absicherung bei einer anderen Bank. Die zweite Bank kann sich bei einer   dritten wiederum gegen Zahlungsausf&#228;lle absichern, und so weiter. So   entsteht eine heikle Pyramide. 2007 &#252;bertraf das Volumen aller CDS das   Weltsozialprodukt.<\/p>\n<p>  Urspr&#252;nglich dienten diese Gesch&#228;fte nicht der Spekulation, sondern   gerade dem Schutz vor unerw&#252;nschter Spekulation. Denn seit dem   Zusammenbruch von Bretton Woods fuhren die Wechselkurse Achterbahn, auch   Rohstoffpreise (zum Beispiel der &#214;lpreis) schwankten seit den siebziger   Jahren stark. Deshalb wurden die Kapitalisten zu Spekulanten wider   Willen. Sie versuchten sich mit &#8222;Gegengesch&#228;ften&#8220; abzusichern. Ein   Kapitalist, der in die USA exportierte, wettete beispielsweise auf einen   fallenden Dollarkurs (indem er zum Beispiel entsprechende Derivate   kaufte). Wenn der Dollar dann stieg, konnte man beim Export in die USA   Extraprofite machen &#8211; hatte aber die &#8222;Wette&#8220; verloren. Wenn der Dollar   aber fiel, hatte man die &#8222;Wette&#8220; gewonnen, machte aber beim eigentlichen   Gesch&#228;ft weniger Gewinn oder gar Verlust. Aber diese   Finanzmarktinstrumente, die f&#252;r Gegengesch&#228;fte zum Geschehen in der   &#8222;Realwirtschaft&#8220; erfunden wurden, lie&#223;en sich auch eigenst&#228;ndig t&#228;tigen,   also f&#252;r Spekulationszwecke. Das zeigt nur, wie flie&#223;end die &#220;berg&#228;nge   von der sogenannten Realwirtschaft und der spekulativen Aktivit&#228;ten sind.<\/p>\n<p>  Generell wurde die Kreditpolitik der Banken in den letzten 30 Jahren   immer abenteuerlicher. Mehr noch: 25 bis 30 Prozent aller   Finanztransaktionen laufen inzwischen &#252;ber sogenannte &#8222;Schattenbanken&#8220;   wie zum Beispiel Hedge-Fonds oder Geldmarkt-Fonds (die &#252;ber keine   Banklizenz verf&#252;gen und keiner beh&#246;rdlichen Aufsicht unterliegen).   Banken gr&#252;ndeten beispielsweise zuhauf au&#223;erbilanzielle   Zweckgesellschaften (Conduits). So behielten sie w&#228;hrend des   Immobilienbooms von ihnen vergebene Hypotheken nicht in den eigenen   B&#252;chern, sondern wandelten diese in Wertpapiere um und verkauften sie an   solche Conduits, die nicht kontrolliert werden und mit denen sich ein   weiteres, oftmals gr&#246;&#223;eres Rad drehen lie&#223;.<\/p>\n<p>  Auf die Spitze getrieben wurde die parasit&#228;re Finanzwirtschaft durch die   neuen Finanzinvestoren Hedge-Fonds und Private Equity Fonds. Bei   Hedge-Fonds handelt es sich um von Kapitalanlagegesellschaften   aufgelegte Finanzmarktprodukte, an denen Anleger Anteile erwerben   k&#246;nnen. Der Einfluss der Hedge-Fonds resultiert daraus, dass sie nahezu   keiner Aufsicht unterliegen, f&#252;r bestimmte Operationen Kapital   einsammeln, durch Kredite vervielfachen und somit schnell und   konzentriert riesige Kapitalmassen mobilisieren k&#246;nnen. Diese   Hedge-Fonds oder Spekulationsfonds wetten auf Preisschwankungen und   handeln mit allem, was auf dem Kapitalmarkt handelbar ist: ob W&#228;hrungen,   &#214;l oder Schweineh&#228;lften.<\/p>\n<p>  Private-Equity-Gesellschaften sind Beteiligungsgesellschaften. Man legt   einen Fonds auf, sammelt Geld ein, kauft sich damit in ein Unternehmen   ein, trimmt dieses &#8222;zum Teufel komm raus&#8220; auf Profit, saugt Kapital aus   dem Unternehmen heraus und st&#246;&#223;t dieses nach wenigen Jahren wieder ab.   In den vergangenen Jahren machten sich Private Equity Fonds zum Beispiel   &#252;ber Pro Sieben Sat 1, die Kaufhauskette Woolworth oder den Gr&#252;nen Punkt   her.<\/p>\n<p>  Schon vor der gr&#246;&#223;ten Wirtschafts- und Finanzkrise seit 1929 f&#252;hrten   diese Prozesse zu einer Destablisierung der Weltwirtschaft. So waren die   Aufschwungszyklen seit den achtziger Jahren regelm&#228;&#223;ig von   Blasenbildungen begleitet und wurden von zumindest regionalen Krisen wie   der S&#252;dostasien-Krise 1997\/98 ersch&#252;ttert. Allein in den letzten zw&#246;lf   Jahren sind drei Spekulationsblasen geplatzt: Die Blase der   &#8222;Schwellenstaaten&#8220; Brasilien und Argentinien 2001\/02, zu gleichen Zeit   die Dot-Com-Blase und schlie&#223;lich die Subprime-Immobilien-Blase 2007.<\/p>\n<p>  Nicht zwangsl&#228;ufig muss die Kreditwirtschaft zu Pleiten f&#252;hren. In den   f&#252;nfziger und sechziger Jahren beispielsweise waren die meisten   Kreditnehmer in der Lage, f&#252;r Anschaffungen geliehenes Geld   zur&#252;ckzuzahlen. Denn damals wuchs die Wirtschaft stark. Demgegen&#252;ber   wurde in der letzten Periode das Gros der Kredite, wie es der   b&#252;rgerliche &#214;konom Josef Schumpeter mal bezeichnete, &#8222;aus dem Nichts   geschaffen&#8220;. Das muss sich irgendwann r&#228;chen. Und das erlebten viele   Hausk&#228;ufer &#8211; ob in den USA, in Spanien oder Irland &#8211; von 2007 an.   Pl&#246;tzlich waren sie nicht mehr in der Lage, die Kreditraten zu bezahlen.   Oder sie sparten sich dieses Geld &#8222;vom Mund ab&#8220;, was die kaufkr&#228;ftige   Nachfrage und damit damit die Wirtschaftsentwicklung insgesamt weiter   schw&#228;chte.<\/p>\n<p>  &#220;brigens sprach Marx schon von der &#8222;Spargroschenfalle&#8220;. Auch wenn es die   klassischen Sparkassen oftmals nicht mehr gibt (wobei in den USA erst in   den Achtzigern eine gro&#223;e Sparkassen-Krise tobte), kommen einem die   S&#228;tze aus dem &#8222;Kapital&#8220; doch bekannt vor: &#8222;Die Sparkasse ist die goldene   Kette, woran die Regierung einen gro&#223;en Teil der Arbeiter h&#228;lt. Es   trifft nicht nur Spaltung ein zwischen dem Teil der Arbeiterklasse, der   an den Sparkassen beteiligt, und dem Teil, der nicht an denselben   beteiligt ist. Die Arbeiter liefern so ihren Feinden selbst Waffen in   die Hand zur Erhaltung der bestehenden, sie unterjochenden Organisation   der Gesellschaft.&#8220;<\/p>\n<h4>  Banken in Dauerkrise<\/h4>\n<p>  Obwohl die &#8222;Jahrhundertkrise&#8220; (Alan Greenspan) absehbar war, steuerte   das Kapital unaufhaltsam darauf zu. Als ob es, mit Martin Luther, sagen   wollte: &#8222;Ich kann nicht anders, Gotte helfe mir, Amen.&#8220; Die fehlenden   profitablen Anlagem&#246;glichkeiten in der Produktion hatten zur   beispiellosen Aufbl&#228;hung des Finanzsektors und zur neoliberalen   Offensive gef&#252;hrt. Dies resultierte im Platzen der Blase und (nicht   zuletzt aufgrund der geschm&#228;lerten Massenkaufkraft) in der globalen   Rezession. Der b&#252;rgerliche Triumphalismus wich Selbstzweifeln. &#8222;Ein   Gespenst geht um: Das Gespenst vom Scheitern des Kapitalismus&#8220; (FAZ vom   20. M&#228;rz).<\/p>\n<p>  Dass die Banken trotz all der neuen Finanzmarktinstrumente weiterhin den   Kern des Finanzsystems ausmachen, zeigte sich in der Panik vor den   drohenden Bankenpleiten 2008. International wurden 15 Billionen Dollar   an Bankenrettungs- und Konjunkturprogrammen locker gemacht &#8211; um ein   Bankensterben wie nach 1929 abzuwehren. Wodurch die Staatsverschuldung   eskalierte. Und in den letzten zwei Jahren fast &#252;berall auf der Welt   eine Wende hin zur Austerit&#228;tspolitik eingeleitet wurde. Was wiederum   den schwachen Konjukturmotor vollends zum Erliegen bringen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Dabei ist die Bankenkrise keineswegs gel&#246;st. Denn die   Staatsschuldenkrise f&#228;llt auf die Banken zur&#252;ck, schlie&#223;lich sind sie in   der Regel die Hauptgl&#228;ubiger von Staatsanleihen. Dazu kommt, dass die   verschuldeten Banken in den letzten Jahren ebenfalls massiv Kredite   aufnehmen mussten und jetzt &#8222;Zahltag&#8220; ist und die Refinanzierung f&#228;llig   wird (man hat die kranken Banken ja nicht kuriert, sondern nur mit   Antibiotika vollgepumpt). Damit ist auch die Kreditklemme zur&#252;ckgekehrt;   Banken leihen einander kaum noch Geld, der klassische Geldmarkt ist in   Lethargie gefangen. All das wirkt auf die &#8222;Realwirtschaft&#8220; zur&#252;ck, da   noch weniger Mittel f&#252;r Unternehmenskredite zur Verf&#252;gung stehen.<\/p>\n<p>  Um Finanzh&#228;user erneut vor dem Ruin zu bewahren, wurden zwar keine neuen   Konjukturprogramme aufgelegt. Daf&#252;r wurde fast synchron weltweit ein   neuer &#8222;Tsunami&#8220; (so die brasilianische Regierungschefin Dilma Rousseff)   des &#8222;billigen Geldes&#8220; gestartet. Allein die Euro Hypo, die eine   Giftbilanz von 200 Milliarden Euro mitschleppt, bekam von der   Europ&#228;ischen Zentralbank (EZB) zehn Milliarden Euro zu g&#252;nstigsten   Konditionen geliehen. Still und heimlich wurde in Deutschland auch eine   Neuauflage des SoFFin (Sonderfonds f&#252;r Finanzmarktstabilisierung) auf   den Weg gebracht.<\/p>\n<p>  Mittelfristig kann diese Geldschwemme durch die Notenbanken die   Inflation n&#228;hren. Vor allem aber treibt diese Politik einmal mehr   Spekulation und Blasenbildung voran. (Fiktives) Kapital wird nicht aus   dem Weg ger&#228;umt &#8211; wodurch auf kapitalistischer Basis die Voraussetzungen   f&#252;r einen neuen Wirtschaftsaufschwung fehlen.<\/p>\n<h4>  Planwirtschaft<\/h4>\n<p>  Im Juni 2009 war die Queen von der Londoner Schule f&#252;r Wirtschaft   eingeladen worden. Dort fragte sie ganz naiv in die Runde: &#8222;Warum konnte   die Krise denn niemand voraussehen?&#8220; Ganz einfach, m&#246;chte man ihr   zurufen: Weil der Kapitalismus ein anarchisches, ungeplantes System ist.   Unf&#228;hig, seinen Grundwiderspruch &#8211; einerseits gesellschaftliche   Produktion und andererseits private Aneignung &#8211; zu &#252;berwinden. Geplant   wird nur auf betriebswirtschftlicher, aber nicht   gesamtgesellschaftlicher Ebene. Die Produzenten selber, die lohnabh&#228;ngig   Besch&#228;ftigten, werden aus dem Entscheidungsfindungsprozess komplett   rausgehalten. Offene Diskussionen und eine demokratische Einbeziehung   und Kontrolle durch die gro&#223;e Bev&#246;lkerungsmehrheit bleiben aus.<\/p>\n<p>  N&#246;tig ist es, alle Banken in einem einheitlichen &#246;ffentlichen   Bankensektor zusammenzufassen. Statt Wucherzinsen und   Zwangsversteigerungen sollten die verstaatlichten Banken die retten,   die, wie die Kleinanleger, gerettet geh&#246;ren. Da eine Trennung in &#8222;b&#246;se&#8220;   Banken und &#8222;gute&#8220; Unternehmen Unsinn ist, m&#252;ssen nicht nur die Banken,   sondern auch die Konzerne in &#246;ffentliches Eigentum &#252;berf&#252;hrt und   demokratisch kontrolliert und verwaltet werden. H&#246;chste Zeit, dass an   die Stelle des Profitstrebens eine demokratisch geplante Wirtschaft zur   Befriedigung von Mensch und Natur tritt.<\/p>\n<p>  Die Mobilisierung zu den europaweiten Protesten im Mai in Frankfurt am   Main gegen die Bankenmacht bietet die beste Gelegenheit, &#252;ber diese   Ideen und Ziele weiter zu diskutieren.<\/p>\n<h4>  Anhang I: Regiert das Geld die Welt?<\/h4>\n<p>  147 Unternehmen beherrschen 40 Prozent des globalen   Wirtschaftsgeschehens. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer Studie der   &#8222;Eidgen&#246;ssischen Technischen Hochschule Z&#252;rich&#8220;, die letztes Jahr   ver&#246;ffentlicht wurde. Mehr als die H&#228;lfte dieser Unternehmen sollen   Finanzinstitute sein.<\/p>\n<p>  Regiert das Geld also die Welt? Ganz so einfach ist es nicht. Denn Geld   kann nicht &#8222;arbeiten&#8220;. Wenn an den Finanzm&#228;rkten mit Zahlen jongliert   wird, Wetten &#252;ber Preisentwicklungen abgeschlossen werden und man in   Sekundenschnelle zwischen den Besitzern Unsummen hin- und herschiebt,   dann entsteht dabei kein neuer Wert. Der ganze gesellschaftliche   Reichtum wird in der &#8222;Realwirtschaft&#8220; geschaffen, daf&#252;r ist der Einsatz   menschlicher Arbeit unabdingbar. Der Kreislauf des industriellen   Kapitals, einschlie&#223;lich Warenhandel, Dienstleistungen oder Spedition,   bestimmt in letzter Instanz den Verwertungsprozess des gesamten   Kapitals. Deshalb greift die Forderung auch zu kurz, nur den   Bankensektor trocken zu legen.<\/p>\n<p>  (Um noch pr&#228;ziser zu sein: Durch das Hin- und Herschieben von Geld auf   den Finanzm&#228;rkten werden zwar keine neuen G&#252;ter produziert, fiktives   Kapital und damit fiktiver Mehrwert kann durchaus entstehen. F&#252;r den   einzelnen Kapitalisten macht es erstmal keinen Unterschied, ob er seine   Profite durch die Ausbeutung von Arbeitskraft erzielt oder durch den   verteuerten Verkauf von Wertpapieren oder Immobilien. Ein Unterschied   bleibt aber, und der zeigt sich beim Platzen von Spekulationsblasen sehr   wohl: In einer solchen Situation kann das fiktive Kapital rasch in   gigantischem Umfang verschwinden, w&#228;hrend die Vernichtung von realen   Werten m&#252;hsamer ist &#8211; letzteres ist nat&#252;rlich nicht erstrebenswert, aber   solch ein reinigendes &#8222;Weltmarktungewitter&#8220;, wie Marx es nannte, bleibt   im Rahmen des Systems jedoch eine unvermeidliche Voraussetzung f&#252;r einen   neuen Aufschwung.)<\/p>\n<p>  Zumal auch Finanzinstitute an Industrieunternehmen beteiligt sind; das   Gros der oben genannten 147 Konzerne mischt ebenfalls in Produktion und   Warenhandel mit. General Motors, VW oder Siemens wiederum haben sich,   seit den Achtzigern verst&#228;rkt, in gro&#223;em Stil an   Finanzmarktspekulationen mitbeteiligt. Es l&#228;sst sich folglich nicht   leicht zwischen Industrie- und Bankunternehmen trennen.<\/p>\n<p>  Das alles ist auch nicht so neu. 1910 lie&#223; Rudolf Hilferding, der damals   f&#252;r die SPD-Zeitung &#8222;Vorw&#228;rts&#8220; t&#228;tig war, sein Buch &#8222;Das Finanzkapital&#8220;   publizieren. Darin erkennt er richtigerweise die gewachsene Rolle der   Banken und die Herausbildung von Monopolen an. Die Quintessenz von   Hilferding lautet: &#8222;Die fr&#252;her getrennten Sph&#228;ren des industriellen,   kommerziellen und Bankkapitals sind jetzt unter die gemeinsame Leitung   der hohen Finanz gestellt, zu der die Herren der Industrie und der   Banken in inniger Personalunion vereint sind.&#8220;<\/p>\n<p>  Wie Hilferding analysierte auch Lenin die Verflechtung von Banken und   Industrie und arbeitete in seinem Werk &#8222;Der Imperialismus als h&#246;chstes   Stadium des Kapitalismus&#8220; (1916) die neue Etappe des kapitalistischen   Systems heraus.<\/p>\n<h4>  Anhang II: Finanzmarkteregulierung &#8211; utopisch, unwirksam oder was?<\/h4>\n<p>  Seit Monaten wird in der EU hitzig &#252;ber eine Finanztransaktionssteuer   gestritten. Ihre historischen Wurzeln hat die Idee, Finanzgesch&#228;fte zu   besteuern, in England. 1694 wurde an der Londoner B&#246;rse eine   Transaktionssteuer f&#252;r die K&#228;ufer von Aktien eingef&#252;hrt. Diese   B&#246;rsenumsatzsteuer hat auch heute noch Bestand &#8211; allerdings sind die   Banken und damit 70 Prozent der Ums&#228;tze in britische Aktien davon   befreit. Als in Schweden eine B&#246;rsenumsatzsteuer auf Aktien und Anleihen   eingef&#252;hrt wurde, verlagerten die M&#228;rkte einen Teil des Handels auf   Finanzpl&#228;tze au&#223;erhalb des Landes.<\/p>\n<p>  Eine allgemeine Finanztransaktionssteuer wurde erstmals 1936 vom   britischen &#214;konomen John Maynard Keynes gegen die Spekulationsgesch&#228;fte   an der Wall Street vorgeschlagen. 1972 wurde dieser Gedanke vom   US-Wirtschaftswissenschaftler James Tobin wieder aufgegriffen. Ihm   schwebte ein Steuersatz von ein Prozent beim Devisenhandel vor. Die   eigentlichen Gesch&#228;fte beim Warenhandel beinhalten den W&#228;hrungstausch in   eine Richtung. Wenn ein deutscher Konzern beispielsweise russisches Gas   importiert, muss er daf&#252;r je nach Wechselkurs einen bestimmten   Euro-Betrag aufwenden, um in Rubel zu bezahlen. Bei einem kompletten   Kauf und sp&#228;teren Verkauf w&#252;rden nach Tobin auf Jahresbasis lediglich   zwei Prozent anfallen. Bei einem quartalsm&#228;&#223;igen Umsatz von Kauf und   Verkauf w&#228;ren es schon acht Prozent, bei einem w&#246;chentlichen Umsatz 104   Prozent. Da die meisten Gesch&#228;fte einem kurzfristigen, spekulativ   motivierten Blitzhandel dienen, sollen diese dementsprechend st&#228;rker   belastet werden. Tobin mokierte sich dar&#252;ber, dass die   Anti-Globalisierungsbewegung seine Idee vor zehn Jahren aufgriff, um   &#252;ber solche Einnahmen &#8222;ihre Projekte zur Weltverbesserung&#8220; zu   finanzieren (DER SPIEGEL 36\/2001).<\/p>\n<p>  Wie wirksam ist ein solches Eingreifen nun? Macht es angesichts der   heutigen Globalisierung &#252;berhaupt noch Sinn? Sicher. Denn trotz der   Internationalisierung der Finanzgesch&#228;fte sind diese doch stark   konzentriert &#8211; auf wenige Staaten, Finanzpl&#228;tze und Unternehmen. Die   meisten Kredit-, Aktien- und Anleihengesch&#228;fte sind inl&#228;ndische   Gesch&#228;fte. Und auch die &#252;berwiegende Zahl der sogenannten   Offshore-Zentren geh&#246;rt staats- und v&#246;lkerrechtlich gr&#246;&#223;tenteils den   wenigen f&#252;hrenden Industriestaaten, im Fall einiger Steuerparadiese zum   Beispiel Gro&#223;britannien oder den Niederlanden.<\/p>\n<p>  Allerdings ist die Wirkung solcher Finanztransaktionssteuern recht   begrenzt. Tobin bezeichnete solch eine Steuer nur als &#8222;Sand im Getriebe&#8220;   und liegt damit gar nicht so falsch. Dauerhaft hohe Steuereinnahmen   lassen sich damit jedenfalls nicht erzielen. Denn wenn solch eine   Besteuerung tats&#228;chlich in Kraft tritt, kann sie alsbald zum Schrumpfen   der betreffenden M&#228;rkte beitragen. Zudem ist es im Finanzsektor   kompliziert, zwischen spekulativen und nichtspekulativen Transaktionen   zu unterscheiden. Dies spricht nicht gegen solche Steuern, aber gegen   die Beschr&#228;nkung darauf. Um den wahren Zweck von W&#228;hrungs- und anderen   K&#228;ufen festzustellen, muss das Gesch&#228;ftsgebaren der Akteure vollst&#228;ndig   offengelegt werden. Um die Spekulation zu stoppen, ist es n&#246;tig, den   dominanten Unternehmen und Institutionen das Handwerk zu legen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kann der Kapitalismus gez&#228;hmt werden?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[124],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14767"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14767"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14767\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}