{"id":14764,"date":"2012-05-15T00:00:00","date_gmt":"2012-05-15T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14764"},"modified":"2012-05-15T14:26:36","modified_gmt":"2012-05-15T12:26:36","slug":"14764","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/05\/14764\/","title":{"rendered":"75 Jahre nach seinem Tod: Die politischen Ideen von Antonio Gramsci"},"content":{"rendered":"<p>Teil I: Kommunismus und Einheitsfront<\/p>\n<p>\u00a0<br \/> <a href=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-14855\" title=\"Gramsci\" src=\"http:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629.png\" alt=\"\" width=\"287\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629.png 287w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629-162x100.png 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Gramsci-e1336486247629-280x173.png 280w\" sizes=\"(max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/a>\u201eDie gro\u00dfen Revolution\u00e4re wurden zu Lebzeiten von den unterdr\u00fcckenden Klassen st\u00e4ndig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und w\u00fctendstem Hass begegneten, mit z\u00fcgellosen L\u00fcgen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose G\u00f6tzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur \u201eTr\u00f6stung\u201c und Bet\u00f6rung der unterdr\u00fcckten Klassen, wobei man ihre revolution\u00e4re Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolution\u00e4re Spitze abbricht, sie vulgarisiert.\u201c <em>Lenin, Staat und Revolution (Lenin Werke, Band 25, S. 397)<\/em> In diesem Jahr (am 27. April) ist der 75. Todestag Antonio Gramscis. Aus diesem Anlass ist wieder eine Reihe von Ver\u00f6ffentlichungen zu erwarten. An sich w\u00e4re das zu begr\u00fc\u00dfen, weil MarxistInnen aus Gramscis politischer Arbeit und seinen theoretischen \u00dcberlegungen viel lernen k\u00f6nnen. Aber leider wurde Gramsci in den letzten Jahrzehnten durch den b\u00fcrgerlichen Hochschulbetrieb in einer Weise vereinnahmt, dass auch jetzt zu bef\u00fcrchten ist, dass viele Ver\u00f6ffentlichungen eher eine Verh\u00f6hnung statt eine W\u00fcrdigung des Revolution\u00e4rs Gramsci sein werden. Die akademische Vereinnahmung Gramscis beruht im Wesentlichen darauf, die Notizen, die er im Gef\u00e4ngnis in 29 Hefte schrieb, losgel\u00f6st von seiner vorherigen T\u00e4tigkeit als Mitbegr\u00fcnder und schlie\u00dflich Vorsitzender der Kommunistischen Partei Italiens zu behandeln. Aber Gramsci konnte im Gef\u00e4ngnis, unter den Augen der faschistischen W\u00e4rter, nicht offen schreiben. Er h\u00e4tte sonst Schreibverbot riskiert \u2013 oder die Verwendung aus dem Zusammenhang gerissener Zitate gegen die eigenen GenossInnen. Dazu kam, dass er wichtige Quellen aus dem Ged\u00e4chtnis wiedergab, weil er sie im Gef\u00e4ngnis nicht erhielt. Er leitete sein elftes Heft mit folgender \u201eWarnung\u201c ein: \u201eDie in diesem Heft enthaltenen Notizen sind, wie in den anderen, mit fliegender Feder geschrieben, um eine rasche Ged\u00e4chtnisst\u00fctze aufzuzeichnen. Sie sind alle genauestens durchzusehen und zu \u00fcberpr\u00fcfen, weil sie bestimmt Ungenauigkeiten, falsche Ann\u00e4herungen, Anachronismen enthalten. Geschrieben, ohne die B\u00fccher, auf die Bezug genommen wird, bei der Hand zu haben, ist es m\u00f6glich, dass sie nach der Kontrolle radikal korrigiert werden m\u00fcssen, weil sich gerade das Gegenteil des Geschriebenen als wahr herausstellen k\u00f6nnte\u201c. Deshalb ist es f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von Gramsci wichtig, seine Gef\u00e4ngnishefte im Kontext seiner Schriften und T\u00e4tigkeit vor seiner Verhaftung zu betrachten. Diese werden deshalb in diesem ersten Artikel behandelt. Ein zweiter Artikel wird sich mit den Gef\u00e4ngnisheften und mit Gramscis \u00dcberlegungen zu \u201eZivilgesellschaft\u201c, Hegemonie, \u201eStellungs- und Bewegungskrieg\u201c und Intellektuellen befassen.<\/p>\n<h4>In der Sozialistischen Partei<\/h4>\n<p>Gramsci wurde am 22. Januar 1891 auf Ales auf Sardinien geboren. Schon in der Kindheit litt er unter einer schlechten Gesundheit. Durch seinen \u00e4lteren Bruder Gennaro kam er mit sozialistischen Ideen in Ber\u00fchrung, ab 1911 konnte er durch ein Stipendium in Turin studieren, dem industriellen Zentrum Italiens. 1913 trat er der Sozialistischen Partei bei. Im Ersten Weltkrieg blieb Italien zun\u00e4chst neutral, erkl\u00e4rte aber am 23. Mai 1915 \u00d6sterreich-Ungarn den Krieg. Anders als in den meisten L\u00e4ndern unterst\u00fctzte die Sozialistische Partei in Italien die Kriegsbeteiligung ihrer Regierung nicht und schloss Kriegsunterst\u00fctzer wie Benito Mussolini aus. Die Kriegsablehnung beschr\u00e4nkte sich aber weitgehend auf Worte. Turin wurde zum Zentrum der R\u00fcstungsindustrie. Gramsci gab sein Studium auf und wurde Redakteur der sozialistischen Zeitung \u201eIl Grido del popolo\u201c (Der Schrei des Volkes). Das Vorbild der russischen Revolution 1917 und das Kriegselend f\u00fchrten auch in Turin zu Unruhen, so am 25. August 1917, die brutal unterdr\u00fcckt wurden (50 Tote, Hunderte Verletzte). Die \u00f6rtliche Parteif\u00fchrung der Sozialistischen Partei wurde verhaftet, der junge Gramsci wurde Mitglied der neuen provisorischen Parteif\u00fchrung. Die Radikalisierung der ArbeiterInnen in Italien und besonders in Turin setze sich nach dem Krieg fort. 1919 gab es in Italien 1663 Streiks, an denen sich \u00fcber eine Million ArbeiterInnen beteiligten. 1920 waren es 1881 Streiks. Dazu kamen Streiks von LandarbeiterInnen und anderen, an denen sich eine weitere Million beteiligte. B\u00e4uerInnen besetzten Land, oft unter der F\u00fchrung von Kriegsveteranen. Die Sozialistische Partei wuchs von 23.000 Mitgliedern 1918 auf 200.000 Mitglieder 1920, die sozialistischen Gewerkschaften (CGL) von 250.000 auf zwei Millionen Mitglieder. Im M\u00e4rz 1919 beschloss die Sozialistische Partei den Beitritt zur in Moskau gegr\u00fcndeten Kommunistischen Internationale. Das hie\u00df aber nicht, dass sie eine kommunistische Partei geworden w\u00e4re. Vielmehr entwickelten sich in ihr drei Str\u00f6mungen: Erstens die Reformisten um Filippo Turati und Claudio Treves, die vor allem im Gewerkschaftsapparat und unter den Mandatstr\u00e4gern (von den Gemeinder\u00e4ten aufw\u00e4rts) stark waren. Zweitens die \u201eMaximalisten\u201c um Giacinto Serrati, die seit September 1918 die Partei kontrollierten. Ihr Name kam daher, dass sie nicht nur f\u00fcr Reformen, f\u00fcr Tagesforderungen eintraten, sondern auch f\u00fcr das Maximalprogramm der Partei, also die \u00dcberwindung des Kapitalismus. Sie waren in Worten revolution\u00e4r, aber weigerten sich, mit den Rechten zu brechen. Sie glaubten, sie k\u00f6nnten am Sterbebett des Kapitalismus sitzen und nach seinem Tod das Erbe antreten. Aber der Kapitalismus wird nie von selbst sterben, er muss bewusst gest\u00fcrzt werden. Str\u00f6mungen, die in Worten revolution\u00e4r, in Taten reformistisch sind, nennen MarxistInnen zentristisch. Drittens die Abstentionisten um Amadeo Bordiga, die vor allem in der Jugend Anh\u00e4ngerInnen hatten und eine \u201ekleine, aber reine\u201c kommunistische Partei zum Ziel hatten. Sie propagierten kommunistische Ideen, lehnten aber Massenarbeit in Form von der Bildung von Arbeiterr\u00e4ten, von Sowjets (obwohl ihre Zeitung Il Soviet hie\u00df) ebenso ab wie die Beteiligung an Wahlen und der Nutzung des Parlaments als Trib\u00fcne. Im Mai gr\u00fcndete Gramsci mit seinen Genossen Palmiro Togliatti, Umberto Terracini und Angelo Tasca in Turin die Zeitung L\u2019Ordine Nuovo (Die neue Ordnung), die zun\u00e4chst zum Ziel hatte sozialistische Kultur zu verbreiten, aber schnell die Propagierung der in der russischen Revolution entstandenen Arbeiterr\u00e4te (Sowjets) zu ihrem Schwerpunkt machte. Die Idee stie\u00df auf gro\u00dfen Widerhall. Bis Jahresende waren in Turin 120.000 bis 150.000 ArbeiterInnen in R\u00e4ten organisiert. Im November 1919 akzeptierte die Metallgewerkschaft FIOM in Turin die R\u00e4teidee. Gramsci erkl\u00e4rte die Bedeutung dieser R\u00e4te zus\u00e4tzlich zur Sozialistischen Partei und den Gewerkschaften: Die R\u00e4te organisierten ihm zufolge die gesamten Belegschaften gem\u00e4\u00df der Gliederung der Betriebe, w\u00e4hrend Partei und Gewerkschaft nur einen Teil (allerdings den politisch bewusstesten) organisierten. Leider stand L\u2019Ordine Nuovo damit ziemlich allein. Die Rechten und Maximalisten erkl\u00e4rten die R\u00e4te f\u00fcr anarchistisch, die Abstentionisten f\u00fcr reformistisch. L\u2019Ordine Nuovo konnte sich zu Recht mit keiner dieser Str\u00f6mungen voll identifizieren. Bei den Parlamentswahlen im November 1919 wurde die Sozialistische Partei mit zwei Millionen Stimmen und 156 Sitzen (von 508) st\u00e4rkste Partei. Sie erlangte die Kontrolle \u00fcber 2.800 Gemeinder\u00e4te (ein Viertel der Gemeinden). Im M\u00e4rz 1920 begann in der Turiner Metallindustrie eine Aussperrung, um die R\u00e4tebewegung zu stoppen. Die ArbeiterInnen antworteten mit einem Generalstreik in Turin, an dem sich Hunderttausende beteiligten. Aber die Sozialistische Partei lie\u00df die Bewegung im Stich und verweigerte die landesweite Unterst\u00fctzung. Die Bewegung blieb \u00f6rtlich begrenzt und konnte durch einen Gro\u00dfeinsatz des Milit\u00e4rs (50.000 Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen, Kanonen und Maschinengewehren) unterdr\u00fcckt werden. Aus dieser Erfahrung zog Gramsci die Schlussfolgerung, dass ein Bruch mit der Sozialistischen Partei notwendig war. Trotz der fortbestehenden Differenzen arbeitete er jetzt gemeinsam mit Bordigas Fraktion an der Gr\u00fcndung einer Kommunistischen Partei. Da Bordiga anders als Gramsci einer landesweiten Organisation vorstand, begann damit eine jahrelange Unterordnung unter Bordiga, die tragisch war, weil Gramsci in praktisch allen Fragen viel klarere Positionen vertrat. Im R\u00fcckblick schrieb Gramsci mit lobenswerter Selbstkritik: \u201e1919-20 machten wir \u00e4u\u00dferst ernsthafte Fehler, f\u00fcr die wir letztlich heute zahlen. Aus Angst, Empork\u00f6mmlinge und Karrieristen genannt zu werden, bildeten wir keine Fraktion und organisierten sie nicht in ganz Italien. Wir waren aus Angst vor einer Spaltung in den Gewerkschaften oder einem vorzeitigen Ausschluss aus der Sozialistischen Partei nicht bereit, den Turiner Fabrikr\u00e4ten ein autonomes Leitungszentrum zu geben, das im ganzen Land einen gewaltigen Einfluss h\u00e4tte aus\u00fcben k\u00f6nnen.\u201c (Brief an Leonetti, 28. Januar 1924 \u2013 Alfonso Leonetti hatte zur Ordine-Nuovo-Gruppe geh\u00f6rt, 1930 wurde er zusammen mit den anderen Zentralkomitee-Mitgliedern Pietro Tresso und Paolo Ravazzoli aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Sie bildeten dann die trotzkistische Neue Opposition) Im August und September 1920 f\u00fchrten Provokationen der Arbeitgeber in Mailand zu einer neuen Welle von Fabrikbesetzungen, die sich \u00fcber ganz Norditalien ausbreitete. Obwohl die Turiner ArbeiterInnen durch die vergangenen K\u00e4mpfe ersch\u00f6pft waren, beteiligten sie sich mit vollen Kr\u00e4ften am Kampf. Gramsci besa\u00df kein Vertrauen in die revolution\u00e4ren Spr\u00fcche von Serrati und anderen. Die Bef\u00fcrchtungen best\u00e4tigten sich, die Bewegung endete in einem faulen Kompromiss. Der Abbruch der italienischen Betriebsbesetzungen markierte europaweit das Ende der ersten Welle von revolution\u00e4ren K\u00e4mpfen nach dem Ersten Weltkrieg. Es folgte eine Phase kapitalistischer Offensive, die in Italien mit dem Machtantritt des Faschismus die schlimmsten Formen annahm, und von Abwehrk\u00e4mpfen der Arbeiterbewegung. Vor diesem Hintergrund fand am 21. Januar 1921 in Livorno die Gr\u00fcndung der Kommunistischen Partei Italiens (PCd\u2019I, ab 1943 Italienische Kommunistische Partei, PCI) statt. Im Sommer 1920 hatte der zweite Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) den Ausschluss der Reformisten verlangt. Die Maximalisten um Serrati lehnten dies ab. In der Folge kam es statt der Abspaltung des rechten Fl\u00fcgels um Turati zur Abspaltung des linken Fl\u00fcgels um Bordiga und Gramsci. Dieser Teil wurde zur neuen italienischer Sektion der Komintern. Die KommunistInnen hatten auf dem Parteitag 58.783 Mitglieder vertreten (die Zentristen 98.028, die Reformisten 14.685). Mitglied der neuen Partei waren anfangs etwa 30.000.<\/p>\n<h4>Gramscis Faschismusanalyse:<\/h4>\n<p>Die Kapitalisten gingen in die Gegenoffensive. Im M\u00e4rz 1920 wurde der Unternehmerverband Confindustria gegr\u00fcndet, um die Fabrikr\u00e4tebewegung zu zerschlagen. Im August wurde auch ein Gro\u00dfgrundbesitzerverband gegr\u00fcndet. Armee und Polizei wurden aufger\u00fcstet. Eine k\u00f6nigliche Garde von 25.000 Soldaten wurde geschaffen, die Carabinieri auf 160.000 aufgestockt. Zwischen Oktober 1919 und Mai 1920 t\u00f6teten sie \u00fcber hundert ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen Die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung war aber die faschistische Bewegung. Im M\u00e4rz 1919 gr\u00fcndete Mussolini in Milano die \u201eFasci di Combattimenti\u201c (\u201eKampfb\u00fcnde\u201c). Die italienischen Nationalisten f\u00fchlten sich nach dem Ersten Weltkrieg von ihren Verb\u00fcndeten um den ihnen zustehenden Anteil an der Beute betrogen. Im September 1919 besetzte deshalb der nationalistische Dichter D\u2019Annunzio mit einem S\u00f6ldnerhaufen den Hafen von Fiume (Rijeka). Ab Ende 1920 stand f\u00fcr die Faschisten der Klassenkampf von oben im Vordergrund. Im Dienste und mit materieller Unterst\u00fctzung von Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten terrorisierten sie ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen. Die Faschisten mobilisierten ihre Kampfb\u00fcnde in eine Stadt, f\u00fchrten dort bewaffnete Demonstrationen durch, verw\u00fcsteten Gewerkschaftsb\u00fcros, Volksh\u00e4user, Redaktionen und Druckereien der Arbeiterbewegung, verletzten und ermordeten AktivistInnen und kn\u00f6pften sich dann die n\u00e4chste Stadt vor. Der kapitalistische Staatsapparat lie\u00df sie gew\u00e4hren. Gramsci war einer der wenigen, die fr\u00fch erkannten, dass ohne den Sieg der Revolution eine blutige Konterrevolution drohen w\u00fcrde. Zum Beispiel schrieb er im Januar 1920 in einem Artikel: \u201eWir glauben, dass die Bourgeoisie das Schicksal, das sie erwartet, nicht anders vermeiden kann, als in dem sie auf eine reaktion\u00e4re und milit\u00e4rische Diktatur zur\u00fcckgreift, und dass sie das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter tun wird.\u201c In einem Artikel im Oktober 1920, nach der Niederlage der Betriebsbesetzungsbewegung, warnte er noch eindringlicher: \u201eEs steht au\u00dfer Zweifel, dass die Reaktion in Italien st\u00e4rker wird und jeden Augenblick versuchen wird, sich gewaltsam aufzuzwingen. Die Reaktion hat immer bestanden, sie gehorcht ihren eigenen Entwicklungsgesetzen und wird in dem grauenhaftesten Terrorismus gipfeln, den die Geschichte je gesehen hat.\u201c Angesichts dieser grunds\u00e4tzlichen Klarheit ist es zweitrangig, dass Gramsci in seinen zahlreichen Artikeln, die er in den folgenden Jahren \u00fcber die Entwicklung des Faschismus geschrieben hat, die eine oder andere Fehleinsch\u00e4tzung unterlaufen ist, und er gelegentlich Episoden und vor\u00fcbergehenden Entwicklungen zu viel Gewicht beigemessen hat. Angesichts eines historisch neuen Ph\u00e4nomens wie dem Faschismus waren derartige Fehler unvermeidlich. Interessant ist auch, dass Gramsci sp\u00e4ter zur Analyse des Faschismus an die Marxsche Bonapartismustheorie ankn\u00fcpfte. In dem Artikel \u201eRussland, Italien und andere L\u00e4nder\u201c in der \u201eUnit\u00e0\u201c vom 26. September 1926 wies er auf das instabile Kr\u00e4ftegleichgewicht in Italien 1919 bis 1920 als eine Voraussetzung des Faschismus hin und verwies auf die Parallelen zu den von Marx im \u201e18. Brumaire des Louis Bonaparte\u201c beschriebenen \u201eMethoden und Systemen\u201c. An diese Analysen von Marx kn\u00fcpften in den folgenden Jahren auch die beiden bedeutendsten marxistischen Faschismustheorien (von August Thalheimer und Leo Trotzki) an. Aber nat\u00fcrlich war die Analyse des Faschismus kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zu seiner Bek\u00e4mpfung. Und das war in der Tat ein tragisches Kapitel. Da die Faschisten die Arbeiterbewegung zerschlugen, von der sich das Kapital bedroht f\u00fchlte, war von b\u00fcrgerlichen Parteien kein ernsthafter Widerstand zu erwarten. Und in der Tat: Verschiedene b\u00fcrgerliche Parteien koalierten mit den Faschisten. Auch die F\u00fchrung der Sozialistischen Partei lehnte einen ernsthaften Kampf gegen den Faschismus ab und schloss im August 1921 sogar ein Stillhalteabkommen mit ihm. Angesichts der t\u00f6dlichen Bedrohung, die der Faschismus f\u00fcr jeden einzelnen organisierten Arbeiter darstellte, musste es zu Opposition gegen diese fatale Politik der Parteif\u00fchrung kommen. Aber leider war die Kommunistische Partei unter der sektiererischen F\u00fchrung von Bordiga unf\u00e4hig, die M\u00f6glichkeiten, die das f\u00fcr sie bot, zu nutzen.<\/p>\n<h4>Kampf um die Einheitsfront<\/h4>\n<p>Wie oben erw\u00e4hnt, gingen nicht nur in Italien, sondern international die Kapitalisten 1920\/21 in die Offensive. Auf ihrem dritten Kongress 1921 erteilte die Komintern der \u201eOffensivtheorie\u201c eine Absage, wonach Revolution\u00e4rInnen unter allen Umst\u00e4nden Offensivk\u00e4mpfe f\u00fchren m\u00fcssten und betonte die Notwendigkeit, die Mehrheit der Arbeiterklasse zu erobern, bevor die Macht erobert werden k\u00f6nnte. Am 18. Dezember 1921 ver\u00f6ffentlichte das Exekutivkomitee der Komintern Leits\u00e4tze \u00fcber die Arbeitereinheitsfront. Ihr Grundgedanke war, dass revolution\u00e4re und reformistische ArbeiterInnen zwar bez\u00fcglich der Notwendigkeit einer Revolution verschiedener Meinung sind, dies aber kein Hinderungsgrund f\u00fcr gemeinsame Abwehrk\u00e4mpfen gegen Lohnsenkungen, schlechtere Arbeitsbedingungen und faschistischen Terror ist. Richtig gehandhabt stellte die Einheitsfrontmethode f\u00fcr Revolution\u00e4rInnen eine Win-Win-Situation dar: Wenn die reformistischen Partei- und Gewerkschaftsf\u00fchrer Angebote f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf f\u00fcr Ziele ablehnten, deren Berechtigung ihrer Basis einleuchtete, diskreditierten sie sich und die ArbeiterInnen wurden ihnen gegen\u00fcber kritischer und offener f\u00fcr die Ideen der KommunistInnen. Wenn sie dagegen entsprechende Angebote annahmen, bot das g\u00fcnstige Voraussetzungen, die ArbeiterInnen vor Verschlechterungen zu bewahren und Verbesserungen zu erreichen und gleichzeitig im Kampf das Selbstbewusstsein und die Kampferfahrung der ArbeiterInnen zu heben. Nicht zuletzt konnten die ArbeiterInnen bei jedem Schritt des Kampfes die kommunistische und die reformistische Organisation in der Praxis erproben und erkennen, dass Revolution\u00e4rInnen auch die besten K\u00e4mpferInnen f\u00fcr Reformen sind \u2013 auch in diesem Fall k\u00f6nnen reformistische ArbeiterInnen n\u00e4her an die kommunistische Partei herangef\u00fchrt werden. Nat\u00fcrlich konnten reformistische Parteif\u00fchrer behaupten, diese Angebote seien nicht ernst gemeint, sondern sollten sie nur entlarven. Aber bei richtiger Anwendung verstanden die reformistischen ArbeiterInnen, dass nicht die KommunistInnen ihre Parteif\u00fchrer entlarvten, sondern dass diese sich selber entlarvten und mit ihrem Verhalten deutlich machten, dass ihnen die Rettung des Kapitalismus wichtiger war als die Verteidigung der Interessen der ArbeiterInnen an ihrer Basis, wenn sie den gemeinsamen Kampf f\u00fcr einsichtige Forderungen ablehnten. Nat\u00fcrlich kam es bei der praktischen Handhabung der Einheitsfrontmethode auch zu Fehlern: Auf der einen Seite konnten die Angebote zur Zusammenarbeit am Bewusstsein der reformistischen ArbeiterInnen vorbei gehen und von ihnen als platter Entlarvungsversuch abgelehnt werden. Auf der anderen Seite gab es die Gefahr, dass die KommunistInnen bei der praktischen Zusammenarbeit verga\u00dfen, dass es angesichts des begrenzten Spielraums f\u00fcr Reformen im Kapitalismus immer auch darum ging, ArbeiterInnen f\u00fcr revolution\u00e4re Ideen und f\u00fcr die kommunistische Partei zu gewinnen. Auf der einen Seite unterlagen KommunistInnen der Versuchung, die Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsf\u00fchrern abzulehnen, weil sie nicht verstanden, dass die ArbeiterInnen an der Basis noch Vertrauen in sie hatten. Deshalb war eine \u201eEinheitsfront nur von unten\u201c, die von sozialdemokratischen ArbeiterInnen verlangte, mit ihrer Parteif\u00fchrung zu brechen \u2013 und damit aufzuh\u00f6ren, SozialdemokratInnen zu sein \u2013 \u00fcberhaupt kein Einheitsfrontangebot. Auf der anderen Seite bestand die Gefahr, dass die Einheitsfront dazu verflachte, gem\u00e4\u00df einem Ritual offene Briefe an diese F\u00fchrer zu schreiben und das Angebot zur Zusammenarbeit in den Betrieben und Stadtteilen zu vergessen. Die Einheitsfrontpolitik war in der Komintern umstritten. Die PCd\u2019I unter Bordiga akzeptierte zwar die wirtschaftliche Einheitsfront, also den gemeinsamen Kampf f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne. Sie lehnte aber eine politische Einheitsfront ab, also zum Beispiel den gemeinsamen Widerstand gegen den Faschismus. Das war in Italien besonders verheerend. Konkret zeigte sich das an der Frage der \u201eArditi del Popolo\u201c (\u201edie Mutigen des Volks\u201c). Diese Organisation entstand ab dem Juni 1921 als Versuch des Selbstschutzes gegen den zunehmenden faschistischen Terror und stie\u00df bei den ArbeiterInnen auf begeisterte Unterst\u00fctzung \u2013 bis dann im August der \u201eNichtangriffspakt\u201c zwischen Sozialistischer Partei und Faschisten als kalte Dusche kam. In einem ersten Artikel (am 15. Juli) begr\u00fc\u00dfte Gramsci sie und warnte zugleich vor dem Versuch eines sozialistischen Abgeordneten, sie auf ein rein defensives Vorgehen festzulegen. Als aber die Mehrheit der Parteileitung eine sektiererische Haltung einnahm, wurde dies von Gramsci akzeptiert. Eine weitere Differenz zwischen Bordiga und der F\u00fchrung der Komintern war Bordigas Ablehnung der Fusion kommunistischer Parteien mit anderen Parteien. Seiner Meinung nach durften Mitglieder nur einzeln der Pcd&#8220;I beitreten. Die M\u00f6glichkeit, dass sich ganze Organisationen (oder Fraktionen innerhalb von Organisationen) in eine revolution\u00e4re Richtung entwickeln k\u00f6nnten, schloss er aus \u2013 obwohl es damals mehrere Beispiele daf\u00fcr gab. Das bekannteste Beispiel war die deutsche USPD, die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte und Ende 1920 mehrheitlich mit der KPD fusionierte. In Italien selbst wurde die Frage auch konkret: Im September 1921 entstand in der Sozialistischen Partei eine Fraktion f\u00fcr den Anschluss an die Komintern, w\u00e4hrend die Partei insgesamt ihren Aufnahmeantrag nach der Abspaltung der PCd\u2019I zur\u00fcckzog. Im Herbst 1922 vollzog die Sozialistische Partei den von der Komintern geforderten Ausschluss der Reformisten schlie\u00dflich doch. Auch Serrati war jetzt wieder f\u00fcr den Beitritt zur Komintern \u2013 aber jetzt war die Mehrheit der Partei dagegen. Die Komintern warf der PCd\u2019I-F\u00fchrung vor, durch ihr Sektierertum zu diesem R\u00fcckschlag beigetragen zu haben. Gramsci unterst\u00fctzte bis zum Herbst 1923 die falsche Politik Bordigas. Ab September 1923 trat Gramsci f\u00fcr eine gemeinsame Tageszeitung mit den vereinigungswilligen SozialistInnen als konkreten Schritt zur Vereinigung ein, die nach ein paar Monaten zustande kam. Er schlug f\u00fcr sie den Namen \u201eUnit\u00e0\u201c (Einheit) vor. Die Zeitung wirbt noch heute damit, 1924 von Gramsci gegr\u00fcndet worden zu sein, obwohl ihr Inhalt heute nicht mehr an Gramscis Ideen erinnert. Zudem arbeitete er an der Bildung einer neuen Parteif\u00fchrung ohne die Bordiga-Str\u00f6mung. Im Herbst 1924 fand dann die Fusion mit den linken SozialistInnen statt. Gramsci war im Mai 1922 als Vertreter der PCd\u2019I in der Komintern nach Moskau gekommen. Er war jedoch lange krank und verbrachte Monate in einem Sanatorium. Als im Herbst die Parteileitung vom Mussolini-Regime verhaftet wurde, ging er nach Wien, um n\u00e4her an den Ereignissen in Italien dran zu sein. Nach seiner Wahl ins Parlament am 6. April 1924 kehrte er unter dem (fragw\u00fcrdigen) Schutz der parlamentarischen Immunit\u00e4t nach Italien zur\u00fcck.<\/p>\n<h4>Zickzack der Komintern<\/h4>\n<p>Das Tragische war, dass genau zu der Zeit, als Gramsci unter dem Einfluss der Kommunistischen Internationale seine ultralinken Fehler korrigierte, die Internationale selbst in eine ultralinke Richtung abglitt. In Deutschland hatte die Besetzung des Ruhrgebiets durch franz\u00f6sische Truppen Anfang 1923 zu einer verheerenden Wirtschaftskrise mit galoppierender Inflation gef\u00fchrt. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) hatte gro\u00dfen Zulauf, die Sozialdemokratie zerfiel. Aber die KPD und die Komintern erkannten erst allm\u00e4hlich, dass der \u00dcbergang von Abwehrk\u00e4mpfen gegen die Offensive des Kapitals zu einer revolution\u00e4ren Offensive notwendig war. Sie f\u00fcrchtete, die ArbeiterInnen in Teilk\u00e4mpfen zu verheizen und wollte ihre Kr\u00e4fte f\u00fcr die Entscheidungsschlacht schonen \u2013 quasi einen revolution\u00e4ren Sprung machen, ohne daf\u00fcr Anlauf zu nehmen. Das ging schief. Bis auf einen durch Kommunikationsprobleme ausgel\u00f6sten versehentlichen Aufstand in Hamburg blieb die KPD passiv \u2013 bis die Wirtschaftskrise vorbei war und die Regierung die KPD vor\u00fcbergehend verbot. Nach dieser Niederlage, die umso demoralisierender war, als sie ohne Kampf stattgefunden hatte, erkannte die Komintern zun\u00e4chst nicht, dass die revolution\u00e4re Situation vor\u00fcber war und eine mehrj\u00e4hrige Stabilisierung des Kapitalismus begonnen hatte. Zugleich erkl\u00e4rte sie das Verbot der KPD zu einem Sieg des Faschismus in Deutschland, obwohl es derartige Unterdr\u00fcckungsma\u00dfnahmen in der Weimarer Republik schon mehrfach gegeben hatte. Allgemein wurden reaktion\u00e4re Regierungen in der b\u00fcrgerlichen Demokratie (wie die von Poincar\u00e9 in Frankreich damals) mit dem Faschismus auf eine Stufe gestellt. Zus\u00e4tzlich erkl\u00e4rte die Komintern die Sozialdemokratie zur \u201edritten\u201c b\u00fcrgerlichen Regierungspartei (neben liberalen und rechten\/reaktion\u00e4ren Parteien), negierte also den Unterschied zwischen einer Arbeiterpartei mit b\u00fcrgerlicher F\u00fchrung, wie sie die sozialdemokratischen Parteien international bis in die 1990er Jahre hinein waren, und einer b\u00fcrgerlichen Partei. Die Verwirrung gipfelte darin, die Sozialdemokratie auf eine Stufe mit dem Faschismus zu stellen. So schrieb Sinowjew, der Vorsitzende der Komintern: \u201eDie f\u00fchrenden Schichten der deutschen Sozialdemokratie sind im Augenblick nichts anderes als eine Fraktion des deutschen Faschismus mit sozialistischer Phraseologie. Das ist keine \u00dcbertreibung, das ist eine Tatsache. (\u2026) Allm\u00e4hlich w\u00e4chst sich die ganze internationale Sozialdemokratie objektiv zu nichts anderem als zu einer Abart des Faschismus aus, das hei\u00dft zu einer von den Gruppen der Konterrevolution, was bedeutende Schichten der sozialdemokratischen Arbeiter nicht hindert, sich ganz ehrlich f\u00fcr Sozialisten zu halten. Kann irgend jemand daran zweifeln, dass die italienische Sozialdemokratie, an deren Spitze Turati und Modigliani stehen, im gegebenen Augenblick nichts anderes ist als eine Fraktion des italienischen Faschismus?\u201c (\u201eLehren der deutschen Ereignisse und die Taktik der Einheitsfront\u201c, Januar 1924) Dass die Komintern auf Grundlage ihrer ganzen Autorit\u00e4t, die sie bei Gramsci erlangt hatte, jetzt einen ultralinken Kurs verfolgte, war keine Hilfe f\u00fcr Gramsci, seine ultralinken Fehler vollst\u00e4ndig zu \u00fcberwinden. So polemisierte er 1926 (beim Lyoner Exilparteitag) gegen \u201edie Behauptung, dass die Sozialdemokratie nicht als der linke Fl\u00fcgel der Bourgeoisie, sondern als der rechte Fl\u00fcgel des Proletariats angesehen werden m\u00fcsse\u201c. (\u201eF\u00fcnf Jahre Leben der Partei\u201c, 24. 2. 1926) Zu diesem Zeitpunkt machte die Komintern aber bereits einen opportunistischen Zickzack. In Italien fand (nach dem Ausschluss aus der CGL durch die Reformisten im Februar 1925) die kommunistische Gewerkschaftsarbeit in zwei Strukturen statt. Die &#8222;Comitati di difesa sindacale&#8220; (gewerkschaftliche Verteidigungskomitees) dienten als breite Einheitsfrontorgane gegen den Faschismus. Die &#8222;Comitati di agitazione&#8220; (Agitationskomitees) sollten dagegen kommunistische Ideen verbreiten und dabei auch den Reformismus kritisieren. Aber die Komintern ging zu dieser Zeit so weit nach rechts, dass sie Kritik am Reformismus nicht f\u00fcr opportun hielt und st\u00e4ndigen Druck zur Aufl\u00f6sung der Agitationskomitees aus\u00fcbte. Gramsci versuchte, diese Aufl\u00f6sung zu verz\u00f6gern.<\/p>\n<h4>Gramsci und der Stalinismus<\/h4>\n<p>Dass die Kommunistische Internationale bis 1922 eine im Wesentlichen richtige Politik betrieben hatte und danach zwischen ultralinken und rechten Fehlern hin und her taumelte, war eine direkte Folge der Fraktionsk\u00e4mpfe in der Sowjetunion nach Lenins Tod und der beginnenden Herausbildung des Stalinismus. In einem Brief an f\u00fchrende Genossen vom 9. Februar 1924 skizzierte Gramsci einige politische Differenzen: Er wies darauf hin, dass Trotzki zwar vor 1917 organisatorisch Bl\u00f6cke mit den Menschewiki gebildet, politisch aber immer links gestanden habe. Er habe schon 1905 eine sozialistische und Arbeiterrevolution in Russland f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, w\u00e4hrend die Bolschewiki damals noch f\u00fcr eine politische Diktatur des Proletariats zusammen mit der Bauernschaft im Rahmen des Kapitalismus waren. 1917 seien Lenin und die Mehrheit der Bolschewiki zu Trotzkis Position der \u00dcbernahme der politischen und wirtschaftlichen Macht umgeschwenkt, w\u00e4hrend Sinowjew und Kamenjew noch an der alten Position festhielten. In der aktuellen Diskussion gehe es darum, dass Trotzki und die Opposition einen R\u00fcckfall in die alte Position bef\u00fcrchteten (das bezog sich auf die Zugest\u00e4ndnisse an kapitalistische Elemente im Rahmen der \u201eNeuen \u00d6konomischen Politik\u201c in der Sowjetunion). \u201eIndem sie ein gr\u00f6\u00dferes Eingreifen der proletarischen Elemente in das Leben der Partei und eine Verminderung der Macht der B\u00fcrokratie fordern, wollen sie vor allem den sozialistischen und proletarischen Charakter der Revolution sichern.\u201c Gramsci wies also das M\u00e4rchen zur\u00fcck, dass es sich bei Trotzki und der Opposition um eine menschewistische Abweichung handle, er erkannte, dass es nicht um einen pers\u00f6nlichen Machtkampf um die Nachfolge Lenins, sondern um einen Konflikt zwischen der Arbeiterklasse und der sich herausbildenden B\u00fcrokratie ging. Er verstand, dass die russische Oktoberrevolution eine Best\u00e4tigung von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution war. Umso erstaunlicher ist es, dass Gramsci sich wenige Monate sp\u00e4ter auf die Seite der Stalin-Fraktion schlug. Dabei m\u00f6gen parteitaktische \u00dcberlegungen eine Rolle gespielt haben: Angesichts der Heftigkeit des Kampfes gegen die Opposition musste ihm klar werden, dass eine \u00f6ffentliche Parteinahme zugunsten Trotzkis einen Feldzug des Apparats der Komintern nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die italienische Partei zur Folge haben w\u00fcrde, die er der vom Faschismus verfolgten und auf Hilfe der Komintern angewiesenen Partei nicht zumuten wollte. Au\u00dferdem neigte Gramsci dazu, die Opposition in der Sowjetunion mit der Opposition Bordigas in Italien gleichzusetzen, was etwas verbl\u00fcfft, da Trotzki zu denen geh\u00f6rte, die Gramsci von der Richtigkeit der Einheitsfrontpolitik \u00fcberzeugt hatten. Dazu kam, dass Gramsci wohl die Vorw\u00fcrfe gegen die Opposition akzeptierte, sie untersch\u00e4tze die Bauernschaft. Eine richtige Haltung zur Bauernschaft war wegen deren zahlenm\u00e4\u00dfigem Gewicht f\u00fcr den Sieg der italienischen Revolution eine zentrale Frage. Und Gramsci war der Ansicht, dass die L\u00f6sung der Agrarfrage und die L\u00f6sung der Frage S\u00fcditaliens im Rahmen der Kapitalismus nicht m\u00f6glich sei \u2013 damit vertrat er faktisch Trotzkis Theorie der permanenten Revolution bezogen auf Italien. Deshalb spielten in Gramscis Denken die Frage des B\u00fcndnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft (und den Intellektuellen) und die Hegemonie (Vorherrschaft) der Arbeiterklasse in diesem B\u00fcndnis eine gro\u00dfe Rolle. Um dieses B\u00fcndnis zu sichern, m\u00fcsse die Arbeiterklasse auch zu Zugest\u00e4ndnissen bereit sein. Sie d\u00fcrfe keine \u201ekorporatistische\u201c Politik betreiben, also nicht nur die engen wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse vertreten. Offenbar dachte Gramsci, dass die Stalin-Fraktion mit ihren Zugest\u00e4ndnissen an die Bauern (vor allem an die Agrarkapitalisten, die Kulaken) eine solche Politik betreibe, w\u00e4hrend die Forderung der Opposition nach beschleunigter Industrialisierung zu wenig R\u00fccksicht auf die Bauernschaft nehme. Das war eine schwere Fehleinsch\u00e4tzung. Erstens war das von der Opposition geforderte Wirtschaftswachstum realistisch. In der durch Weltkrieg und B\u00fcrgerkrieg zerr\u00fctteten sowjetischen Industrie gen\u00fcgten oft kleine Reparaturen oder Ersatzteile, um Fabriken wieder in Betrieb zu nehmen. Die vorgesehenen Wachstumsraten wurden in der Realit\u00e4t st\u00e4ndig \u00fcbertroffen. Zweitens sollte die Bauernschaft, die gro\u00dfe Masse der sowjetischen Bev\u00f6lkerung, die Hauptnutznie\u00dferin der Industrialisierung sein. Durch das staatliche Au\u00dfenhandelsmonopol war die Bauernschaft gezwungen, Industriewaren weit \u00fcber dem Weltmarktpreis zu kaufen. Die Opposition wollte die Industrie modernisieren und so die Preise senken (die Schere zwischen den niedrigen Preisen der Agrarprodukte der Bauern und den Industrieprodukten schlie\u00dfen). Die Stalinfraktion ignorierte diese Probleme, bis die Schere zwischen Agrar- und Industriepreisen dazu f\u00fchrte, dass die Bauern ihr Getreide nicht mehr verkaufen wollten. Dann reagierte die B\u00fcrokratie in Panik mit Zwangsma\u00dfnahmen, die im Terror der Zwangskollektivierung mit Millionen Toten gipfelten. Gramscis Vorstellung, dass die Stalinfraktion das B\u00fcndnis mit der Bauernschaft besser hegen und pflegen werde als die Opposition, erwies sich als grausamer Irrtum. Wenn Gramsci auch die Stalinfraktion gegen die Opposition unterst\u00fctzte hie\u00df das nicht, dass er kritiklos gewesen w\u00e4re. Die Differenzen in der Gewerkschaftsfrage 1926 wurden schon erw\u00e4hnt. In diesem Jahr vertrat Gramsci auch eine andere Einsch\u00e4tzung der Weltlage. W\u00e4hrend die Kominternf\u00fchrung die Stabilisierung des Kapitalismus jetzt \u00fcbersch\u00e4tzte, nachdem sie sie 1924 ignoriert hatte, betonte Gramsci die zunehmenden Widerspr\u00fcche. Auch Gramscis Umgang mit der Opposition war ein v\u00f6llig anderer als der Stalins. Trotz der erheblichen Differenzen setzte sich Gramsci 1926 daf\u00fcr ein, dass Bordiga offizieller Vertreter der PCd\u2019I bei der Komintern in Moskau werden solle. Er war bereit, Oppositionellen gem\u00e4\u00df ihrer F\u00e4higkeiten wichtige Vertrauenspositionen zu geben und erwartete von ihnen, dass sie im Gegenzug ihre Fraktionst\u00e4tigkeit einstellten. Mit Bordiga blieb er trotz der politischen Differenzen freundschaftlich verbunden, wie seine Briefe 1926\/27 w\u00e4hrend des gemeinsamen Aufenthalts auf der Verbannungsinsel Ustica bezeugen. Sein Hauptvorwurf gegen die russische Opposition war, dass sie bei ihrer Opposition gegen Stalin die Parteistatuten verletzte. Er erkannte oder ber\u00fccksichtigte nicht, dass Stalin zu einer loyalen Zusammenarbeit \u00fcberhaupt nicht bereit war. 1924 hatte er verstanden gehabt, dass die Opposition die ArbeiterInnen gegen die B\u00fcrokratie vertrat. Statt zu erkennen, dass die Stalin-Fraktion umgekehrt immer bewusster die Interessen der B\u00fcrokratie gegen die ArbeiterInnen vertrat, lie\u00df er seine Erkenntnis von 1924 wieder fallen. So verstand er nicht, dass in diesem Kampf die Verletzung von Parteistatuten und Gesetzen historisch und im Interesse der Arbeiterklasse vollkommen gerechtfertigt war. Abgesehen davon hatten innerhalb der Bolschewiki bis 1921 Fraktionen als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung gegolten. Ihr Verbot 1921 war nur eine vor\u00fcbergehende Ma\u00dfnahme gewesen (und das Recht zur Bildung politischer Plattformen wurde gleichzeitig best\u00e4tigt). Jetzt wurde die \u201emonolithische\u201c Partei, die Partei \u201eaus einem Guss\u201c im Widerspruch zur historischen Realit\u00e4t zum bolschewistischen Modell f\u00fcr alle kommunistischen Parteien erkl\u00e4rt. Gramsci akzeptierte auch das.<\/p>\n<h4>Arbeiter- und Bauernregierung gegen Faschismus<\/h4>\n<p>Die PCd\u2019I war unter den Schl\u00e4gen des faschistischen Terrors und durch die sektiererische Politik unter Bordiga auf etwa 5.000 Mitglieder zusammengeschmolzen. Unter der F\u00fchrung von Gramsci wuchs sie durch die Anwendung der Einheitsfrontmethode und die Fusion mit den linken SozialistInnen auf 27.000 Mitglieder (also knapp die Mitgliederzahl zur Zeit ihrer Gr\u00fcndung) an. Beg\u00fcnstigt wurde das durch die vor\u00fcbergehende \u00c4nderung der politischen Lage im Sommer 1924. Die Ermordung des sozialdemokratischen Abgeordneten Matteotti am 10. Juni f\u00fchrte zu einer Welle der Emp\u00f6rung in der Bev\u00f6lkerung. Die Anh\u00e4nger der Faschisten waren demoralisiert. B\u00fcrgerliche, sozialistische und kommunistische Abgeordnete zogen aus dem Parlament aus und trafen sich separat. Als 1935 die stalinisierten Kommunistischen Parteien im Bruch mit der marxistischen Tradition f\u00fcr den Kampf gegen den Faschismus die Bildung von \u201eVolksfronten\u201c (politischen B\u00fcndnissen auch mit demokratischen b\u00fcrgerlichen Parteien) und Volksfrontregierungen propagierten, beriefen sie sich auch auf Gramsci \u2013 zu Unrecht. Gramsci hielt es zwar f\u00fcr wahrscheinlich, dass der Sturz des Faschismus nicht unmittelbar mit dem Sturz des Kapitalismus zusammenfallen, sondern dass es ein demokratisches Zwischenspiel geben werde (so wie es in Russland 1917 erst die Februar- und dann die Oktoberrevolution gab). Er bef\u00fcrwortete auch, zur Mobilisierung gegen den Faschismus demokratische Forderungen wie die Einberufung einer verfassungsgebenden (\u201ekonstituierenden\u201c) Versammlung aufzustellen. Aber das hie\u00df nicht, die Bildung einer b\u00fcrgerlich-demokratischen Regierung zu propagieren oder sich gar daran zu beteiligen (wie das die Italienische Kommunistische Partei nach dem Sturz des Faschismus dann tats\u00e4chlich tat). Stattdessen propagierte die PCd\u2019I die Bildung einer \u201eArbeiter- und Bauernregierung\u201c. Die Parole der \u201eArbeiterregierung\u201c hatte die Komintern 1922 als Kr\u00f6nung der Einheitsfrontpolitik aufgestellt, als Angebot an die sozialdemokratischen ArbeiterInnen, nicht nur gemeinsam im Betrieb und auf der Stra\u00dfe zu k\u00e4mpfen, sondern auch gemeinsam die Regierung zu \u00fcbernehmen \u2013 vorausgesetzt, die Sozialdemokraten (oder Teile von ihnen) w\u00e4ren bereit, mit dem Kapitalismus zu brechen (die Kapitalisten zu enteignen, den kapitalistischen Staatsapparat zu entwaffnen, die ArbeiterInnen zu bewaffnen etc.) Im Sommer 1923 erweiterte die Komintern dann die Parole zur \u201eArbeiter- und Bauernregierung\u201c. Damit war etwas grundlegend anderes als eine Koalitionsregierung aller Arbeiter- und Bauernparteien (oder gar ein B\u00fcndnis mit b\u00fcrgerlichen Parteien, die von ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen gew\u00e4hlt werden) im Rahmen des Kapitalismus gemeint. Gramsci erkl\u00e4rte 1924, die Propagierung einer Arbeiter- und Bauernregierung sei jetzt so wichtig wie die Forderung nach Arbeiterr\u00e4ten und Arbeiterkontrolle in den Jahren 1919\/20. Wie wenig man mit b\u00fcrgerlichen Parteien gegen den Faschismus k\u00e4mpfen konnte, zeigte die Matteotti-Krise: Gramsci forderte einen Generalstreik. Aber der b\u00fcrgerliche Widerstand bestand vor allem darin, den K\u00f6nig untert\u00e4nigst zu bitten, Mussolini als Ministerpr\u00e4sident zu entlassen. Die Massen zu mobilisieren, lehnten die F\u00fchrer b\u00fcrgerlicher Parteien ab, aus Angst, eine solche Bewegung k\u00f6nnte den Rahmen des Kapitalismus sprengen. Die Emp\u00f6rung der Massen ebbte ab. Am 3. Januar 1925 \u00fcbernahm Mussolini \u00f6ffentlich die \u201emoralische, politische und historische\u201c Verantwortung f\u00fcr den Mord an Matteotti. Das faschistische Regime ging gefestigt aus der Krise hervor, die Unterdr\u00fcckung der politischen Gegner wurde weiter versch\u00e4rft, die Arbeiterorganisationen schlie\u00dflich v\u00f6llig zerschlagen. Dabei wurde auch Gramsci trotz seiner Immunit\u00e4t als Abgeordneter am 8. November 1926 verhaftet und im folgenden Jahr zu \u00fcber zwanzig Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Wolfram Klein ist Mitglied des SAV-Bundesvorstands und Autor verschiedener Brosch\u00fcren, unter anderem zur Russischen Revolution, zum Leben von Malcolm X und zu Leben und Werk Clara Zetkins. Er promoviert zur Geschichte des Trotzkismus nach dem Zweiten Weltkrieg und lebt in Plochingen bei Stuttgart.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Teil I: Kommunismus und Einheitsfront\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[89,90,92],"tags":[261],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14764"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14764"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14764\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}