{"id":14762,"date":"2012-04-13T00:00:00","date_gmt":"2012-04-13T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14762"},"modified":"2012-04-13T00:00:00","modified_gmt":"2012-04-13T00:00:00","slug":"14762","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/04\/14762\/","title":{"rendered":"&#8222;Tarifautonomie durch Arbeitgeber und Politik gef&#228;hrdet&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit David Matrai, Gewerkschaftssekret&#228;r, Fachbereich   Gesundheit, ver.di Niedersachsen-Bremen. Das Gespr&#228;ch f&#252;hrte Lasse   Schmied, Kassel<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Das Vorfeldpersonal des Frankfurter Flughafens hat im Februar durch   einen neunt&#228;gigen Streik kr&#228;ftige Lohnerh&#246;hungen erk&#228;mpft. Die   Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) erstritt einen eigenst&#228;ndigen   Tarifvertrag f&#252;r die knapp 200 Besch&#228;ftigten. Das Ergebnis bedeutet f&#252;r   die KollegInnen von Verkehrszentrale und Vorfeldkontrolle einen Angleich   ihrer L&#246;hne an die Geh&#228;lter des M&#252;nchner Flughafens. F&#252;r die FahrerInnen   wurden ebenfalls Verbesserungen erzielt. Diese Auseinandersetzung f&#252;hrt   nun zu einer Neuauflage der Debatte um das Streikrecht &#8211; nachdem die   DGB-Oberen letztes Jahr eine gemeinsame Initiative mit dem   Arbeitgeberverband f&#252;r &#8222;Tarifeinheit&#8220; (und damit f&#252;r eine Einschr&#228;nkung   des Streikrechts) auf den Druck vieler Mitglieder hin fallen gelassen   hatten.<\/p>\n<p>  Arbeitgeberpr&#228;sident Dieter Hundt sagte in der FAZ vom 1. M&#228;rz:   &#8222;Entwicklungen wie in Frankfurt gef&#228;hrden die Tarifautonomie und den   Wirtschaftsstandort.&#8220; Siehst du das auch so?<\/p>\n<p>  Die Tarifautonomie wird nicht durch Arbeitsk&#228;mpfe gef&#228;hrdet, sondern   durch Arbeitgeber und Politik, die daf&#252;r jede sich bietende Gelegenheit   zu nutzen. Dies betrifft etwa die Bestrebung, eine sogenannte   Tarifeinheit gesetzlich herbeizuf&#252;hren oder aktuelle Diskussionen,   Streiks in bestimmten Bereichen der Daseinsvorsorge ganz zu verbieten.   Im &#220;brigen ist es gerade nicht die Aufgabe der Besch&#228;ftigten, &#8222;ihren&#8220;   Arbeitgeber im Standortwettbewerb zu st&#228;rken, sondern durch   &#252;berbetriebliche gewerkschaftliche Organisierung einen Wettbewerb zu   Lasten der Arbeitsbedingungen zu verhindern.<\/p>\n<h4>  Welchen Anteil hatten Arbeitgeber und Regierende daran, dass die   Tariflandschaft in den letzten Jahren immer weiter zerschlagen wurde?<\/h4>\n<p>  Es waren und sind Unternehmer und Politik, die privatisiert,   ausgegliedert und die Belegschaften gespalten haben. Wenn die selben   Arbeitgeber und Politiker nun eine Zersplitterung der Tariflandschaft   beklagen, ist das heuchlerisch.<\/p>\n<h4>  Wo siehst du Nachholbedarf im Streikrecht in Deutschland?<\/h4>\n<p>  Wir sind weit entfernt von einem umfassenden Streikrecht. Am Frankfurter   Flughafen wurde erneut vorgef&#252;hrt, dass es kein uneingeschr&#228;nktes Recht   auf Solidarit&#228;tsstreiks gibt. Weiterhin muss das Streikrecht auf alle   politischen Fragen und Besch&#228;ftigtengruppen, also auch auf Beamte,   ausgedehnt werden. Geschehen wird dies allerdings erst, wenn die   Gewerkschaften willens und in der Lage sind, ein solches Streikrecht   durch eigene Praxis und Druck durchzusetzen.<\/p>\n<h4>  Was ist dran am &#8222;Schreckgespenst&#8220; Minderheitengewerkschaft?<\/h4>\n<p>  Es ist ja nicht so, dass unabl&#228;ssig neue Spartengewerkschaften entstehen   und Arbeitsk&#228;mpfe anzetteln. Nach wie vor ist Deutschland ein   streikarmes Land. Offenbar sind die Herrschenden jedoch in Sorge, dass   sich dies &#228;ndern k&#246;nnte und Spartengewerkschaften dabei eine   Vorreiterrolle einnehmen und die DGB-Gewerkschaften unter Druck setzen.   Dabei stellen die Spartengewerkschaften die Interessen ihrer Mitglieder   teils kompromisslos in den Vordergrund und brechen mit der Logik des   Verzichts und Ma&#223;haltens. Diese Haltung wollen die Arbeitgeber nicht   verbreitet sehen.<\/p>\n<h4>  Was muss sich &#228;ndern, damit sich Berufsgruppen wie die benannten von den   DGB-Gewerkschaften vertreten f&#252;hlen?<\/h4>\n<p>  Die Herausforderung besteht darin, die konkreten Anliegen dieser   Besch&#228;ftigtengruppen aufzunehmen, ohne eine solidarische Tarifpolitik   aufzugeben. Kampfbereitschaft und strategische Position dieser   Kolleginnen und Kollegen m&#252;ssen genutzt werden, allerdings zugunsten der   gesamten Belegschaften.<\/p>\n<p>  Wie ist es um Berufsgruppen bestellt, die Opfer der Erosion der   Tariflandschaft sind und nicht &#252;ber eine vergleichbare Kampfkraft   verf&#252;gen. Was macht ver.di in diesen Bereichen und wo ist Nachholbedarf?<\/p>\n<p>  In diesen Bereichen haben wir es oft mit prek&#228;rer Besch&#228;ftigung und   zunehmendem Druck zu tun. Die Strukturen der Gewerkschaft und   Interessenvertretungen sind oft schwach oder nicht vorhanden. F&#252;r ver.di   ist es eine Existenzfrage, ob es gelingt, hier neue Strukturen   aufzubauen. Daf&#252;r m&#252;ssen gewerkschaftliche Ressourcen in diese Bereiche   gelenkt werden und Ans&#228;tze der Kampagnenarbeit und des Organizing   weiterverfolgt werden. Erfahrungen damit gibt es &#8211; beispielsweise im   Handel und Gesundheitswesen. Insgesamt steht ver.di jedoch am Anfang. n<\/p>\n<h4>  Wiesbadener Appell<\/h4>\n<p>  Im M&#228;rz wurde ein Aufruf f&#252;r ein umfassendes Streikrecht gestartet. Zu   den ErstunterzeichnerInnen geh&#246;ren Oskar Lafontaine (DIE LINKE), Rudolf   Dre&#223;ler (SPD), Professor Elmar Altvater, Bernd Riexinger   (Gesch&#228;ftsf&#252;hrer ver.di Bezirk Stuttgart, Vorsitzender der LINKEN   Baden-W&#252;rttemberg) und Jakob Sch&#228;fer von der Gewerkschaftslinken.<\/p>\n<p>  In der Erkl&#228;rung wird bem&#228;ngelt, dass &#8222;das Streikrecht in Deutschland   lediglich Richterrecht&#8220; ist. &#8222;Im Grundgesetz (GG) findet sich au&#223;er der   Koalitionsfreiheit gem&#228;&#223; Art. 9, Abs. 3 kein konkreter Hinweis.&#8220;   Abgesehen von Gro&#223;britannien und &#214;sterreich ist die Bundesrepublik das   einzige EU-Land, in dem der politische Streik illegal ist. Zwar besteht   kein gesetzliches Verbot, es gibt jedoch Gerichtsentscheidungen, die   darauf beharren, dass Arbeitsniederlegungen lediglich in Tariffragen   gestattet sind.<\/p>\n<p>  Neben der Forderung, ein umfassendes Streikrecht per Gesetz zu   verankern, wird in dem Appell vorgeschlagen, diesem Ziel auch mit Hilfe   der Tarifpolitik n&#228;herzukommen.<\/p>\n<h4>  www.politischer-streik.de<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit David Matrai, Gewerkschaftssekret&#228;r, Fachbereich<br \/>\n      Gesundheit, ver.di Niedersachsen-Bremen. 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